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Beschreibung

»I have a dream« – Martin Luther Kings epochemachende Rede ist nur ein Beispiel für die Macht, mit der das gesprochene Wort in die Geschichte der Menschheit eingegriffen hat. Aussichtslosen Situationen haben solche Reden ebenso Ausdruck gegeben wie großen Hoffnungen und Visionen. Sie haben Leidenschaften – im Guten wie im Bösen – entfesselt, aber auch zur Besinnung aufgerufen, haben Wendepunkte der Geschichte markiert, Epochen beendet und Entwicklungen losgetreten. Das Wort von »Blut, Schweiß und Tränen«, mit dem Winston Churchill seine Nation auf den Widerstand gegen Hitler einstimmte, ist dafür ebenso ein Beispiel wie Abraham Lincolns Gettysburg Address, Nelson Mandelas Rede nach dem Wahlsieg des ANC, Richard von Weizsäckers Rede zum 40. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1985 oder in neuerer Zeit Ansprachen von Papst Franziskus,Wladimir Putin oder Malala Yousafzai.

Dieser Band enthält 64 der berühmtesten Reden aller Zeiten, mit Biografien der Redner und einer Einführung zum Kontext und zur historischen Bedeutung der jeweiligen Rede.

Mit einer Einführung des britischen Historikers und Bestsellerautors Simon Sebag Montefiore (Jerusalem. Die Biographie; Der junge Stalin).

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Seitenzahl: 461

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Reden, die unsere Welt veränderten

Mit einer Einführung von Simon Sebag Montefiore

Aus dem Englischen von Michael Bischoff

Mit zahlreichen Abbildungen

Insel Verlag

Inhalt

Einführung von Simon Sebag Montefiore

Jesus von Nazareth Aus der Bergpredigt (Matthäus-Evangelium), 1. Jh. n. Chr.

Der Prophet Mohammed Aus der Koran-Sure al-Baqarah, 7. Jh.

Königin Elisabeth I. von England Rede zur Ermutigung der englischen Truppen in Tilbury, 8. August 1588

König Karl I. von England Rede auf dem Schafott, 30. Januar 1649

Oliver CromwellRede zur Auflösung des Rumpfparlaments, 20. April 1653

George Washington Abschiedsrede des Präsidenten, 17. September 1796

Thomas Jefferson Antrittsrede als Präsident, 4. März 1801

Napoleon BonaparteAbschiedsrede an die Alte Garde, 20. April 1814

Abraham Lincoln Rede in Gettysburg, 19. November 1863

Susan B. Anthony Eine von Februar bis Juni 1873 mehrfach gehaltene Rede

Emmeline Pankhurst Rede über die britische Kampagne für das Frauenwahlrecht, 13. November 1913

Patrick Pearse Grabrede für Jeremiah O’Donovan Rossa, 1. August 1915

Woodrow Wilson Rede vor dem Kongress zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, 2. April 1917

Wladimir Iljitsch LeninRede zu den politischen Zielen der Bolschewiken, September 1917

Clarence Darrow Schlussplädoyer der Verteidigung im Prozess gegen Henry Sweet, 11. Mai 1926

Mohandas K. Gandhi Rede am Vorabend seines »Salzmarsches«, 11. März 1930

Franklin D. Roosevelt Antrittsrede als Präsident, 4. März 1933 Rede an den Kongress mit der Aufforderung, Japan den Krieg zu erklären, 8. Dezember 1941

Adolf Hitler Rede mit der Forderung auf Abtretung des Sudetenlandes, 26. September 1938 Rede zur Rechtfertigung des Polenfeldzugs, 1. September 1939

Neville Chamberlain Erklärung nach dem Münchner Abkommen, 30. September 1938

Josef Stalin Rede vor dem Politbüro zum Hitler-Stalin-Pakt, 19. August 1939

Winston Churchill Reden zum Zweiten Weltkrieg und zur Nachkriegszeit, 1940-1946

Charles de Gaulle Rundfunkaufruf zur Schaffung der Freien Französischen Streitkräfte, 18. Juni 1940

Wjatscheslaw Molotow Rundfunkansprache zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion, 22. Juni 1941

George S. Patton, Jr Rede an die Soldaten der 3. US-Armee am Vorabend der Landung in Nordfrankreich, 5. Juni 1944

Kaiser Hirohito Rundfunkansprache zur japanischen Kapitulation, 15. August 1945

J. Robert OppenheimerRede über das Atomzeitalter und die Verantwortung der Wissenschaftler, 2. November 1945

Jawaharlal Nehru Rede zur Unabhängigkeit Indiens, 14. August 1947

Douglas MacArthur Abschiedsrede vor dem Kongress, 19. April 1951

Nikita Chruschtschow Geheimrede über Stalin auf dem XX. Parteitag der KPdSU, 25. Februar 1956

John F. Kennedy Antrittsrede als Präsident, 20. Januar 1961 Rede vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin, 26. Juni 1963

Martin Luther King, Jr Bürgerrechtsansprache vor dem Lincoln Memorial, 28. August 1963 Rede am Vorabend seiner Ermordung, 3. April 1968

Nelson Mandela Rede vor Gericht zur Verteidigung seiner Taten und Ziele, 20. April 1964 Rede nach dem Wahlsieg des ANC, 2. Mai 1994

Malcolm X Rede zum Lob der afrikanischen Abstammung, 14. Februar 1965

Pierre Trudeau Rede zur Ausrufung des Notstands in der Quebec-Krise, 16. Oktober 1970

Richard Nixon Fernsehansprache zur Watergate-Affäre, 30. April 1973

Indira Gandhi Rede über den Wert der Frauenbildung, 23. November 1974

Chaim Herzog Rede vor den Vereinten Nationen mit der Verdammung des Antisemitismus, 10. November 1975

Anwar as-Sadat Rede vor der israelischen Knesset mit dem Angebot von Friedensverhandlungen, 20. November 1977

Papst Johannes Paul II. Ansprache an seine polnischen Landsleute, 18. Juni 1983

Richard von Weizsäcker Rede zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa, 8. Mai 1985

Ronald Reagan Rede vor dem Brandenburger Tor, 12. Juni 1987

Michail Gorbatschow Rede vor den Vereinten Nationen über die sowjetischen Reformen, 7. Dezember 1988

Václav Havel Neujahrsansprache zur kommunistischen Vergangenheit, 1. Januar 1990

Aung San Suu Kyi Schreiben zur Annahme des Sacharow-Preises für geistige Freiheit, Juli 1991

Earl Spencer Trauerrede für Diana, Prinzessin von Wales, 6. September 1997

Elie Wiesel Rede zu den unheilvollen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, 12. April 1999

George W. Bush Ansprache an die Nation nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001

Gerry Adams Aufruf an die Irish Republican Army, die Gewalt aufzugeben, 6. April 2005

Al Gore Rede bei der Klimakonferenz der Vereinten Nationen auf Bali, 14. Dezember 2007

Kevin Rudd Parlamentsantrag zur Entschuldigung für die Misshandlung der Ureinwohner Australiens, 13. Februar 2008

Barack Obama Rede nach seinem Sieg bei den US-Präsidentschaftswahlen, 4. November 2008

Xi Jinping Rede als Generalsekretär der Kommunistischen Partei vor dem Ständigen Ausschuss des Politbüros, 15. November 2013

Papst Franziskus Osterbotschaft vor dem Segen »Urbi et Orbi«, 31. März 2013

Malala Yousafzai Rede über den Zugang zu Bildung vor der UN-Jugendversammlung, 12. Juli 2013

Wladimir Putin Rede vor der Föderationsversammlung zur Annexion der Krim, 18. März 2014

Verzeichnis der Redner

Text- und Bildnachweise

EINLEITUNG

Von Simon Sebag Montefiore

Eine große Rede muss nicht unbedingt die Wahrheit ihrer Zeit erfassen  ; sie kann auch Ausdruck einer großen Lüge sein. Diese wunderbare Sammlung von Reden enthält erhebende Hymnen an die Freiheit, die wir wegen ihres Anstands und ihrer freiheitlichen Gesinnung schätzen, Worte, die unsere Welt erhellten. Wir können hier jedoch auch einige der verachtungswürdigsten Reden lesen, die den Horizont der freien Welt verfinsterten. Gerade die Reden der großen Monstren der Geschichte halten wichtige Lehren für uns bereit.

Viele der hier abgedruckten Reden enthalten ewige Wahrheiten, insbesondere Klassiker wie Lincolns »Gettysburg Address«, aber auch weniger bekannte Ansprachen wie die von Václav Havel, dem tschechischen Dissidenten und späteren Präsidenten, oder die des israelischen Staatspräsidenten Chaim Herzog. In der Regel zeichnen sich gute Reden durch eine klare, einfache Sprache aus, wie wir sie bei Jesus, Mohammed oder Martin Luther King finden, und es ist hilfreich, wenn der Redner die Worte selbst niedergeschrieben hat. Viele verbreiten jedoch den Gestank des Bösen und des Wahns  ; aus ihnen können wir lernen, dass gute, menschenfreundliche Worte auch ebenso viel verschleiern und verzerren können, wie sie enthüllen und erleuchten. Manche Reden sind eindeutig Orwell’scher Art. Manche sind einfach nur unwahr, manche sind niederträchtig, und manche können wir heute im historischen Rückblick besser beurteilen. Kaiser Napoleons Abschiedsrede an die Alte Garde ist rührseliger Unsinn, denn er hatte das Wohl seines Landes niemals über sein eigenes gestellt, und sein Ehrgeiz bedeckte die Felder Europas mit den Leichen unschuldiger junger Männer. In zwei Reden erweisen sich schlechte Menschen als geschickte Politiker. In Lenins Rede »Alle Macht den Räten« vom September 1917 kann man die Lügen gar nicht zählen, denn er hatte keineswegs die Absicht, den Räten, den Bauern oder den Arbeitern die Macht zu geben. Die Macht war für ihn selbst und seine Parteioligarchen bestimmt. Seine Verachtung und sein Zynismus sind geradezu überwältigend. Adolf Hitlers Reden zeigen seine Virtuosität als politischer Agitator und Redenschreiber, aber sie sind gespickt mit brutalen, zynischen Lügen und lächerlich schwülstigen Posen. Stalins Ansichten sind zwar verachtenswert skrupellos, doch der selbstbewusst »bescheidene« Sohn eines Schusters trägt sie erstaunlich offen vor.

Dann gibt es da natürlich auch die Poseure, die Verblendeten und die Wohlmeinenden. Richard Nixon versprach, genau jene Schönfärberei zu vermeiden, zu der er sich längst entschlossen hatte. General Douglas MacArthurs Abschiedsrede ist großartig, aber voll eitler Selbsttäuschung. Als Präsident Gorbatschow die »Freiheit der Wahl« pries, meinte er damit sicher nicht, dass sein eigenes Volk ausreichend viel davon erhalten sollte, um ihn – zusammen mit seinem geliebten Kommunismus – in die Wüste zu schicken. Neville Chamberlain ist im historischen Rückblick auf seine Rede über »Frieden für unsere Zeit« sogar noch stärker zur Zielscheibe des Spotts geworden  ; man kann sich kaum ein größeres Fehlurteil und einen erbärmlicheren Irrtum hinsichtlich der Erfolgsaussichten vorstellen – und das in schlichten Worten ausgedrückt.

So enthüllen denn viele dieser Reden die Charaktermängel oder Tugenden der Redner, doch jede von ihnen erlaubt zugleich auch einen Blick auf eine große historische Chance. Im Zeitalter des Radios oder des Fernsehens dürften die meisten Menschen sich erinnern, wo sie waren, als sie George W. Bushs Ansprache zum 11. September hörten oder Franklin Roosevelts Rede nach dem Angriff auf Pearl Harbor oder Wjatscheslaw Molotows Gestammel, das in Wirklichkeit Stalins Worte über den Angriff der Nazis auf die Sowjetunion wiedergab. Spontane Reden sind oft noch kraftvoller. Die Ansprache Karls I. von England muss unvergesslich gewesen sein, doch sie enthüllte auch die verbohrte Arroganz und das stolze Pathos des todgeweihten Monarchen. Die Auflösung des Parlaments durch Lordprotektor Cromwell verdeutlicht sowohl seine grimmige Entschlossenheit als auch seine scheinheilige Berufung auf die göttliche Vorsehung. Die in meinen Augen beste Rede ist allerdings eine, die kein Großereignis markiert, sondern in brillanter Sprache, mit moralischer Kraft und in gerechtem Zorn das Wesen jeglicher anständigen Zivilisation aufzeigt – ein Thema, das viele dieser Reden durchzieht  : Elie Wiesels Millennium-Rede über die »Gefahren der Gleichgültigkeit«. Wir sollten all diese Reden kennen. Doch wenn die Leserinnen und Leser nur Wiesels Gedanken über die Geschichte und das private Individuum im Gedächtnis behalten, wird dieses Buch ein voller Erfolg sein.

JESUS VON NAZARETH

Aus der Bergpredigt (Matthäus-Evangelium), 1. Jh. n. Chr.

Für viele Menschen bilden die Aussprüche Jesu in der Bergpredigt den Kern der christlichen Lehre. Auch über das Christentum hinaus haben sie grundlegende ethische Prinzipien des menschlichen Umgangs geprägt, und manche Passagen – wie etwa die als »Seligpreisungen« bekannten Verse oder das »Vaterunser« – haben viele schon in der Kindheit auswendig gelernt. Manche christlichen Denker und Bibelforscher halten die Bergpredigt eher für eine Zusammenstellung von Aussprüchen durch frühchristliche Autoren als für eine tatsächlich bei einer bestimmten Gelegenheit gehaltene Predigt.

Geschichtlich betrachtet, wurde Jesus Ende des 1. vorchristlichen oder zu Beginn des 1. nachchristlichen Jahrhunderts im römisch besetzten und von einem jüdischen Marionettenregime regierten Palästina geboren. Er wuchs in Nazareth auf und betätigte sich später in Nordpalästina drei Jahre lang als Wanderprediger. In dieser Zeit versammelte er zahlreiche Anhänger um sich, die er durch seine Interpretation des jüdischen Gesetzes und durch die ihm zugeschriebenen Wundertaten anzog. Durch seine Kritik an religiösen jüdischen Führern und seine Warnung, die Herrschaft der Menschen werde schon bald durch das Gottesreich abgelöst, forderte er den Widerstand des jüdischen und römischen Establishments heraus, was schließlich zu seinem Tod am Kreuze führte. Die vier Evangelien (das heißt »frohe Botschaften«) des Neuen Testaments erzählen von seinem Leben und seinen Lehren und sollen von vier seiner Jünger stammen  : Matthäus (darin findet sich die Bergpredigt), Markus, Lukas und Johannes. Sie zeichnen das Bild eines Mannes, der ohne materielle Sicherheit oder die Unterstützung durch eine Familie lebte, sich oft der Armen und aus der Gesellschaft Ausgestoßenen annahm und immer wieder voraussagte, er werde – von den Mächtigen verfolgt – leiden und sterben, um Gottes Auftrag zu erfüllen. Die Evangelisten weichen in Details voneinander ab, doch alle behaupten, Jesus sei von den Toten auferstanden und ihnen noch am selben Tage erschienen, zum Beweis seiner Behauptung, der Messias und der Sohn Gottes zu sein. Bei Nichtchristen gilt der historische Jesus wahlweise als moralischer Reformator, politischer Revolutionär, palästinensischer Bauer oder charismatischer Rabbi. Für Christen mag er all das gewesen sein, aber vor allem war er in ihren Augen ein Prophet mit einer einzigartigen, durch seine göttliche Geburt bewiesenen Beziehung zu Gott, der durch seinen Tod und seine Auferstehung die Menschen erlöst hat.

Die christliche Bewegung breitete sich rasch im gesamten Mittelmeerraum aus und wurde im 1. Jh. von den römischen Kaisern Claudius und Nero grausam unterdrückt. Ende des Jahrhunderts verfolgten die jüdischen Behörden in Palästina eine Politik, die auf einer deutlichen Unterscheidung zwischen Christen und Juden bestand. Doch eine Weltreligion war geboren, die der Entwicklung der westlichen Gesellschaft und Kultur als Grundlage dienen sollte.

Jesus von Nazareth, geboren um 4 v. Chr. oder etwas später in Bethlehem, Judäa (Palästina).

Die Evangelien beschreiben Episoden aus dem Leben des erwachsenen Jesus, seine Lehren, seine Wunderheilungen und andere Wunder, seine Herausforderung der jüdischen Autoritäten auf religiösem und politischem Gebiet sowie seine Wanderungen durch Galiläa und außerhalb der jüdischen Welt in Tyros und Sidon. Als er zwischen 26 und 30 unserer Zeitrechnung nach Jerusalem kam, wurde er dort gefeiert, er wurde wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt und nach der Bestätigung des Urteils durch den römischen Präfekten Pontius Pilatus gekreuzigt.

Gestorben um 26-30 n. Chr. in Palästina und nach christlichem Glauben anschließend wiederauferstanden.

Matthäus 5,3-11 (»Die Seligpreisungen«)

Selig, die arm sind vor Gott  ; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden  ; denn sie werden getröstet werden.

Selig, die keine Gewalt anwenden  ; denn sie werden das Land erben.

Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit  ; denn sie werden satt werden.

Selig die Barmherzigen  ; denn sie werden Erbarmen finden.

Selig, die ein reines Herz haben  ; denn sie werden Gott schauen.

Selig, die Frieden stiften  ; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.

Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden  ; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.

Matthäus 6,9-13 (»Das Vaterunser«)

Darum sollt ihr so beten  :

Unser Vater im Himmel  !

Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

DER PROPHET MOHAMMED

Aus der Koran-Sure al-Baqarah, 7. Jh.

Für Muslime enthält der Koran die Worte Allahs (Gottes), wie sie dem Propheten Mohammed im frühen 7. Jahrhundert offenbart wurden. In ihrer kanonischen Form wurden sie einige Jahre nach Mohammeds Tod niedergeschrieben  ; dabei entstand ein arabischer Text, der seither keine Veränderungen erfahren hat. Der Koran und die Hadithen (Leben und Lehren Mohammeds) bilden die beiden Säulen des Islam. Als solche prägen sie seit der Vereinigung der arabischen Stämme im 7. Jahrhundert in beträchtlichem Maße die muslimischen Gesellschaften und das Leben der einzelnen Gläubigen.

Unter den Offenbarungen findet sich auch die Anweisung Gottes hinsichtlich der Kibla (der Richtung, in der Mohammed und seine Anhänger beten sollten), die erklärt, warum die Muslime sich beim Beten in Richtung Mekka wenden. Der Koran ist in Suren (Versabschnitte) unterteilt, und diese Passage findet sich in der 2. Sure, genannt al-Baqarah (Die Kuh), in den Versen 144-150. Der historische Hintergrund der Passage verweist auf das Jahr 622, als Mohammed und seine Anhänger wegen der Anfeindungen durch die nichtbekehrten Einwohner Mekkas nach Medina auswanderten, ein Vorgang, der von den Muslimen »Hidschra« genannt wird. In Medina lebten auch andere Religionsgruppen – Juden, Nazarener und Christen –, die sich beim Beten alle in Richtung Jerusalem wandten, das in ihrem Glauben eine zentrale Stellung einnahm. Es gab in Medina auch Gläubige, die sich beim Beten in Richtung der Kaaba (wörtlich  : Kubus, Würfel) wandten, eines alten, als Pilgerstätte bekannten Schreins in Mekka. Anfangs betete Mohammed in Richtung Jerusalem, doch er hatte das Bedürfnis, in Richtung der Kaaba zu beten, des Hauses, das seine Vorfahren und die Propheten Abraham und Ismael vor vielen Jahrhunderten erbaut hatten, das aber inzwischen Götzen beherbergte. Dieser Drang verunsicherte ihn, bis Allah ihm auftrug, in Richtung Mekka zu beten. Die Kaaba bildet heute den Mittelpunkt eines Moscheenkomplexes in Mekka.

Wie aus den Versen hervorgeht, ist der Islam nicht vollständig getrennt von der jüdisch-christlichen Überlieferung. Er hat einiges aus diesen beiden Religionen übernommen, und Mohammed bezeichnete sich selbst als das »Siegel der Propheten«  : den letzten in einer langen Reihe, zu der auch Moses und Jesus gehörten. Abraham gab das höchste Beispiel menschlicher Demut vor Gott, weil er bereit war, ihm seinen Sohn zu opfern. Und das Wort »Islam« bedeutet »Unterwerfung unter den Willen Gottes«.

Der Prophet Mohammed, geboren 570 im westarabischen Mekka. Der schon jung verwaiste Mohammed wurde von seinem Großvater und seinem Onkel aufgezogen.

Mit 25 Jahren heiratete er eine reiche Witwe, Chadidschah, und arbeitete als Kaufmann in deren Geschäft. 610 berichtete Mohammed von einer Erscheinung des Erzengels Gabriel, der ihm die erste von zahlreichen weiteren Offenbarungen übermittelte, die Mohammed zu verbreiten begann, wodurch er Anhänger wie auch Gegner anzog. 619, im »Jahr der Sorgen«, in dem seine Frau und sein Onkel starben, erreichten diese Offenbarungen ihre größte Intensität. Er konnte seinen Verfolgern entkommen und ging 622 in das weiter nördlich gelegene Medina, wo er treue Anhänger um sich scharte. In den folgenden Jahren kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen mit den Ungläubigen in Mekka. 629 unternahm er die erste Haddsch (Pilgerfahrt) nach Mekka, doch als der mit Mekka geschlossene Waffenstillstand gebrochen wurde, führte er seine Streitkräfte 630 zur Eroberung der Stadt.

Gestorben 632 in Medina. Um 650 befahl der dritte Kalif, Uthman, die Schaffung eines verbindlichen Koran.

Wir sahen dich dein Antlitz in den Himmel kehren, aber wir wollen dich zu einer Kibla wenden, die dir gefallen soll. Wende dein Angesicht nach der Richtung der heiligen Moschee, und wo immer ihr seid, wendet eure Angesichter nach der Richtung zu ihr  ; und siehe jene, denen das Buch gegeben ward, wissen wahrlich, dass dies die Wahrheit von ihrem Herrn ist. Und Allah ist nicht achtlos ihres Tuns.

Brächtest du denen, welchen die Schrift gegeben ward, jegliches Zeichen, so würden sie doch deiner Kibla nicht folgen  ; und auch du sollst ihrer Kibla nicht folgen  ; die einen von ihnen folgen nicht der Kibla der andern. Und wahrlich, folgtest du ihren Gelüsten nach dem, was dir von der Kenntnis zuteilward, siehe, wahrlich dann wärest du einer der Ungerechten.

Sie, denen wir die Schrift gaben, kennen sie, wie sie ihre Kinder kennen  ; und siehe wahrlich, ein Teil von ihnen verbirgt die Wahrheit, wiewohl sie sie kennen.

Die Wahrheit ist von deinem Herrn, sei daher keiner der Zweifler.

Und jeder hat eine Richtung, nach der er sich kehrt  ; wetteifert daher nach dem Guten  ; wo immer ihr seid, Allah wird euch zusammenbringen  ; siehe, Allah hat Macht über alle Dinge.

Von wannen du immer herauskommst, kehre dein Angesicht in der Richtung der heiligen Moschee  ; denn siehe, wahrlich es ist die Wahrheit von deinem Herrn, und Allah ist nicht achtlos eures Tuns.

Die Wahrheit ist von deinem Herrn, sei daher keiner der Zweifler.

Von wannen du immer herauskommst, kehre dein Angesicht in der Richtung der heiligen Moschee, und wo ihr immer seid, kehret euer Angesicht in der Richtung zu ihr, damit die Leute keinen Streitgrund wider euch haben, außer wider die Ungerechten unter ihnen. Fürchtet sie nicht, sondern fürchtet mich  ; und ich will meine Gnade gegen euch vollenden, und vielleicht werdet ihr geleitet.

KÖNIGIN ELISABETH I. VON ENGLAND

Rede zur Ermutigung der englischen Truppen in Tilbury, 8. August 1588

In der volkstümlichen Überlieferung gilt die Herrschaft Elisabeths I. als ein Goldenes Zeitalter der englischen Geschichte. Dieses Urteil rührt weitgehend von der kulturellen Blüte und den Anfängen eines Seereichs her, die in ihre Regierungszeit fielen. Doch die Königin trug auch selbst zu ihrem Mythos bei, unter anderem durch ihren mutigen Widerstand gegen das mächtige spanische Reich und vor allem durch die mitreißende Rede, die sie angesichts der drohenden spanischen Invasion gehalten haben soll.

1588 hatten die Feindseligkeiten zwischen Spanien und England einen Höhepunkt erreicht. In ihrer bis dahin 30-jährigen Regierungszeit hatte Elisabeth den Bruch Heinrichs VIII. mit der katholischen Kirche zementiert, und die Kirche von England hatte sich immer stärker protestantischen Praktiken zugewandt. 1570 wurde Elisabeth von Papst Pius V. exkommuniziert, wodurch sie in den Augen der Katholiken ihre Legitimation als Königin verlor. Die Furcht vor katholischen, von den Spaniern unterstützten Verschwörungen zum Sturz der Königin nahm zu, und in den 1580er Jahren wurden mehrere reale und eingebildete Umsturzversuche aufgedeckt. 1583 verließ der spanische Botschafter England für immer. Besonders ärgerlich für Spanien war die Tatsache, dass Elisabeth den holländischen Rebellen, die in den damaligen Spanischen Niederlanden für ihre Unabhängigkeit kämpften, wirtschaftliche und sogar unmittelbar militärische Hilfe zukommen ließ. Und in der Karibik wie auch auf dem Atlantik kaperten englische Freibeuter – staatlich lizenzierte Piraten – Schiffe, mit denen wertvolle Güter aus den spanischen Kolonien nach Spanien gebracht wurden. 1587 gelang es einer Flotte unter dem berühmten Sir Francis Drake, dem spanischen König Philipp II. enormen Schaden zuzufügen und im Hafen von Cadiz 24 spanische Schiffe zu zerstören. Damit war Philipps Geduld am Ende, und Anfang 1588 erfuhren britische Behörden, dass er die Absicht hatte, mit einer gewaltigen Kriegsflotte in England zu landen.

In der Politik gegenüber dem Kontinent war die Lage Englands besonders prekär, weil in den seit langem wütenden Religionskriegen in Frankreich die katholische Fraktion gerade die Oberhand gewonnen hatte. Ende Mai setzten über 130 spanische Schiffe mit mehr als 18 000 Mann Besatzung unter dem Kommando des Herzogs von Medina Sidonia in Spanien die Segel und nahmen Kurs auf Calais, wo sie sich mit den Landstreitkräften des Herzogs von Parma vereinigen sollten. Am 7. August ließ Admiral Howard die vor der französischen Küste liegende Armada mit Brandern angreifen, woraus sich die »Seeschlacht von Gravelines« entwickelte. Ein großer Teil der Armada wurde zerstreut und zog in die Nordsee ab, um Schottland zu umrunden, geriet aber vor der irischen Küste in starke Stürme und erlitt Schiffbruch; nur wenige Schiffe schafften es zurück nach Spanien. Der Friedensschluss ließ noch mehrere Jahre auf sich warten, aber die Spanier sollten niemals mehr in der Lage sein, England mit so mächtigen Streitkräften zu bedrohen.

Am 8. August konnte in England noch niemand wissen, dass die Gefahr einer Invasion geringer geworden war. An diesem Tag besuchte Elisabeth die hastig bei Tilbury an der Themsemündung zusammengezogenen Truppen und hielt dort ihre denkwürdige Ansprache, in der sie die Soldaten zur Verteidigung ihrer Heimat und ihrer Königin aufrief.

Königin Elisabeth I. von England, geboren am 7. September 1533 in Greenwich, Tochter Heinrichs VIII. und seiner zweiten Frau Anne Boleyn.

Sie bestieg 1558 den Thron, als Nachfolgerin ihres protestantischen Halbbruders Eduard VI. (1549-1553) und ihrer älteren katholischen Halbschwester Maria I. (1553-1558). In ihre Regierungszeit fielen  : die Durchsetzung der Kirche von England, wachsende Beschränkungen für Katholiken sowie englische Hilfe für niederländische Rebellen und französische Hugenotten. Mit der Entstehung professioneller Theater erlebte Shakespeare seinen Aufstieg, und seetüchtige Abenteurer gründeten die nach der »Jungfräulichen Königin« (Virgin Queen) benannte amerikanische Kolonie Virginia. 1587 genehmigte sie widerwillig die Hinrichtung ihrer Verwandten, der schottischen Königin Maria Stuart, wegen der Beteiligung an einer Verschwörung, und 1588 hielt sie eine mitreißende Rede vor den Truppen, die England gegen die spanische Armada verteidigen sollten. Da sie unverheiratet blieb und keine Kinder hatte, war sie die letzte Tudor-Monarchin, und der Thron ging an Maria Stuarts protestantischen Sohn Jakob.

Gestorben am 24. März 1603 im Richmond Palace südwestlich von London.

Mein geliebtes Volk,

in Sorge um unsere Sicherheit haben manche uns geraten, aus Angst vor Verrat Vorsicht walten zu lassen, wenn wir uns unter große Scharen Bewaffneter begeben  ; aber ich versichere euch, ich möchte nicht in Misstrauen gegen mein treues und geliebtes Volk leben. Mögen Tyrannen sich fürchten  ! Ich habe es stets so gehalten, dass ich meine größte Stärke und meinen Schutz nach Gott in die treuen Herzen und den guten Willen meiner Untertanen setzte. Deshalb bin ich, wie ihr seht, zu euch gekommen, nicht zur Erholung oder zum Zeitvertreib, sondern in dem festen Entschluss, in der Hitze der Schlacht unter euch zu leben und zu sterben  ; meine Ehre und mein Blut für meinen Gott, mein Königreich und mein Volk hinzugeben, und sei es auch im Staub.

Ich will selbst zu den Waffen greifen, will selbst euch führen, will selbst jede eurer Taten auf dem Schlachtfeld bewerten und belohnen.

Ich weiß, ich habe nur den Körper einer schwachen Frau  ; aber ich habe das Herz und den Mut eines Königs, noch dazu eines Königs von England, und kann nur voller Hohn daran denken, dass Parma oder Spanien oder irgendein Fürst Europas es wagen sollte, in mein Reich einzudringen  ; und bevor ich Unehre über mein Land bringe, will ich selbst zu den Waffen greifen, will ich selbst euch führen, will ich selbst jede eurer Taten auf dem Schlachtfeld bewerten und belohnen. Ich weiß, dass euch schon jetzt durch eure Unerschrockenheit Lohn und Ehre zusteht, und ich gebe euch mein königliches Wort, dass ihr euren gerechten Lohn erhalten werdet. In der Zwischenzeit wird mich mein Generalleutnant vertreten, der beste Untertan, den je ein Fürst befehligt hat  ; ich habe keinen Zweifel, dass wir dank eures Gehorsams gegenüber meinem General, dank eurer Eintracht im Lager und eurer Tapferkeit im Felde schon bald einen ruhmreichen Sieg über diese Feinde meines Gottes, meines Königreichs und meines Volkes erringen werden.

KÖNIG KARL I. VON ENGLAND

Rede auf dem Schafott, 30. Januar 1649

Am 30. Januar 1649 bestieg Karl I. – König von England, Schottland und Irland – vor dem Banqueting House in der Londoner Whitehall das Schafott, auf dem ihn die Axt des Scharfrichters erwartete, weil man ihn wegen »Hochverrats und weiterer schwerer Verbrechen« zum Tode verurteilt hatte. Dieser Königsmord, der in weiten Teilen Europas mit Abscheu betrachtet wurde, beendete eine Herrschaft, die das Königreich seit 1642 in einen Bürgerkrieg gestürzt hatte. Sein Tod bedeutete auch das zeitweilige Ende dieses »Königreichs«, denn Britannien geriet damit in die unerforschten Gewässer eines elfjährigen Regimes ohne einen Monarchen.

Die Herrschaft Karls I. stieß von Anfang an auf Schwierigkeiten. Durch seine Heirat mit einer katholischen französischen Prinzessin, Henriette Marie de Bourbon, machte er sich bei den strengeren Protestanten unter seinen Untertanen unbeliebt, und schon bald geriet er mit dem weitgehend puritanischen Parlament in Streit über Geldfragen. Karl glaubte an das Gottesgnadentum des Königs, wonach der König nur Gott, nicht aber seinen Untertanen Rechenschaft schuldete. Er war der Ansicht, das Parlament nutze seine Steuerhoheit als Hebel, um größeren Einfluss auf seine Politik und die Zusammensetzung seiner Regierung zu erlangen. Es kam zu einem Kampf, in dem beide Seiten einander vorwarfen, die andere wolle ihre Rechte und Freiheiten beschneiden. Noch explosiver wurde das Gemisch, als Karls Hochkirchen-Protestantismus, wie er insbesondere unter Erzbischof Laud entwickelt wurde, auf beträchtlichen Widerstand bei solchen Gläubigen stieß, die sich eine schlichtere Kirche wünschten.

1629 löste Karl das Parlament auf und regierte in den folgenden elf Jahren ohne diese Institution, wobei er versuchte, auf andere Weise an Geld zu kommen. Konflikte in Schottland 1637 (als Karl versuchte, der presbyterianischen Kirche Bischöfe aufzuzwingen) und später in Nordengland und Irland zwangen ihn, das Parlament erneut einzuberufen. 1642 spitzten die Spannungen sich zu. Am 22. August floh Karl aus dem weitgehend parlamentsfreundlichen London und ließ sich in Nottingham nieder. Der komplizierte Bürgerkrieg, der gelegentlich auch als Krieg der drei Königreiche bezeichnet wird (weil er auch in Schottland und Irland ausgetragen wurde), hatte begonnen. Über die Ursachen wird heute noch gestritten.

Karl war zwar mutig, aufrichtig, tiefreligiös, ein treuer Gatte und Vater und ein großer Förderer der Künste, aber er war auch reserviert, unbeweglich, auf politischer Ebene hinterlistig, allzu selbstbewusst und ein schlechter Stratege. 1647 wurden seine Anhänger besiegt, und er geriet in Gefangenschaft. Es schien, als könnte es zu Verhandlungen mit dem Parlament kommen, doch die Uneinigkeit innerhalb des Parlaments sowie zwischen dem Parlament und der Armee komplizierte die Lage. Schließlich konnte Karl entkommen, und der Konflikt entflammte erneut, bis die Niederlage seiner schottischen Gefolgsleute in der Schlacht von Preston 1648 seine Hoffnung auf den Sieg zunichtemachte. Für Oliver Cromwell, der gemeinsam mit Thomas Fairfax die Parlamentsarmee geführt hatte, war Karl »der große Urheber unserer Probleme«, dem man bei Verhandlungen nicht trauen könne. Im Dezember 1648 säuberte die Armee das Parlament von seiner auf Versöhnung bedachten Mehrheit, so dass nur ein radikaleres, aus Unabhängigen bestehendes Rumpfparlament blieb, das beschloss, dem König den Prozess zu machen.

Das war eine vollkommen neue Situation. Karl weigerte sich, die rechtliche Grundlage des Gerichts wie auch des gegen ihn geführten Prozesses anzuerkennen, und war deshalb auch nicht bereit, sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen. Doch über das Urteil konnte kein Zweifel bestehen. Zehn Tage nach dem Prozess standen sechzig Unterschriften (darunter die von Cromwell) unter dem Todesurteil für den König, und schon am folgenden Tag wurde es vollstreckt. Es heißt, Karl hätte zwei Hemden getragen, damit er in der Kälte nicht zitterte und niemand glaubte, er hätte Angst.

Ich vertrete eine gute Sache und habe einen gnädigen Gott auf meiner Seite.

Seine Abschiedsrede war äußerst typisch für seinen Charakter und seine Überzeugungen. Sie war mutig und entschlossen, verriet aber wenig Gespür für die Auswirkungen seines Tuns. Er erklärte, der König habe die Pflicht, »Leben und Besitz« seiner Untertanen zu schützen, indem er für die Einhaltung der Gesetze in seinem Lande sorge, aber er wiederholte  : »Untertan und Souverän sind klar voneinander geschieden«, und er erklärte, die Untertanen sollten nicht danach streben, eine Rolle in der Regierung zu spielen. Paradoxerweise bezeichnete er sich – den König – als »Märtyrer des Volkes«. Seines Erachtens zahlte er den Preis für seinen Widerstand gegen eine Art Kriegsrecht. So merkwürdig diese Worte erscheinen mögen, enthielten sie doch ein prophetisches Element, denn die Macht ging schon bald vom Parlament auf Cromwell und die Armee über.

König Karl I. von England, geboren am 19. November 1600 im schottischen Fife als Sohn Jakobs VI. (von Schottland) und I. (von England).

Er bestieg den Thron 1625 und heiratete noch im selben Jahr Prinzessin Henriette Marie von Frankreich. Streitigkeiten mit dem Parlament – über die Finanzen, über seine Berater, über kirchliche Praktiken – veranlassten ihn, von 1629 bis 1640 zu regieren, ohne das Parlament einzuberufen. 1642 kam es zum Bürgerkrieg zwischen Anhängern des Parlaments und solchen des Königs. Als der Krieg 1647-1648 erneut ausbrach, führten Kommandeure der Armee und das aus radikalen Parlamentsmitgliedern bestehende Rumpfparlament einen Prozess wegen Hochverrats gegen ihn.

Hingerichtet am 30. Januar 1649 in London.

Hier wird mir kaum jemand zuhören … Ich könnte durchaus auch schweigen, wenn ich nicht befürchten müsste, mein Schweigen könnte von manchen als Anerkennung meiner Schuld und der Strafe gewertet werden. Aber es ist meine Pflicht zunächst gegen Gott und dann gegen mein Land, mich zu entlasten und als ehrenwerten Mann, als guten König und als guten Christen zu erweisen.

Ich beginne mit meiner Unschuld. Eigentlich halte ich es nicht für sonderlich notwendig, darauf hinzuweisen, denn alle wissen, dass ich niemals einen Krieg mit den beiden Häusern des Parlaments begonnen habe, und ich rufe Gott, vor dem ich mich schon sehr bald werde verantworten müssen, zum Zeugen dafür auf, dass ich niemals die Absicht hatte, die Privilegien des Parlaments zu beschneiden, aber sie haben angefangen, sie haben mit der Miliz angefangen  ; sie geben zu, dass die Miliz mir gehört, aber sie haben es für richtig befunden, sie mir wegzunehmen.

Gott behüte, dass ich ein so schlechter Christ wäre und nicht sagte, dass Gottes Urteile gerecht sind. Immer wieder übt er durch einen ungerechten Urteilsspruch Gerechtigkeit, das kommt oft vor. Ich möchte nur dies sagen, dass ein ungerechtes Urteil, dessen Wirksamwerden ich duldete, nun durch ein ungerechtes Urteil gegen mich bestraft wird, und das sage ich euch, um euch zu zeigen, dass ich unschuldig bin.

Nun will ich zeigen, dass ich ein guter Christ bin. Ich hoffe, es gibt einen guten Menschen, der bezeugen wird, dass ich aller Welt verziehen habe, und gerade auch jenen, die zu den Hauptverursachern meines Todes gehören. Wer sie sind, das weiß Gott, und ich möchte es gar nicht wissen. Ich bitte Gott, ihnen zu vergeben.

Aber das ist nicht alles, meine Nächstenliebe muss noch weiter reichen, und ich wünsche, dass sie bereuen, denn sie haben in der Tat eine große Sünde begangen. Ich bete mit dem heiligen Stefan zu Gott, dass ihnen dies nicht als Schuld angelastet werde, nein, nicht nur dies, sondern auch dass sie den rechten Weg zum Frieden des Königreichs einschlagen mögen, denn meine Nächstenliebe befiehlt mir, nicht nur einzelnen Menschen zu vergeben, meine Nächstenliebe befiehlt mir auch, mich bis zum letzten Atemzug um den Frieden des Königreichs zu bemühen …

Für das Volk  : und wahrhaftig wünsche ich seine Freiheit geradeso sehr wie irgendjemand sonst, aber ich muss euch sagen, die Freiheit der Menschen besteht darin, eine Regierung zu haben  ; jene Gesetze, durch die ihr Leben und Besitz am meisten die ihren sind. Sie besteht nicht darin, Anteil an der Regierung zu haben, das ist nichts, was sie anginge  ; Untertan und Souverän sind klar voneinander geschieden  ; und falls sie das tun, das heißt, falls sie ihnen diese Freiheit geben, wird es ihnen ganz gewiss nicht gut ergehen. Sirs, genau deshalb stehe ich jetzt hier  : Wenn ich der Willkür nachgegeben und zugelassen hätte, dass alle Gesetze gemäß der Macht des Schwertes geändert würden, bräuchte ich jetzt nicht hier zu stehen, und deshalb sage ich euch (und bete zu Gott, er möge es euch nicht als Schuld anlasten), dass ich der Märtyrer des Volkes bin.

Ich werde euch nicht viel länger aufhalten, Sirs, denn ich will euch nur noch sagen, dass ich mir in Wahrheit etwas mehr Zeit hätte wünschen können, dann hätte ich, was ich zu sagen hatte, in eine etwas bessere Ordnung gebracht und etwas genauer darüber nachgedacht, als es geschehen ist, und deshalb hoffe ich, ihr werdet mir verzeihen. Ich habe mein Gewissen erleichtert, ich bete zu Gott, dass ihr die Wege einschlagt, die am besten für das Königreich und euer Seelenheil sind. …

Wahrlich, Sirs, ich denke, mein Gewissen in Fragen der Religion ist aller Welt bestens bekannt, und deshalb erkläre ich vor euch, dass ich als Christ sterbe, nach dem Bekenntnis der Kirche von England, wie mein Vater sie mir hinterlassen hat, und dieser ehrenwerte Mann wird, so denke ich, dies bezeugen. …

Ich vertrete eine gute Sache und habe einen gnädigen Gott auf meiner Seite … Ich gehe von einer vergänglichen zu einer unvergänglichen Krone  ; wo keine Unruhe sein kann, nicht die geringste Unruhe und Belästigung.

OLIVER CROMWELL

Rede zur Auflösung des Rumpfparlaments, 20. April 1653

Im Jahr 1653 hatte Britannien bereits vier Jahre mit dem republikanisch-militärischen Regime experimentiert, das nach dem Bürgerkrieg der 1640er Jahre und der Hinrichtung des Stuart-Königs Karl I. geschaffen worden war. Seit den späten 1640er Jahren war Oliver Cromwell die zentrale Gestalt in der Politik des Landes gewesen. Der aus dem Landadel East Anglias stammende, zum Puritanismus konvertierte Cromwell hatte sich als militärischer Führer im Kampf für die Sache des Parlaments hervorgetan. Seine Fähigkeiten spielten eine entscheidende Rolle beim Sieg über die Royalisten, und seine politische Überredungskunst trug dazu bei, der (wie er es nannte) »grausamen Notwendigkeit« zu entsprechen und Karl I. im Januar 1649 hinzurichten.

Obwohl der König nun tot war, blieb das »Commonwealth« verwundbar. 1649 führte Cromwell seine Truppen zum Sieg über königstreue Katholiken in Irland, wobei er sich allerdings den dauerhaften Ruf unnötiger Grausamkeit zuzog. 1650 besiegte er die schottischen Rebellen. Vor allem aber rang er in der Schlacht von Worcester 1651 die vereinigten schottischen und englischen Royalisten nieder, die Prinz Karls Anspruch auf den Thron seines Vaters durchzusetzen versuchten.

In Ermangelung der überkommenen kirchlichen und staatlichen Hierarchien war es nun an Cromwell, für Ordnung und vor allem für einen Ausgleich der Interessen in einem gespaltenen Land zu sorgen. Die Stellung des Parlaments blieb schwierig. Nach außen hin hatte man im Bürgerkrieg für die Rechte des Parlaments gekämpft. Aber im Parlament herrschte weiterhin Zwietracht, und der Aufstieg der New Model Army zur stärksten Macht im Staate komplizierte die Lage noch zusätzlich. Schon im Dezember 1649 hatten Soldaten unter Oberst Pride das (seit 1640 bestehende) »Lange Parlament« von Mitgliedern gesäubert, die nicht radikal genug erschienen, so dass nur ein Rumpfparlament aus 60 Mitgliedern übrig blieb, die größere Aufgeschlossenheit gegenüber den Zielen der Armee zeigten. Aber die Spannungen blieben, und 1653 verlor Cromwell schließlich auf spektakuläre Weise die Geduld. Am 20. April besuchte er Westminster Hall, wo Mitglieder des Rumpfparlaments gerade mit der dritten Lesung eines Gesetzes über die Rechte einzelner Wählergruppen begannen und damit gegen eine Übereinkunft mit der Armee verstießen, wonach genau dies nicht geschehen sollte. Cromwell beschimpfte die »streitsüchtigen« Mitglieder als »ein Pack käuflicher Schufte« und »schmutziger Huren«, die in seinen Augen »unerträglich widerwärtig für das ganze Land« seien. Cromwell ließ das Zepter (den »glänzenden Firlefanz«) – das Symbol der Autorität des Parlaments – von Soldaten aus der Kammer entfernen und beschloss seine Tirade mit der Aufforderung an die Abgeordneten  : »In Gottes Namen, geht  !« Dieser Satz sollte durch die Jahrhunderte nachhallen. Auf vernichtende Weise wurde er erneut im Mai 1940 gegen Premierminister Neville Chamberlain gerichtet, kurz vor dessen Rücktritt.

Ein neues Parlament, das sogenannte »Parlament der Heiligen« oder auch »Barebone’s Parliament«, das aus 140 ernannten Mitgliedern bestand, wurde einberufen, wenig später aber wieder aufgelöst. Cromwells wichtigstes Machtinstrument war sein Staatsrat, und später nahm er den Titel »Lordprotektor« an, der ihm einen königsähnlichen Status verlieh. Die Cromwell-Jahre blieben widersprüchlich, denn obwohl seine Regierungsmethoden experimentellen und oft autoritären Charakter besaßen, waren seine Reformen und Ziele vielfach relativ liberal, so etwa die Wiederzulassung von Juden im Land und das Streben nach religiöser Toleranz. Doch ohne seine Gallionsfigur hatte das Zentrum keinen Bestand. Als Cromwell 1657 starb, fehlte es seinem designierten Nachfolger – seinem Sohn Richard – an der nötigen Autorität. 1660 sorgte ein anderer Militärkommandeur, General Monk, für die Rückkehr der Monarchie in Gestalt Karls II.

Oliver Cromwell, geboren am 25. April 1599 im englischen Huntingdon.

Cromwell wurde 1628 Mitglied des Parlaments und tat sich nach dem Beginn des Bürgerkriegs als äußerst fähiger Kavalleriekommandeur hervor. Er war weitgehend verantwortlich für den Sieg in der Schlacht im Marston Moor (1644). Gemeinsam mit Sir Thomas Fairfax baute er die Streitkräfte des Parlaments zur New Model Army um und gewann die wichtige Schlacht von Naseby (1645). Er gehörte 1649 zu den ersten Unterzeichnern des Todesurteils gegen Karl I. und war fortan einer der mächtigsten Männer des Landes. 1649-1651 widmete er die meiste Zeit der Zerschlagung der Rebellion in Irland und Schottland und der Schlacht von Worcester (1651). In den folgenden sieben Jahren erlebte sein »Commonwealth«-Regime einen Seekrieg gegen Holland und Spanien, Reformen zur Verbesserung der politischen Vertretung Irlands und Schottlands (auch wenn das Parlament nur unregelmäßig tagte), die Wiederzulassung der Juden in England und Bemühungen um religiöse Toleranz. 1657 lehnte er die Königswürde ab und begnügte sich mit dem Titel »Lordprotektor von England, Schottland und Irland«.

Gestorben am 3. September 1658 in London. Nach der Wiederherstellung der Monarchie und der Thronbesteigung Karls II. wurde sein Leichnam 1661 exhumiert und symbolisch hingerichtet.

Es ist höchste Zeit, dass ich eurem Treiben ein Ende setze an diesem Ort, den ihr durch eure Missachtung jeglicher Tugend entehrt und durch eure Hingabe an jegliches Laster beschmutzt habt. Ihr seid eine streitsüchtige Bande und Feinde jeder guten Regierung  ; ihr seid ein Pack käuflicher Schufte, die ihr Land wie Esau für ein Linsengericht verkaufen und wie Judas für ein paar Silberlinge verraten würden. Ist euch auch nur eine einzige Tugend geblieben  ? Gibt es irgendein Laster, das ihr nicht besitzt  ? Ihr habt nicht mehr Glauben als mein Pferd. Das Gold ist euer Gott. Wer von euch hat sein Gewissen noch nicht für Schmiergeld verkauft  ? Ist einer unter euch, der sich auch nur im Geringsten um das Wohl des Commonwealth sorgt  ? Habt ihr schmutzigen Huren nicht diesen heiligen Ort geschändet und den Tempel des Herrn in eine Räuberhöhle verwandelt durch eure unsittlichen Grundsätze und euer gottloses Treiben  ? Ihr seid unerträglich widerwärtig für das ganze Land. Das Volk hat euch hierher geschickt, damit ihr die Übel bekämpft, aber ihr seid selbst zum größten Übel geworden. Euer Land verlangt deshalb von mir, dass ich diesen Augiasstall ausmiste, indem ich euren schändlichen Beratungen in diesem Haus ein Ende setze. Und mit Gottes Hilfe und der Kraft, die er mir geschenkt hat, will ich das nun tun. Ich befehle euch deshalb bei Strafe eures Lebens, unverzüglich diesen Ort zu verlassen. Geht  ! Fort mit euch  ! Beeilt euch  ! Fort mit euch korrupten Sklaven  ! Nehmt diesen glänzenden Firlefanz dort weg, und verriegelt die Türen  ! In Gottes Namen, geht  !

Beeilt euch  ! Fort mit euch korrupten Sklaven  !

GEORGE WASHINGTON

Abschiedsrede des Präsidenten, 17. September 1796

Als erster Präsident der Vereinigten Staaten und als Kommandeur der Kontinentalarmee, die für das Land die Unabhängigkeit erkämpfte, nimmt George Washington eine einzigartige Stellung in der amerikanischen Geschichte ein. In zwei Amtsperioden diente er dem Land als Präsident, und er hätte sich nochmals wiederwählen lassen können, denn damals gab es in dieser Hinsicht noch keine Beschränkung. Doch er entschied sich gegen diese Möglichkeit und hielt am 17. September 1796 seine gutdurchdachte Abschiedsrede, die zwei Tage später auch in gedruckter Form erschien – ein wegweisendes Dokument amerikanischer Prinzipien, das weite Verbreitung fand und viele Jahre alljährlich im Kongress erneut verlesen wurde.

Die Rede enthält zwei Hauptstoßrichtungen. Erstens betonte Washington als Führer einer jungen, aus der Hitze der Revolution hervorgegangenen Nation die Notwendigkeit der Einheit zwischen den Bundesstaaten, Parteien und Bürgern, aus denen die Union bestand. Er hob die Werte, den Glauben und die Kultur hervor, die allen gemeinsam waren. (Natürlich sprach er nicht zu den afroamerikanischen Sklaven und den »Indianern«, sondern zu den Amerikanern europäischer Abstammung, der Bürgerschaft.) In Washingtons Augen musste das Wort »vereinigt« sakrosankt sein und über allen internen Streitigkeiten oder Meinungsverschiedenheiten stehen, wenn die Vereinigten Staaten überleben und gedeihen sollten. Es war eine Botschaft an beide politischen Partien, an die Föderalisten und an Thomas Jeffersons Republikaner.

Ein großer Teil der Rede befasste sich mit Außenpolitik. Nach Ansicht Washingtons war es für die Vereinigten Staaten von entscheidender Bedeutung, sich aus Bündnissystemen herauszuhalten und keinem ausländischen Staat den Vorzug gegenüber anderen zu geben. Seine Rede fiel in eine Zeit, als Europa von den Nachwirkungen der Französischen Revolution erschüttert wurde und Napoleon Italien eroberte. Auf ihrem eigenen Kontinent blieben die Vereinigten Staaten eingezwängt zwischen Britisch-Kanada und den immer noch unter französischer oder spanischer Herrschaft stehenden Territorien. Einerseits fühlten sich viele in den Vereinigten Staaten trotz der Revolution in kultureller Hinsicht weiterhin als Briten und neigten zu einer Unterstützung Britanniens. Diese Haltung herrschte bei den Föderalisten vor. Andere dagegen – vor allem bei den Republikanern – fühlten sich zu den republikanischen Idealen Frankreichs hingezogen, zumal Frankreich den amerikanischen Unabhängigkeitskampf unterstützt hatte. Washington schlug nun vor, sich prinzipiell neutral zu verhalten. Das sollte bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Grundsatz der amerikanischen Außenpolitik bleiben. Aufgrund seiner eigenen langen Erfahrung hatte Washington gute Gründe für diesen Rat, hatte er doch selbst aktiv am Franzosen- und Indianerkrieg (1754-1763) teilgenommen, dem blutigsten amerikanischen Krieg des 18. Jahrhunderts. Dieser Krieg war der nordamerikanische Ausläufer eines umfassenderen Konflikts (des Siebenjährigen Kriegs), in dem die Briten schließlich im Kampf um die Vorherrschaft in den nordamerikanischen Kolonien die Franzosen besiegten. Für manche Historiker ist der Siebenjährige Krieg der erste »Weltkrieg«. Washington bewies in diesem Krieg seine Tapferkeit und die ihm eigenen militärischen Fähigkeiten.

In den 1760er und 1770er Jahren konnte er seine Tage etwas friedlicher mit der Verwaltung seiner reichen, vom Vater geerbten Ländereien in der Umgebung von Mount Vernon und als Abgeordneter im Bürgerhaus von Virginia verbringen. Als einer der Vertreter Virginias nahm er 1774 und 1775 am Kontinentalkongress teil, der die Unzufriedenheit der Kolonisten mit der britischen Politik zum Ausdruck bringen sollte. Als die Unzufriedenheit in Krieg umschlug, war Washington der naheliegende Kandidat für die Führung der eilig zusammengestellten Kontinentalarmee.

Was die Amerikaner den »Revolutionskrieg« und die Briten den »Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg« nennen, war in mancherlei Hinsicht ein Bürgerkrieg, in dem auf Unabhängigkeit drängende Kolonisten gegen loyale Kolonisten kämpften. Internationale Reichweite erlangte er, als Frankreich 1778 auf Seiten der Revolutionäre intervenierte. Als Washington schließlich den britischen General Cornwallis 1781 in Yorktown, Virginia, besiegte, war dies das Ende eines langen, harten Kampfes, in dem die Kontinentalarmee zu einem bestimmten Zeitpunkt bereits geschlagen schien. Tatsächlich wäre die Sache der Revolutionäre im Winter 1777-1778 ohne Washingtons Führungsqualitäten wohl verloren gewesen.

So kann es kaum verwundern, dass Washington sich angesichts seines beträchtlichen Anteils an den kriegerischen Auseinandersetzungen als Präsident entschieden für die amerikanische Einheit einsetzte und jede weitere Verwicklung in die europäischen Streitereien zu vermeiden suchte.

George Washington, geboren am 22. Februar 1732 in Bridges Creek, Virginia.

Er trat der Miliz von Virginia bei und befehligte sie ab 1755 im sogenannten Franzosen- und Indianerkrieg. Von 1759 bis 1775 bewirtschaftete er sein kurz zuvor geerbtes Anwesen in Mount Vernon, er heiratete dort und wurde zu einer führenden Gestalt in der Politik der Kolonie, wobei er die Klagen der Landbesitzer gegen die britischen Behörden aufgriff. Er vertrat Virginia auf dem Kontinentalkongress von 1774 bis 1775 und wurde beim Ausbruch des Revolutionskriegs Kommandeur der neuen Kontinentalarmee. Nach einem ersten Erfolg in Boston musste er in der Schlacht von Long Island eine Niederlage hinnehmen  ; er überrumpelte die Briten in Trenton und Princeton, verlor dann aber Philadelphia. Sein Sieg in Yorktown 1781 führte zur britischen Kapitulation und zur amerikanischen Unabhängigkeit. Nach einigen Jahren in Mount Vernon übernahm er den Vorsitz des Verfassungskonvents in Philadelphia, der die amerikanische Verfassung erarbeite, und wurde Ende April 1789 vom Wahlkollegium einstimmig zum ersten amerikanischen Präsidenten gewählt. Er blieb zwei Amtsperioden an der Spitze des Landes und zog sich dann nach Mount Vernon zurück.

Gestorben am 14. Dezember 1799 in Virginia.

Freunde und Mitbürger  !

Da der Zeitpunkt für die erneute Wahl eines Bürgers, der der Regierung der Vereinigten Staaten vorstehen soll, nicht mehr fern und die Zeit gekommen ist, da ihr darüber nachdenken müsst, wem ihr diese wichtige Aufgabe anvertrauen wollt, scheint es mir angebracht, zumal dies zu einem deutlicheren Votum der öffentlichen Stimme führen dürfte, euch meinen Entschluss mitzuteilen, nicht noch einmal zum Kreis derer zählen zu wollen, aus denen diese Wahl getroffen wird …

Eure Union sollte euch als Hauptstütze eurer Freiheit gelten.

Ich glaube – und dieser Gedanke ist mir ein Trost –, dass nicht nur mein Wunsch und die Klugheit mich veranlassen, von der politischen Bühne abzutreten, sondern dass auch der Patriotismus diesen Entschluss nicht verbietet.

… Die Sorge um euer Wohl, die erst mit meinem Leben ein Ende finden kann, und die mit dieser einhergehende Wahrnehmung möglicher Gefahren drängen mich, bei dieser Gelegenheit eurer feierlichen Betrachtung einige Gedanken darzubieten und zu häufiger Prüfung zu empfehlen, die das Ergebnis von viel Reflexion und nicht unbeträchtlicher Beobachtung sind und die mir äußerst wichtig für die Dauerhaftigkeit eures Glücks als ein Volk zu sein scheinen.

Da die Liebe zur Freiheit mit jeder Faser eures Herzens verflochten ist, bedarf es keiner Empfehlung von meiner Seite, um diese Bindung zu festigen oder zu bekräftigen.

Die Einheit des Staates, die euch als ein Volk konstituiert, ist euch heute gleichfalls lieb und teuer. Und das ist richtig so  ; denn sie bildet eine Hauptsäule im Gebäude eurer realen Unabhängigkeit, die Stütze eures inneren und äußeren Friedens, eurer Sicherheit, eures Wohlstands und eben jener Freiheit, die ihr so schätzt … Der Name Amerikaner, der euch aufgrund eurer Nationalität zukommt, muss stets den gerechten Stolz des Patriotismus erwecken, und das mehr als jede aus lokalen Unterschieden stammende Bezeichnung. Mit geringfügigen Abwandlungen habt ihr dieselbe Religion, dieselben Sitten und Gebräuche und dieselben politischen Grundsätze. Gemeinsam habt ihr für eine gemeinsame Sache gekämpft und gesiegt. Die Unabhängigkeit und Freiheit, die ihr besitzt, sind das Werk gemeinsamer Beratungen und gemeinsamer Anstrengungen, gemeinsamer Gefahren, Leiden und Erfolge.

Ausländischer Einfluss gehört zu den unheilvollsten Feinden einer Republik.

Doch weit wichtiger noch als diese Erwägungen, so machtvoll sie sich eurem Empfinden auch aufdrängen mögen, sind jene, die sich noch unmittelbarer auf eure Interessen beziehen. Hier findet jeder Teil unseres Landes die stärksten Beweggründe für die sorgsame Bewahrung der Union als ganzer … [E]ure Union sollte euch als Hauptstütze eurer Freiheit gelten, und die Liebe zur einen sollte euch die Bewahrung der anderen ans Herz legen. …

Übt Treue und Gerechtigkeit gegen alle Nationen  ; bemüht euch um Frieden und Harmonie mit allen. Mögen Glaube und Moral zu diesem Handeln hinzukommen. Und könnte es sein, dass nicht auch gute Politik sich dem hinzugesellte  ? Es ist einer freien, aufgeklärten und in gar nicht ferner Zukunft auch großen Nation würdig, der Menschheit das großmütige und auch neuartige Beispiel eines Volkes zu geben, das sich stets von größter Gerechtigkeit und Wohlwollen leiten lässt. Wer könnte bezweifeln, dass im Laufe der Zeit und der Dinge die Früchte solch eines Vorhabens jeden zeitweiligen Vorteil aufwiegen werden, der möglicherweise verlorengeht, wenn man stetig daran festhält  ? Ist es möglich, dass die Vorsehung das dauerhafte Glück einer Nation nicht an deren Tugend knüpfte  ? Zumindest den Versuch empfiehlt jegliches Gefühl, das die menschliche Natur adelt. Und wird dies nicht vereitelt durch ihre Laster  ? …

Die leidenschaftliche Bindung einer Nation an eine andere bringt eine Vielzahl von Übeln mit sich. Die Sympathie für eine bevorzugte Nation, die die Illusion eines eingebildeten gemeinsamen Interesses erleichtert, obwohl es solch ein gemeinsames Interesse gar nicht gibt, und die Feinde der anderen zu den eigenen macht, verleitet Erstere, sich ohne angemessenen Anlass oder Grund an den Streitigkeiten und Kriegen Letzterer zu beteiligen. Dies führt auch dazu, dass man der bevorzugten Nation Privilegien einräumt, die man den anderen verwehrt, was der Nation, die solche Konzessionen macht, gleich doppelt schaden kann  : indem sie ohne Not abtritt, was sie hätte behalten sollen  ; und indem sie bei den Parteien, denen solche Privilegien vorenthalten werden, Neid, bösen Willen und Vergeltungsgelüste weckt. Ehrgeizige, korrupte oder getäuschte Bürger (die sich für die bevorzugte Nation einsetzen) erhalten so die Möglichkeit, die Interessen ihres eigenen Landes zu verraten oder zu opfern, und das ohne Makel und zuweilen gar unter Beifall, wodurch die niederträchtige oder törichte Hingabe an Ehrgeiz, Korruption oder Verblendung vergoldet wird mit dem Anschein eines tugendhaften Pflichtgefühls, einer lobenswerten Achtung vor der öffentlichen Meinung oder eines rühmlichen Einsatzes für das Gemeinwohl …

Der Eifer eines freien Volkes sollte stets wachsam sein gegen die hinterhältigen Listen ausländischen Einflusses (ich beschwöre euch, meine Mitbürger, mir das zu glauben)  ; denn Geschichte und Erfahrung beweisen, dass ausländischer Einfluss zu den unheilvollsten Feinden einer Republik gehört. Doch wenn dieser Eifer nutzbringend sein soll, muss er unparteiisch sein  ; sonst wird er zum Werkzeug eben jenes Einflusses, den er verhindern sollte, statt davor zu schützen. Übertriebene Parteilichkeit für eine fremde Nation und übertriebene Abneigung gegen eine andere verleiten dazu, Gefahren nur auf der einen Seite wahrzunehmen und auf der anderen die Kunst der Einflussnahme zu verschleiern oder gar zu befördern. Echte Patrioten, die den Intrigen des Favoriten widerstehen mögen, geraten leicht in Verdacht und Misskredit, während dessen Werkzeuge und Täuschungsmanöver den Beifall und die Bereitschaft der Menschen usurpieren, ihre Interessen preiszugeben …

Die große Regel für den Umgang mit fremden Nationen lautet daher, beim Ausbau unserer geschäftlichen Beziehungen möglichst wenig politische Verbindungen mit ihnen zu besitzen. Soweit wir bereits Verpflichtungen eingegangen sind, sollten wir sie getreulich erfüllen. Aber auf mehr sollten wir uns nicht einlassen.

Europa hat eine Reihe vorrangiger Interessen, die gar keine oder nur sehr geringe Bedeutung für uns haben. Deshalb kommt es dort häufig zu Streitigkeiten, deren Ursachen unseren Interessen vollkommen fremd sind. Und deshalb wäre es unklug, wenn wir uns aufgrund künstlicher Bande in die üblichen Wechselfälle der europäischen Politik oder in die üblichen Kombinationen oder Kollisionen ihrer Freundschaften oder Feindschaften hineinziehen ließen.

Unsere losgelöste und ferne Position lädt uns dazu ein und macht es uns möglich, einen anderen Kurs einzuschlagen. Wenn wir ein geeintes Volk unter einer effizienten Regierung bleiben, wird schon bald die Zeit kommen, da wir in der Lage sein werden, materiellen Schaden durch äußere Störungen von uns abzuwenden  ; da wir eine Haltung einnehmen können, wie die Neutralität sie gebietet  ; da wir jederzeit darauf bestehen können, gewissenhaft respektiert zu werden  ; da streitlustige Nationen angesichts der Unmöglichkeit, auf unsere Kosten Eroberungen zu machen, uns nicht leichtfertig provozieren werden  ; da wir zwischen Frieden oder Krieg werden wählen können, wie unsere Interessen uns dies, von Gerechtigkeit geleitet, anraten mögen.

Unsere wahre Politik ist es, uns von dauerhaften Bündnissen fernzuhalten.

Warum sollten wir die Vorteile einer so einzigartigen Lage aufgeben  ? Warum sollten wir auf Eigenes verzichten, um auf fremdem Grund zu stehen  ? Warum sollten wir unser Schicksal mit dem Schicksal irgendeines Teils von Europa verknüpfen, unseren Frieden und unseren Wohlstand in die Mühlen europäischer Ambitionen, Rivalitäten, Interessen, Stimmungen oder Launen hineinziehen lassen  ?

Unsere wahre Politik ist es, uns von dauerhaften Bündnissen mit irgendeinem Teil der ausländischen Welt fernzuhalten – soweit wir jetzt die Freiheit haben, dies zu tun. Denn ich trete hier nicht dafür ein, bestehenden Verpflichtungen untreu zu werden. Ich denke, die Maxime, wonach Ehrenhaftigkeit die beste Politik sei, ist auf öffentliche Angelegenheiten nicht weniger anwendbar als auf private … Wenn wir darauf achten, durch geeignete Maßnahmen stets in einer respektablen Defensivposition zu bleiben, können wir in außergewöhnlichen Notfällen durchaus sicher auf zeitweilige Bündnisse vertrauen. …

Auch wenn ich mir im Rückblick auf die Ereignisse meiner Regierungszeit keiner absichtlichen Fehler bewusst bin, sind mir meine Mängel doch allzu sehr bewusst, als dass ich es nicht für sehr wahrscheinlich hielte, möglicherweise viele Fehler begangen zu haben. Worin sie auch bestanden haben mögen, ich bitte den Allmächtigen inständig, die Übel, zu denen sie geführt haben mögen, abzuwenden oder zu mildern. Ich werde auch die Hoffnung mitnehmen, dass mein Land niemals aufhören möge, sie mit Nachsicht zu betrachten  ; und dass, nachdem ich fünfundvierzig Jahre meines Lebens mit aufrichtigem Eifer seinem Dienst gewidmet habe, die Mängel unzulänglicher Fähigkeiten dem Vergessen anheimfallen mögen, so wie ich selbst schon bald der ewigen Ruhe.

Darin wie in anderen Dingen auf die Freundlichkeit meines Landes bauend und getrieben von jener inbrünstigen Liebe zu ihm, die einem Mann, der darin seinen Heimatboden und den seiner Vorfahren seit mehreren Generationen erblickt, so selbstverständlich innewohnt, schaue ich mit freudiger Erwartung auf diesen Ruhestand, in dem ich, wie ich fest vorhabe, uneingeschränkt die süße Freude genießen will, im Kreise meiner Mitbürger teilzuhaben an den segensreichen Einflüssen guter Gesetze in einem freien Staat – das stets bevorzugte Objekt meiner Liebe und der, wie ich hoffe und glaube, glückliche Lohn unserer gegenseitigen Fürsorge, unserer Mühen und Gefahren.

THOMAS JEFFERSON

Antrittsrede als Präsident, 4. März 1801

Der aus Virginia stammende Thomas Jefferson war kein geborener Redner. Doch das war eines der wenigen Talente, die dieser geniale Republikaner, der 1776 die Unabhängigkeitserklärung entwarf, nicht besaß. Seine Abneigung gegen öffentliches Reden schadete jedoch nicht seiner politischen Karriere, denn 1801 wurde er zum dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Zu diesem Anlass hielt er eine denkwürdige Rede über den Weg Amerikas, die geprägt war von funkelndem Intellekt, Großherzigkeit, Bescheidenheit und Idealismus, Eigenschaften, die charakteristisch für ihn waren. Diese Rede war ein meisterhafter Beginn für seine zwei Amtsperioden. Jefferson verband seinen unerschütterlichen Glauben an Freiheit, Gleichheit und Amerikas Zukunft mit dem Versprechen, der ganzen Nation und nicht nur seinen Anhängern zu dienen. Die Jahre von 1784 bis 1789 hatte er im diplomatischen Dienst in Paris verbracht, die meiste Zeit als amerikanischer Botschafter in Frankreich. Dort konnte er die Ereignisse, die zur Französischen Revolution führten, aus nächster Nähe beobachten, und er begrüßte diese Revolution. Sein Aufenthalt in Frankreich beeinflusste seine Vorstellungen von Gleichheit und Demokratie und stärkte seine Frankophilie wie auch seinen republikanischen Idealismus. Als Präsident Washington ihn zu seinem Außenminister machte, wurde Jefferson schon bald zum Führer einer der in Entstehung begriffenen politischen Gruppierungen, der Republikaner, die sich für individuelle Freiheit und Dezentralisierung stark machten und in der Regel profranzösisch waren. Innerhalb der Regierung war er damit allerdings in der Minderheit, denn die meisten seiner Kollegen unterstützten die föderalistische Position, die die Union in den Vordergrund stellte und in der Außenpolitik meist probritisch eingestellt war. Jefferson schied 1794 aus der Regierung aus und zog sich zeitweilig aus dem politischen Leben zurück. Er hielt seine Antrittsrede 1801 vor dem Hintergrund innenpolitischer Streitigkeiten und blutiger Wirren im Ausland, denn in Europa herrschte das Chaos der Napoleonischen Kriege. Er bemühte sich, zu einen, zu besänftigen und zu stärken. Er verglich die goldenen Möglichkeiten Amerikas als einer »aufstrebende[n], über ein weites und fruchtbares Land ausgebreitete[n] Nation« mit dem »verheerenden Chaos in einem Viertel des Erdballs« und brachte seinen Wunsch zum Ausdruck, die Vereinigten Staaten sollten an ihrer Neutralität festhalten – für die sich der erste Präsident des Landes, George Washington, eingesetzt hatte. Er sprach von seinem Vertrauen in die Fähigkeit der Bürger, sich selbst zu regieren – und »die stärkste Staatsform auf Erden« hervorzubringen – und machte sich über jene lustig, die glaubten, es gäbe »Engel in Gestalt von Königen«, die solch eine Regierung übernehmen könnten. Er erklärte, die Mehrheit habe die Pflicht, die Rechte der Minderheiten zu schützen. Indem er die Rechte der Bundesstaaten, aus denen die Union bestand, ebenso hervorhob wie die Pflicht der Bundesregierung, die Union als ganze im In- und Ausland zu schützen, versuchte er beide Seiten der politischen Auseinandersetzung zusammenzuführen. So konnte er in der berühmtesten Passage der Rede erklären  : »Wir alle sind Republikaner, wir alle sind Föderalisten.«