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Skandal – ein Highlander auf einem Londoner Ball! »Scotland Lovesong – Ein englischer Sommerball« von Patricia Veryan jetzt als eBook bei dotbooks. England,1746. Lady Phoebe Ramsay hat kein leichtes Los – als zarte Schönheit mit Vermögen wird sie überall von Verehrern belagert. Als auf dem Sommerball ihrer Familie einer der »Gentlemen« besonders aufdringlich wird, bleibt Phoebe nur noch die Flucht in den Garten. Doch damit kommt sie sie vom Regen in die Traufe: Dort hält ihr Bruder nämlich zwei Rebellen aus den Highlands versteckt! Nun hat Phoebe prinzipiell nichts gegen ein kleines Abenteuer einzuwenden, aber dass einer der beiden Highlander sie so durchdringend ansieht, mit Augen wie ein See aus hellblauem Eis, lässt ihr Herz ganz undamenhaft schneller schlagen. Nicht auszudenken, wenn man sie in dieser kompromittierenden Situation erwischen würde: Am Ende müsste sie diesen Barbaren noch heiraten und ihn in die Highlands begleiten … »Georgette Heyer muss bei der Entstehung dieses Romans von einer Wolke heruntergespäht und Patricia Veryan Inspiration für charmante Geschichten und Charaktere zugeflüstert haben.« Baton Rouge Advocate Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der historische Liebesroman »Scotland Lovesong – Ein englischer Sommerball« von Romance Queen Patricia Veryan, ein Fest für Fans von Georgette Heyer und Marion Chesney. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Über dieses Buch:
England,1746. Lady Phoebe Ramsay hat kein leichtes Los – als zarte Schönheit mit Vermögen wird sie überall von Verehrern belagert. Als auf dem Sommerball ihrer Familie einer der »Gentlemen« besonders aufdringlich wird, bleibt Phoebe nur noch die Flucht in den Garten. Doch damit kommt sie sie vom Regen in die Traufe: Dort hält ihr Bruder nämlich zwei Rebellen aus den Highlands versteckt! Nun hat Phoebe prinzipiell nichts gegen ein kleines Abenteuer einzuwenden, aber dass einer der beiden Highlander sie so durchdringend ansieht, mit Augen wie ein See aus hellblauem Eis, lässt ihr Herz ganz undamenhaft schneller schlagen. Nicht auszudenken, wenn man sie in dieser kompromittierenden Situation erwischen würde: Am Ende müsste sie diesen Barbaren noch heiraten und ihn in die Highlands begleiten…
»Georgette Heyer muss bei der Entstehung dieses Romans von einer Wolke heruntergespäht und Patricia Veryan Inspiration für charmante Geschichten und Charaktere zugeflüstert haben.« Baton Rouge Advocate
Über die Autorin:
Patricia Veryan (1923–2009) ist das Pseudonym der englischen Schriftstellerin Patricia Valeria Bannister. Sie wurde in London geboren, siedelte aber nach dem Zweiten Weltkrieg nach Amerika um. Dort lebte sie viele Jahre in Kalifornien und Washington, wo sie auch mit dem Schreiben ihrer historischen Liebesromane begann. Diese gehören heute zu Klassikern in diesem Genre und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Patricia Veryan wurde für ihr gesammeltes Werk zudem mehrfach dem Romantic-Times-Award und dem »Silver Loving Cup« von Liebesroman-Legende Barbara Cartland ausgezeichnet.
Bei dotbooks veröffentliche Patricia Veryan ihre »Scotland Lovesong«-Reihe:
»Ein Ball um Mitternacht«
»Eine Reise in die Highlands«
»Ein Dandy zum Verlieben«
»Ein englischer Sommerball«
»Einen Liebe in North Downs«
»Ein unverschämter Gentleman«
»Eine stürmische Reise«
Sowie ihre nachfolgende »Scotland Kisses«-Reihe:
»Eine bezaubernde Lady«
»Eine charmante Diebin«
»Ein unerhörter Skandal«
»Das Geheimnis des Gentleman«
»Das Lächeln einer Lady«
»Eine charmante Intrige«
Und ihre »Regency Dreams«-Reihe:
»Ein Lord in Somerset«
»Eine Lady in Sussex«
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eBook-Neuausgabe Mai 2022
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1987 unter dem Originaltitel »The Tyrant«. Die deutsche Erstausgabe erschien 1990 unter dem Titel »Tyrann meines Herzens« bei Droemer Knaur.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1987 by Patricia Veryan
Published by arrangement with St. Martin’s Publishing Group. All rights reserved.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1990 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München
Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München
Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin´s Publishing Group durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover, vermittelt.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)
ISBN 978-3-96655-965-2
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Patricia Veryan
Scotland Lovesong – Ein englischer Sommerball
Roman
Aus dem Englischen von Gabriele Krüger-Wirrer
dotbooks.
Die Romane der »Scotland Lovesong«-Reihe handeln von dem Schatz, den Prinz Charles Stuart – zu spät – angehäuft hatte, um seinen jakobitischen Aufstand 1745-1746 zu finanzieren.Meines Wissens ist bis heute unbekannt, was in Wirklichkeit aus dem Schatz geworden ist.Diese Bücher stellen daher eine rein fiktive Schilderung seines Verbleibs dar und keineswegs historische Fakten.
Für Kit und Bill M.Meine wahren Freunde und Landsleute
England, Juli 1746
Die Schneiderin, die viele Stunden lang an der Paßform des Mieders und am exakten Fall der Rückenfalten des rosafarbenen Taftkleids à la française gearbeitet hatte, hätte entsetzt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn sie ihre unvergleichliche Kreation an diesem warmen Sommerabend hätte sehen können. Denn die Watteaufalten schleiften im Staub, die Spitzen waren zerdrückt, und die Lady, die das wunderschöne Kleid trug, saß auf einer einfachen Gartenbank, eine freiwillige Gefangene in starken Soldatenarmen.
Als sie sich seufzend aus ebendiesen Armen freimachte, hob Miss Phoebe Ramsay den elegant gepuderten Kopf, und ihre Augen blickten schuldbewußt. Die Augen lagen grün, groß und von dichten Wimpern umsäumt unter zart gewölbten Brauen, noch stärker zur Geltung gebracht durch ein bezaubernd hübsches Gesicht mit vollen Lippen. Miss Ramsay, könnte ein wahrer Kenner argumentieren, war keine rein klassische Schönheit. Ihr Mund, so süß er auch gerundet sein mochte, war weder ein Schmollmund noch geformt wie eine Rosenknospe, und ihre Nase, wenn auch klein und zart, bog sich doch ein wenig zu einer Stupsnase. Der wahre Kenner wäre verächtlich ausgelacht worden: Miss Ramsay wurde weit und breit als Schönheit angesehen und sowohl in London als auch in Surrey sehr bewundert.
»Brooks«, sagte sie und legte ihre kleine Hand auf die breite Brust ihres feurigen Gesellschafters, »wie ungehörig wir uns benehmen! Ich sollte mich nicht so allein mit Ihnen treffen – und noch weniger sollte ich einen Gentleman küssen, mit dem ich nicht offiziell verlobt bin.«
Captain Brooks Lambert verlor keine Sekunde, um die zarte Hand im Halbhandschuh zu ergreifen und an seine Lippen zu pressen. »Nur weil das Schicksal sich so gar nicht hilfreich gezeigt hat«, erwiderte er ungehalten. »Zwei Jahre lang habe ich Sie kniefällig verehrt. Und ich bezweifle, daß ich Sie in der ganzen Zeit öfter als ein dutzendmal allein getroffen habe, und dann nur ein paar verstohlene Minuten lang!«
»Und höchst unschicklich«, lächelte sie mit einem Grübchen in der Wange. »Außerdem war ich im Pensionat, und dann ist Cousin Nathaniel gefallen, und wir waren ein Jahr lang in Trauer.«
»Und gerade, als ich Sie hätte sehen können«, fügte er düster hinzu, »war ich wegen der Rebellion fort.«
Sie schauderte. »Diese fürchterlichen Jakobiten! Was für ein Alptraum das war! Ich war so schrecklich in Sorge um Sie.«
Er küßte die Hand, die er immer noch in der seinen hielt, und meinte lächelnd: »Und ich habe mich die ganze Zeit mit dem Wissen aufrecht gehalten, daß zu Hause die Lady wartete, die das Lächeln in meine Welt bringt. Selbst wenn ich ohne ihr Versprechen fortgeschickt wurde.«
»Mit meinen Gebeten«, sagte sie, »denn Sie sind mir sehr lieb – Nein, Lamb! Wie dankbar bin ich, daß dieser schreckliche Krieg aus und vorbei ist.«
»Aus«, sagte er mit plötzlichem Ingrimm, »aber nicht vorbei.«
»Meinen Sie, wegen der Dinge, die der Duke of Cumberland unternimmt? Man sagt, daß die Parlamentsmitglieder und das Oberhaus es so wollten, aber ich kann nicht glauben, daß sie die Absicht hatten, daß er so grausam und ruchlos sein sollte, wie man hört. Kennen Sie ihn?«
»O ja. Ein toller Kerl für so einen jungen Mann.«
»Ist er das? Aber man sagt, daß seine Vergeltungsmaßnahmen in Schottland unsagbar grausam seien. Und diese jakobitischen Gentlemen auf der Flucht so zu jagen und abzuschlachten scheint so –«
»Unsinn! Die Schotten und ihre Kampfgenossen sind Charles Stuart schließlich freiwillig gefolgt. Was glauben Sie, was die getan hätten, wenn sie die Sieger gewesen wären? Sie leben nur für den Kampf – wenn nicht uns, dann schlachten sie sich gegenseitig ab! Ich würde gern ein paar von diesen heuchlerischen Kerlen, die um Milde bitten, sehen, wenn Bonnie Prince Charlie seine mörderischen Hochländer in London hätte einmarschieren lassen! Wir haben ihnen eine Lektion erteilt, die sie so bald nicht vergessen werden, das kann ich Ihnen sagen! Auf diesem Thron werden keine Stuarts mehr sitzen und ihren Unsinn von einem Königtum von Gottes Gnaden deklamieren oder von einem Ende des parlamentarischen Systems! Könnte ich bloß ein paar von den englischen Katholiken erwischen, die für ihn gekämpft haben oder jetzt diesen niederträchtigen Flüchtlingen Schutz bie –« An diesem Punkt wurde er des besorgten Blicks in den Augen seiner Liebsten gewahr und fuhr schnell fort: »Es tut mir leid, meine Liebe. Hier spricht der Soldat in mir, und ich sollte Ihre zarten Ohren nicht mit solch grausamen Dingen besudeln. Aber geben Sie mir jetzt eine Antwort, Phoebe, ich bitte Sie. Es sei denn ... Ist da vielleicht jemand anderer?«
Sie stammelte: »Nun – ich, ich habe eine Menge –«
»Verehrer«, unterbrach er stirnrunzelnd. »Wie gut ich das weiß! Aber ist einer darunter, den Sie lieber haben als mich?«
Er blickte so ängstlich drein, und sie betrachtete ihn liebevoll. Was seine persönlichen Eigenschaften betraf, war Captain Lambert ein höchst ehrenwerter Anwärter um ihre Hand. Er stammte aus gutem Hause, war groß, gut gebaut und sah sehr gut aus. Sein dichtes blondes Haar war gepudert und aus der vornehmen Stirn zurückgebürstet; die dunkelblauen Augen darunter standen weit auseinander und waren von langen dunklen Wimpern gesäumt. Die Nase war gerade, der Mund schön geformt und stets zu einem Lächeln bereit, das Kinn fest. Es war unstreitig, daß sie keinen anderen Mann lieber mochte als ihn. Er war mutig, ergeben und ihr gegenüber unfehlbar sanft. Und Großmama hatte ihr oft gesagt, daß die große Liebe, von der sie in Büchern las, im wirklichen Leben selten zu finden war. Vielleicht war ihre tiefe Zuneigung zu Brooks Liebe, und es war einfach albern, davon zu träumen, auf diese erhabene, verehrungsvolle Anbetung zu warten, nach der sie sich so sehnte; nach diesem gesegneten Augenblick, da sie wußte, daß hier der vollkommene Gefährte für sie vor ihr stand, wie unvollkommen er auch in manchen unwichtigen Dingen sein mochte; daß dies die große, die einzige Liebe war. So unterdrückte sie ein Seufzen und antwortete sanft: »Keiner, lieber Lamb.«
»Habe ich Sie also«, rief er triumphierend. »Phoebe, meine Liebe, mein Schatz, ich werde Sie stets in Ehren halten und mein möglichstes tun, um Sie glücklich zu machen! Ich schwöre es!«
»Ich weiß, daß Sie das werden – würden, aber –«
»Aber!« rief er ungeduldig aus. »Immer dieses verfluchte Aber!« Und wenn Ihr Papa den nächsten alten Trottel akzeptiert, der mit seinen Geldtaschen klimpert?«
Verärgert erhob sie sich und reckte entrüstet das Kinn. »Ich sehe keinen Grund für eine so vulgäre Bemerkung!«
»Ach nein, wirklich nicht?« rief er und stand auf, um sie bei den Schultern zu nehmen. »Glauben Sie, ich bin mir nicht bewußt, warum ich nicht als gute Partie angesehen werde? Ich könnte wohl für Sie sorgen, meine Liebste. Aber ich könnte Ihnen Ihr Familienvermögen nicht zurückbringen. Ein Husarenhauptmann ohne einen Heller stellt Ihren Papa oder Ihre Großmutter nicht zufrieden!« Er ließ sie los, seufzte und fügte widerstrebend hinzu: »Nicht, daß ich sie dafür tadeln könnte.«
Phoebe biß sich auf die Lippen. In seinen Worten steckte ein Körnchen Wahrheit. Wenn sie zu ihrem Papa oder ihrer furchteinflößenden Großmutter ginge und sie um die Erlaubnis bäte, Brooks zu heiraten, würden sie wahrscheinlich zustimmen, denn Phoebe wußte, wie lieb sie ihnen war. Aber sie wußte auch, wie verzweifelt ihr Vater hoffte, sie würde eine Partie machen, die, zumindest in einem gewissen Umfang, die Zukunft ihrer Geschwister sichern würde.
Lady Eloise Ramsay hatte Sir George sechs Pfänder ihrer Liebe geschenkt, eins davon totgeboren, und ein anderes Kind starb im zarten Alter von drei Jahren an den Masern. Die überlebenden waren so gesund, wie sie hübsch waren, und trotz gelegentlichem heftigem Zank liebten sie sich sehr und waren eine eng zusammengeschweißte Familie. Sir George hatte ein ausreichendes Vermögen geerbt, und sowohl sein Landsitz als auch sein Stadthaus in der Clarges Street waren geräumig und luxuriös. Durch schlechte Anlage des Geldes, einen betrügerischen Anwalt und die Extravaganzen seiner charmanten Frau war Sir George jedoch so weit gekommen, daß er »einen Palast zu einem Schweinestall heruntergebracht« hatte, wie man so sagte, und während es zwar noch keinen Grund gab, sich um das tägliche Brot zu sorgen oder zu fürchten, daß man ihnen das Dach über dem Kopf nehmen könnte, war doch Pfennigfuchserei an der Tagesordnung.
Sir George, der ein weiches Herz unter einer rauhen Schale hatte, aber von hitzigem Temperament war und der in seinem Leben als Landedelmann aufging und kein sonderliches Talent zur Selbstbeobachtung besaß, verbrachte nun zahlreiche schlaflose Nächte voller Sorgen um die Zukunft seiner Familie. Lady Eloise dagegen verschwendete kaum einen Gedanken an das Thema, außer wenn Sir George ihre Pläne, Silberloo zu spielen, durchkreuzte und ihr den Luxus des Kartenspiels unerbittlich ein für allemal verbot. (»Nicht einmal um einen Viertel heller!«) »Dein Papa, Phoebe«, teilte Mylady ihrer ältesten Tochter mit, »ist ein umsichtiger Mann.« Und flüsternd fügte sie hinzu: »Und entwickelt sich zu einem schäbigen Geizkragen!«
Phoebe hatte die Schönheit ihrer Großmutter und die natürliche Freundlichkeit ihres Vaters geerbt. Sie war ein warmherziges Mädchen mit einer Neigung zur Impulsivität, die auch Jahre in den unverdorbenen Korridoren eines exklusiven Pensionats für junge Ladies nicht gänzlich bezähmt hatten. Zahlreiche Besuche bei ihrer Großmutter hatten jedoch Früchte getragen. Die alte Lady Ramsay hatte ihrer Enkelin die Liebe zu Kunst und Literatur eingeprägt, Sinn für die Wunder der Musik und ein grundlegendes Verständnis für die Finanzfragen entwickelt, die die Führung eines großen Hauses, die Einstellung von Gouvernanten, die Sorge um Schulen, Universität und die Vorbereitungen zur Einführung in die Gesellschaft betrafen. Das Resultat war, daß Phoebe die mißliche Lage ihres Vaters nachfühlen konnte. Belinda war erst neun, und es würde noch einige Jahre dauern, bis ihre Einführung in die Gesellschaft als große Ausgabe drohend bevorstand. Julia dagegen war nicht nur bereits vierzehn, sondern ließ auch erkennen, daß sie eine wahre Schönheit werden würde. Noch zwei, höchstens drei Jahre, und man mußte sie als Debütantin auf ihren ersten Ball gehen lassen. Noch dringlicher war es, daß Sinclair, sicherlich der uneigennützigste und bescheidenste Bruder, den man sich denken konnte, seinen Hauslehrer zur Verzweiflung brachte, weil dieser ehrenwerte Gentleman kaum mit seinem eifrigen Schützling Schritt halten und ihm erst recht nichts mehr beibringen konnte. Mit achtzehn sollte Sinclair längst in Oxford sein, und obwohl er nie das leiseste Wort der Klage geäußert hatte, war Phoebe sich wohl bewußt, daß sein brillanter Geist heftig nach neu zu erobernden Feldern verlangen mußte. Er war ganz verrückt nach Archäologie, und es war sein Traum, dieses Fach zu studieren, zu reisen und dieses faszinierende Gebiet schließlich einmal zu lehren. Sie seufzte erneut. Kostspielige Träume.
Schweigend bot Lambert ihr seinen Arm. Sie legte ihre Hand darauf, und langsam spazierten sie wieder zum Haus zurück. Der Duft von Blüten hing schwer in der warmen Nachtluft. Die samtene Schwärze des Himmels war übersät vom Glanz zahlloser Sterne, der halbvolle Mond lugte über den Horizont, und die Musik, die leise aus den offenen Fenstern des Ballsaals drang, wurde noch durch das Trillern einer Nachtigall verschönt. Eine Nacht, die sicherlich für Romantik wie geschaffen war.
Der Captain legte seine starke Hand über Phoebes zarte Finger und sagte bittend: »Bin ich denn so verachtenswert, meine Schöne? Der Zuschuß, den mein Onkel mir gewährt, ist bei weitem kein Hungerlohn. Meine Tante Ophelia hat versprochen, daß ich ihr Erbe sein würde, und sie ist eine reiche Frau. Nicht«, fügte er hinzu, »daß ich wünschte, daß sie schon bald ins Gras beißen soll.«
Phoebe lächelte zu ihm auf, und er blieb stehen und drehte sie mit dem Gesicht zu sich herum. »Süße, wenn ich Sie verärgert habe, dann nur deshalb, weil ich so – so sehr verliebt bin. Ich würde Ihnen die ganze Welt zu Füßen legen, stünde es in meiner Macht.« Er blickte auf ihr Gesicht hinunter, das im Mondlicht berückend lieblich war, sein Griff wurde fester, und heiser sagte er: »Können Sie mir gar keine Hoffnung machen? Machen Sie sich wirklich gar nichts aus mir?«
Wenn das Mondlicht ihre zarte Schönheit unterstrich, so hatte es auf seinem Adlerprofil eine verheerende Wirkung auf ihr Herz. Lambert war ein schöner Mann, aber im vollen Glanz seiner Uniform war er einfach umwerfend. Sie berührte seine Wange mit der Hand und murmelte: »Sie wissen, daß ich das tue.« Und als er ihre Hand nahm und ihr Küsse in die Handfläche drückte, fuhr sie bedauernd fort: »Aber seit ich aus dem Pensionat zurück bin, habe ich drei wohlhabende und akzeptable Freier abgelehnt.«
Er hob den Kopf. Verärgert sagte er: »Jeder alt genug, um Ihr Vater zu sein!«
»Ja«, seufzte sie. »Aber wenn noch jemand mir einen Antrag machen sollte, hat Papa jedes Recht, ihn zu akzeptieren. Und wenn es diesmal ein jüngerer Mann sein sollte – und wohlhabend...«
»Dann schieße ich diesem elenden Schwein den Kopf von den Schultern!« schnaubte ihr glühender Verehrer.
Der Landsitz von Sir George Ramsay hieß Pineridge Park, obwohl er sich keines eigentlichen Parks rühmen konnte. Tatsächlich konnte er nicht einmal Kiefern aufweisen; zumindest nicht in diesem Jahr 1746. Nichtsdestoweniger war es ein bezaubernder Besitz mit kunstvoll gepflegten Lustgärten, hübschen Sträuchern und einem großen, wild bewachsenen Gelände. Das rote Ziegelhaus war quadratisch und unoriginell, 1589 als Witwenhaus eines wesentlich größeren Landsitzes erbaut, der nun in einzelne Parzellen zerfallen war. Das Hauptgebäude, drei Stockwerke hoch, war keiner bestimmten architektonischen Periode zuzuordnen, eine Tatsache, die Lady Eloise einigen Kummer verursachte. Da ihre sehnsüchtigen Bitten, ionische Säulen hinzuzufügen, auf ein wutschäumendes »Zum Teufel – Nein!« ihres Lebensgefährten gestoßen waren, wurde das Haus nicht mit solchen Hindernissen überladen, und der letzte Anbau blieb ein angemessen großer Ballsaal, errichtet um die Jahrhundertwende, der den einstöckigen Flügel an der Rückseite des Gebäudes bildete.
Heute abend war dieser Flügel in blendendes Licht getaucht, denn der alljährliche Sommerball der Ramsays war eine Tradition, die selbst Sir George nicht hatte abschaffen können. Die Feste der Ramsays waren nicht nur berühmt für die köstlichen Erfrischungen, die gereicht wurden, Sir George war auch beliebt und geschätzt als kühner Jagdreiter, seine Tochter war aus dem Pensionat und nach einem Trauerjahr als anerkannte Schönheit ans Licht getreten, und seine Gattin war eine charmante Lady, deren gelegentliche Fauxpas jedermann herzlich vergnügten, weshalb die Aristokratie der Grafschaft in voller Mannschaft angetreten war.
Phoebe und ihr Captain betraten den Ballsaal, als gerade ein Menuett angesagt wurde. Lambert, der wieder zurück zum Dienst mußte, sagte widerstrebend adieu, beugte sich über Phoebes Hand und verließ sie, um sich von seinen Gastgebern zu verabschieden.
Am anderen Ende des geräumigen Saals waren Sofas und bequeme Sessel um die hohen Fenster gruppiert, die offenstanden, um die frische Abendluft hereinzulassen. Zwei Ladies teilten sich eines der Sofas, und da er Sir George nicht finden konnte, bahnte sich der schneidige Captain einen Weg zu diesen beiden. Die ältere des Paars war eine respektgebietende Witwe in einer karmesinroten Brokatrobe, die wie ein Leuchtfeuer den Blick auf sich zog. Die verwitwete Lady Ramsay war keine korpulente Frau, aber sie hatte den kräftigen, soliden Körperbau, der auch für ihren Sohn charakteristisch war, und darüber hinaus war sie ungewöhnlich groß. In ihrer Jugend war sie schön gewesen wie eine Statue, und wenn ihre blauen Augen im Alter etwas verblaßt waren, blickten sie doch so scharf wie eh und je, und es entging ihnen kaum etwas von dem, was um sie herum vorging. Die Lady, die neben ihr saß, war in jeder Hinsicht ihr Gegenteil. Von kleiner Statur und von sanftem Auftreten zeichnete Lady Eloise Ramsay sich im Alter von dreiundvierzig nur durch ihre Liebenswürdigkeit, ihre Neigung, laut zu denken, und durch ein Paar schöner grüner Augen aus. Diese Augen blickten wehmütig, als sie sah, wie Captain Lambert sich näherte. »Armer Junge«, seufzte sie. »So ein schöner junger Mann, und soll seiner Liebe entsagen.«
Die Witwe sagte nichts, und dann verbeugte Lambert sich vor ihnen und drückte sein Bedauern aus, eine Party verlassen zu müssen, »die mit solch blendenden Schönheiten gesegnet ist«.
»Frechdachs!« erwiderte Lady Eloise. »Gehen Sie schon so bald?«
»Leider, ein grausames Geschick zwingt mich dazu, Ma’am!«
Sie lächelte hinauf in seine lustigen Augen und ging mit ihm zur Tür, denn er gehörte zu ihren Lieblingen. Als sie zurückkam, sagte Lady Martha: »Er scheint immerhin ganz fröhlich. Ich denke, er hat die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben.« Während sie sich wieder setzte, meinte Lady Eloise: »Glaubst du, Mama, daß sie nie heiraten werden?«
»Ich glaube, daß George wahrscheinlich seine Einwilligung geben würde, wenn Phoebe ihn wirklich liebte.«
Lady Eloise seufzte. »Ich bete nur, daß Phoebe ihn nicht abweist, weil sie sich verpflichtet fühlt. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie mit einem gebrochenen Herzen durchs Leben geht.«
»Sie ist viel zu vernünftig, um sich wie so eine Gans zu benehmen. Wenn sie wirklich ihr Herz verschenkt hat, wird sie kein Brandopfer darbringen, nicht einmal für ihren Bruder.«
»O Mama, wie schrecklich wäre es, wenn Sinclair wirklich tun sollte, was er sagt! Indien! Ein Junge, dem es in England schlechtgeht, wenn es heiß ist! Es würde ihn umbringen! Und nur, um zu versuchen, uns über die Runden zu bringen!«
»Tja! Hochfliegende Pläne, und wenn du glaubst, daß George ihn gehen lassen würde, bist du verrückt! Sinclair ist lediglich ruhelos; bloß Nerven und Jugend und heroische Phantasien, und außerdem ist er deprimiert, weil er sehnlichst zur Universität gehen will und zu anständig ist, uns zu zeigen, wie sehr ihm das Warten zusetzt. Hätte ich nur die Mittel, wäre er schon seit einem Jahr in Oxford. Ich habe sie nicht – um so schlimmer!«
Eloise legte tröstend die Hand auf den Arm der alten Lady. »Mach dir keine Vorwürfe, liebe Mama. Wir wissen, daß du nichts ändern kannst.«
»Danke«, knurrte Mylady.
Sinclair Ramsay war zwei Jahre jünger als seine älteste Schwester, aber er gehörte nicht zu denen, die sich zu gut dafür waren, mit der eigenen Schwester zu tanzen. Er war allen Familienmitgliedern herzlich zugetan, aber zwischen ihm und Phoebe bestand ein besonders enges Band, das noch dadurch vertieft wurde, daß sie fast gleichaltrig waren und sich gegenseitig insgeheim bewunderten. Diese Zuneigung wurde weder verspottet, noch durfte sie die übrigen geschwisterlichen Beziehungen beeinflussen oder vermindern, aber sie war nun einmal da, und daher war Phoebe überrascht, daß ihr Bruder nicht auf sie wartete und sie ausschalt, weil sie zu spät zu ihrem Menuett gekommen war.
Der Schwarm von Verehrern, der untröstlich gewesen war, als sie ihre vorrangigen Engagements mitgeteilt hatte, begann sich erneut um sie zu gruppieren, und als sie aus den Augenwinkeln einen älteren und aufgeblasenen Herrn, eine rechte Nervensäge, auf sich zukommen sah, wandte sie ihre Schritte erneut dem Garten zu.
Von Sinclair war nichts zu sehen, aber als sie auf die Auffahrt zuging, rief eine Stimme scherzend vorwurfsvoll: »Miss Phoebe ...? Ich habe gesehen, wie Sie hier herausgeschlüpft sind, Sie bezauberndes Geschöpf! Necken Sie mich nicht, liebreizende Göttin. Kommen Sie heraus, kommen Sie heraus, wo Sie auch gerade sein mögen ...!«
Lord Olderwood war ihr gefolgt. Sie hob die Reifröcke, damit ihr Kleid nicht schmutzig wurde, und zog sich hastig in den Schatten der Bäume zurück. Und diese Nervensäge kam ihr immer noch nach! »Hol ihn der Teufel!« flüsterte sie und rannte tiefer in den Schutz der Ulmen, die die östliche Auffahrt säumten.
Sie spähte durch die Zweige und sah zu, wie Lord Olderwood hoffnungsvoll herumsuchte und schließlich grollend zum Haus zurückkehrte. Sie benahm sich rücksichtslos, dachte sie reuevoll, aber er würde wieder von seinen Häusern anfangen und von seiner Yacht und von seiner geliebten Schwester (die man bestenfalls eine giftige alte Jungfer nennen konnte), die sich so freuen würde, wenn die liebe Miss Phoebe sein Werben nur in Erwägung ziehen würde. Und sein Korsett würde knarren, und er würde mit seiner runzeligen Hand auf die ihre patschen (wenn sie ihm die Möglichkeit dazu gab!), und heute abend brachte sie es einfach nicht fertig, zu –
»O ... Gott ...!«
Das erstickte Stöhnen kam ganz aus der Nähe. Und es war die Stimme ihres Bruders. Ihr Herz machte einen erschrockenen Satz. Sie eilte auf das Geräusch zu und rief: »Sin ...? Ist etwas passiert?«
Ein Keuchen. »Nein! Phoebe, mach daß du wieder ins Haus kommst! Komm nicht hierher –!«
Aber sie hatte ihn bereits gefunden und blieb erstarrt vor Schreck stehen.
Er kniete am Boden, die ordentliche Perücke war nun zerzaust und hing unordentlich um sein mageres, empfindsames Gesicht. Aber ihre Aufmerksamkeit richtete sich vor allem auf die ausgestreckte Gestalt des Mannes, den er stützte; ein Mann, dessen Kleidung in Fetzen herabhing, dessen bärtiges Gesicht eine Maske aus Dreck und Blut war und dessen schwache Versuche, sich aufzurichten, während sie sich näherte, in einem Stöhnen endeten, während er erneut hilflos in Sinclairs Armen zusammenbrach.
»Du lieber Himmel!« keuchte Phoebe. Und plötzlich paßte alles zusammen. Wie häufig ihr Bruder in den letzten Monaten ohne eine Erklärung fort gewesen war; wie sie gelegentlich spätabends in sein Zimmer gegangen war, um mit ihm wie während ihrer Kindheit zu schwatzen, nur um festzustellen, daß er noch nicht zu Hause war; sein abgespanntes Aussehen am folgenden Tag, das er seinen Eltern damit erklärte, daß er »noch lange gelesen« habe. Sie hatte nichts gesagt, da sie amüsiert den Verdacht gehegt hatte, Sinclair habe, hübsch, wie er auf seine leidenschaftliche Art war, ein frühes Interesse an Weiberröcken entwickelt. Jetzt verließ sie der Mut, und sie rief: »Ein Rebell! Oh, Sin! Wie konntest du das tun? Wenn er hier gefunden wird, werden wir –«
»Bei Gott, glaubst du, ich weiß das nicht? Ich hatte keine Wahl! Er ist völlig erschöpft, und sie waren uns dicht auf den Fersen, als ich es schließlich geschafft habe, ihnen zu entwischen.«
Es war charakteristisch für ihn, daß er keinerlei Versuch machte, seine Verbindung zu den Jakobiten zu verleugnen oder die Gefahr geringer erscheinen zu lassen. Der Gedanke an die grausame Strafe, die ihm – ihnen allen – drohte, wenn man herausfände, daß sie einem Flüchtling Schutz boten, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. »Was hast du vor?« sagte sie. »Wenn du ihn im Haus versteckst –«
»Nein!« stöhnte der Verwundete leise. »Ramsay – Ich will deiner Familie ... nicht den Tod bringen!«
Phoebes Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, und sie sah, daß sein widerspenstiges Haar unter Schmutz und Blut blond war. Seine Augen, hellgrau und von Schmerzen umschattet, trafen voller Selbstvorwürfe die ihren. »Wie kommt es, daß Sie so schwer verletzt sind, Sir?« fragte sie sanft. »Sie sind ja völlig zerschnitten.«
»Hab eine Kugel durchs Bein bekommen ...«, keuchte er. »Und – mußte durch ein Fenster springen. Nein – kommen Sie nicht zu nahe, Ma’am. Ich möchte – möchte nicht Ihr hübsches Kleid – schmutzig machen.«
Plötzlich schämte sie sich für ihr »hübsches Kleid« und für ihre Furcht. »Sie sind kein Schotte, glaube ich. Sind Sie Katholik?«
Er schüttelte den Kopf. »Hab nur ... Prinz Ch-Charlie bewundert.«
Phoebe sah ihren Bruder an. »Nun, ich denke, was passiert ist, ist passiert. Diese Wunden müssen behandelt werden. Mir ist klar, daß wir es nicht wagen können, einen Arzt zu rufen, aber vielleicht können wir ihn irgendwo auf dem Besitz verstecken und jegliches Wissen abstreiten, falls er gefunden werden sollte. Unser Vater ist bekannt dafür, daß er die Sache der Jakobiten verachtet, und –«
Sinclair unterbrach sie: »Er muß sobald wie möglich nach Salisbury gebracht werden.«
»Salisbury! Bist du verrückt? In seinem Zustand? Wie stellst du dir denn bitte vor, daß er transportiert werden soll? Die Soldaten durchsuchen alle Fahrzeuge zwischen hier und der Küste!« Plötzliches Stimmengewirr in ihrer Nähe ließ sie zusammenschrecken. Der Flüchtling strengte sich heftig an, um sich aufzusetzen. »Ich – ich muß mich beeilen«, flüsterte er, aber sein Gesicht verzog sich schmerzlich, und er sackte schwach zusammen.
Er ist ein menschliches Wesen, was auch seine politischen Überzeugungen sein mögen, und er leidet entsetzlich, dachte Phoebe. Wie könnte ich dem armen Menschen meine Hilfe verweigern?
Sinclair interpretierte ihren Gesichtsausdruck richtig und sagte: »Er ist heute nacht nicht in der Verfassung zu kriechen, geschweige denn, sich zu beeilen! Ich bezweifle, daß er in den letzten Tagen etwas gegessen hat, und, abgesehen von der Erschöpfung, hat er eine Menge Blut verloren. Es genügt möglicherweise, wenn ich ihn hinunter in das alte Kellergewölbe bringen könnte. Die Soldaten haben es letzte Woche durchsucht, daher sollte er dort für ein oder zwei Tage sicher sein, bis ich mich um Hilfe kümmern kann, um ihn nach Salisbury zu transportieren.«
»Ja«, sagte Phoebe langsam, »und auf dieser Seite des Hauses ist wahrscheinlich niemand, weil alle Diener beim Ball eingesetzt sind! Kannst du ihn hochheben?«
Er schnitt eine Grimasse. »Nein, verflucht! Ich habe es versucht, aber er ist zu schwer.«
»Vielleicht kann ich helfen.«
»Nein, nein! Dein Kleid darf nicht voller Flecken sein, wenn du zur Party zurückgehst! Es gibt eine Möglichkeit, Phoebe. Eine riskante. Ist ein Gentleman hier, der Carruthers heißt?« Sie runzelte die Stirn. »Ich – glaube nicht.«
»Lascelles sagt, er habe sein Gespann vor kurzer Zeit die Auffahrt heraufkommen sehen, und – oh, ich habe ganz vergessen. Phoebe, dieser Gentleman ist Lieutenant Lance Lascelles. Lance, meine ältere Schwester, Phoebe.«
Ein schwaches Zwinkern trat in die überanstrengten Augen. »Ich würde sagen, Ihr Diener, Ma’am, nur daß ich – daß ich fürchte, ich werde eher Ihre Last sein.«
»Machen Sie sich keine Gedanken«, sagte sie freundlich. »Das Wichtigste ist jetzt, Ihnen zu helfen. Sind Sie befreundet mit diesem Mr. Carruthers?«
»Ja. Er ist ein sehr alter Freund.«
»Ein Jakobit, Sir?«
Er stieß ein schwaches, krächzendes Lachen aus. »Bei Gott, nein! Merry verabscheut die Sache der Stuarts. Aber – er ist ein treuer Bursche, und ... im Namen der Freundschaft würde er mich vielleicht wenigstens nach ... nach Salisbury bringen. Er wohnt in der Nähe.«
Zumindest war der Name Merry hoffnungsvoll; er mußte ein gutmütiger Mensch sein, um einen solchen Spitznamen zu verdienen. Dennoch war das Risiko erschreckend.
Sinclair begegnete ihrem besorgten Blick und sagte mit einem hilflosen Achselzucken: »Ich halte es für unsere größte Hoffnung. Wenn er ein Freund von Lascelles ist, wird er uns höchstwahrscheinlich nicht verraten, selbst wenn er seine Hilfe verweigert.«
»Nun gut, ich gehe und suche ihn. Wie erkenne ich ihn, Lieutenant?«
»Er ist groß; ein gutgebauter Bursche. Neunundzwanzig, und – und Sie werden ihn leicht entdecken. Er ist sehr dunkelhaarig und ... weigert sich, sein Haar zu pudern.«
»Himmel! Er müßte auffallen wie ein bunter Hund. Ich werde mich beeilen, so gut es geht.«
Sie hastete sofort davon, das Echo von Lascelles’ gestammelten Dankesworten im Ohr. Es war sehr gut möglich, daß Lord Olderwood immer noch um die hintere Terrasse herumlungerte, und sie hatte nicht den Wunsch, viel Zeit mit höflichen Ausflüchten zu verbringen. Außerdem war sie ängstlich darauf bedacht, ihr Kleid zu inspizieren, denn sie hatte sich nahe zu Lieutenant Lascelles gebeugt, und der arme Teufel war voller Blut. So leid er ihr tat, hatte sie doch große Angst um ihren Bruder. Wenn Sinclair tief darin verstrickt war, den Rebellen zu helfen, befand er sich in tödlicher Gefahr. Welch schreckliche Befürchtung! Und noch vor wenigen Augenblicken war ihre größte Sorge gewesen, ob sie Brooks Lambert tief genug liebte, um ihren Sinn für familiäre Verpflichtungen in den Wind zu schlagen und Papa zu sagen, daß sie ihn heiraten wollte!
Sie betrat das Haus durch die französischen Fenstertüren, die in die dunkle Bibliothek führten. In der Halle brannten hier und da Wandfackeln, und sie eilte durch den verlassenen Raum und blieb kurz vor dem kunstvollen goldgerahmten Spiegel über der chinesischen Kommode stehen. Ängstlich spähte sie auf ihr Spiegelbild, entfernte einige Blätter aus ihrem Haar und untersuchte ihre Röcke. Am Saum ihres Kleides war Schmutz, und an ihrer Schleppe hingen Blätter und Zweige, aber nachdem sie den ersteren abgebürstet und letztere entfernt hatte, fühlte sie sich ganz präsentabel, nur daß sie blaß war vor Nervosität. Sie kniff sich in die Wangen, um ihnen ein wenig Farbe zu verleihen, und eilte zum Ballsaal.
Sofort war sie Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und lachte und flirtete, während ihre Augen verzweifelt suchend durch das Gedränge blickten. Sie mußte nicht lange suchen. Der Gentleman stand mit dem Rücken zu ihr und bot den Anblick eines breiten Schulterpaars in einem kunstvoll geschneiderten grauen Samtrock, der verschwenderisch mit silberner Stickerei verziert war. Es konnte keinen Zweifel daran geben, wer er war, denn in einem Raum, in dem jeder Kopf entweder eine Perücke trug oder gepudert war, hatte er sich keinerlei gezierter Mode unterworfen, und sein dichtes Haar war ordentlich zurückgebürstet und mit einem silbernen Band zusammengebunden.
Phoebe antwortete fröhlich auf die flehentlichen Bitten, die ihr ein eleganter entfernter Cousin ins Ohr flüsterte, und fragte sich, wie sie die Aufmerksamkeit ihrer Beute auf sich lenken sollte.
Ihr Problem löste sich von selbst. »Da bist du ja, Kätzchen!« rief die volltönende Stimme ihres Vaters. »Komm schon, lassen Sie sie gehen, Monty. Hier ist ein Gentleman, der ganz begierig darauf ist, ihre Bekanntschaft zu machen.«
Phoebe ließ ihren grollenden Cousin stehen und wurde einige Schritte weitergeführt.
»Carruthers«, rief Sir George. »Hier ist meine Tochter!«
Der dunkle Kopf wandte sich um, und Phoebe keuchte beinahe vor Schreck auf. Es war der Tyrann! Sie hatte ihn zum erstenmal bei der Frühstücksgesellschaft der Wyndhams im Frühling gesehen. Da er auf der anderen Seite des Tisches gesessen hatte, hatten sie nicht miteinander gesprochen, und eine ganze Weile hatte er ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit gezollt. Sie hatte verstohlen zu ihm geblickt, fasziniert von den Narben, die seine linke Wange wie weiße Zwillingslinien vom Haaransatz bis zum Kinn verunstalteten und seine Augenbraue zu einem spöttischen Bogen zogen, der seinem Gesichtsausdruck einen diabolischen Anstrich verlieh. Seine seltsamen Augen, die wie Seen aus hellblauem Eis in dem mageren, gebräunten Gesicht leuchteten, hatten sie mit einem kalten Blick gestreift. Sie hatte ihre Augen sofort niedergeschlagen und den Gentleman später Cousin Wandsworth gezeigt. Dieser affektierte Dandy hatte mit einem Grinsen erklärt: »Oh, das ist der alte Meredith. Groll und Griesgram persönlich, nicht wahr? Sein Bruder nennt ihn den Tyrannen. Passend, oder?« Als sie nun erneut die buschigen dunklen Brauen, die markante, dünne Nase, das vorspringende Kinn und die unnachgiebige Linie des Mundes bemerkte, dachte sie bestürzt, Merry soll der heißen? Ausgerechnet der! Warum hat dieser blöde Wandsworth mir nicht gesagt, daß sein Name Meredith Carruthers ist?
Sie war sich undeutlich bewußt, daß ihr Vater sie einander vorgestellt hatte und die dünnen Lippen des Tyrannen sich zu einem besonders unangenehmen Feixen verzogen. Sie starrte ihn schon wieder an, so wie beim erstenmal, als sie sich gesehen hatten. Er mußte sie für ein Mädchen mit äußerst schlechten Manieren halten. Schnell sank sie in einen Knicks. Er beugte sich über ihre Hand und sagte trocken: »Entzückt, Ma’am«, mit einer tiefen Stimme, deren Klang ebenfalls besagte: »Sie albernes Geschöpf.«
Von diesem kalten Fisch werden wir viel Hilfe zu erwarten haben, dachte Phoebe, aber sie wandte ihm ihr betörendstes Lächeln zu und sagte kokett: »Mein lieber Papa sagt, daß Sie ganz erpicht darauf waren, meine Bekanntschaft zu machen, Mr. Carruthers.«
Sir George blickte gelinde verlegen drein.
Carruthers antwortete mit gelangweilter Höflichkeit: »Wer wäre das nicht, Ma’am?«
»Schmeichler.« Sie verschwand hinter ihrem Fächer. »Oh, meine Güte! Da kommt Mylord Olderwood, und ich bin viel zu erschöpft, um schon wieder zu tanzen. Vielleicht würden Sie so freundlich sein und mich hinaus auf die Terrasse führen, damit wir in der frischen Luft ein wenig plaudern können. Es ist so schrecklich warm hier drinnen.«
Carruthers sah sie verblüfft an, streckte aber pflichtschuldigst den Arm aus, und sie nahm ihn und zog ihn sanft auf die äußere Halle zu.
»Ich dachte, Sie wollten auf die Terrasse gehen, Miss Ramsay«, sagte er.
»Ja. Aber nicht auf diese. Jedermann wird uns aufhalten, und ich – äh, ich bin sehr müde.«
Sie wußte, daß ihr Vater sie förmlich anstierte, denn nicht nur liebte sie Bälle, sie war außerdem bekannt für ihre Fähigkeit, die ganze Nacht durchzutanzen und niemals ein Anzeichen der Müdigkeit erkennen zu lassen. Sie warf Sir George ein warmes Lächeln zu und setzte sich in Bewegung.
Carruthers kam ihrer Bitte nach und führte sie in die Haupthalle. Sie blickte auf und sah, daß seine Lippen zusammengepreßt waren. Sie war nicht überrascht, als er mit fast taktloser Deutlichkeit bemerkte: »Wenn das Lord Olderwoods Tanz ist, Ma’am, sollten Sie ihn ihm gewähren. Ich hatte keinerlei Absicht, Sie mit Beschlag zu belegen.«
»Vielleicht nicht«, murmelte sie, »aber ich habe vor, Sie mit Beschlag zu belegen, Mr. Carruthers.«
Sie fühlte, wie er zusammenzuckte, und die hellblauen Augen blickten schräg auf sie herab, ein argwöhnisches Glimmen dämmerte in ihnen.
»Ich glaube, ich werde Ihnen nicht folgen, Miss Ramsay«, sagte er, und seine Schritte wurden langsamer.
»Nein, aber Sie müssen«, sagte sie, zog ihn ohne alle Bedenken am Arm und sagte mit leiser Eindringlichkeit: »Ich habe ihre Hilfe verzweifelt nötig. Nein, schauen Sie nicht so entsetzt, ich habe keinen Anschlag auf Sie vor, ich verspreche es. Kommen Sie nur. Ein Freund von Ihnen ist da und möchte Sie sehen. Stehen Sie doch nicht da wie ein Klotz! Die Diener starren schon her. Bewegen Sie Ihre Füße, Sir! Links – rechts, links – rechts!«
Er runzelte die Stirn, aber ein belustigtes Funkeln schlich sich in die hellen Augen, und er tat, wie sie ihn geheißen hatte. »Ich frage mich, warum ich die unselige Vorahnung habe, daß ich dabei bin, mich auf etwas Unerhörtes einzulassen«, murmelte er. Aber als sie in den verlassenen östlichen Korridor kamen und Phoebe ihn hinuntergehen wollte, blieb er stehen, und das Lächeln in seinen Augen, das ihr seltsam anziehend erschienen war, erstarb. »Nein wirklich, Ma’am. Das ist untragbar. Mit allem schuldigen Respekt, ich muß Sie an die Deutung erinnern, die man der Tatsache beimessen wird, daß ich Sie so entführe.«
»Oh, zur Hölle damit, was die Leute sagen werden!« Sie zog an seinem Arm. »Kommen Sie schon weiter!«
Seine Hand schloß sich um ihre. Er stand ruhig da, das Gesicht streng und unnachgiebig. »Madam, ich hänge nicht sehr an Konventionen, aber ich glaube, ich weigere mich, eine Lady zu kompromittieren, die ich nie zuvor gesehen habe. Kein Schritt weiter, bevor Sie mir nicht wenigstens den Namen dieses – äh, Freundes sagen.«
Sie hätte ihn schütteln mögen, aber da sie wußte, daß seine Reaktion gerechtfertigt war, blickte sie sich um und zischte: »Es ist – Lance.«
»Guter Gott!« keuchte er, deutlich erstaunt. »Aber wozu die Geheimnistuerei, Ma’am? Warum kommt er nicht –«
»Er ist – in Schwierigkeiten. Oh, wollen Sie jetzt mitkommen?«
Er gab keine Antwort, begleitete sie aber so schnell, daß sie fast rennen mußte, um mit ihm Schritt zu halten. In wenigen Minuten waren sie aus dem Haus geschlüpft und traten unter die Bäume. Carruthers knurrte: »Wenn man uns gesehen hat, sind Sie gründlich in Ungnade gefallen! Und ich ebenso. Sie erlauben sich besser keinen albernen Witz mit mir, oder –«
Die Worte erstarben, als sie aus der tiefen Dunkelheit der Bäume heraustraten und auf eine kleine Lichtung kamen. Lascelles saß nun mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, und Sinclair kauerte neben ihm, eine Karaffe Wein in der Hand, die er offensichtlich aus dem Haus stibitzt hatte. Carruthers hielt inne und stand starr da.
Mit einem verzerrten Lächeln sagte Lascelles schwach: »Jetzt sieh nur ... was ich angestellt habe.«
Zwei lange Schritte, und Carruthers kniete neben ihm. Er ergriff die zitternde ausgestreckte Hand und grollte: »Du verdammter Tollkopf! Ich hätte mir denken können, daß du dich in dieses elende Fiasko stürzt! Mit Charlie auf Feldzug, oder nicht?«
»Ja.« Ein Glitzern von langsamen, schmerzvollen Tränen trat in Lascelles’ Augen. »Bis Culloden. Merry ... wenn du diese Hölle gesehen hättest ...!«
»Ich habe sie gesehen! Ich war dort. Nur die Gnade Gottes hat verhindert, daß wir uns nicht mit unseren Säbeln gegenübergestanden haben! Verdammt, Lance! Ich könnte dir den dummen Hals brechen!«
»Also wirklich!« rief Phoebe empört aus. »Eine schöne Art, mit Ihrem Freund zu reden! Sehen Sie nicht, in was für einer Lage er ist, Sir? Ich würde meinen –«
Wütend schaltete er sich ein: »Dann schlage ich vor, Sie sehen sich diese Lage einmal an, Ma’am! Sind Sie so weitblickend, daß Sie den Kopf Ihres Vaters auf einer Eisenspitze am Tor des Temple sehen? Meinen Sie, man würde davor zurückschrecken, Ihnen dieselbe Behandlung angedeihen zu lassen? Oder diesem jungen Kavalier, der, wie ich wette, Ihr Bruder ist?«
Wutschnaubend erwiderte Sinclair: »Ich bin Sinclair Ramsay, Mr. Carruthers. Und ich glaube, es ist nicht nötig, meiner Schwester gegenüber diesen Ton anzuschlagen. Wenn jemand zu tadeln ist, bin ich es. Ich bin für die Sache der Stuarts und bin es immer gewesen, und –«
»Na fein. Ich nehme an, Sie haben einen schottischen Namen und schottische Vorfahren. Katholik?«
»Nein. Viele der Engländer, die Charles unterstützt haben, waren Protestanten und sind –«
»Sind tot, liegen im Sterben, werden gefoltert, gequält, gehetzt und sind am Verhungern! Schauen Sie sich nur diesen Idioten an!«
Lascelles murmelte: »Du brauchst dich nicht – verpflichtet fühlen zu ... zu helfen, Merry.« Aber trotz dieser tapferen Bemühung stand in dem gramzerfurchten Gesicht Verzweiflung. Phoebe schürzte die Lippen. »Mein Bruder und ich werden Ihnen helfen, Lieutenant Lascelles. Wir haben keine Angst!«
»Lascelles?« bellte Carruthers und warf ihr einen Blick voller Abscheu zu.
Der Flüchtling nickte müde. »Der Name, unter dem ich gekämpft habe.«
»Es ist lebenswichtig, daß er nach Salisbury gebracht wird, Mr. Carruthers«, warf Sinclair ein. »Er sagte, Sie wohnen in der Nähe, deshalb dachten wir –«
»Dachten Sie, in der Tat? Beschreiben Sie mir das Szenario, bitte, Sie junger Don Quichotte. Soll ich diesen dummen Kerl vielleicht auf dem Rücken schleppen? Ihn in meiner Kutsche davonschleifen, um von der ersten Truppe Dragoner entdeckt zu werden, die wir antreffen? Und sie stehen dicht auf den Straßen, das kann ich Ihnen versichern. Das ist der Grund, warum ich zu spät zum Ball gekommen bin! Soll ich meinem Kutscher sagen, daß er so freundlich sein soll, in die andere Richtung zu schauen, während wir einen Verräter fortbringen, dessen Anwesenheit ihn mit Sicherheit den Kopf kosten würde – wenn wir so viel Glück haben sollten, daß uns die Folter zuvor erspart würde? Verdammt, was für ein Irrsinn!«
»Ja«, knirschte Phoebe, die sich danach sehnte, ihn zu kratzen. »Und ein Irrsinn, den Sie fortsetzen! Wenn Sie Ihrem guten Freund nicht bis Salisbury helfen wollen, würden Sie den Lieutenant vielleicht wenigstens in unser Kellergeschoß tragen, so daß ich seine Wunden verbinden kann? Falls Ihnen das entgangen sein sollte, während Sie sich um Ihren Kutscher sorgen, er blutet!« Carruthers starrte Lascelles schweigend an, dann sagte er grimmig: »Wenn ich ihn in Ihr Haus bringe, Ma’am, bringe ich jedes Mitglied Ihrer Familie in Gefahr. Sind Sie gewillt, eine so schreckliche Verantwortung zu tragen?«
Grausige Kälte krampfte Phoebe den Magen zusammen. Sie wußte, daß Sinclairs blaue Augen fest auf ihr Gesicht gerichtet waren und daß er treu zu ihrer Entscheidung halten würde. »Er ist ein – ein menschliches Wesen in Not«, stammelte sie.
»O Gott!« grunzte Carruthers verächtlich. »Auch noch ein weiblicher guter Samariter!« Aber er schälte sich aus seinem eleganten Rock und warf ihn ihr zu. »Halten Sie.«
Sie nahm ihn, sehnte sich danach, ihn ihm um den Hals zu schlingen und zuzuziehen, und er wandte sich Sinclair zu. »Geben Sie mir jetzt den Ihren.«
Sinclair zog sofort seinen Rock aus, erhob aber Einwände. »Aber – ich habe nicht Ihre Statur. Er ist Ihnen zu klein, Sir.« Carruthers wendete den Rock und warf ihn über seine Schulter. »Sie können hineingehen und sich andere Kleider holen. Ich kann nicht mit blutiger Kleidung drinnen erscheinen, und ich halte es für wichtig, daß ich nicht einfach von dem Ball verschwinde.« Mit weniger barscher Stimme sagte er: »Ich bedaure, Lance, aber du bist zu groß, als daß ich dich in den Armen wiegen könnte. Ich muß dich über die Schulter nehmen, und du mußt es aushalten, alter Junge. Auf geht’s.« Er half dem Flüchtling auf die Beine, sah einen Augenblick prüfend in das erschöpfte Gesicht, beugte sich hinunter, und mit einer schnellen, kräftigen Bewegung hatte er ihn über seine Schulter geworfen.
Phoebe hörte nur einen schwachen Laut von Lascelles, dann hingen seine fest zusammengeballten Hände plötzlich schlaff herab. Sie stieß einen leisen, mitleidigen Schrei aus.
Carruthers sagte: »Er spürt im Moment gar nichts, Ma’am, mein Rücken aber wohl, also seien Sie bitte so gut und gehen Sie voran. Je schneller wir das hinter uns haben, desto besser!«
Das Kellergeschoß war unordentlich, kalt und feucht, aber Phoebe hatte einen Kerzenleuchter aus der Bibliothek mit hinuntergenommen, außerdem eine silberne Fruchtschale mit Wasser aus einem Krug, den sie sich von einem Tisch mit Erfrischungen, der in den Ballsaal getragen werden sollte, ausgeliehen hatten. Sinclair hatte dieses riskante Manöver mit beträchtlichem Schneid ausgeführt, indem er wartete, bis ein ständig belästigter Diener sein Tablett abgestellt hatte und verschwunden war, dann hatte er seinen Beutezug ausgeführt und war wieder außer Sichtweite verschwunden, bevor ein schwer beladener Lakai daherkam. Phoebe hatte sich skrupellos die Tücher des Mannes angeeignet, die sie als Lumpen benutzte, um das Gesicht des Flüchtlings zu waschen und seine zahllosen Kratzer und Schnittwunden zu baden.
Diese Bemühungen brachten Lascelles wieder zu Bewußtsein, und Carruthers begann, ihn auszufragen und seine Erkundigungen mit rücksichtsloser Hartnäckigkeit einzuziehen, selbst als sein Freund sich unter Phoebes Pflegeleistungen wand. »Liebe Güte, Sir«, rief sie, als Lascelles ein Stöhnen unterdrückte, »lassen Sie dem armen Kerl eine Chance! Er hat Ihnen gesagt, wie er nach Culloden entkommen ist und es geschafft hat, so weit zu kommen, halb verhungert und auf Schritt und Tritt gejagt. Was wollen Sie denn noch? O Himmel, ich fürchte, in dieser Schnittwunde ist noch ein Stück Glas, Lieutenant!«
»Bis jetzt hat er mir nichts gesagt, das ich nicht bereits wüßte, Ma’am«, erwiderte Carruthers kurz angebunden. »Lassen Sie die Wunde am Bein, sie ist zumindest abgebunden, und Ihr Bruder kann sie versorgen. Wir haben sehr wenig Zeit, denn ich bezweifle nicht, daß wir bereits vermißt werden. Lance, ich will die Wahrheit wissen, wenn ich helfen soll, dich nach Salisbury zu bringen; obwohl Gott allein weiß, wie ich das machen soll!«
Lascelles keuchte schwach: »Manchmal ist es ... besser, nicht zu viel ... zu wissen.«
»Vielleicht. Aber wenn ich meinen Kopf in diesem Teufelsgebräu verlieren soll, will ich mehr darüber wissen. Erstens – weiß dein Vater, daß du in die Sache der Jakobiten verwickelt bist?«
»Mein Gott – nein! Ich glaube, das würde ihn umbringen! Merry« – die dünne Hand streckte sich hastig aus – »du wirst es ihm doch nicht sagen? Schwör es!«
»Natürlich werde ich es ihm ohne deine Erlaubnis nicht sagen. Aber ich glaube, du unterschätzt ihn.«
Lascelles seufzte erleichtert und lehnte sich wieder zurück. »Gott schütze den alten Feuerfresser. Kommt ihr beiden jetzt besser miteinander aus?«
»Nein. Er haßt mich – äh, innerlich. Genau wie er meinen Vater verabscheut hat. Und versuch nicht, das Thema zu wechseln. Warum ist es so ›lebenswichtig‹, daß du nach Salisbury kommst? Du hättest dich besser irgendwo langgelegt, denke ich, als in deiner Verfassung herumzurennen.«
Hier gelang es Phoebe, den Glassplitter zu entfernen, und Lascelles schloß die Augen und sagte nichts.
»Ich meine es ernst, Lance«, knirschte Carruthers. »Die Wahrheit – oder du hast keine Hilfe von mir zu erwarten.«
»Sie sind niederträchtig«, sagte Phoebe, die verzweifelt versuchte, nicht auf das Blut auf ihren Händen zu achten, damit ihr nicht übel wurde. »Ich nehme an, Sie wären ruhig und gelassen, wenn Ihnen jeder Dragoner im Lande auf den Fersen wäre! Was macht es denn für einen Unterschied, wenn er in Panik geraten und davongerannt ist?«
»Es macht einen beträchtlichen Unterschied, wenn mein guter Freund hier der Kurier ist, den die Soldaten so eifrig jagen.«
Sinclair, der während der Befragung still geblieben war, hatte die Hand nach der Weinkaraffe ausgestreckt, und Phoebe sah, wie sie zusammenzuckte. Sein Kopf unter der Perücke wandte sich rasch zu Carruthers um, seine offensichtliche Beunruhigung machte ihr angst.
»Kurier?« sagte sie. »Was für ein Kurier? Was meint er, Sin?«
Carruthers sagte grimmig: »Ich habe einen Freund beim Militär, der mir erzählt hat, daß manche von den jakobitischen Flüchtlingen den Teil einer Nachricht bei sich tragen. Es hängt mit dem Schatz zusammen, den Prinz Charles angehäuft hat, um seine bedauernswerte Sache zu finanzieren, den er aber nicht mehr nutzen konnte, bevor das Ende kam. Stimmt’s, Lance?«
Lascelles zögerte, dann nickte er widerstrebend. »Der Prinz hat einen Aufruf für Kontributionen erlassen. Seine Gefolgsleute waren sehr großzügig. Juwelen, Tafelsilber ... sogar Kunstwerke strömten herein. Jetzt, da ... da unsere Sache verloren ist, plant das Komitee, das damit beauftragt war, den Schatz... aufzubewahren, ihn den – den Spendern zurückzugeben.«
Carruthers schüttelte den Kopf. »Wahnsinn über Wahnsinn! Ist es wahr, daß es Charles Stuart wegen unserer Blockade nicht möglich war, den Schatz nach Frankreich zu bringen?«
»Ja. So hat er ihn in seiner Verzweiflung... nach England hinuntergeschickt, in der Hoffnung, ihn von – von hier aus auf ein Schiff zu bringen. Aber dann –« Er seufzte trübselig. »Culloden. Und alles war ... aus.«
»Beim Zeus! Willst du sagen, daß die Wertsachen jetzt in England sind?«
»In drei vorläufigen Verstecken, die man hastig ausgesucht hat und – die unglücklicherweise nicht sehr sicher sind.«
»Und sie sollen den Spendern von diesen drei Verstecken aus zurückgegeben werden?«
Lascelles seufzte, und sein Kopf fiel zurück auf die alte Matratze, auf die sie ihn gelegt hatten.
Sinclair flüsterte: »Setzen Sie ihm nicht so zu, um Himmels willen. Er ist völlig erschöpft. Ich werde es Ihnen sagen. Der Schatz soll eingesammelt und zu einem zentralen Bestimmungsort eingeschifft werden. Es hat keinen Zweck, mich zu fragen, wohin, denn das weiß niemand außer dem Komitee, das die Geheimbotschaften ausgesandt hat.«
»Mehr als eine also?«
»Ja. Aber wie viele, weiß ich nicht. Nur daß jede aus einem Vers besteht, in dem ein Teil der Nachricht verschlüsselt ist. Ein Einziger wird sie entschlüsseln und den Ort kennen, an den der Schatz gebracht werden soll.«
»Aber – wie soll das gemacht werden?« fragte Phoebe und betrachtete ihren Bruder fasziniert. »Ich meine – wie wollen sie denn einen so riesigen Schatz transportieren?«
»Ich habe keine Ahnung, Gott sei Dank. Meine einzige Funktion in der ganzen Sache ist zu versuchen, den armen Teufeln beim Entkommen zu helfen.«
Lascelles sagte: »Du mußt wissen, wie Sympathisanten der Jakobiten behandelt werden, Merry. Die Familien, deren Männer Stuart gefolgt sind, haben ihr Heim verloren ... ihre Ländereien, jeglichen Besitz. Sie verhungern im wahrsten Sinne des Wortes. Wir müssen ihnen ihre Wertsachen zurückgeben. Ich muß meine Nachricht ... über – überbringen ... Ich ...« Die Worte erstarben in Schweigen, und er schien in Schlaf zu sinken.
Carruthers beobachtete ihn düster und flüsterte: »Gott steh uns allen bei!«
Sinclair zog eine alte Truhe herbei, um damit den Haufen Plunder noch zu vergrößern, den sie zusammengesammelt hatten, um Lascelles abzuschirmen, der nun mit einigen mottenzerfressenen, aber warmen Decken zugedeckt war, die sie gefunden hatten. »Ihr beide geht am besten zurück zum Ball«, sagte er atemlos. »Ich werde nach seinem Bein sehen. Hier – nehmt die Kerze. Nachdem ihr fort seid, ziehe ich den Vorhang von dem Fenster hier halb auf, und das Mondlicht wird ausreichen.«
Carruthers nahm den Kerzenhalter, schnitt Lascelles’ demütige Dankesflut mit der Bemerkung ab, er sei eine verdammte Nervensäge, dann ging er neben Phoebe durch das Kellergeschoß. »Beim Zeus, was für ein Hexengebräu«, brummte er. »Sie haben es geschafft, immer noch sauber auszusehen, Miss Ramsay. Ich hoffe, Ihnen fällt eine ebenso saubere Lösung ein, diesen Dummkopf zu meinem Landsitz zu bringen, denn mir gelingt das sicherlich nicht.«
Phoebe war erleichtert, daß er gewillt war, es zu versuchen, und sagte hoffnungsvoll: »Wir könnten ihn vielleicht als Pferdeknecht oder als Diener verkleiden, und –«
»Und ihn auf den Kutschbock setzen und zusehen, wie er innerhalb von zwei Minuten herunterfällt und unter die Räder rollt? Guter Gott, Ma’am! Dieser Einfaltspinsel kann nicht einmal stehen, geschweige denn gehen! Wir haben Glück, wenn wir ihn in die Kutsche bringen, bevor er in Fieberwahn sinkt!«
Sie funkelte ihn an. »Mir ist bewußt, daß Sie nichts gegen Ihre natürliche Neigung machen können, Mr. Carruthers, aber müssen Sie immer so pessimistisch sein?«
Er beugte sich zu ihr und murmelte leise: »Würde ich in diesem Augenblick meinen ›natürlichen Neigungen‹ folgen, dann würde ich Sie wahrscheinlich übers Knie legen und Ihnen den Hintern versohlen. Und diesem leichtsinnigen Dickkopf von Ihrem Bruder! Wahrscheinlich hält er sich für einen prächtigen, hochtrabenden Helden! Lassen Sie ihn einem Messer gegenüberstehen, das ihn aufschlitzen soll, und –«
Phoebe wirbelte zu ihm herum, und Tränen trübten plötzlich ihren Blick. »Wie furchtbar! Sagen Sie das nicht! Sagen Sie das nicht!«
Er stöhnte. »Ich entschuldige mich. Aber Sie müssen aufhören, diese Sache als lustiges Abenteuer zu behandeln, und der grausamen Realität ins Gesicht sehen.« Er blickte in ihr bedrücktes Gesicht und rief ungeduldig: »Genug! Lance hatte schon immer mehr Schneid als Verstand. Ich wünschte, Sie wären nicht in die Sache hineingezogen worden, aber Sie haben Mut, das gestehe ich Ihnen zu. Haben Sie vielleicht auch eine Kutsche mit doppeltem Boden? Oder ein Trojanisches Pferd?«
»Ein Trojanisches Pferd ...«, wiederholte sie, ohne sein widerstrebendes Kompliment zu beachten. Sie blieb am Fuß der Treppe stehen, die hinauf zur Halle führte, und sagte aufgeregt: »Sir! Wenn Sie uns einladen würden, Ihren Besitz in Salisbury zu besuchen –«
»In der Nähe von Salisbury«, korrigierte er und balancierte den Kerzenarm auf den Pfosten des Treppengeländers.
»Wir könnten einen großen Schrankkoffer mitnehmen«, fuhr sie fort, »und –«
»Und den armen Lance hineinstecken?« Er lachte in sich hinein. »Das müßte wirklich ein großer sein. Er ist ein langbeiniger Bursche.«
»Oh, lachen Sie nur! Alles, was Sie können, ist höhnisch grinsen. Wenn Sie einen besseren Plan haben ...«
Unerwartet zuckten seine Mundwinkel, und er grinste sie an. »Nein. Ich entschuldige mich. Sie haben völlig recht. Und Ihre Idee ist gar nicht so schlecht, nur – unser armer unbedarfter Flüchtling darf den Haufen Trödel von Ihren Vorfahren nicht lange krönen, Miss Ramsay. Was immer wir auch tun, muß sofort getan werden. Ich habe erst gerade Ihre Bekanntschaft gemacht. Unter welchem möglichen Vorwand sollte ich plötzlich Sie und Ihren Bruder zu einem so langen Aufenthalt einladen, der es rechtfertigen würde, daß Sie eine solch ungeheure Menge von –«
Ein scharfes Klicken. Eine schwere Hand auf dem Türknauf. Phoebe quietschte vor Schreck; der Laut wurde erstickt, als sie von ehernen Händen ergriffen, in eine heftige Umarmung gerissen und leidenschaftlich geküßt wurde. Halb erstickt, mit anscheinend zerquetschten Rippen, hin und her gerissen zwischen Angst und Wut, hörte sie ihren Vater brüllen: »Lassen Sie meine Tochter los, Sir! Sie verdammter Halunke! Wie können Sie es wagen?«
Carruthers machte einen Satz nach hinten. »O ... Gott«, stöhnte er voll echtem Entsetzen.
Sir George Ramsay stand auf der obersten Treppenstufe, das Gesicht wutverfärbt. Lady Eloise, weiß und entsetzt, spähte an ihm vorbei, und eine kleine Ansammlung von Gästen und Dienern bildete einen entrüsteten Hintergrund für die dramatische Szene.
Zitternd würgte Phoebe heraus: »Ich – ich kann es erklären, P-Papa.«
»Das lassen Sie am besten mich tun, Ma’am«, sagte Carruthers. »Sir George –«
»Mit Ihnen spreche ich in meinem Arbeitszimmer, Sir!« krächzte der erzürnte Vater. »Sie werden Glück haben, wenn ich nicht von meiner Reitpeitsche Gebrauch mache! Was Sie angeht, Miss Ramsay – Sie verschwinden in Ihr Zimmer!« Und da Phoebe betäubt von ihrem Elend wie angewurzelt dastand, schnaubte er: »Sofort!«
Sie floh, die Menge teilte sich vor ihr, auf jedem Gesicht lag eine Mischung aus Neugierde und Mißbilligung. Diese ganze schreckliche Affäre war zuviel für ihre bereits überstrapazierten Nerven, und Tränen liefen über ihre Wangen, als sie auf die Haupttreppe zurannte und versuchte, die Gentlemen, die hinter der Hand grinsten, die Ladies, die tuschelten und in ergötzlichem Tadel die Köpfe schüttelten, nicht zu sehen. Als sie den Gang im ersten Stock entlangeilte, sah sie, wie ihre Tür aufgerissen wurde. Ihre Zofe Ada Benham, der Besorgnis auf das dunkle, hübsche Gesicht geschrieben stand, rief: »Oh, Miss Phoebe! Wir hatten solche Angst! Wir haben Sie gesucht und gesucht!«
Phoebe stürzte sich in diese liebevollen Arme und heulte: »Ich bin ruiniert, Ada! Oh, ich bin völlig ... r-ruiniert ...!«
Phoebe wurde durch das Flüstern ihres Namens aufgestört. Einen Augenblick lang lag sie zwischen Schlaf und Wachen und starrte auf die Bettvorhänge. Sie wurden heftig geschüttelt, und wieder wurde ihr Name gezischt. Sins Stimme. Mit dem Bewußtsein kam die Flut der Erinnerung, schrecklich und unerbittlich, so daß sie die Vorhänge aufriß und im Licht der Kerze in seiner Hand ihren Bruder warten sah, elegant gekleidet in einen frischen Rock aus blauem Satin, die breiten Manschetten und Taschenklappen mit dunkelblauen Litzen verziert.
»Endlich«, brummte er und setzte sich auf den Bettrand. »Frauen! Ihr müßt von gefühllos reden! Wie konntest du nach dieser elenden Farce bloß schlafen?«
»O Sin«, rief sie flehend aus, setzte sich auf und klammerte sich an seine Hand. »Was ist geschehen? Ich war sicher, daß Mama heraufkommen würde, aber niemand ist zu mir gekommen. Nicht einmal Großmama, und sie verzeiht mir normalerweise vor allen anderen.«
»Nicht deine Schuld, altes Mädchen«, erwiderte er schroff, das magere, feingeschnittene Gesicht feierlich ernst. »Der Fehler liegt bei mir, und ich wünschte bei Gott, ich hätte dich nicht mit hineingezogen, aber – wenn du wüßtest, Phoebe! Was dieser Teufel Cumberland in Schottland als Vergeltungsmaßnahmen fertiggebracht hat, ist – nun, man kann kaum glauben, daß irgendein menschliches Wesen so – so bestialisch sein kann! Und wie die armen entkommenen Jakobiten gejagt werden und – oh, ich will das nicht noch einmal wiederholen. Es tut mir nur so leid, daß die Hauptlast jetzt auf deine Kosten geht.«
»Dummkopf«, sagte sie und drückte ihm liebevoll die Hand. »Als würde ich nicht gern jede Klemme mit dir teilen, in die du gerätst – oder als würdest du mir nicht helfen, wenn ich dich bräuchte! Erzähl mir bloß, was passiert ist. Hat Papa Mr. Carruthers gefordert?«
»Das verhüte der Himmel! Der Gentleman ist ein vollendeter Duellant. Soweit ich weiß, hat er sich dreimal geschlagen und wurde bisher nie besiegt. Aber – Gott, was für ein Spektakel! Mama hatte einen hysterischen Anfall, und Papa hat den armen Carruthers in sein Arbeitszimmer geschleift, als warte der Henkersknecht hinter der Tür!«
»O meine Güte! Was hat Mr. Carruthers bloß gesagt?«
»Weiß der Himmel. Ich habe von meinem Diener gehört, daß die meiste Zeit Papa geredet hat und daß Carruthers steif wie ein Stock herausgekommen ist, das Gesicht so weiß, wie es rot war, als er hineinging. Papa dagegen hat übers ganze Gesicht gelächelt.«
Eingeschüchtert flüsterte sie: »Du lieber Gott! Wie hat Carruthers das fertiggebracht?«
»Ich kann es mir nicht vorstellen. Er hat auf mich nicht den Eindruck gemacht, als sei er ein großer Diplomat. Der Ball ist in großem Stil weitergegangen, wie du dir denken kannst. Ich bezweifle, daß unsere Gäste es erwarten können, ihre Bekannten mit einem so saftigen Skandal zu erfreuen. Es war ein angenehmer Nervenkitzel für die ganzen alten Klatschbasen.«
Phoebe stöhnte und barg das Gesicht in den Händen, dann spreizte sie die Finger, um hindurchzuspähen und zu fragen: »Hast du Großmama gesehen? Ist sie wütend?«
»Weißt du«, sagte er langsam, »ich glaube, das ist sie gar nicht. Sie ist ein gerissenes Geschöpf. Vielleicht glaubt sie, es war nur die verrückte Laune eines Augenblicks.«
Sie seufzte, dann meinte sie: »Wie selbstsüchtig ich bin, nur nach mir zu fragen. Was ist mit deinem armen Flüchtling? Wenn Carruthers fort ist, wie können wir dann hoffen, ihn –«
»Lascelles ist eingeschlafen, als er versuchte, mir zu danken, der arme Kerl. Ich hatte Gewissensbisse, ihn in so einer jämmerlichen Umgebung allein zu lassen, aber ich kann mir vorstellen, daß er es bequemer hat als jemals seit der Schlacht von Culloden. Und Carruthers ist nicht fort, Liebes. Er übernachtet hier.« Er sah, wie ihre großen Augen sich vor Schreck weiteten, und tätschelte ihr die Hand. »Ich wollte es dir nicht sagen, aber du kannst dich ebensogut schon darauf vorbereiten. Papa und Mama und Großmama wollen heute vormittag um zehn mit dir und Carruthers sprechen.«
Phoebe preßte die Hand auf den Mund, um ihren Aufschrei zu ersticken.
Phoebe betrachtete sich in dem großen Spiegel und stöhnte: »O Gott, ich bin bleich wie ein Gespenst. Wir werden heute Rouge nehmen müssen, Ada. Ich will nicht, daß meine Familie glaubt, ich sei niedergedrückt vor Schuldbewußtsein.«
