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Eine Lady in Nöten – ein Gentleman zum Verlieben: »Scotland Lovesong – Ein Ball um Mitternacht« von Patricia Veryan jetzt als eBook bei dotbooks. Großbritannien, 1746. Lady Rebecca will es nicht glauben: Kaum hat sie pflichtschuldig geheiratet, haucht ihr ungeliebter Angetrauter wegen eines albernen Streits in einem Duell sein Leben aus! Nun ist guter Rat teuer, denn als junge Witwe bleibt sie völlig mittellos mit ihrem kleinen Sohn zurück. Wie gut, dass Rebecca erfinderisch ist: So schwer kann es doch schließlich nicht sein, sich einen reichen Mann zu angeln. Als sie auf einem Londoner Ball in den kerzenerleuchteten Stunden nach Mitternacht auf den untadeligen Sir Peter Ward trifft, scheint ihr Vorhaben perfekt aufzugehen – warum nur werden ihre Blicke dann immer wieder wie magisch von Trevelyan de Villars angezogen: einem dreisten Frauenheld, der unmöglich ihre Zukunft sein kann … »Patricia Veryan schreibt mit unvergleichlichem Zauber.« Romantic Times Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der historische Liebesroman »Scotland Lovesong – Ein Ball um Mitternacht« von Romance Queen Patricia Veryan, ein Fest für Fans von Georgette Heyer und Julia Quinn. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 539
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Über dieses Buch:
Großbritannien, 1746. Lady Rebecca will es nicht glauben: Kaum hat sie pflichtschuldig geheiratet, haucht ihr ungeliebter Angetrauter wegen eines albernen Streits in einem Duell sein Leben aus! Nun ist guter Rat teuer, denn als junge Witwe bleibt sie völlig mittellos mit ihrem kleinen Sohn zurück. Wie gut, dass Rebecca erfinderisch ist: So schwer kann es doch schließlich nicht sein, sich einen reichen Mann zu angeln. Als sie auf einem Londoner Ball in den kerzenerleuchteten Stunden nach Mitternacht auf den untadeligen Sir Peter Ward trifft, scheint ihr Vorhaben perfekt aufzugehen – warum nur werden ihre Blicke dann immer wieder wie magisch von Trevelyan de Villars angezogen: einem dreisten Frauenheld, der unmöglich ihre Zukunft sein kann …
»Der Superstar des Historischen-Liebesroman-Genres!« Romantic Times
Über die Autorin:
Patricia Veryan (1923–2009) ist das Pseudonym der englischen Schriftstellerin Patricia Valeria Bannister. Sie wurde in London geboren, siedelte aber nach dem Zweiten Weltkrieg nach Amerika um. Dort lebte sie viele Jahre in Kalifornien und Washington, wo sie auch mit dem Schreiben ihrer historischen Liebesromane begann. Diese gehören heute zu Klassikern in diesem Genre und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Patricia Veryan wurde für ihr gesammeltes Werk zudem mehrfach dem Romantic-Times-Award und dem »Silver Loving Cup« von Liebesroman-Legende Barbara Cartland ausgezeichnet.
Bei dotbooks veröffentliche Patricia Veryan ihre »Scotland Lovesong«-Reihe:
»Ein Ball um Mitternacht«
»Eine Reise in die Highlands«
»Ein Dandy zum Verlieben«
»Ein englischer Sommerball«
»Einen Liebe in North Downs«
»Ein unverschämter Gentleman«
»Eine stürmische Reise«
Sowie ihre nachfolgende »Scotland Kisses«-Reihe:
»Eine bezaubernde Lady«
»Eine charmante Diebin«
»Ein unerhörter Skandal«
»Das Geheimnis des Gentleman«
»Das Lächeln einer Lady«
»Eine charmante Intrige«
Und ihre »Regency Dreams«-Reihe:
»Ein Lord in Somerset«
»Eine Lady in Sussex«
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eBook-Neuausgabe März 2022
Die englische Originalausgabe erschien erstmals 1984 unter dem Originaltitel »The Wagered Widow«. Die deutsche Erstausgabe erschien 1990 unter dem Titel »Was das Herz befiehlt« bei Droemer Knaur.
Copyright © der englischen Originalausgabe 1984 by Patricia Veryan
Published by arrangement with St. Martin’s Publishing Group. All rights reserved.
Copyright © der deutschen Erstausgabe 1990 Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München
Copyright © der Neuausgabe 2022 dotbooks GmbH, München
Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin´s Publishing Group durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover, vermittelt.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mm)
ISBN 978-3-96655-962-1
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Patricia Veryan
Scotland Lovesong – Ein Ball um Mitternacht
Roman
Aus dem Englischen von Gabriele Krüger-Wirrer
dotbooks.
Für Audrey und Sheldon
Die Romane der »Scotland Lovesong«-Reihe handeln von dem Schatz, den Prinz Charles Stuart – zu spät – angehäuft hatte, um seinen jakobitischen Aufstand 1745-1746 zu finanzieren.
Meines Wissens ist bis heute unbekannt, was in Wirklichkeit aus dem Schatz geworden ist.
Diese Bücher stellen daher eine rein fiktive Schilderung seines Verbleibs dar und keineswegs historische Fakten.
London, Mai 1746
»Nicht, daß sie ein törichtes Mädchen wäre.« Mrs. Albinia Boothe machte eine weitere Schleife der Rosette fertig, an der sie gerade häkelte, hielt das noch sehr rudimentäre Tischtuch hoch und betrachtete es niedergeschlagen. »Du weißt«, fuhr sie fort, anscheinend an ihr Werk gewandt, »daß die liebe Rebecca erstaunlich erfinderisch ist.« Sie seufzte und schnalzte mit der Zunge, und ihre gepuderten Locken tanzten ein wenig unter dem zarten Spitzenhäubchen, das sie trug. »Zu erfinderisch manchmal, für eine vornehm erzogene Lady von Stand. Man macht sich wirklich Sorgen, denn wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, weiß man nie, was sie als nächstes tun wird.« Die Häkelnadel bewegte sich langsamer. Mrs. Boothe, eine hübsche kleine Lady mittleren Alters und von freundlicher, wenn auch etwas furchtsamer Gemütsart, hob die großen dunklen Augen, um auf die Uhr aus Sèvres-Porzellan auf dem Kaminsims zu sehen, als suche sie dort nach Unterstützung.
Die Uhr tickte weiter, bei weitem zu sicher auf ihrem ordentlichen Sockel, um sich von den Wehklagen der kleinen Lady stören zu lassen, und da sie keine Ermutigung erhielt, ließ Mrs. Boothe ihren Blick ziellos im Salon herumwandern. Es war ein reizendes Zimmer und spiegelte gebührend den kultivierten Wohlstand der John Street wider, in der das kleine Haus lag. Die blasse Morgensonne warf schräge Strahlen durch schneeweiße Spitzenvorhänge und bedeckte den dicken Teppich mit helleren Lichtpfützen; die Möbel waren dezent, aber teuer und geschmackvoll angeordnet, so daß der verfügbare Raum nicht vollgestopft wirkte. Aber obwohl dieser Maimorgen entschieden kühl war, brannte kein Feuer in dem eleganten italienischen Kamin, und Mrs. Boothe zog sich den Schal enger um die Schultern, als sie ihre Arbeit erneut aufnahm. Sie verfehlte jedoch die Schleife, die sie gerade fertigmachen wollte, und die Häkelnadel schnellte empor, als eine klare, weibliche Stimme gebieterisch rief: »Tante! Schau mich nur an!«
Eine Bitte, die einfach genug war, aber als Mrs. Boothe zu den drei Stufen blickte, die in die Halle führten, stieß sie einen Schrei aus und sprang erschrocken auf.
Das Mädchen, das dort stand, war nicht viel größer als ihre winzige Tante. Sie hatte einen reinen Teint, so hell, wie ihre Augenbrauen dunkel waren. Ihr Haar, elegant gepudert, war in dichten Rollen über ihrem stolzen kleinen Kopf frisiert, und eine lange Locke fiel ihr über die Schulter. Schalk tanzte in dunklen, fast schwarzen Augen, und rote Lippen, voll und süß gerundet, kämpften gegen ein Lächeln an, als sie sich öffneten und gleichmäßige weiße Zähne sehen ließen. »Ist es nicht wundervoll?« fragte sie unschuldig. »Ich fühle mich wieder lebendig!«
Sie sah in der Tat sehr lebendig aus, aber Mrs. Boothe beglückwünschte sie nicht zu dieser Tatsache, sondern preßte statt dessen die Hand gegen ihren Busen und bemerkte mit versagender Stimme: »Rebecca! Du hast – oh! – du hast die Trauerkleider abgelegt!«
Das stimmte allerdings. Die Witwe von Mr. Forbes Parrish sah in ihrem rosa Seidenkleid à la française, das ihre schlanke Figur bis zur Taille eng umschloß, um dann weit über die Reifröcke zu fallen, wie eine wahre Frühlingsfee aus. Ein deutliches Zwinkern in den Augen, aber mit reuigem Tonfall, fragte Rebecca: »Bist du sehr schockiert, meine Liebe?« Sie schritt die Stufen hinunter und hielt die Reifröcke hoch, so daß zierliche kleine Füße und wohlgeformte Fesseln zu sehen waren. »Es ist ein Jahr her, daß Forbes gestorben ist, weißt du.«
»Ein Jahr heute!« Mrs. Boothe sank zurück auf ihren Stuhl und jammerte: »Rebecca – glaubst du nicht, daß du noch warten solltest?«
»Ich habe gewartet! Ein ganzes Jahr! O Tante, ich glaubte, es würde nie zu Ende gehen! Lucy Farrington hat schon zehn Monate, nachdem Harley gefallen war, die Trauerkleider abgelegt.«
Mrs. Boothe sah entgeistert zu, wie ihre hübsche Nichte durchs Zimmer schritt und sich auf das kleine Sofa setzte. Mit besorgter Stimme erklärte sie, Rebecca sehe wieder ganz blühend aus, was reizend sei. »Nur – Harley ist in der Schlacht gefallen, Liebste.«
»Macht das einen Unterschied? Ich sehe nicht ein, warum. Sein Tod war ein ehrenhafter. Eher als bei dem armen Forbes – bei diesem unverzeihlich niederträchtigen Duell getötet zu werden! Oh, wie ich Duellanten verabscheue!«
Mrs. Boothe ließ sich nicht ablenken und wandte ein: »Aber Harley Farrington hat auf der falschen Seite gekämpft! Er war ein Jakobit!«
»Er hat für eine Sache gekämpft, an die er glaubte.« Rebeccas Grübchenkinn hob sich. »Wie viele andere prächtige Gentlemen.«
Mrs. Boothe stieß einen erschrockenen Schrei aus und spähte nervös im Zimmer umher. »So etwas schrecklich Leichtsinniges zu sagen! Sei doch vorsichtig, meine Liebe!«
»Unsinn! Selbst wenn Falk oder eines der Mädchen es zufällig hören sollten, fühlen sie wahrscheinlich ähnlich wie ich. Außerdem sind sie so treu, Gott segne sie, obwohl ich ihnen seit Wochen keinen Lohn mehr zahlen konnte! Sie würden mich niemals verraten. Und ich habe nicht gesagt, daß ich Prinz Charles oder seine Sache billige – nur, daß ich es sympathischer finde, sein Leben für ein Ideal hinzugeben, als wegen eines albernen Streits um Unstimmigkeiten im Kartenspiel.«
Ernst sagte Mrs. Boothe: »Aber du gibst doch sicher zu, daß der arme Forbes bei dem Versuch gestorben ist, uns über die Runden zu bringen? Du weißt, Liebes, wie sehr er sich bemüht hat.«
Rebecca schwieg. Ihr seliger Gatte, dachte sie rebellisch, hätte besser versuchen sollen, ihr Vermögen mit anderen Mitteln wiederherzustellen als mit denen, die sie ruiniert hatten. Aber dennoch, trotz seines sorglosen Mangels an Vernunft, hatte sie den charmanten Gentleman, der ihr Gatte gewesen war, ehrlich gern gehabt, und sie wußte, daß ihre Tante tief getrauert hatte, als er gestorben war. Daher preßte sie die Lippen zusammen, um eine instinktive Antwort zu unterdrücken, und sagte sanft, während sie sich erhob: »Ja, ich weiß. Komm, meine Liebe, es ist ein schöner Tag, und ich muß ins Kaufhaus, denn Anthony braucht einfach einen neuen Anzug. Wenn wir uns beeilen, sind wir rechtzeitig zum Mittagessen zurück.«
Bevor die Ladies das Ende der Straße erreicht hatten, fragte Mrs. Boothe sich jedoch, welche Vorstellung ihre Nichte von einem »schönen Tag« hatte. Die Sonne schien hell, aber ein starker Wind ließ ihre Mäntel flattern, und bei besonders heftigen Böen mußte man den Hut festhalten, was die Lady erniedrigend fand. »Wie soll man denn anmutig aussehen, wenn man sich an seinen Hut klammert und dieser Wind einem jede Sekunde den Streich spielen kann, die Fußknöchel unter dem Kleid zu enthüllen?«
Belustigt antwortete Rebecca rasch: »Du kannst es, meine Liebste. Und ein solcher Anblick würde die Herzen vieler Gentlemen im alten London erfreuen!«
»Rebecca!« Mrs. Boothes Wangen waren so dunkelrosa wie ihre Augen hell. »Du freches Kätzchen! Ach, du meine Güte, da kommt die Straßenecke, und der Wind weht uns sicher – ah, es ist schließlich doch nicht so schlimm. Wo war ich stehengeblieben? O ja, wenn ein Gentleman sich so ungehörig benehmen würde, nach den Knöcheln einer Lady zu schielen, würden die deinen sicher alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und niemand meine alten Glieder auch nur bemerken.«
»Mr. Melton würde sie bemerken.« Rebecca kicherte, als ihre Tante noch tiefer errötete. »Er hat dich seit vielen Monaten bemerkt, und mit so einem sehnsüchtigen Blick.«
»Re... becca! Also wirklich!«
»Und wahr! Wie du ganz gut weißt. Und was heißt hier alt –« »Kümmere dich nicht darum! Ich muß sagen, du wirst mit jedem Tag noch ungezogener! Außerdem, wenn George Melton bemerkt hat, daß es mich gibt, könnte man es doch kaum erraten. Er steht da. Und er starrt mich an – wenn ich nicht hinsehe. Und sagt nichts! Ich fange an zu glauben, daß ich ihn lediglich an jemanden erinnere. Aber – das ist ganz typisch.« Sie zuckte die Achseln. »Bitte sag mir doch jetzt, warum wir diesen windigen Spaziergang unternehmen, wenn deine Schneiderin unsere gegenwärtigen Mittel übersteigt? Der kleine Anthony muß sicher einen Anzug bekommen, den man wenden oder mit Flicken ausbessern kann oder so?«
»Nicht gut genug, meine Liebe. Er ist kein Kleinkind mehr und muß ordentlich gekleidet sein. Hm, in einem Jahr etwa kommt er nach Eton.«
Darüber war Mrs. Boothe so erstaunt, daß sie mitten auf dem Weg stehenblieb und ihre Nichte mit Augen anstarrte, die so rund waren wie Unterteller. »Eton ...? Wir können uns kaum Wachskerzen für den Salon leisten, und ich schwöre, daß meine Augen jeden Abend brennen, wenn ich in mein Schlafzimmer gehe und diese scheußlichen Monstrositäten aus Talg ertragen muß! Und du sprichst von Eton?«
Rebecca nahm ihren Arm, und sie gingen weiter. Unterwegs trafen sie nur wenige Bekannte, da der Morgen so frisch war und die meisten Ladies eher nach dem Mittagessen spazierengingen oder ausfuhren als zu dieser ungewöhnlichen Stunde.
»Warum nicht Eton?« Rebeccas Kinn hob sich störrisch, ein Ausdruck, den ihre Tante nur zu gut kannte. »Irgend etwas wird sich finden, ich bin sicher.«
»Du bist sicher?« Mrs. Boothe starrte sie hoffnungsvoll an und wagte zu fragen: »Hast du – hast du einen neuen Verehrer, Liebste? Hast du deswegen so überstürzt deine Trauerkleidung abgelegt?«
»Ich wünschte, ich könnte eine so seltene Handelsware finden!« Und als sie sah, daß ihre Tante empört den Mund öffnen wollte, fügte sie hastig hinzu: »Ich meine – einen, der akzeptabel ist, in angenehmen Verhältnissen lebt und eine Ehe im Sinn hat!« Erneuter Protest drohte, und so redete sie eilig weiter: »Die Gentlemen, die sich für mich interessiert haben, als ich den armen Forbes heiratete, sind mittlerweile alle verheiratet, meine Liebe. Die meisten von denen, die jetzt akzeptabel wären, treiben sich entweder auf der Suche nach einer reichen Frau herum oder sind nicht gewillt, eine Lady mit einem sechsjährigen Sohn zu nehmen!«
»Hilary Broadbent ist –«
»Ist nicht mehr als ein guter Freund – und war auch niemals mehr. Oh, er ist mir sehr zugetan, das gebe ich zu, aber ich bezweifle, daß irgendeine Lady bis jetzt wirklich an sein Herz gerührt hat. Und außerdem habe ich nicht den Wunsch, Trommel und Fahne nachzufolgen. Noch habe ich vor, einen Mann zu heiraten, der alt genug ist, mein Großvater zu sein, falls dir der Name Lord Stoker auf der Zunge liegt!«
Lord Stoker war genau der Name, der Mrs. Boothe auf der Zunge gelegen hatte. Sie seufzte und wies wehmütig darauf hin: »Aber du würdest eine Baronin sein, meine Liebe! Und man sagt, er habe einen Haufen Geld, so daß –«
»Tante Alby!«
»Oh! Ach, du lieber Gott! Sieh nur, wie zerstreut ich deinetwegen bin, du böses Mädchen! Aber du weißt, was ich meine.
Keine Sorgen mehr, Rebecca. Der Metzger und die Diener und die Kutsche. Es war so traurig, als wir das Gespann aufgeben mußten – und deinen Saracen.«
Rebecca senkte den Blick. Die Trennung von ihrem geliebten Araberhengst war grausamer gewesen, als selbst Tante Albinia erraten konnte. Lieber Saracen, so fromm und doch voll Feuer, mit einer so weichen Gangart, daß ... Sie verdrängte solch schmerzliche Erinnerungen und fragte: »Wie kannst du sicher sein, daß Seine Lordschaft eine Ehe im Sinn hat? Es ist wahrscheinlicher, daß die Gentlemen mich als Mätresse haben wollen, jetzt, wo ich eine verwitwete Lady bin.«
Entsetzt rief ihre Tante: »Aber doch nicht, solange du in Trauer warst! Hat jemand so etwas zu dir gesagt?«
»Vielleicht nicht ganz so unverblümt. Aber Andeutungen dieser Art hat es in den letzten drei Monaten und schon länger gegeben.«
»Gütiger Himmel! Wie niederträchtig manche Männer sind!«
Aber nach einer kurzen Pause fragte Mrs. Boothe vorsichtig:
»Irgend jemand – Passender, meine Liebe?«
»W-was?« Äußerst schockiert keuchte Rebecca: »Das kannst du doch nicht ernst meinen?«
»Oh, nun ja, es wäre natürlich schrecklich«, schnatterte Mrs. Boothe, um ihren Ruf wiederherzustellen. »Und sicher wird man dir weit schicklichere – äh, Vorschläge machen, wenn du jetzt nicht mehr in Trauer bist.«
»Das will ich doch hoffen!«
Mrs. Boothe blinzelte und murmelte: »Andererseits ... Wenn du das Gefühl hast, keine geeignete Partie zu sein, weil wir keinen Penny besitzen, meine Liebe, und – da du solche Hoffnungen für deinen Sohn hegst ... der liebe Anthony! So ein reizender kleiner Junge, der jede Möglichkeit im Leben haben sollte ...« An diesem Punkt spähte sie in Rebeccas aufgewühltes Gesicht, aber da sie nicht gleich von wütendem Protest vernichtet wurde, fuhr sie vorsichtig fort. »Träume sind recht und schön, aber – die Realität ist so schrecklich ... real! Und da sind die Diener, Liebes, und die Kutsche, und –« »Und die Kerzen«, schaltete Rebecca sich beißend ein. »Niemals! Ich werde nicht die Mätresse irgendeines Mannes sein, nur um meine Rechnungen zu bezahlen! Ich schätze meinen Wert zu hoch ein, um mich so billig zu verkaufen!«
Mrs. Boothe stieß ein unterdrücktes Wimmern aus, zog ein Spitzentaschentuch aus ihrem Beutel und jammerte, während sie es an die Lippen preßte: »Oh! Wie unverblümt du darüber redest! Und jetzt willst du mir eine Gardinenpredigt halten und mich vielleicht fortschicken, obwohl ich doch tatsächlich nie die Absicht hatte –«
Rebeccas sonniges Naturell gewann die Oberhand. Sie drückte den Arm ihrer Tante und versicherte ihr, daß sie keineswegs die Absicht habe, so etwas zu tun. »Was sollten wir denn machen ohne dich? Ich weiß, daß deine ganze Sorge mir und Anthony gilt, aber – ich habe selbst einige Pläne, und –«
»Tante Alby! Rebecca!«
Der Reiter, der seinen feurigen Grauschimmel neben ihnen zügelte, war ein Muster an Eleganz, von dem keck schrägsitzenden Dreispitz bis zu den Sporen an seinen glänzenden Reitstiefeln. »Wie gut, daß ich euch eingeholt habe«, sagte er, während er sich aus dem Sattel schwang, um seiner Schwester einen Kuß auf die Wange und seiner Tante einen auf die Stirn zu geben. »Steh still, du Dummkopf! Warum, zum Teufel, müßt ihr an einem windigen Tag wie heute spazierengehen? Ich war sicher, daß ihr noch im Bett liegen würdet.«
Rebecca wußte wohl, daß seine erste Ermahnung an sein Pferd, nicht an seine Verwandten gerichtet war, und lächelte das hübsche Gesicht ihres Bruders liebevoll an, wobei sie ihn daran erinnerte, daß sie noch nie die Gewohnheit gehabt hatte, ihre Tage im Bett zu verschlafen. »Wie gut du aussiehst, Snow.« Sie klopfte auf den Ärmel seiner weiten Reitjacke. »Blau steht dir immer. Ich wünschte, ich hätte Mamas Augen geerbt.«
Streng erwiderte er: »Versuch nicht, meine süßen Seiten hervorzulocken. Was hast du vor, Miss? Noch nie war ich so schockiert wie bei dem Anblick – verdammt, willst du wohl herunterkommen, du verflixter Wirbelwind! –, daß du dich herausgeputzt hast wie eine Kurtisane!« Inzwischen hatte er es soweit gebracht, daß sein Pferd gerade auf dem Boden stand, und er wandte sich seiner Schwester zu, Empörung in den blauen Augen, die mit ihrem lebhaften Kontrast zu seinen dunklen Brauen so verheerend auf die Ladies wirkten. »Kurtisane?« Erschrocken protestierte Rebecca: »Oh, so doch sicher nicht.«
Snowden Boothe liebte seine Schwester, und angesichts des Schreckens auf ihrem Gesicht wurde sein Blick weicher. »Nun – vielleicht nicht gerade so«, gab er zu. »Aber es ist nicht das Richtige, Becky. Am besten gehst du nach Hause, bevor irgend so eine Hofschranze meint, du seist, äh ... Du mußt das Ende deines Trauerjahrs abwarten, meine ich.«
Sie war offensichtlich der einzige Mensch, dachte Rebecca, dem dieses Trauerjahr wie zwei Jahre erschienen war. »Aber es war ein Jahr! Wie konntest du das vergessen? Das Duell fand statt, kurz nachdem Jonathan nach Europa ging, und letzte Woche war es ein Jahr her, daß er fort ist.«
»Gütiger Gott!« Ungläubig sagte er: »Wirklich? Oh, dann ist ja alles in Ordnung. Verflucht, ich steige besser auf diesen Brausekopf!« Er schwang sich wieder in den Sattel und grinste zu den Ladies hinunter, als er sich erkundigte: »Wohin des Wegs? Ich begleite euch.«
Mrs. Boothe beäugte unsicher den temperamentvollen Hengst. »Glaubst du, er wird gehorchen, mein Lieber?«
»Wer? Pax? Oh, er ist schon in Ordnung. Er ist ein bißchen –« Snowden brach gezwungenermaßen ab, da sein Pferd eine Pirouette versuchte, als ein Karren vorbeirumpelte. »Er ist ein bißchen zu gut ausgeruht«, beendete er seinen Satz atemlos. »Aber nun, weshalb ich bei euch vorbeigekommen bin – verflucht und zugenäht!«
Der entschieden unpassend getaufte Pax bäumte sich auf, um gegen eine Kutsche zu protestieren, die sich näherte. Das schöne braune Gespann, nicht weniger nervös und zu Mätzchen aufgelegt als er, bäumte sich ebenfalls auf und wieherte laut, so daß das leichte Gefährt beinahe umkippte, worauf der Kutscher es an den Straßenrand lenkte und ein Pferdeknecht vom Bock sprang, um die in Panik geratenen Pferde zu beruhigen.
»Verzeihung!« rief Snowden und fuhr abgehackt fort: »Weshalb ich – vorbeigekommen bin –, ich habe – von unserem Johnny gehört.«
Beide Ladies schrien entzückt auf. Die behandschuhten Hände andächtig gefaltet, rief Rebecca: »Oh, wie wundervoll! Geht es meinem Bruder gut?«
»Ich nehme an.« Da sein Pferd sich etwas beruhigt hatte, sagte Snowden mit deutlicherer Aussprache: »Er schickt liebe Grüße an euch alle und schreibt, daß er sehr bald nach Hause kommt.«
»Wie bald? Snow, schreibt er etwas über unsere Finanzen? Oh, wenn er uns nur helfen könnte, über die Runden zu kommen! Glaubst du –«
»Nein, ich glaube nicht«, schaltete er sich mit schonungsloser Offenheit ein und fügte mit gerunzelter Stirn hinzu: »Schau, Becky, du bist doch nicht ganz pleite, oder? Du hast mir gesagt –«
»Ja, ich weiß. Nur –« Sie biß sich auf die Lippe. »Immer kommen so viele Rechnungen. Und wenn –«
Er lachte. »Ist das alles? Verbrenn sie, meine Liebe. Das einzig Vernünftige.«
»Aber – ich kann nicht. Die Leute, denen ich etwas schulde, müssen bezahlt werden, das ist nur redlich.«
»Oho! Wenn du vorhast, redlich zu sein, Becky, bist du am Ende, bevor du eine Schnecke häuten kannst.«
»Aber, bestimmt, die Diener –«
»Werden warten. Sie sind dir alle ergeben. Macht ihnen bestimmt nichts aus.«
Rebecca seufzte und senkte den Blick.
»Das Problem bei dir ist«, brummte er, »daß du dir zu viele Sorgen machst. Das darfst du nicht tun, Becky. Sonst läufst du am Dienstag schon mit einem mürrischen Freitagsgesicht herum! Außerdem bringt es gar nichts ein. Hab’s selbst versucht.«
Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Ich nehme an, du hast vollkommen recht, wie immer.«
Mrs. Boothe, die während dieses Wortwechsels geschwiegen hatte, warf nun milde ein: »Rebecca macht sich nicht ihretwegen Sorgen, Snowden. Aber da ist der kleine Anthony, an den man denken muß, verstehst du.«
Boothe runzelte die Stirn. Er war ein sorgloser junger Bruder Leichtfuß, ein prächtiger Sportsmann aus dem gleichen Holz wie sein seliger Schwager, und verfolgte einen Weg, der ihn bald in den Ruin stürzen würde, wie sein vielgeplagter Vater immer prophezeit hatte. Keine Wette war ihm zu absurd, kein Wagnis zu tollkühn, kein Streich zu mutwillig. Sein Temperament flammte rasch auf und besänftigte sich ebenso rasch wieder, und er war von hochfahrendem Stolz, so daß er bereits in zwei Duelle verwickelt gewesen war, die beide einen befriedigenden Ausgang genommen hatten, da er ein guter Fechter war. Voller Energie und voll Ärger über die Zwänge der feinen Londoner Gesellschaft, hatte er mit dem Gedanken gespielt, sich der Sache der Jakobiten anzuschließen, als der Aufstand im vergangenen September losgebrochen war, und nur ein strenger Brief von seinem älteren Bruder, der ihn daran gemahnte, daß er das zeitweilige Familienoberhaupt war, hatte ihn davon abgehalten. Dennoch hatte es den Anschein, daß seine Wildheit in der letzten Zeit noch zugenommen hatte. Rebecca hatte den Verdacht, daß er die kleine Erbschaft, die sein Vater ihm hinterlassen hatte, als er vor vier Jahren einer Grippe erlegen war, bereits durchgebracht hatte, aber er erweckte nicht den Anschein, in einer ernsten finanziellen Notlage zu sein; seine Stirn war so wenig umwölkt und seine Augen so lustig wie eh und je. Er hatte unzählige Freunde, denn er war nicht nur ein unverbesserlicher Optimist, sondern auch geradezu übertrieben großzügig, und seine Liebenswürdigkeit und Treue waren legendär. Ebendiese Liebenswürdigkeit veranlaßte ihn jetzt, langsam zu sagen: »Ja. Natürlich. Ich hätte an den Jungen denken sollen. Ich nehme an, du wünschst dir sehr, ihn zur Schule zu schicken.«
»Ja. Aber du sollst dir keine Sorgen machen, Snow. Du hast zweifellos genug damit zu tun, nicht dem Wachtmeister davonlaufen zu müssen, auch ohne zu –«
»Pah! Unsinn!« Er wartete zwei weitere Hüpfer und nervöses Getänzel seines Pferdes ab, dann sagte er mit der Miene eines Mannes, der das Unlösbare gelöst hatte: »Ich sag dir was, Becky. Ich habe versprochen, heute abend zu einem Fest von Freunden in den Brooks Club zu gehen. Drei von diesen Freunden schulden mir – äh, eine ganz schöne Summe. Ich werde ihnen sagen, sie sollen den Zaster herausrücken, und du bekommst ihn. Zumindest ist es ein Anfang. Bis Anthony alt genug ist, um zur Schule zu gehen, müßte es auf jeden Fall für das erste Jahr reichen.«
Gerührt antwortete Rebecca: »Wie lieb du bist!« Aber als sie ihm dankbar die Hand entgegenstreckte, wurde ihr liebevoller Blick abgelenkt.
Ein Gentleman war gemächlich aus der Kutsche geklettert und stand nun in sicherem Abstand von Pax, müßig einen bernsteinfarbenen Spazierstock schwingend, und hatte die letzten beiden Sätze sicher mit anhören können. Es war ein großer, magerer Mann um die Dreißig, in einem dunkelroten Seidenumhang, der nachlässig nach hinten fiel und eine weiße Samtjacke mit weiten Manschetten sehen ließ, die äußerst geschmackvoll rosa und rot bestickt waren; darunter eine Weste aus weißgoldenem Brokat und weiße Kniehosen. Sein gepudertes Haar war mit einem dunkelroten Samtband nach hinten gebunden. Ein großer Rubin leuchtete an dem Halstuch aus Brabanter Spitze und verstärkte noch den Gesamteindruck blendender Eleganz. Rebeccas Blick wanderte zu seinem Gesicht. Seine Gesichtszüge waren markant, aber hager; eine römische Nase, hohe Wangenknochen, ein eckiges und entschlossenes Kinn. Er hatte einen hellen Teint, der fahl wirkte und darauf schließen ließ, daß sein Haar sehr dunkel sein mußte, wie seine dichten, spitz geschwungenen Augenbrauen. Ein interessantes Gesicht, entschied Rebecca, wenn nicht sogar schön, aber dennoch hatte sie noch nie so kalte graue Augen gesehen, noch nie so einen spöttisch zynischen Ausdruck.
Snowden Boothe blickte über die Schulter, und sofort wurde der Ausdruck seiner Augen hart. »Ich wünsche Ihnen einen guten Tag«, sagte er mit kalter Förmlichkeit.
»Überhaupt kein Problem, mein lieber Junge«, murmelte der Neuankömmling. Aber er sah nicht Boothe an, sondern seine harten Augen fuhren fort, Rebecca von den Rüschen ihres Hutes bis zu den zierlichen rosafarbenen Schuhen, die unter ihrem Kleid hervorlugten, zu mustern.
Boothe stieg erneut vom Pferd und hielt die Zügel mit ungewohnt festem Griff, als er fragte: »Pardon, Sir?«
Die buschigen Brauen hoben sich, und die grauen Augen wandten sich lässig Boothes ruhigem Blick zu. »Habe ich mich geirrt?« fragte der Mann mit einer anmaßenden, tiefen und schleppenden Stimme. »Ich dachte, Sie hätten sich entschuldigt, Boothe. Sie waren verd – äh, sehr nahe daran, uns zum Umkippen zu bringen, wissen Sie.«
Rebecca, die schon glaubte, nur in ihr Korsett gekleidet zu sein, war unsagbar erleichtert, als der unverschämte Blick sich von ihr löste, aber bei diesen Worten furchte sie ängstlich die Stirn. Snowden hatte ein solch hochfahrendes Temperament. Ihr Bruder hatte jedoch gesehen, daß ein zweiter Gentleman aus der Kutsche gestiegen war und die Knie eines der Pferde untersuchte, und sagte reuig: »Teufel! Bin ich schuld, daß eines Ihrer Tiere verletzt ist? Verflucht, ich werde diesen Tölpel hinter den Pflug spannen lassen!«
»Ich würde Sie verfluchen, wenn Sie das einem so ...« der kühl abschätzende Blick glitt erneut zu Rebecca – »... einem so wundervollen Geschöpf antun würden.«
Seine schmalen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, seine Bewunderung war offensichtlich, und Rebecca war sehr verärgert, als sie fühlte, wie ihre Wangen heiß wurden. Voll hochmütiger Würde wandte sie den Kopf und trat näher zu ihrer Tante.
Boothe führte mittlerweile sein Pferd zu der Kutsche, in der er anscheinend einen Bekannten entdeckt hatte, denn es folgte ein Intermezzo von Ausrufen und Schulterklopfen. Rebecca flüsterte ihrer Tante irgend etwas Banales zu und schaffte es, Snowdens aufreizendes Benehmen nicht zu beachten, da sie es aus Furcht, erneut dem affektierten Grinsen dieses flirtenden Unbekannten zu begegnen, nicht wagte, in seine Richtung zu sehen.
Endlich kam Boothe zurück und brachte seinen Freund mit, fröhlich rufend, daß sie den »guten alten Ward« kennenlernen müßten. »Peter, ich stelle Ihnen meine Tante, Mrs. Boothe, und meine Schwester, Mrs. Parrish, vor – Sir Peter Ward.« Rebecca zwang ein Lächeln auf ihre widerwilligen Lippen und drehte sich um. Ihr Lächeln erstarb im Ansatz, und nur mit Mühe stellte sie es wieder her. Ein schlanker Gentleman stand vor ihr, und als er seinen Dreispitz abnahm, um sich zuerst vor ihrer Tante und dann vor ihr zu verneigen, sah sie, daß sein dichtes, leicht gepudertes Haar hier und da einen goldenen Schimmer aufwies. Als er sich aufrichtete, lächelte er sie warm an, und sie lernte ein äußerst eigenartiges Gefühl kennen, als verlöre sie den Boden unter den Füßen und schwebe hoch in die Wolken hinauf. Sicherlich, dachte sie verträumt, hat es noch nie einen so perfekten Gentleman gegeben. Seine haselnußbraunen Augen waren groß und lagen tief unter gewölbten hellbraunen Brauen. Das Haar, das seine hohe Stirn umrahmte, wollte sich locken, obwohl es streng nach hinten gebunden war. Seine Nase war klassisch gerade, sein Kinn fest, sein Mund wohlgeformt und voll.
Ein höfliches Hüsteln riß Rebecca wieder auf den Erdboden zurück. Eine sardonische Stimme bemerkte: »Boothe ist vergeßlich wie immer, Peter. Bitte stell mich vor.«
»Verzeihung«, erklärte Snowden hastig. »Ladies – der Ehrenwerte Trevelyan de Villars.«
Ehrenwert, ach ja? dachte Rebecca und knickste in Erwiderung seiner anmutigen Verbeugung. So ein Unsinn! Wenn ich je einen Libertin gesehen habe, dann ist es dieser Mann!
»Wie froh bin ich, daß du mich überredet hast, mich um diese unchristliche Zeit hinauszuwagen, Peter«, murmelte de Villars. »Sind Sie zufällig die Witwe des armen Forbes Parrish, Ma’am?«
»Das ist sie«, warf Boothe kurz angebunden ein. »Und sie hat heute ihre Trauerkleidung abgelegt.«
»Wie gut, daß Sie darauf hinweisen.« De Villars lächelte gelangweilt. »Ich hätte es sonst nie bemerkt.«
Rebecca war sich unbehaglich bewußt, daß Snowdens Kinn starr wurde, und fragte: »Sie sind also ein Frühaufsteher, Sir Peter?«
»Ich bin die Verzweiflung meiner Freunde«, gab er mit einem gequälten Achselzucken zu.
»Wie wahr.« De Villars nickte, und sein spöttischer Blick wandte sich Rebecca zu. »Aber gelegentlich machst du deinen Fehler wett, lieber Junge.«
Boothe machte einen Schritt nach vorn. Sein Kinn sah alarmierend streitlustig aus, und seine blauen Augen sprühten geradezu Funken.
»Du solltest diese reizenden Leute zu deinem Ball einladen«, fuhr de Villars mit einem boshaft amüsierten Blick auf Boothe fort.
»Ein ausgezeichneter Vorschlag!« Ward wandte sich an die Ladies und sagte mit seiner angenehmen Stimme: »Er soll am nächsten Freitag stattfinden, in meinem Haus in der Clarges Street. Ich werde sofort Karten herumschicken, aber – sagen Sie, daß Sie kommen.«
»Aber natürlich werden sie kommen«, meinte de Villars.
»Danke, Ward.« Boothes Kinn war immer noch nach oben gereckt. »Ich werde mich gerne einfinden. Meine Schwester jedoch hat gerade erst ihr Trauerjahr hinter sich, und es wäre nicht schicklich für sie zu kommen.«
»Haben Sie Erbarmen mit uns, liebe Mrs. Boothe«, bat Ward, dem der wütende Groll in Boothes Stimme nicht entgangen war und dem auch de Villars’ verheerender und wohlverdienter Ruf bewußt war. »Können Sie bei Ihrem Neffen nicht Fürsprache einlegen?«
»Oh – es wäre reizend, natürlich«, sagte Albinia errötend.
»Aber – wenn Snowden das Gefühl hat ...«
De Villars seufzte. »Ich ertrage die Ungewißheit nicht. Was haben Sie denn für ein Gefühl, Boothe?«
Snowdens fest zusammengepreßte Lippen und das Glitzern in seinen Augen ließen kaum einen Zweifel daran, welche Gefühle er verspürte. Alarmiert trat Rebecca dazwischen: »O bitte, Snow. Es würde mir solche Freude machen. Es ist wirklich so lange her, seit ich das letzte Mal auf einer Gesellschaft war.«
Sie trat zu ihm, um seinen Arm zu nehmen, während sie mit ihm sprach, und lächelte in der einschmeichelnden Weise zu ihm auf, der er nie widerstehen konnte.
Sein Ärger verflog. Armes kleines Ding, dachte er, es ist hart für sie. »Äh – na gut«, sagte er widerstrebend. »Aber denk dran, du darfst nicht tanzen.«
»Himmel, was für ein Trottel«, flüsterte de Villars, dessen Stimme jedoch unglücklicherweise zu hören war.
Boothe riß den Kopf zu ihm herum. Durch die Zähne knirschte er: »Pardon, Sir?«
De Villars lächelte, deutete träge mit dem Stock, hob die satanischen Brauen und erklärte unschuldig: »Der Muffinverkäufer da drüben – war verdammt nahe daran, sein ganzes Tablett fallen zu lassen ...«
»Ich habe Snowden selten so verärgert gesehen.« Rebecca blieb an dem vollbeladenen Tisch in dem belebten Warenhaus stehen, um einen Ballen grünen Samts zu inspizieren. »Aber – oh, hast du jemals so sprechende Augen gesehen? Oder eine so prachtvolle Gestalt von einem Mann?«
»Sehr sprechende Augen«, stimmte ihre Tante zu und runzelte ein wenig die Stirn. »Und ich will zugeben, daß ich immer eine Vorliebe für den athletischen Typ hatte. Wirklich großartige Beine und schöne breite Schultern, aber – was seine Gemütsart betrifft ...« Sie schürzte zweifelnd die Lippen.
»Oh? Ich fand ihn entzückend. Glaubst du nicht, daß dieses Grün Anthony mit seinem kastanienbraunen Haar gut stehen würde?«
Mrs. Boothe nickte geistesabwesend. »Und ein Samt von guter Qualität. Aber Samt ist so schwierig zu nähen, meine Liebe. Und wenn du es selbst machen willst ... Er wäre ein gefährlicher Mann und nicht leicht zu behandeln. Obwohl er der Typ ist – wenn er sein Herz einmal verschenken würde, wäre es für immer, nehme ich an.«
»Ich muß es selbst –« Rebecca hielt inne und wiederholte, während sie auf ihre Tante blickte: »Gefährlich? Ich hielt ihn für die Sanftmut, die ruhige Liebenswürdigkeit selbst.«
»Das hast du gedacht? Mit diesem Kinn? Diesem satanischen Lächeln? O Gott! Ich spürte in jedem seiner Gesichtszüge die Gefahr!«
»Erbarmen! Ich habe von Sir Peter gesprochen! Nicht von diesem ungezogenen de Villars!«
Ihre Tante zog die Brauen hoch. »Ward? Du steckst dir ein hohes Ziel, Liebes.«
»Vielleicht, aber – wie konntest du nur denken, daß ich de Villars meinte? Wäre ich ein Mann, hätte ich ihn niederschlagen sollen, und wenn auch nur wegen der Art, wie er seine Augen auf mir herumspazieren ließ! Einmal hatte ich sogar Angst, ich hätte vergessen, mein Überkleid anzuziehen!«
Mrs. Boothe lächelte. »Er konnte die Augen nicht von dir abwenden, das gebe ich zu, und hat sich nie darum geschert, wen er sich zum Feind macht. Sei vorsichtig, Kind. Snowden kann ihn nicht im geringsten leiden, und nach dem, was ich über de Villars gehört habe, endet ein Duell mit ihm nicht mit einem höflichen Degenstich in den Arm.«
»Ich wußte es doch!« Erschrocken ließ Rebecca den blauen Satin sinken, den sie in die Hand genommen hatte. »Er hat also einen schlechten Ruf!«
»Mit dem Degen und mit Frauen. Schrecklich!«
»Dann danke ich dem Himmel, daß ich nichts von ihm wissen will! Was hältst du von diesem Blau?« Aber bevor ihre Tante antworten konnte, fragte sie hoffnungsvoll: »Weißt du irgend etwas über Sir Peter?«
»Sehr wenig, meine Liebe. Aber ich habe nichts von einer Ehefrau gehört.«
Sie tauschten ein verschwörerisches Lächeln. Rebecca versuchte, vernünftig zu sein, und sagte: »Trotzdem, es könnte eine geben. Auf dem Land vielleicht. Oh, ich wünschte so, daß Snow nicht in seinen Club gegangen wäre! Ich kann es kaum erwarten, ihm Hunderte von Fragen zu stellen.«
Aber erst spät am folgenden Nachmittag erschien Snowden Boothe in der John Street. Er trug Abendkleidung, und seine Tante und seine Schwester brachen in stolze Bewunderungsrufe über seinen fischbeinverstärkten Rock aus blauem Satin, an den Manschetten und Taschenaufschlägen mit Silberlitze verziert, das silberne Spitzenhalstuch und das Hemd aus weißem Satin aus. »Und blaue Stickereien auf deinen Strümpfen«, lächelte Rebecca. »Also, du übertriffst mich weit!«
Er grinste, setzte sich auf den Stuhl, zu dem sie ihn führten, nahm das Glas Madeira, das man ihm anbot, warf einen Blick hinein und stellte es auf dem Tisch neben sich ab. »Ich sage es dir am besten gleich«, seufzte er. »Ich konnte den Zaster nicht auftreiben, Becky.«
Dieser flapsige Jargon war ihr vertraut, da sie mit zwei Brüdern aufgewachsen war, und obwohl sie nicht wirklich erwartet hatte, daß er sie aus ihrer finanziellen Verlegenheit retten würde, mußte sie einen kleinen Stich der Enttäuschung verbergen, als sie seine Hand tätschelte und ihm sagte, er solle sich keine Sorgen machen. »Ich habe selbst den einen oder anderen Plan«, sagte sie mit mehr Zuversicht, als sie fühlte.
Er beäugte sie unbehaglich. »Schau mich mal an, mein Mädchen, ich will nichts, was nicht astrein ist! Lieber Gott, Jonathan würde mir das Fell schön über die Ohren ziehen, wenn ich dich einen Spielsalon eröffnen ließe oder etwas in der –«
Er wurde von einem leisen Aufschrei seiner Tante unterbrochen, die auf dem Sofa nach hinten kippte und sich zufächelte.
»Allein der Gedanke«, stöhnte sie. »Mein armes Herz! Vor Weihnachten werde ich im Grab liegen! Ich weiß es!«
»Unsinn!« spottete ihr gefühlloser Neffe. »Du bist kräftig wie ein Karrengaul, Tante Alby. Versuch nicht, uns reinzulegen!
Komm schon, Rebecca. Was hast du da für einen mysteriösen Plan?«
Rebeccas Plan war sehr gewagt, und da ihr unbehaglich bewußt wurde, daß Jonathan ihn nicht billigen und selbst der leichter entflammbare Snowden ihn möglicherweise verbieten würde, wünschte sie, sie hätte über die Angelegenheit geschwiegen. »Oh, nichts Genaues«, sagte sie munter. »Ich werde es dir sagen, wenn ich alle Einzelheiten klar im Kopf habe. Aber erzähl uns inzwischen von Sir Peter, Snow. Was weißt du von ihm? Tante hält ihn für unvergleichlich.«
Boothes Bewußtsein war zur Hälfte noch damit beschäftigt, sich über ihr offensichtliches Ausweichen zu sorgen. Er starrte sie verdutzt an. »Sir Peter – wer?«
»Abscheulicher Junge! Ward natürlich! Der Gentleman, den wir gestern kennengelernt haben.«
»Oh.« Er nahm sein Glas und kostete den Wein. »Habe ihn Jahre nicht mehr gesehen. Hat auf dem Land gelebt, nehme ich an. Er hat einen schönen Wohnsitz in – äh, Bedfordshire, glaube ich. Verbringt die meiste Zeit dort.«
»Er muß eine sehr liebenswürdige Frau haben«, sagte Mrs. Boothe, ein Bild der Unschuld. »Die meisten Ladies würden sich wünschen, mehr Zeit in der Stadt zu verbringen.«
»Hmmmn«, brummte Snowden aufreizend.
»Sie muß sehr schön sein«, fuhr Rebecca unbeirrt fort. Snowden, der gerade gedacht hatte, wie herrlich es sein mußte, einen Landsitz sein eigen zu nennen, sah auf und fragte geistesabwesend: »Wer muß?«
»Lady Ward.«
»Oh. Was das betrifft, ich könnte es nicht sagen. Habe die Lady nie kennengelernt. Hast du gehört, sie sei eine Schönheit? Überraschend, in ihrem Alter.« Er fügte hastig hinzu: »Ich wollte nicht respektlos sein. Ich hatte gehört, daß die alte Lady zu ihrer Zeit eine wahre Ballkönigin war, aber –«
»Alte Lady?« keuchte Mrs. Boothe angenehm erregt. »Hat er also wegen des Geldes geheiratet?«
»Oh, das bezweifle ich. Nein, jetzt fällt mir ein, das kann er nicht getan haben. Ward Marching war seit der normannischen Eroberung in der Familie, sollte ich meinen.« Er kicherte. »Wahrscheinlich haben sie es mit herübergebracht.«
»Dann – warum –« Rebecca brach ab, und ihre Verwirrung machte Belustigung Platz. »Snowden – du unmögliches Geschöpf! Von wem sprichst du?«
»Von Wards Großmama natürlich. Du sagtest ›Lady Ward‹, oder nicht?« Und als seine beiden Angehörigen in Gelächter ausbrachen, das erleichterter war, als er erraten konnte, fragte er kopfschüttelnd: »Seid ihr sicher, daß ihr beiden Mädchen nicht vor mir an dieser Karaffe wart?«
»Nein, du Schuft. Wir haben uns auf Sir Peters Frau bezogen, nicht auf seine Großmama!«
»Dann wart ihr von Anfang an weit daneben«, erklärte er triumphierend. »Ward hat keine Frau. Oh, er war einmal verlobt. Vor Jahren. Ich glaube, die Lady hat das Zeitliche gesegnet. Ein Jammer. Man sagt, daß sie eine strahlende Schönheit war. Ward ist nie darüber hinweggekommen. Ich habe gehört, daß er seither kein Mädchen mehr angesehen hat. Einfaltspinsel.«
»Ich finde es edel von ihm, so treu zu sein«, sagte Rebecca, schockiert über eine solche Gefühllosigkeit. »Es gibt nicht viele Gentlemen, die so standhaft um eine Lady trauern würden.«
Er grunzte. »Ich hoffe nicht. Verdammt alberne Sache. Jetzt geh nicht gleich auf die Palme! Ich sage ja nicht, daß ein Mann nicht ein Jahr lang oder so in Schwarz gehen sollte. Aber – sechs Jahre? Dummes Zeug! Wenn die Lady ihn geliebt hat, würde sie wahrscheinlich wollen, daß er glücklich ist und nicht bis ins Greisenalter in Sack und Asche geht.«
»Danach, was ich gestern von Sir Peter gesehen habe«, murmelte Mrs. Boothe, »war er weit davon entfernt, in Sack und Asche zu gehen.«
»Noch war er irgendwie in der Nähe des Greisenalters«, fügte Rebecca hinzu.
»Nun, was auch immer er tut«, sagte Snowden, der sich zum Aufbruch anschickte, »er ist für die Heiratspläne schmiedenden Mamas verloren. Sie haben alle die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, obwohl er nahezu die beste Partie in der Stadt ist. Hat einen Haufen Geld, weißt du. Danach, was de Villars mir erzählt hat, gab es eine Zeit, da der arme Ward kaum einen Fuß nach dem anderen auf den Boden setzen konnte, ohne zu stolpern, so tief verfing er sich in den Netzen, die nach ihm ausgeworfen waren.«
»Tatsächlich?« Rebecca ging mit ihrem Bruder in die Eingangshalle und fragte mit einem leichten Stirnrunzeln: »De Villars? Ich dachte, du könntest den Gentleman nicht ausstehen?«
»Konnte ich auch nicht.« Boothe zwinkerte dem Mädchen zu, als er seinen Dreispitz nahm, den sie ihm errötend reichte. »Habe den Burschen falsch beurteilt. Gestern abend bei Brooks hatte ich einen netten Plausch mit ihm. Hätte es mir nie träumen lassen, daß er so nett sein könnte.« Er beugte sich herunter, um Rebecca einen lauten Kuß auf die Wange zu geben. »Bring mir bei, keine übereilten Urteile zu fällen, ja?« »Übereilte Urteile, in der Tat!« sagte Rebecca verächtlich, als sie ihrer Tante von dieser Unterhaltung erzählte. »Wenn dieser ekelhafte Kerl ›nett‹ zu Snowden war, dann deshalb, weil er irgend etwas im Schilde führt.«
»Ja, und etwas, das mit dir zu tun hat, Kind! Ich habe gesehen, wie er dich angeschaut hat!« Mrs. Boothe schauderte. »Wie eine Katze die Maus. Mir ist fast das Blut in den Adern gefroren.«
»Nun, ich werde keine Maus für Trevelyan de Villars sein!« erklärte Rebecca, und der Schalk funkelte hell in ihren dunklen Augen. »Ich bin hinter einem größeren Wild her!«
»Ich wußte es!« Mrs. Boothe rang ängstlich die Hände und stöhnte: »Du meinst Sir Peter! Oh, das wird schrecklich, das spüre ich in den Knochen! Was willst du dem armen Mann antun?«
Rebecca zwinkerte ihr zu. »Nun«, gab sie zu, »das ist eines der Details, die ich bisher noch nicht ganz ausgearbeitet habe. Aber ich werde ihn einfangen, keine Angst! Papa hat mir einmal gesagt, wenn jemand etwas dringend genug wünscht, wird er es auch schaffen, egal, wie schwierig es sein mag.« Sie hielt ihre Röcke hoch und tanzte durch das Zimmer. »Lady Peter Ward ... O Tante! Klingt das nicht herrlich?«
Mrs. Boothe stieß einen tiefempfundenen Klagelaut aus und griff nach ihrem Riechfläschchen.
Rebecca saß vorgebeugt an ihrem Frisiertisch, balancierte das kleine runde Pflästerchen auf ihrer schmalen Fingerspitze, und ihre Hand schwankte unschlüssig, während sie kritisch ihre Gesichtszüge betrachtete. Mit einem entschiedenen Schwung plazierte sie das Pflästerchen auf der rechten Seite ein wenig unterhalb ihres Mundes. »Da!« sagte sie mit fröhlicher Miene. »Oh!« keuchte ihre Tante schockiert. »Der Küß mich?« Als ihre Nichte nur mit einem munteren Nicken antwortete, schüttelte Albinia den Kopf und ließ sich wieder auf dem Bett nieder. Sie trug bereits ihr Ballkleid, eine entzückende Kreation aus dunkelblauer Sarsenettseide, in hellerem Blau bestickt, Mieder und Schleppe ebenfalls hellblau. Ihre Perücke war hoch und mit Veilchensträußchen verziert, und sie sah erstaunlich jugendlich aus. Ihre Augen jedoch blickten ängstlich, und als Rebecca das im Spiegel sah, stand sie auf und fragte schelmisch: »Was ist los, meine Liebe? Sehe ich nicht gut aus?« »Du siehst sehr gut aus, mein Liebes. Außer diesem frechen Schönheitspflästerchen! Und du bringst mein armes Herz dazu, daß es höchst beunruhigt flattert, weil ich gar nicht auszudenken wage, was für Pläne du gegen diesen armen –« Begleitet von einem hastigen Klopfen, wurde die Tür aufgerissen, und der sechsjährige Anthony kam hereingesaust. »Mama! Mama!« schrie er. »Ich habe eine ganz –« Und er hielt inne, die grünen Augen weit aufgerissen, so daß sie in seinem blassen Gesicht riesig wirkten. »Oooh ...!« flüsterte er und ging zu Rebecca hinüber, um das weiße Seidenkleid mit seiner feingliedrigen Hand zu berühren. »Sind die rosa Blumen angeklebt?«
Rebecca lachte und beugte sich herunter, um ihn auf die Wange zu küssen. »Nein, mein Liebling, sie sind ein Teil des Stoffes.« Sie drehte sich für ihn in einer Pirouette. »Gefällt dir deine Mama?«
Seine ehrfurchtsvollen Augen antworteten für ihn, aber er flüsterte: »Du bist sehr hübsch, Mama. Ich habe dich noch nie ... so gesehen.«
»Nun, verstehst du, mein Liebling, ich muß nicht mehr länger nur Schwarz oder dunkle Farben tragen.« Die Hände in die Taille gestützt, musterte Rebecca ihr Spiegelbild. Das Watteaukleid mit dem viereckigen Ausschnitt und den kurzen Ärmeln war wirklich elegant. Es war schrecklich teuer gewesen, aber Snowdens oft wiederholten Instruktionen »Wie vorgehen, wenn man pleite ist« folgend, hatte sie bei Madame Olga vier neue Kleider bestellt und die furchteinflößende Summe der Rechnungen, mit denen die untere Schublade ihres Schreibtischs bereits vollgestopft war, ignoriert. Madames Lächeln war ein wenig gezwungen gewesen, aber sie hatte nichts gesagt, und Tante Albinia hatte das der Reklame zugeschrieben, die eine so bezaubernde Kundin für Madame sein würde. Nichtsdestoweniger hatte Rebeccas Herz vor Nervosität einen Trommelwirbel aufgeführt, als sie das dezente Geschäft der Modistin verlassen hatten, und sie fragte sich jetzt, ob sie jemals imstande sein würde, die Hälfte von dem zu bezahlen, was sie schuldete. »Ich glaube, ich hätte es nicht kaufen sollen«, seufzte sie.
»Natürlich solltest du«, sagte ihre Tante loyal. »Es ist wie für dich gemacht; wie hättest du ihm nach all dieser Zeit in Schwarz widerstehen können?«
Rebecca warf ihr ein dankbares Lächeln zu. »Ich gebe zu, daß mir die gefältelte Schleppe und die flachen Reifröcke sehr gefallen. Aber weißt du schon, man sagt, daß man in Frankreich langsam von den hinteren Falten abkommt?«
»Und ich nehme an, das nächste, was verschwinden wird, ist das Mieder! Die Franzosen machen vor nichts halt! Haben sie noch nie! Aber was diese Rüschen am Ausschnitt betrifft, très chic, aber –« Sie sah auf das ehrfürchtige Gesicht des Kindes. »Ein wenig – äh, décolleté, nicht?«
Rebecca betrachtete im Spiegel, wie weit ihr weißer Busen zu sehen war, und besaß die Anmut zu erröten. »Das Rüstzeug für eine Eroberung«, murmelte sie herausfordernd.
Mrs. Boothe schnappte sittsam nach Luft, aber ihre Grübchen zuckten.
Millie, Rebeccas Zofe, mit einer Stimme, die so barsch war wie ihr Gesicht viereckig, fragte schroff: »Welche Ringe, Mrs. Rebecca? Zu den kleinen Rosen wünschen Sie wahrscheinlich die Perlen und Rubine?«
»Ja, danke, Millie. Und meinen rosafarbenen Tüllschal, bitte. Sie haben mein Haar wirklich schön gepudert.«
Millie sah voll innigem Stolz auf die dichten, hochgekämmten Locken und die rosafarbenen Samtbänder, die sie hineingeflochten hatte, und sagte: »Ist es etwas sehr Besonderes heute abend, Ma’am?«
»Das ist sehr gut möglich!« warf Mrs. Boothe ein.
Rebecca lächelte und wandte sich an ihren Sohn. »Wie ist es dir im Park gegangen, Lieber? Deine Wangen sind rosig wie ein Apfel.«
»Es war ganz prima, Mama.« Er ließ sich neben ihr auf den Knien nieder, als sie sich wieder an ihren Tisch setzte und den Schal, den Millie ihr um die Schultern drapierte, zurechtzupfte. »Wir haben einen ganz, ganz netten Gentleman kennengelernt. Er hatte ein Boot. Ein Modell von einer Galeone. Mit Kanonen und – und allem! Und er hat mir erlaubt, es im See fahren zu lassen. Und Onkel Snow hat mich mit ihm auf Pax gesetzt, und es war der allerschönste Nachmittag!«
Sie fuhr ihm liebevoll durch die dichten kastanienbraunen Locken, dann runzelte sie die Stirn. »Dein Haar ist naß!«
»Oh. Na ja – ich bin ein bißchen hineingefallen«, beichtete er mit einem schuldbewußten Grinsen. »Ein kleines bißchen.«
»Ein kleines bißchen!« In plötzlicher Angst musterte sie prüfend sein zartes Gesicht.
Durch die offene Tür erklärte Mrs. Falk, die Haushälterin, groß, steif, eckig und mit ergrauendem Haar, in ihrem näselnden Tonfall: »Der Junge war durchnäßt, Ma’am. Ich habe ihm gesagt, daß er nicht an den Rand gehen soll, weil es da sehr rutschig ist. Der Gentleman hat ihn herausgefischt und fand es sehr lustig.«
»O ja. Er war ein toller Kerl«, erklärte Anthony, und seine Augen blitzten fröhlich.
Mit einem grimmigen Blick zu Rebecca sagte Mrs. Falk: »Das ist nicht gerade das Wort, das ich im Sinn hatte, Ma’am. Noch glaube ich, daß Sie –«
Für mehr war keine Zeit, denn an dieser Stelle kam Snowden herein, ein Traumbild in Purpur und Gold. »Was gibt’s?« fragte er heiter. »Seid ihr Ladies fertig? Ich dachte, ihr würdet unten warten. Wirklich anständig von dem alten Forty, uns zum Dinner einzuladen. Wir sollten ihn nicht warten lassen. Sein Koch ist ein Tiger!«
Wie es typisch für einen Mann war, der selbst ständig zu spät kam, war er ganz Ungeduld, und seine ihm Anbefohlenen waren gezwungen, hastig Fächer, Schals und Täschchen zusammenzusammeln und zu der wartenden Kutsche hinunterzutrippeln. Als sie darin saß und der Kutscher die Pferde mit der Peitsche antrieb, warf Rebecca Anthony noch eine Kußhand zu und sagte, während sie sich gegen die Polster lehnte: »Wie schön, daß einer von uns noch eine Kutsche halten kann. Wie du das fertigbringst, Snow, kann ich mir nicht vorstellen.« »Ich könnte ohne Kutsche nicht auskommen. Es gibt immer irgendeinen Weg, solche Dinge zu arrangieren. Du hättest deine nicht aufgeben sollen. Auf jeden Fall steht dir meine zur Verfügung, wie ich schon gesagt habe. Du solltest sie öfter benutzen, und wenn auch nur, um meinen Neffen auf eine Spazierfahrt mitzunehmen. Der kleine Halunke sitzt so gern auf dem Kutschbock.« Nachdenklich fügte er hinzu: »Er sieht jetzt viel weniger mitgenommen aus, Becky. Ein bißchen blaß, aber besser.«
»Ja. Er hat sich recht gut erholt, wie ich zu hoffen wage. Aber seit dieser schrecklichen Krankheit ist er viel zu zart. Wie gerne würde ich ihn für eine Weile mit aufs Land nehmen.«
»Er ist ein zartes Kerlchen mit dem Herzen eines Löwen«, antwortete er ermutigend. »Mach dir keine Sorgen, meine Liebe, eines Tages wird er ein prächtiger Mann sein. Und seine Mama macht heute abend sicher eine prächtige Figur. Das ist ein hübsches Kleid. Aber denk daran – nicht tanzen, sonst würde die Gesellschaft denken, daß du dem armen Forbes gegenüber respektlos bist.«
»Wie du meinst, Lieber«, sagte Rebecca fügsam.
»Sie wird die neue Ballkönigin sein«, erklärte Mrs. Boothe in liebevoller Voreingenommenheit. »Merk dir meine Worte, Snowden, keine Lady kann hoffen, deine Schwester heute abend in den Schatten zu stellen!«
Sie nahmen in der reizenden Wohnung von Lord Graham Fortescue, einem gutmütigen Dandy der feinen Gesellschaft, der die zweifelhafte Ehre hatte, oft als »dieser junge Tunichtgut, der ein Busenfreund von Snowden Boothe ist«, bezeichnet zu werden, ein leichtes Dinner zu sich. Seine Lordschaft fuhr mit ihnen zum Ball, und bald wurde offenbar, daß die Hoffnungen, die Albinia für ihre Nichte geäußert hatte, ein wenig vorschnell gewesen waren. Sie waren in die Clarges Street eingebogen und hatten sich in die Prozession der Gefährte eingereiht, die vor Sir Peters großem Haus Gäste ausluden, als Mrs. Boothe aufgeregt ausrief: »Schau, Becky! Sieh dir nur dieses herrliche Kleid an! Und die Perücke! Ich habe noch nie etwas so Elegantes gesehen! Wer ist das, Fortescue?«
Seine Lordschaft reckte gehorsam den Hals und ließ die braunen Augen über die Menge gleiten. »Die große Frau? Das ist die Monahan. Sie ist – beim Zeus! Snow, sieh dir das an! Hast du ihre Begleitung gesehen? Du würdest nicht glauben ...« Snowden sah hin und pfiff leise. »Für sie interessiert er sich also! Ich habe den Klatsch gehört, aber – Gott! Sie zeigen es also in der Öffenlichkeit, wie?«
»Wer? Wer?« Gefangen in ihren Reifröcken, vergebens versuchend, einen Blick auf den Gentleman mit der Lady in dem großartigen, ausladenden Goldbrokatkleid zu erhaschen, sagte Rebecca: »Ich kann nicht ganz – oh.« Sie rümpfte verächtlich die Nase. »Es ist Mr. de Villars.«
»Ja. Und da wir von Kleidern reden – schau dir seine an!« Snowden kicherte. »Schwarz und Silber, zu ihrem Gold! Mit der Lady an seinem Arm wird er für Aufregung sorgen!« Rebecca fragte: »Bist du ganz sicher, was ihre – äh, Beziehung angeht, Snow? Die Lady sieht so liebreizend aus, sie könnte doch sicher nicht ihm ihre Gunst erweisen?«
»Äußerlich macht er nicht viel her, wie?« stimmte Snowden fröhlich zu. »Und dennoch schmelzen die Ladies zu seinen Füßen hin, der liebe Gott weiß, warum. Ich hätte nie geglaubt, daß er sich tatsächlich die Monahan geangelt hat.«
»Sie scheint hingerissen«, murmelte Mrs. Boothe neugierig.
»Ist er sehr reich, Fortescue?«
»Nach dem, was ich gehört habe, sind seine Taschen ziemlich leer, Ma’am. Aber er hält den Schein aufrecht, nicht wahr?«
»In der Tat«, stimmte Snowden mit einem Grinsen zu. »Die Monahan ist teuer, das weiß ich.«
Äußerst schockiert wandte Rebecca sich an ihn. »Du weißt das? Wie –«
»Er – er ist auch kein Geizkragen«, schaltete Fortescue sich ein, verzweifelt, aber stets loyal. »Keine Lady, die er protegiert, verläßt ihn mit Groll, sagt man. Und –«
»Mein – Gott!« keuchte Mrs. Boothe.
»O – Himmel!« stöhnte Seine Lordschaft.
»Da sind wir endlich!« rief Snowden, der sich prächtig unterhielt. »Raffen Sie Ihre hübschen Gestalten auf, Mesdames. Und denk daran, Becky: nicht tanzen!«
Wenn irgend jemand Rebecca je gesagt hätte, daß sie auf einem Ball eine wunderbare Zeit verbringen könne, ohne ein einziges Mal zu tanzen, hätte sie es nicht geglaubt. An diesem warmen Maiabend jedoch amüsierte sie sich ausgiebig. Noch bevor sie durch die Empfangsreihe hindurch waren, stand sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, und kaum etwas hätte ihr mehr Vergnügen bereiten können, als zwei Gentlemen an ihrer Seite zu haben, die um ihre Aufmerksamkeit wetteiferten, als sie an die Reihe kam, ihrem Gastgeber die Hand zu reichen.
Sir Peters Begrüßung war der Inbegriff von Charme und guten Manieren. Sein Haar, dick gepudert, war im englischen Stil nach hinten gebunden. Die breiten Ärmelaufschläge seines grünen Samtrocks waren mit hellgrünem Satin besetzt, die Klappen an seinen Taschen und die steif gefältelten Rockschöße waren nicht weiter verziert. Eine sehr strenge Bekleidung für einen so jungen Mann, aber Rebecca dachte hingerissen, daß gerade diese Strenge sein gutes Aussehen unterstreiche.
Einmal im Ballsaal, wurde sie förmlich belagert, wie ihre Tante vorhergesagt hatte; die Gentlemen drängten sich um sie, und alte Freunde kämpften sich durch die Menschenmenge, um sie zu umarmen und sie zu ihrer Rückkehr in die Gesellschaft zu beglückwünschen. Als man sie um ihre Tanzkarte bat und sie sittsam antwortete, daß sie nicht tanzen würde, wurde ihre Entscheidung offensichtlich gutgeheißen. Mehrere potentielle Tanzpartner forderten sie dennoch für die Dauer eines Tanzes auf und spazierten entweder mit ihr durch die kühleren Gänge oder nahmen sie mit auf die Terrasse, um Londons unzählige Lichter und die Wolken, die über den viertelvollen Mond trieben, zu bewundern.
Kurz nach Mitternacht führte sie ein langjähriger Freund, Major Hilary Broadbent, ans Büfett. Er war ein liebenswürdiger junger Mann mit rotblondem Haar (nicht unter Puder versteckt), und hatte die blasse Hautfarbe und die Sommersprossen, die diese Haarfarbe so oft begleiten, und in seiner scharlachroten Uniform sah er sehr schneidig aus. Seine länglichen, schmalen bernsteinfarbenen Augen hatten sich aufgehellt, als ihr Blick auf Rebecca fiel, und obwohl sie sich nach der Begleitung eines gewissen Baronets sehnen mochte, akzeptierte sie den Major sehr gerne als Partner bei einem Imbiß.
Der große Raum war warm, erstrahlte unter Blumenschmuck, wimmelte von Gästen und hallte wider von Geschnatter. Mrs. Boothe saß bereits mit einigen ihrer Busenfreundinnen da, und aus den Augenwinkeln sah Rebecca Trevelyan de Villars, der sich durch seine Größe, wenn auch nicht durch sein Benehmen auszeichnete, während er im Mittelpunkt einer Schar von Freunden mit seiner Geliebten flirtete.
Major Broadbent sagte: »Oh, da ist die Monahan. Sie ist die neueste Ballkönigin. Ein auffallendes Paar, wie?«
Sie hatte es absichtlich vermieden, einen direkten Blick auf die Gruppe zu werfen, sah jetzt aber in diese Richtung. De Villars’ schiefes Grinsen blitzte auf, und er erhob sein Glas zu einem kurzen Gruß, der sie irgendwie in Verlegenheit brachte. Sie nickte eisig und wandte sich ab.
Überrascht fragte Broadbent: »Ich hatte nicht bemerkt, daß Sie einander bekannt sind. Würden Sie sich ihnen vielleicht gerne anschließen?«
»Nein danke.«
Er sah sie scharf an, dann lachte er leise. »Sie haben eine Abneigung gegen ihn gefaßt, nicht wahr? Sehr gut. Er ist kein passender Freund für Sie, meine Liebe.«
Sie schlug mit dem Fächer leicht auf sein Handgelenk. »Und Sie haben kein Recht, mich so zu nennen, Hilary Broadbent!« »Diese Grübchen lassen mich wünschen, noch eine ganze Menge mehr zu sagen«, erwiderte er mit liebevoller Unverschämtheit. »Aber zuerst hole ich Ihnen etwas zu essen.«
Er geleitete sie an einen kleinen Tisch für zwei Personen und eilte davon. Rebecca ließ ihrer Phantasie freien Lauf. Vor wenigen Augenblicken hatte sie gesehen, wie Sir Peter ein hübsches Mädchen zum Menuett führte. Bald würde der Tanz zu Ende sein. Er würde kommen, auf der Suche nach der verwitweten Mrs. Parrish, denn er mußte von der Schönheit ihres Kleides beeindruckt gewesen sein, und seine Augen hatten voller Bewunderung geblickt, als sie angekommen war. Er würde bei ihr bleiben, höflich plaudern, und sie würde sich von ihrer anmutigsten Seite zeigen. Nicht eine Spur von den »ausgelassenen Launen«, die die liebe Tante Albinia manchmal verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ließen, würde sie erkennen lassen. Heute abend würde sie ganz Zurückhaltung und hübsche Sittsamkeit sein, und Sir Peter würde von ihr bezaubert sein ... fasziniert sogar ... Er würde sagen –
»Guten Abend, Mrs. Parrish.«
Die Stimme mit dem feinen spöttischen Klang ließ Rebeccas Rücken steif werden, aber sie sah auf und streckte höflich die Hand aus.
Mit funkelnden grauen Augen beugte de Villars sich über ihre Hand. (Man mußte zugeben, daß die Kreatur Anmut besaß.) »Ein bezauberndes Bild geben Sie ab, Ma’am. Und – ganz allein? Ein Verbrechen! Mit Ihrer Erlaubnis ...« Er wartete jedoch nicht auf ihre Erlaubnis, sondern ließ seine große Gestalt schwungvoll wie ein Raubvogel, der herabstieß, auf den Stuhl fallen.
»Oh!« Rebecca blickte erstaunt drein. »Aber – das ist Major Broadbents Platz, Sir.«
»Wir werden ihn für ihn sichern, Sie und ich. Jetzt erzählen Sie mir, meine Schöne, woran haben Sie gedacht? Sie sahen ebenso bezaubert wie bezaubernd aus.«
Sie antwortete nicht sofort, sondern musterte ihn nachdenklich. Das dichte, lockige Haar war fachmännisch gepudert und in einem Stil zurechtgebürstet, der seine sardonischen Gesichtszüge weicher machte. Das hervorragend geschneiderte schwarze Jackett umhüllte seine breiten Schultern ohne die leiseste Spur einer Falte. Der silberne Schnurbesatz war aufsehenerregend, und das Wams aus weißem Satin, bestickt mit schwarzen Rosen, ließ ihn sogar noch edler und raffinierter aussehen. Mit einem unbewußten Schürzen der Lippen dachte sie: Sogar noch liederlicher!
Verspätet wurde ihr bewußt, daß er leise lachte. Bestürzt stammelte sie: »Oh! Verzeihung! Ich habe – äh –«
»Mich abgeschätzt. Und leider nicht gerade auf schmeichelhafte Art. Eine unfreundliche Erwiderung auf eine unschuldige Bemerkung.«
»Einer Lady, die Sie kaum kennen, zu sagen, daß sie bezaubernd ist, ist nicht unschuldig, Mr. de Villars!«
Er beugte sich näher zu ihr, seine Augen fixierten sie boshaft, und seine langgliedrige Hand streifte gefährlich nahe an ihrer über den Tisch. »Dann müssen wir unsere Bekanntschaft vertiefen, und zwar rasch, damit ich Ihnen sagen kann, wie wahrhaft bezaubernd Sie sind.«
Rebecca riß ihre Hand zurück und breitete ihren Fächer aus. »Ich nehme an, daß Ihre liebreizende Partnerin bereits nach Ihnen seufzt, Sir.«
»O nein. Rosemary ist an mein Kommen und Gehen gewöhnt. Und ich habe sie in guten Händen zurückgelassen.«
»Ach, wirklich?« In der Hoffnung, daß das Senken ihrer Augenlider ihre äußerste Gelangweiltheit, was ihn, sein Flittchen und sein Kommen und Gehen betraf, verriet, sah Rebecca anderswohin. Und ertappte sich so, wie sie gerade auf die Monahan und die »guten Hände« blickte, in denen sie »zurückgelassen« worden war. Ihre Augen weiteten sich entsetzt. Sofort wandte sie sich ab, aber de Villars hatte es gesehen und starrte, sein Monokel aufhebend, durchdringend in dieselbe Richtung. Er zog die Augenbrauen hoch. »Aha«, murmelte er, »mein lieber Freund Ward. Daher weht also der Wind ...« Er grinste, als Rebecca den hochmütigen Blick wieder auf ihn richtete, und bemerkte mit aufreizend mitleidiger Miene: »Sie vergeuden Ihre Hoffnungen, meine Liebe. Peter ist leider nicht hinter Unterröcken her.«
»Oh!« keuchte sie und ließ ihren Fächer zuschnappen. »Oh! Was erlauben Sie sich!«
Er stand auf, stützte eine Hand auf den Tisch und sagte mit sanfter Stimme: »Da kommt säbelrasselnd Ihr Soldat, also werde ich Sie verlassen. Für den Augenblick. Aber – Sie müssen noch viel lernen, Ma’am – darüber, was ich mir alles erlauben würde.«
