Regency Dreams - Eine Lady in Sussex - Patricia Veryan - E-Book

Regency Dreams - Eine Lady in Sussex E-Book

Patricia Veryan

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Beschreibung

Ein kleines Landhaus zum Verlieben: Das Romantik-Highlight »Regency Dreams – Eine Lady in Sussex« von Patricia Veryan jetzt als eBook bei dotbooks. Südengland zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Nachdem Lady Mariettas Vater das Familienvermögen verspielt hat, bleibt den Warringtons nur noch der Rückzug aufs Land – mehr als ein kleines Häuschen auf einem verfallenen Anwesen an der Küste können sie sich nicht mehr leisten. Um ihre Familie zu retten, macht sich Marietta pflichtbewusst auf die Suche nach einem wohlhabenden, respektablen Ehemann. Doch stattdessen begegnet sie bei einem Strandspaziergang einem höchst suspekten Gentleman. Ist der verflixt gutaussehende Fremde etwa ein Schmuggler? Bald beschleicht Marietta jedoch der Verdacht, dass ihn weit mehr mit der Vergangenheit des alten herrschaftlichen Anwesens verbindet, als angenommen – und dass sie drauf und dran ist, ihr Herz an ihn zu verlieren … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der historische Liebesroman »Regency Dreams – Eine Lady in Sussex« von Patricia Veryan bietet ein romantisches Lesevergnügen für alle Fans von »Bridgerton«! Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 527

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über dieses Buch:

Südengland zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Nachdem Lady Mariettas Vater das Familienvermögen verspielt hat, bleibt den Warringtons nur noch der Rückzug aufs Land – mehr als ein kleines Häuschen auf einem verfallenen Anwesen an der Küste können sie sich nicht mehr leisten. Um ihre Familie zu retten, macht sich Marietta pflichtbewusst auf die Suche nach einem wohlhabenden, respektablen Ehemann. Doch stattdessen begegnet sie bei einem Strandspaziergang einem höchst suspekten Gentleman. Ist der verflixt gutaussehende Fremde etwa ein Schmuggler? Bald beschleicht Marietta jedoch der Verdacht, dass ihn weit mehr mit der Vergangenheit des alten herrschaftlichen Anwesens verbindet, als angenommen – und dass sie drauf und dran ist, ihr Herz an ihn zu verlieren …

Über die Autorin:

Patricia Veryan (1923–2009) ist das Pseudonym der englischen Schriftstellerin Patricia Valeria Bannister. Sie wurde in London geboren, siedelte aber nach dem Zweiten Weltkrieg nach Amerika um. Dort lebte sie viele Jahre in Kalifornien und Washington, wo sie auch mit dem Schreiben ihrer historischen Liebesromane begann. Diese gehören heute zu Klassikern in diesem Genre und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Patricia Veryan wurde für ihr gesammeltes Werk zudem mehrfach mit dem Romantic-Times-Award und dem »Silver Loving Cup« von Liebesroman-Legende Barbara Cartland ausgezeichnet.

Bei dotbooks veröffentliche Patricia Veryan ihre »Regency Dreams«-Reihe:

»Ein Lord in Somerset«

»Eine Lady in Sussex«

Und ihre »Scotland Lovesong«-Reihe:

»Ein Ball um Mitternacht«

»Eine Reise in die Highlands«

»Ein Dandy zum Verlieben«

»Ein englischer Sommerball«

»Einen Liebe in North Downs«

»Ein unverschämter Gentleman«

»Eine stürmische Reise«

Sowie ihre nachfolgende »Scotland Kisses«-Reihe:

»Eine bezaubernde Lady«

»Eine charmante Diebin«

»Ein unerhörter Skandal«

»Das Geheimnis des Gentleman«

»Das Lächeln einer Lady«

»Eine charmante Intrige«

***

eBook-Neuausgabe Juni 2022

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1996 unter dem Originaltitel »Lanterns« bei St. Martin’s Press, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1999 unter dem Titel »Der zärtliche Spion« bei Droemer Knaur.

Copyright © der englischen Originalausgabe 1996 by Patricia Veryan

Published by arrangement with St. Martin’s Publishing Group. All rights reserved.

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1999 bei Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München

Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin’s Publishing Group durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover, vermittelt.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © Period Images sowie © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)

ISBN 978-3-96655-976-8

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Patricia Veryan

Regency Dreams – Eine Lady in Sussex

Roman

Aus dem Englischen von Traudl Weiser

dotbooks.

Kapitel 1

Sussex, England

Herbst 1818

»Nein, ich hab’ nicht vergessen, was ich versprochen hab’.« Arthur Warrington spähte in die hereinbrechende Dämmerung und flüsterte: »Aber es ist noch nicht ganz dunkel. Außerdem erschreckt dich das Schloß doch nicht, Bruder, mächtiger Krieger, der du bist.«

Die beiden befanden sich auf verbotenem Territorium. Die Silhouette von Lanterns ragte düster und drohend vor ihnen auf und erstreckte sich bis zum Rand der Klippen. Arthur kletterte über eine niedrige, zerbröckelnde Mauer und hielt kurz inne, ehe er seine schmalen Schultern straffte und sein schwarzes Cape zurückwarf, um sein Schwert zu zücken. Sein Gefährte sprang auf die Mauer, und Arthur zischte: »Sie wird im Spukschloß gefangengehalten, klar doch. Und wir müssen sie befreien, verstehst du?« Sein Schwert verfing sich im Cape, und als es ihm schließlich gelang, es loszureißen, schwang er es in gewohnter Manier und befahl flüsternd: »Vorwärts!«

Bruder Tuck jedoch mißverstand diese Geste und stürzte sich statt dessen auf die herumwirbelnde Waffe. Nachdem ihm streng befohlen worden war, »nicht herumzuspielen«, setzte Bruder Tuck sich hin und schmollte.

»Komm schon«, drängte Arthur. »Du darfst mich jetzt nicht im Stich lassen, Bruder. Ich bin zwar einer der tapfersten Geächteten, ich, Robin Hood, aber die verruchten Schergen des Sheriffs sind in der Übermacht!« Er warf einen Blick auf Bruder Tuck, der sich jetzt mit anmutigen Bewegungen die Schnurrhaare putzte. »Los, beeilen wir uns, sonst kriegen wir Ärger mit Etta, und Tante Dova wird bestimmt ...«

Der Satz sollte nie beendet werden. Arthur Warrington, beinahe fünf Jahre alt, erstarrte in entsetztem Schweigen, und Bruder Tuck, ein rotbraun-weißer Kater, schoß über die Mauer, ohne einen Gedanken an die arme Maid Marion zu vergeuden.

Irgendwo in der Ruine des Spukschlosses war eine Tür geöffnet und wieder geschlossen worden. Flüchtig waren die Umrisse zweier Gestalten im Licht aufgetaucht: Männer, die jetzt eine formlose Last über die niedrige Brücke zu einer vierspännigen Kutsche trugen, die dort im Schatten wartete.

Eine tiefe Stimme sagte barsch: »Du weißt, was du zu tun hast, Mac?«

»Aye, Sir.«

»Sei vorsichtig. Es darf keine Zeugen geben.«

Der zweite Mann, der wie Hamish, ihr ehemaliger Gärtner in London, redete, sagte: »Das weiß ich wohl, Sir. Keine Sorge!«

Ein leiser Laut war zu hören. Ein Stöhnen vielleicht.

Arthurs zitternde Knie gaben unter ihm nach. Er rutschte die Mauer hinunter, blieb dort hocken und spähte dann, trotz seines wild pochenden Herzens, über den Rand.

»Ganz gleich, was passiert: Sie darf nie gefunden werden. Hast du mich verstanden?«

»Aye, Sir.«

Die beiden gespenstischen Gestalten waren jetzt mit ihrer Last bei der Kutsche angekommen, von der nur die Umrisse zu erkennen waren, da keine Laterne brannte. Arthur sah, daß ein dritter Mann die Tür öffnete und das Bündel hineingeschoben wurde.

Die schottische Stimme brummte: »Diese kalte, düstere Ruine ist kein gutes Versteck für Sie, Sir. Mir macht das Leben im Big Smoke auch keinen Spaß, aber dort wären Sie besser aufgehoben. Wenn Ti Chiu anfängt rumzuschnüffeln ...«

»London ist mir zu laut«, unterbrach die erste Stimme ungehalten. »Und Ti Chiu kann dort in der Menge untertauchen, während er und sein Herr hier sofort auffallen würden wie bunte Hunde.«

Arthur duckte sich.

Die Kutschentür wurde zugeschlagen, die Pferde schnaubten und scharrten ungeduldig mit den Hufen über die Pflastersteine, und dann wurde ein Fenster heruntergelassen.

»Aber, wie wollen Sie es schaffen ...«

»Genug! Daniel – fahr los!«

Eine Peitsche knallte. Schwere Räder knirschten, Leder knarrte, und der Hufschlag wurde zu einem regelmäßigen, sich entfernenden Trommeln.

Arthur spitzte die Ohren, konnte jedoch nicht das leiseste Geräusch von Schritten hören. Als er es wagte, wieder über die Mauer zu spähen, war der Mann, der zurückgeblieben war, nirgends zu entdecken.

Es dauerte lange, ehe er den Mut aufbrachte, aus seinem Versteck zu kriechen, und erst als er schon halbwegs den Abhang hinaufgeklettert war, folgte er dem Beispiel des feigen Bruder Tuck und rannte nach Hause.

Das Austragshaus, ein viereckiges, geräumiges Gebäude, stand in der nordwestlichen Ecke des Lanterns-Besitzes. Obwohl mehr als eine Meile landeinwärts gelegen, bot es bei gutem Wetter einen ungehinderten Blick auf den Ärmelkanal und die französische Küste, da es auf einem Hügel stand. Im Vergleich zu dem Luxus und der Eleganz von Sir Lionel Warringtons Stadthaus in London war das Haus eine sehr bescheidene Bleibe, doch Miss Marietta Warrington, Sir Lionels älteste Tochter, besaß die Gabe, aus allem das Beste zu machen, und fand, daß es die Familie hätte schlimmer treffen können.

»Ganz gleich, was du sagst, es gibt absolut keinen Grund für die häufigen Besuche der beiden Männer«, bemerkte sie jetzt, als sie durch die Küche ging und die Teekanne vorsichtig auf das Tablett stellte. Das alte silberne Teeservice war – abgesehen von seiner Schönheit – ein Relikt aus ihrem früheren Leben und mußte ehrfürchtig behandelt werden. »Was könnte für Sir Gavin Coville hier schon von Interesse sein?« redete sie mit gedämpfter Stimme weiter.

»Unser Heim ist bescheiden ...«

»Unser jetziges«, warf Fanny bedrückt ein und nahm warmes Teegebäck vom Backblech.

»... und er ist nicht der Typ Mann, der für die liebe Tante Dova ein zärtliches Interesse entwickeln könnte.«

Fanny stieß einen fröhlichen Schrei aus, schlug sich die Hand vor den Mund und sagte kichernd: »Sie ist jetzt da drin, weißt du. Und Sir Gavin gibt sich sehr höflich, aber ich kann es kaum erwarten, bis sie einen ihrer Tänze aufführt. Er hält sie ja jetzt schon für reif fürs Irrenhaus!«

Marietta, die ihre lebhafte jüngere Schwester sehr liebte, warf Fanny einen strengen Blick zu, mußte jedoch lächeln, als sie das Funkeln in den großen haselnußbraunen Augen sah. »Ihn verbinden doch bestimmt keine Gemeinsamkeiten mit unserem Vater, und er weiß sicher von Papas Verlusten an der Börse.«

»Wohl eher von seinen Verlusten an den Tischen im White’s and Watier’s«, sagte Fanny, verächtlich schnaubend. Als sie Mariettas Verärgerung über die despektierliche Bemerkung sah, fügte sie schnell hinzu: »Als nächstes behauptest du noch, unser Vermieter habe ein zärtliches Interesse an mir.«

Marietta eilte ins Eßzimmer, kam mit dem Teesieb zurück und meinte bissig, es läge ihr fern, so etwas zu behaupten, da Sir Gavin nur im Auftrag von Lord Temple and Cloud handele, der der Grundbesitzer – und somit ihr Vermieter – sei, sich jedoch nie auf Lanterns blicken ließe.

»Was er hoffentlich auch nie tun wird«, sagte Fanny. »In diesem gräßlichen alten Bau könnte er nicht wohnen und würde wahrscheinlich das Austragshaus für sich beanspruchen. Und wo bleiben wir dann?«

»Außerdem«, griff Marietta ihren Gedankengang wieder auf, »ist Sir Gavin etwa im Alter von Vater und Tante Dova und interessiert sich bestimmt nicht für eine verschrobene Witwe. Und selbst, wenn Mr. Blake Coville Gefallen an dir ...«

»Ach, hör doch auf«, sagte Fanny. »Jeder Dummkopf kann sehen, warum Sir Gavin und sein Sohn zu Besuch kommen«, sie hielt ihrer Schwester die silberne Kuchenplatte vors Gesicht, »es sei denn, er ist blind wie ein Maulwurf.« Marietta warf einen kritischen Blick auf ihr Spiegelbild in der auf Hochglanz polierten Platte. Es ist, dachte sie, ein recht hübsches, aber unauffälliges Gesicht, mit hohen, etwas zu breiten Wangenknochen und einer schmalen Nase. Der Mund? Nicht übel, mit der wohlgeformten, rosigen Unterlippe. Aber es war ein resoluter Mund, und das Kinn darunter zierte kein Grübchen, und es war ein bißchen zu stark ausgeprägt. Die grünen Augen mit den dichten schwarzen Wimpern waren zufriedenstellend, wie sie sich eingestehen mußte. Doch die krönende Zierde ist mein Haar. Die weichen, beinahe schwarzen Locken schimmerten wie Seide und betonten ihren hellen, klaren Teint.

»Hmmm«, meinte sie.

»Hmmm, also wirklich!« empörte sich Fanny, senkte den improvisierten Spiegel und legte kleine Kuchen und Kekse darauf. »Du wirst nie zugeben, daß du schön bist. Mr. Blake Covilles Augen leuchten jedesmal auf, wenn er dich sieht. Kein Wunder!«

Marietta stellte noch Tassen und Untertassen auf das Tablett. »Schönes Wunder«, widersprach sie. »Bis auf Jocelyn Vaughan und Alain Devenish, die sich aufs Land zurückgezogen haben ...«

»Wie wir«, warf Fanny mit einem Seufzer ein.

»Wie wir. Wo war ich stehengeblieben? Ach, ja – abgesehen von Vaughan und Devenish ist Blake Coville wohl der begehrteste Junggeselle von London.«

»Und sehr gutaussehend. Wer ist Jocelyn Vaughan?«

»Der Erbe von Lord Moulton und ein Cousin von Lucian St. Clair. Kannst du dich nicht daran erinnern, daß er schwer verwundet aus dem Krieg zurückkam und alle Ladies nach seiner Genesung vor Angst zitterten, er könnte Alicia Wyckham heiraten?«

Fanny füllte nur achselzuckend den Wasserkessel und stellte ihn auf den Herd.

»Ich habe kein Interesse an hochwohlgeborenen Gentlemen«, erklärte Fanny hochmütig. »Die sind alle dumm. Ich heirate einen Professor oder einen Künstler oder einen einfachen, bescheidenen Mann mit Grütze im Kopf. Aber ich mache mir deinetwegen Sorgen, Liebes. Trotz deines guten Aussehens ... hm ...«

»Ich bin vierundzwanzig und somit zu alt für einen der in Frage kommenden jungen Männer.« Marietta hob das Tablett hoch. »Aber du bist erst neunzehn«, fügte sie hinzu, »und trotz deines Geredes wirst du dich eines Tages in einen eleganten Mann von Welt verlieben.« Sie lachte über Fannys angewiderte Miene. »Hab keine Angst. Ich setze dich nicht unter Druck. Aber ich würde sehr gern unserem armen Papa helfen. Jemand muß ihn vor dieser abscheulichen Witwe retten!«

Fanny öffnete ihrer Schwester die Tür und sagte schaudernd: »Du meine Güte, ja! Wie egoistisch ich bin. Eine von uns beiden muß sich gut verheiraten, damit wir aus diesem Schlamassel rauskommen, wie Eric sagen würde. Bitte, schenk Blake Coville ein Lächeln, Liebes! Tu doch nicht so, als wäre dir dieser Gentleman gleichgültig.«

Marietta wandte sich ab, um die ihr plötzlich in die Wangen gestiegene Röte zu verbergen. »Du hast zu viele Liebesromane von Mrs. Meeke gelesen! Bring die Kuchen und das Teegebäck, Fan. Und denk daran, daß wir arm wie Kirchenmäuse sind und ich keine Mitgift besitze, die mich für einen Gentleman begehrenswert machen würde.«

Während sie über den Flur zum Wohnzimmer ging, weigerte sie sich, den Raum als wenig behaglich und einladend anzusehen. Wegen der Kühle des Spätnachmittags hatte sie Bridger gebeten, Feuer im Kamin anzuzünden, so daß jetzt beißender Qualm in der Luft hing. Sir Gavin fand die auf Hochglanz polierten Möbel wahrscheinlich schäbig, doch sie stammten zusammen mit den Teppichen und mehreren Kunstgegenständen eindeutig aus dem Haus eines Gentleman.

Bei einem flüchtigen Blick auf die im Wohnzimmer versammelten Gäste hätte sich der Betrachter wohl gewundert, daß sich nur drei Gentlemen erhoben, als Marietta und Fanny mit dem Teetablett eintraten. Doch bei näherem Hinsehen hätte er erkannt, warum die fünf übrigen Gäste so merkwürdig still waren. Tatsächlich hatten sie nie eine Bewegung gemacht, denn es waren lebensgroße, sorgfältig kostümierte Puppen mit erstaunlich lebendig wirkenden Gesichtern.

Die beiden Covilles hingegen waren äußerst lebendige, gutaussehende Männer, die, wenn sie Seite an Seite einen Raum betraten, jede Unterhaltung verstummen ließen. Mit achtundvierzig hatte Sir Gavin noch eine schlanke Figur und dunkelbraunes, dichtes, krauses Haar wie sein Sohn. Allein die grauen Schläfen betonten noch sein markantes Aussehen. Seine großen dunklen Augen hatte manche Lady schwärmerisch als »samten« bezeichnet, doch in ihnen lag ein gewitzter und intelligenter Ausdruck. Blake Coville hatte von seinem Vater die Figur und von seiner Mutter die dunkelblauen Augen und das Lächeln geerbt, das jetzt aufblitzte, als er Marietta das Tablett aus der Hand nahm und es zu einem niedrigen Tisch trug.

Er betrachtete sie bewundernd. Ihm war bewußt, daß sich die Warringtons – abgesehen von einem Diener – keine Angestellten leisten konnten und nur eine alte, antiquierte Kutsche und drei Pferde besaßen. Trotzdem brachten es die verschiedenen Familienmitglieder fertig, sowohl im Auftreten als auch hinsichtlich der Kleidung den äußeren Schein zu wahren. Miss Marietta sah heute nachmittag in einem Kleid aus blaßgelber Seide mit wunderschön besticktem Saum bezaubernd aus. Dem Diktat der Mode folgend, war der Rock etwas kürzer und gab den Blick auf wohlgeformte Fesseln frei (und Miss Warringtons Fesseln waren wirklich sehr wohlgeformt), während das Kleid am Hals hochgeschlossen war. Sollte diese Kreation, oder Miss Fannys hellgrünes Musselinkleid, selbst geschneidert sein – wie sein Vater glaubte –, dann konnte Blake nur annehmen, daß es in diesem Haushalt eine außerordentlich begabte Näherin gab.

Er fragte sich, woher die Damen die Zeit fürs Schneidern nahmen, da sie ständig zu arbeiten schienen. Kam man zufällig früh am Morgen zu Besuch, war Miss Marietta beim Staubwischen oder Flicken anzutreffen, oder sie ging der Putzfrau, die zweimal wöchentlich kam, zur Hand. Miss Fanny rollte wahrscheinlich in der Küche Teig aus oder putzte Gemüse; und Sir Lionel war in seiner Werkstatt im Keller mit einer seiner »Erfindungen« beschäftigt. Was die verwitwete Tante betraf, die bei den Warringtons lebte, so hatte Blake noch immer ein unbehagliches Gefühl, wenn er die mindestens fünfzigjährige Lady beim Umgraben im Gemüsegarten antraf, wo sie sich fröhlich mit den Erträgen ihrer Arbeit unterhielt. Mrs. Emma Cordova war sonderlich, daran bestand kein Zweifel.

»Sie hätten sich nicht so viel Mühe machen sollen, Miss Marietta«, sagte er jetzt mit seiner angenehmen Stimme.

»Ungebetene Gäste müssen nicht noch bewirtet werden.«

Sir Lionel Warrington freute sich immer über Besuch und lächelte strahlend. Bei seiner Hochzeit war er ein ansehnlicher Mann gewesen, doch die Jahre hatten ihren Tribut gefordert, und nachdem seine innig geliebte Frau Elsa bei Arthurs Geburt gestorben war, waren seine breiten Schultern rund, das dichte schwarze Haar dünner und die Taille rundlicher geworden. Er war jetzt achtundvierzig und sich auf unbehagliche Weise bewußt, daß er einen schwachen Charakter besaß und durch seine Spielsucht seine Familie in den Ruin getrieben hatte. In vieler Hinsicht war er zerstreut und hatte vergessen, die Studiengebühren für Arnold in Harrow und für Eric in Cambridge zu bezahlen. Aber er war sich auch bewußt, daß er trotz seiner Schwächen und Fehler geliebt wurde und selbst liebte. Deshalb hielt er sich für einen glücklichen Mann.

»Es ist uns stets eine Freude, Freunde zu Besuch zu haben, nicht wahr, meine Lieben?« sagte er herzlich.

Seine beiden Töchter nickten höflich.

Sir Gavin Coville lächelte dankbar und sagte zu den Schwestern, sie kämen wie strahlender Sonnenschein ins Zimmer. Seine abgeschmackten Galanterien amüsierten Marietta immer. Sie setzte sich an den Tisch und goß Tee ein, wobei ihr auffiel, daß Tante Dovas Haar heute noch zerzauster als gewöhnlich war, doch in ihrem violetten Samtkleid sah sie gut aus, und sie war höflich zu ihren Gästen.

Marietta betete insgeheim, daß es zu keinen Peinlichkeiten kommen würde, und sagte: »Ich hoffe, Sie fühlen sich stets bei uns willkommen, wenn Sie in dieser Gegend weilen.«

»Wie freundlich von Ihnen«, entgegnete Sir Gavin und nahm die Tasse, die Fanny ihm reichte. »Da es eine ungewöhnliche Stunde für einen Besuch ist, hoffe ich, daß wir Sie nicht zu sehr stören. Eine ... hm ... geschäftliche Angelegenheit hat uns in die Gegend geführt.« Seine Stimme verlor sich, und er unterdrückte einen Seufzer, faßte sich jedoch wieder und fügte hastig hinzu: »Und da wir in der Nähe waren, wollten wir uns erkundigen, wie es Ihnen geht.«

»Wir kommen gut zurecht, vielen Dank«, sagte Sir Lionel.

»Vielleicht nicht so gut wie in früheren Zeiten, aber ... doch ganz gut.«

Mrs. Emma Cordova, in deren Augen der Schalk blitzte, vertraute der »Lady« neben ihr an: »Eigentlich sind sie gekommen, um sich Lanterns anzusehen.« An Sir Gavin gewandt, fügte sie hinzu: »Habe ich Sie schon Mrs. Butterfield vorgestellt, Sir? Wahrscheinlich kennen Sie ihren Sohn. Captain Butterfield ist ein äußerst reizender junger Mann.« Sie beugte sich vor und flüsterte hinter vorgehaltener Hand: »Ein schreckliches Klatschmaul, aber ein galanter Soldat.«

Sir Gavin sagte mit freundlichem Ernst, er kenne die Lady, doch nicht den Sohn.

Blake fand diese leblosen »Gäste« lächerlich und hatte Mühe, Haltung zu bewahren. Er kannte George Butterfield und sagte, Mrs. Cordova habe recht mit ihrer Behauptung, er neige zur Klatschsucht.

»Also, wissen Sie«, wandte Sir Lionel ein, »ich finde, daß Leute, die gern klatschen – trotz ihrer Fehler –, zumindest Interesse an anderen zeigen.«

Sir Gavin starrte seinen Sohn an, der nach einem weiteren Stück Teegebäck greifen wollte und sofort die Hand zurückzog. Er lächelte, doch dieses Lächeln erstarrte, als Mrs. Cordova unverblümt fragte: »Und woher kommt Ihr plötzliches Interesse an Lanterns, Sir?«

»Emma!« murmelte Sir Lionel peinlich berührt.

»Schließlich gehört der Besitz meinem Stiefsohn, Ma’am«, erklärte Sir Gavin irritiert.

»Ja, jetzt ist er der Besitzer«, stimmte Mrs. Cordova zu.

»Seinem armen Papa wäre es wohl nie in den Sinn gekommen, daß sein Titel einst auf seinen Sohn übergehen würde. Natürlich nicht, weil er gestorben ist, als er erst zwölf war. Ich meine nicht, daß Mr. Paisley mit zwölf Jahren gestorben ist, dann hätte er ja keinen Sohn, nicht wahr? Ich meine, er starb, als der Junge zwölf war.«

Sir Gavin korrigierte geduldig: »Er war elf, Ma’am. Vielleicht bringen Sie durcheinander, daß er zwölf war, als ich seine arme Mama geheiratet habe.«

»Ich bin nie durcheinander«, protestierte Mrs. Cordova.

»Sonst wäre mir nicht aufgefallen, daß Sie während der vergangenen Monate ungewöhnlich oft nach Lanterns gekommen sind. Was hat das für einen Grund, Sir? Ist Lord Temple and Cloud endlich zurückgekommen und will sich um seinen Besitz kümmern?«

Ein grimmiger Ausdruck überschattete Blake Covilles Gesicht. Fanny warf ihrer Schwester einen schicksalsergebenen Blick zu, und Sir Lionel stöhnte leise.

Sir Gavin zeigte keine Verärgerung, sondern antwortete lächelnd: »Wer hat Ihnen denn das erzählt?«

Mrs. Cordova steckte eine der vielen herabhängenden Haarsträhnen unter ihre Haube, griff nach ihrer Teetasse und schwenkte sie in Richtung einer sehr üppigen Lady, die in einem Sessel am Kamin saß. »Mrs. Hughes-Dering«, stellte sie vor. »Alles, was in den Grafschaften von Brighton bis Bath wissenswert ist, kann Monica Ihnen erzählen.«

»Ja, das stimmt«, sagte Sir Lionel, der die wirkliche und äußerst furchteinflößende Witwe kannte.

Blake, der noch immer grimmig aussah, sagte: »Dann kann uns diese Lady vielleicht Auskunft über den Aufenthaltsort meiner Stiefmutter geben, was mehr als ...«

Sir Gavins Stimme klang wie ein Peitschenknall, als er seinem Sohn das Wort abschnitt. »Du vergißt dich, Blake!«

Danach herrschte verblüfftes Schweigen.

Blake wurde puterrot und murmelte eine Entschuldigung. Marietta und Fanny wechselten erstaunte Blicke. Die Vermietung des Austragshauses war im Jahr zuvor mit Sir Gavins Verwalter arrangiert worden. Erst Monate nach ihrem Einzug hatten sie die Covilles kennengelernt, doch in letzter Zeit häuften sich deren Besuche. Sir Gavin hatten sie immer nur als ausgeglichenen, freundlichen Mann erlebt. Doch jetzt war er sichtlich aufgewühlt, und ihn derart die Fassung verlieren zu sehen war schockierend.

Sir Gavin legte, tief in seine Sorgenlast verstrickt, eine Hand über seine Stirn und senkte den Kopf.

Mrs. Cordova stand auf, strich sich die Haarsträhnen aus dem Gesicht und breitete ihre Röcke aus. Mit dünner, aber nicht unmelodischer Stimme begann sie zu singen und tanzte langsam durch den Raum.

»O nein!« stöhnte Fanny, sotto voce. »Tante Dova hebt wieder ab!«

Blake Coville starrte die Tanzende mit offenem Mund verblüfft an.

»Es ist besser«, trällerte Mrs. Cordova, »geliebt und diese Liebe verloren zu haben ... als nie ... geliebt zu haben ...«

Sir Gavin hob ruckartig den Kopf und starrte sie eindringlich an.

Sie machte vor ihm einen tiefen Knicks und murmelte: »Ist es nicht so, Sir?«

Er fragte angespannt: »Dann ... wissen Sie es also, Ma’am?«

Blake fuhr dazwischen: »Wie kann sie es wissen? Niemand weiß es!«

»Ah«, sagte Mrs. Cordova und schwebte zu ihrem Sessel zurück. »Aber niemand weiß, was ich weiß. Ich weiß ... Dinge ...«, sagte sie und fragte einen ihrer leblosen Freunde: »Habe ich nicht recht, Sir Frederick?«

Blake rückte seinen Stuhl näher zu Marietta und murmelte: »Sir Frederick? Meint sie damit Freddy Foster? Er hat tatsächlich eine erstaunliche Ähnlichkeit mit diesem Trottel ... ähm, sind sie etwa befreundet?«

»Das waren sie, ehe wir aus London fortzogen. Mr. Coville, ich bitte Sie, nicht zu streng zu urteilen ... ich meine ... Tante Cordova ist die Schwester meines Vaters und eine liebenswerte Person, aber ... es ist nur ... nun, seit dem Tod ihres Mannes ...«

»War sie nicht mit einem Spanier verheiratet?«

In dieser Frage lag nur leichte Neugier, aber Marietta fühlte sich sofort in die Verteidigung gedrängt und sagte: »Es war eine sehr glückliche Ehe, aber ihr Mann kehrte nach Spanien zurück, um gegen Bonaparte zu kämpfen, und fiel in der Schlacht von Salamanca. Von diesem Schock hat sich Tante Dova nie mehr ganz erholt.«

Coville warf seinem Vater, der sich ernst mit Sir Lionel unterhielt, einen Blick zu. »Hat die arme Lady damals angefangen, diese ... ähm ... Gebilde herzustellen?«

Marietta schüttelte den Kopf. »Nein, erst nachdem wir hierhergezogen sind. Tante Dova ist eine sehr warmherzige Frau und vermißt ihre Freunde entsetzlich. Also beschloß sie, sich Ersatz zu schaffen und so zu tun, als könne sie immer noch mit ihnen plaudern, gerade wie ...«

Ein Schmerzensschrei schnitt ihr das Wort ab, und sie sah bestürzt, daß sich Sir Gavin in einer Haltung tiefster Verzweiflung nach vorn beugte.

Blake eilte zu seinem Vater und tätschelte tröstend seine Schulter. »Bitte, Vater, reg dich nicht so auf. Wir hatten doch vereinbart, nicht über diese Angelegenheit zu sprechen.«

Sir Gavin betupfte sich mit einem Taschentuch die Augen und stammelte: »Ich ... ich weiß. Aber die Lady schien ... Das heißt, sie sagte, sie wisse ... etwas, doch Sir Lionel meint ...« Er schüttelte den Kopf, da er nicht zu Ende sprechen konnte.

Sir Lionel ging zur Anrichte und goß dem verzweifelten Mann ein Glas Brandy ein.

Von diesem Gefühlsausbruch schockiert, griff Fanny nach der Hand ihrer Schwester und sagte nervös: »Vielleicht sollten wir die Gentlemen allein lassen.«

»Nein, nein. Bitte, bleiben Sie. Ich wollte Sie nicht erschrecken.« Sir Gavin nippte von seinem Brandy und stellte das Glas ab. »Ich entschuldige mich für ... für diesen würdelosen Ausbruch. Aber ...« Ihm versagte die Stimme. »Sie können genausogut die ganze Geschichte erfahren«, redete er nach einer Weile weiter. »Es geht um ... meine liebe Frau. Sie ist entführt worden!«

Nachdem alle ihr Entsetzen und ihr Mitgefühl zum Ausdruck gebracht hatten, sagte Sir Lionel: »Ich kann es nicht fassen, daß so etwas Schreckliches geschehen kann. Wie ist es denn passiert?«

Blake sagte bedrückt: »Das wissen wir nicht. Vor drei Wochen ist Lady Pamela mitten in der Nacht aus unserem Haus in London verschwunden.«

Marietta fragte fassungslos: »Aber jemand muß doch etwas gesehen oder gehört haben! Ist denn niemandem etwas aufgefallen ... eine Kutsche vor dem Haus, oder daß eine Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde ... irgend etwas?«

Sir Gavin schüttelte den Kopf. »Ach! Leider nicht.«

»Im Herzen von London?« entrüstete sich Sir Lionel. »So ein Verbrechen kann doch nicht unbemerkt begangen worden sein.«

»Stimmt«, sagte Blake schroff. »Es sei denn, der Entführer ist ein Experte auf diesem Gebiet.«

Marietta fragte: »Wurde eine Lösegeldforderung gestellt? Haben Sie jemanden in Verdacht?«

»Nein, niemand hat Lösegeld von uns gefordert. Aber wir wissen ...«

Sein Vater hob Schweigen gebietend die Hand. »Es ist eine Sache, einen Verdacht zu haben, Miss Warrington. Aber ihn beweisen zu können ...« Achselzuckend fügte er hinzu: »Wir sind uns nicht sicher.«

»Nicht sicher?« rief Blake ungehalten. »Eine andere Erklärung gibt es doch nicht. Wer sonst könnte ins Haus eindringen, wissen, wo ihre Räume liegen, und sie entführen? Wer sonst hätte ein Motiv?«

»Tja, wer?« sagte Sir Gavin seufzend. »Bisher weiß niemand außerhalb der Familie vom Verschwinden meiner Frau. Aber Ihnen, meine Freunde, vertraue ich meine Sorgen an, weil ich hoffe, daß Ihre Tante mir helfen kann.« Er holte tief Luft, als wollte er sich wappnen. »Sehen Sie, die Sache ist so: Die Mutter meiner lieben Frau hat ihrem Enkel – also meinem Stiefsohn – eine erhebliche Erbschaft hinterlassen, die jedoch in einem Trust angelegt ist. Der junge Paisley war nicht ... ähm ... erfreut, als ich seine Mutter geheiratet habe. Ich habe mir alle Mühe mit ihm gegeben, aber« – er zuckte hilflos die Schultern – »vergeblich. Der Junge konnte mich nicht ausstehen und wollte woanders leben. Er forderte sein Erbe, doch meine Frau, die ihn innig liebt, durfte ihm erst nach Vollendung des fünfundzwanzigsten Lebensjahrs das Verfügungsrecht über den Trust einräumen. Vor fünfzehn Jahren ist er außer sich vor Wut aus dem Haus gestürmt. Damals war er achtzehn.«

Mrs. Cordova sang leise: »Aber er ist wieder nach Hause gekommen ... nach Hause gekommen.«

Alle starrten sie an.

Sir Lionel schürzte die Lippen und murmelte: »Beim Jupiter! Paisley ist also nicht nur ein paar Tage, sondern fünfzehn Jahre fortgeblieben? Dann muß er ja jetzt ... mal sehen ...«

»Dreiunddreißig sein«, ergänzte Blake. »Aber er hat ein hartes Leben geführt und sieht älter aus.«

»Das ist doch völlig unwichtig«, warf sein Vater schroff ein.

»Es geht darum, daß sein Benehmen absolut inakzeptabel war. Er hat mich beleidigt, worüber man kein Wort zu verlieren bräuchte, aber meine Frau hat es fürchterlich aufgeregt. Lady Pamela ist seit ein paar Jahren krank, und ihre Nerven sind nicht ... Wie auch immer. Jedenfalls bekam sie einen hysterischen Anfall und sagte zu Paisley, sie würde ihm die Erbschaft erst überschreiben, wenn er sich bei mir entschuldige. Paisley ist ein ... hat einen ziemlich gewalttätigen Charakter. Er verlangte sein Recht und hat meine Frau so drangsaliert, daß ich ihn aus dem Haus weisen mußte.«

»Schönes Benehmen!« empörte sich Fanny, deren romantisches Herz von der dramatischen Erzählung tief bewegt war. »Wie kann ein Mann seine Mama so abscheulich behandeln?«

»Meinem Stiefbruder«, sagte Blake grimmig, »traue ich jede Schurkerei zu.«

Sir Gavin wandte müde ein: »Na, na, Blake. Was wissen wir schon?«

»Wir wissen, daß Lady Pamela in der Nacht darauf verschwunden und seitdem nicht mehr aufgetaucht ist.« Blake sprang auf und ging aufgeregt zum Kamin. »Er hat sie entführt, glaube mir! Und will sie jetzt zwingen, die Übertragungsurkunde zu unterzeichnen.«

Marietta sagte zögernd: »Aber er ist doch jetzt alt genug, um seine Erbschaft anzutreten?«

»Schon«, stimmte Sir Gavin zu. »Doch das Legat enthält eine Klausel. Paisleys Großmutter, die wußte, wie wild und undiszipliniert ihr Enkel war, hat verfügt, daß meine Frau die Erbschaft für den Bau eines Waisenhauses verwenden solle, falls Paisley Schande über die Familie bringe.«

Sir Lionel fragte mit großen Augen: »Hat Paisley denn der Familie Schande gemacht? Oh, ich bitte um Verzeihung! Ich sollte meine Nase nicht in Ihre Angelegenheiten stecken.«

»Das tun Sie nicht, Sir. Ich habe Sie doch um Ihre Hilfe gebeten«, sagte Sir Gavin. »Paisley ist eine Art Revolutionär. Weiß der Himmel, mit welchen Männern er in diesen fünfzehn Jahren Umgang hatte. Er ist in ein paar sehr zwielichtige Angelegenheiten verwickelt gewesen: in die Entführung einer jungen Lady vor ein paar Jahren; ein reicher französischer Adliger wurde zu Tode gehetzt, und es gab einen häßlichen Skandal in der Bretagne – um nur ein paar seiner Schandtaten aufzuführen.«

»Das ist ja die Höhe«, empörte sich Sir Lionel.

Fanny hauchte mit weit aufgerissenen Augen: »Er ist ja ein richtiges Monster!«

Marietta fragte: »Sie glauben also, daß Mr. Paisley – oder sollte ich Lord Temple and Cloud sagen? – Lady Pamela entführt hat, um sie zu zwingen, an seine Erbschaft zu kommen?«

Sir Gavin nickte traurig. »So sieht es aus, Miss Warrington.«

»Was für eine verruchte Tat!« rief Sir Lionel. »Niederträchtig und gemein. Sie müssen Ihre Frau finden, Sir!«

»Wir haben alles nur Erdenkliche unternommen«, sagte Blake. »Wir haben Männer losgeschickt, wir haben Lanterns vom Dach bis zum Keller durchsuchen lassen, aber ...«

»Lanterns!« rief Marietta erschrocken. »O nein! Glauben Sie etwa, er hat seine Mutter hier versteckt?«

»Wir sind ja in unseren vier Wänden nicht mehr sicher, wenn sich so ein Mann hier rumtreibt«, sagte Fanny und wurde blaß.

»Machen Sie sich bitte keine Sorgen, Ma’am«, sagte Blake beruhigend. »Er ist nicht in Lanterns. Weder er noch meine arme Stiefmutter. Nach ihrem Verschwinden haben wir die verfluchte alte Ruine praktisch auf den Kopf gestellt.« Sir Lionel fragte: »Und was sagen die Behörden dazu? Ich nehme doch an, die Bow Street und die örtlichen Constables gehen jeder Spur nach?«

Blake warf seinem Vater einen finsteren Blick zu. »So sollte es zumindest sein.«

»Nein!« protestierte Sir Gavin vehement. »Ich will nicht, daß der Name meiner Frau durch alle Zeitungen gezerrt wird! Nicht der Hauch eines Skandals darf auf den Namen unserer Familie fallen! Ich habe Privatdetektive mit der Suche beauftragt. Wir werden Lady Coville finden, das verspreche ich Ihnen!«

»Vielleicht«, murmelte Blake. »Vorausgesetzt, dein brutaler Stiefsohn hat die arme Frau nicht schon zu Tode geängstigt.«

Fanny stieß einen Entsetzensschrei aus.

Sir Gavin sagte zerknirscht: »Wir erschrecken die Ladies. Ich hätte diese entsetzliche Geschichte nicht erzählen dürfen. Aber ...« Er stand auf und wandte sich an Mrs. Cordova, die sorgfältig »Mrs. Hughs-Derings« Kleid zurechtzupfte. »Ma’am, Sie scheinen etwas über unsere Schwierigkeiten zu wissen. Sollten Sie uns irgend etwas zu sagen haben, stünden wir ewig in Ihrer Schuld.«

Sir Lionel sagte ermutigend: »Bitte, Emma. Wenn du wirklich etwas weißt, das Sir Gavin weiterhelfen könnte, mußt du es ihm sagen, meine Liebe.«

Mrs. Cordova kicherte und sagte schelmisch: »Was für ein gutaussehender Mann, nicht wahr, Monica? Soll ich ihm helfen? Willst du, daß ich ihm etwas erzähle? Von meinen Radieschen vielleicht? Ah, viele Leute wollen wissen, wie es mir gelingt, so prächtige Radieschen heranzuziehen. Mein verstorbener Mann hat von Zeit zu Zeit gern Radieschen gegessen.« Mit traurigem Gesicht wandte sie sich dann an Sir Gavin: »Ich habe gehört, daß Sie Ihre Frau verloren haben. Sie haben mein ganzes Mitgefühl. Jemanden zu verlieren, den man liebt, ist furchtbar. Einfach furchtbar.«

Er blickte in ihre freundlichen, aber leeren Augen, schaute dann zu Sir Lionel. Der machte eine Geste der Hilflosigkeit. Sir Gavin nickte resigniert und sagte: »Wir haben Ihre Gastfreundschaft über die Maßen beansprucht, Sir. Jetzt lassen wir Sie in Ruhe.«

Mrs. Cordova eilte hinaus, um den Kutscher der Covilles zu verständigen.

Sir Gavin sah beim Abschied sehr traurig aus. In der großen, kalten Diele fragte er: »Warrington, glauben Sie, Ihre Schwester weiß wirklich etwas über den Aufenthaltsort meiner Frau?«

»Kann sein«, meinte Sir Lionel zögernd. »Das kann man nicht sagen. Die meiste Zeit ist Emma ziemlich vernünftig. Sie ist eine gute Frau und sehr warmherzig. Wie schade, daß sie Ihnen nicht helfen konnte.«

Marietta begleitete Blake hinaus. An der Tür sagte er: »Jetzt kennen Sie unsere dunklen Geheimnisse, Miss Warrington. Werden Sie mich abweisen, wenn ich das nächste Mal komme?«

»Wie könnte ich, wo Sie doch mein ganzes Mitgefühl haben! Ich werde dafür beten, daß Ihre Stiefmutter heil und gesund zurückkehrt.«

Die beiden älteren Männer standen schon vor dem Haus. Blake nahm Mariettas Hand und hielt sie zurück. »Wie gut Sie zu mir sind. Darf ich Sie bitten, das Herrenhaus im Auge zu behalten und uns sofort zu verständigen, sollten Sie irgend etwas Ungewöhnliches bemerken?«

»Sehr gerne, Sir. Ich wünschte nur, wir könnten mehr für Sie tun. Leider weiß ich nichts, was Ihnen weiterhelfen könnte.«

»Aber ich!« Eine kleine, schmutzige Gestalt sprang hinter dem dicken Vorhang hervor, der die zugige Diele vor kaltem Wind schützte. »Ich weiß alles darüber!« verkündete Arthur und sprang aufgeregt auf und ab. »Ich wollte es Bridger erzählen, aber der hat mir nicht zugehört und mir gesagt, ich darf euch nicht stören. Bruder Tuck und ich ... wir sahen, wie die Schurken die Lady aus dem Spukschloß des Sheriffs von Notting ...«

»Arthur, du Schlingel!« sagte Marietta und merkte erst jetzt, daß sie ihren kleinen Bruder ganz vergessen hatte. »Ich dachte, du wärst in deinem Zimmer! Bist du erst jetzt nach Hause gekommen?«

»Schon vor einer Ewigkeit! Ich habe mich hinter dem Vorhang versteckt und alles gehört, was ihr geredet habt, und...«

»Wie konntest du nur heimlich lauschen!« schalt Marietta. »Marsch ins Bett, junger Mann! Sofort!«

Mrs. Cordova eilte herbei und nahm den Jungen bei der Hand. »Gib nicht ihm die Schuld, Marietta. Wir hätten uns um ihn kümmern müssen. Komm mit, du Spitzbube! Wie dreckig du bist. Bestimmt hattest du eine Menge Spaß. Nein, Schluß jetzt mit wilden Geschichten. Ab zum Waschen und dann ins Bett, mein Kerlchen.«

»Aber ich habe es gesehen«, jammerte er. »Und ich bin hungrig! Ich hab’ seit Wochen nichts mehr gegessen!«

Blake beobachtete amüsiert, wie sich der Kleine widerstrebend wegführen ließ, und sagte: »Er hat eine lebhafte Phantasie, wie?«

»Zu lebhaft.« Marietta streckte die Hand aus. »Guten Abend, Mr. Coville. Es tut mir wirklich leid, daß Sie so große Sorgen haben.«

Er hielt diese kleine und nicht sehr gut manikürte Hand in seiner und sagte: »Ich danke Ihnen. Und ... erlauben Sie mir, daß ich Sie wieder besuche? Vielleicht wollen Sie erfahren, ob ... ich meine, falls wir meine Stiefmutter finden?«

»O ja, sehr gern!«

Noch immer ihre Hand haltend, fügte er hinzu: »Und sollte sich Ihre Tante an etwas erinnern – an irgend etwas –, darf ich Sie bitten, mir eine Nachricht zu schicken? Wir sind zu Gast bei den Dales im Downsdale Park.«

Downsdale Park war wahrscheinlich der herrschaftlichste Landsitz der Gegend, und Lord und Lady Dale, beide äußerst hochmütig, verkehrten mit niemandem unter dem Rang eines Baronets. Wie schäbig muß ihm unser Haus vorkommen, dachte Marietta, aber sie sagte: »Natürlich. Wir benachrichtigen Sie sofort.«

Sie wollte ihm ihre Hand entziehen, aber er hielt sie noch einen Augenblick fest und schaute ihr auf eine Weise in die Augen, daß ihr der Atem stockte.

»Wie liebenswürdig Sie sind«, sagte er leise, neigte seinen lockigen Kopf und küßte ihre Finger. »Unser Verwalter hat uns einen unschätzbaren Dienst erwiesen, indem er Sir Lionels Interesse für diesen Landsitz weckte. Adieu, liebreizende Miss Warrington. Ich zähle die Stunden bis zu unserem nächsten Wiedersehen.«

Marietta war auf peinliche Weise bewußt, daß sie errötete. Schnell verabschiedete sie sich und schloß die Tür.

Ihr Vater mußte ein paarmal laut klopfen, ehe sie wieder so weit bei Sinnen war, daß sie ihn einließ.

Kapitel 2

Eine Brise brachte die Wäsche auf der Leine zum Flattern, und Marietta hatte Schwierigkeiten, den Stützpfahl aufzurichten.

Die Plackerei mit der Wäsche hatte sie den ganzen Vormittag gekostet, und der Gedanke, die Laken und Tücher könnten in den Schmutz fallen und müßten noch einmal gewaschen werden, war ihr unerträglich. Sie war mit dem Aufhängen spät dran, denn Mrs. Gillespie, die heute hätte kommen sollen, war nicht erschienen. Wahrscheinlich litt sie wieder einmal unter ihren »rheumatischen Spasmen«. Spasmen, dachte Marietta verärgert, die vom Gin ausgelöst wurden. Mrs. Gillespie war wirklich nicht gerade die zuverlässigste Hilfe, aber sie kam dienstags und donnerstags für einen mageren Lohn, und wenn sie nicht unter ihren »Spasmen« litt, arbeitete sie fleißig und zerbrach selten etwas.

Die Wäsche roch sauber, und wenn die Brise anhielt, sollte sie bis Sonnenuntergang trocken sein. Marietta dehnte ihre müden Glieder und straffte ihren schmerzenden Rücken. In der Nacht war sie aufgewacht und hatte mindestens eine Stunde lang nicht mehr einschlafen können, weil ihr die arme Lady Pamela Coville und deren verruchter Sohn nicht aus dem Sinn ging, doch ihre Gedanken waren oft zu Mr. Blake Coville abgeschweift.

Wie es schien, fühlte sie sich bei jeder Begegnung mehr zu diesem Gentleman hingezogen, obwohl ihr der gesunde Menschenverstand sagte, sie sollte ihn aus ihren Gedanken verbannen. Er war ein Beau, der begehrteste Junggeselle Londons. Reich, gutaussehend, wohlerzogen, der Erbe eines Baronets, freundlich und kultiviert. Mit anderen Worten, immer im Blickfeld der Argusaugen zahlloser Mütter heiratsfähiger Töchter. Wenn sie in seiner Nähe war, hatte sie das Gefühl, daß seine Gedanken nur ihr galten; tatsächlich bewunderte er sie so offensichtlich, daß Papa Hoffnung schöpfte, seine jungfräuliche Tochter könnte schließlich doch noch eine so gute Partie machen, daß die finanziellen Probleme der Familie endgültig gelöst wären. Armer, dummer Papa. Blake Coville war ein Gentleman im wahrsten Sinn des Wortes, und wahrscheinlich begegnete er jeder Lady mit aufmerksamer Höflichkeit. Da Miss Marietta Warrington zwar recht hübsch war, jedoch kein Vermögen besaß, standen ihre Chancen eher schlecht. Von wegen Vermögen! Sie mußte eine große Familie ernähren und besaß als Köder für einen Ehemann nicht einmal eine kleine Aussteuer.

Es widerstrebte ihr, sofort ins Haus zurückzugehen, ein paar Minuten Ruhe würden ihr guttun. Sie schlenderte umher und genoß die schöne Umgebung. Die Vorderseite des Austragshauses lag nach Südwesten, von dort aus hatte man einen herrlichen Ausblick auf den Ärmelkanal. Auf der Rückseite erstreckte sich der Garten mit angrenzenden Wiesen, durch die sich ein plätschernder Bach schlängelte. Dahinter erhoben sich die sanften, smaragdgrünen Höhen der Downs. In ihrem Gemüsegarten, den Tante Dova das »Futter-Feld« nannte, hatte sie wahre Wunder bewirkt. In ordentlichen, von Unkraut befreiten Reihen gedieh das Gemüse prächtig. Die leuchtenden Farben der Rosen bildeten einen herrlichen Kontrast zu den schlichten Gänseblümchen und Ringelblumen, die ihre Blüten der Sonne entgegenreckten. Stiefmütterchen säumten die Beete. Der Nachmittag war warm. Vögel plätscherten und hüpften im Vogelbad umher, während Bruder Tuck unter einer Bank lauerte und so tat, als wäre er unsichtbar, bis er wieder einen seiner vergeblichen Angriffe startete.

Ein Schwarm Stare flog vorbei und schwang sich in luftige Höhen. Was für ein herrlicher Tag. Wären wir noch in London, dachte Marietta wehmütig, dann würde ich wahrscheinlich zum Richmond Park fahren und mich mit Tim Van Lindsay oder Freddy Foster oder ... Aber das war Vergangenheit und vorbei. Auch die Gegenwart hatte viel zu bieten, wofür sie dankbar sein sollte. Sie lebten alle zusammen in einem hübschen Haus in einem sehr schönen Teil von Gottes sehr schöner Welt. Das meiste Geld aus dem Verkauf des Familienschmucks, des Hauses in London, der Kutschen und Pferde war an Papas Schuldner gegangen, doch sie hatte eine kleine Summe retten können, die ihr von der Bank bescheidene Zinsen einbrachte. Die Miete für das Haus war außerordentlich günstig. Ihr geliebter Bruder Eric hatte seine großen Ferien geopfert und war in Cambridge geblieben, um mit dem Unterricht für drei Studenten einen Teil seiner Studiengebühren zu finanzieren. Der erstaunlich hohe Betrag, den »Madame Olympia« mit ihrer Kristallkugel verdiente, die sie das »Mystische Zeitfenster« nannte, deckte Arnolds Studiengebühren in Harrow. Durch die Einhaltung eines sehr rigiden Haushaltsplans war der Wolf von der Schwelle vertrieben worden, doch für wie lange, wagte sich Marietta nicht vorzustellen.

Resolut straffte sie die Schultern und verdrängte die trüben Gedanken. Selbstmitleid würde ihnen das sorglose Leben in London nicht zurückbringen. Und gab es nicht viele arme Menschen, die zusammengepfercht in schmutzigen Slums lebten und die Lanterns und das Austragshaus für ein irdisches Paradies halten würden?

Die Sonne hatte den Zenit bereits weit überschritten, und sie hatte Arthur versprochen, nach seinem Mittagsschlaf mit ihm zu spielen. Leise huschte sie an der Seitentür vorbei und eilte zur Vorderfront des Hauses. Tante Dova würde sie bestimmt bitten, letzte Hand an »Lady Leith« zu legen, doch dafür hatte sie jetzt keine Zeit, denn sie mußte sich als Hexe verkleiden.

An der Hausecke blieb sie abrupt stehen und starrte sprachlos den jungen, strahläugigen Kavalier an, der neben zwei gesattelten Pferden am Fuß der Terrasse stand.

Blake Coville, in einer eleganten, maßgeschneiderten Reitjacke und Lederhosen, riß sich den Hut vom Kopf und eilte ihr hoffnungsvoll lächelnd entgegen. »Ich weiß, daß Sie Wichtigeres zu tun haben, als mit mir auszureiten, Miss Warrington. Aber es ist ein so herrlicher Nachmittag und ... bitte, würden Sie sich eines einsamen Mannes erbarmen und sich zu einem Ausritt überreden lassen?«

Mariettas verräterisches Herz fing an, wie wild zu schlagen. Voller Entsetzen war sie sich ihres schlichten rosa Arbeitskleides und der zerknitterten Schürze, ihres erhitzten und unordentlichen Aussehens bewußt. Stammelnd erwiderte sie: »Oh! Wie freundlich von Ihnen ... aber leider ...«

»Sind Sie zu beschäftigt. Wie gut ich das weiß! Jedesmal, wenn ich zu Besuch komme, arbeiten Sie. Es wird Ihnen guttun, für eine halbe Stunde Ihren Pflichten zu entfliehen. Und wenn auch meine Enttäuschung Sie nicht umstimmen kann, so denken Sie wenigstens an die arme Stute. Sie sehnt sich nach einem Ausritt.«

Mariettas Augen blitzten beim Anblick der »armen Stute« auf. Was für ein herrliches Tier. Sein kastanienbraunes Fell glänzte glatt und seidig in der Sonne. Und, oh, wie gern würde sie ausreiten. Sie unterdrückte einen Seufzer und sagte entschieden: »In diesem Haus müssen alle arbeiten, Mr. Coville. Unsere Lebensumstände gestatten uns leider kein ›Entfliehen‹.«

»Ja ... natürlich«, sagte er und sah ganz geknickt aus. »Wie gedankenlos von mir. Aber ... ich hatte gehofft, Sie könnten mir nur ein bißchen Ihrer kostbaren Zeit schenken. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Ma’am.«

Mit einem zerknirschten Lächeln wandte er sich ab. Er war jung und sehr gutaussehend, und er war so freundlich gewesen, diese wunderschöne kleine Stute mitzubringen. Und bestimmt machte sich der arme Mann große Sorgen um seine Stiefmutter. Bestimmt wäre es herzlos, seine Bitte abzuschlagen, denn sie könnte ihn doch vielleicht für eine Weile von seinen Sorgen ablenken. Auf diese Weise ihr Gewissen geschickt überlistend, rief sie: »Warten Sie!«

Glücklicherweise war ihr Reitkleid noch modisch und paßte wie angegossen, obwohl ihr nicht entgangen war, daß es über der Brust ein bißchen spannte. »Du wirst drall, meine Liebe«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild, als sie mit einer Hasenpfote ihre Nase puderte. »Ein bukolisches, rotwangiges und vollbusiges Mädchen vom Land!« Ohne von dieser Feststellung sonderlich beeindruckt zu sein, schnappte sie sich Hut und Reitgerte und eilte die Treppe hinunter.

Coville stand bei den Pferden und plauderte mit Fanny, die ein schlichtes, unmodisches, pfirsichfarbenes Kleid trug und sich einen rosa Schal um die dichten schwarzen Locken geschlungen hatte. Marietta lächelte. Fanny hatte zweifellos keinen Gedanken an ihr Aussehen verschwendet, und wenn doch, so hielt sie sich sicher für einen Ausbund an Uneleganz. Sie hatte keine Ahnung, daß sie auch in einem alten Kleid vor jugendlicher Schönheit und Frische strahlte.

Coville wandte sich sofort Marietta zu, und Fanny warf ihrer Schwester einen schelmischen, wissenden Blick zu, während sie leichthin zu Mr. Coville sagte, wie überaus freundlich es von ihm sei, so eine zierliche hübsche Stute mitzubringen. »Sie wissen ja gar nicht, Sir«, redete sie weiter, »wie sehr meine Schwester lebhafte Pferde liebt. In London verging kaum ein Morgen, an dem sie nicht im Park mit dem einen oder anderen Beau ausritt, ehe im Haushalt jemand wach war.«

Coville grinste und verschränkte die Hände, um Marietta in den Sattel zu helfen. »Das werde ich mir merken«, sagte er und stieg auf seinen mächtigen Braunen.

Marietta beugte sich zu ihrer Schwester hinunter und flüsterte: »Du frecher kleiner Schelm!«

»Ich hab’s dir doch gesagt«, scherzte Fanny mit funkelnden Augen.

Marietta wendete die Stute mit sanfter Hand. Das Pferd tänzelte aufgeregt und warf den Kopf hoch. Coville beobachtete die beiden ängstlich, doch ehe er etwas sagen konnte, ertönte ein schriller Schrei.

»Etta!«

Marietta blickte zu dem Fenster im ersten Stock hinauf, aus dem sich Arthur, seinen kegelförmigen Zauberhut auf den dunklen Locken, lehnte. »Ach, du meine Güte!« rief Marietta zerknirscht aus.

»Du hast es versprochen!« jammerte der Junge.

»Ja, mein Schatz. Es tut mir so leid. Aber ich mache nur einen kurzen Ausritt und bin gleich wieder zurück.«

»Du hast gesagt, nach meinem Mittagsschlaf würde ich Merlin und du die böse Hexe sein, und wir würden auf dem Besenstiel in den finsteren Wald reiten und Kobolde jagen. Du hast es versprochen, Etta!«

»Kümmere dich nicht um ihn«, sagte Fanny schnell zu ihrer Schwester und rief dann ihrem Bruder zu: »Ich spiele die Hexe für dich, Arthur.«

Irgendwo im Haus ertönte ein schriller Schrei. »Fanny! Die Muffins!«

Fanny schnappte nach Luft und rannte los.

»Bereite schon alles vor, Arthur«, rief Marietta. »Ich bin ganz schnell wieder zu Hause.«

Der Junge machte ein aufsässiges Gesicht und verschwand aus dem Fensterrahmen.

»Ach, du meine Güte«, seufzte Marietta. »Ich habe es dem kleinen Kerl versprochen. Vielleicht ...«

Coville sagte fest: »Nein, Ma’am. Sie sind sonst immer den ganzen lieben, langen Tag für Arthur da. Wir bleiben nicht lange fort, und es wird ihm nicht weh tun, ein bißchen zu warten. Sie brauchen eine kleine Abwechslung von der Arbeit, Miss Marietta. Und ich brauche Ihre liebenswerte Gesellschaft.«

Er schenkte ihr ein blendendes Lächeln und ritt voran, die Zufahrt hinunter. Marietta zögerte und warf einen Blick über die Schulter. Ihre Tante kam an die Tür und winkte ihr zu. Tante Dova konnte so gut mit dem Jungen umgehen und würde ihm über die Enttäuschung hinweghelfen. Marietta trieb die Stute in einen Kanter und folgte Coville. Wie sie so Seite an Seite durch den goldenen Nachmittag ritten, legte sich ihr schlechtes Gewissen.

Er schlug die Richtung zur Weald ein. Die Pferde trabten gemächlich dahin. Sie ritten an dem malerischen Cloud Village, an strohgedeckten Cottages und vereinzelt liegenden Farmen vorbei, wo ihnen die Landarbeiter zuwinkten. Während des Ritts plauderten sie über den tragischen Tod von Prinzessin Charlotte; über die Bemühungen der Herzöge königlichen Geblüts, standesgemäß zu heiraten und einen Thronerben zu zeugen, und über London und gemeinsame Bekannte. Als sie einen von mächtigen Buchen überschatteten Weg entlangritten, kam ein großer schwarzer Hengst über die Wiese galoppiert und trabte jenseits des Zauns neben ihnen her.

»Er will uns Gesellschaft leisten«, sagte Coville.

»Ja«, stimmte Marietta zu. »Aber nicht in diesem Tempo.«

Er grinste. »Ich dachte, der Trab sei die bevorzugte Gangart der Ladies in London.«

»Wohl eher eine uns geziemende Gangart. Aber wir sind ja nicht in London, nicht wahr?«

Coville erhaschte noch einen Blick auf ihr lachendes Gesicht, dann war sie schon in vollem Galopp davongestoben. »He!« schrie er fröhlich und folgte ihr.

Pferdehals an Pferdehals ritten sie am Flußufer entlang, donnerten über eine Holzbrücke, überquerten eine Anhöhe und galoppierten hügelabwärts in ein üppig blühendes Tal. Die Schleifen an Mariettas Hut flatterten im Wind, und die Röcke ihres Reitkleides bauschten sich. Auf einem Feld kauten braune und weiße Kühe gemächlich und blickten ihnen mit ihren samtenen Augen nach. Marietta duckte sich tiefer über den Pferdehals, sie genoß die aufregende Jagd und die temperamentvolle Geschmeidigkeit der kleinen Stute. Schließlich erreichten sie ein in Sonnenlicht getauchtes Feld, auf dem zwei Heuhaufen in goldener Würde zum Verweilen einluden.

Coville zügelte sein Pferd.

»Oh!« keuchte Marietta begeistert. »Das war großartig!

Ich danke Ihnen.«

Er sah sie lächelnd an, bewunderte ihre geröteten Wangen und das Funkeln in den klaren grünen Augen. »Ich habe Ihnen zu danken, Ma’am. Wollen wir den Pferden ein bißchen Ruhe gönnen?« Er ritt durch das offene Gatter zu den Heuhaufen, stieg ab und hob Marietta aus dem Sattel. Sie setzte sich auf einen Heuballen, während er die Sattelgurte lockerte und die Zügel an einen Zaunpfahl band.

Dann warf er sich neben sie ins Heu und sagte: »Sie sind eine großartige Reiterin, Ma’am. Aber im Hyde Park wäre dieser Reitstil wohl nicht angebracht.«

»Er würde Schande über mich bringen, nicht wahr? Ach, wie schön es hier ist. Sehen Sie sich diese herrlichen Bäume dort drüben an. Wo sind wir, Sir? Hoffentlich vertreibt uns nicht ein Verwalter mit der Mistgabel.«

Blake lachte. »Keine Angst, ich verteidige Sie. Wir sind im Ashdown Forest. Und ich glaube, diese Farm gehört einem Freund Ihres Vaters – Mr. Innes Williard. Deshalb droht uns wohl keine Strafe wegen unbefugten Betretens dieser Wiese.«

Mariettas Lächeln schwand.

Er merkte ihren Stimmungswechsel und fragte: »Oder irre ich mich? Sind die beiden nicht befreundet? O Gott! Dem Wort eines Klatschmauls darf man eben nicht vertrauen!«

»Ich habe nicht gesagt, daß die beiden keine Freunde sind. Ich wüßte allerdings nicht, von welchem Interesse das für ein Klatschmaul sein könnte.«

»Wenn ein Gentleman eine gutaussehende und reiche Witwe zur Schwester hat, finden die Leute immer einen Grund zum Klatschen, Ma’am.«

»Danke, Sir«, sagte Marietta geziert. »Es stimmt, meine Tante sieht noch immer gut aus, aber ich wußte nicht, daß ihr Name in aller Munde ist.«

Coville lachte laut auf, sah Mariettas gerunzelte Stirn und zügelte seinen Übermut. »Bitte, verzeihen Sie mir. Ich bin mir sicher, daß Ihre Tante ... ähm, ihre Verehrer hat, aber ich habe von Mrs. Isolde Maitland gesprochen, die – wie ich gehört habe – ihre Bewunderung für einen gewissen ... Nachbarn öffentlich bekundet hat.«

Marietta kniff die Lippen zusammen. Wie für jeden Mann mit einem Adelstitel, dachte sie und sagte kühl: »Für meinen Vater, so ist es.«

Blake stützte sich auf einen Ellbogen, blickte zu ihr hoch und sagte, noch immer mit einem fröhlichen Funkeln in den Augen: »Aha! Und Sie mögen die Lady nicht.«

»Das habe ich nicht gesagt!«

»Aber gedacht. Plötzlich sind Sie ganz steif und förmlich geworden. Wollen Sie nicht, daß Sir Lionel wieder heiratet?«

»Nein! Ich meine ... ach, darum geht es doch gar nicht.«

»Dann ist die schöne Witwe wohl auf der Jagd nach einer guten Partie? Oder vielleicht eine Xanthippe?«

»Hätte es die Lady auf eine gute Partie abgesehen, käme mein Vater nicht in Frage.« Marietta griff gereizt nach ihrer Reitgerte. »Können wir jetzt zurückreiten? Ich muß ...«

»Hoppla«, sagte er scherzhaft. »Ich bin zu Tode betrübt. Ich habe Ihnen mit meinem dummen Gerede die gute Laune verdorben. Ich werde Ihre Gunst zurückgewinnen, indem ich Ihnen meine Dienste anbiete.«

Sie starrte ihn verständnislos an.

»Es ist mir Ernst, Miss Marietta. Sie werden Hilfe brauchen. Eine schöne, zu allem entschlossene und kluge Lady kann sehr gefährlich sein, wissen Sie.«

»Nein, das weiß ich nicht«, entgegnete sie scharf. »Das liegt wohl eher in Ihrem Erfahrungsbereich, Sir.«

Er nickte unbekümmert. »O ja, das stimmt. Ich habe darin genügend Erfahrung, um Ihnen ein guter Verbündeter zu sein.« Er beugte sich näher zu ihr hin und flüsterte verschwörerisch: »Ich werde Ihnen ein paar Hinweise geben, wie Sie die heimtückischen Machenschaften der Witwe durchkreuzen können. Es sei denn«, fügte er schmunzelnd hinzu, »Ihr Vater ist von rasender Leidenschaft für die Lady ergriffen.«

Als sich Marietta ihren schüchternen und sanften Vater in rasender Leidenschaft vorstellte, mußte sie lachen.

Coville stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Ich glaube, Sie haben mir verziehen!«

»Und ich glaube, daß Sie sehr frech sind«, konterte sie mit gespielter Strenge. »Und Sie haben mich dazu gebracht, über etwas zu sprechen, worüber ich hätte schweigen sollen.«

»Sie sind viel zu gütig und liebenswert, um etwas Ungehöriges zu tun. Und ich sehne mich danach, das Gespräch auf ein Thema zu bringen, das mich wirklich interessiert. Erzählen Sie mir etwas von der schönsten und faszinierendsten Lady, der ich je begegnet bin. Erzählen Sie mir von Ihren Neigungen, Abneigungen, Freunden und Feinden. Wo Sie aufgewachsen sind, ob Ihnen das Landleben gefällt, oder ob Sie London vermissen, und ob es noch andere Warringtons in dieser Gegend gibt. Was Sie von Lanterns halten, wer ...«

»Gnade!« rief Marietta amüsiert und gerührt zugleich.

»Wie kann ich so viele Fragen auf einmal beantworten?«

»Dann beantworten Sie mir heute eine, und ich stelle Ihnen morgen, wenn ich Sie zum Ausreiten abhole, die nächste und übermorgen wieder eine und so weiter.«

Er lag, den Kopf auf den Ellbogen gestützt, auf der Seite, die langen Beine ausgestreckt – eine Pose anmutiger Eleganz. Trotz des schelmischen Lächelns in den blauen Augen kam er Marietta sehr ernsthaft vor, aber war sie wirklich die schönste und faszinierendste Frau, der er je begegnet war? Sie bezweifelte es zwar, hörte es aber gern, denn es war schon lange her, daß ihr ein Gentleman solche Komplimente gemacht hatte. Anscheinend hatte sie ihre Schönheit und Faszination eingebüßt, nachdem ihr Vater sein Vermögen verloren hatte. Mr. Coville war ein geschickter Schmeichler, aber er gab ihr das Gefühl, wieder hübsch und begehrenswert zu sein, und sie war zu sehr Frau, um diese Aufmerksamkeiten nicht zu genießen. Sie sagte leichthin: »Wie darf ich das verstehen, Sir? Sagten Sie nicht, Ihr Aufenthalt hier sei nur von kurzer Dauer?« Er seufzte. »Ja, leider. Aber ich werde den Weg nach Lanterns so oft wie möglich reiten, ungeachtet der ... Probleme, die wir gegenwärtig haben. Vielleicht sollten wir meine Liste ein bißchen verkürzen. Beantworten Sie mir die erste und die letzte Frage. Was für Neigungen haben Sie, und was halten Sie von Lanterns?«

»Hmm«, sagte sie und runzelte nachdenklich die Stirn.

»Für mich kommt natürlich zuerst meine Familie. Meine beiden Brüder, Eric und Arnold, kennen Sie nicht, denn Eric ist in Cambridge und Arnold ist gerade abgereist, um den Rest des Sommers bei Freunden zu verbringen. Was die zweite Frage betrifft: Ich kenne Lanterns nicht, ich habe es bisher nur aus der Ferne gesehen. Die Ruine sieht so mächtig und düster aus und macht den Eindruck, als könnte sie jeden Augenblick die Klippen hinunterstürzen.«

»Ein Teil des Burggrabens ist schon abgestürzt. Und Sie haben sich der Ruine nie auch nur genähert?«

»Du lieber Himmel, nein! Die Geschichten über Gespenster könnten doch wahr sein, und ich möchte lieber keinem begegnen.«

»Wirklich? Ich würde gerne einmal ein Gespenst sehen! Sagen Sie mir die Wahrheit: Sind Sie nicht doch ein bißchen neugierig? Ich dachte, jeder Bewohner der Grafschaft hätte da schon rumgeschnüffelt. Haben Sie dort noch keine Schatzgräber gesehen?«

»Nein! Gibt es dort denn einen vergrabenen Schatz? Wie aufregend! Erzählen Sie mir doch die Geschichte.«

»So aufregend ist sie nicht. Denn wäre auch nur ein Hauch von Wahrheit an dieser Legende, hätte man den Schatz längst gefunden. Einer der Ahnen meiner Stiefmutter hat ihn angeblich von den Kreuzzügen mit nach Hause gebracht.«

»Und was ist das für ein Schatz? Eine Truhe randvoll mit Edelsteinen?«

»Nein. Es ist angeblich ein Gemälde, das ...«

»Ach ja!« rief Marietta aus und klatschte triumphierend in die Hände. »Entschuldigen Sie bitte, aber jetzt kann ich mich erinnern. Es trägt den Titel Saladins Seufzer, nicht wahr?«

»Sehr gut. Wie es heißt, handelt es sich dabei um kein großes Kunstwerk. Aber es soll ganz in Gold und Edelsteinen gearbeitet und ein Vermögen wert sein.«

»Kein Wunder, daß jeder versucht hat, es zu finden. Warum nennt man es Saladins Seufzer?«

»Weiß Gott. Sollte dieser Schurke, mein Stiefbruder, je hier auftauchen, können Sie ihn ja fragen. Er weiß wahrscheinlich alles darüber, weil es einer seiner Vorfahren war, der dieses Ding als Belohnung bekommen hat.«

Marietta sagte: »Wir sollten uns auf den Heimweg machen, Mr. Coville. Ich fürchte, mein kleiner Bruder denkt sonst, ich hätte ihn vergessen.«

Blake seufzte. »Ich frage mich, warum schöne, junge Ladies immer abscheuliche kleine Brüder am Hals haben ...«

»Das klingt, als hätten Sie unter dieser Erfahrung schon oft gelitten, Sir«, sagte sie fröhlich. »Aber ich versichere Ihnen, daß ich meinen kleinen Bruder nie im Stich lassen würde, obwohl ...« Sie verstummte, neigte den Kopf zur Seite und lauschte dem fernen Schlagen einer Kirchturmuhr. »Drei?« rief sie erschrocken mit weit aufgerissenen Augen. »Das kann doch nicht sein, oder?«

Blake zog seine Taschenuhr heraus und nickte. »Es stimmt. Die Zeit vergeht mit Ihnen wie im Flug. Aber die Sonne geht erst in ein paar Stunden unter. Wir können also noch bis zum Wald reiten und ...

»Nein! Ich muß sofort nach Hause. Ich hatte keine Ahnung, daß wir schon so lange unterwegs sind. Und, sehen Sie nur, der Himmel wird ganz dunstig. Wenn der Nebel vom Meer hereinweht ... ach, du meine Güte! Das wird mir Arthur nie verzeihen!«

Coville half ihr in den Sattel und sagte freundlich: »Machen Sie nicht so viel Wirbel um ihn, Miss Marietta. Natürlich lieben Sie Ihren Bruder, aber er ist schließlich ein kleiner Junge. Und wie alle kleinen Jungen hat er wahrscheinlich bereits neue Pläne geschmiedet und ist glücklich und zufrieden.«

Mr. Coville hatte nur bis zu einem gewissen Grade recht. Arthur hatte das Merlin-Spiel inzwischen aufgegeben, aber er war keineswegs glücklich und zufrieden.

»Etta ist halt ein Mädchen«, klagte er Bruder Tuck sein Leid. »Eric hat gesagt, sie sind alle gleich. Weißt du noch? Das war, als ihm seine Ewiggeliebte seine Haarlocke zurückgegeben hat, aber nicht in dem Medaillon, das er ihr geschenkt hat, sondern mit einem Bindfaden zusammengebunden.« Er nahm seinen Zaubererhut ab und betrachtete ihn traurig. »Etta hat versprochen, schnell wieder zurück zu sein. Jetzt ist sie schon seit Stunden fort.« Er zog das lange, mit Mond und Sternen bestickte Gewand aus und sagte: »Wir haben doch lange genug auf sie gewartet, Bruder, meinst du nicht auch?«

Bruder Tuck schaute kurz, ein Hinterbein in die Luft gereckt, in das bekümmerte Gesicht des Jungen, gab jedoch keinen Kommentar ab, sondern putzte weiter sein Hinterteil.

»Fanny hat gesagt, sie würde mit mir spielen«, redete Arthur weiter, »aber sie ist lieber zu Papa in den Keller gegangen. Und Tante Dova hat mich auch vergessen und sitzt in ihrem Wohnwagen.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus. »So sind sie eben. Sie sind alt, und ich bin nur ein kleiner Junge und zähle überhaupt nicht. Sie hören mir nicht mal zu, wenn ich ihnen was wirklich Wichtiges erzähle. Wenn ich wichtig für sie wäre, würden sie mir zuhören. Und sie hätten Zeit, mit mir zu spielen. Aber ich bin ihnen gleichgültig. Dann laufe ich eben weg und suche mir einen Freund zum Spielen.«