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Sie ist eine enorm attraktive Frau, selbstsicher, liiert und zweifache Mutter. Angie Miller tätig als Lobbyistin für einen großen süddeutschen Gaswirtschaftskonzern. Die Businessfrau ist im von Männern dominierten Berufsleben hart und erfolgreich. Eigentlich glaubt sie, sich zufrieden und glücklich, dennoch schüren sie Sorgen ihres so tristen Alltags. Auf einer Geschäftsreise lernt Angie den unverschämt reichen und zwielichtigen Millionär Ron Kern kennen. Überrascht über ihre Begierde, begeistert von unbekannten Gefühlen, getrieben wie sonst nicht… In ihr wurde etwas völlig Neues entfacht. Es fällt Angie schwer nicht an diese Begegnung mit Ron zu denken. Dr. Angelina Miller trägt in ihrem Business viel Verantwortung und bemüht sich dieser nachzukommen. Ron aber ist fasziniert von Angie, von einer ungeheuer anziehenden Frau. Er will sie wieder sehen und arrangiert ein Treffen. Ein Verhängnis mit Folgen. Für Angie öffnet sich eine ihr zuvor unbekannte und ebenso gefährliche Welt von Begierde und Leidenschaft. Es beginnt eine Spirale von Intrigen und Entsetzen. Ein Seiltanz, verwegenen und allesverändernd, belehrt eine verheiratete Frau über ihre Ohnmacht. Die sonst so selbstbewusste Angie hadert an der Schwelle eines glamourösen Liebesgeständnisses auf einem Segeltörn...
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ally Park
Rebellische Leidenschaft
(rebel of my heart)
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Buch
Widmung
*
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
VIERZEHN
FÜNFZEHN
SECHZEHN
SIEBZEHN
ACHTZEHN
NEUNZEHN
ZWANZIG
EINUNDZWANZIG
Songtexte und Hörproben auf www.songtexte.com:
Danksagung
Impressum neobooks
Verflixt Angie wollte doch nur ihren Job gut machen. Nur eine gefährliche Geschäftsreise, damit sollte alles geklärt und ein für alle Mal vorbei sein.
Doch dann gerät Angie in eine Spirale von Intrigen. Wird gedemütigt von ihrer Leidenschaft und ist ausgeliefert. Ron, diesem Millionär, diesem Mann, sie wagt es, fordert ihn wirklich heraus. Liebe? Nein, Gefühle verbietet sich Angie.
Sommers-Hall steht vor dem Aus, nur Ron kann das ändern. Hannibal, ein zwielichtiges Unterfangen. Tontaubenschießen auf einer Segeljacht und blankes Entsetzen über den Unfall eines Ministerpräsidenten.
Plötzlich ist alles anderes, ein glamouröses Liebesgeständnis stellt Angie vor eine Wahl…
Die Autorin
Ally Park, geboren 1974 in Wien, als Juristin jahrelang in Anwaltskanzleien tätig. Erkundet Europa und erreicht auch in der Gaswirtschaft ihre Ziele. Ob Brüssel, Frankfurt, Wien, Budapest oder Laibach, Ally Parks Heimat nicht die Städte, in denen sie lebte. Ally Parks Zuhause ist ihre Sprache. Unverwechselbar, eben wie ihr Stil. Sie verbindet Text mit Musik. Kehrt Tabus nicht zur Seite. Knallhart wie es Ally gelernt hat, dennoch glamourös verpackt.
Weitere Bücher:
Das Geständnis (confession of passion), 2. Band zu diesem Roman
Regent der Begierde (regent of desire), Thriller, Taghelle Finsternis, Krimi, Kaltlächelnder Samt, Krimi.
Ein Gefühl hat mich gelehrt, zu erkennen; es hat mich verletzt, weil ich mich hingab. Vertrauen, ein Gefühl mit so viel Erfahrung, es bedarf darüber mehr als ein Buch zu schreiben:
„Vertrauen…
…bestimmt nicht blindes Glauben,
…ist es nicht, wenn andere dich misstrauisch belehren,
…erfordert eben mehr als nur ein Glauben.
Also glaube denen, die die Wahrheit suchen und zweifle an denen, die sie propagieren.“
(16. März 2016) Ally Park
Für all jene,
für die der Spruch: „Die Kunst ist, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird“, eben kein Spruch blieb.
ALLY PARK – BÜCHER
www.ally-park.jimdo.com
ALLY PARK
REBELLISCHE LEIDENSCHAFT
(REBEL OF YOUR HEART)
Band I
Roman (Dilogie)
Verflixt eng sitzt meine absolute Traumjeans heute wieder, ich rekle mich auf meinem Platz 12A auf einem der Frühflüge von München nach Brüssel. Gerade heute sollte ich mich doch einigermaßen gut fühlen, immerhin habe ich das wichtigste Meeting in diesem Jahr vor mir. Ich soll das neue Projekt von Sommers-Hall, ein speziell energieeffizientes Gasspeicherverfahren für Windenergie, bei der Kommission in Brüssel vorstellen, um dort eine EU-Förderung zu lukrieren und Investoren zu gewinnen.
Aber nein, heute wollten meine Haare in der Früh justament nicht richtig. Schon als Kind quälten mich diese Naturlocken, ich wollte immer lange, glatte Haare. Nun habe ich sehr lange, dunkelbrünette Haare, aber immer noch viel zu lockig. Meine Mähne habe ich heute Morgen letztlich mit einer Hochsteckfrisur bezwungen. Das gelingt im Notfall immer noch am besten.
Und jetzt ziept nicht nur meine Haarklammer, nein auch die edle Stonewashed-Jeans mag mich heute nicht. So einShit! Ruhig, Angie, du bist keine 20 mehr, du solltest dich ein wenig beherrschen können!
Also grabe ich in meiner weißen, überdimensionalen Lacktasche nach den Unterlagen. Die hat mir unser technischer Leiter, Peter Gallberger, ein zuverlässiger Mensch, schon vor einer Woche für das Meeting überlassen, als plötzlich eine sehr junge Stimme nachfragt: „Verzeihung Miss, Tee oder Kaffee? Was darf‘s für Sie sein?“ Ich sehe auf, und da steht eine bildschöne Blondine: „Kaffee, bitte!“, antworte ich bestimmt, während ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen kann. Glaubt das junge Ding echt, ich wäre noch eine Miss? Sie reicht mir meinen Becher Kaffee mit einem kleinen Frühstückssnack, und ich muss zugeben, ich werde leicht neidisch auf diese Jugendlichkeit. Nun ja, Frau tut ihr bestes, ich versuch‘s auch.
Manchmal gelingt es mir besser, vor allem, wenn ich meiner Lieblingsbeschäftigung, Aerobic, nachkomme, da fühle ich mich einfach wohl. Ich liebe es, mich zu Musik zu bewegen, den Rhythmus zu spüren und mit ihm eins zu werden. Das Tanzen und das Element Wasser haben immer schon eine magische Wirkung auf mich ausgeübt. Zu gerne verbringe ich meine Freizeit beim Surfen in warmen Küstengegenden. Doch mein alltägliches Leben spielt sich nun mal soweit vom Meer ab, dass ich mir für meine freien Stunden hier die Bewegung zur Musik gesucht habe.
Für den Anlass heute bin ich zwar offiziell extrem leger gekleidet, für mich aber fast zu elegant, mit meiner weißen ebenfalls engsitzenden, aber äußert glamourösen Bluse. Stolz bin ich auf meine kreierte Marke, mein Ich.
Mittlerweile bin ich vertieft in meine Unterlagen: Mal sehen, ok, das ist nochmal die Präsentation über die technischen Neuerungen, ach ja und hier die Gegenüberstellung zu den Daten, wie das Verfahren bisher lief und das, ja, da habe ich’s, das ist das Wichtigste. Hier ist das Diagramm für jene, die keine Ahnung von der Technik haben und sich nur an Zahlen orientieren. Nebenbei schlürfe ich meinen Kaffee und esse doch die nach eigentlich nichts schmeckende Brioche. Jetzt schnürt die Jeans endgültig, aber da muss ich durch.
Der Flug war ruhig und in time, somit brauche ich mich nicht in der line beim Taxistand mit: „Entschuldigung ich hab gleich einen wichtigen Termin, darf ich?“ vorzumanövrieren. Ich habe sogar noch Zeit in der Zeitung des vor mir wartenden, gutaussehenden Herren eine Überschrift aufzuschnappen. Ich weiß, das gehört sich nicht, aber es ist zu verlockend: „Summers-Hall stellt neues Projekt im Bereich Windenergie in Brüssel vor – Trendwende endlich da?“ Naja, das will ich mal hoffen, denke ich. Da springt der Herr bereits in sein Taxi, das nächste ist also meines. „Toll“, finde ich, da hat unsere Marketingabteilung gut gearbeitet, mein heutiger Termin steht also bereits in der Zeitung. Die Fahrt in den European District dauert eine gefühlte Ewigkeit. Zeit zu einer kurzen Entspannung, ich schließe meine Augen und denke an meine beiden Söhne, mein Ein und Alles. Sie sind mein Ruhepol, meine Energiequelle, auch wenn mich das manchmal viel Kraft kostet, ich liebe sie einfach über Alles. Sie werden wohl schon in der Schule sein, hoffentlich hat John jedem seine Jause richtigrum vorbereitet. Manchmal passiert es, dass er diese vertauscht, dann hat unser kleiner Sidney Käsesandwich mit, er hasst Käse und unser großer Aaron Salamisandwich, und er – klar – er kann Salami nicht ausstehen. Ich lächle, es ist komisch, manchmal koche ich für vier Personen drei Gerichte – und? Ich mache es gern, ich bin stolz auf meine Kinder, auch wenn dabei meine Beziehung zu John zu oft auf der Strecke geblieben ist.
Da hält mein Taxi vor dem Haupteingang des hohen Glasgebäudes, die blauen Fahnen mit dem EU-Wappen wehen wie immer im Wind. Ich bezahle und steige hurtig aus dem Taxi… Shit das Wetter – Angie, nicht fluchen! Es ist Ende Jänner und es nieselt. Jetzt bin ich fast stolz auf meine Aufsteckfrisur, sie hält. Ich passiere die Pass- und Sicherheitskontrolle wie gewohnt und nehme eine der Rolltreppen in den 5. Stock. Am Empfang erkenne ich beim Hinauffahren bereits eine hübsche Rothaarige und eine ebenso gutgebaute Blondine. Assistentinnen, beide könnten fast meine Töchter sein.
So und jetzt aber – jetzt bin ich Businesswoman Angie.
Bestimmt und selbstbewusst trete ich diesen Assistentinnen gegenüber und melde mich an. „Guten Tag, Mrs Miller, Sie werden schon erwartet, darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“, werde ich wie gewohnt empfangen. Elegant winde ich mich aus meinem schwarzen, langen Mantel und reiche ihn der Rothaarigen, dann folge ich nach meinem leisen „Danke“ der Blondine den Gang entlang zur dritten Tür links. „Mrs Miller ist nun hier“, die Blondine wendet sich wieder zu mir und hält mir die Türe weit auf. Ich hole tief Luft und begebe mich mit Ruhe in den Raum. Hinter mir schließt sich die Tür. Jetzt kann ich sicher sein, dass mir die volle Aufmerksamkeit gilt.
Im Raum steht ein ovaler Glastisch für geschätzte 25 oder 30 Personen mit den dazu passenden Komfortsesseln, einen von diesen habe ich an meinem Schreibtisch im Büro – Heimvorteil!
Ich verschaffe mir gekonnt einen Überblick über die anwesenden Personen, zwei bekannte Damen und acht Herren im Nadelstreif. Ich steuere geradewegs auf Geraldine Noo, sie leitet das Meeting, zu: „Hallo, Geraldine, na wie war dein Weihnachtsurlaub in den Schweizer Bergen? Hattet ihr diesmal mehr Glück mit dem Wetter?“ Wie sich das gehört, begrüßen wir uns mit einer kleinen Umarmung und Küsschen-Küsschen – ich hasse das. „Oh, ja ich muss dir darüber mal bei einem Kaffee erzählen!“ Mit einem:„Guten Tag, Monica!“, halte ich einer kleinen zierlichen Frau meine Hand entgegen. Monica Circoni ist die Protokollführerin.
„Ich begrüße Sie, Mrs Miller“, auch Alfred Matt streckt mir viel zu förmlich nun seine Hand entgegen und kommt gleich zur Sache. „Darf ich dir gleich die anwesenden Investoren und Fachleute vorstellen?“ Nun beginnt eine Runde von Handshakes, es sind sieben Herren, gesehen habe ich vorher noch keinen, nur vom Namen kenne ich einige. Es sind allesamt Herren mit ansehnlicher Statur, sechs davon im dunklen Nadelstreif mit Krawatte, nur einer tanzt mit einem grauen, unglaublich schicken Anzug ohne Krawatte aus der Reihe.
„Sehr erfreut“, eine atemberaubend tiefe Stimme fordert meine Aufmerksamkeit. Ich sehe vor mir einen großen, nein: einen sehr großen stattlichen Mann, ergraut, ein wenig verwegen mit seinen kinnlangen Haaren und einem Fünftages-Bart. Der sieht verdammt interessant aus, denke ich völlig unverschämt. Meine Hand verschwindet in seiner und ich habe das Gefühl, er lässt sie nicht los.
„Ich habe schon viel von Ihnen gehört, ich bin sehr gespannt auf Ihre Präsentation“, ich genieße diese volle und tiefe Stimme, da funkt mir Alfred dazwischen: „Darf ich vorstellen: Das ist Mr Ron Kern.“ „Diese Stimme gehört also zu dem Namen, den ich bereits länger kenne, freut mich!“, so funkle ich Ron an.
Was ist los mit mir, ich soll arbeiten – flirte ich da etwa? „Sie werden ihrem Ruf gerecht, Angie, immer direkt – ich darf Sie doch Angie nennen?“ „Sie dürfen Ron“, ich blinzle ihm zu, überspiele meine Neugier und nehme meinen Platz an der Mitte der Längsseite des Tisches ein.
Endlich reihen sich alle mir gegenüber und ich starte meine Präsentation. Immer wieder suche ich die Augen zu der tiefen Stimme, sie sind blau oder grau, das erkenne ich nicht so recht auf die Distanz. Ron streift mit seiner Zungenspitze immer wieder langsam von seinem Mundwinkel in Richtung Lippenmitte, verweilt dort kurz und schüttelt ganz zaghaft seinen Kopf, was ist – gefällt es ihm nicht? Ich werde unsicher. Das ist mir schon lange nicht passiert. Wieder streift seine Zunge über seine Lippen… Ich wende schnell meinen Blick ab, bevor ich noch Stuss rede. Es läuft aber doch erstaunlich gut. Kaum Zwischenfragen, und dann bin ich nach meinen veranschlagten 40 Minuten Redezeit tatsächlich am Ende angekommen.
„Warum nochmal soll hier in ein Verfahren investiert werden, das lediglich die Umwandlung von Windenergie in eine Speicherform wie Gas effizienter gestaltet? Ist es nicht besser gleich an einem anderen Speichermedium anstatt Gas zu arbeiten?“, will Ron Kern jetzt wissen. Ich genieße die tiefe Stimme, und da ist es wieder: Rons Zunge bewegt sich fast in Zeitlupe von seinem linken Mundwinkel über seine volle Unterlippe hin zur Lippenmitte und dann schüttelt er wieder seinen Kopf und lässt ihn schließlich leicht schräg stehen. Er fordert meinen Blick. „Ron, es wird an verschiedenen Verfahren gearbeitet und entwickelt, Sommers-Hall ist hier Marktführer, dieses Verfahren ist eben jetzt reif. Die Wirtschaft braucht jetzt ein Verfahren, um gewonnene Windenergie nicht verpuffen zu lassen, weil sie nicht speicherbar ist. Vertrauen Sie mir, wir wissen, wovon wir reden“, und ich kann es mir nicht verkneifen mit meinem atemberaubenden Lächeln meine Beine übereinanderzuschlagen und mich entspannt in den Armsessel zurückzulehnen. Wieder sicher in mir ruhend, warte ich auf seine Reaktion.
„Sie wissen tatsächlich von alldem, was Sie hier vorgetragen haben. Nicht wahr? Das ist erstaunlich!“ Meine Ohren lauschen dieser dunklen Stimme, ich platze fast vor Neugier, ruhig fessle ich seinen Blick. Ich spiele mit meinem linken, oben überkreuzten Bein, an dessen Ende ein durchaus sehenswerter weißer Lack-Highheel steckt – fast mein Markenzeichen, ich gestehe ich habe einen Schuhtick.
Ron betrachtet meine Pose und lächelt. Ich gehe einen Schritt weiter:„Wissen Sie denn nicht von dem, was Sie sagen?“ Kurze Stille. Nur kurz halte ich inne und triumphiere: „Na, na, na Ron, das sollten Sie aber!“ Jetzt richte ich mich auf, stelle beide Beine nebeneinander und lege meine Unterarme nun auf der Glasplatte des Tisches vor mir ab. So verschärfe ich die Anspannung. Tief sehe ich in Rons Augen. Ron blickt zu Geraldine: „War’s das?“ „Gewonnen“, denke ich – es sind die kleinen Dinge der Psychologie, das Einmaleins des Verhandelns, all diese Dinge muss man als Frau perfekt beherrschen, um den Männern in diesem Business Paroli bieten zu können. Triumphierend packe ich die Unterlagen in meine Tasche.
Im Foyer suche ich jetzt die Rothaarige, ich will ja meinen Mantel. „Darf ich?“, es ist Ron, ich werde – schon wieder -unsicher, denn mein Unterleib gerät ganz ungewohnt in Entzücken? Es ist bloß eine gut klingende Stimme, beruhige ich mich. Ich drehe mich um, und Ron hält mir meinen Mantel wie ein Kavalier auf. Ich schlüpfe langsam mit meiner Rechten in den Ärmel, dann mit der Linken und wende mich ihm frontal zu, geschätzte 20 Zentimeter sind wir uns nahe. Ron duftet gut, ich genieße, lächle und stülpe meinen großen Kragen gekonnt hoch, in der Hoffnung, weiblich und sinnlich zu wirken. Er riecht ein wenig nach Zigarre? Warum gefällt mir das? Ich bin Nichtraucherin. „Begleiten Sie mich ins Restaurant vorne am Schuhmannsplatz?“, die Stimme klingt noch tiefer, wenn Ron leise mehr aus der Brust spricht. Ich schmelze, lasse mir aber nichts anmerken. Meine Rechte zückt mein iPhone, die Linke scrollt im Kalender und ehe ich mich klar fassen kann, höre ich mich: „Gerne, mein Rückflug geht erst in vier Stunden.“ Angie, was tust du? Ich bin doch sonst so besonnen, was fällt mir da ein, ich bin doch verheiratet. Es ist nur ein Essen, versuche ich mich erneut zu beruhigen.
Wenig später finde ich mich in einem der schicksten Lokale von Brüssel wieder. Shit. Ron scheint das Haus zu kennen. Es ist ein exklusives Restaurant, viel zu teuer für mich, und die Spesenabteilung übernimmt hier nicht einmal das Gedeck, denke ich mir, als ich hinter dem Herrn im Frack her schreite, gefolgt von Ron. „Ins Separee, Pete, bitte!“, ja sie ist einfach atemberaubend diese Stimme, wohin führt das?
Endlich lassen wir uns an einem runden Tisch in einem abgelegenen Raum nieder. „Mögen Sie Meeresfrüchte?“, ich bekomme nicht genug von der Stimme und klar mag ich Meeresfrüchte, ich liebe sie. Ich meine aber sehr keck: „Vongole am liebsten.“ Jetzt ergänze ich kokett: „Ich bin gespannt, welche Interessen wir noch teilen?“, und erheische mir ein weiteres, vielversprechendes Lächeln von diesem fremden Unbekannten. Angie, lass das! Ich kenne mich so nicht.
Ron bestellt Vongole all‘aglio e olio, dazu einen angeblich sehr guten Weißwein, und Pete verschwindet. Meine Pose habe ich diesmal ganz vorne auf der Kante meiner Sitzfläche gewählt, meine Beine verschlingen sich und ich bin gespannt auf das, was jetzt kommt. Ron seufzt trocken: „Angie, ich glaube nicht, dass ich meinen Investor von eurem Projekt überzeugen werde können.“ Der Wein wird serviert.
„Salute!“ Ron hebt sein Glas und streckt es mir entgegen. Wir stoßen an, ich erwidere, „Salute!” Was ist mit mir, in meinem Unterbauch verzehrt sich alles und Ron redet kühl über Business? Eben, alles im Lot Angie!
„Wie meinen Sie das, Ron?“, erkundige ich mich pflichtbewusst. „Angie, du weißt…“, er stockt, „wir können doch du sagen?“ „Ja, ich denke schon!“, da ist sie wieder meine Businesssprache. Ich wollte soeben mein Glas heben und meine trockene Kehle erfrischen. In der Sekunde steht Ron auf und kommt zu mir herüber. Also stehe ich auf, denn ich hasse es klein zu wirken.
„Ich will förmlich auf meine neue nette Bekanntschaft anstoßen!“, begehrt Ron. Wir stoßen an und dann sehe ich Rons Gesicht auf mich zukommen, er hält kurz vor meinem Gesicht inne – ich spüre seinen Atem – und er flüstert: „Ist ein Kuss erlaubt?“ Mein Unterleib verzehrt sich, dann bäumt sich etwas in mir wieder auf, ich vergesse fast zu atmen, da berühren sich unsere Lippen. Kurz, ganz kurz – viel zu kurz protestiert mein Becken. Mein Körper liegt in Wellen, so brausend, so hoch wie in einer starken Brandung von Felswänden beim Surfen, dann wird alles abrupt blockiert.
Eine Türe geht auf und zwei Kellner im Frack servieren synchron zwei Teller mit silbernen Hauben, die sie völlig zeitgleich abnehmen.
Mein Kopf meldet sich zurück, ob ich froh bin, dass das Essen kommt?
Ron erzählt, dass er aus gut betuchtem Hause komme, seine Wurzeln in England und Russland hat und für den größten Energiekonzern in Europa tätig sei. Als ob ich das nicht weiß: Er ist Lobbyist, Milliardär, berät I.O.N.-Global Comoditees just for fun und ist dafür bekannt, dass sich allesund jeder nach seinem Willen verhält.
„Angie, und wer bist du, und ich meine nicht deine Tätigkeit bei Sommers-Hall?“ Au, das ist ein Tiefschlag, was sage ich jetzt? Wo bleibt meine Redegewandtheit, meine Direktheit in einer Männerdomäne, in der ich bislang meine Frau echt gut stehe?
„Was willst du hören, gebunden – ungebunden?“, mehr fällt mir nicht ein, ich muss nachdenken…
„Angie“, er lächelt, „ich weiß, du bist verheiratet, hast zwei Kinder, ich glaube es sind Buben? Du lebst in München, dein Mann kommt aus England, du bewegst dich gerne, liebst Musik, tanzt Aerobic, du bist trainiert – das sehe ich jetzt vor mir. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht.“ Rons hellblaue Augen, ja sie sind doch blau, strahlen mich überlegen an und ich bin Schach matt. Da ist wieder seine Zunge, die Spitze wandert über seine Unterlippe und er kippt seinen Kopf, das sieht wahnsinnig scharf aus. Er weiß alles? Was soll das? „Mich würde interessieren, wie eine so gutaussehende Frau in deinem Alter, ich weiß du bist 40, in einer Branche wie dieser arbeitet und ein völlig anderes, ich würde mal sagen – normales – Leben führt. Du bist nicht nur sehr intelligent, du siehst auch verdammt gut – ich würde sagen: verführerisch aus. Ich bilde mir ein, das beurteilen zu können, immerhin habe ich knapp 22 Jahre mehr Lebenserfahrung.“ Stille im Raum, mein Herz rast. Rechnen muss ich später.
Er klärt hier Fronten, steckt mich in Schubladen, einen Moment mal! Ja, ich bin wieder Businessfrau, ich flüstere: „Dann belassen wir es doch bei: Ich bin eine aufregende und doch unbekannte Bekannte!“ Mein Blick trifft direkt in seine Augen und ich denke, er hat mich verstanden.
Die Vongole schmecken köstlich. „Es war ein sehr angenehmes und aufregendes Essen, Ron!“, verabschiede ich mich. „Es war mir ein Vergnügen“, Ron lächelt, nimmt meine Hände, hält sie nicht zu fest und stellt sich in knappen Abstand vor mich. Meine Unterleibsregionen werden wieder aktiv, ich werde erneut unsicher und blicke voller Sehnsucht in sein Gesicht. Shit, meine Haare, eine Strähne macht sich selbständig. Sie versperrt mir die Sicht. Ron, ganz Gentleman, erkennt meine missliche Lage und streift sie mir gekonnt hinter mein linkes Ohr. Seine Hand verbleibt zu meiner überraschenden Entzückung dort. Mein Hals spürt seine Hand ganz deutlich. Mit seinem Daumen streift er vom Ohr an meinem Kieferknochen entlang bis zu meinem Kinn. Meine Brust spannt. Sein Daumen stockt bei meinen Lippen und ruht kurz darauf. „Du bist sehr anziehend, weißt du das. Man nennt mich grey wolf, ich bekomme alles, hörst du, alles, was ich will, weißt du, was ich meine?“, die Stimme klingt noch tiefer. Mein Herz schlägt so schnell, dass ich zweifle, ob man das nicht an den Lippen spürt.
Ich weiß natürlich, was „grey wolf“ bedeutet und jeder hat mich vor diesem gefährlichen Ron gewarnt. Warum, er ist doch sehr amüsant?
„Ich bin noch nicht alt genug für solche Titel, aber ich arbeite daran“, necken meine Lippen ohne Absprache mit mir plötzlich und ich finde meinen Verstand wieder. Ich befreie mich aus der Lage mit eleganter Grazie und wir verlassen den Raum.
Es regnet in Strömen, Ron winkt mir ein Taxi herbei, ich steige ein, er hält die Tür in der Hand und verabschiedet sich mit: „Auf Wiedersehen, schöne Unbekannte.“ Das Taxi fährt los.
Wie in Trance, benommen von meiner Weiblichkeit, versuche ich zur Besinnung zu kommen.
Ich krame in meiner Tasche und finde mein iPhone. Andere Gedanken müssen jetzt her – schnell. Ich nutze die Fahrt und will mit meinen Kindern telefonieren. Es ist kurz nach zwei am Nachmittag, da sollten sie aus der Schule zurück sein.
Es läutet. Alles, was ich höre ist: „… Run just as fast as I can. To the middle of nowhere. To the middle of my frustrated fears. Frustrated fears. And I swear you're just like a pill. Just like a pill …“, das Radio im Taxi dröhnt – PINK. Eigentlich ist das nicht mein Lied, aber es erregt in mir heute erstaunlicher Weise Entzücken. In Gedanken an eine tiefe Stimme und einen wahnsinnig charismatischen Mann, ertappe ich mich beim Mitsummen…
„Hi, Darling“, nehme ich zwischendurch wahr… „Äh, hallo“, stammle ich erschrocken. Ich besinne mich, hole tief Luft, blende den lauten Radio aus: „Sind die Kinder wieder zu Hause? Ist alles in Ordnung?“ „Aber klar, ich habe gerade das Wettrennen zum Telefon gewonnen“, schreit John in den Hörer, den Aaron ist im Hintergrund bestimmt Zweiter geworden – er ist nicht zu überhören. „Ich geb dir gleich Aaron, bye!“, nehme ich noch wahr und dann höre ich: „Hi, Mum, alles klar in Gibraltar?“ Aaron findet so was immer sehr cool. „In Mathe hab ich eine eins, Gregor hat eine eins minus, wir waren die besten, alle anderen haben zweier!“ „Ich freue mich, gratuliere, das hast du ja toll gemacht! Wie clever Gregor und du doch seid, kommt Gregor nachmittags wieder zu dir zum Spielen?“, ich bin stolz und freue mich, dass Aaron ein guter Schüler ist. Er und Gregor ergänzen sich wunderbar und verstehen sich schon seit der ersten Klasse blendend, das ist selten, ich schätze es umso mehr. „Sid will dir auch was sagen, bye Mum!“
„Hallo, Mama?!“ „Ja, hi, was war bei dir los, alles gut gegangen heute?“, erkundige ich mich. „Ja, Frau Mandl war krank und wir haben einen neuen Lehrer bekommen. Einen Mann! Der hat Schlangen zu Hause, hat er erzählt, der ist cool, kann ich jetzt immer zu dem gehen?“, das ist Sidney. Er ist jetzt in der ersten und sucht sich nur das Gelbe vom Ei, ein Schmunzeln kann ich mir nicht verkneifen. „Oh, ich fürchte, das wird nicht gehen, deine Lehrerin ist doch Frau Mandl, vielleicht kann er ihr ab und zu helfen oder du hast ihn in einer höheren Klasse mal?“, versuche ich Sidney ein NEIN akzeptabel vorzubereiten. „Ja, hast recht, Frau Mandl kann auch viel besser Geschichten vorlesen, ich muss jetzt noch fertig essen, ok?“, scheint Sid die Sache zu akzeptieren. „Alles klar!“, jetzt werde ich schlagartig unruhig, mein Gewissen meldete sich zurück. „Ich geb dir Dad“, höre ich und mir bleibt die Luft weg, mein Herz rast, mir wird viel zu heiß… „Wie war das Meeting? Bekommt ihr die Chance für einen weiteren Termin in großer Runde?“, will John von mir wissen. Stille.
„Bist du noch da, ich hör dich nicht?“, fragt John weiter. „Äh, ja, es lief gut, ich denke, wir sind im Rennen.“ Ich klinge viel zu prüde, was hab ich nur? „Na, überzeugend klingt das nicht, das Meeting war bestimmt anstrengend und man hat dich doch mit Detailfragen gelöchert – ich verstehe schon. Sonst erzählst du wie ein Wasserfall? Aber ich bin mir sicher, du kriegst das hin! Ich will dich nicht nerven. Wann landest du? Wir kommen dich holen – ist das ein Angebot als Entschädigung für den harten Arbeitstag?“, John ist wie immer verständnisvoll – in den 20 Jahren in denen wir zusammen sind, brauche ich ihm nichts mehr zu sagen, er weiß es schon…
„Nein, ich schaff das schon mit einem Taxi, ich komme genau zur Rushhour an, lass mal. Ich hab dich lieb, ich muss aufhören, wir sind am Flughafen, bin zum Abendessen zu Hause, überrascht mich mit etwas Gutem, ok?“, artikuliere ich in mein iPhone, das mittlerweile zwischen meiner rechten Schulter und meinem Ohr eingeklemmt ist, während ich das Taxi bezahle. Es fühlt sich gut an, John nervt nicht.
Mein Flug nach München ist bereits in den obersten Reihen auf der „Departure-Wall“ gelistet, als ich in die riesige Eingangshalle stolziere. Jetzt beginnt wieder der ewig nicht enden wollende Parkour: Rolltreppen hinauf, Sicherheits-und Passkontrolle, lange Rollbänder entlang und nach der Shoppingmal nur noch die langen Rollbänder zum Gate.
Der Flug ist ruhig, wie immer will ich das Meeting nochmals resümieren, doch immer wieder schleichen sich Gedanken an Ron ein und lenken mich ab. Ich bin hin- und hergerissen, er ist ein attraktiver Mann, sehr groß und schlank, elegant und redegewandt und er hat Charisma. Wie alt ist er nochmals. Schock Er muss 62 sein, das hätte ich nicht gedacht, der sieht ja verdammt gut aus. Eigentlich schätze ich Ron nicht viel älter als John. Und John ist 52. Ich lächle in mich hinein und sehe den Wolken beim Wandern zu.
Ich male mir aus, wie attraktiv Ron wirklich ist, immerhin hat er auf mich sehr elektrisierend gewirkt. Dabei erwische ich mich, dass mir das gefallen könnte. Plötzlich erscheint das Zeichen, sich anzuschnallen, gleich bin ich wieder in München. Ich schüttle meinen Kopf und richte mich zurecht. Unsinn Angie.
Endlich erreiche ich unsere Wohnungstüre im vorletzten Stockwerk eines Vorstadtmehrfamilienhauses in einer guten Wohngegend in München. „J. Miller“, lese ich am Türschild, als ob ich zu Besuch käme? Das ist mein Mann, in England geboren, der Liebe wegen in Deutschland geblieben. Jetzt hat er endlich in einem Labor in einem großen Konzern eine passende Anstellung gefunden. Jahrelang musste John suchen, um wieder Arbeit zu finden. Nicht leicht in Zeiten wie diesen und mit seinem englischen Handikap. Wie waren wir in der Vergangenheit auf mein Funktionieren doch angewiesen? „J. Miller“, richtig Angie mein Mann. Ich dreh den Schlüssel um und sehe schon Sid im Flur auf mich zurasen.
„Mamaaaaaaaaaaa“, ich schließe ihn in meine Arme und genieße die Liebe meines Sohnes. Aaron hängt sich auch an. Albern? Vielleicht, aber es tut gut, die Nähe meiner Kinder zu spüren. Wippen und Schwanken, immer wieder hüpft Sid auf mich und vor lauter Lachen kippen wir fast um. Dann richte ich mich auf und da steht John, er nimmt mich – wie immer – in die Arme und küsst mich. Schon wieder Wallungen, ja ich bin zu Hause, alles ist gut? Wir essen wie so oft gemeinsam zu Abend. Es gibt überraschender Weise Geflügelsalat. Leichte Kost, das habe ich wirklich gerne abends. Aaron und Sidney lassen sich nicht anmerken, dass es sicher Papas Idee war, mit dem Salat – ich lasse mir diesen Gedanken auch nicht anmerken.
Endlich sind die Jungs im Bett. Ich lasse mich auf unser übergroßes, beiges Sofa fallen und knipse den Fernseher an und zappe zu den Nachrichten. John bringt mir ein Glas Wein und setzt sich nah zu mir, er hebt das Glas und klingt ruhig: „Auf dich, ich bin froh, das ich dich gefunden habe!“ Er nähert sich, nachdem ich einen Schluck genippt habe. Wir versinken in einen tiefen innigen Kuss. Plötzlich kommen mir Bilder von Ron, ich schrecke zurück. Hat John etwas gemerkt, ich überspiele die Situation mit Witz und necke John. „John, die Kinder sind grade im Bett – warte ein bisschen.“ Ich zeige mich sehr interessiert am Fernsehen. Warum Ron?
„Ja, die Favoriten sind ausgeschieden, hast du es auch gehört, unfassbar!“ Ich realisiere erst jetzt, dass wir bereits beim Sport sind und es um Skifahren geht, ich und Skifahren? Shit, ich muss mich im Griff haben.
Ein wenig später nimmt mich John wieder in den Arm und im Nu finde ich mich im Schlafzimmer wieder. Ich trage mein kurzes rotes Negligee. John verführt mich, das gefällt mir. Das Mondlicht scheint durchs Fenster. John hat einen kräftigen Oberkörper, ich kann seine Silhouette gut erkennen. Er ist sportlich, durchtrainiert und bereit. Ich vergrabe mich förmlich in seinen prallen Oberarmen, ich liebe seine breiten Schultern. John nimmt mit einer kräftigen Hand meine wallenden Haare und zieht meinen Kopf leicht nach hinten, dann spüre ich seine mich küssenden Lippen. Sie wandern von meinem Ohr in tänzelnden Kreisbewegungen in Richtung Kinn. Jetzt lässt er meine Haare lockerer. Dann wird meine Mähne wieder frei gegeben. John packt mich an den Hüften. Er hebt mich hoch, setzt mich auf sein Becken und drückt mich gegen unseren Wandschrank. Meine Beine schlingen sich um seinen Körper. Er ist sinnlich. Er ist sanft und heftig zugleich.
Bilder von Ron tauchen auf? Er spielt mit seiner Zunge über seine Lippen.
Meine Augen öffne ich jetzt und sehe John. Der Takt wird schneller. Es gefällt mir. Ich wippe im Rhythmus, meine langen weiten Locken umschmeicheln zart und wild seinen Nacken. Fest halten mich zwei Hände und befehligen meine Hüften. Meine Leidenschaft ergibt sich, versinkt in männliche Begierde und erklimmt, ergriffen von einer großen Welle den Gipfel. Seine Ektase beendet unser Spiel.
In dieser Nacht schlafe ich nicht, fast nicht. Meine Gedanken kann ich nicht bändigen, ich bin völlig ausgeliefert. Diesmal ist es anders gewesen, warum? John und ich sind kein junges Liebespaar mehr, dennoch versuche ich unser Liebesleben immer wieder einfallsreich aufzufrischen. Zu meinem Leid gelingt mir das manchmal nicht schlecht, denn John gefällt das zu gut und ich komme dann manchmal zu kurz. Diesmal aber nicht.
In den nächsten beiden Wochen kreisen meine Gedanken immer wieder um Ron, aber mit der Zeit bekomme ich das in den Griff, denke ich mir wieder und wieder.
Tomas Kett, Geschäftsführer und mein direkter Vorgesetzter bei Sommers-Hall ist zufrieden mit dem Ergebnis aus dem Meeting in Brüssel.
Gerade bin ich auf meiner neuesten Errungenschaft krassen Highheel Pumps „SHEYLA“ von Kennel and Schmenger in einer sensationellen Stone Ausgabe, dazu engen schwarzen Jeans und einem wuchtigen, kuscheligen perlmuttfarbenen Pulli zu Tomas‘ Büro unterwegs. „Herein!“, nehme ich Tomas wahr, als ich an seiner Türe klopfe. Rasch schiebe ich mich durch dieselbe. In einer Unordnung sondergleichen erblicke auch schon Tomas, wie immer an seinem großen Schreibtisch mit hunderten von Zetteln. Manche gestapelt, manche durcheinander, viele aber lose. Jedesmal denke ich mir, ob sich an diesem Durcheinander wohl je etwas ändert oder ob dieser Papierhaufen immer gleich bleibt? „Hi, Tomas, du hast nach mir gefragt?“ „Gut, dass du da bist, Angie, ja! Dein Meeting war erfolgreich – super. Deine Eindrücke?“ Tomas ist kurz und knapp, da sind wir auf einer Welle, wir verstehen uns gut – meine Eindrücke?
Ein kurzes Ziehen im Unterleib. Ich besinne mich auf ein paar Fragen von Ron, die ich Tomas schildere. „Was hast du getragen, Highheels sind klar – wirklich Jeans?“, neugierig will sich Tomas ein Bild machen. „Tomas, du weißt doch, dass mich in Brüssel schon so viele kennen, die erwarten von mir, dass ich anders gestylt bin und nicht im Kostümchen komme“, versuche ich zunächst Tomas den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Peter tritt mit einem kurzen, kaum hörbaren Anklopfen zur Tür herein. „Hi, Tomas. Hi, Angie.“ Ich fahre fort: „Ich trug eine weiße Bluse und Bluejeans, glamourös genug.“ Tomas und Peter schmunzeln sich an. Ich verstehe nicht und erkundige mich: „Darf ich mitspielen, was ist los?“ „Du warst sehr beeindruckend, so die Stimmen, die mich aus Brüssel erreicht haben“ und Tomas lächelt wieder. Da ist doch noch was, versuche ich die Szene zu begreifen. Sogleich fährt Tomas fort und lüftet sein kleines Geheimnis: „Ron Kern dürfte dein Auftreten gefallen haben, es hat ihn aber abgelenkt, so scheint es. Du sollst nochmals speziell zu ION nächste Woche. Kern hat anscheinend Blut geleckt, er hat noch einen anderen Investor, einen aus Übersee. Angie, das könnte es sein, weißt du, was das heißt?“ In mir brodelt Aufregung, ich dachte schon ich habe etwas übertrieben. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Noch einmal bringt Tomas enthusiastisch seine Begeisterung zum Ausdruck: „Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet?“ „Überstunden für mich. Tolle Geschäftsreisen für Angie“, so bringt Peter die Antwort auf den Punkt.
„Klasse Angie, das könnte für Sommers-Hall viel Geld bedeuten. Ich habe den Vorstand informiert, ich werde eine satte Provision für dich rausverhandeln, wenn du Kern rumkriegst“, hält mir Tomas voller Entzücken vor. Plötzlich schnürt sich mein Hals zu, meine Hände sind eiskalt, wo ist mein Blut? „Oh, das hab ich dann gut gemacht?“, wispere ich und klinge dabei wie ein Schulmädchen, langsam bekomme ich wieder Luft. „Wann soll’s losgehen? Ich habe Familie, Tomas, ich kann nicht von heute auf morgen, du weißt das.“
„Angie, es gibt Dinge, da hat man nur einmal die Chance, ich denke, das ist so ein Ding für Sommers-Hall mit Kern, du wirst uns doch nicht im Stich lassen? Die Spesenabteilung übernimmt bestimmt den Babysitter.“ Babysitter? Ich will keinen Babysitter, das sind meine Kinder, will ich mich verteidigen. Ich will Karriere ja, aber ich will auch Mutter sein und was heißt da „Ding…mit Kern“? Ich bin völlig verwirrt, was da gerade passiert, muss aber zugeben, dass ich mich dennoch auch freue. Worüber, da bin ich mir noch nicht so klar.
„In zwei Tagen fliegst du nach Wien, ION hat dort einen seiner Hauptsitze, wie auch die Russen, die von Kern beraten werden. Dort befindet sich auch der Sitz des größten österreichischen Speichers, sie alle sind dabei. Ob Pretty Palfoux, die Investmentfirma aus Übersee, kommt, weiß ich nicht, aber ich will den Termin mit den deutschen, den russischen und den österreichischen Interessenten nicht platzen lassen. Also hier sind die Tickets, samt Hotel. Hilton hat der Vorstand buchen lassen – wow, das nenne ich mal Spesen, wir müssen protzen mit dem Projekt. Verstehst du Angie, nicht kleckern – protzen – schaffst du das?“
Tomas wirkt klein hinter seinem Schreibtisch, er steht auf, als er mich das fragt und stützt seine Hände auf den Tisch. Sein Übergewicht wurde über Weihnachten mehr, das sehe ich erst jetzt. „Peter, Angie braucht eine 3D-Animation, Unterlagen, die ausgezeichnet aufbereitet sind, für jeden der Interessenten will ich eine eigene CD, Stick oder etwas in die Richtung und ein supergeiles Prospekt mit allen notwendigen Informationen und Tabellen haben, bis Freitag früh. Angies Flug geht um sieben.“ Peter nickt nur. „Tomas, ich muss schauen, dass ich wen über das Wochenende bekomme, Aaron hat am Samstag sein Fußballtraining, da bin immer ich dabei.“ Tomas, er ist kleiner als ich in meinen Highheels, blickt mit einem stechenden Blick nach oben. „Ich krieg‘s hin“, klingt rasch meine Karriere-orientierte Antwort und ich verlasse sein Büro.
Was mach ich nur? Der Gedanke begleitet mich. Es ist echt nicht leicht, die Dinge unter einen Hut zu bringen. Karriere will ich, keine Frage, danach habe ich ja mein Leben lang gestrebt. Doch ich habe Familie, meine Kinder, auch das ist ein Ziel in meinem Leben gewesen. Also?
Melissa unser „Kindermädchen“ für absolute Notfälle, denn wir haben weder Oma, noch Opa oder sonst irgendwelche Verwandten, die John und mich unterstützen könnten, ist noch in Kanada. Unsere Kinder haben wir bewusst nie irgendwem überlassen. Kurz stelle ich mir die Frage, ob Karriere für mich so eigentlich möglich ist?
Zurück an meinem Schreibtisch rufe ich John an. „Gott sei Dank kann ich dich erreichen“, haste ich ins Gespräch. „Ich muss nach Wien, schon übermorgen, Melissa ist nicht da…“ „Hi, Darling, ist wer gestorben?“, wirft John ein. „Nein, Entschuldigung…“, ich erkläre John, was ich soeben von Tomas erfahren habe. „Bleib mir kurz dran“, und dann ist John weg. Na super, denke ich mir. Ich warte. „Gebongt, flieg, ich bin zu Hause!“, kommt es plötzlich vom anderen Ende. Ich kann nicht glauben, was John da sagt, er hat selbst gerade im Labor für einen großen Pharmakonzern zu tun und das Labor kämpft ums Überleben. „Wirklich, das würdest du tun?“, ich bin wirklich gerührt und meine Augen verschwimmen. „Schatz, es sind doch unsere Kinder, ich schaff das mit den Kids, sie sind keine Babys mehr. Ich fahre Aaron zum Training, auch wenn ich Fußball nicht leiden kann. Versprochen, jetzt muss ich aber…“ „Toll, bye“, schon ist es wieder still. Mein Herz beruhigt sich nicht, tausend weitere Gedanken überwältigen mich. Peter klopft wie immer leise und kommt rein. „Hier“, sagt er und hält mir ein Kuvert hin. „Was ist das?“, nehme ich den Umschlag entgegen. „Tomas hat mich geschickt, du bist ja gleich weggewesen. Er weiß, wie schwer es für dich ist, das gibt‘s von der Spesenabteilung und jetzt kommt‘s: nicht für den Babysitter, sondern für dein Outfit. Dein Markenzeichen hätte mir mal einfallen müssen!“ Er grinst. „Angie, es ist Tomas sehr ernst. Ich glaube er hat jetzt massiv Druck vom Vorstand, weil die ja quasi bereits mit dem Abschluss eines Investments rechnen, obwohl wir erst Meldungen von Interessenten haben, die wir noch nicht einmal kennen. Du hast große Verantwortung. Tomas will dir einfach nur auf seine Art beistehen. Du bekommst die Unterlagen am Freitag vor Abflug, ich bringe sie dir persönlich am Flughafen vorbei.“ Peter verlässt auf seine Art, so wie er gekommen war, unauffällig mein Büro. Ich sinke in meinen Schreibtischstuhl zurück. Lehne meinen Kopf zurück und lasse meine Haare nach hinten fallen. Für einen kurzen Moment genieße ich – Erfolg?
Ich bin stolz auf mich. Neugierig öffne ich den Umschlag, darin ist ein kleiner Zettel mit einer unleserlichen Handschrift. Es ist die von Tomas, nach 5 Jahren an seiner Seite kann ich sie bereits ganz gut entziffern.
Angie, der Erfolg meines Projektes, das für mich wie mein eigenes Kind ist, liegt nun in deinen Händen. Du bist gut, in dem, was du tust, verdammt gut. Ich warne dich vor Intrigen in der Szene, in die ich dich schicken muss. Kaufe dir mit dem Inhalt in diesem Umschlag Kleidung zum gegebenen Anlass, in der DU dich wohl fühlst! Tomas
Es liegen fünftausend Euro im Umschlag. Aus meinem Taumel hebe ich mich nun langsam vom Sessel, gehe zum Fenster, sehe in die Breite der Stadt und bin fassungslos. Fühlt sich so Glück an? Ist das Erfolg? Für mich ist es eher Neugier und Angst. Die Neugier Ron vielleicht wieder zu sehen und die Angst, etwas falsch zu machen.
Bewaffnet mit dem Umschlag von Tomas streife ich nachmittags in der Maximilianstraße durch Geschäfte, in die ich sonst nicht mal einen Fuß setzen würde, Dior, Gucci, Dolce und Gabbana. Die haben Preise, staune ich.
Ein transparenter Highheel, sieht aus wie aus Glas, cool, fällt mir am Eingang einer Hausecke auf. Es ist ein großes, beiges und altes Gemäuer mit riesigen, alten und dunklen Fenstern, daraus schillert mir ein Schuh entgegen, den ich haben muss.
Ein Märchen wird wahr, als ich in das Geschäft eintrete, ich fühle mich ein wenig wie Aschenputtel. Eine nette, nicht zu junge Blondine empfängt mich mit einem: „Schönen guten Tag“, diesmal stört es mich gar nicht, gleich angesprochen zu werden. „Guten Tag, ich bin auf der Suche nach etwas Ausgefallenem. Den Schuh in der Auslage, den durchsichtigen mit den türkisen Einsetzen, in welcher Größe haben Sie den?“, erkundige ich mich gleich. „Den haben wir in den Größen 37, 38 und 40, das ist das neue Modell der Sommerkollektion, die Größe 39 haben wir auf Bestellung zur Seite gelegt. Ich kann die vielleicht anderweitig noch besorgen. Welche Größe darf es denn für Sie sein?“, höre ich von einer Verkäuferin, die ihren Job mal ernst zu nehmen scheint, denn die Antwort ist für mich überraschend informativ. „37“, erwidere ich kurz, da verschwindet sie motiviert tief hinten im Geschäft mit einem: „Kurzen Moment bitte, ich bin gleich wieder für Sie da!“
Auf einer Sitzgelegenheit mache ich es mir vorerst gemütlich, streife meinen Mantel ab und mein Blick wandert durch die Boutique. Im Hintergrund läuft Musik. Ich ertappe mich beim Mitsummen zu Lily Allens Song „Not fair“ – „…Oh, he treats me with respect. He says he loves me all the time. He calls me fifteen times a day. He likes to make sure that I'm fine…” Dabei muss ich daran denken, wie sich John auch um mich sorgt, er ruft mich echt oft an und ist immer für mich da…
„Hier bitte Größe 37”, vernehme ich fast beiläufig. Da sind sie, wow. Für einen kurzen Moment halte ich inne und betrachte das Juwel. Dann nehme ich die Schuhe wie einen Schatz an mich, führe den einen an den linken, den anderen an den rechten Fuß, sie sitzen wie angegossen. Jetzt erhebe ich mich und betrachte die Sensation im Spiegel. Das fühlt sich gut an. „Wie gefallen Sie?“, erreicht mich wieder die Verkäuferin. „Oh, nicht schlecht, ich weiß nicht, Türkis ist sonst nicht meine Farbe, aber diese Glasoptik ist ein Eyecatcher, der gefällt mir.“ „Ich bringe Ihnen dazu das Kleid, nur zum Anprobieren, dann haben Sie eine bessere Vorstellung, einen Moment“, und wieder verschwindet diese engagierte Fachkraft.
Alleine summe ich weiter: „…There's just one thing that's getting in the way. When we go up to bed, you're just no good, it's such a shame…” Verträumt sehe ich an meinen Beinen die aufregendsten Schuhe, die ich je getragen habe und denke an John, noch immer läuft Lily Allen: „…Oh, you're supposed to care. But you never make me scream. You never make me scream. Oh, it's not fair and it's really not ok. It's really not ok. It's really not ok!...”
Im Spiegel blicke ich mir tief in die Augen und muss zugeben, dass mein Liebesleben mit John in die Jahre gekommen ist. Ich gebe es nicht gerne zu, aber meine Leidenschaft wird von John nicht mehr so geweckt – nicht so, wie meine Gedanken an Ron.
„Hier ist es, Größe 36“, und die nette Angestellte präsentiert ein unfassbar schlichtes und dennoch atemberaubendes, türkises Seidenkleid vor sich. Natürlich schlüpfe ich hinein. „Oh, nein!“, geht es mir durch den Kopf, als ich mich im Spiegel der großzügigen Umkleidekabine betrachte. Ich sehe aus, wie wenn ich das Kleid meiner großen Schwester geklaut habe. Das geht gar nicht. Wieder im Verkaufsbereich, reiche ich der zuvorkommenden Dame das Kleid: „Das passt leider nicht, aber die Schuhe nehme ich.“ Ich bezahle 650 Euro – für mich ein Vermögen – und verlasse Dior.
Jetzt will ich auf der Maximilianstraße weiterjagen, ich muss ein Kleid finden. Mal sehen, Dolce und Gabbana? Valentino? In Gedanken verloren, genieße ich die Fülle von Luxus. Umschmeichelt davon schlüpfe ich in unzählige Kleider, eines angenehmer und verspielter als das andere. Aber keines so sagenhaft wie sein Preis versprechen will. Immer noch unentschlossen wähle ich zurück auf der Straße die Telefonnummer von Sonja Wagner, eine gute Bekannte und ehemalige Studienkollegin, die mittlerweilen in einer großen Presseagentur arbeitet.
Wir sind eigentlich nicht wirklich enge Freundinnen, gestehe ich mir. Zugegeben: Ich habe eigentlich gar keine enge Freundin. Beinahe beklommen denke ich plötzlich über mich und Freundschaften nach. Dafür fehlt mir einfach die Zeit? Nein, es wird wohl eher damit zu tun haben, dass ich einen schwierigen Charakter habe? Ich bin viel zu direkt, zu straight als Frau, werfe ich mir vor.
Erinnerungen an meine Schul- und Studienzeit kommen in mir hoch, es kann auch sein, dass es der Neid der anderen Mädchen war? Immer habe ich bekommen, wofür ich schwärmte. Habe immer das erreicht, was ich wollte. Jetzt verteidigt sich mein Unterbewusstsein, immerhin habe ich auch viel dafür gearbeitet, dafür Opfer gebracht. Statt auf Partys war ich oft beim Büffeln. Habe kein Problem damit gehabt, mir das zu nehmen, was ich wollte. Schon auf der Uni habe ich wohl deshalb kaum noch Freundinnen gehabt, mich immer mit den Jungs besser verstanden. Aber auch das ging nicht gut, die Jungs haben mich falsch verstanden, mehr gewollt als nur Freundschaft, was mich zum Einzelgänger gemacht hat. Wehmut? Nein, eigentlich fühle ich mich so wohl. Ich bin eben ich. Und ich mag mich.
„Hallo, Angie“, höre ich eine vertraute Stimme. „Hi, Sonja, du wirst nicht glauben, was ich grade erlebe!“ In kurzen Zügen lasse ich Sonja an meinem Wahnsinn teilhaben. „Angie, was ist los, so aufgeregt kenne ich dich nicht? Du bist auf der Uni zuletzt so aufgeregt gewesen?“ „Ach, lass mal, du musst für mich bitte etwas recherchieren?“, bereite ich Sonja auf meinen Wunsch vor. „Was denn?“, erkundigt sie sich. „Bitte finde alles über Ron Kern raus und gib mir einen kurzen Abriss über sein Leben, was er mag, was er nicht mag und so weiter, du kennst das eh!“ „Kenne mich aus, wofür brauchst du die Angaben, ist er Gegner eures Projektes oder für das Projekt?“, entgegnet Sonja, sie kennt meine Branche zu gut und hat meine Hintergedanken erkannt. „Das weiß ich nicht so recht“, gebe ich offen zu. „Jetzt kenne ich mich aus, ich suche dir alles, was du brauchst. Ob dafür, ob dagegen, lass mich nur machen! Bis wann?“ „Ich fliege am Freitag in der Früh, davor wäre super?“ „Schaffe ich bis morgen abends – ok!“, und weg ist sie.
Sonja ist für mich da, immer wenn ich diese Informationen brauche. Nicht wegen mir, sondern weil sie sich später eine Story erhofft, so bin ich für sie eben dann da. Nicht mehr und nicht weniger. Das kommt nicht oft vor, aber wenn, dann kann ich mich auf sie wirklich verlassen.
Beruhigter schlendere ich weiter und stoße auf ein langes Seidenkleid in weiß, teilweise transparent, das könnte passen. Ich finde mich vor einer modernen Glasfront wieder – Valentino.
Schon weile ich begierig und fast verloren in der viel zu großen Umkleidekabine und mein Atem stockt, als ich in den Spiegel blicke. Das ist es. Zufrieden drehe ich mich und betrachte mich. Absolut elegant, es verspricht viel, aber es verrät nichts. Das Dekolleté und die Schultern sind frei, der Stoff fällt mondän und gibt meine schlanke Silhouette preis.
Stolz bin ich auf meinen durchtrainierten Körper, das Kleid fließt um meine Kurven. Größe 34 passt wie angegossen. Mit meinen 1,65m und den Highheels harmoniert auch die Länge perfekt. Integriert im Kleid ist eine Art Cape, transparent. Echt extravagant, einfach wie ich es mag, ich kann es verspielt über nur eine Schulter legen oder damit als eine Diva meine Schultern bedecken. Das Cape kann ich auch ganz einfach fallen lassen, dann umschmeichelt es die Silhouette und lädt zum Träumen ein. Es gibt noch andere Farben. Schwarz darf es nicht sein, auf keinen Fall, das wäre zu normal und nicht edel genug. Türkis steht mir nicht, aber transparent-weiß ist die Sensation, das bin ich. Ein Blick auf das Preisschild wirft mich um. Das Seidenkleid kostet ungefähr soviel, wie der zweiwöchige Urlaub, den ich mit den Kindern und John in Spanien vor nun fast drei Wochen verbracht habe. 3.500 Euro, ein weißer, transparenter Wahnsinn in Seide. Ich kaufe ihn.
„Exklusiv-Tatoos“ schnappe ich wieder draußen an der Einkaufsmeile irgendwo auf. Plötzlich habe ich eine Idee, das Kleid gibt viel Haut, vor allem am Rücken, frei. Schmuck dazu habe ich nicht, ich trage kaum einen, aber so ein Kristalltatoo, könnte mir gefallen.
(2 Tage später, Freitagfrüh)
Hastig steige ich aus meinem Taxi und finde mich auch zum heutigen Valentinstag am Flughafen in München schnell zurecht. Die Karten meiner Kinder mit den klassischen Herzen habe ich wie immer heute früh noch in unserer Küche feierlich aufgestellt, ich liebe diese Dinge, auch wenn sie manche kitschig finden. Jetzt bin ich aber nicht Mama, sondern Businessfrau.
Peter drückt mir kurz und knapp die versprochenen Unterlagen in die Hand und gleich darauf finde ich mich beim Suchen meines Sitzplatzes im Frühflug nach Wien. Bei meinem obligaten Kaffee stöbere ich zunächst die Unterlagen von Sonja durch, ich hab sie gestern noch ausgedruckt, aber nicht mehr durchgesehen. Ron ist nie verheiratet gewesen, er hat Kinder, er hat keine Geschwister. Er hat in London studiert und promoviert. Wie ich hat er Jura studiert. Hat mehrere Immobilien in Moskau, London, Paris, Wien (ah ja), Miami (wow, muss schön sein), Montego…
Interessant – nicht gefährlich, urteile ich und nehme mir nun den Teil über sein Leben vor: Mehrere Gerichtsverfahren, allerdings wurde er noch nie verurteilt. (Clever? oder Glück?) Entscheidungen trifft er immer rasch, es gibt nichts, wo Ron Kern lange überlegt, wenn es für ihn in Frage kommt. (Gut zu wissen!) Immer wieder kommt er im Zusammenhang mit dem ukrainischen Mafioso Sergej Olgdrov vor, dazu fand Sonja aber nichts. Jahrelange Beratertätigkeit für die großen Energiekonzerne im Osten, das weiß ich ja bereits. Er hat auch ein eigenes Unternehmen. Früher segelte er anscheinend gut, er gewann mehrere Regatten in Übersee. Jetzt fährt er aber Speedbootrennen. „Wichtig!“ steht da quer über die Seite, das erregt meine Aufmerksamkeit, was ist wohl wichtig? Vor zwei Jahren ist Ron anscheinend für knapp ein Jahr von der Bildfläche verschwunden. Warum ist fraglich. Es wird vermutet, dass er von der brasilianischen Mafia festgehalten wurde, weil er bei Drogengeschäften mitkassiert hat. Ich lege die Unterlagen vor mir ab, schließe die Augen und resümiere: interessant, gefährliche Szene, gut? Nein, ich urteile lieber nicht, aber ich weiß sehr viel, ich bin zufrieden und fühle mich sicher.
Immer dann wenn ich Überraschungen vermeiden kann, fühle ich mich sicher. Viel mehr liebe ich es aber, wenn ich überrascht werde, schmunzle ich und packe die Unterlagen in mein Gepäck, das Flugzeug ist bereits gelandet und ich werde bald im Hotel sein, mich frisch machen und dann die Interessenten treffen.
„Guten Tag, Mrs Miller, Sie wurden umgebucht, es steht eine Suite für Sie bereit“, empfängt mich ein junger gutaussehender Italo-Typ mitten im Hilton in Wien. Suite? „Gut, klingt gut“, ich nehme die Keycard und folge dem Herrn amüsiert zu meiner Türe. Erst im vorletzten Stock verlassen wir den Lift, der nette Italiener öffnet mir eine große Türe. Überwältigt gebe ich ihm einen Fünfer Trinkgeld, wahrscheinlich viel zu wenig, das ist mir aber egal.
Ein rotweißes Rosenmeer und ich stehe mitten drinnen. Vor mir erstreckt sich ein Teppich aus Rosenblüten bis zur Glastür auf eine Terrasse. Dem Zauber folge ich, öffne die Tür nach draußen und mir liegt Wien zu Füßen. Atemberaubend, denke ich und wende mich wieder um, es ist kalt. Den Blüten folge ich hin zu einem Sideboard. Eine große Kristallvase bändigt einen Strauß von roten Rosen, darin steckt eine Karte. Neugierig greife ich nach ihr. In enger ausdrucksvoller Schrift steht dort:
Schließe die Augen.
Klettere mit mir auf den Regenbogen.
Auf einen Sonnenstrahl.
Hinauf zu den Sternen.
In die Unendlichkeit.
Mehr steht nicht drauf, ich wende die Karte, doch sie ist nur weiß. Berührt bin ich von einem unbekannten Zauber, aber ich weiß, die Karte ist von Ron. Es ist mir ganz und gar nicht recht, dass er seinen Namen nicht auch auf die Karte schreibt. Das macht mich unsicher. Dennoch ich liebe Überraschungen. (Vor allem solche und dann noch am Valentinstag.)
Keine Zeit zu träumen, raffe ich mich auf. Schnell wechsle ich meine Garderobe. Diesmal trage ich Jeans, hellblau in Bereichen fast weiß ausgewaschen mit Kristallen besetzt (unechte natürlich), dazu passend ein weißes Top, eng mit weitem Carmenausschnitt, so kommt mein Swarovski-Tatoo an meinem Nacken bereits jetzt gut zum Ausdruck. Hochsteckfrisur und natürlich Highheels von Milano in weiß mit Perlenapplikationen. So suche ich nun in einem anderen Geschoß des Hauses den Saal C.
Ist das nicht Herr Schulze von der RAC, denke ich mir, als ich einen großen gebräunten Herrn mit Glatze vor einer Türe im Kreise anderer Männer in Anzügen sehe. „Guten Tag, Mrs Miller“, erkennt auch er mich und befreit sich mit ein paar Schritten in meine Richtung aus dem Kreis. Einem nach dem anderen werde ich nun von Herrn Schulze vorgestellt. Auch die Politik hat sich heute eingefunden, vorgestellt wird mir der österreichische Minister Tadermahner. Er gibt mir entzückt die Hand: „Hallo, Mrs Miller, schön Sie kennen zu lernen.“ „Guten Tag, ich freue mich auch, Sie persönlich kennen zu lernen“, erwidere ich und bin erstaunt, dass die Erzählungen über sein Äußeres so exakt zutreffen – naja, schön ist eben anders. Gekonnt wende ich mich den weiteren Gästen zu und entkomme knapp einem Klapser, für den der Minister doch beinahe schon berühmt ist. So nehmen wir den Saal C Stück für Stück mehr ein. Gut fünfzehn Herren und keine Frau, das finde ich ok, ich bin’s gewöhnt, wo ist aber Ron?
