Scotland Kisses - Ein unerhörter Skandal - Patricia Veryan - E-Book

Scotland Kisses - Ein unerhörter Skandal E-Book

Patricia Veryan

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Beschreibung

Was sich neckt, das küsst sich: Der romantische Historienroman »Scotland Kisses – Ein unerhörter Skandal« von Patricia Veryan als eBook bei dotbooks. Die Küste von Dover, 1748. Alles, was die Männer ihrer Familie ihr hinterlassen haben, sind Schulden … und zwei kleine Neffen, für die Ruth nun sorgen muss. Doch Not macht erfinderisch: Als die junge Lady von der Restauration eines Wandgemäldes auf dem Anwesen der Chandlers hört, gelingt es ihr, sich mit ihrem künstlerischen Talent dort unentbehrlich zu machen. Der stürmische Sir Gordon Chandler findet das jedoch für eine junge, unverheiratete Dame höchst unsittsam. Als er auch noch herausfindet, dass Ruth zwei Jungen auf den Landsitz geschmuggelt und über ihre Vergangenheit geschwindelt hat, ist er fest entschlossen, die widerspenstigen Lady in ihre Schranken zu weisen …Aber wie kommt es nur, dass er sie plötzlich küssen will? Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der historische Liebesroman »Scotland Kisses – Ein unerhörter Skandal« von Romantik-Königin Patricia Veryan. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 586

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über dieses Buch:

Die Küste von Dover, 1748. Alles, was die Männer ihrer Familie ihr hinterlassen haben, sind Schulden … und zwei kleine Neffen, für die Ruth nun sorgen muss. Doch Not macht erfinderisch: Als die junge Lady von der Restauration eines Wandgemäldes auf dem Anwesen der Chandlers hört, gelingt es ihr, sich mit ihrem künstlerischen Talent dort unentbehrlich zu machen. Der stürmische Sir Gordon Chandler findet das jedoch für eine junge, unverheiratete Dame höchst unsittsam. Als er auch noch herausfindet, dass Ruth zwei Jungen auf den Landsitz geschmuggelt und über ihre Vergangenheit geschwindelt hat, ist er fest entschlossen, die widerspenstigen Lady in ihre Schranken zu weisen …Aber wie kommt es nur, dass er sie plötzlich küssen will?

Über die Autorin:

Patricia Veryan (1923–2009) ist das Pseudonym der englischen Schriftstellerin Patricia Valeria Bannister. Sie wurde in London geboren, siedelte aber nach dem Zweiten Weltkrieg nach Amerika um. Dort lebte sie viele Jahre in Kalifornien und Washington, wo sie auch mit dem Schreiben ihrer historischen Liebesromane begann. Diese gehören heute zu Klassikern in diesem Genre und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Patricia Veryan wurde für ihr gesammeltes Werk zudem mehrfach mit dem Romantic-Times-Award und dem »Silver Loving Cup« von Liebesroman-Legende Barbara Cartland ausgezeichnet.

Bei dotbooks veröffentliche Patricia Veryan ihre »Scotland Kisses«-Reihe:

»Eine bezaubernde Lady«

»Eine charmante Diebin«

»Ein unerhörter Skandal«

»Das Geheimnis des Gentleman«

»Das Lächeln einer Lady«

»Eine charmante Intrige«

Sowie ihre »Scotland Lovesong«-Reihe:

»Ein Ball um Mitternacht«

»Eine Reise in die Highlands«

»Ein Dandy zum Verlieben«

»Ein englischer Sommerball«

»Einen Liebe in North Downs«

»Ein unverschämter Gentleman«

»Eine stürmische Reise«

Und ihre »Regency Dreams«-Reihe:

»Ein Lord in Somerset«

»Eine Lady in Sussex«

***

eBook-Neuausgabe August 2022

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1993 unter dem Originaltitel »Ask Me No Questions« bei St. Martin’s Press, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1996 unter dem Titel »Und stell mir keine Fragen« bei Droemer Knaur.

Copyright © der englischen Originalausgabe 1993 by Patricia Veryan

Published by arrangement with St. Martin’s Publishing Group. All rights reserved.

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1996 by Droemer Knaur Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin’s Publishing Group durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover, vermittelt.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)

ISBN 978-3-98690-323-7

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Patricia Veryan

Scotland Kisses – Ein unerhörter Skandal

Roman

Aus dem Englischen von Beate Beheim-Schwarzbach

dotbooks.

Vorwort

Die Liga der Juwelenmänner – die Widersacher

Die Liga der Juwelenmänner, eine Geheimgesellschaft von Aristokraten, ist 1748 zutiefst aufgebracht darüber, daß der englische Thron einem deutschen Fürsten, dem Kurfürsten von Hannover, zugesprochen worden ist, dessen Sohn, König Georg II., nun regiert. Voller Verachtung für die »Hannoversche Erbfolge« plant diese Liga, die Monarchie zu stürzen und eine Republik zu errichten, in der ihre Mitglieder jedoch die Alleinherrscher sein sollen. Weil auf Hochverrat eine schreckliche Strafe steht, bleibt die Identität der Mitglieder voreinander verborgen; sie erkennen sich lediglich an den Juwelen in einem Satz antiker Figürchen, von denen jeder Mitverschwörer eines als Abzeichen bei sich trägt.

Der herrschende Rat besteht aus folgenden Personen:

♦der Squire, Anführer der Gesellschaft. Ein hochgewachsener Mann von großsprecherischem Ehrgeiz und absolut unbarmherzig. Seine Erkennungsfigur ist aus Amethyst und mit vier großen Diamanten besetzt.

♦Smaragd, sein Stellvertreter. Eine massige Gestalt, dessen Erkennungsfigur aus hellgrünem Jade mit drei Smaragden ist.

♦Saphir, dick, wichtigtuerisch und knurrig. Seine Figur ist aus Lapislazuli, besetzt mit sechs Saphiren.

♦Opal, sehr groß, aggressiv und eigensinnig. Sein Erkennungszeichen ist aus Quarz, mit zwei leuchtenden Opalen.

♦Topas, klein, dünn, heisere Stimme; die Erkennungsfigur ist aus goldfarbenem Kristall mit drei Topasen.

♦Rubin, groß und schlank, weniger hitzig als die anderen, eher vorsichtig. Figur aus rosa Jade mit fünf Rubinen.

Die Gegenseite besteht aus einer Gruppe junger Männer, von denen jeder ein Opfer der Liga geworden ist und die sich nun gegen sie zusammengeschlossen haben. Die wichtigsten Personen:

♦Captain Gideon Rossiter, 1747 nach einer schweren Verwundung im Ӧsterreichischen Erbfolgekrieg aus der Armee ausgeschieden. Sein Vater, Sir Mark Rossiter, hatte ein Reederei- und Finanzimperium geleitet. Die Liga, die seinen großen Grundbesitz, der jedoch unveräußerliches Erbgut war und nicht legal erworben werden konnte, unbedingt an sich bringen wollte, drängte Sir Mark absichtlich in den Ruin, so daß sein Eigentum beschlagnahmt und wegen Verschuldung verkauft wurde. Nach einem erfolgreichen Kampf zur Vereitlung dieses Komplotts schlossen sich Gideon und seine Freunde zu einer Gruppe gegen die Liga zusammen, genannt »Rossiters Retter«.

♦Leutnant James Morris war in den Niederlanden zusammen mit Gideon im Lazarett. Da beide auf demselben Schiff nach Hause zurückkehrten, wurde Morris aufgrund seiner Freundschaft mit Gideon in die Auseinandersetzung hineingezogen, ohne zu wissen, daß der Cousin seines Vaters, Oberhaupt seines Hauses, ein einflußreiches Mitglied der Liga ist.

♦August N. K. Falcon, ein eleganter und äußerst reicher Stadtdandy, verachtet als Mischling, aber auch gefürchtet aufgrund seines wohlverdienten Rufs als gefährlicher Duellant; ein hitzköpfiger und stolzer Einzelgänger. Da seine Schwester eng mit Gideon Rossiters Braut befreundet ist, wurde er in den Kampf gegen die Liga verwickelt.

♦Horatio – »Tio« –, Viscount Glendenning, Erbe des mächtigen und reichen Earl of Bowers-Malden und verstrickt in den jakobitischen Aufstand. Bei dem Versuch, Glendenning Abbey an sich zu reißen, hatte die Liga beabsichtigt, seine Familie zu vernichten, indem sie bewies, daß er für »Bonnie Prince Charlie« gekämpft hatte. Nach einem verzweifelten Kampf war es Horatio gelungen, sich aus der Falle der Liga zu befreien.

♦Gordon Chandler, Sohn und Erbe Sir Brian Chandlers, dessen Besitz Lac Brillant in der Nähe von Dover liegt. Nur mit Mühe war er der Intrige der Liga entkommen, die seiner Familie vorwerfen wollte, sie würde an der Küste nahe bei ihrem Landsitz Schiffe durch falsche Signale verunglücken lassen und sei zudem verschworen mit Gordons jüngerem Bruder Quentin, der nach der Niederlage der Jakobiten bei Culloden nach Frankreich geflohen war.

♦Jonathan Armitage, ehemaliger Kapitän der East India Company. Nachdem er, ohne es zu wissen, Zeuge einer Zusammenkunft geworden war, die drei Mitglieder der Liga belasten könnte, wurde seine Vernichtung geplant. Sein Schiff erlitt Schiffbruch, wofür man ihm die Schuld gab, und zwei Jahre lang glaubte man, er sei ertrunken. Obwohl er seine Gesundheit wiedererlangt hat, kämpft er immer noch darum, seine Unschuld zu beweisen.

♦Sir Owen Furlong schloß sich den »Rettern« an, als sein enger Freund Horatio Glendenning in Gefahr war. Die schöne »italienische« Lady, die Furlong liebt, ist in Wirklichkeit die Schwester eines berühmten Franzosen, der ohne Billigung seiner Regierung ein landesverräterisches persönliches Abkommen mit der Liga getroffen hat. Furlong war es gelungen, eine Abschrift dieses Abkommens an sich zu bringen, doch um ihren Bruder zu schützen, schoß seine geliebte Maria äußerst widerstrebend auf ihn, verwundete ihn und holte sich das Abkommen zurück.

♦Peregrine Cranford, ein ehemaliger Artillerieoffizier, der bei der Schlacht von Prestonpans ein Bein verloren hatte. Die Liga hatte ihn als Köder benutzt, um einen Freund in die Falle zu locken, der eine Abschrift des Abkommens besaß, das die Liga vernichten könnte. Mit Falcons und Morris’ Hilfe konnte er seinen Freund retten, doch das äußerst wichtige Abkommen wurde von der Lady, die Sir Owen Furlong liebt, gestohlen.

Stell mir keine Fragen, und ich mach’ dir nichts vor.

Oliver Goldsmith

Prolog

England 1748

Ein Zwischenfall in London

»Hört ihr Leut und laßt euch sagen, uns’re Glock’ hat eins geschlagen ...«

Nur einige wenige Gäste lauschten dem Singsang des Nachtwächters an dieser Stelle seines Rundgangs, und auch das Licht aus seiner Laterne kam nicht so recht zur Geltung, denn heute gab Lord Geoffrey Boudreaux einen Ball anläßlich der Taufe seines Urgroßneffen Master Trevelyan Jonathan Boothe, und das Anwesen der Boudreaux am Grosvenor Square war weithin erleuchtet. Die Fackeln rechts und links neben dem Eingang warfen ihr flackerndes Licht auf die gespannten Gesichter einer kleinen Gruppe von Gästen, die neugierig beobachteten, wer so spät nachts noch kam und wer so früh schon aufbrach. Und da die Julinacht lau war, hörte man durch die geöffneten Fenster Musik, angeregte Unterhaltung und Gelächter.

Hilfspolizisten hielten ungebetene Gäste davon ab, den roten Teppich zu betreten, der von der Straße bis zu den Treppenstufen des Anwesens führte. Es herrschte ein ständiges Kommen und Wegfahren pompöser Kutschen, in denen erlauchte und berühmte und auch ein paar berüchtigte Mitglieder der Londoner Gesellschaft Platz genommen hatten und aus denen andere ausstiegen.

Der Nachtwächter verlangsamte seinen Schritt und gesellte sich einen Moment lang zu den Passanten, die gebannt zu den Fenstern hinaufschauten. Er warf einen Blick auf die makellosen Perücken und die kostbaren Mäntel der Besucher und auf die farbenprächtigen Reifröcke der Damen aus Seide und Satin; er sah die Federn, die in so mancher Hochfrisur wippten, die funkelnden Juwelen und daß Gäste ihre Fächer energisch hin und her bewegten. »Ist auch kein Wunder«, murmelte er. »Da drin muß man ja vor Hitze fast umkommen.«

»Sie würden wohl auch gerne mit diesen Leuten dort drin schwitzen, was, Kumpel?« vernahm er eine Stimme direkt hinter sich. Ein dicker Mann mit schweißnassem Gesicht grinste ihn anzüglich und spöttisch an.

»Nein, würde ich nicht, wenn Sie’s unbedingt wissen müssen«, antwortete der Nachtwächter. »Das da ist nichts für mich, und ich würd’ mich auch nicht ...«

In diesem Augenblick ertönte aus einem Fenster im ersten Stock ein Schrei, der so gellend und voller Angst war, daß die neugierige Menge auf einen Schlag verstummte.

»He!« rief der Dicke als erster aus und drückte sich an das Gitter vor dem Grundstück. »He, was ist denn da los?«

Auch der Nachtwächter drehte seinen Kopf mit einem Ruck herum und erkannte, daß an den Festgeräuschen aus dem Haus etwas anders war. Die Musik hatte zu spielen aufgehört, niemand lachte mehr, und die Gespräche hatten plötzlich einen beunruhigten Unterton.

Ein jugendlicher, ehrgeiziger Hilfspolizist rannte sofort die Treppe hinauf. Doch als der Nachtwächter sich gefangen hatte, rief er: »Platz da für den Nachtwächter! Gehen Sie bitte zur Seite!« Verlegen machte der junge Hilfspolizist kehrt. Als er aber sah, daß ihm der Nachtwächter die Laterne reichte und ihn anwies: »Halten Sie das hier mal!«, hellte sich seine Miene wieder auf.

Ein skeptisch dreinblickender Diener gewährte dem Nachtwächter Eintritt ins Haus. Ganz offensichtlich war innen alles in größter Aufregung, und die Neugierde derjenigen, die draußen standen, wuchs noch an, als zwei Bedienstete auftauchten und im Laufschritt davoneilten.

»Schnell, hol einen Polizisten aus der Bow Street!« befahl der Hilfspolizist, der den Ernst der Lage sofort erkannt hatte.

Der Dicke nickte. »Meinen Sie, es ist was Schlimmes? Glauben Sie«, fügte er eifrig hinzu, »es hat womöglich einen Mord gegeben?«

Auf diese Bemerkung hin rangen einige der Passanten erschrocken nach Luft, doch der Polizist beendete derlei Vermutungen, indem er antwortete, in den Häusern so vornehmer Leute wie Lord Boudreaux gebe es keinen Mord.

Nach einer knappen halben Stunde kam eine Kutsche die Straße herunter, aus der ein Lakai ausstieg. Hinter ihm tauchte ein großer, dunkel gekleideter Mann mit ernstem Gesicht auf, der einen kurzen Kommandostab mit einer Krone trug, was ihn als Diensthabenden von der Wache in der Bow Street auswies. Das zeigte, daß die Anordnung des jungen Polizisten befolgt worden war, was ihm einige bewundernde Blicke einbrachte und ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht zauberte.

Der Lakai und der Mann von der Polizeiwache betraten rasch das Anwesen, und hinter ihnen schlossen sich die Türen. Nun waren die neugierigen Leute draußen auf neue, schauerliche Spekulationen über die Art und Weise des Verbrechens angewiesen, das der Mann des Rechts aufdecken würde.

Der Polizist aus der Bow Street namens Mr. Warkin wurde im zweiten Stock in ein luxuriöses Schlafgemach geleitet und dort den Bewohnern vorgestellt. Mrs. Letitia Boothe, eine junge schlanke Frau, saß auf der Chaiselongue, weinte leise und wurde von ihrem Ehemann, Mr. Snowden Boothe, getröstet. Währenddessen sprach der Nachtwächter eindringlich auf Lord Geoffrey Boudreaux ein. Das feingeschnittene und gebildet wirkende Gesicht des ältlichen Aristokraten war blaß und von Entsetzen darüber gezeichnet, was soeben in seinem Haus geschehen war. Dennoch begrüßte er den Polizisten ruhig und höflich. Auf dem Fußboden hatte man einen Menschenkörper mit einem Betttuch zugedeckt. Mr. Warkin ging schweigend hin, hob das Tuch hoch und betrachtete mit versteinertem Gesichtsausdruck die tote Frau darunter.

»Der Schurke hat ganze Arbeit geleistet«, murmelte er. »Schockierend, daß so etwas in England möglich ist. Schockierend! Ich muß Ihnen gestehen, Mylord, daß ich vorhin gehofft hatte, Ihr Diener habe sich geirrt und die unglückliche Frau hier habe doch überlebt.« Jetzt holte er sein Notizbuch und einen Stift hervor. »Es tut mir leid, Ladys und Gentlemen, aber ich muß Ihre Zeugenaussagen aufnehmen.« Dann blickte er zu dem Nachtwächter hinüber, der das Ganze mit weit aufgerissenen Augen verfolgt hatte. »Ich hoffe, Sie haben dafür gesorgt, daß niemand das Haus verläßt.«

Lord Boudreaux erklärte: »Ich habe meine Gäste gebeten, noch eine Weile zu bleiben. Außerdem hat der Nachtwächter bereits alle Aussagen aufgenommen. Die schreckliche Brutalität hat Mrs. Boothe einen tiefen Schock versetzt, und sie ist heute abend nicht mehr in der Lage, noch weitere Fragen zu beantworten. Aber Mr. Boothe und ich stehen Ihnen selbstverständlich gern zur Verfügung.«

Mrs. Boothe war ganz offensichtlich am Ende ihrer Kräfte. Ihr rannen die Tränen über das gütige Gesicht, und während sie am Arm ihres Mannes den Raum verließ, sagte sie dem Polizisten mit gebrochener Stimme, daß das tote Mädchen schon seit ein paar Jahren ihre Kammerzofe gewesen und die »liebe Meg« von ihr immer sehr geschätzt worden sei.

Mr. Warkin ging im Zimmer auf und ab, sah die Notizen des Nachtwächters durch und stellte Lord Boudreaux ein paar knappe Fragen. Dann ließ er den Nachtwächter bei der toten Frau zurück und begleitete den Lord in ein Studierzimmer im Erdgeschoß. Als Snowden Boothe dort eintraf, saß der Polizist am Schreibtisch und machte sich eifrig Notizen, während Boudreaux, der ziemlich erschöpft wirkte, ihm vom Sofa aus dabei zusah.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind, Mr. Boothe«, sagte der Polizist von der Bow Street. »Ich habe alles niedergeschrieben, was passiert ist, und möchte Ihnen das jetzt gerne vorlesen. Wenn Sie noch irgendwelche Anmerkungen zu machen haben, lassen Sie es mich bitte wissen.«

Die beiden Herren nickten und stellten sich neben das Sofa.

Mr. Warkin hielt sich die Hand vor den Mund, hustete kurz und begann dann: »Das Opfer dieses abscheulichen Mordes ist eine gewisse Margaret Potter, unverheiratet, sechsunddreißig Jahre alt, Kammerzofe von Mrs. Snowden Boothe. Von Feinden oder übelgesinnten Bekanntschaften ist nichts lautbar geworden. Am Abend des 12. Juli wurde im Hause Boudreaux am Grosvenor Square anläßlich der Geburt des Sohnes von Mr. und Mrs. Snowden Boothe, der Großnichte von Lord Geoffrey Boudreaux, ein Ball gegeben. Das Opfer, also die Ermordete, befand sich in ihrem Schlafzimmer. Sie war nicht zum Essen heruntergekommen, und als man nach ihr suchte, fand man sie kurz nach ein Uhr morgens, wie sie gerade den letzten Atemzug tat, weil sie mit roher Gewalt niedergeschlagen worden war. Die Mordwaffe, ein schwerer Gegenstand, ist im Haus nicht gefunden worden.« Er sah auf. »Bis hierher korrekt, Gentlemen?«

»Nach meinem Dafürhalten ja«, sagte der Lord und fügte dann stirnrunzelnd hinzu: »Aber mir gefriert das Blut in den Adern, wenn ich nur daran denke, wie eine verabscheuungswürdige, kriminelle Existenz so etwas Grausames und Sinnloses tun kann.«

»Mir geht es genauso«, meinte Boothe. »Und mich verblüfft, daß hier jemand Fremdes hereinkommen konnte, obgleich doch das Haus voller Leute ist.«

»Ganz recht, Sir«, stimmte Mr. Warkin ihm nickend zu. »Es sei denn, daß er entweder von Miss Potter erwartet wurde oder aber ...«, er machte eine Pause, beugte sich nach vorn und gestikulierte theatralisch, »... gar kein Fremder war!« Die beiden Männer starrten ihn an.

Lord Boudreaux sagte reserviert: »Ich bin mir absolut sicher, daß die arme Meg Potter nichts mit irgendwelchen Schurken zu tun hatte. Sie war eine durch und durch ehrbare Frau.«

»Und was die Gäste angeht«, fügte Boothe hinzu, »ist der eine oder andere schon mal in Zahlungsschwierigkeiten gewesen, aber heute abend war keiner so schlecht bei Kasse, daß er seinen Gastgeber bestehlen und eine unschuldige Dienstbotin umbringen mußte. Ich glaube eher, daß Meg die Diebe überrascht hat und die Einbrecher eigentlich gar nicht so heftig hatten zuschlagen wollen.«

Mr. Warkin spitzte die Lippen. »Gut möglich, Sir, aber es könnte auch sein, daß die Diebe vorsätzlich gehandelt haben. Womöglich sind sie das Risiko ja bewußt eingegangen, und ...«

Lord Boudreaux beugte sich vor und unterbrach ihn: »Und damit sind Sie beim verwirrendsten Punkt der schrecklichen Geschichte. Denn was die Diebe erbeutet haben, ist nicht einmal der Rede wert.«

Boothe fuhr fort: »Jetzt sind Sie vielleicht überrascht, Mr. Warkin, aber so ist es. Im Schmuckkästchen meiner Frau befanden sich neben anderen Dingen eine sehr schöne Diamant-Halskette, eine wunderbare Brosche mit Rubinen und auch noch eine mit Smaragden. Das alles haben sie dagelassen. Statt dessen haben die Diebe eine einfache Perlenkette, einen goldenen Armreif und einen alten Ring mitgenommen.«

»Seltsam, Mylord«, gab der Polizist zu. »Sehr, sehr seltsam. Es sei denn ... Was ist eigentlich mit dem Dienstmädchen, das den Schrei ausgestoßen hat? Hat sie vielleicht die Diebe verjagt, bevor die richtig zugreifen konnten?«

»Das Mädchen, das Meg fand, ist in Ohnmacht gefallen. Als wir uns dann um sie gekümmert haben, kam sie wieder zu Sinnen und schrie erneut lauthals los«, antwortete Boothe.

»Zu dem Zeitpunkt hatten sich die Diebe vielleicht schon längst wieder aus dem Staub gemacht, ohne daß sie jemand aufgehalten hat«, murmelte der Polizist gedankenverloren, »mit einer kleinen Beute, obgleich sie leicht eine fette hätten haben können.«

»Daß dabei ein unschuldiges Leben dran glauben mußte, macht das Ganze noch wüster und sinnloser«, sagte Boothe voller Abscheu.

»Ich habe da so meine Zweifel, daß die Diebe das auch sinnlos fanden«, meinte Lord Boudreaux. »Wahrscheinlich wollten sie einfach nicht, daß sie jemand bei der Polizei verpfeift.«

»Aber so ein unglaubliches Risiko geht doch niemand ein, Sir«, gab Boothe zu bedenken. »Wenn sie nur bei einem Einbruch ertappt worden wären, dann hätte man es ja vielleicht bei der Verbannung bewenden lassen. Aber wer nimmt schon das ganze Geschrei in Kauf, das so ein brutaler Mord nach sich zieht? Und dann möglicherweise auch noch die Hinrichtung? Die Diebe mußten auf alle Fälle vermeiden, daß Meg eine genaue Beschreibung von ihnen liefert.«

»Doch wenn Meg sie erkannt hat, dann hätte sie die Diebe auf jeden Fall beschreiben können. Und um das zu verhindern, mußten die Einbrecher Meg töten. Ich neige immer noch zu der Annahme, daß solch schändliche Mörder sich nur ganz selten mit derart wenig Beute begnügen. Die Frage ist also: Warum haben sie es getan?« Eine Minute lang kaute Mr. Warkin an seinem Stift herum, dann meinte er: »Darauf fällt mir im Moment keine Antwort ein, und aus diesem Grund muß ich Ihnen eine andere Frage stellen, Gentlemen. War an den entwendeten Gegenständen irgend etwas ungewöhnlich? Existiert vielleicht eine Gravur, oder sind womöglich wertvolle Edelsteine auf dem Armreif, die uns das Wiederfinden erleichtern könnten?«

Lord Boudreaux antwortete ziemlich verdrießlich: »Der Nachtwächter hat diese Frage auch schon gestellt. Meine Nichte meinte darauf nur, daß der Armreif zwar wertvoll sei, aber nichts Besonderes an sich habe.«

»Traurig. Sehr traurig«, entgegnete Mr. Warkin. »Und was ist mit dem Ring, den Sie erwähnten? War das vielleicht ein altes Familienerbstück, Mr. Boothe?«

»Kann sein, aber nicht aus unserer Familie. Eine Freundin meiner Frau trug den Ring zu einem Ball vor ein oder zwei Jahren. Er gefiel meiner Frau so gut, und daraufhin schenkte die Freundin ihn ihr. Ich selbst habe mich nicht eingehender mit dem Ring beschäftigt, ich weiß nur, daß er ziemlich alt ist.«

»Ich hoffe, Mrs. Boothe ist in der Lage, ihn mir genauer zu beschreiben.«

»Das wird nicht nötig sein«, entgegnete Boothe. »Ich kann das genauso tun. Der Ring ist aus Gold und trägt einen kleinen Drachen, dessen Augen aus Rubinen bestehen.« Diese winzige Information vertrieb Mr. Warkins düsteren Gesichtsausdruck. Er leckte an seinem Stift und nahm wieder Zuflucht zu seinem Notizbuch. »Sehr interessant«, murmelte er. »Sehr. Gestohlen wurde auch ein ... alter ... Ring mit einem Drachen, mit roten ... Augen.«

Lord Boudreaux schürzte verächtlich die Lippen. »Haben Sie damit den Fall gelöst?«

Der Polizist warf ihm einen mißbilligenden Blick zu. »Unter Umständen beweist dieser Ring, daß es sich nicht um einen gemeinen Mord handelt. Eine Perlenkette, Gentlemen, sieht aus wie die andere. Ein goldener Armreif – nun, so selten ist so etwas ja auch nicht. Ein Drachenring jedoch schon. Wer ihn einmal gesehen hat, vergißt ihn nicht mehr. Damit haben wir sie! Wenn dieser Ring auf dem Schwarzmarkt auftaucht, dann sind wir ihnen auf der Spur!«

»Vorausgesetzt«, warf Snowden Boothe ein, »die Diebe bringen den Ring überhaupt auf den Schwarzmarkt.«

»Aber Sir«, ereiferte sich Mr. Warkin, »diese Mörderbande will sich schließlich durch ihre Verbrechen bereichern. Wozu sollten sie sonst den Schmuck von Mrs. Boothe stehlen?«

Mit düsterem Gesicht murmelte Lord Boudreaux: »Ja, wozu?«

Ein Vorfall in Sussex

Zu dieser Tageszeit waren nicht viele Menschen auf der Straße, insbesondere auf der zerfurchten und durchlöcherten, die durch den Wald von Ashdown führte. Der Mond war nicht zu sehen, und mit dem Wetterwechsel war ein kalter Wind aufgekommen. Er heulte launisch, rüttelte immer mal wieder an den Ästen und brachte das Laub zum Rascheln. Manchmal legte er sich völlig, und dann war es so ruhig, als würde der Wald den Atem anhalten. Es war eine Nacht, in der auch die Menschen den Atem anhielten und lauschten, selbst wenn sie nicht wußten, worauf – eine Nacht, wie geschaffen für Geister und Kobolde, in der ehrbare Bürger sich eilig nach Hause begeben und die Tür mit einem massiven Holzbalken verschließen.

Bill Wiggins mochte solche Nächte. Während er sich vorsichtig bewegte, um die beiden Fasane nicht zu beschädigen, die er unter seinem Mantel festgezurrt hatte, erklomm er die Mauer, die das Landgut umgab, und verschwand ohne irgendwelche Bedenken hinsichtlich Geistern oder Kobolden im Wald. Bill Wiggins war ein robuster und praktisch veranlagter Mann, der nichts von übersinnlichen Dingen hielt. Einzig und allein Mattie ging ihm durch den Kopf und wie sehr sie und die Kinder sich freuen würden. Die Fasane waren ziemlich fett und würden mindestens für eine Woche reichen.

Eine starke Bö wehte ihm etwas Nasses, Kaltes auf die Backe, und Bill grinste in die undurchdringliche Dunkelheit hinauf und begann vor sich hin zu summen. Um so besser, um so besser. Bei so einem Wind und diesem Regen würde sich kein Aufseher in den düsteren Wald trauen, und in einer guten halben Stunde würde er zu Hause sein, in Sicherheit davor, erwischt zu werden und ins Gefängnis zu wandern, am Galgen zu baumeln oder, was auch eine recht zweifelhafte Gnade war, verbannt zu werden. »Heute mal keine Kaninchen, meine liebe Mattie«, murmelte er frohgemut. »Heute gibt’s Fasan, Madam!«

Der Wind legte sich wieder, und die plötzliche Ruhe war so unheimlich, daß Bill trotz seines Selbstvertrauens innehielt und sich auf die mit Löchern übersäte Straße begab. Nur für den Fall, daß ...

Als er auf einmal rechts neben sich ein schwaches Licht entdeckte, stand ihm beinahe das Herz still. Dort drüben war doch gar kein Haus. Also sollte da eigentlich auch kein Licht sein. Bill blieb einen Moment mucksmäuschenstill, dann schlich er sich näher heran. Wenn das eine Falle war, wenn man ihm auflauerte, so wollte er nicht unbedarft hineintappen.

Inzwischen heulte der Wind erneut auf, und die hin und her schwankenden Äste und Büsche verdeckten das Licht immer wieder. Doch nach und nach war Bill nah genug, um das aufgeregte Stampfen und Schnauben von Pferden ausmachen zu können. Jetzt sah er auch, wo das Licht herkam. »O Mann!« flüsterte er.

Er hatte eine Lichtung erreicht, auf der eine vornehme Kutsche stand. Die vier feurigen Pferde hatten Angst vor dem Sturm, und vorn bei den Leitpferden war ein Kutscher, der sie zu beruhigen versuchte. Vielleicht hielt sich ein weiterer Diener hinter der Kutsche oder im Wageninneren auf, zu sehen war er allerdings nicht. Und wenn es gar keinen Diener gab ... oh, womöglich ist da drin eine Frau, dachte Bill, der unter seinem schwerfälligen Äußeren einen Hang zur Romantik verbarg. Bestimmt trifft sich hier klammheimlich irgendein jugendlicher Draufgänger mit seiner Liebsten, und sie ist ...

Plötzlich hörte Bill Pferdegetrappel näher kommen. Voller Panik machte er einen Satz hinter einen Ilexstrauch, duckte sich und betete inständig, daß er sich nicht im Lichtkegel der wartenden Kutsche befand.

Kurz darauf rumpelte nur knapp einen Meter neben ihm eine Kutsche vorbei, und als sie zum Stehen kam, befand sie sich näher bei Bill als bei der anderen Kutsche. In einem Schwung glitt der Kutscher von seinem Sitz herunter, öffnete die Tür, und ein Gentleman stieg aus. Er war hochgewachsen, hatte sich fest in seinen Umhang gewickelt und den Dreispitz tief ins Gesicht gezogen.

»Machen Sie doch das Licht aus, Sie Tölpel«, brummte er und stapfte zu der ersten Kutsche hinüber.

Aus dieser ertönte eine schneidend schroffe Stimme: »Kutscher, warten Sie drüben beim Wagen meines Freundes. Und kommen Sie erst wieder her, wenn er fort ist.«

Dann wurde die Tür zugeworfen. An beiden Kutschen erloschen die Lichter.

Bill hörte, wie sich ihm Schritte näherten, und eine Stimme sagte: »Verdammte Nacht!«

»Schon merkwürdig«, meinte der andere Kutscher daraufhin leise, »warum um alles in der Welt müssen sich zwei vornehme Herrschaften bloß in so einem gottverlassenen Wald treffen?«

»Mich wundert nichts mehr, alter Knabe. Ich seh’ nix, hör’ nix und wunder’ mich über nix mehr. Wer anfängt, Fragen zu stellen, ist ein toter Mann, bevor er sich umschaut, alter Knabe. Nicht mit mir, mit mir nicht.«

»O Mann!« flüsterte Bill Wiggins wieder, doch bei der nächsten Windbö war der besonnene Wilddieb mit den beiden dicken Fasanen schon in der Nacht verschwunden.

Im Unterschied zu dem klugen Kutscher machte Bill sich sehr wohl seine Gedanken. Offensichtlich war er da Zeuge eines geheimen Zusammentreffens geworden. Zweifellos handelte es sich um zwei Ehrenmänner, und aus den Andeutungen des Kutschers entnahm er, daß es zwei ziemlich gefährliche Ehrenmänner waren. Jedenfalls führen sie nichts Gutes im Schilde, dachte er. Vermutlich hatte er ganz schön Glück gehabt, daß er nicht früher dort vorbeigekommen war, sonst hätte ihn der Kutscher des ersten Gefährts bestimmt entdeckt, und dann wären er und seine beiden prächtigen Fasane jetzt nicht mehr hier. Jedenfalls war es eine merkwürdige Angelegenheit, und er beschloß, Mattie nichts davon zu erzählen. Sie war zwar Gold wert, aber sie war eben doch eine Frau, und Bill hatte noch nie eine Frau getroffen, die ihre Zunge im Zaum halten konnte. Er beschleunigte seine Schritte. Sie hatte lange warten müssen, und Mattie mochte alles, nur nicht warten.

Auf der Lichtung, der Bill soeben den Rücken gekehrt hatte, war einer der beiden Gentlemen in der dunklen Kutsche in einer ähnlichen Gemütsverfassung. »Sie müssen wissen, Smaragd«, sagte er kalt und herrisch, »daß ich es nicht besonders schätze zu warten.«

Der dicke Mann ihm gegenüber erwiderte knapp: »Und ich schätze derart heimliche Begegnungen nicht besonders.«

»Ach nein? Sagen Sie bloß, Ihnen wäre eine nette Plauderei beim Kartenspielen lieber gewesen. Wo denn, bei den Brooks? Oder im Cocoa Tree? Seien Sie nicht verrückt, Rudi!«

»Verdammt, keine Namen!«

»O mein Gott, Sie wirken ja beinahe so, als würden Ihnen die Nerven durchgehen. Und dabei fängt das Spiel doch gerade erst an. Beruhigen Sie sich, mein Lieber. Wer wird uns hier in dieser Einsamkeit schon belauschen?«

»Sie sollten meine Nerven nicht unterschätzen, Squire.« Das klang ziemlich drohend. »Und Sie sollten sich davor hüten, allzu selbstgefällig zu werden. Sie könnten sich daran gewöhnen, nicht mehr ganz so wachsam zu sein. Nur ein Fehltritt, und wir haben einen Strick um den Hals.«

Verhaltenes Lachen ertönte. »Ganz richtig, mein Lieber. Sie haben schon recht mit Ihrer Rüge. Aber Sie müssen auch zugeben, daß wir bereits eine Menge erreicht haben. Bis auf drei – nun ja, Beutestücke – sind doch jetzt alle in unserem Besitz. Die Ausbildung läuft bestens, und unsere Ladungen waren bisher recht zufriedenstellend.« Da die von ihm daraufhin erwartete Bestätigung seines Gegenübers ausblieb, runzelte er in der Dunkelheit die Stirn. »Also? Sie haben mich hierhergebeten? Ich höre.« Da sich wieder nichts tat, sagte er heftig: »Himmel noch mal, sprechen Sie doch endlich! Außer ein paar Eulen kriegt niemand was mit.«

»Ich wünschte, Sie hätten recht. Doch ich habe den begründeten Verdacht, daß ich nicht nur von Eulen bespitzelt werde.«

»Verdammt! Heißt das, daß man Sie als Mitglied der Liga enttarnt hat?«

Die Antwort erfolgte umgehend und klang ziemlich verärgert. »Das würde doch als kapitaler Fehltritt zählen, nicht wahr, Squire? Und Sie wissen ja selbst, daß uns davon nur ein einziger zugestanden wird. Überlegen Sie gut, bevor Sie mich verurteilen. Mit mir können Sie nicht so umspringen wie mit den anderen. Seien Sie also gewarnt.«

Daraufhin klang die Stimme des Squire betont liebenswürdig. »Warnungen sind meiner Meinung nach Schall und Rauch, finden Sie nicht auch, werter Smaragd? Erzählen Sie mir lieber, wer hinter Ihnen herspioniert. Etwa Gideon Rossiter und seine irregeleiteten Patrioten?«

»Sie müssen doch damit gerechnet haben, als Sie mir sagten, ich solle den Landsitz seines Vaters kaufen.«

»Das sehe ich ganz und gar nicht. Der arme Sir Mark Rossiter wurde zugrunde gerichtet und ist in Ungnade gefallen. Es ist doch eine löbliche Geste seines nächsten Nachbarn und Freundes, wenn dieser in so einem Fall Promontory Point in seinen Besitz bringt und, na ja, es so lange behält, bis der alte Idiot es wieder zurückkaufen kann, oder nicht?«

»Wir hätten die Rossiters stürzen können, aber schließlich gelangt man nicht so ohne weiteres an den Vorsitz über ein Finanzimperium. Und sein Sohn ist alles andere als ein Idiot. Erst als Gideon aus dem Krieg zurück war, wurden Sir Marks Geschichten von der ›Verschwörung‹ ernst genommen. Ich bin mir ganz sicher, daß er und seine Freunde sehr wohl von dem, nun, verfrühten Tod von Lord Merriam erfahren haben sowie von der Schande und der Gefängnisstrafe von Admiral Albertson, und ...«

»Auch wenn ich bemerken darf, daß nicht Sie es waren, der uns die ungemein brauchbaren Besitztümer dieser Unglücklichen verschafft hat.«

»Das war doch unsere gemeinsame Sache, oder? Außerdem ist der junge Rossiter mit Lord Horatio Glendenning befreundet.«

Der Squire brummte etwas vor sich hin und entgegnete dann ärgerlich: »Der uns entwischt ist, der verräterische Hund!«

»Es hat nicht viel gefehlt, und der gute Lord wäre um einen Kopf kürzer gemacht worden, und seine ganze Familie ebenso.«

»Es hat nicht viel gefehlt ... Was für traurige Worte. Insbesondere, wenn man daran denkt, wie erfreulich alles hätte sein können. Statt dessen war das Ganze ein jämmerlicher Reinfall, für den ein angesehenes Mitglied unserer Liga bezahlen mußte. Aber warum sollte Rossiter nach diesem bedauerlichen Fiasko auf Sie aufmerksam geworden sein?«

Der Mann mit dem Namen Smaragd zuckte verhalten die Schultern und meinte dann gedankenverloren: »Er braucht bloß herausgefunden zu haben, worauf unser Erfolg beruht. Das würde schon erklären, warum ich bespitzelt werde. Und Sie können mir glauben, daß ich mir das nicht einbilde. Zuerst dieser entsetzliche Falcon, dann Morris. Gestern war es, glaube ich, Owen Furlong.«

»Furlong! Den haben sie also auch angeheuert? Na gut. Wenn der sich mit denen arrangiert hat, dann hat er wirklich einen Treffer gelandet. Vor allem dann, wenn er davon ausgegangen ist, daß wir hinter dem Besitz von Albertson her waren. Wußten Sie, daß Furlong und Miss Albertson miteinander verlobt waren?«

»Ich dachte, sie wäre ertrunken?«

»Ist sie auch, die Ärmste. Ihr Bruder hatte sie nach Italien geschickt, wo sie sich davon erholen sollte, daß ihr Daddy so jämmerlich im Gefängnis von Newgate gelandet war. Wirklich bedauerlich, daß ihr Schiff mit Mann und Maus untergegangen ist.«

»O mein Gott!« rief Smaragd geschockt. »Ich hoffe nur, daß wir damit nichts zu tun haben!«

»Ach, tun Sie das? Sie haben ja tatsächlich Charakterstärke! Aber jetzt sollten wir uns wirklich dringenderen Problemen zuwenden. Rossiter mag denken, was er will, beweisen kann er jedenfalls nicht, daß Sie mit uns in Verbindung stehen, nur weil Sie den Grundbesitz seines Vaters aufgekauft haben.«

»Den dieser inzwischen wieder zurückzukaufen wünscht.«

»Oh, hat er sich so schnell erholt? Meinen Glückwunsch. Sie müssen ihn aufhalten, Smaragd.«

»Das wird ganz bestimmt seinen Verdacht erregen. Ich habe Sir Mark nämlich versichert, daß ich das Grundstück nur deswegen gekauft habe, um es für ihn treuhänderisch zu verwalten.«

»Hm. Na gut, dann erklären Sie sich jetzt eben mit dem Verkauf einverstanden, aber versuchen Sie Zeit zu gewinnen. In drei Monaten sind wir soweit. Solange müssen Sie Rossiter auf die eine oder andere Art hinhalten. Bis dahin haben wir die anderen Ländereien durch Mittelsmänner auch verkauft.« Der Squire schwieg einen Augenblick und murmelte dann: »Trotzdem sind Gideon Rossiter und seine Freunde lästige Kreaturen. Wir müssen uns wirklich etwas für sie einfallen lassen.«

»Aha!« Smaragd hob seine Stimme. »Wer ist denn als nächstes dran? Ich hoffe doch Falcon.«

Belustigt ließ sich der Squire Zeit für die Antwort. »Sie machen sich doch nicht wirklich Sorgen, was diesen schrecklichen August betrifft, oder?«

»Mir geht es so wie den meisten Leuten in London, ich hasse dieses verdammte Halbblut.«

»Was für heftige Worte. Es betrübt mich zutiefst, aber ich muß Sie enttäuschen. Unsere nächste Erwerbung wird sich in der Nähe von Dover befinden.«

»Lac Brillant? Ach, dann wissen Sie ja Bescheid!«

»Worüber?«

»Nun, deswegen wollte ich Sie ja unbedingt treffen. Der junge Chandler – ich meine Gordon – ist in Larchwoods herumgeschlichen.«

»Was?« stieß der Squire wütend aus. »Das kann doch gar nicht sein! Das Grundstück dort ist ziemlich klein, und wir haben es erworben, ohne großes Aufsehen zu machen. Nein, das kann nur ein Zufall sein. Was ist denn da durchgesickert?«

»Dieser Gordon Chandler wollte unbedingt Trevor Shipley besuchen. Natürlich wurde er nicht vorgelassen. Und zehn Minuten später ist er über den Nordzaun gestiegen.«

»Dieser Dreckskerl! Ich frage mich bloß, was er wohl gesehen haben kann. Heißt das, er ist unseren aufmerksamen Wachen durch die Finger geschlüpft?«

»Soviel ich weiß, haben sie sich eine ziemliche Verfolgungsjagd geliefert. Aber letztendlich konnte er wohl entkommen.«

»Dieser Bastard! Der Teufel soll ihn holen!«

»Der Meinung bin ich auch. Aber Sie werden wegen dieser Schnüffelei nicht nach Dover fahren?«

»Nein. Ich wußte natürlich, daß Gordon Chandler einer von Rossiters abscheulichen Freunden ist, aber unsere Liga ist von Lac Brillant einfach begeistert. Mir war nichts davon bekannt, daß der dortige Erbe Gordon Chandler etwas gegen uns hat.«

»Vielleicht ist es ja gar nicht so, und alles ist, wie Sie schon sagten, einfach purer Zufall. Aber was haben Sie vor, Squire? Hat Saphir schon einen Plan gemacht? Er kann die Chandlers ja absolut nicht ausstehen.«

»Er kann niemanden ausstehen, außer dem Flittchen, das er geheiratet hat. Ehrlich gesagt, er ist eine durch und durch unerfreuliche Erscheinung, unglaublich rachsüchtig, aber so ist er eben. Nein, diesmal hat sich Topas etwas ausgedacht. Sein Plan ist ziemlich verzwickt, und wir brauchen viel Glück dabei, aber wenn es klappt, dann haben wir einen dicken Fang gemacht.« Und versonnen fügte der Squire hinzu: »Lac Brillant ... das ist den Preis doch wert, oder etwa nicht?«

»Das Grundstück entspricht voll und ganz unseren Anforderungen, und außerdem liegt es wunderschön.«

»Ganz recht. Ich hatte nie etwas mit der Familie zu tun. Wissen Sie etwas Näheres über sie?«

»Ich habe Sir Brian Chandler nur ein- oder zweimal gesehen. Er zeigt sich ganz selten in der Stadt. Jedenfalls«, und Smaragds Stimme wurde jetzt recht bitter, »hält er mich für neureich, und damit bin ich natürlich unter seiner Würde. Ich glaube, diese Leute da kleben wie die Kletten aneinander. Quentin Chandler sieht genauso gut aus wie sein Vater, aber im Grunde ist er ein leichtsinniger Taugenichts und ein Ausreißer, der sich ja außerdem inzwischen auf französisch verständigen muß, wie Sie sicher wissen. Der Erbe Gordon Chandler ist ein arroganter junger Bock, der gern für sich bleibt.«

»So wie Falcon?«

»Nein, ganz und gar nicht. Gordon Chandler hat überhaupt nichts Böswilliges an sich, bestimmt nicht, aber im Grunde seines Herzens ist er kalt und stolz, und oft ist er auch vorschnell. Meiner Meinung nach hat dieser Chandler Lac Brillant in sein Herz geschlossen. Und vermutlich würde er es mit allen Mitteln verteidigen.«

»Wenn alles gutgeht«, säuselte der Squire, »dann wird er gar keine Gelegenheit dazu bekommen.«

Kapitel 1

Der St. James Park, der sonst immer eine friedliche Oase mitten in dem geschäftigen Treiben der Stadt war, wirkte an diesem Nachmittag wie ein einziges Farbenmeer. Die Sonne hatte viele der vornehmen Londoner Bürger aus ihren Häusern gelockt, die sehen und gesehen werden wollten. Die weißen Kleider der schüchternen und von eifersüchtigen Anstandsdamen begleiteten jungen Mädchen, die noch nicht in die Gesellschaft eingeführt waren, wirkten recht zurückhaltend im Vergleich zu dem Rot der Militärjacken. Gentlemen mit Toupet und gepuderter Nase eskortierten zuvorkommend ihre hübschen Bekanntschaften. Andere schlossen sich ihren Freunden an, um sich über so packende Dinge wie zum Beispiel den neuesten Klatsch, über Pferde oder Sport zu unterhalten oder um sich etwas gewichtigeren Themen wie der Politik oder der Diplomatie zuzuwenden. Junge Ladys, die gerade ihre erste Ballsaison hinter sich hatten, wandelten in Gewändern, die bis auf den Boden reichten und aus pastellfarbener Seide oder Satin gefertigt waren. Und die grauen und purpurnen Farbtöne der Witwen vermischten sich mit den helleren der jungen Hausmütter.

Ganz im Gegensatz zu dieser strahlenden und heiteren Menschenmenge stand eine schmächtige Lady, die in Trauerkleider gehüllt war und der Wiese zustrebte, auf der die Milchkühe weideten. Ihr schwarzer Schleier ließ gerade noch erahnen, daß sich dahinter eine zarte Gestalt mit Haaren aus hellem Gold verbarg. Neben ihr gingen ein kleiner Junge und eine Frau, deren saubere, aber einfache Tracht sie als gehobene Dienstmagd auswies, vielleicht eine Begleiterin oder die Erzieherin des Kindes.

»Die arme Seele. Wie traurig sie aussieht«, sagte eine junge schlanke Frau, die sich mit Hilfe eines Spazierstocks vorwärts bewegte. »Und dabei ist sie doch erst so alt wie ich.« Trotz ihrer Schwäche und weil sie eine wirkliche Schönheit war, wurde Miss Gwendolyn Rossiter von zwei ausgesprochen eleganten Gentlemen begleitet. Einer war Soldat, etwa fünfundzwanzig Jahre alt, hatte helle Haut, einen kindlichen Gesichtsausdruck und fröhliche grüne Augen. Der andere war ein ziemlich dunkler Typ, dessen sauberes, nach hinten gekämmtes Haar wie schwarzer Bernstein funkelte und dessen magere und vornehm gekleidete Gestalt die Grazie eines geborenen Athleten hatte. Er sah so gut aus, daß ihn jede Frau, die ihm begegnete, bewundernd anschaute, während die Gentlemen in gleichem Ausmaß die Stirn runzelten. August Falcon verdankte sein gutes Aussehen und seine beeindruckende Ausstrahlung vor allem den tiefblauen Augen, deren schwach orientalischer Anstrich seine Herkunft verriet. Er hielt den Kopf stolz aufrecht, doch in seinen Augen schimmerte keine Wärme, und obwohl sein Mund so schön geformt war, hingen seine Mundwinkel voller Geringschätzung herab. »Mit nur einem Blick«, sagte er langsam, »können Sie durch Ihren Schleier hindurch erkennen, daß diese Lady arm, traurig und noch sehr jung ist. Wirklich unglaublich.«

Lieutenant James Morris fragte: »Kennen Sie sie, Ma’am?« Gwendolyn schüttelte ihre braunen Locken. »Ich habe sie nur angeschaut, während August sie überhaupt nicht beachtet hat. Aber ich muß einfach mit jeder Witwe mittrauern. Es ist schrecklich, wenn man einen Menschen verliert, den man liebt.«

»Immer vorausgesetzt, daß sie erstens überhaupt Witwe ist und zweitens ihren verstorbenen Gatten auch geliebt hat. Was wäre, wenn jene reizende Witwe sich vor ihrem Herrn und Meister geekelt hat und, so wie Tummet sagen würde, ›ihn ins Grab gebracht hat‹?«

Miss Rossiter schnaubte empört und schimpfte Falcon einen schrecklichen Zyniker.

»Aber das ist doch allgemein bekannt«, pflichtete ihr der Lieutenant bei. »Der arme Falcon muß einfach über jeden sein Urteil fällen. Er kann die anderen einfach nur schlechtmachen.«

»Das stimmt überhaupt nicht«, widersprach Falcon, während er Morris einen vernichtenden Blick zuwarf. »Und hingeschlachtet habe ich ebenfalls noch niemanden. Auch wenn« – und er schaute Morris gedankenverloren an – »mir vielleicht eines Tages das Glück winkt und ich doch noch ...«

Gwendolyn, die an das Gezänk schon gewöhnt war, hatte sich wieder der Witwe zugewandt. »Jedenfalls hat sie ihren kleinen Jungen dabei, und ihre Kinderfrau macht einen netten Eindruck.«

»Ihr Dienstmädchen, wenn sie das denn ist, mag ja einen angenehmen Eindruck machen«, gab Falcon zu, »aber der Balg wird sicher bald auf und davon sein. Schaun Sie doch bloß, wie er an sich halten muß, um nicht loszurennen. Wie alt der Kleine wohl ist? Vielleicht zehn?«

Falcons Eltern hatten nur zwei Kinder. Morris dagegen stammte aus einer großen und lauten Familie und lachte höhnisch. »Zehn! Ach du lieber Himmel! Sie wissen ja enorm gut über Kinder Bescheid!«

»Man sollte auch für kleine Dinge dankbar sein. Also, wie alt ist er?«

»Ich schätze mal fünf. Höchstens sechs. Was meinen Sie, Ma’am?«

Auf einmal hatte Gwendolyn ein bißchen zu hinken begonnen, und sie entschuldigte sich. »Ich würde mich gerne hinsetzen, wenn Sie nichts dagegen haben. Und um Ihre Frage zu beantworten, da muß ich Ihnen, August, zustimmen. Ich glaube auch, daß man dieses Kind vermutlich nicht mehr lange im Zaum wird halten können; aber ich teile Jamies Meinung, daß es höchstens fünf Jahre alt ist.« Dann entdeckte sie eine freie Bank, setzte sich erfreut hin und sagte, daß sie, wenn sie die Mutter dieses kleinen Jungen wäre, ihn, egal, ob sie nun Trauer trüge oder nicht, zu den Kühen schicken würde.

Das Objekt ihres Interesses hatte sich ebenfalls hingesetzt. Die Frau sagte mit einer angenehmen Stimme: »Armer Thorpe. Wenn dein Bruder jetzt hier wäre, könntet ihr wenigstens zusammen spielen, mein Liebling.«

»Jacob hat sich aber dummerweise erkältet.« Der kleine Junge sprang zur Bank, setzte sich darauf, riß die blauen Augen weit auf und plapperte drauflos: »Ich kriege nie eine Erkältung und darf ich mal schauen wer dieser Mann da ist vor dem sich die Leute verbeugen bitte Tante Ruth?«

»Gott sei uns gnädig!« rief die Kinderfrau. »Drei Sätze, ohne auch nur einmal Luft zu holen! So etwas gehört sich nicht! Schäm dich, Master Thorpe!«

Die Witwe blickte auf die große Wiese, auf die der Junge gedeutet hatte. In der Mitte stand ein prächtiger Gentleman, umgeben von einer kleinen, elegant gekleideten Gruppe Menschen. Seinem Benehmen nach war er wohlhabend, und an seiner Brust blitzten einige Orden auf. Doch auch wenn das Ganze fröhlich wirkte, so begegneten ihm die Leute, die direkt neben ihm standen, mit Hochachtung, und die Spaziergänger verbeugten sich voller Respekt.

»Ich glaube, das ist Prinz Frederick«, sagte die Witwe. »Und da drüben bei den Bäumen, ist das nicht der König?«

Mit fünfundzwanzig war Grace Milford als Kammerzofe für die vierzehnjährige Miss Ruth Armitage eingestellt worden. Drei Jahre später war aus Miss Armitage eine Mrs. Thomas Allington geworden, doch Grace stand ihr weiterhin zur Seite. Inzwischen war sie fünfunddreißig, und sie war sowohl Erzieherin, Begleiterin und Vertraute als auch Hausangestellte und Wirtschafterin. Zwar hatte sie sich ihre rosigen Wangen und die dralle Figur des Mädchens vom Dorf erhalten, doch in dem Blick, den sie der königlichen Gruppe jetzt zuwarf, schwang eine scharfe Beobachtungsgabe mit. »Jaja, das ist der Prinz von Wales«, sagte sie. »Und das dahinter ist der König, der so tut, als würde er ihn nicht sehen. So ein feines Paar. Soll ich mit dem Jungen hinübergehen?«

Die Witwe war sich unschlüssig.

»Bitte, ich will ihn sehen!« rief Master Thorpe und zappelte unruhig hin und her. »Bitte, Tante! Und dann zu den Kühen, ja?«

Mrs. Allington lächelte ihn an. »Na gut. Aber halte dich in einiger Entfernung von der königlichen Gesellschaft, Grace.«

Dann schaute die Witwe den beiden nach, wie sie davongingen, der Junge hüpfend und Grace ruhig dahinschreitend. Nach ein paar Sekunden waren sie schon fast in der Menge verschwunden, und Ruth Allington ließ ihren Blick umherschweifen. Sie hatte diesen Park in ihr Herz geschlossen, doch heute war sie zum letztenmal hier, denn ihr Haus in der Mount Street gehörte ihr nicht mehr. In den nächsten Tagen würde sie nach Lingways reisen und dort alles in Ordnung bringen. Und danach – doch die Gedanken an ein »Danach« schob sie erst einmal beiseite und beobachtete statt dessen lieber das tanzende Sonnenlicht auf den Blättern. Sie genoß die Luft, die nach Blüten und frisch gemähtem Gras duftete. An ihr Ohr drangen Geplauder und munteres Lachen, und so wandte sie ihren Blick den anderen Parkbesuchern zu. Wie fröhlich sie alle waren, wie glücklich und sorglos. Und wie wenig Verbindung sie selbst zu alldem verspürte. Vertrieben von den Menschen und verscheucht aus ihrem bisherigen Leben, das ihr so unmerklich und doch unerbittlich entschwunden war wie ein Seidenfaden, der sich schon auflöst, wenn man nur ein bißchen daran zieht. Gerade in diesem Moment glitten ihr die letzten feinen Fasern durch die Finger. In ein paar Tagen würde alles zu Ende sein und so unerreichbar wie ihr toter Vater, ihr geliebter Bruder und ihr gütiger Ehemann. Was dann wohl sein würde?

In diesem Augenblick schreckte Ruth Allington auf, denn ihr wurde bewußt, daß sie von einer jungen Frau und zwei Gentlemen ganz in ihrer Nähe beobachtet wurde. Als die Lady und der Lieutenant die Köpfe wegdrehten, schaute nur noch der zweite Mann mit seinen arrogant hochgezogenen Brauen und den dunklen, stechenden Augen zu ihr hinüber. Der sah aber gut aus! Sein überheblicher Blick ließ darauf schließen, daß er dies durchaus wußte. Hatten die drei sie trotz ihres schwarzen Schleiers erkannt? Vielleicht hatten sie davon gehört, wie schmählich ihr Bruder gestorben war und wie vergeblich ihr armer Vater versucht hatte, die Unschuld seines Sohnes zu beweisen. Mrs. Allington wandte sich ab und sah, wie Thorpe lachend auf sie zurannte und dabei Miss Grace zurief, daß sie sich beeilen solle, wenn sie die Kühe noch sehen wolle.

»Paß doch auf, Junge!« rief Mrs. Allington und sprang hoch. Doch zu spät. Eine große, hagere, überaus elegante Lady, die in dem Moment vorbeikam, steuerte geradewegs auf den Prinzen zu und achtete genausowenig auf den kleinen Jungen wie der auf sie. Ihr Diener, der sich bei einem hübschen Dienstmädchen aufgehalten hatte, rief ebenfalls noch etwas, aber auch er kam zu spät.

Ein schrecklicher Zusammenprall – ein schriller Schrei – ein kleines, erschrockenes Gesicht, das sich Mrs. Allington zuwandte. Dann ein Schwall wütender Beschimpfungen und zu guter Letzt auch noch eine lautstarke Ohrfeige. Mrs. Allington eilte auf das wilde Durcheinander zu und legte dem Jungen einen Arm um die Schulter. Thorpe drückte sich an sie und hielt sich mit einer Hand die rote Backe.

»Ich möchte mich für den Vorfall entschuldigen, Ma’am«, sagte die Witwe aufgebracht, »aber Sie hatten kein Recht...« »Recht?« schrie die elegante Lady wutentbrannt. »Sie sind also die Mutter dieses kleinen Ungeheuers hier, oder? Ich sage Ihnen unumwunden, daß er meiner Meinung nach ...«

»Er hat Sie nicht mit Absicht umgerannt.« Die Witwe hob leicht die Stimme. »Außerdem gab es keinen ...«

»Was bilden Sie sich eigentlich ein, mich zu unterbrechen, Sie impertinentes Wesen! Ich kann nur wiederholen, daß dieser tückische junge Rüpel ...«

»Er ist kein Rüpel, aber ...«

»... aber er hat mich umgeworfen!« Und während sie die teure grüne Seide ihrer weiten Reifröcke untersuchte, ließ sie noch einen Schrei los. »Er hat mein Kleid beschmutzt! Dieses entsetzliche kleine Biest!«

»Bitte mäßigen Sie doch Ihre Ausdrucksweise, Ma’am, ich ...«

»Ich soll mich mäßigen, das ist ja der Gipfel! Daß Sie sich trauen, mir so etwas ins Gesicht zu sagen, zeigt nur, wie wenig Anstand und Manieren Sie besitzen! Sehen Sie doch, wie mein Beutel aussieht! Hackham, holen Sie die Parkaufsicht! Solchen Leuten sollte man verbieten ...«

Sie hörte überhaupt nicht mehr auf und zog mit ihren Beschimpfungen die Aufmerksamkeit aller um sie herum auf sich.

Gwendolyn Rossiter war tief betroffen und sagte: »Wie schrecklich für sie. August, gehen Sie doch bitte hin, und versuchen Sie, diese fürchterliche Frau zu beruhigen.«

Dieser schaute sie ungläubig an und entgegnete: »Sind Sie noch bei Sinnen? Selbst wenn ich Ihren Vorschlag gutheißen würde, was ganz und gar nicht zutrifft, dann hätte ich nicht das geringste Interesse, mit dieser Frau auch nur die kleinste Kleinigkeit zu tun zu haben.«

Lieutenant Morris fragte neugierig: »Ist diese Frau denn ernst zu nehmen? Sollte ich sie kennen?«

»Nein, wahrlich nicht«, antwortete Gwendolyn schroff, wie es ihre Art war. »Das ist Lady Clara Buttershaw, eine ekelhafte Frau. August, Sie wissen doch sehr gut, daß sie große Stücke auf Sie hält. Nur ein Wort von Ihnen, und sie würde aufhören, die arme Witwe zu beschimpfen. Haben Sie denn gar kein Gefühl für ihre Mitmenschen?«

»Bestimmt genausoviel wie meine Mitmenschen für mich. Aber so viel, um mich bei dieser alten Kuh da lieb Kind zu machen – wirklich nicht! Die Witwe verteidigt sich besser selbst.« Damit stand er auf und verbeugte sich höflich. »Ehrlich gesagt, ist es mir zuwider, mich mit dieser vornehmen Lady zusammen im selben Park aufzuhalten. Leben Sie wohl.«

»Herzloser Feigling!« zischte Gwendolyn hinter ihm her.

Falcon lachte, winkte ihnen freundlich zu und ging dann weiter.

Daraufhin wandte sich Gwendolyn an den aufmerksamen Lieutenant. »Jamie, Sie haben doch so ein großes Herz. Hören Sie nur, wie diese Person herumkreischt. Und jetzt hat sie auch noch ihren Diener nach der Parkaufsicht geschickt. Sie können doch einfach nicht zulassen, daß die arme Witwe in aller Öffentlichkeit derart erniedrigt wird.«

Morris drehte und wand sich wie ein Aal. Doch eine Minute später fragte er Lady Buttershaw vorsichtig, ob er ihr irgendwie behilflich sein könne.

Die Witwe, die inzwischen schon ganz blaß geworden war, warf Morris einen dankbaren Blick zu.

Lady Buttershaw beäugte ihn mißtrauisch von allen Seiten und schimpfte hochroten Kopfes weiter. »Ich kann mich nicht erinnern, daß wir uns jemals vorgestellt wurden, junger Mann. Also mischen Sie sich hier nicht ein!«

Himmel noch mal, ist das eine Furie! dachte Morris und machte einen Schritt rückwärts, doch dann blickte er in das tränenüberströmte, blasse Gesicht des kleinen Jungen und sah dessen bittende Augen, was ihn veranlaßte, noch einen Anlauf zu nehmen. »Gestatten Sie, Ma’am, ich bin Lieutenant James Morris. Wir sind uns schon einmal begegnet, und zwar bei ...«

»Ich gestatte überhaupt nichts! Und ich sage Ihnen ganz offen, daß ich, wenn ich einen Mann mit Sommersprossen und hellbraunem Haar kennen würde, mich ganz bestimmt an ihn erinnern würde, weil ich beides nicht mag. Außerdem habe ich keine jungen Soldaten in meinem Bekanntenkreis, also ...« Sie hielt einen Moment inne, und ihre harten, dunklen Augen wurden ganz schmal. »Morris? Von den Morris aus Cornwall?«

»Lord Kenneth ist der Cousin meines Vaters, Ma’am.«

»Das verleiht Ihnen aber noch lange keine Bedeutung«, entgegnete sie und rümpfte die Nase. »Ehrlich gesagt, kann ich mich nur wundern, daß Sie die Frechheit besitzen, auf eine derart weitläufige Verbindung stolz zu sein.« Dann wandte sie sich wieder der Witwe zu. »Ich werde Sie und Ihre Brut verklagen, weil ich tätlich angegriffen und meine Kleidung zerstört ...«

»Mr. Falcon bat mich ...«, setzte Morris verzweifelt erneut an. Lady Buttershaw unterbrach ihre Schimpfkanonade, drehte sich mit einem Ruck um, wobei sich ihr harter Mund zu einem zuckersüßen Lächeln verzog, und ihre Augen suchten den Park ungeduldig ab. »Sprechen Sie von meinem lieben Freund August Falcon? Wo hält er sich denn gerade auf?«

»Er mußte leider gehen, aber er bat mich, alles dafür zu tun, um Ihnen und dieser Lady behilflich zu sein. Ich ... nun, soviel ich weiß, sind sein Vater und der dieser Lady enge Vertraute.«

»So ein liebenswürdiger Mensch«, schwärmte Lady Buttershaw, und mit einem spitzbübischen Grinsen, mit dem sie Morris voll und ganz vor den Kopf stieß, wollte sie wissen: »Und hat August Sie beauftragt, mir etwas auszurichten?«

»Nein, er hat nur gesagt, daß ich alles Menschenmögliche tun soll, um die Unstimmigkeiten zwischen Ihnen und dieser Lady hier zu bereinigen. Mrs. ... Oh, entschuldigen Sie bitte, aber wie war Ihr Name noch ...« Dabei schaute er die Witwe hoffnungsvoll an.

»Ich bin Mrs. Thomas Allington«, antwortete Ruth, und ihre Stimme zitterte dabei ein wenig. Sie bemerkte, daß Lady Buttershaw sie ganz entgeistert ansah, und so fügte sie noch herausfordernd hinzu: »Von Lingways, Essex.«

Lady Buttershaw starrte Ruth wortlos an und meinte dann eindeutig weniger schrill: »Lieutenant, machen Sie mich bitte mit Mrs. Allington bekannt.«

Mit einem Seufzer der Erleichterung sagte Morris: »Lady Clara Buttershaw – Mrs. Thomas Allington.«

Ruth bemerkte, wie zahm ihr Gegenüber plötzlich geworden war. Der Zusammenstoß hatte ihre angespannten Nerven ziemlich mitgenommen, und der Gedanke, daß diese Frau sie tatsächlich verklagen würde, jagte ihr einen Schauer über den Rücken. »Es tut mir sehr leid, wenn Ihr Kleid beschmutzt worden ist, und ...«

»Das sieht doch sogar ein Blinder. Und mein Beutel ist auch ruiniert«, schimpfte Lady Clara, während sie ihn inspizierte.

Neben dem Griff schien tatsächlich ein Riß zu sein. »Meine Begleiterin kann ausgezeichnet nähen, Ma’am«, sagte Ruth, die sah, wie der Diener zusammen mit einem stämmigen Kerl in Uniform zurückkehrte. »Wenn Sie gestatten, lasse ich Ihren Beutel reparieren. Es wäre mir eine Freude, ihn Ihnen völlig wiederhergestellt zurückzugeben.«

»Das hört sich doch ganz gut an«, meinte Morris und strahlte. »Sie werden sehen, alles kommt in Ordnung ...«

Doch Lady Clara klopfte mit ihrem Fächer auf seinen Arm. »Jetzt lassen Sie es mal gut sein, Lieutenant! Richten Sie dem Schurken August Falcon aus, daß ich nächste Woche seinen Anruf erwarte. Und nun gehen Sie schon. Wir Frauen können so kleine Streitereien wunderbar auch ohne die Hilfe eines ungeschickten Gentlemans aushandeln, nicht wahr, meine Liebe?«

Meine Liebe ...? Nun war Ruth völlig verwirrt.

Halleluja! dachte Morris und verbeugte sich zum Abschied.

***

Der grüne Salon paßte ganz zu seiner Besitzerin, fand Ruth. Groß, einschüchternd und viel zu unruhig. Mit ziemlichem Widerwillen hatte sie sich in diese vornehme Gegend östlich vom Hyde Park aufgemacht. Aber sie hatte Grace nicht mit der Rückgabe des reparierten Beutels beauftragt, da sie es für möglich hielt, daß dies Lady Buttershaw beleidigte. Schließlich bewegte diese sich innerhalb gewisser Kreise, in denen sie als mittellose Witwe demnächst vielleicht um eine Anstellung würde bitten müssen. Und da wäre es wirklich unklug, sich ein so mächtiges Mitglied der herrschenden Klasse zum Feind zu machen. Jedoch hatten die Ausmaße und die prachtvolle Ausstattung der Räume Ruths Unsicherheit noch vergrößert, und sie hoffte inständig, daß Lady Buttershaw an diesem Morgen nicht zu Hause war. Dann könnte sie den Beutel zusammen mit einer kleinen schriftlichen Entschuldigung hierlassen und wieder gehen. Aber ein majestätischer Butler erklärte mit einem Blick auf ihre Visitenkarte, daß man sie bereits erwarte. Sie wurde durch ein großzügig ausgestattetes Empfangszimmer, dann eine Treppe hinauf, die mit Porträts geringschätzig dreinblickender und (wahrscheinlich) längst verstorbener Buttershaws geschmückt war, in dieses riesige Zimmer geführt.

Es herrschte völlige Stille, und die Luft war erfüllt von einem seltsam modrigen Geruch. Ruth sah sich neugierig um und gewann den Eindruck, daß Lady Buttershaw und ihr Mann eine wahre Passion für alles Vergangene haben mußten, denn überall standen Antiquitäten, und neben vielen war sogar eine gerahmte Erklärung angebracht. An der Wand ihr gegenüber hing eine düstere Tapete. Ruth konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, was darauf zu erkennen war. Mit der Zeit wurde ihre Neugier jedoch immer stärker, und schließlich ging sie hinüber, um die Tapete näher zu betrachten. Doch auch jetzt vermochte sie nicht recht zu erkennen, was sich hinter den verblichenen Formen verbarg, und Ruth entschied sich dafür, daß es vermutlich eine Art Krönungszeremonie war. Dann aber las sie den Text daneben: »Die Hinrichtung des königlichen Märtyrers«. Sie verkniff sich, lauthals loszulachen, und flüsterte dem schemenhaften Charles Stuart eine Entschuldigung zu, um sich dann das nächste dieser wunderlichen Schaustücke anzusehen. Eine Glasvitrine enthielt verschiedene Gegenstände, von einer Haarlocke, die angeblich Guy Fawkes gehört hatte, bis zu einem verblichenen kleinen Schuh, den einst die mächtige Queen Elizabeth getragen haben soll. Dann fiel ihr Blick auf ein beeindruckend gerahmtes Dokument, das sich als Brief von König Charles I. an Colonel Montmorency Yerville entpuppte. Seine krakelige Handschrift war zwar kaum zu entziffern, doch ganz offensichtlich handelte es sich um eine Tapferkeitsmedaille, und an der Echtheit der Unterschrift gab es keinen Zweifel. Dasselbe galt für das Datum »Heute, am 15. Dezember im Jahre des Heils 1647«.

Mittlerweile war Ruth Allington wieder zu ihrem Stuhl zurückgekehrt und hoffte, daß Lady Buttershaw bald auftauchen würde. Sie hatte nur noch wenig Zeit, um ihr Londoner Haus zu verlassen. Und je früher sie in Lingways war und dort entschied, welche Möbel sie für ein geringes Entgelt verkaufen könnte ... Plötzlich hatte Ruth das Gefühl, daß jemand im Raum war, und sie schaute auf.

In der geöffneten Tür stand eine dünne Frau und beobachtete sie. Sie war ungefähr in mittlerem Alter, ganz in Weiß gekleidet, das Mieder bis unters Kinn zugeknöpft, und die weiten Ärmel waren unten mit Spitzen verziert. Ihre Perücke wirkte ordentlich, wenn auch nicht nach der neuesten Mode, und ihr Gesicht mit den feingeschnittenen Zügen war freundlich, aber blaß, und ließ sie zerbrechlich aussehen. Sie kam mit raschen Schritten ins Zimmer und sagte einschmeichelnd und fast atemlos: »Sie sind sicherlich Mrs. Thomas Allington. Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle. Ich bin Lady Julia Yerville.«

Ruth machte einen respektvollen Knicks, doch bevor sie auch nur etwas erwidern konnte, hatte Lady Julia einen furchtsamen Blick auf die geöffnete Tür geworfen und fuhr dann hastig fort: »Setzen Sie sich, meine Liebe. Nein, nicht hierhin. Kommen Sie neben mich auf das Sofa. Ich sollte ja eigentlich gar nicht hier sein, aber ich wollte doch noch unbedingt mit Ihnen sprechen, ehe ...« Sie machte eine vage Handbewegung, ohne den Satz zu beenden.

Gehorsam setzte sich Ruth neben sie und war bereits einen Augenblick später von einer zarten Lavendelwolke umgeben.

»Ich weiß, warum Sie hergekommen sind«, sagte Lady Julia. »Meine Schwester, Lady Clara, hat mir von Ihrer ... äh ... Begegnung im Park erzählt.« Wieder warf sie einen nervösen Blick zur Tür, und dann sprudelten die Worte nur so aus ihr heraus. »Es tat mir leid zu hören, daß eine junge Witwe, insbesondere eine in Ihren Verhältnissen ... Überrascht es Sie, daß ich über Ihr trauriges Schicksal Bescheid weiß? Das tue ich nämlich. Wissen Sie, vor sehr, sehr langer Zeit begegnete ich einmal Ihrem Papa.« Ihre großen, auffallend hellblau leuchtenden Augen sahen plötzlich traurig aus, und dann fügte sie mit einem Seufzer hinzu: »Der arme Greville. So ein attraktiver und charmanter Mann und so ein großes Talent. Ich habe oft daran gedacht, daß er uns noch immer mit seinen Bildern Freude machen könnte, wenn er sich nicht für Jonathan eingesetzt hätte.«

Ruth erstarrte. »Meinen Bruder trifft keine Schuld, Ma’am! Ganz egal, was seine Leute sagen, er war ein ausgezeichneter Seemann, und wenn sein Schiff wirklich in Gefahr gewesen wäre, hätte er nie im Leben die Kommandobrücke verlassen! Und das mit dem Rausch ...«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung, liebe Mrs. Allington.« Lady Julia beugte sich vor und griff nach Ruths Hand. »Ich habe Jonathan einmal kennengelernt, da war er schon fast erwachsen. Ein toller Kerl. Genauso attraktiv wie sein lieber Vater, nun, fast. Ich habe auch nie geglaubt, daß er dem Alkohol verfallen war. Nie! Doch Greville hat wohl leider sehr darunter gelitten, daß man seinem Sohn so etwas vorgeworfen hat, nicht wahr?«