Reformation und Islam -  - E-Book

Reformation und Islam E-Book

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Beschreibung

Das Impulspapier "Reformation und Islam" der Konferenz für Islamfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat innerhalb und außerhalb der Kirche Zuspruch und Widerspruch erfahren und zur Diskussion eingeladen. Der Band "Reformation und Islam. Ein Diskurs" zeigt Hintergründe der Entstehung des Textes auf, präsentiert aktuelle Diskussionen zum Thema sowie Perspektiven zum Weiterdenken in Theorie und Praxis. Namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem der Kirchengeschichte, der Fundamentaltheologie und der Praktischen Theologie sowie der Islamwissenschaft sind mit vertiefenden und weiterführenden Beiträgen in diesem Buch versammelt. Bereichernde Darlegungen aus evangelischer, katholischer und muslimischer Sicht um "Reformation und Islam" für alle, die aktuell im christlich-islamischen Dialog engagiert sind und für die am historischen und theologischen Erbe der Reformation Interessierten. Mit Beiträgen von Katajun Amirpur, Josef Freise, Detlef Görrig, Werner Höbsch, Mouhanad Khorchide, Karl-Josef Kuschel, Athina Lexutt, Andreas Mühling, Andreas Renz, André Ritter, Ertuğrul Şahin und Klaus von Stosch. [Reformation and Islam. A Discourse] The Stimulus Paper "Reformation and Islam" from the Conference for Islam Issues of the Evangelical Church in Germany (EKD) invites discussion and causes agreement as well as disagreement within and outside the church. The new publication "Reformation and Islam. A Discourse" illuminates some backgrounds of the stimulus paper and presents some new ideas of discussions and perspectives theoretically and practically. Prominent teachers and researchers e.g. of Church History, Fundamental or Practical Theology and Islamic Studies are collected in this book by deepening and continuing articles to give new insights concerning "Reformation and Islam" in the perspective of protestant, catholic and islamic tradition and to reach all those who are engaged within the Christian-Muslim Dialogue and who are interested in the historical and theological heritage.

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Seitenzahl: 381

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Werner Höbsch | André Ritter (Hrsg.)

Reformation und Islam

Ein Diskurs

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat diese Veröffentlichung mit einem großzügigen Druckkostenzuschuß gefördert.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2019 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Cover: makena plangrafik, Leipzig

Layout und Satz: Steffi Glauche, Leipzig

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2019

ISBN 978-3-374-06006-1

www.eva-leipzig.de

Vorwort

Als das Impulspapier der Konferenz für Islamfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Titel »Reformation und Islam« im Jahr 2016 veröffentlicht wurde, da habe ich in einem Vorwort meinem Wunsch Ausdruck verliehen, dass dieser Text auch in den Reihen der akademischen Theologie Resonanz und Ergänzung finden und zugleich zum Anlass genommen werden möge, das historische und theologische Erbe der Reformation auch mit Musliminnen und Muslimen ins Gespräch zu bringen und von deren Perspektiven und Einsichten zu lernen. Beide Wünsche werden mit der nun vorliegenden Publikation aufgenommen, kombiniert und zugleich weitergeführt. Dass die Islamwahrnehmung der Reformationszeit nicht isoliert von den Entwicklungen vor und nach dem 16. Jahrhundert behandelt werden kann, ist eine Erkenntnis, der in diesem Buch dankenswerterweise weitere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Auch die Frage, wie Musliminnen und Muslime auf die Epoche der Reformation blicken und welche Schlüsse sie daraus für den interreligiösen Dialog mit Christen, aber auch für den innerislamischen Diskurs zum Stichwort »Reformation« ziehen, wird in der Publikation aufgegriffen und vertieft. Die namhaften Autorinnen und Autoren der Beiträge sowie deren konfessionelle und religiöse Bandbreite unterstreichen zudem die Relevanz und zeigen gleichzeitig die Vieldimensionalität der Thematik, die über das Impulspapier der EKD noch einmal hinausweist.

Wie hältst Du es mit dem Glauben der Anderen bzw. mit der religiösen Pluralität, lautet dabei eine der Gretchenfragen, die sich wie ein roter Faden durch den Sammelband zieht. Eine Frage, die auch bereits in der Reformationszeit eine Rolle gespielt hat, wenngleich sie damals andere Antworten hervorgerufen hat, als wir sie heute geben würden und müssen – eingedenk der Geschichte konfessioneller und religiöser Verwerfungen mit den daraus resultierenden Verfolgungen und blutigen Auseinandersetzungen und eingedenk der nach wie vor vorhandenen teils massiven Einschränkungen der Religionsfreiheit in der Welt. Vor diesem Hintergrund wünsche ich der Leserin und dem Leser eine gewinnbringende und einsichtsreiche Lektüre und bekräftige noch einmal den seinerzeit im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des EKD-Impulspapiers geäußerten Wunsch, dass auch den hier veröffentlichten Beiträgen zum Themenfeld »Reformation und Islam« eine breite Rezeption, Aufnahme und Weiterführung beschieden sei, um eine historisch fundierte und sachlich angemessene Debatte führen zu können, die wir nicht nur im Bereich des christlich-islamischen Dialogs dringend benötigen.

Hannover, Dezember 2018

Bischöfin Petra Bosse-Huber

Leiterin der Hauptabteilung

Ökumene und Auslandsarbeit

Kirchenamt der EKD

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Werner Höbsch / André Ritter

Einleitung

Die Relevanz und Aktualität des Themas

TEIL I

Detlef Görrig

Reformation und Islam

Zur Genese des Impulspapiers der Konferenz für Islamfragen der EKD

André Ritter

Konfessionelle Identität und religiöse Pluralität

Reformatorische Orientierungen

TEIL II

Athina Lexutt

»und legten die Verhaltensregeln für einen respektvollen Umgang in der Diskussion fest«

Drei Beispiele der Auseinandersetzung mit dem Islam vor der Reformation

Andreas Mühling

Die Wahrnehmung des Islams in den evangelischen Konfessionskirchen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts

Karl-Josef Kuschel

Martin Luther, die Türken und der Islam

Ein schwieriges Erbe als Auftrag für heute

Katajun Amirpur

Die Reformation des Islams?

Warum der Name nicht passt, die Idee aber gut ist

Ertuğrul Şahin

Der muslimische Umgang mit Pluralität

Religionstheologische Überlegungen

Klaus von Stosch

Sola scriptura

Ein passender Ausgangspunkt für muslimisch-christliche Verständigungsversuche?

Werner Höbsch

Ecclesia semper reformanda

Kirche als Lerngemeinschaft in der Begegnung mit anderen Religionen

TEIL III

Reinhold Bernhardt

Evangelisch glauben im Kontext religiöser Pluralität

Andreas Renz

Aktuelle Herausforderungen im Dialog mit dem Islam

Bestandsaufnahme und Perspektiven

Josef Freise / Mouhanad Khorchide

Der Kampf gegen die Exklusivisten in den eigenen Reihen

Ein Beitrag zur Reform der Religionsbeziehungen

TEIL IV

Werner Höbsch / André Ritter

Rückblick und Ausblick

Autorinnen und Autoren

Weitere Bücher

Endnoten

Einleitung

Werner Höbsch / André Ritter

Die Relevanz und Aktualität des Themas »Reformation und Islam«

Was im 16. Jahrhundert seinen Anfang nahm, hat nicht nur die Geschichte der Kirchen und des Christentums weit über die Grenzen unseres Landes hinaus geprägt und verändert, die Reformation ist auch Teil der europäischen und der Weltgeschichte geworden. Doch gilt das auch und gerade in interreligiöser Hinsicht? Dieser Frage versucht das Impulspapier »Reformation und Islam« der Konferenz für Islamfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland 20161 auf die Spur zu kommen. Diesen Impuls nun tatsächlich aufzunehmen, ihn aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven zu beleuchten und an dieser Fragestellung zur Weiterarbeit im Kontext des interreligiösen Dialogs anzuregen und zu ermutigen, ist Anliegen und Aufgabe des vorliegenden Diskussionsbandes, den das Europäische Institut für interkulturelle und interreligiöse Forschung herausgibt.

Die Relevanz und Aktualität des Themas sind unstrittig. Denn mit der Frage nach dem Verhältnis insbesondere zum Islam und den Muslimen wird uns über die christlichen Kirchen hinaus eine gesellschaftliche und politische Debatte tagtäglich vor Augen gestellt, der wir uns nicht entziehen können. Vor diesem Hintergrund erscheint auch und gerade der Rückgriff auf die Reformation bzw. auf reformatorische Theologie über die evangelischen Kirchen hinaus von fundamentaler Bedeutung, über die in verschiedener Hinsicht zu diskutieren sein wird.

In Durchsicht aktueller Debatten und religionskultureller Diskurse zur Frage nach einer »islamischen Reformation« und nach einem damit verbundenen historischen bzw. theologischen Verständnis von Reformation und Reform hat Friedrich Wilhelm Graf bereits 20162 dargelegt, dass der aus den reformatorischen Bewegungen des 16. Jahrhunderts hervorgegangene Protestantismus nicht nur ein höchst komplexes, vielfältig differenziertes europäisches Phänomen ist, sondern schon früh die Grenzen Europas überschritten und in anderen Kontinenten neue und je eigene protestantische Lebenswelten begründet hat.

So verstanden könne Protestantismus einerseits avantgardistisch elitärer Denkglaube intellektueller und künstlerischer Eliten sein, andererseits aber auch moralstolzer, hart bindender Gegenentwurf zu einer toleranten, offenen Gesellschaft der Vielen, die ihren je eigenen Lebensentwurf realisieren, also modern-antimoderner Fundamentalismus. Diese selbst höchst spannungsreiche Vielfalt des Protestantismus bzw. des Protestantischen, die bereits in den diversen Eigenwegen des entscheidend von Luther inspirierten reformatorischen Protestes im frühen 16. Jahrhundert angelegt ist, bestimmt Graf zufolge nun auch die aktuellen Debatten über eine »islamische Reformation«. So vielfältig bekanntlich »die Reformationen« des 16. Jahrhunderts sind, so plural zeigen sich auch die daran mehr oder weniger orientierten »islamischen Reformationen« der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart.

Im Diskurs deutschsprachiger Islamwissenschaftler wiederum werden nach Ansicht und Lesart von Graf nicht nur diverse reformorientiert »liberale«, an universalistischem Menschenrechtsethos und freiheitlicher Demokratie interessierte neoislamische Bewegungen auf die Reformation des 16. Jahrhunderts bezogen, sondern auch Gegenbewegungen aus dem Spektrum des modern-antimodernen »fundamentalistischen« Islams. Deshalb gelte es hier wie dort zu beachten, dass Begriffe wie »Reformation« und »Reform« grundsätzlich interpretationsoffen sind und dementsprechend in den jeweiligen Kontexten mit je eigenem Bedeutungsgehalt gefüllt werden.

Doch ist ein solcher Vergleich tatsächlich angemessen und weiterführend, wenn es um das Selbstverständnis von Muslimen bzw. um das Verständnis ihrer Religion geht? Braucht es »Reformation« und »Aufklärung« – in diesem Sinne gar eine Art »Protestantisierung« – auch und gerade im Islam? So gibt es nicht wenige zeitgenössische muslimische Intellektuelle, die für ein neues Islamverständnis plädieren und dieses theologisch aus den islamischen Quellen, vornehmlich aus dem Koran begründen. Ihr Ziel ist eine neue Lesart des Islams, die mit den Menschenrechten und der Demokratie zu vereinbaren ist, die Rechtsstaatlichkeit als hohes Gut betrachtet und die Würde des Menschen als unantastbar.

Nach Ansicht von Katajun Amirpur sollte es dabei jedoch nicht um einen Streit um einzelne Begriffe gehen, sondern notwendigerweise um eine Klärung von sachbezogenen Inhalten: »Können Muslime gleichzeitig modern und authentisch sein?«, so fragte sie 2017 in ihrem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung.3 Bereits in ihrer Publikation »Den Islam neu denken« forderte Amirpur 2013 eine differenzierte Sichtweise und wies nach, dass der Islam heute vielfältiger und moderner ist, als es oftmals den Anschein hat.4 Ihre Forderung nach einer neuen Lesart des Islams impliziert deshalb eine kritische Durchsicht überkommener Traditionen und gegebenenfalls auch neue Ansätze einer islamischen Theologie, die dann auch für den interreligiösen Dialog von fundamentaler Bedeutung sind.

Die Gliederung des nun vorliegenden Diskussionsbandes versteht sich vor diesem Hintergrund. In einem ersten Abschnitt zeichnet Detlef Görrig die Genese des »Impulspapiers« im Rahmen der Konferenz für Islamfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nach. Davon ausgehend wollen historische Erkundungen, systematische Orientierungen und nicht zuletzt auch praktische Weiterführungen dazu einladen, sich den damit jeweils verbundenen unterschiedlichen Herausforderungen selbst zu stellen. André Ritter greift in der Auseinandersetzung mit dem Impulspapier insbesondere die Frage nach konfessioneller Identität und religiöser Pluralität auf und verortet reformatorische Orientierungen in heutiger Zeit.

Darauf folgt ein zweiter Abschnitt, in dem Athina Lexutt in ihrem Beitrag zunächst den Blick auf die Auseinandersetzungen mit dem Islam in der Zeit vor der Reformation richtet. Anhand von drei Beispielen zeigt sie, dass dialogische Ansätze nicht so neu sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Andreas Mühling zeichnet differenziert die Wahrnehmung des Islams in den evangelischen Konfessionskirchen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nach. Karl-Josef Kuschel blickt aus katholischer Perspektive auf ein schwieriges Erbe der Reformation und rät dringend, unter Analyse der Argumentation Martin Luthers, zu einer selbstkritischen Aufarbeitung des Vermächtnisses des Reformators. Katajun Amirpur behandelt als Islamwissenschaftlerin die Frage, ob, in welchem Sinn und unter welchen Bedingungen eine islamische Reform, nicht Reformation, möglich ist. Ertuğrul Şahin thematisiert den Umgang mit binnen- und interreligiöser Pluralität aus islamischer Perspektive. Der katholische Theologe Klaus von Stosch nimmt das reformatorische Prinzip sola scriptura auf und fragt, ob kontradiktorische Widersprüche zwischen Bibel und Koran bestehen und plädiert dafür, diese Fragen im Dialog auf theologischer Ebene aufzugreifen. Werner Höbsch sieht eine Lerngeschichte der Kirchen, die von einer »Konfrontation zu einer dialogischen Weggemeinschaft« führt, und fragt, unter welchen Voraussetzungen dieses Lernen möglich war und ist.

In einem darauf folgenden dritten Abschnitt zeigt Reinhold Bernhardt Voraussetzungen und Wege auf, »evangelisch zu glauben im Kontext religiöser Pluralität«, und empfiehlt, den unbedingten und universalen Heilswillen Gottes ernst zu nehmen und sich davon in der interreligiösen Begegnung leiten zu lassen. Andreas Renz benennt die aktuellen Herausforderungen im christlich-islamischen Dialog aus theologischer und praktischer Perspektive und zeigt auf, welche elementaren Fragen und Themen zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Dialog angezeigt sind. Josef Freise und Mouhanad Khorchide nehmen in der Auseinandersetzung mit fundamentalistischen und islamistischen Strömungen im Christentum und Islam ein drängendes Thema auf, das der Exklusion, und fragen nach Ursachen und Wegen der Überwindung von exklusivistischen Haltungen.

Schließlich werden in einem vierten Abschnitt resümierend offene Fragen und Anregungen zu weiterer Erforschung benannt. Alles in allem verbinden wir mit dem nun vorliegenden Band den ausdrücklichen Wunsch, dass die notwendige Diskussion fundamentaler theologischer Fragen Christen ebenso wie Muslime im Verhältnis von Reformation und Islam über eine konfessionsbezogene Debatte hinaus zum interreligiösen Dialog einlädt und alle miteinander zum differenzierten Diskurs in der Sache ermutigt.

TEIL I

Detlef Görrig

Reformation und Islam

Zur Genese des Impulspapiers der Konferenz für Islamfragen der EKD

Einleitung: Zum Titel

Der Titel ist erklärungsbedürftig: »Reformation« und »Islam« sind zwei Substantive, die in Kombination eine Reihe von Assoziationen auslösen können. In der aktuellen Islamdebatte in Deutschland wird das Stichwort »Reformation« bisweilen an Vertreterinnen und Vertreter der muslimischen Religion herangetragen, nicht selten im Modus eines Appells oder gar einer Aufforderung: »Reformiert Euch!« Unabhängig davon, wie man dazu in der Sache und in der Form denkt, sei hier gleich vorweggenommen, dass es in dem vorliegenden Impulspapier um diese Fragestellung nicht geht. Wenn Protestantinnen und Protestanten von Reformation sprechen, dann meinen sie meist die geschichtliche Epoche der Herausbildung ihrer konfessionellen und kirchlichen Glaubensidentität, die mit dem Europa des 16. Jahrhunderts maßgeblich verbunden ist und deren Anfänge in Wittenberg sich im Jahr 2017 zum 500. Mal jährten.

Das zweite Substantiv »Islam« ist demgegenüber ein Begriff, der sich heute als Bezeichnung für die zweitgrößte Religion der Welt sofort erschließt, der allerdings im 16. Jahrhundert in Europa noch keine Verwendung fand. Stattdessen wurde damals von dem Glauben der Türken oder Mohammeds gesprochen bzw. der Koran als Gesetz der Sarazenen bezeichnet. Nimmt man also die Begriffe Reformation und Islam in einem Titel zusammen, dann wird damit schon deutlich, dass es hier um einen Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen 16. Jahrhundert und 21. Jahrhundert gehen soll.

Wie es zu dem vorliegenden Text der Konferenz für Islamfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gekommen ist und was es damit auf sich hat, das soll im Folgenden erläutert werden. Die Konferenz ist das Gremium der Beauftragten für den christlich-islamischen Dialog in den Gliedkirchen der EKD und deren Einrichtungen. Sie trifft sich einmal jährlich an wechselnden Orten des Bundesgebietes und befasst sich dabei mit grundlegenden und aktuellen Fragen der Begegnung zwischen Christen und Muslimen. Geleitet wird sie von einem geschäftsführenden Ausschuss, der jeweils für drei Jahre aus den Mitgliedern der Konferenz gewählt wird. Der Referent für interreligiösen Dialog im Kirchenamt der EKD hat im Ausschuss den Vorsitz.

Phase 1: Das Dekadejahr mit dem Schwerpunkt »Reformation und Toleranz«

Der 10-jährige Zeitraum der Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr 2017 stand im Zeichen verschiedener Themenjahre. Jeweils mit der Überschrift »Reformation und […]« versehen, halfen sie einen Aspekt zu beleuchten, der mit den Anfängen und der Geschichte des Protestantismus in einem wesentlichen Zusammenhang steht. Das sechste Jahr der 2008 begonnenen Dekade trug die Überschrift: »Reformation und Toleranz«. Im EKD Themenheft zu diesem Jahr wurde der lange Weg der Kirche zur Toleranz als »Schatten der Reformation« thematisiert.1 Zu diesem Schatten gehört auch das Verhältnis Martin Luthers zum Judentum. Die diesbezüglich fatalen Äußerungen des Reformators, die die Geschichte des christlichen Antijudaismus bis hin zum theologisch begründeten Antisemitismus des 20. Jahrhunderts fortschrieben, wurden auch von der Synode der EKD im Jahr 2015 noch einmal aufgegriffen.2

Die Konferenz für Islamfragen der EKD hielt es darüber hinaus für angemessen, einen eigenen Beitrag zum Verhältnis Luthers bzw. der Reformation zum Islam beizusteuern, der einen in den Gemeinden sowie einer weiteren Öffentlichkeit oft weniger bekannten Sachverhalt beleuchtet. Nämlich die Tatsache, dass es bereits zu Luthers Zeiten eine Auseinandersetzung über den Koran und die damit verbundene Religion des Islam gab. Eine ganze Reihe von erhaltenen Schriften oder Texten existieren, die darüber Aufschluss geben, wie im 16. Jahrhundert von den Reformatoren über den Islam gedacht und wie er theologisch eingeordnet wurde. Das Stichwort der Toleranz, wie sie im modernen Sinne verstanden wird, war dabei nicht die vorherrschende Haltung, mit der die christliche Kirche und die Reformatoren dieser Religion gegenübertraten. So gab das Dekadethema »Reformation und Toleranz« den Anlass, in einem Impulstext erste Hinweise und Gedanken zu bündeln und einer interessierten gemeindlichen und gesellschaftlichen Leserschaft zugänglich zu machen.

Zur Sammlung der Gedanken und Themen gab es dazu im Sommer 2012, also noch vor Beginn des Themenjahres, eine Klausursitzung des geschäftsführenden Ausschusses der Konferenz für Islamfragen in Stuttgart, bei der eine Rohfassung eines Impulstextes besprochen und erarbeitet wurde. Als Gast mit dabei war auch Prof. Dr. Hans-Martin Barth, der mit seiner Fachexpertise wesentlich zum Gelingen beitrug. Bei der anschließenden Jahrestagung der Konferenz für Islamfragen im November 2012 in Hamburg wurde dieser Erstentwurf des geschäftsführenden Ausschusses dann den Mitgliedern der Konferenz vorgestellt und von diesen intensiv und auch kontrovers diskutiert.

In der Diskussion zeigten sich Grundlinien und Fragen, die auch den weiteren Prozess der Beschäftigung mit dem Text durchziehen sollten. Für wen ist er gedacht, welches Ziel hat er und welche Form soll er bekommen? Die unterschiedlichen Perspektiven lassen sich grob in vier Positionen unterteilen:

Es gab eine Position in der Diskussion, die eine rein historisch wissenschaftliche Herangehensweise an die Thematik für geboten hielt. Alles andere würde der Sache nicht gerecht werden. Ein Sprung in die gegenwärtige Islamdebatte in Deutschland wäre demgegenüber der Versuch, »den garstigen Graben der Geschichte« überspringen zu wollen, was nicht sinnvoll sei und angesichts der historisch unterschiedenen Situation des 16. Jahrhunderts auch nicht gelingen könne. Ein Beitrag der Konferenz für Islamfragen zum Thema Reformation und Islam müsse deshalb v. a. ein Beitrag für die Fachdiskussion sein.

Daneben gab es eine Einschätzung, die eine Konzentration auf Äußerungen des Reformators oder der Reformatoren zum Islam eher als Engführung ansah, da diese nicht eingeordnet und bewertet werden könnten, ohne das Ganze der Reformation in den Blick zu nehmen. Eine Reduktion allein auf islambezogene Äußerungen würde das Gesamtbild und damit auch die Gesamtverdienste und Errungenschaften der Reformation verzerren. Daher müsse sich ein Beitrag der Konferenz für Islamfragen zunächst auf die grundlegenden theologischen Neuerungen und Weichenstellungen der Reformation beziehen und könne erst in einem zweiten Schritt auf die demgegenüber nachrangigen Äußerungen zum Islam eingehen.

Eine weitere Position war dagegen v. a. an Luther und dessen Islambild interessiert. Unterschiedlich fiel dabei allerdings die Bewertung aus: Einige sahen dessen Äußerungen primär durch die geschichtliche Bedrohungssituation des damaligen Osmanischen Reiches motiviert, was naturgemäß nicht zu einer nüchternen Analyse und Einschätzung der Religion »der Türken« beitragen konnte. Andere hingegen sahen dessen grundsätzlich theologischen Einschätzungen zu dieser Religion sehr wohl als etwas an, das unabhängig vom historischen Kontext bis in die Gegenwart hinein tragfähig sein könne. Einige warnten deshalb auch vor einer Art »Luther-Bashing«, während andere die Gefahr einer »Luther-Glorifizierung« sahen. Das Dilemma wurde offensichtlich: Verortet man Luther ausschließlich als »Kind seiner Zeit«, ist es schwierig, aus diesem Kontext heraus Hinweise für die Gegenwart zu erwarten. Bezieht man dagegen seine Äußerungen und Grundentscheidungen auf die Gegenwart, steht man vor der Aufgabe, gewissermaßen mit Luther über Luther hinausgehen zu müssen, um den geänderten Kontexten gerecht zu werden. Das Problem dabei ist nur, dass wir nicht wissen können, ob Luther unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts anders geurteilt hätte als zu seiner Zeit, so dass hier der Raum für Spekulationen eröffnet wird.

Eine vierte Position sah deshalb die Dringlichkeit eines Impulses zum Thema Reformation und Islam v. a. in der gegenwärtigen Situation des christlich-islamischen Verhältnisses begründet und plädierte in der Tendenz eher gegen eine zu dezidierte historische Aufarbeitung, weil sie vom Fokus dessen, was aktuell dran sei, ablenke. Die Ereignisse des 16. Jahrhunderts könnten hier bestenfalls als Anlass genommen werden, über das gegenwärtige Verhältnis des Protestantismus zum Islam nachzudenken, da die Situation des 16. Jahrhunderts naturgemäß nicht einfach mit der des 21. Jahrhunderts in Analogie zu bringen sei und somit ein wie auch immer zu bewertendes Islambild der Reformatoren des 16. Jahrhunderts mit dem gegenwärtig existierenden Islam nur wenig Übereinstimmung haben würde.

Angesichts dieser komplexen Diskussionslage beschloss die Konferenz für Islamfragen, zunächst einen Text als Diskussionspapier für das Schwerpunktjahr »Reformation und Toleranz« in Umlauf zu bringen und Rückmeldungen einzuholen, die dann für eine Weiterarbeit für das Jubiläumsjahr 2017 genutzt werden sollten. Diese Vorfassung wurde u. a. im Rahmen einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll einem interessierten Publikum vorgestellt und fand darüber hinaus in unterschiedlichen Gesprächs- und Diskussionsformaten im Themenjahr »Reformation und Islam« Aufnahme.3

Ausdrücklich wurde diese Fassung mit Impulsfragen versehen, die zur Behandlung des Themas beitragen sollten. Außerdem wurde um Rückmeldungen an den geschäftsführenden Ausschuss gebeten. Die mit dem Papier versendeten Fragen und Empfehlungen zur Diskussion lauteten seinerzeit:

(1) Die Reformationsdekade bietet die Chance, sowohl die zeitbedingten und kritischen als auch vorhandene positivere Aspekte der Islamwahrnehmung Luthers auf allen Ebenen der Kirche zu besprechen. Auf diese Weise kann es zu einer konstruktiv kritischen Wahrnehmung der eigenen Tradition gegenüber dem Islam mit dem Ziel kommen, ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen zu fördern.

Wie bewerten Sie das Bild Martin Luthers und der Bekenntnisschriften vom Islam? Wo weichen Ihre Einschätzungen möglicherweise von denen dieses Impulspapiers ab?

(2) Nicht nur Martin Luther und die reformatorischen Bekenntnisschriften haben sich zu »den Türken« geäußert. Es gibt auch Gesangbuchlieder und Texte für Gemeindezwecke aus der Zeit der Reformation, die zwar heute nicht mehr verwendet werden und kaum bekannt sind, die jedoch jederzeit durch antiislamische Emotionen im kollektiven Gedächtnis wachgerufen werden können. Der Weg zum Reformationsjubiläum bietet die Chance, diese Texte und ihre Wirkung zu thematisieren und sich zu ihnen zu positionieren.

Kennen Sie Texte aus anderen Bekenntnisschriften, beispielsweise aus der reformierten Tradition, oder andere wichtige kirchliche Texte, die im Hinblick auf das Bild des Islam in Augenschein genommen werden sollten?

(3) Es ist eine wichtige Aufgabe, sich selbst dem anderen gegenüber zu explizieren und mit der eigenen Prägung und den eigenen Überzeugungen verständlich zu machen. Beispielsweise die Fahrt von Christen zusammen mit Muslimen zu Stätten der Reformation, die die EKD 2012 unternommen hat,4 und andere Unternehmungen können das wechselseitige Verständnis fördern. Christlich-muslimische Arbeitsgemeinschaften, wie es sie im Bereich des christlich-jüdischen Dialogs schon seit vielen Jahrzehnten gibt, sowie gemeinschaftliche Vorhaben sollten wo immer möglich eine Unterstützung von kirchlicher Seite finden.

Haben Sie Erfahrungen mit Vorhaben und Projekten, in denen die eigene Glaubensidentität zum Ausgangspunkt des Gespräches und Austausches mit anderen genommen wird?

(4) Es gibt eine Reihe muslimischer Theologen, die ein besonderes Interesse an den Erkenntnissen der Reformation haben, wie beispielsweise Mohammad Mojtahed Shabestari, Amin al-Huli und andere. Teilweise findet sich unter Muslimen auch die Überzeugung, dass Martin Luther die Religion zu ihrem Kern zurückgeführt habe.

Haben Sie Erfahrungen aus Gesprächen mit Muslimen, in denen diese ein Bild oder eine Einschätzung über Martin Luther und die Reformation geäußert haben?

(5) In einer säkularisierten und in etlichen Bereichen auch religionslosen oder religionsindifferenten Gesellschaft stellt sich für die Religionsgemeinschaften die gemeinsame Aufgabe, die positiven und bereichernden Funktionen der Religionen für das Gemeinwohl zur Geltung zu bringen. Die Rechtsordnung in Deutschland bietet dazu gute Möglichkeiten, dass sich Religionen als Teil der Zivilgesellschaft am öffentlichen Diskurs beteiligen und sich gemeinsam für ein friedliches und tolerantes Zusammenleben und das gewaltfreie Austragen von möglichen Konflikten einsetzen.

Wo sehen Sie gemeinsame Aufgaben von Muslimen und Christen in unserer Gesellschaft? Wo haben Sie bereits mit solcher Form von Zusammenarbeit Erfahrungen gesammelt und Schritte zu mehr wechselseitiger Toleranz erlebt?

Die Fragen haben seinerzeit versucht, neben generellen Rückmeldungen zum christlich-islamischen Dialog bestimmte Aspekte zu beleuchten, etwa die innerchristliche Rezeption des reformatorischen Islambildes sowie die islamische Rezeption der Reformationsgeschichte. Sie waren außerdem als Anstoß für eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema Reformation und Islam gedacht. Als Rückmeldefrist wurde Ende 2013 genannt, also der Abschluss des Dekadethemenjahres zur Toleranz.

Phase 2: Rückmeldungen und Weichenstellungen zur Überarbeitung

Erfreulicherweise gingen bereits im Jahr 2013 und auch danach noch eine ganze Reihe von Rückmeldungen ein, von denen einige hier exemplarisch genannt werden sollen:

»Das Thema ist wichtig und kritisch zu bearbeiten. Ich höre allerdings stark den Grundton: Luther hatte ein falsches Islambild, von dem wir uns distanzieren müssen.«

»Schwierig finde ich den Umgang mit der theologischen Beurteilung des Islam durch Luther. Hier greift meines Erachtens das Papier zu kurz. Es ist interessant, dass an einer Stelle neben der Zustimmung auch die Abgrenzung auf dem Weg zu einem christlich-islamischen Miteinander in Deutschland erwähnt wird. Diese Abgrenzung vermisse ich jedoch in dem Papier.«

»Der Begriff der Toleranz ist ein Begriff, der in der Politik stark benutzt wird und in der Aufklärung. Wir täten gut daran, nicht diesen Begriff zu verwenden.«

»Der Text macht ja insgesamt eine starke Lutherzentrierung aus. Die gesamten reformierten Bekenntnisschriften mit ihrer langen Bekenntnistradition sind hier überhaupt nicht in den Blick genommen und da stehen zum Teil andere Dinge drin.«

Diese und andere Rückmeldungen5 wurden zum Anlass genommen, noch einmal bestimmte Weichenstellungen zur Überarbeitung vorzunehmen. Stärker als bisher sollte in dem Text die reformierte Tradition in den Blick genommen werden. Gleichzeitig schien der in der Tat vielschichtige Begriff der Toleranz nicht mehr unbedingt eines eigenen Kapitels zu bedürfen, zumal es in der Sache eigentlich mehr um religiöse Pluralität bzw. die Freiheit zu derselben geht. Die Frage nach einem »falschen« oder »richtigen« Islambild Luthers aus heutiger Perspektive zu beantworten, heißt immer, den historischen Kontext zu verlassen. Luther als »Kind seiner Zeit« zu sehen und einzuordnen, schien demgegenüber angemessener und bot zugleich die Möglichkeit, ihn unter Hinzunahme der reformierten Reformatoren mit »anderen Kindern seiner Zeit« zu vergleichen. Dadurch konnten auch Differenzierungen im Islambild des 16. Jahrhunderts erkennbarer werden.

Flankiert wurde der Rückmeldeprozess auf den ersten Entwurf des Impulstextes durch eine Reihe von Leserbriefen, die größtenteils ohne direkten Bezug zum Papier die EKD erreichten und bis heute immer mal wieder erreichen. Darin war und ist eine verstärkte Bezugnahme auf Luther und die Reformation zu beobachten, insbesondere, was bestimmte Zitate des Reformators im Blick auf Türken und die Religion Mohammeds angeht. Nicht selten wird Martin Luther darin gleichsam zum »Kronzeugen« erhoben, wenn es darum geht, den Dialogkurs der evangelischen Kirche insgesamt zu kritisieren. Auch dazu einige Beispiele und Auszüge:

»Martin Luther würde sich im Grabe rumdrehen, wenn er das mitbekommen würde.

Damals durfte der große Reformator und Denker noch die Wahrheit sagen, denn die Inquisition kümmerte sich damals um andere Dinge. Heutzutage hat die Evangelische Kirche nichts Besseres zu tun, als genau die zu schützen, vor denen ihr Gründer damals so eindringlich warnte.«

»Dr. Martin Luther jedenfalls würde sich mir sicher anschließen und sich bei den derzeitigen Aktivitäten in der evangelischen Kirchengemeinde XY (Name von der Redaktion weggelassen) im Grabe umdrehen, hat er doch in seiner ›Heerpredigt wider den Türken‹ das Wesen des Islam klar erkannt.«

»Dass die Worte Dr. Martin Luthers 2013 genauso wahr sind wie 1541, beweisen die Nachrichten täglich aufs Neue. Hier bedarf es keiner weiteren Worte.«

»Mir fällt zu dieser Veranstaltung des christlich-islamischen Dialügs (sic!) nur ein: Pfui! Wie können Pastorinnen nur so ignorant sein und sich gegen den christlichen Gott so versündigen. Und gleichzeitig dürften Sie sich nicht mehr auf Luther berufen, denn von Luther sind einige Schmähpassagen über den Islam überliefert. Es ist wirklich unglaublich, was sich in der evangelischen Kirche tut.«

»Ich sehe in dieser Hinsicht wie sehr die evangelische Kirche von den lutherischen Lehren abdriftet und werde aus dieser Kirche, mit der ich mich immer weniger verbunden fühle, austreten.«6

Versehen waren diese Leserbriefe zusätzlich oft mit einer Fülle echter oder zum Teil auch erfundener Zitate von Martin Luther zum Themenkomplex »Türken, Mohammed und Koran«, die im Sinne einer polemischen Abwertung des Islam interpretiert wurden. Diese Briefe führten dazu, noch eine weitere Weichenstellung des Impulspapiers vorzunehmen. Wenn wie hier von einer Reihe von Personen historische Lutherzitate mit dem Ziel der Diffamierung der Religion des Islam in Umlauf gebracht werden, dann schien es angemessen, dem Originalton der Sprache des 16. Jahrhunderts auch im Impulspapier mehr Raum zuzugestehen. Dadurch sollte der Anschein vermieden werden, die Originalzitate aus der Reformationszeit würden verdrängt. Um aber andererseits keine Steilvorlagen für populistische Interpretationen zu liefern, sollte die Sperrigkeit mancher Aussagen des 16. Jahrhunderts dadurch dokumentiert werden, dass die Zitate in der Sprache und Rechtschreibung des 16. Jahrhunderts belassen wurden. Das erschwert zwar das Lesen, erhöht aber das Bewusstsein des historischen Abstandes.

Phase 3: Auf dem Weg zum überarbeiteten Impulspapier

Der geschäftsführende Ausschuss der Konferenz für Islamfragen setzte das Thema der Weiterarbeit an dem Impulspapier aufgrund der Rückmeldungen erneut auf die Tagesordnung der Konferenz für Islamfragen und beschloss, einen eigenen Studientag diesem Thema zu widmen. Zu diesem Studientag in Hannover im November 2014 wurden auch alle diejenigen eingeladen, die eine Rückmeldung auf die erste Fassung des Impulspapiers gegeben hatten. Weitere Fachexpertisen wurden durch Professor Dr. Andreas Mühling und Professor Dr. Stefan Schreiner eingeholt, die als Referenten eingeladen waren. Mit den Beiträgen dieses Studientages und der damit verbundenen erneuten intensiven Diskussion wurde dann die weitgehende Überarbeitung des ersten Impulstextes begonnen. Die Mitglieder des geschäftsführenden Ausschusses der Konferenz für Islamfragen der EKD lieferten dazu Textbausteine, Hinweise und Anregungen, die auf einer erneuten Klausursitzung im Sommer 2015 zusammengetragen und in Form gegossen wurden.

Zusätzlich inspiriert wurde insbesondere das Perspektivkapitel über eine erneuerte theologische Verhältnisbestimmung zum Islam durch zwei Grundlagentexte, die von der EKD im Jahr 2014 und 2015 veröffentlicht wurden. Zum einen war das der Text »Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017«7 und zum anderen der von der Kammer für Theologie der EKD erarbeitete Text »Christlicher Glaube und religiöse Vielfalt in evangelischer Perspektive«.8 In beiden Texten wird unter anderem auch das historische bzw. theologische Verhältnis zum Islam thematisiert. Leitmotiv für die Überarbeitung des letzten Abschnitts des Impulspapiers wurde daher die Orientierung an den fünf »Sola«, die als wesentliche Zusammenfassung der theologischen Grundgedanken der Reformation gelten können. Das nahm auch noch einmal die anfangs genannte Position auf, dass die islambezogenen Äußerungen der Reformationszeit nicht losgelöst von den theologischen Errungenschaften dieser Epoche verhandelt werden können.

Die dadurch im Verlauf des Jahres 2015 entstandene, nahezu völlig überarbeitete Textfassung des Impulspapiers wurde dann im November 2015 wiederum im Rahmen der Konferenz für Islamfragen abschließend beraten. Die Konferenz, die dieses Mal in Berlin tagte, nahm die Fassung mit kleineren Änderungsvorschlägen an und stimmte ihrer Veröffentlichung zu. Das Ergebnis fiel einstimmig aus, was angesichts der anfänglichen diversen Zielrichtungen und Einschätzungen der Konferenzmitglieder durchaus bemerkenswert ist. Was folgte, waren die üblichen Schritte hin zu einer Veröffentlichung durch das Kirchenamt der EKD. Im Frühsommer 2016, also wenige Monate vor Beginn des Reformationsjubiläums lag dann das Ergebnis in gedruckter und digitaler Form vor und wurde gleichzeitig auch ins Englische übersetzt, um bei den anstehenden nationalen und internationalen Begegnungen im Rahmen des Reformationsjubiläums einen Impuls zu setzen, der den Anstoß zu einer vertieften Befassung mit Fragen der Rezeption der reformatorischen Islamwahrnehmung geben sollte. In ihrem Vorwort weist Bischöfin Bosse-Huber darauf hin, dass das historische und theologische Erbe der Reformation auch mit Musliminnen und Muslimen ins Gespräch zu bringen und von deren Perspektiven und Einsichten zu lernen sei. Tatsächlich kam es schon im Sommer 2016 am Rande der Gespräche zwischen der EKD und dem Koordinationsrat der Muslime in Köln zu einer Vorstellung des Impulstextes und zu ersten Rückmeldungen von muslimischer Seite, die eine Bestärkung des mit der Veröffentlichung gesetzten Impulses signalisierten.

Fazit und Ausblick

Selbstverständlich ist es im Jahr eins nach dem Reformationsjubiläum noch zu früh, eine abschließende Einschätzung von Umfang und Wirkung des mit dem Text ausgelösten Impulses vorzunehmen. Der vorliegende Band ist aber ein hoffnungsvolles Zeichen, dass manche Gedankenstränge aufgegriffen und weitergeführt werden. Die EKD spricht mit Blick auf den interreligiösen Dialog, zu dem der christlich-islamische Dialog gehört, von einer offenen Lerngeschichte der Reformation, um zu verdeutlichen, dass hier noch kein Endstand erreicht wurde und möglicherweise auch nicht erreicht werden kann. Die Anfänge des Protestantismus und dessen Sicht auf Islam und Koran sind aber sicherlich ein wichtiges Forschungsfeld, wenn man die historische und theologiegeschichtliche Entwicklung besser verstehen und nachzeichnen möchte. Der erste Teil des Impulstextes enthält mit seiner Skizze des 16. Jahrhunderts hierzu einiges Material. Die Jahrhunderte seither wären sicherlich eine weitere, eigene Untersuchung wert. Dabei könnte es auch von Interesse sein, herauszufinden, welchen Einfluss sich wandelnde historische Konstellationen auf die theologische Islameinschätzung im Protestantismus hatten. Dadurch ließe sich zum Beispiel herausfinden, ob es bestimmte Grundmuster und Weichenstellungen der Reformationszeit gibt, die für die Islamdeutung bis in die Gegenwart hinein traditionsprägend geworden sind. Bekenntnisschriften und Liedgut könnten dazu weitere Anhaltspunkte liefern.

Neben der historischen ist aber auch die aktuelle Positionierung zum Dialog mit dem Islam aus evangelischer Perspektive von Interesse. Als die Arbeit zu dem Impulspapier im Jahr 2012 begann, da war zwar bereits eine verbreitete Islamskepsis in der Mehrheit der deutschen Bevölkerung vorhanden und erkennbar, Entwicklungen, wie sie sich in der Folgezeit mit dem Entstehen islamfeindlicher Bewegungen in Teilen der Bevölkerung und dann auch durch eine parteipolitische Vertretung in Landtagen und im Bundestag ergaben, waren seinerzeit noch nicht vorhersehbar. Vor diesem Hintergrund wird es noch einmal wichtig sein, zu betonen, dass die reformatorische Islamwahrnehmung heute nicht zur Verhinderung eines Dialogs mit Musliminnen und Muslimen herangezogen werden darf, sondern dass es zur Lerngeschichte der Reformation hinzugehört, dass inzwischen die Pluralität religiöser Bekenntnisse bejaht und der interreligiöse Dialog als zutiefst zum Wesen der Kirche gehörig verstanden wird.9 Der Impulstext befragt daher im zweiten Teil die reformatorischen Erkenntnisse auf ihre Anschlussfähigkeit für das aktuelle theologische Gespräch mit Musliminnen und Muslimen. Die dabei skizzierten Linien in Bestärkung und Problematisierung des reformatorischen Erbes bedürfen sicherlich noch der Weiterarbeit und Vertiefung. Auch hier ist eine Aufnahme des Impulses also sehr erwünscht. Denn was Christus, Glaube, Gnade, Schrift und Wort nach evangelischem Verständnis bedeuten und wie das im christlich-muslimischen Gespräch zum Tragen kommen kann, ist eine Frage, die sich evangelische Christen stets aufs Neue stellen und dann auch beantworten müssen, und zwar in ihren Worten und Taten.

Erste Reaktionen auf die Veröffentlichung ergeben ein Spektrum, das in Teilen auch die eingangs genannte Diskussion in der Konferenz für Islamfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland widerspiegelt. Der Frankfurter Professor für islamische Religionspädagogik, Harry Harun Behr, konstatierte: »Das Spannende an dem EKD-Papier ist, wie aus einer heutigen Perspektive auf die historischen Texte zugegriffen wird. Die Autorinnen und Autoren gehen zumindest bei einigen der alten Texte, besonders bei Calvin, davon aus, dass sie als Quelle dienen könnten, um daraus Leitmotive für den heutigen Umgang mit Muslimen zu gewinnen – also aus der Mitte der eigenen Tradition und nicht sekundär von außen herangetragen. Sie machen im Grunde das, was wir im Islam als ›salafitisch‹ im Sinne der ›Reform‹ bezeichnen, nämlich den unmittelbaren Rückgriff auf Ursprungstexte, um aus ihnen etwas heraus zu gewinnen, was dann kritisch mit anderen Traditionslinien verglichen werden kann, die sich auch auf diese Ursprungstexte berufen. Dieser Text führt insofern ein Stück Reformation vor, nämlich, wie Reform im Sinne der Reformulierung von Ursprungstexten funktioniert.«10

In einem Radiobeitrag des NDR wurde ein vermeintlicher Gegensatz zwischen dem Impulspapier und einer muslimischen Position entdeckt, indem das Missverständnis transportiert wurde, als sollten die reformatorischen Sola als hermeneutischer Schlüssel dem Islam quasi anempfohlen werden.11 Das Impulspapier befasst sich aber nicht mit islamischer Hermeneutik, sondern fragt nach den eigenen, durch die Reformation gelegten theologischen und hermeneutischen Zugängen für das protestantische Gespräch mit Musliminnen und Muslimen.

Viele weitere anerkennende und wertschätzende, aber auch kritische Rückmeldungen12 zum Papier zeigen, dass es notwendig war und ist, diesen Impuls zum Verhältnis von Reformation und Islam zu setzen. Die Intention, mit dem Impuls auch einer rechtspopulistischen und islamfeindlichen Vereinnahmung und Instrumentalisierung reformatorischer Gedanken des 16. Jahrhunderts in der Gegenwart entgegenzuwirken, erwies sich leider ebenfalls als richtig, wie erste Reaktionen in einschlägigen rechtspopulistischen und islamfeindlichen Blogs und Magazinen zeigen. Es bleibt daher zu wünschen, dass der Impuls dieses Textes auch über das Reformationsjahr hinaus weiterwirkt und dass die historischen Wahrnehmungen und Weichenstellungen im Protestantismus das gegenwärtige christlich-islamische Gespräch bereichern und vertiefen helfen.

André Ritter

Konfessionelle Identität und religiöse Pluralität

Reformatorische Orientierungen

Aus und von der Reformationsgeschichte zu lernen, ist ein wichtiges Anliegen hier und heute, geht es doch um die Befähigung und Entwicklung der eigenen religiösen Identität weniger im Sinne von Abgrenzung als vielmehr von Begegnung und Beziehung. »Das interkonfessionelle Miteinander-Lernen hat sich zu einem interreligiösen Gespräch geweitet. In ihm geht es darum, die Position der Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner mit demselben Ernst zu verstehen zu versuchen, mit dem wir die eigenen Positionen verstanden haben wollen.«1

Der neueren Reformationsforschung ist es zu verdanken, dass sie »Reformation« nicht (mehr) nur als singuläres Ereignis im 16. Jahrhundert versteht, sondern als einen ausgedehnten Prozess in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht. Darunter fallen bekanntlich nicht allein die inter-konfessionellen Streitigkeiten und gegenseitigen Verwerfungen, sondern zugleich auch die inter-religiösen Abgrenzungen und wirkmächtigen Scheidungen. »Denn aus der Ablösung des Reformationsbegriffes von seinem partikular Luthrischen Referenten, mithin einer abstrakteren und für die Theoriebildung nutzbaren Konzeptualisierung, eröffnet sich die Möglichkeit für vergleichende Perspektivierungen und die traditionsübergreifende Pluralisierung des Gegenstandes. Das lässt sich dann freilich auch als Herausforderung an den Reformationsbegriff auffassen: mit der Abkehr von der Eindeutigkeit stellt sich die Frage nach strukturellen Analogien in anderen Religionen. Elemente, die in der Beschreibung reformatorischer – einschliesslich vor- und nachreformatorischer – Phänomene zum Tragen kommen, sind durchaus auch in Teilen, eventuell sogar in ihrer Gesamtheit in anderen Traditionen zu beobachten […]. Im weiteren Sinne gilt es dann aber natürlich auch, [wenn A. R.] die Gegenbewegungen – etwa die Betonung des Althergebrachten und seiner Kontinuität; die traditionalistische Verdeutlichung der Trennung sakraler und profaner Geltungsbereiche; die Politisierung und Militarisierung des Religiösen sowie der reflektierte, affektive und reaktionäre Umgang mit explodierenden Optionalitäten – ins Blickfeld treten.«2 Mit diesen wichtigen Hinweisen ist bereits angedeutet, dass der systematisch-theologische Bezugsrahmen notwendiger Klärungen und Orientierungen keineswegs auf ein kirchengeschichtliches Ereignis vor 500 Jahren beschränkt bleiben kann, erst recht dann nicht, wenn fundamentale Abgrenzungen und fatale Verwerfungen über den jeweils eigenen konfessionellen Standpunkt hinaus schliesslich auch andere Glaubens- und Religionsgemeinschaften betreffen bzw. als solche diffamieren.

Anliegen und Bedeutung der Reformation

Das Impulspapier »Reformation und Islam« 2016 formuliert wie folgt: »Die zentrale Bedeutung der Reformatoren für evangelische Christinnen und Christen in Deutschland und darüber hinaus ist unbestreitbar. Nicht nur deren theologische Einsichten haben Geschichte geschrieben, sondern Luther und zahlreiche andere Reformatoren jener Zeit haben Sprache und Kultur in Deutschland wesentlich geprägt. Die Entwicklungen dieser geschichtlichen Phase haben die Basis zu einer konfessionellen Pluralisierung gelegt, die – nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen in den Konfessionskriegen – in den nachfolgenden Jahrhunderten die Gedanken von Toleranz und Religionsfreiheit, die heute unverzichtbar sind, notwendig machte.«3 Damit stellt sich zugleich die Frage nach dem hier zum Ausdruck kommenden (kirchenamtlichen) Blickwinkel, der laut Einleitung zwar die gemeindliche Arbeit und kirchliche Öffentlichkeit fokussiert, darüber hinaus nicht aber auch die Perspektive der »Andersgläubigen« (respektive der nichtchristlichen Glaubens- und Religionsgemeinschaften) selbst. Mehr noch: Das 500. Jahr der Wiederkehr des Beginns der Reformation lade ein zur Reflexion des derzeitigen Standes der christlich-islamischen Beziehungen. Aus diesem Grund wolle die Konferenz für Islamfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zugleich einen Beitrag zu der vom Rat der EKD formulierten Aufgabe leisten, »den Dialog der Religionen als genuine Aufgabe reformatorischer Theologie zu entdecken« – unter besonderer Erwähnung des Dialogs mit dem Islam, »der in der Reformationszeit aus naheliegenden Gründen mit den gegen das Reich anstürmenden Türken identifiziert und daher kaum präzise wahrgenommen wurde«.4 Damit wird über den historischen Kontext reformatorischer Theologie und Kirche hinaus ein weitreichender Anspruch formuliert, der gar den Dialog der Religionen als Aufgabe reformatorischer Theologie in den Blick zu nehmen versucht.

Einmal abgesehen davon, ob ein solcher umfassender Anspruch in einem knapp 40-seitigen Impulspapier überhaupt theologisch und dialogisch eingelöst werden kann, stellt sich in jedem Fall die Frage, ob die einleitend formulierte Aufgabenstellung selbst angemessen ist und im weiteren Fortgang des Dokuments auch zielführend bearbeitet wird. Hinzu kommt von Anfang an eine zweite Schwierigkeit, die, einem Argumentationsgefälle gleich, nun wie folgt beschrieben und bewertet wird: »Die Erfahrungen des Holocaust haben in der Evangelischen Kirche in Deutschland im Hinblick auf das Judentum zu einem Umdenken und zu einer auch theologischen Neuorientierung und -bewertung geführt […]. Die Bestimmung des Verhältnisses zum Islam gestaltet sich aus verschiedenen Gründen anders. Zuwanderung sowie soziale und weltweite Konfliktkonstellationen überlagern dabei theologische und religiöse Fragen. Vorbehalte und Ängste beeinflussen sachliche Klärungen.«5 Das kirchlich-theologische Verhältnis zum Judentum einerseits und die heute nicht minder notwendige Begegnung und Auseinandersetzung mit Islam bzw. Muslimen andererseits werden im »Impulspapier« auf markante Weise jeweils anders thematisiert: »Im Grundlagentext zu ›500 Jahre Reformation‹ heißt es dazu: ›Auch die frühneuzeitlichen Äußerungen über den Islam, der vor allem im Zusammenhang der ›Türkengefahr‹ an den Reichsgrenzen aus Angst um den Bestand der abendländischen Christenheit thematisiert wurde, müssen kritisch betrachtet werden, ohne dass das besondere Verhältnis zwischen Judentum und Christentum dadurch tangiert wird.‹«6 Ist die hier reklamierte Voraussetzung theologischer Klärungen und Scheidungen – unbeschadet aller jeweils sachlich begründeten Unterscheidung in der Beziehung zum Judentum und zum Islam – für eine kirchlich-theologische Aufarbeitung historisch belasteter Verhältnisse tatsächlich hilfreich? Und gilt das darüber hinaus schließlich auch mit Blick auf den gesellschaftlich notwendigen Dialog der Religionen, zumal wenn er hier und heute wieder vermehrt auf Antisemitismus und Islamophobie7 in der Bevölkerung trifft?

Dieser komplexe Sachverhalt bedarf besonderer Aufmerksamkeit. Dass nämlich – wie im Impulspapier konstatiert wird – die reformatorischen Einsichten vor 500 Jahren als »Befreiungen« zu allen Zeiten einer neuen Aneignung und Übertragung bedürfen, gelte nicht zuletzt auch für die Islamwahrnehmungen der Reformatoren und insbesondere Martin Luthers, »die aus heutiger Sicht in mancherlei Hinsicht als polemisch, einseitig, schemenhaft und holzschnittartig bezeichnet werden müssen. Sie stehen damit in einer deutlichen Spannung zu gegenwärtigen dialogischen Ansätzen, die dem Selbstverständnis und der Eigenständigkeit des muslimischen Glaubenszeugnisses Respekt und Achtung entgegenbringen möchten«.8 So hat beispielsweise Karl-Josef Kuschel in seiner kritischen Würdigung des Impulspapiers darauf aufmerksam gemacht, dass eine solche Aussage gerade mit Blick auf die historischen Quellen verharmlosend sei. Das Ausmaß an pauschaler Stereotypisierung von Muslimen und ihrer Religion sei abgründig. »Luther hat den Islam pauschal als Teufelsreligion verunglimpft und die Kriegsverbrechen aus ihrem Glauben abgeleitet, obwohl er diesen nur fragmentarisch kennt und empirisch nicht leugnen kann, dass auch Muslime aus ihrem Glauben heraus vorbildlich leben können.«9

Darüber hinaus wird man auch nicht ohne Weiteres dem Impulspapier folgen können, wenn gerade mit Blick auf unsere heutige Situation ausgeführt wird: »Luther und andere Reformatoren haben mitunter den Islam für die christliche Bußparänese verwendet. Auch gegenüber einer solchen pädagogischhomiletischen Instrumentalisierung der Andersglaubenden, sei es als leuchtendes oder abschreckendes Beispiel, erheben sich heute Bedenken. Gleichwohl ist es legitim und möglich, das, was im Glauben der anderen positiv erscheint, positiv zu würdigen, und das, was kritisch gesehen wird, kritisch zu benennen. Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft, sich ernstlich auf den Glauben des anderen einzulassen. In der Reformation ist das nur ansatzweise gelungen. Heute haben wir aufgrund veränderter historischer und geistesgeschichtlicher Bedingungen die Möglichkeit, einen ernsthaften interreligiösen Dialog zu führen.«10 Ist damalige Instrumentalisierung der Andersglaubenden heute tatsächlich durch den interreligiösen Dialog überwunden? Welche Bedingungen und Möglichkeiten, welche Absichten und Einsichten sind notwendige Voraussetzung dafür? Und was gilt in Kirchen und Gemeinden als unverzichtbare theologische Grundlegung eines solchen Dialogs mit Muslimen gerade aus reformatorischer Sicht? »Die anhand der Rechtfertigungslehre gewonnenen fünf sola lassen sich für das Gespräch mit Musliminnen und Muslimen fruchtbar machen und als theologischer Anknüpfungspunkt verwenden. Die Grundeinsicht, dass es an der Gnade Gottes liegt, wenn ein Mensch glauben kann, dass der Glaube keine »Leistung« des Menschen ist, die ohne Gottes Zutun und sein Wirken zustande käme, ermöglicht es zum Beispiel, auch Nichtglaubende oder Andersglaubende in einem anderen Licht zu sehen. Gerade die eigene unverfügbare Glaubensgewissheit kann den Respekt und die Achtung vor anderen Glaubensgewissheiten und Glaubensweisen mit sich bringen. Die Kammer für Theologie der EKD hat das so ausgedrückt: ›Da der christliche Glaube eine je eigene individuelle Gewissheit ist, kann er nicht verantwortlich vertreten werden, ohne das Recht divergierender religiöser Überzeugungen und damit das Recht des religiösen Pluralismus anzuerkennen und zu stärken.‹«11

Doch was ist konkret gemeint? Solus Christus – allein Christus, sola gratia – allein aus Gnade, solo verbo – allein im Wort, sola scriptura – allein aufgrund der Schrift und sola fide – allein durch den Glauben, diese in fünf »Kernthesen« zusammengefassten zentralen Einsichten reformatorischer Theologie gelten nicht nur innerhalb einer christlichen (evangelischen) Konfession, sondern sind als »theologischer Anknüpfungspunkt« darüber hinaus auch im Dialog mit anderen nichtchristlichen Religionen, also beispielsweise auch mit Judentum und Islam, von maßgeblicher Bedeutung. »Ebenfalls zur Vertiefung im christlich-islamischen Dialog geeignet ist die Thematisierung der zentralen Bedeutung, die dem Wort bzw. der Schrift in beiden Religionen zukommt. Solo verbo und sola scriptura bezeichnen die unbedingte reformatorische Wertschätzung des Wortes Gottes als Richtschnur und Maßstab der kirchlichen Lehre. Sie kann auch gegenüber Muslimen verständlich gemacht werden, die einer anderen Wort- und Schrifttradition verbunden sind. Selbstverständlich kann und sollte die Erkenntnis des Stellenwertes des Wortes im Christentum und Islam auch zu Diskussionen über die Inhalte von Tora und Evangelium, Koran und Sunna führen. Als evangelische Christinnen und Christen müssen wir keine Berührungsängste gegenüber den Schriften anderer Religionen haben. Wir können uns mit Interesse und Offenheit mit den Offenbarungsquellen des Islam auseinandersetzen, ohne Sorge, dabei das Eigene zu verlieren. Ein solcher Dialog eröffnet im Gegenteil die Möglichkeit, den eigenen Glauben zu intensivieren und zu weiten.«12

Die menschliche (bezeugende, glaubende und verstehende) Ausdrucksform des göttlichen Wortes darf nicht mit diesem selbst gleichgesetzt werden. Dieser theologische Vorbehalt erlaubt es, die Geschichtlichkeit der Bibel ernst zu nehmen, ohne ihr Gewicht als Glaubensurkunde preiszugeben. Gerade darin liegt wohl ein wichtiger Schlüssel zur Reformfähigkeit einer jeden Religion, ja zur Eröffnung eines aufrichtigen interreligiösen Dialogs überhaupt. Mancher mag denken, eine derartige fundamentale Unterscheidung im Schriftverständnis sei (doch nur) ein innertheologisches Problem, das für die Gesellschaft ohne Bedeutung sei. Weit gefehlt! Das zeigt zugleich die Entstehung des Begriffs Fundamentalismus. Er ist zunächst nicht, wie man denken könnte, zur Charakterisierung bestimmter Richtungen im Islam geprägt worden. Man hat damit bestimmte Kreise innerhalb des (US-amerikanischen) Protestantismus bezeichnet, die auf einem wortwörtlichen, zeitenthobenen Verständnis der Bibel bestanden. Denn im jeweiligen Verständnis von Schrift und Tradition werden die entscheidenden Weichen gestellt für die Fähigkeit einer Religion, sich zu verändern und in einen Dialog einzutreten. Dies haben Christen als Wirkung der Reformation übrigens zunächst im Verhältnis der verschiedenen christlichen Kirchen und Konfessionen mühsam lernen müssen. Denn hier entscheidet sich schließlich die Vereinbarkeit von überlieferter Religion und moderner Kultur, also die Möglichkeit einer Inkulturation. Ohne Klärung der hermeneutischen Grundfragen kann und wird eine Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der modernen Welt nicht gelingen.

Schriftverständnis und Dialogbemühung

Was soll aus Sicht der EKD bzw. aus reformatorischer Perspektive für gegenwärtige und zukünftige theologische Herausforderungen im Dialog mit Muslimen also weiterhin in Geltung bleiben? »Im Dialog mit Musliminnen und Muslimen können evangelische Christinnen und Christen kritisch und positiv äußern, was ihnen Reformation heute bedeutet. Für das dialogische Miteinander von Christen und Muslimen ist das 500-jährige Reformationsjubiläum auch ein Anlass, sich eingehend über theologische Begründungen und Motive zur Begegnung zu verständigen. Die Kammer für Theologie der EKD hat formuliert: ›Es bleibt eine zentrale Herausforderung, welche Wege die Kirche im Horizont ihres Verständnisses der Heiligen Schrift und in gegenwärtiger Verantwortung ihrer reformatorischen Bekenntnisse im Dialog der Religionen einschlägt.‹ Deutlich ist dabei, dass die heutigen Wege von einem erheblich positiveren Verständnis religiöser Vielfalt gekennzeichnet sind, als dies im 16. Jahrhundert und weit darüber hinaus der Fall war.«13 Bemerkenswert in der Schlussfolgerung, doch ist sie auch begründet und bewährt durch Argumentation? Vor allen anderen theologischen Sachfragen gilt dies gerade für unsere Frage des Schriftbezugs bzw. der Schriftauslegung. Nicht zufällig sagen Muslime seit alters über Juden und Christen anerkennend, sie seien wie sie »Leute der Schrift« (vgl. Sure 3:64 u. ö.). Diese Charakterisierung ist nicht falsch, doch sie bedarf aus christlicher Sicht einer wichtigen Präzisierung: Zwar verstehen auch Christen die Bibel als »Wort Gottes«. Dennoch steht im Zentrum des biblisch-christlichen Glaubens nicht die Heilige Schrift als Schriftkanon allgemein, sondern Person und Werk Jesu Christi als der maßgeblichen »Mitte der Schrift«.14