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Wohl jeder von uns träumt davon, nach einem erfüllten und arbeitsreichen Leben einen würdevollen Lebensabend zu genießen, ohne dabei seiner Familie zur Last zu fallen oder allein und hilflos dem baldigen Tod entgegenzuleben. Nicht immer geht dieser Traum in Erfüllung! Dieser Krimi entführt sie in ein kleines, idyllisch am Rande der österreichischen Stadt Graz gelegenes Seniorenheim. Bei der kriminalistischen Klärung des gewaltsamen Todes der Bewohnerin Erna Eibel dringen Oberinspektor Pilz, genannt Schwammerl, und sein Assistent Mirko Vasic ein in eine Welt von skrupelloser Geschäftemacherei unter dem Deckmantel der Nächstenliebe, Abrechnungsbetrug, Ausbeutung von Personal und Pflegemissständen. Auf der anderen Seite lernen sie Menschen kennen, die trotz aller Hindernisse versuchen, den alten Leuten ein Leben in Würde und Respekt zu bieten. Sie lernen die Heimleiterin kennen, finden heraus, dass sie, getrieben von dem wirtschaftlichen Druck der privaten Betreibergesellschaft, bei der Abrechnung der Bewohner nicht immer korrekt vorgeht und deshalb von einer der ihr Anvertrauten erpresst wird. Ebenso stellen sie verblüfft fest, dass selbst bei hochbetagten Menschen Motive wie Untreue und Eifersucht möglich sind, die dann durchaus auch in einem Verbrechen enden können. Außerdem gibt noch der negative Einfluss von privaten Problemen des Personals das eine oder andere Motiv für einen Mord her. Mit Beharrlichkeit und Bauernschläue gelingt es ihnen, gegen alle Widerstände von Beteiligten und Vorgesetzten, die Tat aufzuklären und dem Recht zu seinem Erfolg zu verhelfen. Dass Recht und Gerechtigkeit nicht immer dasselbe sind, wird ihnen am Ende der Ermittlungen schmerzlich bewusst.
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Hans Pürstner
Reich ins Heim
arm ins Grab
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1.Kapitel
2.Kapitel
3.Kapitel
4.Kapitel
5.Kapitel
6.Kapitel
7.Kapitel
8.Kapitel
9.Kapitel
10.Kapitel
11.Kapitel
12.Kapitel
13.Kapitel
14.Kapitel
15.Kapitel
16.Kapitel
17.Kapitel
18.Kapitel
19.Kapitel
20.Kapitel
21.Kapitel
22.Kapitel
23.Kapitel
24.Kapitel
25.Kapitel
26.Kapitel
27.Kapitel
28.Kapitel
29.Kapitel
30.Kapitel
31.Kapitel
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Impressum neobooks
“Graz Hauptbahnhof, alles aussteigen, bitte! Sie haben Anschluss an den Personenzug nach Fehring, Abfahrt um 18:32 auf Bahnsteig 1 B. Hinweis an die Besucher der Grazer Herbstmesse 1971: Benutzen Sie bitte die Einschubwagen der Straßenbahn vor der Bahnhofshalle!“
Krächzend klang die Stimme aus den alten Lautsprechern des Bahnsteiges, nachdem die Lokomotive des Oostende Express mit lautem Quietschen der Bremsen gestoppt hatte.
Endlich da, murmelte Albert Worthington leise vor sich hin. Dankbar über die Chance, sich endlich wieder etwas bewegen zu können, streckte er sich nach der Gepäckablage und hob seinen neuen Samsonite Koffer herunter.
Gerade rechtzeitig fiel ihm noch ein, der älteren Dame auf dem Nebensitz galant seine Hilfe anzubieten. Also wuchtete er erst mal die große Reisetasche, einen kleinen Lederkoffer, ein prall gefülltes Einkaufsnetz, sowie noch einen riesigen Schirm von der Ablage, nicht ohne zu erwähnen, dass er ihr die Sachen selbstverständlich bis auf den Bahnsteig bringen werde.
Hoffentlich lehnt sie mein Angebot ab, dachte er im Stillen, Ich weiß wirklich nicht, wofür eine alte Dame so viele Sachen mit sich herum schleppt. Na ja, letztendlich findet sich immer ein gutmütiger Kavalier der alten Schule wie ich, der sich dann damit abplagt.
Unnötig zu erwähnen, dass sich seine Hoffnung nicht erfüllte. Nachdem er schweißgebadet die Gepäckstücke der Dame bis auf den Bahnsteig hinausgereicht hatte, musste er sich beeilen, auch seine eigenen Koffer zu holen, bevor der Oostende Express aufs Abstellgleis verschoben wurde.
Da stand er nun etwas ratlos an den Gleisen, es war derselbe Bahnsteig, von dem er seinerzeit im Mai 1950 in den Armee Zug Richtung Heimat gestiegen war. Auf den ersten Blick hatte sich kaum etwas verändert, auch wenn er beim Blick auf den Ausgang das neue Bahnhofsgebäude entdeckte, an derselben Stelle wo damals nur eine Bombenruine geblieben war.
Die alte Dame aus dem Zug winkte ihm noch mal freundlich zu, bevor sie mit einem älteren Herrn zum Ausgang ging.
Das wird wohl ihr Bruder sein, von dem sie während der Fahrt dauernd erzählt hatte. Nun kann sich der eben mit den schweren Sachen abschleppen, schoss es Albert durch den Kopf, ehe auch er zur Unterführung ging, die den Bahnsteig mit der Haupthalle verband.
Während der langen Reise, von Bournemouth, dem zwar mondänen, aber langsam aus der Mode kommenden Badeort an der Südküste Englands, über London nach Dover, mit der Fähre über den Kanal nach Oostende und von dort in einem Kurswagen bis Graz hatte er Zeit genug gehabt, sich an das Jahr 1947 zu erinnern. Er war damals froh gewesen, dass sein ehemaliger Bataillonskommandant ihm die Möglichkeit gegeben hatte, in der Stadtkommandantur von Graz, dessen Leiter dieser geworden war, als Verbindungsoffizier zu arbeiten.
Worthingtons Großtante lebte in Hamburg, war mit dem inzwischen verstorbenen Bruder seines Vaters verheiratet und bei einigen Besuchen gegenseitig hatte er ganz passabel Deutsch gelernt. Eine Sprache, die ihm im Gegensatz zu den meisten seiner Landsleute offensichtlich zu liegen schien.
Das war der Grund gewesen, warum man ihm die Aufgabe zugetragen hatte, die Wünsche und Anweisungen der Besatzungsmacht an die jeweiligen Stellen in der Stadtverwaltung weiterzugeben.
Diese Tätigkeit war eine gute Gelegenheit gewesen, viele Leute kennen zu lernen, ganz besonders gerne erinnerte er sich an Ingrid, seine ganz spezielle Soldatenliebe.
Bei ihr hatte er zur Untermiete gewohnt, bis sich daraus eine heftige Beziehung entwickelte, die danach aber etwas abrupt zu Ende gegangen war.
All dies ging ihm durch den Kopf, während er auf den Bahnhofsvorplatz trat und sich nach einem Taxi umsah.
Die sind ja alle schwarz, genau wie in London,
sinnierte er vor sich hin.
Nur handelte es sich überwiegend um Modelle von Mercedes, die zwar moderner als die typischen Londoner Taxis, aber wohl gewiss nicht so praktisch sein würden.
Als er zuletzt hier gewesen war, wurde das Transportproblem noch fast ausschließlich von britischen Militärfahrzeugen gelöst, während die Einwohner der Stadt zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs waren. Und jetzt war da die Straßenbahn, moderne Triebwagen, nicht mehr diese klapprigen Waggons, die den Krieg überlebt hatten und so aussahen, als wären sie in ihrer Anfangszeit noch von zwei Pferden gezogen worden.
Worthington verspürte große Lust, statt in ein Taxi in die Trambahn zu steigen, aber da er nicht wusste, wie er ins Parkhotel kommen sollte, in dem er sich ein Zimmer hatte reservieren lassen, stieg er doch lieber in eine der bereitstehenden Droschken. Er nannte dem Fahrer das Ziel Parkhotel, lehnte sich entspannt zurück und schaute durch das Fenster nach draußen, begierig darauf, irgendetwas zu entdecken, was den Hort seiner Erinnerungen noch nicht verlassen hatte. Sooft er ein neues Gebäude erspähte, beugte er sich nach vorne, um den Fahrer danach zu fragen.
Natürlich probierte er sogleich seine alten Deutschkenntnisse aus, schon um dem Fahrer zu zeigen, dass er sich hier auskannte. Denn die alte Dame im Zug hatte ihm erzählt, dass englisch sprechende Touristen automatisch als Amerikaner und damit als Millionäre eingestuft würden, die es auszunehmen galt.
“Na, Mister, kumman´s aus England oder Amerika?” antwortete der Taxifahrer nichtsdestotrotz, Worthingtons Akzent ließ sich eben doch nicht so ganz verbergen.
Leise seufzend stillte er dessen Wissensdurst, worauf der Taxifahrer meinte:
“Eure Fußballer gefallen mir, besonders der Georgie Best von Manchester United, mei, wenn wir nur auch solche Burschen hätten!”
Etwas verschämt gestand er ihm, dass er von Fußball nicht allzu viel Ahnung hatte und seine Lieblingssportart Kricket wäre, was wiederum bei dem Fahrer nur ein mitleidiges Kopfschütteln auslöste.
Bald hatten sie auch das Parkhotel erreicht und nachdem Worthington das Taxi bezahlt hatte, schnappte er sich den Koffer und ging an die Rezeption, während der Taxifahrer, enttäuscht über das ungewohnt magere Trinkgeld missbilligend den Kopf schüttelnd davonfuhr.
Der erste Tag in Graz begann mit einem ausgiebigen Frühstück in dem kleinen gemütlichen Speisesaal des Hotels. Eine junge Serviererin führte ihn freundlich lächelnd an seinen Tisch, an dem noch ein älteres Ehepaar aus Wien saß.
Nachdem Worthington sich vorgestellt hatte, begann der Mann sofort, die kümmerlichen Reste seiner Schulenglischkenntnisse hervorzukramen und verwickelte ihn in ein Gespräch. Die Schulzeit des Herrn lag aber offensichtlich schon einige Zeit zurück, demnach war die Unterhaltung naturgemäß etwas anstrengend.
Doch gutmütig wie er nun mal war wollte er den alten Herrschaften nicht die Freude verderben und so beantwortete er geduldig alle Fragen. Auch wenn er sich stark zusammenreißen musste, um nicht in Gelächter auszubrechen, wenn sein Gegenüber einen Satz wieder mal allzu wörtlich übersetzt hatte.
Schließlich wurde ihm die Sache zu bunt und er antwortete auf Deutsch.
Nun erkannte Herr Sedlacek, so hieß der Herr aus Wien, dass Worthington´s Deutsch doch bei weitem besser als sein eigenes Englisch war und schwieg betreten.
Um die Konversation wieder in Gang zu bringen, fing Worthington an, über das österreichische Frühstück zu schwärmen
„Schon seit Tagen habe ich mich darauf gefreut, mal wieder eine Semmel und ein Kipferl zu essen“, erzählte er frohgemut, „bestrichen mit Butter und dieser herrlichen Marillenmarmelade“ Doch die Sedlaceks schauten beleidigt weg und kauten verdrossen an ihren Semmeln herum.
Was soll´s, dachte er, so kann ich wenigstens ungestört zu Ende essen und die Schlagzeilen der Morgenzeitung zu entziffern versuchen.
Bald darauf verließ er frisch gestärkt den Frühstückssaal und machte sich daran, nach draußen zu gehen. Kurz vor der Drehtür fiel ihm ein, dass er ja gar nicht wusste, wie er zu seiner Verabredung kommen konnte. So ging er zurück in die kleine Hotelhalle und erkundigte sich an der Rezeption, wie er am besten zur Grazer Messe kommen würde.
“Da fahren Sie am besten mit der Straßenbahn hin, die Haltestelle ist ja eh gleich gegenüber vom Hotel”, gab der Portier freundlich zur Antwort.
Endlich bot sich die Gelegenheit, mal die Trambahn benutzen zu können, so ging er schnurstracks zur Haltestelle und saß schon einige Minuten später im Waggon auf dem Weg zur Messe.
Geduldig, wie Engländer das nun mal gewohnt sind reihte er sich in die Schlange vor dem Kartenhäuschen ein. Ich versteh nicht, dass bei diesem Besucherandrang nicht mehr Kassen geöffnet werden, dachte er und während er so quälend langsam dem Schalter näher rückte, verstärkte sich alsbald das unbestimmte Gefühl, dass er von irgendjemand beobachtet wurde.
Verstohlen drehte er sich um und musterte die hinter ihm stehenden Menschen. Aber da standen nur ein paar Bauern, unschwer zu erkennen an ihrem Steireranzug mit grünem Kragen, einer trug sogar einen Hut mit Gamsbart, was ihm doch einigermaßen kurios auszusehen schien. Na ja, andererseits, was würde der Mann wohl über unsere Männer in Schottenröcken denken? , sinnierte er und schaute wieder sehnsüchtig auf seinen Vordermann, der nun endlich an der Reihe war.
Als er dann selbst zur Kasse kam, zeigte er die Einladung seines Geschäftsfreundes vor und bekam eine ermäßigte Eintrittskarte ausgehändigt. „Zwanzig Schilling, bitte“, forderte ihn der Kartenverkäufer auf, „und hier müssen sie noch dieses Formular ausfüllen“ Die hinter ihm stehenden guckten böse ob der unnötigen Verlängerung ihrer Wartezeit, auch sein schüchterner Einwand, ob das wirklich notwendig sei nützte nichts. „Urdnung muass sein!“ war der unmissverständliche Kommentar des Ticketverkäufers.
Nachdem zu guter Letzt auch noch die Kartenkontrolle am Eingang passiert war, suchte er erst mal nach einer Übersichtstafel um ohne Verzögerung die Halle zu erreichen, die ihn speziell interessierte. Nach einigen Minuten Herumirren hatte er auch den Stand der Motorradfirma KRU gefunden, und fragte nach Herrn Heller, mit dem er verabredet war. Freudestrahlend kam dieser auf ihn zu und begrüßte ihn so herzlich, als ob sie sich schon ewig kennen würden.
Während er sich von Herrn Heller den Messestand zeigen ließ, war da schon wieder dieses komische Gefühl, beobachtet zu werden. Er blickte vorsichtig aus den Augenwinkeln heraus nach hinten, jetzt fiel ihm doch ein schon etwas älterer Herr auf, der vor ihm in der Schlange beim Eingang gestanden hatte und ihm auch schon in der Straßenbahn etwas merkwürdig vorgekommen war. Der Mann hatte jedes Mal auffällig den Blick abgewandt, sobald ihn Worthington direkt ansah.
Er ließ sich nichts anmerken, unterhielt sich weiter mit Herrn Heller, der ein ganz ausgezeichnetes Englisch sprach. Auf Worthington´s Kompliment diesbezüglich schwächte dieser bescheiden, aber doch geschmeichelt ab und erzählte, dass er sich schon mehrmals beruflich in England aufgehalten hätte und die Sprache einfach lieben würde.
Dabei erinnerte sich Worthington an die Zeit als Verbindungsoffizier in Graz, wo es ihn besonders beeindruckt hatte, dass die Engländer, obgleich gerade kurz zuvor noch Kriegsgegner, eigentlich überraschend beliebt bei den Österreichern waren.
Ob es nur daran lag, dass alle froh waren, nicht die Russen statt der Briten als Besatzer zu haben oder ob es andere Gründe dafür gab, er wusste es nicht. Überhaupt schien es, als ob sowieso alle Grazer auf einmal Freunde der Besatzungsmacht und entschiedene Gegner des Nationalsozialismus gewesen wären.
Dabei war ihm gesagt worden, dass Graz im Krieg die so genannte Stadt der Volkserhebung genannt wurde, die als erste unter allgemeinem Jubel zu Hitlerdeutschland übergelaufen war.
Interessiert schlenderte er weiter über den Messestand und fachsimpelte mit seinem Gastgeber. Sein mysteriöser Verfolger schien sich unterdessen aus dem Staub gemacht zu haben und bald dachte er nicht einmal mehr an ihn.
Beim Abschied bat ihn Herr Heller, doch am Abend sein Gast zu sein. „Meine Frau würde sich freuen, ihnen ein typisch steirisches Menü zu servieren!“
Als er das hörte kam ihm die Erinnerung an die ausgezeichnete Hausmannskost von Ingrid hoch. War es damals wegen der Lebensmittelrationierung doch nicht einfach gewesen, ein schmackhaftes Essen auf den Tisch zu stellen, so hatte sie sich immer wieder alle Mühe gegeben, ihn kulinarisch zu verwöhnen.
Selbstverständlich nahm er die Einladung gerne an.
Gleich nach der Rückkehr ins Hotel rief er seine Frau Ann in Bournemouth an, um ihr von seinem ersten Tag auf der Geschäftsreise zu berichten und vergaß auch nicht, das leckere Frühstücksgebäck zu erwähnen, was diese mit einem hörbaren Schmollen zur Kenntnis nahm.
“ Ich dachte immer, du liebst meinen Toast mit der selbst gemachten Orangenmarmelade?” fragte sie leicht geknickt.
“ Natürlich, Liebes“, beruhigte er sie schnell, „aber diese kleine Abwechslung hat mir dennoch gut getan”
Nachdem er noch Grüße an die Kinder bestellt hatte, legte er auf und erst danach fiel ihm ein, dass er ganz vergessen hatte, seiner Frau etwas von dem geheimnisvollen Verfolger zu erzählen.
Na ja, vielleicht ist es auch besser so, dachte er im Stillen, so hätte sie sich bloß wieder Sorgen gemacht, und das wahrscheinlich völlig unbegründet. Trotzdem ging ihm der Fremde nicht aus dem Kopf.
Der Abend verlief überaus harmonisch. Frau Heller zog alle Register ihrer Kochkunst, um ihrem ausländischen Gast die Vorzüge österreichischen Essens nahe zu bringen,
„Ihr Engländer werdet ohnehin nicht gerade kulinarisch verwöhnt!“, konnte sie sich einen kleinen Seitenhieb auf ihren Gast nicht verkneifen.
Es gab zur Einstimmung eine kräftige Rindsuppe mit Grießnockerl, diese herrlich lockeren und flaumigen Klößchen hatte er auch schon in seiner ersten Zeit in Graz gerne gegessen.
„Die mache ich immer noch nach dem Rezept meiner Mutter“, berichtete sie stolz. “Man muss genau ein Eischwer Grieß auf ein Ei nehmen, dann werden sie richtig locker!“
Danach gab es ein wunderbar knusprig paniertes Backhendl mit Vogerlsalat, kleine grüne Sträußchen von Feldsalat mit gekochten Kartoffelscheiben, alles mit Obstessig und Kürbiskernöl angemacht.
”Was war doch so ein Backhendl früher für ein Festessen“, seufzte Frau Heller etwas wehmütig, „heute ist es überhaupt nichts Besonderes mehr, Hühnerfleisch zu essen”
Dazu tranken sie Schilcher, einen trockenen Rose´ Wein. Eine Sorte, die nur in der Steiermark angebaut wird.
Als Nachspeise hatte sie Ribiselkuchen gebacken, eine dicke Schicht Meringuemasse auf einem dünnen Mürbteigboden und als krönenden Abschluss obendrauf frische rote Johannisbeeren, das Ganze im Ofen kurz überbacken.
Nach dem Essen gab es als Abschluss noch ein paar Obstler.
„So ein Schnapserl ist einfach das Allerbeste zur Verdauung! bemerkte Herr Heller mit leicht entschuldigendem Blick zu seiner Frau. Worthington musste ihm wohl oder übel Recht geben, obwohl er sich anfangs geschüttelt hatte. Dieser Zwetschgengeist zeigte tatsächlich eine aufräumende Wirkung auf seinen Magen.
Satt und zufrieden trat er schließlich per Taxi den Rückweg in sein Hotel an.
Am nächsten Morgen, als er gerade in den Frühstücksraum gehen wollte, reichte ihm der Hotelportier einen Zettel, auf dem nur die kurze Nachricht stand:
Heute um 17 Uhr, Schlossbergbahn, Bergstation
Noch ganz in Gedanken, wer ihn wohl auf diese ungewöhnliche Weise treffen wollte, ging er an seinen Frühstückstisch. Selbst der hervorragende Tee konnte ihn nicht aufmuntern. Zuerst der geheimnisvolle Verfolger auf der Messe, jetzt diese rätselhafte Verabredung, er konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.
Während sich Worthington nach dem Verlassen des Frühstücksraums beim Portier nach dem Weg zur Talstation der Schlossbergbahn erkundigte, fragte er diesen gleich noch, von wem denn die Nachricht abgegeben worden wäre.
Leider brachte ihn die Antwort auch nicht weiter. Da der Zettel bei dessen Schichtbeginn schon im Fach gelegen hatte, musste wohl der Nachtportier ihn angenommen haben. “Herr Waller kommt aber erst übermorgen wieder zur Nachtschicht,” meinte der Portier bedauernd.
Am Vormittag machte er dann noch einen kleinen Stadtbummel, war überrascht, wie viele neue Geschäfte und Lokale es in Graz inzwischen gab und freute sich, dass die Stadt sich trotzdem noch ihren alten Charme bewahrt zu haben schien.
Er stattete dem einzigen Kaufhaus von Graz, Kastner &Öhler, einen Besuch ab, um in der Kinderabteilung etwas Hübsches zu finden, anschließend kaufte er auch noch ein Souvenir für seine Frau.
Da bis zum vereinbarten Zeitpunkt der mysteriösen Verabredung noch etwa zwei Stunden Zeit waren, beschloss er, diese zu nutzen, um sich auf dem Schlossberg schon etwas umzusehen.
Der Schlossberg von Graz lag genau im Herzen der Stadt. Obwohl der Begriff Berg wohl etwas übertrieben für diesen kleinen Hügel ist, dachte er sich im Stillen, aber für einen Flachlandtiroler wie ihn wirkte er doch ganz schön groß.
Er löste eine Fahrkarte und stieg in den Waggon, der abfahrbereit wartete. Leicht ruckelnd setzte sich die Bahn in Bewegung, und der Schaffner, der eben noch die Fahrscheine in dem kleinen Glaskasten verkauft hatte, war nun der Zugführer.
„Der muss wohl einen ziemlich gemütlichen Job haben, der gute Mann!“ rief Worthington einem neben ihm stehenden Fahrgast spöttisch zu. „Die Bahn fährt doch bestimmt vollautomatisch!“.
Mit in der Kabine war auch eine japanische Familie, und ihr fröhliches Schnattern und begeistertes Fotografieren lenkten ihn wenigstens ein bisschen ab. So vergaß er für eine Weile fast, darüber zu grübeln, was bei dieser seltsamen Verabredung wohl herauskommen würde.
Genau in der Mitte der steilen Fahrstrecke begegneten sie dem bergabfahrenden Zug, die beiden Zugführer winkten sich gelangweilt zu und nach wenigen Metern sahen sie schon die Bergstation näher kommen.
Oben angekommen, stieg zuerst der Zugführer aus, öffnete die Türen und half den Fahrgästen aus der Bahn auszusteigen. Danach setzte er sich in eine kleine mit Glasfenster abgetrennte Kabine und verkaufte wieder Fahrscheine, diesmal für die Fahrt nach unten.
Worthington lenkte seine Schritte erst mal auf den Uhrturm zu, das auffällige Wahrzeichen von Graz.
Neben dem nur wenige Meter entfernten Glockenturm, der Liesl, soll er das einzige noch erhaltene Bauwerk aus der großen Befestigungsanlage sein, las er auf einer an der Mauer angebrachten Kupfertafel, ein Hindernis, das selbst für die Truppen der Franzosen seinerzeit unbezwingbar gewesen sein sollte und deren Zerstörung eine der Bedingungen Napoleons für einen Friedensvertrag gewesen wäre.
Der Turm war in der Stadt kilometerweit sichtbar und hatte Worthington schon seinerzeit als willkommene Orientierungshilfe gedient, auch wenn er seiner ursprünglichen Aufgabe, der Anzeige der Uhrzeit etwas weniger zu gebrauchen gewesen war. Zum einen bestand das Zifferblatt nur aus römischen Zahlen, und außerdem gab es noch eine für eine Uhr ziemlich ungewöhnliche Besonderheit.
Worthington hatte sich während seiner Stationierungszeit oft gewundert, warum bei dieser weithin sichtbaren Uhr der Minutenzeiger klein und dafür der Stundenzeiger groß war. Ein freundlicher älterer Herr erklärte es ihm damals geduldig, und wies ihn auf das große Gewicht der massiven Zeiger hin und dass der schwere Stundenzeiger schließlich weniger Umdrehungen als der Minutenzeiger mitmachen musste, was das immer noch vorhandene Originaluhrwerk leichter verkraften konnte.
Mittlerweile war es kurz vor fünf Uhr, deshalb ging Worthington langsam wieder zurück zur Bergstation der Bahn, dem vereinbarten Treffpunkt.
Das Plateau auf dem Schlossberg war zu einem kleinen Park ausgebaut, nicht nur Touristen, sondern offenbar auch viele Einheimische nutzen den Ort für kleine Spaziergänge. Anstatt mit der Zahnradbahn konnte man auch auf mehreren Wegen zu Fuß nach oben gelangen, der steilste Weg führt über den Felsenstieg, über den Dächern der historischen Altstadt.
An der Station angekommen, sah er schon von weitem, dass etwas passiert sein musste. Aufgeregte Menschen rannten hektisch herum, einige schienen verletzt zu sein.
Beim Näherkommen hörte er aus der Ferne das Heulen der Sirenen von einem Wagen des Roten Kreuzes, das in Graz den Rettungsdienst versieht. Auch ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr hatte sich inzwischen die steile Serpentinenstraße hochgequält und aus den aufgeregten Gesprächen der immer zahlreicher werdenden Schaulustigen konnte Worthington entnehmen, dass eine bergaufwärts fahrende Bahn verunglückt war.
Offenbar durch eine Explosion war sie entgleist, und nur den Sicherheitseinrichtungen war es zu verdanken, dass die Bahn nicht den steilen Hang hinuntergerutscht war. Von daher war also das ungewöhnliche Geräusch gekommen, das ihn kurz zuvor hatte zusammenschrecken lassen. Aber alleine die Explosion war schon schlimm genug gewesen, denn die Rotkreuzhelfer hatten unterdessen drei sichtlich böse verletzte Fahrgäste aus einem der Waggons herausgeholt und begannen mit deren Notversorgung.
Der Vorplatz füllte sich nun immer mehr mit Einsatzwagen von Polizei und Feuerwehr und langsam kam ihm der Verdacht, dass dieser Unfall wohl nicht ganz zufällig genau zu der Zeit geschehen war, zu der er eigentlich hätte fahren müssen, um rechtzeitig zum Treffpunkt zu kommen.
Obwohl, wer um alles in der Welt sollte es ausgerechnet auf ihn abgesehen haben, ihn, dem unbekannten Touristen aus England?
Wer sollte ihn so hassen, dass er damit sogar das Leben Unschuldiger gefährdete? Er konnte es sich einfach nicht erklären. In seiner früheren Position hatte er zwar des Öfteren die Möglichkeit gehabt, seinen Einfluss geltend zu machen, um einigen Einwohnern die eine oder andere Vergünstigung zukommen zu lassen.
Doch sosehr er sich auch das Hirn zermarterte, er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, sich jemand zum Feind gemacht zu haben.
Geschweige denn, jemandem ein Motiv gegeben zu haben, solch einen schrecklichen Anschlag zu verüben.
Während er gerade überlegte, wie er denn nun zurück in die Stadt kommen sollte; die Bahn würde ja wohl nicht so schnell wieder in Betrieb genommen werden; sah er wieder diesen Mann, der ihm schon auf der Messe aufgefallen war.
Aus dem Ausdruck seines Gesichts, der von ungläubigem Erstaunen, sobald er ihn erkannt hatte, in offensichtliche Wut umschlug, folgerte Worthington, dass der Anschlag wohl tatsächlich ihm gegolten hatte und es nun bestimmt besser wäre, ganz schnell zu verschwinden. Was immer der Mann von ihm wollte, es konnte nichts Gutes sein.
Jetzt war keine Zeit, darüber nachzudenken. Eilig lief er auf die Stelle zu, an der die steile Treppe am Schlossbergfelsen entlang nach unten in die Altstadt von Graz führt. Voller Angst blickte er immer wieder zurück und hoffte, dass sich das alles doch noch als Verwechslung herausstellen würde. Aber dieser verfolgte ihn weiter.
Je näher der Mann auf ihn zukam, desto schneller wurde Worthington. Er stolperte mehr, als dass er rannte, auf der Treppe nach unten.
Mittlerweile richtig in Panik, hatte er nun verständlicherweise keinen Blick mehr für die wunderschöne Silhouette der Altstadt, die immer näher kam. Bei der Kehre in der Mitte der Treppe konnte er nicht mehr weiter laufen, ohne erst mal zu verschnaufen.
Während er noch sich selbst wegen seiner mangelnden Fitness verwünschte, blickte er hoch und sah in die hasserfüllte Fratze des Fremden. Unfähig sich zu rühren, ließ er zu, dass der Mann ihm einen heftigen Stoß versetzte, so dass er vor den Augen einiger entsetzten Touristen den Schlossbergfelsen hinunterstürzte.
Das Letzte, was er noch hörte, war der markerschütternden Schrei einer Frau, die das Ganze mitansehen musste, danach wurde ihm schwarz vor den Augen.
Durch ein seltsames Piepen wach geworden schreckte Worthington hoch und wurde augenblicklich von einem fürchterlichen Schmerz in der Schulter durchzuckt.
Rechts neben seinem entdeckte er noch ein zweites Bett, in dem ein älterer Herr schlief. Langsam dämmerte es ihm, dass er in einem Krankenhaus war, noch konnte er es sich nicht erklären, warum.
Während er so da lag, musterte er so gut es ihm trotz der Schmerzen möglich war, seine nähere Umgebung.
Zahlreiche technische Apparate waren neben und hinter seinem Bett aufgebaut, daher kam wohl auch dieses nerv tötende Piepen. An seinem Handgelenk war ein dünner Schlauch angebracht, der in einer Tropfflasche über seinem Bett mündete. Alles tat ihm weh, schnell gab er es auf, die verschiedenen schmerzenden Stellen alle zu zählen.
Vielmehr konzentrierte sich darauf, einen Punkt an seinem Körper zu finden, der nicht schmerzte.
Gott sei Dank, beide Beine waren noch dran, wie er nach dem Zurückschlagen der Bettdecke erleichtert feststellte. Allerdings war vor lauter Verbänden kaum noch etwas von ihm zu sehen.
Ich komme mir ja vor wie eine ägyptische Mumie, sinnierte er vor sich hin. Jetzt bewegte sich endlich der Vorhang, mit dem die beiden Betten notdürftig abgeschirmt waren und eine jüngere Frau in Schwesternuniform trat an sein Bett.
“Na, Herr Worthington, Sie haben ja fast eine Ewigkeit geschlafen! Wie fühlen Sie sich denn jetzt?”
fragte ihn die Krankenschwester lächelnd.
”Ich werde gleich nach dem Doktor rufen, er wartet schon sehr darauf, dass Sie endlich aus der Narkose erwachen” meinte sie eilig, ohne seine Antwort auf ihre Frage abzuwarten.
Bald darauf trat der Stationsarzt ins Zimmer und stellte sich als Doktor Walther vor. Sein Englisch war ausgezeichnet, wenn auch mit stark amerikanischem Akzent.
“Ich habe ein Jahr als Gaststudent an der Princetown University verbracht”, klärte er ihn auf. Mit dem Erklären der zahlreichen Verletzungen auf Englisch war aber dann selbst Doktor Walther etwas überfordert, doch es war immer noch verständlicher, als wenn er ihm alles auf Deutsch erklärt hätte.
Kurze Zeit später kündigte die Schwester einen Besuch an, einen Herrn Waller mit Tochter.
Bei der Nennung des Namens Waller zuckte Worthington etwas zusammen, sofort erinnerte er sich wieder an Ingrid Waller, seine Soldatenliebe in Graz. Was hatten sie doch für eine schöne Zeit miteinander verbracht, er und seine Zimmerwirtin, aus der später seine Freundin geworden war. Bis dann ihr Mann aus der Gefangenschaft zurückkehrte und die Beziehung von heute auf morgen zu Ende war.
Nachdem er am Vortag erfahren hatte, dass der Nachtportier Waller heiße, mochte er dem noch keine Bedeutung beimessen, war er doch der mysteriösen Nachricht wegen ziemlich durcheinander gewesen.
Nun tauchte aber plötzlich noch ein Mann auf mit dem gleichen Namen. Das musste zwar nicht unbedingt etwas bedeuten, denn der Name war doch bestimmt sogar in dem kleinen Graz nicht so einzigartig.
Aber alles Hoffen war vergeblich, als sein Besucher sich auch noch mit seinem Vornamen Hermann vorstellte, gab keinen Zweifel mehr. Es war der Mann, dem er seinerzeit Hörner aufgesetzt hatte. Herr Waller selbst schien jedoch von diesem pikanten Geheimnis jedoch keine Ahnung zu haben.
„Ich bin Nachtportier im Parkhotel und bringe Ihnen ihren Koffer sowie die besten Genesungswünsche unseres Direktors” begann er und fuhr fort
„Außerdem fühle ich mich auch ein bisschen mitverantwortlich an der ganzen Geschichte. Schließlich habe ich die kurze Nachricht für Sie vorgestern entgegengenommen! Es kam mir gleich etwas eigenartig vor, den Zettel hat ein kleiner Bub abgegeben, er sagte, dass ein Fremder ihn darum gebeten hätte“
Danach stellte er Albert seine Begleiterin vor. „Das ist meine Tochter Susanne, Herr Worthington!“
Sie sah noch ziemlich jung aus, Anfang zwanzig, blonde halblange Haare und hatte eine schmale, fast zierliche Figur. Irgendetwas an ihrem interessanten Gesicht faszinierte ihn sofort.
Ich werde doch nicht in meinem Alter plötzlich für junge Mädchen schwärmen, murmelte er vor sich hin, schließlich hätte sie seine Tochter sein können. Er riss sich zusammen und hörte sich das Anliegen der beiden an.
“Susanne arbeitet in einem Kaufhaus in Graz und ärgert sich jedes Mal, wenn sie sich mit englischsprachigen Touristen nur in ihrem etwas holprigen Schulenglisch unterhalten kann. Sie würde so gerne einige Zeit in England arbeiten um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Aber man bekommt nur dann eine Arbeitsgenehmigung, wenn man ein Stellenangebot vorweisen kann.”
meinte Herr Waller und bat ihn freundlich, ihr doch eine Stellung in England zu besorgen.
Worthington versprach den Beiden, sich sofort nach seiner Rückkehr darum zu kümmern, aber vorher müsste er schließlich erst mal gesund werden.
Nachdem die Beiden das Zimmer verlassen hatten, bedauerte Worthington insgeheim, dass er Herrn Waller nicht nach seiner Frau gefragt hatte. Es war ihm einfach zu peinlich gewesen, denn der wusste anscheinend nicht, wen sie da eben besucht hatten.
Kurzerhand rief er die Telefonnummer an, die Waller ihm gegeben hatte, und zwar rechtzeitig, bevor dieser nach Hause zurückgekehrt sein konnte.
Es meldete sich tatsächlich Ingrid, ihre Stimme war unverwechselbar, wie eh und je. Er nannte seinen Namen und sie konnte ihre Überraschung nicht verbergen.
Allerdings klang ihre Stimme alles andere als freudig. Tja, er konnte ihr das wohl kaum verdenken. Damals war man ja ziemlich unsentimental auseinander gegangen und Worthington war nach England zurückgekehrt um seine Jugendfreundin Ann zu heiraten.
Trotzdem stimmte sie seinen Bitten schließlich zu, ihn im Krankenhaus zu besuchen.
“Aber mein Mann darf nichts davon erfahren!”
Kurz nach dem Auflegen des Telefonhörers klopfte es schon wieder an der Tür, sein Zimmernachbar drehte sich genervt zur Seite, sobald ihm klar war, dass der Besuch schon wieder nur Worthington galt.
Ein Mann trat ein, ein gemütlicher kleiner Dicker, Mitte fünfzig, der sich als Oberinspektor Pilz vorstellte.
“Ich bin Leiter der gleichnamigen Gruppe bei der Kriminalpolizei der Polizeidirektion Graz. Ich bearbeite den Bombenanschlag auf einen Wagen der Schlossbergbahn und die Anzeige gegen Unbekannt wegen Ihres Sturzes von der Schlossbergtreppe.”
Er ließ sich von ihm den Ablauf des Geschehens aus seiner Sicht schildern und wollte wissen, ob er den angeblichen Täter beschreiben könne.
“Was heißt denn hier angeblich, glauben Sie mir etwa nicht?” antwortete Worthington verärgert.
“Es ging alles so schnell, ich kann mich nur erinnern, dass der Mann etwa so alt war, wie Sie, einen altmodischen Ledermantel an hatte, und außerdem trug er einen Hut, was heute ja kaum noch jemand macht.”
Während er so überlegte, wie denn wohl dessen Gesicht ausgesehen habe, fiel ihm wieder ein, was ihm so bekannt vorgekommen war:
Der stechende Blick.
Alfons Sulic, dieser windige kleine Gauner, den er damals geholfen hatte hinter Gitter zu bringen. Natürlich konnte der Mann nicht gerade freundschaftliche Gefühle für ihn hegen, aber das war wohl kein Grund, gleich zwei Anschläge zu verüben und dabei auch noch das Leben völlig Unbeteiligter zu riskieren.
Worthington beschloss, ohne zu wissen weshalb, dem Polizisten nichts über seinen Verdacht mitzuteilen.
Oberinspektor Pilz fuhr unterdessen zurück in seine Dienststelle im Polizeipräsidium. Dort erfuhr er, dass der Herr Hofrat ihn zu sprechen wünsche. Pilz wusste, dass man seinen Chef besser nicht lange warten ließ und suchte umgehend dessen Büro auf.
“Meine Verehrung, Herr Hofrat”, begrüßte er ihn, nachdem auf sein Klopfen ein energisches “herein!” ertönt war.
“Ach Herr Kollege Pilz” antwortete dieser jovial, “ Gut, dass Sie kommen, was macht eigentlich Ihre Untersuchung wegen des Anschlags auf die Schlossbergbahn?”
“Wie Sie sicher wissen, Herr Hofrat“, antwortete er, „wurde eine Stunde nach dem Anschlag ein britischer Ingenieur, er heißt Worthington, die Treppe vom Schloss bergstieg hinuntergestoßen. Da drängt sich ein Zusammenhang doch förmlich auf!” antwortete Pilz. Doch das schien seinen Chef nicht zu überzeugen.
“Na, ich weiß nicht, Herr Kollege, ich will Ihnen da natürlich nicht dreinreden, aber könnte das nicht eher ein Unfall gewesen sein? Oder haben Sie schon mal die Möglichkeit eines Selbstmordversuchs in Erwägung gezogen?”
Das war schon eigenartig, aus unerfindlichen Gründen schien ihn der Hofrat unbedingt von der näheren Untersuchung des Falles Worthington abhalten zu wollen.
Doch das machte Pilz natürlich erst recht neugierig. Schließlich wusste er um dessen Ruf, Hofrat Dr. Pichler war doch einer dieser geschickten Wendehälse, der, obgleich er nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich in verschiedenen Positionen für die NSDAP tätig war, nach Kriegsende ganz schnell wieder auf die richtige Seite wechseln konnte.
Im obligatorischen Entnazifizierungsverfahren gelang es ihm überraschenderweise, seine Tätigkeit für die Partei als völlig harmlos darzustellen. Da er durchaus administrative Fähigkeiten vorweisen konnte und zudem auch noch den gerade für Österreicher so extrem wichtigen Titel “Doktor“, stand seiner Karriere im höheren Polizeidienst nichts mehr im Wege. So machte man ihn nach diversen Fortbildungslehrgängen auf der Wiener Führungsakademie zum Leiter der Grazer Kriminalpolizei.
Was ihm aber noch weitaus wichtiger war, vor zwei Jahren wurde er zum Hofrat ernannt. Kein Nichtösterreicher wird je ermessen können, wie viel dieser Titel für eine bestimmte Sorte Mensch bedeutet.
Von der eigentlichen Arbeit der Kriminalpolizei verstand er allerdings nicht allzu viel, und darum mischte er sich erfreulicherweise fast nie in die Arbeit von Pilz ein.
Darum war Pilz auch erstaunt, dass der Hofrat an diesem Fall interessiert war. Er, der er diesen Beruf von der Pike auf gelernt hatte, hielt wenig von diesen karrieregeilen Verwaltungshengsten, besonders suspekt waren ihm die Juristen.
Während seiner Zeit als Streifenpolizist hatte es noch keine Funkgeräte gegeben, erklärte er gerne jedem, der ihn auf seine eigenbrötlerische Art ansprach. „Da war jeder Polizist auf sich gestellt und musste versuchen, mit all den Problemen allein fertig zu werden. Dabei waren Menschenkenntnis und selbstständiges Handeln erforderlich und es blieb keine Zeit für neumodische Polizeitheorien, wie sie die Führungskräfte auf ihren Seminaren heutzutage lernen.“
Dass sich nun der Hofrat so für diesen speziellen Fall interessierte, musste einfach einen besonderen Grund haben. Bisher war er doch immer froh gewesen, wenn man ihn mit laufenden Untersuchungen nicht weiter belästigte und ihn erst dann zuzog, sobald er der Presse schon stolz einen Täter präsentieren konnte.
Um näheres darüber herauszufinden, beschloss Pilz, dem Kollegen Baier im Polizeiarchiv einen Besuch abzustatten.
Die Beiden waren lange Zeit auf derselben Wachstube in der Keplerstrasse, mit Baiers körperlicher Konstitution stand es wegen einiger Leiden jedoch nicht zum Besten, und somit hatte man ihm einen ruhigen Job in der Registratur gegeben.
“ Servus Gustl, wie geht's der Frau Gemahlin und den Kindern?” fragte er diesen gleich zur Begrüßung.
“Geh, Schwammerl, jetzt red´ doch net so g´schwollen!” antwortete ihm sein alter Spezi,
“Du willst mir ja doch nur wieder einen Haufen Arbeit machen, weil du allein nicht mit deinem Fall weiterkommst!“
Den Spitznamen Schwammerl hatten sie ihm damals auf dem Wachzimmer gegeben, als Anspielung auf seinen Namen Pilz. Und wenn er sich manchmal notgedrungen im Spiegel betrachtete, musste er zugeben, dass seine Figur langsam aber sicher seinem Spitznamen ähnlich wurde.
“ Ja, du hast schon recht, Gustl, ich brauche ja wirklich was von dir! Hast du irgendwelche Akten über einen gewissen Worthington, Albert, aus Großbritannien?”
fragte er seinen Kollegen. „Der hat mir erzählt, dass er nach dem Krieg für die britische Militärverwaltung in Graz gearbeitet haben soll.“
Computer waren damals bei der Grazer Polizei noch kaum in Verwendung, deshalb war man auf das gute Gedächtnis von Leuten wie Baier angewiesen, die mit geübtem Griff in die Kartei meistens das Gewünschte hervorzauberten.
Der musste jedoch die Frage verneinen, glaubte aber den Namen schon mal im Zusammenhang mit einem alten Fall gelesen zu haben.
“Ich versprech dir, Schwammerl, ich werd mich drum kümmern. Ich ruf dich an, sobald ich was weiß!”
An seinen Schreibtisch zurückgekehrt, fand Pilz dort den Bericht des technischen Sachverständigen DI Wallauch vor.
Die spezielle Ausführung des Sprengstoffanschlages auf die Schlossbergbahn würde darauf schließen lassen, dass der Täter einst Angehöriger der deutschen Wehrmacht war, vermutlich bei den Pionieren. Diese Auskunft riss Pilz auch nicht gerade vom Hocker, von der Sorte würde es wohl noch Tausende geben, und die alle zu überprüfen wäre wohl ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.
Trotzdem beauftragte er Inspektor Vasic, einen seiner fähigsten Mitarbeiter damit, sich um diese Sache zu kümmern.
“Sie kennen doch jemand beim Landesmilitärkommando, der früher bei der Waffen SS war. Fragen Sie ihn doch mal, ob er uns nicht ein paar Informationen geben könnte!”
Vasic´s Vorfahren kamen aus Slowenien, nichts desto trotz sprach er den breitesten südsteirischen Dialekt, den Pilz je gehört hatte. Ganz im Gegensatz zu ihm selbst war Ivo Vasic einer von der schlankeren Sorte. Manchmal hatte man fast das Gefühl, er wäre eben erst aus einem Kriegsgefangenenlager zurückgekehrt, so schlotterten seine Hosen um die dünnen Beine. Wenn sie mal beide zusammen unterwegs waren, so konnte man fast meinen, Dick und Doof vor sich zu haben. Doch von doof war bei ihnen keine Spur, so mancher Ganove hatte sich schon gewundert, wie schnell er von ihnen überführt worden war.
Am nächsten Morgen läutete gleich das Telefon, Kollege Baier aus dem Archiv war am Apparat:
“ Servus Schwammerl, ich hab doch gleich den richtigen Riecher gehabt. Dieser Worthington war mal in einen Fall als Zeuge verwickelt, es ging um einen Schwarzmarkthändler und Waffen Schieber, er hieß Alfons Sulic. Der Mann wurde hauptsächlich auf Grund der Aussage von Albert Worthington zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Das waren noch Zeiten damals. Heute würde ihn bei so einer Sache jeder Pflichtverteidiger heraus hauen und wenn schon zu keinem Freispruch, dann maximal zu einer bedingten Strafe verhelfen!”
“Dieser Worthington war 1947 einige Zeit als Verbindungsmann und Dolmetscher zu den lokalen Behörden für die britische Besatzungsmacht tätig. Übrigens kam dieser Sulic eh schon nach zwei Monaten wieder aus dem Häf´n raus. Es heißt, dass sich eine hochrangige Person für ihn eingesetzt hatte. Der ganze Verwaltungsapparat war damals von ehemaligen Nazis durchsetzt, die sich gegenseitig behilflich waren, wo immer sie konnten. War wohl ein alter Kamerad oder so, der Sulic.”
“Und wie hieß diese hochrangige Person denn eigentlich?” fragte Pilz.
“Davon steht nichts in den Akten, das tut mir leid!”, bedauerte Kollege Baier.
Inzwischen war Inspektor Vasic ins Büro zurückgekehrt. “Ich hab mich mit meinem Spezi beim Kommando unterhalten, er meint, wir sollten mal mit einem Herrn Friedel sprechen.
Der war während des Kriegs bei einem Pionierkommando, das die heikelsten Aufträge bekam. Die Mitglieder des Trupps waren glühende Verehrer des Führers. Bis heute sollen sie sich in einem geheimen Kameradschaftsklub treffen und von alten Zeiten schwärmen.”
“Herr Friedel wohnt übrigens in einer Mansardenwohnung in der Prankergasse 8!“
“Na gut, ich werd morgen mit ihm reden, schaden kann´s ja eh nicht!”
