4,99 €
Im finalen Teil der Rebels-Trilogie muss die Gruppe von Rebellen um die Zwillinge Jason und Derek Adams ein letztes Mal gegen die immer gefährlicher werdende Übermacht des Weltkonzerns WarTech einstehen. Jeder Einzelne wird auf die Probe gestellt, muss nicht nur gegen äußere Feinde, sondern auch gegen innere Dämonen kämpfen. Im packenden Finale der Rebels-Reihe wird sich alles entscheiden, es geht um nichts weniger als Leben und Tod. Kann der Widerstand, der durch innere Konflikte auseinander zu brechen droht, WarTech besiegen?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2019
Über den Autor
Jan Steinmacher wurde 2001 geboren und veröffentlichte mit „Rebels - Der Anfang“ 2017 seinen ersten Roman, der im Folgejahr mit „Rebels - Die Legende“ eine Fortsetzung erhielt. „Rebels - Letzter Aufstand" vervollständigt die erste Trilogie des Autors, der 2019 die Abiturprüfungen ablegte, als letzte Teil der Reihe.
Jan Steinmacher
Rebels - Letzter Aufstand
© 2019 Jan Steinmacher
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-5173-0
Hardcover:
978-3-7497-5174-7
e-Book:
978-3-7497-5175-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für eine gute Zukunft
PART I
„Die Geschichte der Freiheit ist eine Geschichte des Widerstands“Woodrow Wilson
1
Jason Adams öffnet die Augen. Schwer atmend richtet er sich auf, die Haare vom Schlamm verklebt. Er muss genau dort auf dem Boden eingenickt sein, wo sein Bruder Derek und dessen neugewonnener Freund Aiden ihn zurückgelassen haben.
Mühsam steht er auf und taumelt, noch benommen vom Schlaf, auf wackligen Beinen zurück zu seinem Zelt. Auf dem scheinbar nie enden wollenden Weg schaut er sich im Lager um, erkennt jedoch alles nur verschwommen. Er legt einen kurzen Stopp an einem kleinen, eiskalten Weiher ein und weicht seine verkrusteten Haare darin auf, während er einen Schrei unterdrücken muss. Dieses Gewässer macht Oimjakon ohne Frage Konkurrenz. Er weiß, dass er keine Zeit hat, der guten Beziehung mit seinem Bruder nachzutrauern, auch wenn er gerade nichts lieber tun würde, als sich mit Schokolade und einer Decke in sein Zelt zu kuscheln. Die Erinnerung an das Leben in der Zivilisation, die so nah und doch gleichzeitig so weit weg ist, verliert man selbst in den härtesten Zeiten nicht.
In dem Moment kommt ihm jedoch ein anderer Gedanke, der ihn wie ein harter Schlag trifft, seine Mission. Die Mission, an der Leben hängen. Das Flugzeug, das über entferntem Gebiet abgestürzt ist und in dem sich wichtige Leute für die Zukunft der Rebellion befinden - oder befanden. So wurde es ihm zumindest gesagt. Und mit jeder Sekunde, in der er und sein Team sich noch innerhalb der Wälle dieses Camps befinden, sinken die Überlebenschancen derer drastisch, die vielleicht überlebt haben.
Er hat einen Zeitpunkt festgelegt, zu dem sich sein Team am Ausgang des Camps einfinden sollte und jetzt kann nicht einmal er selbst sich daran halten.
Im Zelt angekommen macht er sich in größter Eile fertig, streift sich ein enges Funktionsshirt über, das nachts die Kälte abhalten soll, und bettet sieh im Zwiebellook in frische Klamotten; ein verstärktes T-Shirt, darüber einen dicken Kapuzenpulli, eine Tarnhose und darunter eine enge lange Unterhose, schwere Stiefel und eine Funktionsjacke, die er nur wenige Stunden vorher aus dem kleinen Lager mitgenommen hat.
Dann packt er seinen Rucksack mit den notwendigen Dingen; ein kleines Zelt, zwei Schusswaffen, zwei Messer, viel Wasser und etwas Proviant. Jason hasst Eile, besonders, wenn sie entweder durch seine eigenen Regeln oder durch seinen Bruder verursacht wurde. Und hier ist gleich beides der Fall.
Mit beiden Händen packt er die Planen, die das Zelt bedecken, und schiebt sie energisch nach außen. Er saugt die frische Luft tief in seine Lungen, dann richtet er sich auf.
„Hey, Jase!“, ertönt da eine Stimme hinter seinem Rücken, die aus seinem Zelt zu kommen scheint. Er dreht sich mit misstrauischem Blick um und steht seinem Freund Keenan Kennedy gegenüber, der mit verschränkten Armen vor dem Eingang von Jasons Zelts steht.
„Bist du da gerade rausgekommen?“, erkundigt er sich verblüfft und zeigt auf sein Zelt, doch Keenan schüttelt energisch den Kopf und geht einen Schritt auf Jason zu.
„Habe nur einen Blick reingeworfen, ich dachte, du wärst dort drinnen. Wo gehst du hin?“
„Hat es dir dein Vater nicht erzählt? Ich leite eine Rettungsmission, eine äußerst wichtige wie es hieß. Das macht mich, ehrlich gesagt, ein bisschen nervös. Draußen gab es einen Flugzeugabsturz einer Rebellenmaschine, die ich mit meinen Leuten bergen soll. Es hieß, dass wichtige Leute in dem Flugzeug waren, Überläufer und Informanten, und eventuell noch gerettet werden könnten. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit.“
„Jaja, ich weiß. Aber genau deswegen bin ich hier. Kann ich… vielleicht mitkommen? Ich habe hier kaum etwas anderes zu tun, als ab und zu Wache zu schieben und ständig Proviant von A nach B zu schleppen. Ich meine… ja, ich erinnere mich, dass ich dir letztens nicht helfen konnte, weil ich zu beschäftigt war, aber jetzt ist das nicht mehr so. Beziehungsweise, vielleicht bräuchten die mich, aber diese immer gleiche Leier macht mich fertig. Ich muss hier raus. Bitte, nimm mich mit!“, bettelt Keenan mit mitleidserregendem Hundeblick und tritt noch einen Schritt näher an Jason heran.
„Keen, ich bin dein Freund und nicht dein Vorgesetzter. Von mir aus geht das klar, ich kann auf dieser Exkursion jeden starken Mann gebrauchen, der ein fähiger Schütze ist. Du wärst ein Segen für mein Team, also meinetwegen bist du dabei. Dann, sag deinem Vater, dass du mitgehst und pack dein Zeug. Wir warten am Südtor auf dich, alles klar?“
Keenan nickt breit grinsend, dann joggt er in Richtung des Kommandozelts davon.
Keine zwanzig Meter weiter wird Jason, der endlich zu seinem Team stoßen will, erneut aufgehalten.
„Jason?!“, ruft Kelly Henderson, die Ärztin seines Vertrauens und inzwischen lange Bekannte Jasons.
Er seufzt angestrengt und lächelt etwas gezwungen. „Gerade ist aber auch wirklich das komplette alte Camp New Home auf einem Fleck…“
„Mag sein. Habe ich richtig mitbekommen, dass du eine Mission leitest?“
„Komm, wir gehen ein Stück beim Reden“, sagt er angespannt und bewegt sich langsam weiter in Richtung des Südendes des Camps. „Ja, du hast richtig gehört. Es geht um einen Flugzeugabsturz von neuen Rekruten und wichtigen Leuten für uns, ich gehe davon aus, dass Admiral Stark den Flieger geschickt hat. Sie wissen schon, der Mann, der auch uns damals in ein Rebellencamp gebracht hat. Kelly, ich danke dir für dein Interesse, aber ich muss jetzt dringend gehen, alles -
Plötzlich rufen weitere Stimmen Jasons Name, doch diesmal weitaus hektischer und aggressiver als zuvor Kelly und Keenan.
Er erkennt die beiden Stimmen sofort.
„Cage? König??“, fragt er und dreht sich abrupt um. Erst der Sohn, jetzt der Vater, erst Keenan, nun Cage Kennedy.
„Jason, warum seid ihr noch hier??“, fragt Cage schwer atmend und stiert ihn mit einem ungläubigen, fast entsetzten Blick an.
„Wir sind gerade auf dem Weg, es gab Verzögerungen“, erklärt er. „Ich verstehe. Aber ihr müsst jetzt raus, dringend“, sagt Cage mit ruhiger Stimme, doch ist es deutlich, dass er äußerst unruhig und angespannt ist.
Im Kopf Jasons macht sich Verwirrung breit, Cage ist normalerweise ein zutiefst bedächtiger Mensch, den sonst nur schwerlich etwas aus der Ruhe bringen kann.
„Späher haben uns gemeldet, dass eine durchaus ernst zu nehmende Truppe der Western Pirate Union auf das Camp zumarschiert und es ist von großer Wichtigkeit, dass ihr die Absturzstelle so bald wie möglich erreicht.“
Just in dem Moment kommt ein Mann angeritten, das schäu-mende Pferd kommt wenige Meter vor ihnen zum Stehen.
„Sir! Sir! Das war noch nicht alles. Ein zweiter und dritter Trupp von denen ist im Anmarsch, sie kommen! Commander Kennedy, wir werden angegriffen!“, schreit der Bote und seine Worte überschlagen sich fast, während sich seine glasigen Augen weiten.
„Das… das kann nicht sein. Wir waren gerade in den Angriffsplanungen, da sagten unsere Späher, unser Angriff wird planmäßig stattfinden können! Jetzt werden wir in die Defensive gedrängt??“, fragt König Azrael entgeistert und völlig verständnislos.
„Bei allem Respekt, mein König! Wir müssen reagieren, es bringt uns nichts, hier zu verharren und zu bedauern, dass wir uns nicht an unseren Plan halten können! Kelly, lass sofort in allen Ecken des Camps verlauten, dass die Soldaten ihre Posten einnehmen müssen. König, lassen Sie sich von Ihrer Leibwache umgehend in Sicherheit bringen! Wir befinden uns im Krieg!“, dröhnt Cage mit durchdringender Stimme und lädt zur Unterstreichung seiner Worte die Waffe in seiner Hand durch.
Noch im selben Moment kommen sowohl Prinz Kendrick, König Azraels Sohn, als auch seine beiden engsten Vertrauen, Chefberater Edward Grey und Oberbefehlshaber Commander Racker, um die Ecke und auf die vier zu.
„Hört mir jetzt genau zu, alle. Bitte auch Ihr, König Azrael“, sagt Cage und schaut in die Runde.
„Edward, schaffen Sie den König hier weg. Er soll zusammen mit Rex, seiner Leibwache und dem Rexagon in ein sicheres Zelt gebracht werden, dort …
„Ich werde den König in Sicherheit schaffen, ja. Auch wir kommen mit besorgniserregenden Neuigkeiten, es geht um König Rex.“
„Dann gebt uns einen Lagebericht“, sagt Cage sachlich, doch Azraels stichelt sofort gegen den anderen König, für den er nach wie vor nicht allzu viel übrighat.
„Ist er geflohen?“
„Ganz im Gegenteil… als er von den anrückenden Feinden gehört hat, hat er all seine Männer bewaffnen und auf die Wälle gehen lassen. Aber er selbst und das Rexagon, nun ja, die haben sich die schnellsten Pferde aus den Stallungen geholt und reiten auf das Südtor zu. Es scheint mir, als wollten die der WPU direkt hier und jetzt die Stirn bieten, allein.“
In diesem Moment dreht Cage seinen Kopf ruckartig zu Jason, der den Blick panisch erwidert.
Das Südtor.
„Kendrick!“, ruft Cage, grabscht nervös in seinen Jackentaschen herum und hält kurz darauf triumphierend einen Autoschlüssel in die Höhe.
Er wirft ihn dem Sohn des Königs zu, woraufhin der wissend nickt. „Jason!“, brüllt der Prinz daraufhin in der Manier Cages und Jason lässt es sich nicht zweimal sagen, Kendrick zu folgen.
„Ihr müsst hinten raus, Jason, hinten! WEG von diesem Südtor, verstanden??“
Jason hat definitiv verstanden. Das Südtor wird sich in kürzester Zeit zu verbrannter Erde verwandeln.
„Kendrick, pass auf dich auf, mein Sohn!“, kann König Azrael im letzten Moment noch rufen.
Während die beiden Jugendlichen in höchstem Tempo zwischen den Zelten entlang sprinten, hebt Kendrick seinen rechten Arm, um seinem Vater zu zeigen, dass er genau das tun wird.
„Wo gehen wir hin?“, fragt Jason seinen Begleiter schwer atmend, während sie Meter um Meter hinter sich lassen, als wäre der Teufel selbst hinter ihnen her.
„Alter Pickup. Wie Cage sagte, wir müssen hinten raus. Ich weiß, durch Keenan und mich seid ihr zwei mehr geworden, aber damit musst du jetzt leben“, presst Kendrick atemlos zwischen den Schritten heraus.
Nach einem gefühlten Kilometer erreichen sie endlich den mitgenommen aussehenden Ford-Pickup aus früheren Zeiten, den wohl irgendjemand auf einer Fähre hierhergeschafft hat.
Kendrick klemmt sich umgehend hinters Steuer und Jason hechtet auf den Beifahrersitz, während der Prinz Gas gibt.
Sie rasen die Wege entlang, die nicht von Zelten oder Feuerstellen gesäumt sind, überholen auf dem Weg eine in Höchstgeschwindigkeit galoppierende Reiterkolonne, an deren Spitze sie König Rex erkennen können, der mit verbissenem Blick geradeaus blickt und eine halbautomatische Waffe in der Hand schwingt.
„Drück drauf!“, brüllt Jason verzweifelt. Er kann seinen Blick nicht vom Rückspiegel abwenden, während sich eine dunkle Staubwolke hinter den immer schneller werdenden Reitern in die Lüfte erhebt.
Damit versteinert sich auch auf Kendricks Miene eine verbissene Entschlossenheit und er drückt das Gas noch weiter durch, bis sie schließlich driftend und mit Schlamm spritzend das Südtor erreichen.
Dort steht das völlig verwirrte Team Jasons, deren Blicke unbezahlbar sind, als sie Kendrick und Jason im Führerhaus des kleinen Trucks erkennen.
Dutzende um Dutzende von schwer bewaffneten Soldaten stürmen auf die Brüstung des Walls und einige schwärmen nach draußen. Einige Augenblicke vergehen, dann hat auch das Rexagon mit ihrem exzentrischen König an der Spitze aufgeholt und reitet nun geradewegs durch das Tor und in den Kampf.
„Macht Platz dem König!“, dröhnt ein massiger Reiter weit vorne mit tiefer, lauter Stimme.
Unterdessen windet sich Jason aus dem Pickup und richtet hektische Worte an seine Freunde.
„Wir müssen sofort weg hier, das Camp wird angegriffen. Fragt nicht, das können wir alles später klären. Jetzt alle sofort rein hier, schmeißt euch auf die Ladefläche und auf den Rücksitz, stapelt euch von mir aus, aber bitte beeilt euch!“
Alexa wirft ihre gepackte Tasche unsanft in den geräumigen Kofferraum - die anderen tun es ihr nach - und setzt sich ohne Nachzudenken auf Jasons Schoß. Lee, E.T., Fiona und Keenan hechten sich nacheinander auf die Rückbank, wo sie sich zusammenquetschen, während die restlichen sechs mitsamt ihrem Gepäck auf die Ladefläche springen.
Bella, Decker, Cara, Sofia, Michelle und Hank sind die Unglücksraben und müssen sich tatsächlich stapeln, wobei sowohl der ExSeal Jake Decker als auch Hank die wirklich schlechten Karten ziehen und unten liegen müssen. Im letzten Moment reißt Sofia die Heckklappe zu und noch während Kendrick mit quietschenden Reifen anfährt, fallen draußen vor dem Tor die ersten Schüsse, zwei Heere prallen aufeinander und bestialische Schreie von sterbenden Soldaten auf beiden Seiten ertönen.
Der Krieg hat begonnen.
2
„Laufen Sie! Laufen Sie!“, hetzt Cage und scheucht den alten Edward Grey und König Azrael vor sich her, während ihnen bis an die Zähne bewaffnete Soldaten entgegenkommen und sich, ohne sie eines Blickes zu würdigen, einen Weg in Richtung Südtor des Camps bahnen.
Ich sollte in die genau entgegengesetzte Richtung laufen, zur Hölle nochmal!, ist der Gedanke in Cages Kopf, der sich wieder und wieder wiederholt.
„Bleibt stehen!“, sagt er dann plötzlich und blickt in zwei verwirrte Gesichter.
„König, warum ist Eure Leibwache nirgends zu finden?? Das kann doch nicht wahr sein, oder? Die haben nur einen einzigen Job!“, empört sich Cage, der eine solche soldatische Disziplin und Unachtsamkeit nicht verstehen kann.
„Ach, zur Hölle mit Ihnen, Kennedy! Hören Sie auf, ständig zu jammern. Wo zum Teufel ist Commander Racker überhaupt hingegangen?? Der sollte für meine Sicherheit zuständig sein!“
Wie gerufen taucht dann plötzlich wirklich Rackers blutendes Gesicht in ihrem Blickfeld auf. Er prescht in Schieflage auf einem weißen Schimmel heran und kommt vor den dreien hustend zum Stehen, dann steigt er keuchend ab und stützt sich auf seine Knie. „Gerade haben wir über Euch geredet. Was ist los? Ihr seht mitgenommen aus, Commander“, sagt Cage und mustert Racker von oben bis unten.
„Grey, bringen Sie den König in eines der Zelte und treiben Sie zwei fähige Soldaten auf, die Wache halten können. Cage, ich brauche dich jetzt. Deine ersten beiden Einheiten stehen führerlos vor den Toren in der Reserve. Es reicht schon, dass die ganzen Einheiten des Prinzen ohne Anführer dastehen, North und seine Männer noch nicht von der Patrouille zurück sind.“
„Was?! Die werden ins offene Messer laufen, wenn wir sie nicht warnen! Die müssen durch das Nordtor kommen, oder sie werden überrannt.“
„Das ist geregelt, wir haben unsere schnellsten Boten geschickt. Jetzt brauche ich dich aber vorne an der Front!“ Cage lässt es sich nicht zweimal sagen. Er schwingt sich leichtfüßig hinter Racker auf das Pferd, und der Commander gibt dem Schimmel die Sporen.
„Wie sieht es mit Rex aus??“, erkundigt sich Cage, während ihnen der Wind um die Ohren pfeift und der Hengst geschickt durch das Meer aus Zelten galoppiert.
„In der Bredouille. Sieh es dir selbst an.“
Nach wenigen Minuten kommen sie am Südtor an und schon von weitem ist der Lärm der Schlacht zu hören. Racker steigt sofort ab und überlässt Cage das Pferd, mit dem der zu seinen zwei Einheiten reitet. Dort angekommen richtet er sofort das Wort an sie:
„Männer! Wir müssen einen König retten. Rex und sein Rexagon haben Probleme da draußen. Jetzt heißt es, sie zu evakuieren. Wir fusionieren diese beiden Einheiten auf der Stelle“, erklärt er mit lauter und zugleich enorm ruhiger Stimme. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, rücken die beiden Truppen im Gleichschritt zu einer großen Einheit zusammen.
„Jeeps vorne raus, Keilformation. Reiter an die Flanken, Trichter. Quads hinter die Jeeps, nach meinem Befehl durch die Lücken ausschwärmen. Speeder hierlassen. Alle Fußsoldaten hinter die Quads. Quad-Fahrer, sobald ihr ausschwärmt, nehmt ihr euch deren Flanken vor. Fußsoldaten, dann das Feuer eröffnen. Wir schließen das Rexagon in unserer Mitte ein und rücken dann ab. Alle Mann, auf geht´s!!“, brüllt er, stößt seine rechte Faust gen Himmel und marschiert mit festen Schritten, unter denen die Erde zu erzittern scheint, auf das Tor zu. Dort angekommen springt er auf ein Quad und lässt den Motor aufheulen.
Der Kampf ist kräftezehrend und es kommt auf beiden Seiten auf jede Patrone an, bei den sich verschanzenden Rebellen jedoch noch viel mehr, da sie keine Chance auf Nachschub haben.
Das Scharmützel zieht sich hin, doch nach einer Weile schaffen es Cages Truppen, Rex und seine Männer zu erreichen und für sicheres Geleit hinter die Wälle zu sorgen. Für den riskanten Einsatz galt es allerdings einen Preis zu zahlen; drei gute Soldaten sind gefallen und auch zwei der Quads mussten zerstört auf dem Schlachtfeld zurückgelassen werden.
Mit einem lauten Krachen schließen die beiden Tore des Südwalls, als auch der letzte Soldat hindurch ist. Die völlig erschöpften Männer Cages und Rex´ liegen und sitzen weit verstreut, schwer atmend, aber größtenteils unverwundet auf der freien Wiese hinter dem Südtor, während den Soldaten auf dem Wall nicht einmal eine kurze Pause vergönnt ist. Sie kauern dort vor Anstrengung schwitzend und feuern vereinzelte Salven über die Brüstung, um die WPU-Männer so gut es geht auf Entfernung zu halten.
„Wie, zum Teufel, kommt Ihr auf die höllisch dumme Idee, dort einfach rauszustürmen??“, tobt einer von Cages Unteroffizieren unterdessen und starrt Rex entgeistert an, während Cage selbst nur mit grimmigem Blick danebensteht.
„Wir wollten dieses Camp und die Leben darin schützen, im Gegensatz zu anderen Führungskräften hier“, sagt Rex eiskalt und wirft Cage einen abschätzigen Blick zu.
„Rex, Cage, wir müssen das Ganze hier vernünftig und rational angehen. Lasst uns zu einer Generalstabsitzung zusammenkommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen“, sagt Azrael, der inzwischen auch zum Südtor gekommen ist, und schaut die beiden Streithähne erwartungsvoll an.
Rex atmet langsam und tief ein und aus, es wirkt, als müsste er sich selbst daran hindern, Azrael mitten ins Gesicht zu schlagen.
Wo der Herrscher über den größten Teil des Vierten Sektors normalerweise stets äußert berechnend und ruhig bleiben kann, ist der andere König des Sektors ein Dorn in seinem Auge und dessen Handlungen haben ihn schon oft an die Grenze seiner Geduld gebracht.
„Azrael, eine Sitzung? Die Feinde stehen vor den Toren, die bauen da gerade eine Belagerung auf oder überlegen, wie sie uns am besten überrollen können und Sie wollen eine Sitzung einberufen? Verstehen Sie nicht, dass die Zeit für Sitzungen vorüber ist? Wir müssen handeln, es ist ohnehin schon viel zu viel geredet worden!“, brüllt Rex jetzt derart laut, dass selbst Meter entfernt stehende Soldaten zusammenzucken.
„Ich muss Rex in diesem Punkt Recht geben, König. Die Zeit zu handeln ist gekommen“, drängt auch Cage und nickt Rex zu, der die Geste grimmig erwidert.
„Ich schlage vor, wir formieren funktionierende Einheiten aus allen verfügbaren Soldaten und greifen an, wenn sie es nicht erwarten“, sagt Cage und wartet angespannt auf eine Antwort der beiden Könige.
„Nein. Dafür haben wir nicht die Zeit, Kennedy. Wir müssen sofort angreifen. Mit einem sofortigen Angriff rechnen die nicht, es ist unsere beste Chance“, sagt Rex bestimmt und es wird deutlich, dass ihn von dieser Ansicht nichts mehr abbringen wird. Doch Azrael schüttelt nur den Kopf.
„Verstehen Sie beide nicht, dass wir nicht in der Lage sind, anzugreifen? Unsere Männer sind geschwächt, die können heute sicher keine Schlacht mehr gewinnen.“
Die drei schauen sich an und die vergiftete Atmosphäre ist fast greifbar, dann packt Rex plötzlich sein Walkie-Talkie und benachrichtigt Horren, den Leiter des Rexagons. Keine fünf Sekunden später macht Azrael das gleiche und lässt seine gesamte Leibwache und die Soldaten Safarias auflaufen.
„WALLWACHEN!“, ruft derweil Cage und eilt den Aufgang zum Schutzwall empor. „Lasst niemanden hier raus, außer ich befehle es“, sagt er.
Ein äußerst merkwürdiges Bild ergibt sich aus all dem Wirrwarr. Sämtliche Wachposten auf dem Wall haben ihre Waffen angelegt, zielen jetzt jedoch nicht mehr auf den Feind draußen, sondern auf die Männer unter ihnen, die auf der Wiese hinter dem Südtor stehen.
Dort passiert dasselbe Schauspiel; Waffen werden geladen und Soldaten des Rex-Empire zielen auf die Köpfe der Safaria-Männer, während diese die Wallwachen und Empire-Soldaten ins Visier nehmen.
Oben auf der Brüstung steht Cage und blickt nach unten, wo sich Azrael und Rex gegenüberstehen und einander unsicher anschauen.
„Ich glaube, wir haben hier eine klare Patt-Situation. Und wenn, wie ich sehr hoffe, keiner von uns ein Massaker an den eigenen Leuten befehlen will, so kommen wir auf diese Weise nicht weiter“, sagt Cage laut, damit die beiden ihn deutlich verstehen.
Im selben Moment kommen zwischen den nächstgelegenen Zeltreihen drei Pferde angeprescht. Commander Racker, Azraels rechte Hand, ist der erste, der absteigt. Captain Michael Yeager und Edward Grey, die beide ebenfalls Männer aus Safaria sind, folgen seinem Beispiel.
„Was zur Hölle ist hier los?“, fragt Yeager nervös und beäugt dieses einmalige Mexican standoff ungläubig.
Es ist eine Situation, die von keinem gewonnen werden kann.
„Ich habe einen Vorschlag, Azrael, Cage“, erklärt Rex und wirft den beiden einen Blick zu, während jeder der Drei in einer verwunderlichen Einigkeit konsequent die drei Neu-ankömmlinge ignoriert, selbst Azrael.
„Wir halten eine Wahl ab. Die Soldaten selbst stimmen ab, wir tragen unsere jeweiligen Meinungen vor. Einverstanden?“
Beide überlegen kurz, nicken dann verbissen und mit versteinerten Blicken.
Dass auch Rex nicht ganz zufrieden ist, ist ihm deutlich anzusehen. Der Wahlkampf ist eröffnet.
3
Die auf unmenschlich wenig Platz zusammengepferchten Jugendlichen fahren fast 20 Minuten über Wurzeln, Büsche und Steine, bis der Motor plötzlich zu röcheln beginnt.
„Verdammt!“, brüllt Kendrick und schlägt mehrfach auf das Lenkrad ein, bis Jason seine Faust packt und ihn eindringlich anstarrt. „Kendrick! Lass das. Es bringt die Karre auch nicht wieder zum Fahren. Kommt schon, alle raus. Wir machen Pause und unterdessen werden E.T., Decker, Kendrick und ich uns das Auto mal anschauen, vielleicht bringen wir das Kätzchen ja wieder zum Schnurren“, sagt er entschlossen und lässt erst Alexa aus der Beifahrertür steigen, dann setzt auch er seine Stiefel auf den matschigen Waldboden.
Nach und nach verlassen alle den Pickup und setzen sich in kleinen Grüppchen an den Wegesrand. Nur der junge Königssohn, Decker, Technikgenie E.T. und Jason selbst bleiben beim Wagen.
„Hey Jase, warum lässt du Keenan, Lee und mich nicht helfen?“, fragt Hank verstimmt und schaut Jason unglücklich an.
„Weil ich es sage. Bei wichtigeren Entscheidungen beziehe ich eure Meinung gern in meine Entscheidung ein, aber wir müssen keine Zeit verschwenden und bei jeder Winzigkeit diskutieren“, erwidert Jason ernst und widmet sich wieder dem Pickup.
Während ein etwas verstimmt wirkender Hank beschwichtigend von Alexa weggeführt wird und Sofia mit netten Worten neben ihm herläuft, öffnet Ex-Seal Decker die Motorhaube, aus der es kräftig und widerwärtig stinkend qualmt.
„Jason, komm mal kurz mit“, sagt er zähneknirschend und zieht Jason mit sich hinter den Wagen. Dann beginnt er zu reden, nachdem er sich vergewissert hat, dass keiner der anderen zuhört.
„Du weißt, dass ich ein Werkstatt-Kind bin, ich habs dir erst letztens erzählt, aber für das da brauche selbst ich einige Stunden. Wir sollten die anderen jedoch nicht so schnell demotivieren. Du wirst ihnen sagen, dass ich das Problem bald in den Griff bekomme, wir hier aber trotzdem ein Lager aufschlagen, da es ohnehin spät ist. Ja?“
„Okay, machen wir es so. Hinten ist noch Werkzeug, halt dich ran, Jake. Ich will hier nicht unnötig lange bleiben. Und du weißt, in unserem Fall bedeutet Zeit Leben.“
Einige Minuten später macht sich Decker ans Werk, während ihm E.T. assistiert. Jason hat die anderen inzwischen aufgefordert, das kleine Lager aufzuschlagen. Er baut gerade zusammen mit Kendrick ein Zelt auf, als er Lee etwas abseits sitzen sieht.
Mit langsamen Schritten geht er auf seinen asiatischen Freund zu. „Lee?“, fragt er vorsichtig, doch der starrt gedankenverloren ins Leere. „Hey, darf ich mich zu dir setzen?“
Lee antwortet nicht gleich, nach einer Weile nickt er aber und rückt ein Stück zur Seite, um Jason neben sich sitzen zu lassen.
Die beiden wechseln für mehrere Minuten kein Wort, schauen gemeinsam dabei zu, wie Decker am Wagen schraubt und blicken lange in den Himmel. Dann ist es Jason, der das Schweigen bricht. „Damals, in Sieben, als mein Leben noch normal war und mein Bruder und ich gemeinsam mit unseren Eltern im kalifornischen Bezirk gelebt haben, habe ich auch gern einfach in den Himmel geschaut. Ich habe die vorbeifliegenden Hovercrafts von WarTech oder von verschiedenen Reisegruppen beobachtet und irgendwie hat mich das entspannt. Es ist ein komisches Gefühl, hier in den Himmel zu schauen und keine …“
Plötzlich wird er von einem markerschütternden Schrei unterbrochen. Keine Sekunde später peitschen mehrere Schüsse durch die Luft und Jason springt alarmiert auf. Er sprintet zu dem Ford-Pickup, umrundet ihn und findet ein furchtbares Schauspiel vor.
Hank liegt blutend am Boden, während ein muskulöser Puma auf ihm thront und sich scheinbar in seinem Arm verbissen hat. Die Schüsse wurden offensichtlich von Fiona, Alexa und Sofia abgefeuert, die allesamt mit ihren Waffen dastehen und zitternd auf das Raubtier zielen.
„Gebt ihm den Rest, zum Teufel!“, brüllt Jason hysterisch und Sofia ist die erste, die reagiert und dem Tier mehrere Kugeln in den Körper jagt, bis es über Hank zusammensackt.
Inzwischen ist auch Lee zu ihnen gestoßen, der jetzt gemeinsam mit Jason den Leichnam des Tiers von Hanks lädiertem Körper hebt.
„Kümmert euch um Hank, sofort! Lee, hilf mir, das Ding auf die Ladefläche zu bringen. Wir haben sowieso nicht genug Proviant dabei. Das wird uns jetzt für einige Tage wenigstens gut versorgen können“, sagt Jason und Lee nickt zustimmend.
Während die beiden den Transport des toten Pumas angehen, muss Decker auf einen völlig verstörten E.T. beruhigend einreden und Michelle, Bella und Sofia sind damit beschäftigt, Hanks Wunden zu verbinden. Er wurde übel zugerichtet. Cara und Keenan checken die Munition, die ihnen noch geblieben ist und Kendrick steht besorgt und an seinen Fingernägeln kauend über dem Mädchengespann, das sich angestrengt um Hank kümmert.
„Cara, wie sieht es aus?“, fragt Jason laut, woraufhin Cara den Kopf schüttelt und ihre Lippen zusammenpresst.
„Drei volle Magazine fürs Gewehr, ein volles für die Pistolen. Drei fast leere fürs Gewehr und vier halbvolle für die Pistolen.“ Die beiden werfen sich einen ernsten Blick zu, dann wendet sich Jason an Keenan.
„Keenan. Erstell einen Plan, wie wir Nahrung und Munition rationieren, okay?“
Der dunkelhäutige Jugendliche nickt und zeigt Jason seinen nach oben gerichteten Daumen.
„Kendrick, wie sieht es bei euch aus?“, fragt er angespannt, doch es ist Bella, die ihm antwortet.
„Er wird vorerst auf jeden Fall durchkommen und momentan sieht es nicht so aus, als würde es sich entzünden. Die Betonung liegt auf momentan. Jetzt braucht es gute Verbände und viel Glück“, erklärt sie ernst und richtet ihren Blick danach sofort wieder auf „ihren Patienten“.
„Jake, E.T.?“, fragt er dann noch und schließt damit seine Fragerunde ab.
„Vermutlich besser als drüben bei Hank, aber trotzdem deutlich zu schlecht. Wir sind nicht gerade sehr viel weiter gekommen…“, erklärt E.T. bedrückt und sich immer noch von dem Schock erholend.
„Lee“, sagt Jason, dreht sich um, hält dann jedoch inne. „Lee?“, fragt er angespannt, doch sein Freund ist weit und breit nicht zu sehen.
„FUCK!“, brüllt Decker plötzlich und hämmert gegen die Karosserie des Pickups.
„Alle sofort in den Wagen, los, los, los!“, schreit er, rennt selbst zum Verwundeten und hebt ihn sanft zu sich hoch. Die anderen folgen seiner Anordnung, ohne sie zu hinterfragen und klettern entweder in den Pickup, auf die Ladefläche oder gar aufs Dach des Führerhäuschens.
Decker hat Hank sanft neben der Leiche des Pumas abgelegt, als er den anderen schwer atmend zeigt, wieso er plötzlich die Flucht angetreten hat.
Jetzt erblicken auch die anderen die beiden Raubkatzen, die mit gespitzten Ohren um den Wagen herumschleichen.
Die Brüder des ersten Angreifers sind gekommen und sie scheinen nicht gerade begeistert vom Tod ihres Artgenossen, den sie ohne Zweifel witterten.
„Lee, du bist da unten, oder?“, fragt Jason, der sich selbst auf das Dach gelegt hat, seine Antwort jedoch von Cara bekommt.
„Lee ist nicht hier bei uns. Ich dachte, er wäre bei dir?“, sagt sie langsam und mit merklicher Angst in der Stimme. Jason dreht sich ruckartig um und inspiziert die Ladefläche, sieht dort jedoch nur Decker, Michelle, Bella, E.T und Hank, der immer bleicher wird. Keine Spur von Lee.
4
„Das ist nicht euer Ernst, oder?“, fragt Yeager, der sich zu Cage gesellt und damit als Einziger nicht zu König Azrael gehalten hat. „Ihr haltet eine Wahl ab, während wir da draußen belagert werden und die reihenweise unsere Wallwachen ermorden? Unmöglich, Cage…“
„Ich weiß selbst, dass es nicht das richtige Vorgehen ist, aber wenn wir kein Massensterben in den eigenen Reihen riskieren wollen, ist das wohl die einzige Lösung. Und Rex wäre bereit dazu, das habe ich gespürt“, antwortet Cage nachdenklich und sichtlich müde.
„Cage, du weißt, dass ich nur hier stehe, weil ich deinen Ansatz für den Sinnvollsten halte. Ich müsste dort unten bei König Azrael sein und bin mir jetzt schon sicher, dass mir das bald ein Haufen Probleme machen wird. Der Mann hat mir vertraut, mich befördert, mir immer wichtigere Aufgaben gegeben und ich danke ihm das so? Scheiße. Aber trotz allem hat das Überleben des Camps und all der Menschen darin oberste Priorität, weitaus mehr als jede Loyalität. Deswegen musst du unter allen Umständen diese Wahl gewinnen. Dann können wir heute Nacht angreifen und das ist meines Erachtens nach unsere beste Chance, zu überleben.“ „Ich danke dir für deine Unterstützung, Mike. Aber die Chancen für mich stehen schlecht, das brauche ich dir nicht zu sagen. Ich habe deine, Kellys und meine Stimme sicher. Vielleicht noch einige der Wallwachen, aber wer noch sollte für mcih stimmen? Azrael und Rex haben Armeen! Ich kann nur verlieren.“ „Es gibt noch die Clans, die Leute Lord Khans, sämtliche Wallwachen, nicht nur einige. Außerdem können wir hundertprozentig noch einige Soldaten aus den Reihen der beiden für uns gewinnen. Es geht immerhin darum, dass über die Ideen abgestimmt wird, nicht über die Anführer. Das erhöht unsere Chancen. Außerdem haben wir noch ein paar Stunden, um Überzeugungsarbeit zu leisten.“
„Wir, Mike? Du stürzt dich ins Unglück, wenn du Azrael den Rücken kehrst. Jetzt hast du noch die Möglichkeit, also geh einfach zu ihm zurück. Du bist ein guter Mann.“
„Cage. Ich habe mich entschieden. Ich stehe hinter dir. Wie ich bereits sagte, es ist in meinen Augen die einzige Möglichkeit, wie wir diesen Krieg noch gewinnen können. Die erste Schlacht da draußen haben wir verloren und die nächste wird entscheidend sein.“
Cage legt Yeager eine Hand auf die Schulter, um ihm seine Dankbarkeit auszudrücken.
„Wir können auf die Wallwachen setzen, sicher. Lass uns bei den Neutralen anfangen. Wir gehen zuerst auf Stimmenfang bei den Clans und New Asia. Komm, Beeilung, wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Eine knappe Stunde später hat Yeager mit der Hilfe einiger Wachen ein Podest aufgebaut, vor dem sich jetzt Clan-Krieger, Soldaten und Boten aus New Asia versammelt haben. Einige Minuten später ist der Moment gekommen und Cage betritt die Bühne.
Mit einem flüchtigen Blick zur Seite sieht er, wie Azrael mit einem langen Gefolge durch die Zeltreihen zieht und immer wieder Halt macht, um mit den Soldaten zu sprechen.
„Die Feinde haben uns umzingelt, ihr wisst das. Einige von euch waren bereits dort draußen. Unsere Chancen, eine Belagerung zu überstehen, schwinden mit jedem Bissen, den wir essen und jedem Schluck, den wir trinken. Heute Abend wird eine Wahl stattfinden, und ich bin dafür, einen geordneten Angriff zu planen und dann loszuschlagen. Ich ersuche euch alle flehentlich, an euren gesunden Menschenverstand appellierend, euch für das Richtige zu entscheiden. Ich stehe für unsere Chance, dieses Disaster zu überleben. Ich sage, wir müssen den Gegner schlagen, wenn er es nicht erwartet, aber nach intensiver Vorbereitung unsererseits. Warten und ausharren ist für uns keine Option! Ich zähle auf euch, und wenn ihr noch weitere Fragen habt, sucht mich auf.“
Gerade als er das Podest verlässt, flüstert ihm Yeager hektisch etwas ins Ohr. Im ersten Moment befürchtet Cage schon einen Anschlag, doch dann vernimmt er die Worte „Santiago“ und „Problem“ aus Yeagers Gemurmel.
„Santiago Cortez?“, fragt Cage überrascht. Die beiden gehen schnellen Schritts davon.
Yeager stellt sich mit ernster Miene vor Cage und verschränkt seine Arme vor der Brust. Dann beginnt er, für ihn sämtliche relevante Informationen aufzuzählen, um ihn angemessen ins Bild zu setzen.
„Santiago Cortez war noch draußen, er und seine Brüder Caesar und Damon waren parallel zu North auf Patrouille. Die beiden sind gerade am Boden zerstört zurückgekommen und haben außer sich vor Wut berichtet, dass Santiago, ihr Bruder, entführt worden sei. Das ist unsere Chance.“
„Richtig. Haben wir Orlando Alvarez auf unserer Seite?“, fragt Cage Yeager wartet dann angespannt auf dessen Antwort. „Orlando… wen?“
„Sie kennen Ihn vielleicht nur alsMuerte. Sein richtiger Name ist Orlando und der Kerl ist ein verdammt verbissener und starker Kämpfer. Er ist keinesfalls auf Rex´ Seite, aber die Gefahr besteht, dass er zu Azrael hält. Haben wir die Leute, um das zu überprüfen?“
„Warum wollen Sie ihn unbedingt, Cage?“, fragt Yeager nach einigen Augenblicken, in denen er fieberhaft gegrübelt hat.
„Ich möchte einige der Wallwachen abziehen, die mit ein paar anderen loyal zu uns stehenden und mit Orlando als Anführer Santiago zurückholen. Dann haben wir das gesamte Camp auf unserer Seite. Derjenige, der diesen Kerl zu uns zurückholt, der wird hier zum Gott werden.“
„Aber diese Leute werden auf dem Wall gebraucht, wir befinden uns in der Defensive, oder haben Sie schon die Aasgeier vergessen, die dort draußen sitzen und darauf warten, dass sie uns verspeisen können?“
„Die habe ich nicht vergessen. Aber bitte, schicken Sie jemanden nach Orlando!“
„Okay. Ich werde das selbst -
Mitten im Satz wird Yeager plötzlich totenstill. Die Ursache dafür ist ein mehrfaches Klicken, das von außerhalb des Zeltes, in das sie sich inzwischen zurückgezogen haben, zu ihnen dringt.
„Keine Bewegung da drinnen. Sie stehen unter Arrest!“, brüllt eine tiefe Stimme von draußen und Cage und Yeager schauen sich verblüfft an.
„Wir stehen was?“, erkundigt sich Cage entrüstet und schaut seinen Berater an.
„Wer nimmt es sich heraus, uns beide allen Ernstes in Arrest nehmen zu wollen?“, fragt Cage ungläubig und wartet auf eine Reaktion, doch es kommt keine Antwort, nur wütendes Geflüster von draußen.
„Kommen Sie jetzt sofort raus. Dann bekommen Sie keine Probleme“, sagt nun ein anderer mit einer schneidenden Stimme.
Die beiden werfen sich erneut einen vielsagenden Blick zu, dann verschränken beide ihre Finger hinter ihren Nacken, während sie die Ellbogen nach außen strecken und langsam nach draußen gehen. Dort erwarten sie nicht weniger als zehn auf sie gerichtete Gewehre. Langsam gehen die beiden auf die Knie und die dort postierten Männer machen sich daran, ihnen alle Waffen abzunehmen, die sie am Körper tragen.
„Im Namen des Königs. Sie stehen unter Arrest.“
Bereits eine Viertelstunde später sitzen Cage und Yeager in einem provisorischen Gefängnis, von dessen Existenz sie nicht einmal wussten. Doch sie sind nicht allein.
Ein Container, der zu einer Seite offen ist, dient als Zelle, und die durchgehend offene Seite ist von Stacheldraht ausgefüllt, in den eine improvisierte Türe geschnitten wurde.
Den ganzen Weg über hat Cage sich gefragt, welcher der beiden Könige ihn so hinterhältig verraten hat, oder ob es gar beide waren.
Als er dann jedoch die anderen Insassen erblickt, bekommt er seine Antwort.
„König Azrael… Ich verstehe. Rex hat uns verraten.“
Neben Azrael, der unglücklich nickt, sitzen auch Commander Racker, Caesar Cortez, Edward Grey und Doc Henderson in dem engen Raum.
„Hat Rex jetzt alle verbliebenen Vernünftigen zusammen-getrieben und gemeinsam weggesperrt?“, fragt Racker in einem Versuch zu scherzen, und schaut sich in dem Container um.
„Sieht ganz so aus. Wie hat das funktionieren können? Wo sind Eure Leute, König? Und warum waren meine Leute nicht da? Und wie hat dieser Rex uns alle auf einmal bekommen können?“ „Ich weiß es nicht, Cage, aber eins steht fest. Wenn wir hier drin sitzen bleiben und nicht rauskommen, dann bringt Rex uns alle um. Uns alle“, erklärt der alte Grey mit brüchiger Stimme.
„Mich würde jetzt aber ernsthaft interessieren, wie Rex das bewerkstelligen konnte. Das kann nie im Leben eine spontane Aktion gewesen sein. Niemals“, sagt Racker nachdenklich, doch Yeager schüttelt nur den Kopf.
„Commander, es ist doch völlig sinnlos, sich jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen. Wir sollten lieber überlegen, wie wir hier wieder rauskommen, lebend. Wir brauchen einen Schlachtplan.“ „Wen haben wir noch draußen? Wir müssen bedenken, hier drin sind zwei der drei größten Rädelsführer der Rebellion, und das konnten wir nicht ohne Unterstützung werden. Wir haben noch Verbündete“, erklärt Cage sachlich und schaut einem nach dem anderen prüfend ins Gesicht.
„Decker, Kendrick, Jason und all seine Freunde fallen schon einmal weg, die wären die besten gewesen, aber die sind bekanntermaßen auf Rettungsmission. Was ist mit …“
„Derek Adams!“, ruft Cage plötzlich und unterbricht Commander Racker damit mitten im Satz. Durch den Stacheldraht können sie sehen, wie der einige Minuten jüngere Adams-Zwilling einen schweren Tierkadaver ablegt und langsam auf den Container zuläuft.
Er schaut verunsichert nach links und rechts, dann richtet er seinen Blick auf die Wachen, die sich jedoch nicht rühren und weiterhin bewegungslos dastehen.
Mit zögerlichen Schritten bewegt er sich auf das improvisierte Gefängnis zu und als er nur noch einen halben Schritt von Cage entfernt ist, richten sich die Blicke der beiden Wachmänner langsam auf ihn.
„Derek, wie geht es dir?“, fragt Cage angespannt mit aufgesetztem Lächeln, was Derek nicht entgeht.
„Ich kann nicht klagen, auch wenn die Situation vor dem Tor nicht gerade einfach ist. Euch geht´s wohl nicht so gut?“, fragt er und schaut sich bei den letzten Worten mit gerunzelter Stirn in dem Container um.
„Eher nicht.“
Die beiden unterhalten sich noch eine Weile, bis die Wachen ihr Interesse an der Konversation verlieren.
„Derek! Hol uns hier raus! Rex führt das ganze Camp ins Verderben, bitte!“, flüstert Cage eindringlich. Derek nickt, wirkt jedoch etwas unschlüssig.
Dann jedoch nickt er ihnen zu, dreht sich daraufhin sofort wieder um und widmet sich wieder seiner Jagdbeute. Just in dem Moment kommt eine Gruppe Soldaten auf den Container zu marschiert.
Was sie nicht auf den ersten Blick sehen konnten, sondern erst jetzt, als die Männer nur noch wenige Meter entfernt sind, ist, dass ein gebeugt gehender Mann in deren Mitte humpelt.
„Zurück!“, brüllen zwei der grobschlächtigen Männer im Chor, zücken Elektroschocker und schlagen damit gegen die Stachelverdrahtungen, um Cage, Azrael und die anderen in die Ecke zu drängen.
Mit einem dicken Handschuh packt ein dritter Soldat die improvisierte, ebenfalls aus Stacheldraht bestehende Türe und reißt sie auf.
Sofort treten die anderen beiden Schergen vor und schleudern den gebeugten Mann unsanft in das Gefängnis.
„Schließen!“, befiehlt jetzt ein Mann, der langsam auf den Container zu schlendert.
Cage und Yeager laufen sofort zu dem am Boden liegenden Neuankömmling und erkennen in dem leicht blutenden Mann den Initiator des hiesigen Widerstands, den alten Morgan.
„Morgan, wie konnte das passieren?“, fragt Azrael entsetzt und hilft den beiden, den alten Mann aufzurichten.
„Wir sind verloren. Rex hat Sperrzonen eingerichtet und Container wie diesen überall auf dem Gelände aufstellen lassen. Es war eine groß angelegte, von langer Hand geplante Aktion. Er will die alleinige Macht, und, was soll ich sagen, die hat er jetzt auch. All eure Leute sind festgenommen worden, auch meine Wachmannschaften. Nur die Wallwachen halten noch weiter ihre Position.“
„Was?“, brüllt Cage ungläubig und springt wütend auf.
„Die Wallwachen, meine Leute, sind übergelaufen?“, fragt er völlig ungläubig, doch Morgan schüttelt den Kopf.
„Nein, nein, nein. Die haben nur keine Ahnung, dass Sie gefangen sind, Cage. Die denken, Sie sind am Nordtor beschäftigt und all die Befehle würden immer noch von Ihnen kommen. Rex lügt in einem Guss, spannt sie für seine Zwecke ein. Und es ist niemand mehr da, der sie aufklären könnte.“
Unterdessen sitzt Rex an einem vor wenigen Minuten herbeigetragenen Holztisch, der mitten auf der freien Fläche hinter dem Südtor aufgestellt wurde. Nur vier weitere Stühle stehen dort und alle sind besetzt.
Horren, der pockennarbige Chef des Rexagons, Rex´ persönlicher Leibwache, sitzt zur Rechten des Königs. Der Platz neben ihm wird vom Clan-Führer der Caldirs, Seraph, besetzt und einen dritten Stuhl hat Aiden belegt, der dank eines Vorschlags, der genau jetzt am Tisch diskutiert wird, in der Befehlskette deutlich nach oben gestiegen ist.
„Was hältst du von diesem Vorschlag, Adams?“, fragt Rex mit ineinander gefalteten Händen und spricht damit das vierte und letzte Mitglied der Diskussionsrunde an.
„Ich halte es für eine realistische Möglichkeit. Die wollen, dass wir Ruhe geben und damit aufhören, Rebellion zu machen. Ihnen geht es nicht um Land, einzig um unangefochtene Macht.“
„Kluger Gedankengang, junger Mann. Also, folgen wir deinem Vorschlag, Aiden, und unterbreiten unser Friedensangebot.“ „König Rex, Sir, die werden nicht vergessen haben, dass gerade Ihr es gewesen seid, der ihnen offensiv entgegengetreten ist und sie einige Leben gekostet hat. Die werden nicht glücklich sein.“ „Seraph, gute Güte… Man merkt, dass Sie noch nie zuvor einen ernsthaften Krieg schlagen mussten. Hier geht es nicht um emotionalen, kindischen Kleinkram. Hier verändern sich die Sympathien von Minute zu Minute.“
„Aiden, Seraph, Derek. Ihr drei kommt mit. Horren, dich möchte ich auf dem Wall. Beobachte jeden um uns herum, der falsche Bewegungen macht. Lass vorher noch alles nach Scharfschützen durchkämmen, dann kann es losgehen.“
Rex klopft energisch auf den Tisch, steht auf und schaut seine vier Untergebenen erwartungsvoll an. Horren ist der erste, der salutiert und die Gruppe verlässt. Aiden folgt nur einige Augenblicke später, doch Derek scheint, als würde er sich keinen Millimeter wegbewegen wollen.
„Adams, es gibt viel zu organisieren und vorzubereiten. Was ist los?“
„Ich muss Euch etwas sagen, König. Cage Kennedy bat mich, ihn, Azrael und die anderen zu befreien. Was soll ich tun? Einfach nicht mehr hingehen?“
„Ich verstehe. Was denkst du, solltest du tun?“
„Ich würde es tun. Ich würde hingehen und sie befreien, so wie sie mich gebeten haben. Ich denke, das entspricht Eurem Gedankengang.“
„Kluger Junge. Genau das wirst du tun. Sag mir nur vorher Bescheid.“
Die Atmosphäre in dem Container wird zunehmend angespannter und während Azrael und Cage wieder einmal erbittert über ihre weit auseinandergehenden Ansichten streiten, kommt Rex gänzlich ungeschützt auf ihre Zelle zu.
„So etwas schimpft sich König“ schleudert ihm Yeager, der jeglichen Respekt vor Rex verloren hat, dem nahenden Mann entgegen, und spuckt vor sich auf den Boden.
„Ich will euch nur sagen, dass das hier zu eurem Besten ist. Wir haben die Situation unter Kontrolle, wir können die WPU noch abhalten und basteln gerade an einem Schlachtplan. Es tut mir leid, dass ich solch harte Maßnahmen ergreifen musste. Wirklich. Aber ihr brächtet mit euren haarsträubenden Plänen eine zu große Gefahr.“
„Ach, unterlasst doch dieses Gehabe. Aber sagt mir wenigstens eins: Ist General North inzwischen sicher im Camp angekommen?“, fragt Cage und auch ihm ist anzumerken, dass er jegliche Achtung vor Rex verloren hat.
„Noch nicht, aber er müsste bald eintreffen. Wir leiten ihn über das Tor, wo ihm keine Gefahr droht. Wir passen auf unsere Leute auf, Kennedy. Deshalb war das hier ebenfalls notwendig. Es ist zu eurem Besten.“
Noch während Rex versucht, seine Gefangenen von seinen guten Absichten zu überzeugen, richtet sich sämtliche Aufmerksamkeit auf einen Container neben ihrem eigenen, der bisher leer stand.
Etliche Männer tragen schwere Stacheldrahtrollen her, schlagen sie mit schweren Hämmern in den Boden und wiederholen diese Prozedur so oft, bis es eine achtfache Sicherung des Containerinnenraums gibt. Dann geht einer der Männer ins Innere des Containers und es klingt, als würde er etwas abschleifen.
Als Rex endlich merkt, wieso er sämtliche Zuhörer verloren hat, erklärt er ihnen schulterzuckend, dass sie einen ganz besonderen Verbrecher als Nachbarn bekommen werden. Aus der Ferne ertönt ein leises Dröhnen, das immer lauter wird, und nach einer Weile können sie sehen, wie ein alter, ausgemusterter Industriebagger anfährt und mit großen Hüben einen tiefen Graben vor den Stechdrahtzäunen aushebt.
„Wer zum Teufel kommt in diesen Container? Für welchen Menschen auf dieser Welt braucht es derartige Vorkehrungen?“, fragt Cage perplex und scheint vor Erstaunen für den Moment alle Wut auf Rex vergessen zu haben.
Der steht jedoch nur mit verschränkten Armen da und beobachtet das Schauspiel ebenso wie die acht Leute auf der anderen Seite des Drahtes. Ein Aufgebot von fünfzehn Soldaten marschiert auf den Container zu und positioniert sich vor dem Graben. Auf jedem Meter steht jetzt eine Wache, nur für den einzelnen Unbekannten, der dort bald in Haft genommen werden soll.
Gerade als Cage die nächste Frage stellen will, wird er von erneutem Motorengeräusch unterbrochen. Ein alter Jeep fährt im Schritttempo auf den Container zu, gefolgt von mindestens zwanzig Soldaten, die ihre Gewehre allesamt auf das Innere des Jeeps gerichtet haben.
„Jetzt werden wir sehen, wer es ist“, sagt Azrael nervös und jeder versucht, einen Blick auf den Sträfling zu erhaschen.
Dann lichten sich die Soldatenreihen und bilden zusammen mit den anderen, die bereits Wache stehen, einen großen Kreis.
„Damon!“, brüllt Caesar völlig außer sich, stürmt soweit es geht an den Stacheldraht vor und gräbt seine Hände in die Drähte. Was dann folgt ist ein Mix aus schmerzerfülltem Kreischen und dem immer wieder vorkommenden Wort „Damon“ zwischen den Schmerzensschreien.
„Darf ich vorstellen? Wir haben den Soldier-Ripper endlich aufgespürt.“ Mit diesen Worten und einem maliziösen Grinsen auf den Lippen dreht sich Rex um und lässt sie allein.
5
National Cemetery of Heroes, Bezirk Washington DC, Sektor 7
„Wir befinden uns hier auf dem Friedhof der Helden, Helden unserer Nation, unseres Sektors. Lance Vector war einer von ihnen, der wohl größte Held, den unser Sektor jemals hervorgebracht hat. Lance Vector war ein wahrer Held des siebten Sektors, er führte die Wirtschaft als CEO des weltweit größten Konzerns in einen noch nie da gewesenen Aufschwung, half unserem geliebten Präsidentenpaar DeLuca auf unvergleichliche, unvergessliche Weise mit weisen und weitsichtigen Ratschlägen, unseren Sektor nach einer Krise wieder zur Stabilität zurückzuführen. Er war ein Mann, der die Geschichte dieses Sektors geprägt hat. Und wie kein anderer bedauere ich den Tod dieses Mannes, den ich geliebt habe und für den ich mein Leben gegeben hätte. Niemals hätte er so früh von uns gehen dürfen und niemals auf eine so bestialische Weise. Vector, der Vorreiter eines neuen Zeitalters, wurde kaltblütig erschossen von Captain Martinez, einem hinterhältigen Verräter, der über eine lange Zeit hinweg zu seinem engsten Kreis gehört hat. Es ist eine Schande, ein Disaster und ein unbeschreibliches Fiasko, dass dieser Mann, der es nicht würdig ist, als Mensch bezeichnet zu werden, fliehen konnte. Er war ein verdeckter Agent des Widerstands, was mir keine andere Möglichkeit lässt, als zum Krieg gegen die Rebellion aufzurufen. Die Zeit der Toleranz ist vorbei. Heute jedoch werden unsere Gedanken diesem Mann gelten, ohne den Sektor Sieben nicht Sektor Sieben wäre, morgen werden wir uns auf einen Krieg vorbereiten“, erklärt Scarlett Blake, in ein schwarzes Kostüm gekleidet, während Tränen in ihren Augen glänzen.
Der Friedhof ist völlig überfüllt, Staatsmänner aus der gesamten Welt und selbstverständlich die gesamte Führungsgilde ist gekommen, um zu kondolieren.
Cabana, Keane, Han, allesamt in dunklen Anzügen und umringt von bulligen, grimmig blickenden Sicherheitsmännern und blechernen, massiv gepanzerten Kampfrobotern.
Auch sonst sind alle wichtigen Leute gekommen, Vertreter der Wirtschaft, die gesamte Unterhaltungsbranche, die größten Mediziner der Sektoren und so ließe sich die Liste ewig weiterführen. Mit langsamen Schritten geht Scarlett, gefolgt von einer Heerschar an Leibwächtern, zum Grab Lance Vectors, über dem sieben Flaggen des Siebten Sektors auf Halbmast wehen.
Am nächsten Tag steht Scarlett erneut hinter einem Rednerpult, doch diesmal ist es nicht auf einem Friedhof, sondern in einer gigantischen Halle, in der eine außerordentliche Haupt-versammlung von WarTech abgehalten wird.
Die besonderen Umstände erfordern es.
„Unter tiefster Trauer muss ich ankündigen, dass nun ich anstelle meines geliebten Parters, der auf so schreckliche Weise von uns gegangen ist, das Amt der CEO übernehmen muss. Gerne hätte ich mehr Zeit gehabt, um mich auf diese umfangreiche Aufgabe vorzubereiten, doch diese Gunst wird mir nicht zuteil. Ich möchte Ihnen allen jedoch versichern, dass ich den Konzern ebenso gewissenhaft, gewinnorientiert und fortschrittlich leiten werde wie Lance Vector, der für uns alle eine großartige Arbeit geleistet hat und den Konzern zu dem gemacht hat, was er heute ist.“ Es folgt unzähliges Händeschütteln, eine Menge Beileids-bekundungen, begleitet von guten Wünschen für die zukünftig zu bewältigende Aufgabe.
Nach einer Weile betritt Scarlett ein angrenzendes Hinterzimmer, wo sie zielstrebig auf ein im Glastisch installiertes SmartPad zusteuert.
„Hobbs, Sie müssen jetzt zwei Dinge für mich erledigen. Erstens: Schicken Sie einen Helikopter, ich muss zu der Forschungsstation von Doc Miller und Doc Singh. Zweitens: Feuern Sie die Bosh-Schwestern.“
„Ma´am, ich kann die beiden doch nicht einfach rausschmeißen, sie haben jahrelang gute Arbeit geleistet, sie zählten zu den wichtigsten Beratern Mister Vectors und etliche Erfolge haben wir ihrer Mitarbeit zu verdanken…“
„Hobbs, Sie sind ein guter Mensch und ein hervorragender Kollege für alle, die mit Ihnen zusammenarbeiten. Aber ich bitte Sie jetzt noch einmal höflich darum, sonst muss ich deutlicher werden und das wäre ärgerlich. Das möchte keiner hier, glauben Sie mir.“ „Ja, Ma´am. Ich werde mich sofort darum kümmern. Morgen werden die Boshs nicht mehr auf unserer Gehaltsliste stehen.“
Mit diesen Worten verneigt er sich leicht, dreht sich um und eilt mit versteinerter Miene davon.
Nach einer halben Stunde, die sie in Gedanken schwelgend und von zwei Sicherheitsleuten abgeschirmt in einem Nebenraum des WarTech-Komplexes, in dem die Hauptversammlung stattfand, verbracht hat, klopft es an der Türe. Der dunkelhäutige Hüne Hobbs betritt das Zimmer unter den prüfenden Blicken der beiden Wachmänner und nickt Scarlett zu, die die Geste versteht. Der Helikopter ist auf dem Dach gelandet.
„Möchten Sie mitkommen, Hobbs? In diesem Fall steht es Ihnen frei, es wäre nicht unbedingt nötig. Vector erzählte mir von ihrem Problem.“
„Oh…nun ja“, druckst er herum und schaut verlegen im Raum umher, während er an seinen letzten Besuch in der Forschungsstation denken muss. Dort musste Vector ihn mehrmals dazu überreden, den Schutzanzug anzuziehen, in den Quarantäne-Trakt zu gehen und sich nicht wie ein Weichei zu benehmen. Den gesamten Abend nach diesem Ausflug hatte er dann über seine Toilettenschüssel gebeugt verbracht.
„Ma´am, wenn es tatsächlich in Ordnung ist, würde ich hier die Stellung halten. Die Besucher der Hauptversammlung sind heute ziemlich wissbegierig, die hören nicht auf, uns mit Fragen zu löchern. Da wäre es besser, wenn ich das ein wenig kontrollieren könnte.“
„Gut, Hobbs, machen Sie das. Dann los jetzt, gehen Sie da raus und stellen sich den fragewütigen Leuten.“
Dann richtet sie ihren scharfen Blick auf die beiden Wachen an der Türe, Fernando und Lewis. Die beiden waren bereits Vectors engste Leibwachen und Scarlett hat sie behalten, in dem Wissen, mit den beiden zwei hochloyale Männer hinter sich zu haben. Es gab zwar eine lange Diskussion mit ihrem Sicherheitsbeauftragten, Hobbs und einigen anderen, da Vector immerhin unter deren Personenschutz umgekommen ist, doch Scarlett hat sich vehement geweigert, Alternativen anzunehmen.
