Recht, Ordnung - und Chaos im Herzen! - Michelle Major - E-Book

Recht, Ordnung - und Chaos im Herzen! E-Book

Michelle Major

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Beschreibung

Auf der rasanten Flucht vor ihrem betrügerischen Verlobten gerät Sienna mit dem Gesetz in Konflikt - in Gestalt des breitschultrigen Cole Bennett, der in Crimson für Recht, Ordnung und Tempolimit sorgt. Warum richtet der Sheriff bloß in ihrem Herzen ein aufregendes Chaos an?

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IMPRESSUM

Recht, Ordnung – und Chaos im Herzen! erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2018 by Michelle Major Originaltitel: „Coming Home to Crimson“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA EXTRA, Band 66 Übersetzung: Stefanie Rose

Umschlagsmotive: GettyImages / nd3000

Veröffentlicht im ePub Format in 8/2021

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751512770

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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1. KAPITEL

Treuloser Drecksack. Betrügerischer Abschaum. Falscher Mistkerl.

Idiotin.

Sienna Pierce fielen immer neue herzhafte Kraftausdrücke ein, während sie über den zweispurigen Highway Richtung Crimson in Colorado raste. Das letzte Wort allerdings – Idiotin – galt ihr selbst.

Vor ein paar Stunden hatte sie das schicke Aspen und ihren Freund – oder jetzt besser Ex-Freund – hinter sich gelassen, und sie war die Idiotin gewesen, weil sie die eindeutigen Anzeichen nicht schon viel früher erkannt hatte: Kevins Überstunden im Büro, die plötzlichen Geschäftsreisen, die Tatsache, dass sie seit Ewigkeiten keinen Sex mehr gehabt hatten. Ja, wahrscheinlich hätte ihr früher auffallen können, dass irgendetwas nicht stimmte in ihrer Beziehung.

Doch er war nun einmal perfekt gewesen – zumindest in den Augen ihrer Mutter. Bei Kevin handelte es sich nämlich um den von ihrem Stiefvater ernannten Nachfolger in dessen Investmentfirma. Sienna hätte nie gedacht, dass Kevin seine Zukunft derart aufs Spiel setzen würde, zumal er sehr ehrgeizig war.

Doch wenn sie selbst schon das Gefühl hatte, dass seine Karrierechancen das Einzige waren, was ihre Beziehung zusammenhielt, war sie dann ohne ihn nicht viel besser dran?

Wahrscheinlich schon, aber erst wenn sie diese Wut und Scham überwunden hatte, die ihr gerade Schweißausbrüche und Übelkeit bescherten. Immerhin hatte ihr Herz offenbar keinen Schaden genommen, denn sie trauerte der Beziehung keinesfalls nach.

War das denn ein Zeichen dafür, dass Kevin mit seinem Vorwurf recht gehabt hatte, sie sei eiskalt? Allerdings hatte es ihm nicht wirklich zugestanden, ihr Vorwürfe zu machen, als er in der Suite des Fünf-Sterne-Hotels versucht hatte, in seine Boxershorts zu schlüpfen, während die Frau in seinem Bett sich unter der Seidendecke verkroch.

Sienna drehte im Porsche die Klimaanlage voll auf, doch der Schweiß lief ihr trotzdem in kleinen Tropfen über den Körper, und das Haar klebte ihr im Nacken.

Eigentlich war das Wetter heute fantastisch. Normalerweise hätte sie das atemberaubende Bergpanorama genossen, das sich am Horizont vor einem tiefblauen Himmel erstreckte. Solch einen Ausblick hatte sie zu Hause in Chicago nie, vom Sonnenschein ganz zu schweigen. Offenbar war sie solche Temperaturen überhaupt nicht mehr gewohnt – oder hatte sie verfrühte Hitzewallungen, obwohl sie erst siebenundzwanzig war?

Sie nahm eine Hand vom Lenkrad und versuchte, sich von der Jacke ihres Calvin-Klein-Hosenanzugs zu befreien. Darin hatte sie sich stets unbesiegbar und sexy gefühlt – bis sie vor einer Dreiviertelstunde angesichts der zerzausten, aber sehr verführerischen Frau in Kevins Bett das Gefühl beschlichen hatte, dass sie sich mit ihrem professionellen Outfit und dem sorgfältig frisierten Haar einfach zu sehr anstrengte.

Im Moment schien in ihrem Leben einfach nichts richtig zu laufen, das Ausziehen der Jacke eingeschlossen. Sienna blieb mit dem Ärmel am Sicherheitsgurt hängen, und der Wagen machte einen wilden Schlenker. Sie zwang sich, tief durchzuatmen. Zum Glück gab es hier kaum Gegenverkehr, doch einen Autounfall brauchte sie jetzt wirklich so dringend wie einen dritten Arm. Sie kam ja mit zweien kaum zurecht.

Ich muss mich zusammenreißen, ermahnte sie sich, und nahm den Fuß vom Gaspedal. Ich bin eh viel zu schnell.

Zum diesem Schluss schien auch die Polizei gekommen zu sein. Im Rückspiegel tauchte ein Polizeiauto mit rot und blau blinkender Warnleuchte auf. Verflixt. Einen Strafzettel brauchte sie jetzt mindestens ebenso dringend wie besagten dritten Arm oder einen Unfall.

Und das alles war nur Kevins Schuld. Automatisch begann die Litanei der Kraftausdrücke in ihrem Kopf von Neuem, doch dann musste sie sich auf die aktuelle Situation konzentrieren. Sie fuhr auf den Seitenstreifen, hielt an und löste den Sicherheitsgurt, dann zog sie endlich ihre Jacke aus. Es fühlte sich an, als schlüpfe sie aus einem dicken Wollmantel.

Jemand klopfte an die Scheibe, und sie fuhr sie herunter.

„Tut mir leid, Officer“, sagte sie automatisch und fächelte sich die kühle Luft aus den Lüftungsschlitzen ins Gesicht. „Ich wollte gerade meine Jacke ausziehen und bin im Sicherheitsgurt hängen geblieben. Ich werde in Zukunft anhalten, wenn ich mich ausziehen will.“

Herrje, das klang nicht ganz so professionell, wie sie gehofft hatte.

„Führerschein und Fahrzeugpapiere, Ma’am.“

Seine Stimme war tief und streng, und Sienna setzte sich auf und blickte den Officer an, der aussah, als sei er direkt einem Western mit John Wayne entsprungen. Mit seinem kantigen Kiefer und seinen markanten Zügen hätte er eher auf ein Pferd gepasst als in ein Polizeiauto, auch wenn er die klassische beigefarbene Uniform eines Gesetzeshüters trug. An der Hemdtasche steckte ein Sheriffstern. Der Typ ist also doch einem Western entsprungen, schoss es ihr durch den Kopf.

Seine Augen sah sie nicht, da er eine verspiegelte Sonnenbrille trug, aber seinen strengen Blick konnte sie sich nur zu allzu gut vorstellen.

„Natürlich“, murmelte sie und zog ihre Brieftasche aus der Louis-Vuitton-Handtasche auf dem Beifahrersitz.

„Sie wissen, dass es verboten ist, während der Fahrt zu telefonieren oder Textnachrichten zu schreiben.“

Sie reichte ihm den Führerschein. „Habe ich nicht“, sagte sie. „Ich hatte plötzlich eine Hitzewallung.“ Noch immer klebte ihr zum Beweis ihr Seidentop am Körper. „Aber vor Wut, nicht wegen der Wechseljahre“, fügte sie hastig hinzu, bevor sie flammend rot wurde.

Trotz der Sonnenbrille sah sie, wie er eine Braue hob.

„Außerdem sind Sie zwanzig Meilen zu schnell gefahren.“

„Bestimmt nicht“, widersprach sie. „Ich fahre nie so schnell.“

„Ma’am …“

Anklagend richtete sie den Zeigefinger auf ihn. „Und sagen Sie nicht andauernd Ma’am zu mir! Jedenfalls nicht in diesem Ton!“

„Sie sind 85 Meilen die Stunde gefahren. Die Geschwindigkeitsbegrenzung hier ist 60 und geht auf 45 runter, wenn Sie in die Stadt kommen.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Ma’am.“

Siennas Haut begann zu kribbeln. Sein Tonfall beim letzten Wort war kein bisschen herablassend mehr gewesen, sondern unglaublich sexy. Keine Ahnung, was in sie gefahren war, diesen Kleinstadtsheriff zu provozieren, aber dass ihr Körper derart stark auf ihn reagierte, war ungewöhnlich. Und lästig.

„Es tut mir leid“, wiederholte sie versöhnlicher. „Das ist nicht mein Auto, deshalb bin ich nicht daran gewöhnt.“

In Wahrheit war sie so damit beschäftigt gewesen, neue Kraftausdrücke für ihren untreuen Ex-Freund zu finden, dass sie überhaupt nicht gemerkt hatte, wie schnell sie gefahren war. Und das war auch Kevins Schuld.

„Wem gehört das Auto denn?“

„Keine Ahnung.“ Sie öffnete das Handschuhfach. „Ich nehme an, es ist ein Mietwagen. Ich habe es meinem Ex-Freund abgenommen.“

Der Sheriff beugte sich vor und legte die Hände auf das offene Fenster. Dabei spannte sich der Stoff seines Hemdes, und darunter zeichneten sich beeindruckende Muskeln ab. „Sie meinen, Sie haben es gestohlen?“

„Nein!“, erwiderte sie schnell. „So war es nicht.“

Sie schloss die Augen und atmete durch. Tatsächlich war es genau so gewesen.

Vom Flughafen Aspen hatte sie sich von einem Shuttle des schicken Hotels abholen lassen, in dem Kevin ein Zimmer reserviert hatte. Eigentlich hätte sie ihn auf diese Reise begleiten sollen – drei Tage in den Bergen Colorados mit ein paar Meetings, damit man die Kosten geschäftlich absetzen konnte. Aber Sienna war seit fast zwanzig Jahren nicht in Colorado gewesen, und hierher zu kommen, kurz nachdem ihr lange verschollener Bruder sie letztes Jahr in Chicago besucht hatte –, nun ja, das war ihr alles zu viel gewesen.

Und dann hatte sie es sich doch anders überlegt. Kevin war nämlich sehr enttäuscht gewesen, dass sie nicht mitkommen wollte, hatte subtile Anspielungen gemacht, dass er ihr in Aspen einen Antrag machen wollte. Also hatte sie einen Nachtflug nach Denver gebucht, war dann in einen Pendlerflug nach Aspen gestiegen und hatte sich schon darauf gefreut, ihn mit ihrer Ankunft zu überraschen.

Nun ja, die Überraschung war ihr geglückt. Gab es ein abgedroscheneres Klischee, als ihren Freund im Bett mit einer anderen zu erwischen? Ihr ganzes Leben entsprach anscheinend einem Abziehbild.

„Wie wäre es, wenn wir mit den Fahrzeugpapieren anfangen?“, schlug der Sheriff vor. Seine Stimme klang nun sanfter – als spüre er, wie chaotisch es in ihr aussah.

Doch das machte sie nur noch wütender. Sienna war eine Powerfrau – andere Menschen bekamen von ihr nur zu sehen, was sie ihnen zeigen wollte. Beim Gedanken daran, dass dieser Landsheriff hinter ihre sorgfältig kultivierte Maske blicken konnte, hätte sie am liebsten auf etwas eingedroschen. Zum Beispiel auf besagten Landsheriff.

Sie hob das Kinn und blickte ihn von unten herauf durch ihre dichten Wimpern an, wobei sie wissend lächelte. „Wie wäre es, wenn ich einen Scheck ausstelle und eine großzügige Spende an die Polizeigewerkschaft oder einen wohltätigen Zweck Ihrer Wahl tätige? Oder …“, fügte sie mit einem verschwörerischen Zwinkern hinzu, „… gleich Ihren Namen draufschreibe? Dann können wir beide unserer Wege gehen.“

„Sie wollen mich bestechen?“

Sie strahlte ihn an. „Na, nennen wir es doch lieber motivieren.“

Der Sheriff nahm jetzt die Sonnenbrille ab und steckte sie in seine Hemdtasche. Seine Augen waren hellbraun, wie warmer Honig, aber sein Blick war eisig.

„Nun, vielleicht kann ich Sie ja auch motivieren: Entweder Sie geben mir jetzt die Fahrzeugpapiere oder ich verhafte Sie.“

Auch er lächelte liebenswürdig und ließ dabei eine Reihe ebenmäßiger weißer Zähne sehen, die ihm im Augenblick allerdings eher das Aussehen eines Raubtiers gaben. „Vielleicht möchten Sie auch lieber aussteigen, damit ich Ihnen Handschellen anlegen kann? Das wäre durchaus eine Möglichkeit. Ma’am.“

Sienna seufzte und griff nach den Papieren im Handschuhfach, wobei es sie wahnsinnig störte, dass ihre Finger zitterten, als sie nach dem Fahrzeugschein suchte. Wortlos reichte sie dem Sheriff schließlich das Gewünschte.

„Möchten Sie mir noch etwas sagen, bevor ich Ihre Daten durchs System laufen lassen?“, fragte er im Plauderton.

„Ich glaube, ich möchte meinen Rechtsanwalt in Crimson anrufen“, erwiderte sie automatisch. Bei ihrem Glück hatte Kevin den Mietwagen inzwischen als gestohlen gemeldet. Es war ihr nicht schwergefallen, den Diener auf dem Hotelparkplatz davon zu überzeugen, ihr den Wagen vorzufahren, und zu dem Zeitpunkt war ihr dieses Verhalten wie eine kleine, aber immerhin wohlverdiente Rache vorgekommen. Jetzt dagegen fand sie die Idee nicht mehr so brillant.

„Sie haben einen Rechtsanwalt in Crimson? Kaum zu glauben, dass Sie jemanden in meiner Stadt kennen.“

„Ihre Stadt? Als ob sie Ihnen gehört“, murmelte sie.

„Ma’am.“ Diesmal klang sein Ton warnend.

„Ich kenne aber wirklich einen Anwalt“, gab sie zurück. „Jase Crenshaw.“

Überraschenderweise brachte ihn das zum Lachen. „Sie kennen Jase?“

Seine Reaktion ließ sie innerlich schrumpfen. Es klang, als ob ein Mann wie Jase mit einer Frau wie ihr nichts zu tun haben wollen würde, was lächerlich war, aber dummerweise nach den letzten Entwicklungen durchaus möglich.

Sie versuchte, sich ihre Zweifel nicht anmerken zu lassen. Ich will niemals jemandem zeigen, dass ich an mir zweifele.

Stattdessen schenkte sie dem Sheriff ein überlegenes Lächeln. „Natürlich kenne ich Jase. Er ist mein Bruder.“

Cole Bennett zwinkerte überrascht, dann fischte er seine Sonnenbrille aus der Hemdtasche und setzte sie wieder auf. Wenn die umwerfende und offenbar recht angespannte Blondine in dem Porsche ihm erklärt hätte, ihr Bruder wäre der Präsident, wäre ihm diese Angabe ähnlich unwahrscheinlich vorgekommen.

Er klopfte mit der flachen Hand aufs Autodach. „Warten Sie hier.“

„Wollen Sie Jase anrufen?“, fragte sie, plötzlich nervös.

„Ich werde Ihr Kennzeichen durchgeben und überprüfen, ob dieses Auto als gestohlen gemeldet wurde.“

Sie gab ein verächtliches Schnauben von sich – ein seltsam reizvoller Laut von einer Frau, die so verklemmt aussah, dass sie sich bestimmt nie unpassend benahm, wenn sie sich in feinen Country Clubs mit der High Society zum Mittagessen traf.

Cole dagegen hatte mit Extravaganz nichts am Hut, auch wenn das mondäne Aspen nur eine halbe Stunde Fahrt von seiner Heimatstadt entfernt lag.

„Mein treuloser, falscher Drecksack von Ex-Freund ist wahrscheinlich zu sehr mit seinem Betthäschen beschäftigt, um überhaupt zu bemerken, dass sein Wagen weg ist!“, fügte sie hinzu.

„Und wenn er es bemerkt?“, fragte er und hob eine Braue, bemüht, sich seine Amüsiertheit nicht anmerken zu lassen.

Sie verdrehte die blauen Augen. „Ich habe ihn mir nur ausgeliehen und werde ihn selbstverständlich zurückgeben.“

„Ich nehme an, Sie haben erst kürzlich festgestellt, dass er ein treuloser, falscher Drecksack ist?“

„Ja, das war nicht zu übersehen, als mir sein nackter Hängehintern entgegenleuchtete – im Bett mit einer anderen Frau. Auf dieses Bild hätte ich gut verzichten können.“

„Wie lange waren Sie zusammen?“

„Etwas über zwei Jahre.“

„Und sein Hängehintern hat Sie überrascht?“

Ihr Lachen war tief und dunkel – ein Laut, den er bis in die Zehen spürte.

„Na ja, ich war offenbar gut darin, gewisse Dinge zu übersehen. Er hatte ein paar andere Qualitäten.“

„Treue gehörte wohl nicht dazu.“

Er bereute die Bemerkung sofort, als ihr Gesicht wieder ernst wurde. Er mochte es, wenn sie lächelte – ehrlich, aus dem Herzen heraus –, hatte aber den Eindruck, dass sie es nicht oft tat.

„Offenbar nicht.“

„Muss ich Ihnen den Autoschlüssel abnehmen, damit Sie sich nicht davonmachen?“, fragte er freundlich. „Ich bin heute nicht in Stimmung für eine Verfolgungsjagd.“

Sie blickte ihm in die Augen. „Sehe ich aus wie jemand, der vor der Polizei fliehen würde?“

„Sie sehen aus, als könnten Sie jede Menge Ärger machen“, erwiderte er und ging dann zu seinem Jeep. Ärger konnte er in seinem Leben gerade gar nicht gebrauchen, ganz egal, wie verführerisch dieser auch verpackt sein mochte.

Bis jetzt waren weder der Wagen noch die Frau in der Datenbank aufgetaucht, doch wenn der Ex-Freund erst bemerkte, dass sein Porsche weg war, konnte es immer noch ungemütlich werden. Vielleicht wollte sie das Auto ja wirklich zurückgeben, aber möglicherweise stellte sie auch etwas Dummes damit an. Normalerweise konnte sich Cole auf seine Fähigkeit verlassen, Menschen und Situationen korrekt einzuschätzen, ein Talent, das ihm zuerst beim Militär und jetzt in seiner zweiten Karriere als Polizist schon oft geholfen hatte. Sienna Pierce jedoch war ihm ein Rätsel.

Auf den ersten Blick war sie eine dieser perfekt gestylten arroganten reichen Tussis, an die er normalerweise keinen zweiten Blick verschwendete. Doch unter dieser aalglatten Oberfläche gab es etwas, das ihn faszinierte – eine ungezähmte Wildheit, die ab und zu aufblitzte und ihn gegen besseres Wissen anzog.

Unschlüssig blickte er zu dem Porsche hinüber. Er konnte seinen Freund Jase anrufen und ihm dieses Problem aufhalsen, zu dem sich Sienna zweifellos entwickeln würde. Jase sprach selten von seiner Schwester, denn seine Mutter hatte sie als Kind mitgenommen, als sie die Familie vor Jahren verlassen hatte.

Jase war ein guter Mann, ehrlich und loyal. Ganz gleich, was Sienna auch im Schilde führte, ihr Bruder würde zu ihr halten und ihr sein Haus und Herz öffnen – er war manchmal einfach zu gut für diese Welt. Cole war sich nicht sicher, ob Sienna diese Chance wirklich verdiente, und nahm sich vor, seinen Freund so gut es ging zu schützen. Er traf seine Entscheidung, rief im Sheriffbüro an, um der Teamassistentin den neuesten Stand mitzuteilen, und ging wieder zum Porsche.

Sienna wandte sich ihm zu, als er sich näherte. Sie trug jetzt eine Sonnenbrille mit Schildpattrahmen, die ihre Augen verdeckte – und offenbar auch ihr Temperament. Ihre Wildheit war einer Eiseskälte gewichen, die einen Eisbären zum Frösteln gebracht hätte.

„Ist wohl Ihr Glückstag, Ma’am“, erklärte er und reichte ihr Führerschein und Fahrzeugpapiere zurück.

„Ach ja?“

„Sie bekommen eine Eskorte in die Stadt. Vom Sheriff persönlich.“

„Wurde der Wagen als gestohlen gemeldet?“, fragte sie viel weniger besorgt, als er erwartet hätte. „Nehmen Sie mich fest?“

„Nein, das Auto ist okay“, sagte er. „Jedenfalls im Moment. Und ich werde dafür sorgen, dass das auch so bleibt. Wir fahren zurück nach Aspen, Ms. Pierce, und geben den Porsche zurück.“

„Ich brauche dabei keine Hilfe.“

„Gut.“ Er beugte sich ins Fenster. „Ich will nämlich nicht Ihnen helfen. Mir liegt Ihr Bruder am Herzen.“

2. KAPITEL

Kevin stand vor dem Hotelportal und stritt sich mit einem der Hotelangestellten auf dem Parkplatz, als Sienna den Porsche auf die Auffahrt lenkte.

„Du hast mein Auto gestohlen!“, rief er, als sie ausstieg, und kam mit großen Schritten auf sie zu. „Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?“

Sienna zupfte ihren Rock zurecht und strich sich die Haare glatt, bevor sie dem erleichterten Hotelangestellten den Schlüssel zuwarf.

„Was hast du dir denn gedacht?“, gab sie zurück, wobei sie sich seltsam unbeteiligt fühlte.

„Komm ins Hotel, Sienna. Wir müssen reden.“

„Da gibt es nichts mehr zu reden.“ Sie zog eine Zwanzig-Dollar-Note aus der Handtasche und reichte sie dem Hotelangestellten mit einem freundlichen „Danke“. Aus dem Augenwinkel sah sie Cole Bennett aus dem Jeep steigen, auf dem in großen Buchstaben „Crimson County Sheriff“ stand.

Normalerweise hasste sie es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, aber gerade war ihr alles egal.

„Mach dich doch nicht lächerlich“, sagte Kevin. „Es war ein Fehler, klar. Aber es war nur eine Nacht. Ich kannte sie ja nicht mal.“

„Das macht es nicht besser“, stieß Sienna hervor.

„Können wir?“ Cole kam heran und stellte sich neben sie.

„Wer zum Teufel sind denn Sie?“, fragte Kevin.