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"Auf welchem Gebiet bin ich gut?", das fragt sich Johanna, die nach sehr schlechter Mittlerer Reife ihre Zensuren-Talfahrt in der 11. Klasse fortsetzt. Mit Geron, in den sie sich verliebt, trifft sie sich häufig zum Computerspiel. Jeden Abend sitzt sie vor dem Echtzeit-Strategiespiel. Die schlechten Klausuren verheimlicht sie ihren Eltern, welche mit dem Umbau des alten Gasthauses zum Landhotel beschäftigt sind. Durch Johannas Mathelehrer, Herrn Rübenhof, erfahren ihre Eltern von den schlechten Klausurergebnissen. Wie soll es für Johanna weitergehen? Kann Tante Viktorias Idee einer Auszeit Johanna weiterhelfen. Welche Rolle spielt dabei Viktorias griechischer Nachbarsohn Danilo? Wer bin ich? Welcher Weg ist der Richtige? Welches Ziel habe ich? Diese Fragen begegnen Johanna. Auf dem Weg durch die Oberstufe ist sie verwoben mit vielen Menschen. Sie erlebt Mobbing, Streit, Glaube, Zuspruch, Hilfe und Freundschaft. Auf dem Weg sich selber kennenzulernen, trifft sie Entscheidungen.
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Die Pinguin-Geschichte wird mit freundlicher Genehmigung von Dr. Eckard von Hirschhausen verwendet
Für U.,
D., C.+S.,
M. und J.
Setzer, Gaby
Reife.Routen
Texte und Umschlaggestaltung:
Copyright © Gaby Setzer
Herzogenrath
November 2023
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
Sommer
Bertoldsbrück
München - Burgstein
Stein-Alm 1
Murmel-Hütte
Kogelweg
Stein-Alm 2
Bergsee
Märzenschober
Landhaus Magirius
Herbst
Dezember
Winter
Februar
Theatergeflüster
Atlantik
Frühling
Abitur
Erläuterungen
Genug gelernt für heute – ich klappe das Englischbuch zu, schiebe es zur Seite und betrachte das chaotische Durcheinander auf meinem Schreibtisch: beschriebene Arbeitsblätter, die Bücher für Mathe, Biologie und Englisch, die Lektüre in Französisch, das Geschichtsbuch und das ausgeliehene Buch zum Thema Demokratie, zusammengeknülltes Schokoladenpapier, Füllerpatronen, die Postkarte von Geraldine aus Berlin, Kekskrümel, diverse Ohrringe, das neue Laptop und mein Schlüsselbund mit dem Holzanhänger von Sixtus. Unter dem glattgeschliffenen Würfel aus Kalkstein von Wanda und Wendelin liegen meine liebsten Briefe, überdies der Ablagekorb – eigentlich wollte ich durch ihn Ordnung auf meinem Schreibtisch schaffen – jetzt quillt er über. Meine allgegenwärtige Kaffeetasse steht halbgefüllt, gefährlich nahe an der Tischkante. Beim Wegschieben des Englischbuches schwebt von der hinteren Tischkante ein Blatt Papier auf den Boden, ich hebe es auf:
Mein Abschlusszeugnis der zehnten Klasse!
Französisch: Vier
Mathematik: Vier
Englisch: Vier
Latein: Vier
Geschichte: Vier
Physik: Vier ...
Nur die beiden Zweien in Deutsch und Sport glänzen zwischen all den Vierern.
Dieses Zeugnis spiegelt nicht nur Bewertungen in den Schulfächern wider, dahinter steht viel mehr: Mein Weg durch die zehnte Klasse.
Es ging in diesem Schuljahr stetig bergab mit meinen Leistungen in der Schule. Die Vier in Mathe auf dem Zeugnis war sogar eine Gerade-Noch-Vier, wie es mein Mathelehrer ausdrückte.
„Johanna Magirius, du solltest dich mehr um deine Hausaufgaben kümmern!“, so hieß es häufig im vergangenen Jahr.
Um die Hausaufgaben kümmern, ja, weshalb tat ich es damals nicht? Jetzt könnte ich kurz antworten, dass es mit meiner Krankheit, Opa, dem Computerspiel, Geron und dem Umbau des Gasthofes zusammenhing. Aber ich muss weiter ausholen, um den Zusammenhang zu erklären.
Zu Beginn der zehnten Klasse war ich drei Wochen krank gewesen. Eigentlich war es nichts Schlimmes, aber eine Grippe mit allerlei Nebenerscheinungen hatte mich ziemlich lange im Griff. Dadurch gab es natürlich eine Menge Schulstoff, den ich verpasste. Geraldine, meine beste Freundin, versorgte mich mit allen Arbeitsblättern und Aufgaben.
Doch wenn ich anfangs zu schwach war, mich um die Hausaufgaben zu kümmern, so fehlte mir mit der Zeit einfach der Wille den versäumten Stoff nachzuholen. Als ich wieder genesen in die Schule zurückkam, hatten die Lehrer zunächst wohlwollendes Verständnis für meine Lücken, doch ich konnte mich nicht aufraffen, den Lernstoff nachzuholen.
Das Thema in meiner Freundesclique war gerade ein neues Computergame, Conquest and Settle, ein Echtzeit-Strategie-Spiel, in welchem man verschiedene Zeitepochen durchläuft, bei dem man Gegner besiegt und sogenannte Weltwunder erbaut. Tim und Ronja, die Zwillinge, hatten schon mehrere Szenarien durchgespielt. Geron, aus der Parallelklasse, erzählte davon, welche Szenarien er in dem Game bereits gewonnen habe und dass er sich bald die nächste Erweiterung kaufen würde.
Auf meinem Computer begann auch ich so manche Stunde mit diesem Spiel zu verbringen. Vokabeln lernen, Mathehausaufgaben, das Biologie-Referat, auch die Power-Point-Präsentation in Geschichte erledigte ich nur, wie Papa manchmal sagt, schnell und schlampig.
Während der Talent-Scout-Woche in der Schule, wo es um Berufsfindung ging, lag ich erneut mit Fieber im Bett. Das war nicht angenehm für mich, aber ich hatte sowieso keine Ahnung, was ich nach der Schule machen sollte. Daher war ich nicht unglücklich, diese Veranstaltung zu verpassen. Weshalb sollte ich mich über Handwerksberufe, die Modebranche oder irgendwelche Verwaltungsjobs informieren?
Ich war schon immer gern hilfsbereit und vielleicht würde ich ja später irgendwie Menschen helfen können. Aber von einem Menschen-Helfen-Beruf, der zu mir passen würde, hatte ich keine Vorstellung. Ich hatte Opa mit seinem Rheuma ab und zu zum Arzt begleitet. Opa sagte dann immer:
„Johanna, du kannst dich hervorragend in mich hineinversetzen, mir geht es gleich viel besser, wenn du mich begleitest.“
Es war kurz nach Ostern, als Opa plötzlich krank wurde und ins Krankenhaus kam. Er starb am Pfingstmontag. Für mich kam es plötzlich, denn Opa war fast nie lange ernsthaft krank gewesen. Als kleines Kind hatte ich stets etwas Angst vor Opa Sebastian, weil er derart groß und korrekt wirkte. So manches Mal habe ich Andreas, meinen drei Jahre älteren Bruder, bewundert, weil er mit Opa kleine Abenteuer erlebte. Er ging mit Opa zum Angeln oder auf seinen Hochsitz im Wald. Anschließend hatten die beiden immer irgendein lustiges, gemeinsames Erlebnis zu berichten.
Später, als ich älter war, nahm Opa auch mich mit auf seine spannenden Ausflüge in die Umgebung unseres kleinen Eifelstädtchens. Mit der Zeit hatte ich keine Angst mehr vor ihm. Er zeigte mir, wo man die größten Fische angelte, welche Pilze im Wald giftig sind, wo sich das Wild versteckt und von wo man den Uhu in der Morgendämmerung erspähen kann. Wir haben lange vor dem alten Steinbruch gehockt und gewartet, bis der Uhu auf die Jagd flog. Einmal konnten wir sogar beobachten, wie er einen Igel erbeutete.
Die Naturspaziergänge waren für Opa eine Erholung von seiner täglichen Arbeit, denn Opa nahm sich eigentlich nie Urlaub oder einen freien Tag. Nach dem Krieg hatte er mit Oma das Magirius-Haus, ein Ziegelbau mit drei Etagen, als Gasthaus wiederaufgebaut. Seit Omas Tod vor vielen Jahren ist Opa der uneingeschränkte Patron und stolzer Besitzer des Gasthauses gewesen. Er selbst bewohnte die kleine Dachgeschosswohnung im Magirius-Haus. Es war für ihn bis ins hohe Alter ein Sport, die Treppen bis in seine Wohnung hinaufzugehen.
Papa, sein einziger Sohn, der genau wie Opa Sebastian heißt, wohnte mit Mama erst in einer kleinen Wohnung mitten im Ort, bis sie sich die Stallungen neben dem Gasthaus als Wohngebäude umbauen durften. Anfangs gehörte nämlich zum Magirius-Haus auch eine überschaubare Landwirtschaft mit ein paar Rindern, Schafen und einem Pferd. Als Opa merkte, dass er es nicht schaffte, sowohl die Landwirtschaft als auch das Gasthaus zu führen, schenkte er Papa und Mama die etwas abseits vom Gasthaus gelegenen zwei kleinen Stallgebäude.
Onkel Anton, der Mann von Mamas Schwester Viktoria, war Architekt mit einer florierenden Wohnungsbaugesellschaft in München. Er hatte Kontakte zu Architekten und Bauingenieuren in ganz Europa, sodass es ihm zu verdanken war, dass auf dem Grundstück der Stallungen ein richtig gemütliches, praktisch konzipiertes Häuschen entstand.
Opa war glücklich, dass Mama ihn nun mit den Buchungen und den Bestellungen des Magirius-Hauses unterstützen konnte. Abends und am Wochenende half Papa in seiner Freizeit bei allen Reparatur-, Garten- oder Verwaltungsarbeiten rund um das Gasthaus mit. Er kannte mit den Jahren jeden Winkel im Haus. Er wusste auch, wo es erhaltenswert oder wo es sanierungsbedürftig war. Von Sanierungen jeglicher Art wollte Opa aber nichts wissen. Manchmal gab es darüber Auseinandersetzungen zwischen Papa und Opa. Doch Entscheidungen größerer Art, sprich Investitionen, traf bis zuletzt Opa, er war der Patron und der Hausherr.
Eine Zeit lang war Opas Gasthaus sehr beliebt. Es kamen viele Gäste zu uns. Nicht nur im Sommer, auch im Winter schätzten die Menschen die oft verschneite Eifellandschaft. Sie kehrten nach ihren Wandertouren in das am Sonnenhang gelegene Magirius-Haus ein.
Opa galt als freundlicher, ehrlicher und vor allem sparsamer Mensch. Doch gerade die Sparsamkeit, die ihn sein Leben in den Kriegszeiten gelehrt hatte, hielt ihn davon ab, das Gasthaus zu modernisieren.
Unser Koch hätte Ideen für eine modernere Küche gehabt, mit Dampfgarer, Salamander, Grill und einer Gastro-Spülmaschine. Papa hätte gern am Haus angebaut, größere Zimmer geplant, die Außenwände und das Dach gedämmt sowie zur Strom- und Wärmeerzeugung erneuerbare Energien eingesetzt. Mama, mit ihrem praktischen Sinn, wollte die Zimmer mit neuen Möbeln, neuen Matratzen, bunter Bettwäsche und dezenter Dekoration ausstatten. Als dann irgendwann Andreas die notwendige Digitalisierung des Gasthauses erwähnte, Internet, WLAN, eine Homepage, ließ Opa nur einen Blick in die Familienrunde schweifen, der unmissverständlich bedeutete, dass das Haus bisher gut besucht sei und keine Modernisierung notwendig sei.
Aber tatsächlich war das Haus nicht mehr so gut besucht wie früher einmal. Zwei andere Wanderhotels hatten am Ortsende eröffnet, sodass es zu einer Konkurrenz kam, bei der das Magirius-Haus nicht unbedingt positiv bewertet wurde. Die beiden neuen Wanderhotels entsprachen viel mehr dem Geschmack und dem Anspruch der Gäste als unser gutbürgerliches Haus mit dem abgewetzt-ehrwürdigem Nachkriegs-Charme.
Aber dies hat sich nun geändert. Als Opa im vergangenen Sommer starb, standen Mama und Papa vor der Entscheidung, das Gasthaus zu schließen, zu verkaufen oder umzubauen. Bei einem Verkauf hätten wir wahrscheinlich auch aus unserem kleinen Häuschen ausziehen müssen. Nein, Papa und Mama waren viel zu verwurzelt in Bertoldsbrück, dem fünfzigtausend-Einwohner-Ort in der Eifel, als dass sie von hier fortziehen wollten.
Papa ist hier aufgewachsen, hat im dreißig Kilometer entfernten Aachen Maschinenbau studiert, wo er seine Karin, also Mama, kennenlernte, die dort Betriebswirtschaft studierte. Papa und Mama, die beide eigentlich evangelisch sind, engagierten sich neben dem Studium in der katholischen Hochschulgemeinde in einem Sozialkreis. Dort kümmerten sie sich mit einigen anderen Studenten um Studierende aus dem Ausland, für die sowohl das Studium neu war als auch die Stadt, das Land, die Sprache und die Kultur.
Bei einem Sommerfest des Sozialkreises begegneten sich nicht nur Studierende aus verschiedenen Ländern und Kulturen, sondern ebenfalls zwei Herzen, die von da an unzertrennlich wurden. Das sind sie auch heute noch–unzertrennlich– Mama und Papa wirken immer noch ziemlich verliebt. Dabei gab es für sie beide nicht nur leichte Zeiten. Ich weiß, dass die Jahre, in denen Opa die Herrschaft im Magirius-Haus hatte, nicht durchgehend einfach waren.
Besonders für Mama. Denn sie arbeitete an den meisten Tagen im Gasthaus an Opas Seite. Sie war es auch, die sich ärgerte, wenn Buchungen von Opa vergessen wurden, die Gäste dann spontan untergebracht werden mussten. Oder wenn Bestellungen zu spät eintrafen, weil Opa meinte, dadurch einen günstigeren Preis zu erzielen.
Dabei ist es Mama, die mit ihrem Betriebswirtschaftsstudium viel Erfahrung von betrieblichem Management, Planung und Preisabsprachen mit Zulieferern hat. Sie berät parallel zum Gasthofbetrieb ein paar kleine Firmen im Ort bei steuerlichen Angelegenheiten.
Außerdem hat Mama, da ist sich die ganze Familie einig, permanent den Menschen im Blick, der hinter dem Gast steht. Sie schaut den Gästen sozusagen ins Herz und spürt oft, was ein Gast gerade braucht: Sei es Ruhe, einen besonderen Wandertipp auf abgelegenem Pfad oder auch ein kleines Gespräch bei einer Extra-Tasse Kaffee. Sie ist nie aufdringlich. Mit einer ruhigen Gewissheit weiß sie, wann jemand reden möchte und wann es besser ist, ihn nicht anzusprechen.
Papa und Mama waren traurig als Opa starb. Sie hatten viel Respekt vor seiner Lebensleistung, seiner Disziplin, seiner Kraft und doch– sie freuten sich, nun auch einen neuen Weg einschlagen zu können. Beide liebten das schöne Grundstück am Hang, das sich bis hinauf zum Wald hinzieht, viel zu sehr, als dass sie sich zum Verkaufen entscheiden konnten. Sie wagten den Sprung nicht nur in eine Modernisierung, sondern auch in einen kompletten Umbau des Hauses. Dafür nahmen sie eine nicht unerhebliche Kreditsumme auf.
Papa arbeitete damals hauptberuflich als Maschinenbauingenieur in einem Aachener Ingenieurbüro. Sein Chef war nicht gerade glücklich als Papa ihn bat, ihn freizustellen, da er fortan das Gasthaus seines Vaters übernehmen wolle. Ein erfahrener Mitarbeiter wie Papa, das wusste sein Chef, konnte nur schwer spontan durch jemand anderen ersetzt werden. Schließlich handelten beide aus, dass Papa für ein Jahr als Co-Projektleiter in Teilzeit im Aachener Büro angestellt bleibt, um einen neuen Kollegen in Papas Projekte einzuarbeiten und in den ersten Monaten zu begleiten. Für Papa war dies eine sehr gute Vereinbarung, da er somit viel per Telefon von zu Hause aus erledigen konnte, Geld verdiente und gleichzeitig hier in Bertoldsbrück auf der Baustelle die Umbauarbeiten beaufsichtigen konnte.
Was hat das alles mit meinem schlechten Abschlusszeugnis zu tun?
„Alles hängt mit allem zusammen“, sagt Oliver, ein Schulkamerad, immer.
Er ist im Umweltschutz aktiv und erläutert damit, dass es nicht ausreicht, nur eine Vogelart zu retten, man muss dazu auch die entsprechenden Insekten schützen, die die Vögel fressen und außerdem die Pflanzen erhalten, die für die Insekten Nahrung bieten und so fort.
Ich will damit andeuten, dass meine ausführliche Vorgeschichte das Fundament bietet für die eigentliche Geschichte, die ich erzählen möchte. Nun fehlt noch ein weiterer Teil der Vorgeschichte.
Mit dem Zeugnis in der Hand stehe ich also vor dem unaufgeräumten Schreibtisch. Dabei habe ich den Moment noch genau vor Augen, als ich von der Schule nach Hause schlenderte, um den fatalen Beleg meiner Leistungen meinen Eltern zu präsentieren.
Mama und Papa waren nicht gerade erfreut, als sie meinen Notenspiegel betrachteten. Jedoch, bis auf ein Stirnrunzeln und ein paar ermutigende Worte wie „das wird schon wieder“ bekam ich nichts von ihnen zu hören. Ich kenne meine Eltern, sicher hat Mama am Abend zu Papa gesagt:
„Du, Sebastian, unsere Johanna hat ein sehr anstrengendes Schuljahr hinter sich. Sie war zu Beginn des Schuljahres krank, musste viel nachholen, dann wurde Opa krank und starb, schließlich begannen unsere Umbaupläne. Johanna hat uns bisher in der Schule eigentlich nur Freude bereitet, lass uns darauf vertrauen, dass sie sich in den kommenden Jahren bis zum Abitur wieder neu motivieren lässt.“
Und Papa wird vielleicht geantwortet haben:
„Ja, Karin, du hast recht, Johanna hat bestimmt gerade einfach eine schwierige Phase durchlebt. Von diesem Tiefpunkt wird sie sich mit etwas Erholung in den Sommerferien sicherlich wieder hocharbeiten.“
So oder so ähnlich hatten Mama und Papa wahrscheinlich geredet. Sie halten beständig zu ihren Kindern. Ermutigung und Liebe, gewürzt mit etwas Strenge und Konsequenz, das haben wir beide, Andreas und ich, bis weit über unsere Kindheit hinaus immer wieder gespürt.
Es stimmt, was Mama sagte, bis zur neunten Klasse war ich eigentlich keine schlechte Schülerin, mit meist mehr als zwei Glanzpunkten auf dem Zeugnis. Deutsch lag mir, weil ich gern Texte schrieb, die Lehrer waren oft voll des Lobes, wenn ich mal wieder eine Interpretation perfekt formuliert hatte. Es kam vor, dass sogar meine Eltern die Aufsätze durchlasen und sich für das von mir bearbeitete Thema begeistern konnten.
In Sport brauchte ich mich nicht allzu sehr anzustrengen, um eine gute Note zu bekommen, denn die Ausdauer, die Beweglichkeit, etwas Training, all das machte mir Freude. Aber auch in den anderen Fächern brachte mich meine angeborene Neugier dazu, Vokabeln und Grammatik zu lernen oder Mathematikaufgaben auszuknobeln.
Häufig bekam ich ein Lob der Lehrer, wenn ich – aus Neugier – schon etwas gelesen hatte, was nicht zum Schulstoff gehörte. Zuweilen gab ich auch Nachhilfeunterricht für Schüler in der Unterstufe.
Aber das war, wie gesagt, die Situation bis zum Ende der neunten Klasse. Und so einfach wie Papa es ausdrückte,
„mit ein bisschen Erholung im Sommer“, war es nicht getan. Es sollte später nämlich noch schlimmer kommen.
Zum Beginn der Sommerferien waren die Bauarbeiten im Magirius-Haus also in vollem Gange. Ein Urlaub kam für meine Eltern natürlich nicht in Frage. Andreas war nach seinem Abitur zwei Wochen vorher zu einem Work-And-Travel-Jahr nach Australien aufgebrochen. Ich hatte keine Pläne für die Ferien. Irgendwie war in den letzten Wochen so viel bei uns passiert, nachdem Opa gestorben war, sodass ich noch nicht einmal Lust verspürte, zu Tante Viktoria nach Burgstein zu fahren.
Tante Viktoria, also Mamas ältere Schwester, ist Witwe seit Onkel Anton vor drei Jahren starb. Er war es, der für Papa und Mama beim Umbau der Stallungen damals Kontakte zu Architekten und Baufirmen hergestellt hatte. Durch den Verkauf einiger ihrer Firmenanteile von Antons Wohnungsbaufirma ist Tante Viktoria nun finanziell recht gut gestellt und unabhängig. Trotzdem beteiligt sie sich öfters an verschiedenen Projekten der Firma. Sie wohnt die meiste Zeit des Jahres in München in ihrem großzügigen Haus im Grünen, das sie schon mit Onkel Anton bewohnte. Umgeben von einer netten Nachbarschaft und Freunden mag sie den Münchner Wohnsitz nicht aufgeben. Mehrfach im Jahr zieht es sie jedoch nach Burgstein in das kleine Sommerhaus im Tennengebirge in Österreich, wo sie in dem malerischen Ort schon fast als Einheimische gilt.
Auch ich fühle mich dort zu Hause, weil ich viele Sommer und so manche Osterferien bei Tante Viktoria verbracht habe. Wahrscheinlich hat Tante Viktoria meinen Sportsgeist entfacht, ohne es zu beabsichtigen. Tante Viktoria war als junge Frau eine ausgezeichnete Schwimmerin, sie hat zwei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen gewonnen. Nach ihrer aktiven Zeit als Sportlerin behält sie ihr Training bei, um, wie sie sagt, nicht einzurosten.
Immer wenn ich Tante Viktoria im Sommer besuchte, gingen wir gemeinsam zum Schwimmen, Segeln, Rudern. Das Wasserski fahren lernten wir beide zusammen auf dem Wolfgangsee. Tante Viktoria nahm mich mit auf viele Bergtouren. Zuerst erwanderten wir uns die Gipfel, dann kletterten wir auf so manche Bergspitze. Erst mit Bergführer, später schafften wir ein paar einfache Touren zu zweit. Mit Tante Viktoria komme ich prima aus, sie hat nichts von dem feinen Spürsinn, der praktisch-organisatorischen Art, die Mama hat, dafür ist sie spontan, kreativ und – genau wie Mama – meistens gut gelaunt, sie schaut auf die positiven Seiten des Lebens.
Seit Opas Tod, den beginnenden Bauarbeiten im Gasthaus und der Abreise von Andreas nach Australien hatte ich irgendwie zu gar nichts Lust. Ich fühlte mich überflüssig bei den Planungen des Umbaus, überflüssig auf der Baustelle und irgendwie zurückgelassen von meinem Bruder.
Eigentlich hatten wir beide vor, nach Andreas‘ Abitur an der Küste Korsikas entlang zu reisen, von Campingplatz zu Campingplatz mit zwei weiteren Freunden. Doch dann packte Andreas die Idee, nach Australien zu aufzubrechen, sodass unsere Korsika-Pläne nicht mehr zur Sprache kamen.
So stand ich mit einem fürchterlichen Abschlusszeugnis und zerschlagenen Urlaubsplänen vor den Sommerferien. Auch zu Tante Viktoria mochte ich nicht fahren, dazu fehlte mir die Lust. Ich wusste selbst nicht, was ich wollte.
Kurz vor den Ferien meinte Mama, dass mir eine Zeit bei Tante Viktoria sicherlich guttun würde, zumal es in den nächsten Wochen und Monaten hier zu Hause ziemlich turbulent bleiben wird. Ja, ja, das ahnte ich schon! Um der erneuten Diskussion mit Mama auszuweichen, ging ich zu meiner Freundin Geraldine Gaisdörfer. Sie erzählte mir, dass sie mit ihren Eltern in den Ferien nicht wie geplant in die Provence fahren würde. Ihre Eltern sind beide Musiker und gerade eben hatten sie zugesagt, dass sie in diesem Sommer für zwei erkrankte Kollegen bei den Salzburger Festspielen mitspielen würden. Sie überlegten derzeit, ob Geraldine zu Hause bleiben oder mit nach Salzburg fahren sollte.
Bei diesen Überlegungen fühlte ich mich nun ebenso fehl am Platze wie zu Hause. Ich verabschiedete mich schnell wieder und spazierte langsam durch den Ort. Ich kaufte mir ein großes Eis bei Antonios Gelateria und kam Eis schleckend wieder zu Hause an.
Anscheinend gerade rechtzeitig, denn Tante Viktoria war am Telefon. Sie wollte mich sprechen. Hoffentlich lädt sie mich nicht nach Burgstein ein, dachte ich. Mit mir kann sie in diesem Sommer nicht rechnen. Zuerst plauderten wir eine Weile über die Schule, dann erzählte sie, dass sie gerade in Köln bei einer Freundin zu Besuch sei und plante morgen, am Samstag, uns für einen Tag in der Eifel zu besuchen. Ich erzählte ihr noch von Geraldines Eltern sowie ihrem Engagement in Salzburg. Wie schon erwähnt, ist Tante Viktoria sehr spontan, so überraschte sie mich mit den Worten:
„Dann komm doch einfach mit Geraldine zusammen zu mir! Ich könnte euch am Sonntag, also übermorgen, gleich mitnehmen. Dann fahren wir zuerst für zwei Tage nach München und anschließend weiter nach Burgstein ins Sommerhaus. Was hältst du davon?“
Mit diesem Vorschlag hatte sie mich tatsächlich überrumpelt. Aber auch der Gedanke, mit Geraldine gemeinsam nach München und Burgstein zu fahren, ließ meine Stimmung etwas ansteigen. Ich sagte Tante Viktoria, dass ich Geraldine gleich anklingeln würde, um ihr die Einladung weiterzugeben.
So kam es schließlich, dass wir zu dritt am Sonntag nach München fuhren. Geraldine und ich saßen hinten im Auto. Tante Viktoria fährt am liebsten Auto, wenn sie ungestört dabei Musik hören konnte. Ihr Musikgeschmack verläuft quer durch die Musikgeschichte. Folglich lauschten wir kilometerlang den verschiedensten Titeln zwischen Rock, Pop, Klassik und Jazz. Obwohl Geraldine sehr musikalisch ist, ließ Tante Viktorias Musikauswahl sie schon auf den ersten Autobahnkilometern in den Schlaf fallen. So starrte ich abwechselnd auf die vorbeiziehende Landschaft, dann wieder auf die neben mir schlafende Freundin.
Geraldines gewelltes, kastanienbraunes Haar fiel ihr über die Schulter. Sie wirkt, finde ich, etwas älter als ich. Genaugenommen ist sie das auch. Sie wurde am vierzehnten und ich am fünfzehnten März, sechs Stunden nach Geraldine, im Bertoldsbrücker Krankenhaus geboren. Unsere Mütter haben sich nach der Geburt im gemeinsamen Stationszimmer angefreundet. In den folgenden Jahren lernten sich auch die Väter näher kennen und unsere beiden Familien unternahmen vieles miteinander. Später war Mama froh, dass ich Geraldine hatte, während sie selber stärker im Gasthaus eingebunden war. Tante Céline, so nenne ich Geraldines Mutter, war ebenso glücklich über unsere Freundschaft, weil Geraldine ein Einzelkind blieb. Sie kam oft nach ihrem Klavierunterricht nachmittags zu uns, um bei mir zu übernachten, wenn ihre Eltern unterwegs waren. Es kam sehr häufig vor, dass Tante Céline und Onkel Max zu Konzerten in andere Städte reisen mussten.
Céline Gaisdörfer stammt aus Arles in der Provence, sie ist eine bekannte Cellistin. Regelmäßig wird sie als Solistin von unterschiedlichen Orchestern der Welt angefragt. Früher erklangen stets ihre sogenannten Übungen im Gaisdörferschen Haus, während Geraldine und ich mit Lego spielten, uns Geschichten erzählten oder uns nach der Schule Spaghetti kochten. Das, was Tante Céline üben nannte, klang in meinen Ohren wie ein Konzert mit dem sonoren Klang des alten, wertvollen Cellos. Das Cello war nur ein klein wenig kleiner als Céline, doch die schwarz-gelockte, stille, fast zerbrechlich wirkende Musikerin vermochte die schönsten Töne aus dem Instrument hervorzulocken.
Max Gaisdörfer, ihr Mann, blond, großgewachsen, ist eine bayrische Frohnatur und Dirigent aus vollem Herzen. Meistens trifft man ihn mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht an. Zwinkernd lächelt er sein Gegenüber an, ob es nun die Orchestermusiker sind, seine Frau oder die Freundin seiner Tochter. Onkel Max beeindruckt mich mit vielen spannenden, meist lustigen Erzählungen rund um die Entstehung unterschiedlicher Kompositionen, Konzertstücken, Opern oder Sinfonien, die er gegenwärtig dirigiert. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er den Musikern die Idee des Komponisten von einem Musikstück mit seinen kuriosen Geschichten nahebringt.
In den Ferien fuhr Geraldine mehrmals mit ihren Eltern auf Tournee, wenn diese ein gemeinsames Engagement hatten. Manchmal war Geraldine auch nur mit einem von ihnen, Mama oder Papa, zu zweit unterwegs. Geraldine lernte durch die Arbeit ihrer Eltern viele neue Städte, Länder und Menschen kennen. Trotz aller Reiseerfahrung, kehrt Geraldine nie die welterfahrene Lady heraus oder gibt mit ihren Besuchen in New York, Boston, Kopenhagen und London an. Ihr Berufswunsch steht seit langem fest.
Sie will unbedingt Opernsängerin werden. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr nimmt sie Gesangsunterricht und ist mit ihrer Stimme und Klavierbegabung ein Gottesgeschenk für unseren Musikkurs, wie Musiklehrer Ludwig Rübenhof oft pathetisch hervorhebt. Er kommt richtig ins Schwärmen, wenn Geraldine mal wieder ein Schulkonzert des Chors mit ihrem Sopran bereichert und den Chor mit ihrer voluminösen Solostimme überflügelt. Geraldine selbst ist dabei immer die heitere, besonnene Person, die sich zwar an ihrem Erfolg freut, jedoch nie überheblich wird.
Ganz im Gegenteil zu Herrn Rübenhof, der zwar ein durchaus passabler Musik- und Mathelehrer ist, seinen ganzen Stolz jedoch in seinem Namen sieht. Nicht nur der identische Vorname Ludwig verbindet ihn mit Ludwig van Beethoven, nein, auch besonders sein Nachname Rübenhof. Jeder seiner Schulklassen erläutert er mindestens einmal, dass der Name des berühmten Komponisten Beethoven übersetzt so viel bedeutet wie Rübenhof. Das Wort Beet sei verwandt mit dem französischen Wort betterave, was Rübe bedeutet und hoven sei ein alter Plural des Wortes Hof. Wir haben das nie nachgeprüft, aber Herr Rübenhof stellt sich seinen Schülern wiederholt voller Stolz mit den Worten vor:
„Mein Name ist Rübenhof, Ludwig Rübenhof, wie der bekannte Komponist!“
An dieser Stelle erfolgt eine kleine, betonte Pause, in der die Schüler nachfragen sollen, wie der Zusammenhang ist und welchen Komponisten er meine. Die Erklärung erfolgt dann in der Art, als wäre er, Ludwig Rübenhof, ein direkter Nachfahre von Ludwig van Beethoven. Natürlich wirkt es immer voll lustig, wenn diese Erklärung folgt, oft können die Schüler die Erläuterung wörtlich mitsprechen, da sie Rübenhof schon seit der fünften Klasse kennen.
Tante Viktorias Auto fraß die Kilometer. Meine Stimmung war nach wie vor nur mäßig gut und ich konnte auch nicht erklären, weshalb. Eigentlich sollte ich mich doch auf die Ferien freuen, mit meiner besten Freundin und Tante Viktoria, mit der ich mich ebenfalls sehr prima verstehe. Graue Wolken zogen am Himmel über uns hinweg. Glücklicherweise regnete es nicht, obwohl Tante Viktoria soeben bei Singin‘ in the rain mitsummte. Der nächste Musiktitel war ein Solo von dem Jazzklarinettisten Benny Goodman, das erkannte ich wieder, weil wir es bei Rübenhof im letzten Schuljahr im Musikunterricht mehrfach hören mussten. Eine blaue Verkehrstafel huscht an meinem Autofenster vorbei, München einhundertachtundneunzig Kilometer las ich im Vorbeifahren. Geraldine schlief tatsächlich noch.
Wenn Herr Rübenhof sie als Gottesgeschenk für den Musikkurs bezeichnet, finde ich, er übertreibt ein wenig. Ich musste an ein Gespräch mit Geraldine vor ein paar Wochen denken, wo wir beide feststellten, dass wir froh sind, schon so lange befreundet zu sein, ohne ernsthafte Streitereien. Geraldine meinte, wir sind uns gegenseitig ein Geschenk. Jeder auf seine Art. Sie bereichert mich mit ihrem musikalischen Gemüt, der Ausgeglichenheit und ich begeistere sie mit meinem Sportsgeist, meinem manchmal überbordenden Temperament sowie der Spontaneität.
Anders als Herr Rübenhof auf seinen Namen, ist Geraldine ein bisschen stolz auf ihre Wurzeln. Sie betont häufig, dass sie ja französische Wurzeln habe, da ihre Mutter Französin ist. Manchmal erzählt sie von ihren Großeltern, Mamie et Papi in Arles, dass sie sich immer riesig freuen, wenn die kleine Geraldine– La Petite, mit ihren Eltern zu Besuch kommt. Nun ja, in diesem Sommer waren Mamie und Papie in Arles sicherlich sehr traurig, weil die Familie in diesem Jahr leider nicht in die Provence zu Besuch kam.
Zweidrittel der Gaisdörfers, Céline und Max, waren bereits in Salzburg und La Petite schlief gerade auf dem Weg nach München. Mir fielen auch langsam die Augen zu.
Als ich wach wurde, befanden wir uns schon im Stadtgebiet von München. Geraldine räkelte sich neben mir. Tante Viktoria wunderte sich über uns zwei Schlafmützen. Aber– nun waren wir ausgeschlafen und ziemlich unternehmungslustig. Wir überredeten Tante Viktoria am Abend mit uns in einen Biergarten zu gehen, wo wir noch lange saßen, schwatzten, außerdem eine köstliche bayrische Brotzeit einnahmen.
Das war der Beginn unserer gemeinsamen Ferienzeit. An den Tagen in München hatte Tante Viktoria ein paar geschäftliche Dinge in der Wohnungsbaugesellschaft von Onkel Anton zu erledigen, während Geraldine und ich allein die Stadt erkundeten. Wir schauten uns den Marienplatz, das Hofbräuhaus, die Frauenkirche, den Viktualienmarkt und weitere touristische Highlights an. Später liehen wir uns zwei Fahrräder, mit denen wir durch den Englischen Garten bis zum und durch den Olympiapark fuhren.
Zwei Tage darauf stiegen wir bei sonnigem Wetter in Tante Viktorias Auto, um die zwei Stunden bis nach Burgstein in Österreich zu fahren. Mit jedem Kilometer verbesserte sich desgleichen meine Stimmung. Ich freute mich nun auf die kommende Zeit, die Berge, die Sonne, das Weit-weg-Sein von zu Hause.
Tante Viktoria kennt in Burgstein nicht nur fast das ganze Dorf, vom Bürgermeister bis zum Skiliftbetreiber, sondern hat auch einige Freunde in den Nachbardörfern. Seit ein paar Jahren engagiert sie sich dort ehrenamtlich im Tourismusverband. Das Kontakte-Knüpfen oder Ideen-für-Events-Anstoßen liegen ihr. Sie blüht auf, wenn kulturelle sowie sportliche Feste durch ihre Ideen erfolgreich umgesetzt werden. Wenn sie dadurch Menschen mit Menschen verbinden kann, ist sie am glücklichsten. Außerdem möchte sie mithelfen, einen behutsamen Tourismus in der Region um Burgstein zu etablieren.
Wir drei verlebten wunderbare gemeinsame Wochen. Wir gingen schwimmen, wanderten auf so manchen Berggipfel und faulenzten im Wiesengarten von Tante Viktorias Häuschen. Manchmal kamen Nachbarn oder andere Bekannte von Tante Viktoria zu Besuch, gelegentlich auch nur auf einen Plausch am Gartenzaun vorbei. An einem sehr heißen Sonntag wanderten wir ganz gemütlich den einstündigen Weg zur Stein-Alm hinauf.
Die Stein-Alm gehört praktisch zu Tante Viktorias kleinem Häuschen in Burgstein. Sie wird aber meistens nicht von Tante Viktoria selber, sondern von einem Pächter in der Sommerzeit bewirtschaftet.
Dort oben auf der Alm genossen wir nach einem schweißtreibenden Aufstieg eine eiskalte Johannisbeerschorle und die Spezialität des Hauses: Kaspressknödel in klarer Suppe mit Kräutern.
Kaspressknödel werden aus Semmelwürfeln mit Käse flach gepresst, und oft in einer Suppe serviert. Ich liebe diese österreichische Köstlichkeit, die ich schon häufig in Burgstein bei Tante Viktoria gegessen habe.
Tante Viktoria erzählte uns beim Abstieg, wie froh sie sei, dass sie seit drei Jahren einen festen Pächter dort oben auf der Alm hat, der ein geschicktes Händchen sowohl für die Gäste als auch für so manche Reparaturarbeit an der Hütte hat.
„Seine Frau ist eine begeisterte Köchin und Danilo, der Sohn der beiden, hilft am Wochenende bei den Arbeiten rund um die Alm. Übrigens war das Danilo, der uns vorhin auf der Hütte das Essen serviert hat“, fährt Tante Viktoria fort.
„Vielleicht kommen wir ja in den nächsten Tagen noch einmal dort hinauf.“
Bei der Bemerkung war ich ganz begeistert, dabei dachte ich an die köstlichen Kaspressknödel.
Von Onkel Max und Tante Céline bekamen wir für mehrere Konzerte in Salzburg Freikarten geschenkt. Salzburg im Sommer zur Festspielzeit war voller Touristen, voller Musik, voller Stimmen und Gewirr. Geraldine schwamm hier ganz in ihrem Element. Sie erzählte uns von dem einen oder dem anderen Solisten, wie er Musiker wurde und nun auf der Salzburger Bühne sitzen konnte. Auch sparte sie nicht mit Kritik, wenn sie meinte, ein Musikstück sei schlecht interpretiert worden.
Wir bewunderten Tante Céline bei einem Cellokonzert von Dvořák sowie Onkel Max, der das Salzburger Orchester an einem Mozart-Abend dirigierte. Ich ließ mich von Geraldines Musikbegeisterung anstecken. Nach dem Sommer stellte ich eine Klassik-Playlist auf meinem Computer zusammen.
Tante Viktoria hatte zwei Gäste-Sportveranstaltungen in Burgstein initiiert, die wir natürlich mit ihr gemeinsam besuchten. Darum kamen wir nur noch ein einziges Mal, am vorletzten Tag unserer Ferien, auf die Stein-Alm. Ich freute mich auf die Kaspressknödel – hmmm – herrlich.
Viel zu schnell verging die Ferienzeit. In den vergangenen Wochen dachte ich manchmal an Opa, der ja nun nicht mehr da ist. Ein ganz eigenartiger Gedanke für mich. Beim Wandern hier in den Bergen kam mir Opa oftmals in den Sinn. Opa, der die Natur so liebte und mit mir durch den Wald streifte.
Komisch, dachte ich, übermorgen beginnt die Schule wieder und ich hatte kaum an das bevorstehende Schuljahr oder mein Abschlusszeugnis gedacht. Ebenso waren Bertoldsbrück, meine Eltern, das Gasthaus, das dortige Baustellenchaos oder gar Andreas in Australien sonderbar weit weg für mich.
Ich fühlte mich nicht wohl bei dem Gedanken, ab sofort für ein paar Wochen, ja sogar Monate, auf einer Baustelle zu wohnen, mit Hektik und Lärm um mich herum.
Andreas hatte mir vorgestern eine SMS geschickt, dass er derzeit in einer Tomatenplantage bei Canberra arbeitet, recht wenig verdient, aber nette Kumpels kennengelernt hat. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, was für mich weiter weg ist, Andreas in Australien oder das kommende Schuljahr.
Das Fundament ist nun gelegt. Es kann losgehen mit meiner Geschichte ...
Mit starken Kopfschmerzen komme ich am Sonntagnachmittag zu Hause an. Onkel Max hat Geraldine und mich in Burgstein abgeholt, so sind wir gemeinsam nach Hause gefahren. Mama und Papa begrüßen mich schnell, dann müssen sie noch einmal fort zum Küchenausstatter, um den Ausbau des neuen Küchentraktes im Gasthaus zu besprechen.
„Nachher setzen wir uns gemütlich im Wohnzimmer zum Erzählen zusammen“, ruft mir Mama zu.
Ok. Ich packe meinen Rucksack sowie die Reisetasche aus. Die Burgsteiner Schmutzwäsche bringe ich in den Keller. Was ist nur aus unserem Waschmaschinen- und Trockenraum geworden? Hier stehen lauter Kartons herum, die bis unter die Decke gestapelt sind. Na gut, ich lasse die Wäsche im Kellerflur liegen, nehme eine von Mamas Kopfschmerztabletten, dann lege ich mich auf mein Bett.
Erst am Montagmorgen wache ich wieder auf, jemand muss mir am Abend den Pullover und die Hose ausgezogen und mich behutsam zugedeckt haben. Ich hatte anscheinend sehr tief geschlafen, dass ich es nicht gemerkt habe. Meine Kopfschmerzen sind wie weggeblasen. Ich fühle mich ausgeruht. Nach dem Duschen gehe ich hinunter. Es duftet bereits nach Kaffee. Mama und Papa sitzen am Frühstückstisch, nachdem sie die heutigen Bauarbeiter eingewiesen haben. Diese sind inzwischen bei ihrer Arbeit. Wir vernehmen diverse Baustellengeräusche, während wir ein urgemütliches Stündchen verbringen, in dem wir zwischen Toastbrot, Frühstücksei und Kaffee alles erzählen, was wir in den letzten Wochen erlebt haben. Papa und Mama hören mir mit Begeisterung zu, als ich von den Ferien in Burgstein erzähle. Sie freuen sich, dass ich augenscheinlich so eine ausgefüllte, erlebnisreiche Zeit verbracht habe.
Als ich nach dem Stand der Umbauarbeiten frage, sprudeln Mama und Papa vor Freude, wie die Arbeiten vorankommen.
„Sicher, es gibt auch das eine oder andere Problem“, beginnt Papa.
„Beispielsweise wurde die Topf-, Geschirr- und Besteckausstattung für die Küche viel früher geliefert als geplant, deshalb ist nun unser Trockenraum ein kleiner Lagerraum geworden“, erklärt er mir.
„Die Waschmaschine haben wir kurzfristig in dem angrenzenden Heizungsraum anschließen können, aber im Großen und Ganzen geht es mit den Tätigkeiten gut voran“, ergänzt Mama.
Zwar hatte ich die Baupläne für den Umbau des Gasthauses vor Monaten gesehen, ich mache mir aber keine Vorstellung davon, was es im Einzelnen heißt, die Pläne umzusetzen. Mama ist voller Vorfreude auf den neuen Küchentrakt mit Kühl- und Vorratsraum. Sie beschreibt mir alle möglichen Details. Auch Papa erzählt vom Pool, der Sauna, der effektiven Dachdämmung und natürlich der Solaranlage. Alle begeisterten Schilderungen meiner Eltern dringen nicht ganz zu meinem Ohr, ich bin einfach überfordert mit all diesen Dingen. Ich sehe nur das Chaos, den Schmutz, der sich vom Dach bis in unseren Keller ausbreitet.
Auf meine Frage, wann denn der Umbau beendet sei, sagt Papa, dass sie hoffentlich im Mai kommenden Jahres die ersten Gäste im neuen Magirius-Haus empfangen können.
Heute ist der einunddreißigste August, also noch fast neun Monate! Neun Monate zwischen Laderaupe und Teleskopbagger, zwischen Fahrmischer und Mörtelpumpe, zwischen Lärm und Krach, zwischen Staub, Schlamm und Dreck! Ich habe sowieso nicht viel für Baustellen übrig, aber ganz besonders dann nicht, wenn sie mein persönliches Umfeld in ein unübersehbares Durcheinander verwandeln. Dabei bin ich nicht einmal ein Ordnungsfanatiker, siehe mein Schreibtisch!
Montag, 31. August, 11.05 UhrHi Johanna, hole Dich morgen mit dem Laubfrosch ab, vergiss Deinen Helm nicht! Bin um 7.30 Uhr am Hoftor.sz vlg Geron
Montag, 31. August, 17.36 UhrHi Geron, thx, bin da – mit Helm! ;) sTn vlg J.
Wenn Papa und Mama denken, dass sich meine Motivation in der Schule nach dem Sommer in Burgstein wieder verbessern würde, so merke ich jedenfalls nichts davon.
Ich bin nun also in der Jahrgangsstufe elf. Drei Jahre sind es noch bis zum Abitur. Die Klasse unter uns wird mit unserer Stufe gemeinsam Abitur machen, weil unser Gymnasium an einer Pilotstudie teilnimmt, die erprobt, wie das Abitur auch mit zwölf Jahren zu erreichen sei.
Geron holt mich pünktlich am Dienstag ab. Wir fahren mit seinem Laubfrosch, dem giftgrün-lackierten Moped, seinem ganzen Stolz, zur Schule. Am Schultor fällt mir wieder ein, dass unsere Freundesclique in diesem Schuljahr zur Hälfte abwesend sein wird!
Tim und Ronja, die Zwillinge, weilen wie auch Andreas down under. Tim arbeitet als Praktikant für ein Jahr auf einer Forschungsstation am Great Barrier Reef im Norden Australiens. Ronja lebt für ein Jahr auf einer Schafzuchtfarm in Otago in Neuseeland. Die beiden haben mehrere Ferien- und Nebenjobs darauf verwendet, das Geld für die Reise zusammenzusparen.
Oliver, unser Börsenjunkie, wie wir ihn spaßig nennen, verbringt sechs Monate bei seinem Onkel, der an der New Yorker Börse beschäftigt ist. Mit seinem Taschengeld spekuliert Oliver in kleinem Rahmen schon mit jungen Jahren an der Börse. Daher kennt unsere Clique bald seine ständigen Vokabeln wie Dow Jones, DAX, DIMAX, Nasdaq ... Fallende und steigende Kurse gehören zu seiner Welt.
Auf dem Pausenhof treffen wir Geraldine und viele andere Klassenkameraden. Geraldine kommt begeistert auf mich zu. Sie berichtet, dass sie für eine Rolle am Aachener Stadttheater in einer Kinderoper angefragt ist. Zu der Zeit weiß ich noch nicht, dass Geraldine dadurch mehrfach in der Woche zu Proben, Extraproben und Aufführungen nach Aachen fahren muss und unsere gemeinsame Zeit in diesem Schuljahr sehr begrenzt sein wird.
In der ersten Schulwoche versuche ich wirklich, mich für die Schule zu motivieren und alle Hausaufgaben zu erledigen.
An einem Donnerstag fragt Geron, ob ich am kommenden Wochenende Lust auf eine LAN-Party bei ihm zu Hause hätte, es gäbe eine neue Version des Spiels Conquest and Settle. Klar sage ich zu.
Ich bin froh eine Gelegenheit zu finden, von zu Hause zu verschwinden. Durch die ständigen Bauarbeiten gibt es viel Lärm in unserem Haus. Gerade ist eine Baufirma damit beschäftigt, Leitungsschlitze mit dem Bohrhammer aufzustemmen. Die Worte Bohrhammer und leise begegnen sich nie! Mein Kopf beginnt schon zu dröhnen, wenn ich nur die Bauarbeiter mit ihrer Maschine in der Hand sehe.
Am Freitagabend sitzen wir mit Bakari und Tamara fast bis in den frühen Morgen vor unseren Computern und spielen. Nach ein paar Stündchen Schlaf zu Hause geht es am Samstagnachmittag weiter, ich will unbedingt das nächste Szenario erreichen. Super, geschafft! Jetzt nur noch ein kleines bisschen weiterspielen, bis die erste Siedlung errichtet ist. Wir spielen die ganze Nacht durch. Meinen Eltern hatte ich zwischendurch mit zwei SMS mitgeteilt, dass es mir gut gehe, wir gerade mitten im Spiel seien und es später würde. Gerons Mama, Frau Dr. Müller, Kinderärztin im Bertoldsbrücker Krankenhaus, kommt vom Nachtdienst und macht Frühstück für uns, bevor sie sich schlafen legt.
Vernünftigerweise beenden wir die LAN-Party am Sonntag schon gegen achtzehn Uhr. Ich bin wie besessen. Am Sonntag habe ich kaum Fortschritte im Spiel erzielt, nur Niederlagen bei den Eroberungen. Am Montag fällt der Sportunterricht aus. Perfekt, denke ich und sitze schon wieder vor dem Computer.
Noch einige Male fragt Geron, ob wir uns zum Weiterspielen treffen wollen. Steht nur das Computer-Spiel für ihn im Vordergrund oder mag er mich eventuell besonders gern? Weshalb fragt er denn ausgerechnet mich?
Ich bin keine außergewöhnliche Schönheit mit meinen rot-blonden Locken und der hellen Haut, die sich in der Sonne nur ganz allmählich bräunt. Mit meiner Körpergröße von einem Meter siebzig überrage ich Geraldine um eine Hand breit. Während Geraldine zart und anmutig wirkt, bin ich eher der sportliche Typ. Momentan ist mein Gesicht noch leicht gebräunt und in meinen zum Zopf gebundenen Haaren finden sich viele hellblonde Strähnen von der Bergsonne.
Vielleicht klingt es komisch und es gibt vieles, was ich manchmal an mir verändern möchte, aber mein Äußeres gefällt mir so wie es ist. In dieser Hinsicht habe ich wahrscheinlich von meinen Eltern eine Portion gesundes Selbstbewusstsein mitbekommen. Mamas Händchen für Geschmack hat mir bei meiner Kleiderwahl oft geholfen und Papa macht mir häufig Komplimente, wenn es gilt, ein neues Kleidungsstück zu bewundern. Vermutlich ist nicht alles, was ich anziehe, durchgestylt, aber in jedem Fall geben mir meine Eltern das Gefühl, ich sei so goldrichtig, wie ich eben gerade bin.
Ob ich für Geron ebenso wirke, goldrichtig? Wenn ich ehrlich bin, bin ich schon etwas verliebt in den großen, breitschultrigen, blonden Jungen. Er ist immer sehr höflich, etwas zurückhaltend, aber auch urlustig. Es macht Spaß, mit ihm zusammen am Computer zu sitzen, zwischendurch über das eine oder andere zu fachsimpeln, zu blödeln und weiterzuspielen. Es folgt nun eine Zeit, in der Geron und ich nicht nur am Wochenende, sondern fast täglich abends weiterspielen. Gleichzeitig liefern wir uns so manche Schlacht und Eroberung im Spiel.
Geraldine sehe ich, außer in den Schulstunden, kaum. Sie ist derart eingebunden in die Opernvorbereitung in Aachen, besonders am Wochenende. Einmal erkundigt sie sich während der Schulpause, ob da Etwas läuft zwischen Geron und mir. Als ich dies zaghaft verneine, fragt sie nicht weiter nach. Ich bin froh darüber.
Allmählich ahne ich jedoch, dass Geron nicht an mir interessiert ist. An den letzten beiden Wochenenden hatte er keine Lust mehr zum Computer-Spiel. Zumindest fragte er mich nicht mehr, ob ich zur nächsten Schlacht bereit sei. Als ich ihm in einer Freistunde mit Marika beim Pizza-Treff an der Pausenhofecke begegne und die beiden später Richtung Park verschwinden sehe, vermute ich, dass unsere Computer-Spiel-Zeit vorbei oder zumindest unterbrochen ist.
Bin ich traurig deshalb? Macht mir das etwas aus? Wie verliebt bin ich eigentlich? Na ja, es schmerzt schon. Meine Eitelkeit ist angekratzt. Gerade hatte ich begonnen, mir mehr Hoffnungen auf Geron zu machen. Trotzdem, auch ohne Geron kann ich ja weiterspielen! Jetzt erst recht! Ha, ich könnte ihm zeigen wie viele Level ich noch erreichen würde.
Ein paar Mal verpasse ich die erste Stunde, weil ich verschlafen habe. So manchen Schlaf hole ich nachmittags nach, um mich dann, das nehme ich mir vor, abends mit den Hausaufgaben zu beschäftigen. Das ist zwar ein löbliches Vorhaben, jedoch endet der Abend meistens doch bei Conquest and Settle. Schließlich beginnt die Klausurzeit. Ich habe keine Ahnung, was in Englisch, Französisch oder Mathe von mir erwartet wird. In die Geschichtsklausur gehe ich mit mächtigen Kopfschmerzen. Am Abend zuvor habe ich schon früh mit dem Computer-Spiel aufgehört und versucht mir den Geschichtsstoff bis in den Morgen hinein anzueignen. Vergeblich, mein Gedächtnis weist keine Spuren von der deutschen Nachkriegsgeschichte auf.
Deshalb kommt, was kommen muss, alle meine ersten Klausuren wurden durchweg mit Mangelhaft bewertet, in Englisch ist es sogar ein Ungenügend. Zum ersten Mal verheimliche ich meinen Eltern die Klausurergebnisse. Sie hätten mir sicher nicht den Kopf abgerissen, hätten bestimmt versucht mir zu helfen. Aber eben, weil meine Eltern so verständnisvoll sind, will ich nicht, dass sie von meinem Klausurdesaster erfahren.
Meine Selbstachtung befindet sich auf dem Tiefpunkt. Ok, nicht daran denken, erst mal wieder den Computer einschalten, weiterspielen. Wäre Herr Rübenhof, der in diesem Jahr nicht nur Musik, sondern auch unseren Mathekurs unterrichtet, nicht gewesen, ich weiß nicht wie es weitergegangen wäre.
Es ist Samstag, der siebte November in den Herbstferien, als Mama tütenbepackt vom Markt kommt und anschließend mit Papa ein längeres Gespräch führt. Ich sitze im Wohnzimmer und simse mit meinem Bruder, der, wie er enthusiastisch berichtet, viel arbeiten müsse, aber am letzten Wochenende mit Pete, seinem Kumpel, nach Batemans Bay an den Strand gefahren sei.
Nach dem Mittagessen bitten mich Papa und Mama auf einen Kaffee an den Esstisch. Mama erzählt, dass sie heute Morgen auf dem Markt Herrn Rübenhof getroffen habe, der sie sorgenvoll auf meine Klausurnoten ansprach. Da Mama ja keine Ahnung von meinen Klausurergebnissen hatte, berichtete ihr Herr Rübenhof wie sie gerade gestern erst mit den Kollegen aus dem Englisch- und Geschichtskurs überlegten, in welcher Weise sie das Problem Johanna Magirius angehen könnten.
Denn die Lehrerkollegen können alle nicht begreifen, was mit mir los sei, wo ich doch bis vor einem Jahr eine sehr interessierte sowie aufmerksame Schülerin gewesen sei. Mama dankte Herrn Rübenhof für seine Informationen und sagte ihm, sie würde mit ihrer Tochter sprechen.
Jetzt sitzen wir also am frühen Nachmittag am Esstisch mit dampfenden Kaffeetassen vor uns. Ein Teelicht brennt in dem bunten, quadratischen Teelichthalter, den wir mal aus einem Urlaub im Bayrischen Wald mitgebracht haben. Eine Schale mit Aachener Printen seht auf dem Tisch, meine Lieblingssorte mit Nuss und Schokolade. Normalerweise liebe ich solche gemütlichen Stunden.
Doch augenblicklich ist mir gar nicht wohl in meiner Haut. Ich habe zwar nicht gelogen, doch ich habe meinen Eltern meine Noten verheimlicht. Was würde nun kommen? Meine Eltern fragen mich, was mit mir los sei. Es folgt eine lange Pause. Wie soll ich erklären? Wo soll ich beginnen?
Papa, in seiner besonnenen Art, bemerkt, es sei doch überhaupt nicht meine Art die Schule so zu vernachlässigen. Die Eltern erkundigen sich, ob ich einen Kummer habe, ob mich etwas belasten würde? Wieder ein …
„Ja ..., äh ..., ähm ..., ich weiß nicht ...“, von mir. Mama ermutigt mich:
„Johanna, sprich darüber, wir werden versuchen, dir zu helfen“.
Das verständnisvolle Verhalten von Mama und Papa ist irgendwie zu viel für mich. Obwohl ich es war, die sich in diese Situation hineinmanövriert hat, sind meine Eltern die Ruhe selbst.
Längst hätte ich zumindest das Computerspielen reduzieren können, denke ich. Mir laufen Tränen die Wangen hinunter, alles in meinem Kopf dreht sich. Ich weiß ja selbst nicht genau, warum die Lage derart eskaliert ist. Langsam und sehr beschämt erzähle ich meinen Eltern von den Computer-Spielen in der Nacht. Ich gebe zu, dass die muntere Freundesclique mir fehlt, besonders Geraldine und auch die Verliebtheit in Geron spare ich nicht aus. Wahrscheinlich hat mich Geron mehr beschäftigt, als ich es mir selbst eingestanden hatte.
Mama und Papa fragen mich, welche Gedanken mich in dieser Situation umtreiben, um etwas zu verändern.
„Was willst du tun?“
Das weiß ich wahrhaftig nicht. Ich mag eigentlich nur schlafen, schlafen und dann wieder aufwachen, wenn ... ja, wann eigentlich? Auch das kann ich nicht formulieren.
Papa meint nun, ich solle wirklich zunächst einmal richtig ausschlafen. Dann fragt Mama mich, was ich denn, mal ganz abgesehen von den Schulpflichten, am liebsten tun würde.
Da war es wieder dieses Gefühl, was ich schon kenne, was ich schon vor den letzten Sommerferien spürte. Ich bin einfach nicht imstande mir einen Weg zu überlegen und eine Entscheidung zu treffen. Dabei ist es jetzt ja noch viel schlimmer, ich müsste ja einen echten Ausweg aus der schulischen Talfahrt finden. Da sagt Mama:
„Überleg einfach mal wonach dir gegenwärtig gerade der Sinn steht. Von was träumst du eigentlich? Vielleicht helfen dir einige Fragen weiter“, erklärt sie.
„Wo wärest du derzeit am liebsten? Mit was möchtest du dich gerne beschäftigen? Welche Gaben hast du? Was liegt dir? Hast du ein kurzfristiges Ziel, ein langfristiges? Möchtest du eigentlich das Abitur machen?“
Und Papa ergänzt:
„Du brauchst darauf nicht sofort zu antworten, nimm dir, sagen wir mal, eine Woche Zeit, um über ein paar der Fragen Klarheit zu bekommen, dann lass uns am kommenden Samstag wieder darüber sprechen oder auch gerne früher, wenn du möchtest.“
Das ist jetzt eine komplett neue Blickrichtung, die mir meine Eltern da aufzeigen. Wir sitzen noch eine Weile schweigend am Tisch, schließlich umarme ich meine Eltern und bringe ein leises Danke heraus.
Samstag, 7. November 16.55 UhrLb Mama + Papa, bin Joggen. J.
Samstag, 7. November 17.20 UhrLb Johanna, ok, t+ ... wir sind für ein Stündchen ;) bei Bergers. Sollen wir heute Abend eine Pizza bestellen? M+P
Samstag, 7. November 17.45 Uhr:) ;) für mich bitte Tonno mit viel Zwiebeln! J.
Bei Nieselregen laufe ich drei große Runden im Stadtpark um den kleinen See. Es tut meinem Körper gut, sich zu bewegen. Niemand ist bei diesem Wetter unterwegs. Ich will auch gar niemand treffen.
Die kommenden Tage verbringe ich ebenfalls häufig mit Laufen. In Bertoldsbrück gibt es viele Wald- und Wanderwege. Am liebsten jogge ich am Bertoldsbrücker Theater vorbei durch den bunten Laubwald, dann den Berg hinauf bis zum Aussichtspunkt Forsthaus. Dort befindet sich eine Schutzhütte sowie eine kleine Plattform, von der aus man über die Wälder der Südeifel blicken kann. Manchmal renne ich von dort noch ein kurzes Stück weiter bis zu den beiden Liegebänken auf einer Lichtung. Ein paar Mal war ich früher mit Geraldine hierher spaziert. Wir haben dann stundenlang auf den Bänken gelegen und gequatscht.
Fast an jedem Tag meiner Laufrunden ist das Wetter herbstlich kühl, sonnig und die Blätter fallen von den Bäumen. Die Stimmung in der Natur beruhigt mich. Manchmal huscht ein Eichhörnchen über meinen Weg. Ab und zu hüpft ein Vogel vom Weg auf einen Ast des nächstgelegenen Baumes.
Eines Nachmittags, auf dem Rückweg meiner Laufrunde, treffe ich Frau Dr. Müller. Eigentlich ist mir nicht nach Gespräch geschweige denn Smalltalk zumute. Doch sie hat mich schon gesehen und grüßt freundlich zu mir rüber. Sie fragt, welche Runde ich laufe, ob ich trainiere oder mir einfach nur meine Ferienzeit mit Sport vertreibe. Ganz unkompliziert gehen wir in ein nettes Gespräch über. Ich erzähle, dass mir die Bewegung und die herbstliche Luft guttut, einfach so, um auf andere Gedanken zu kommen.
Ob Gerons Mama vielleicht von meiner Verliebtheit in Geron etwas ahnen kann? Ach nein, es scheint nicht so.
Sie erzählt mir eine kleine Begebenheit aus ihrem Klinikalltag auf der Kinderstation. Im Augenblick wirkt sie gerade sehr glücklich, weil sie heute ein zwölfjähriges Mädchen entlassen konnte, welches längere Zeit auf ihrer Station in Behandlung war, sich nur sehr langsam von seiner Krankheit erholte und den Ärzten viel Kopfzerbrechen bereitete. In der letzten Woche ging es plötzlich aufwärts mit dem Kind, sodass sie heute fröhlich von den Eltern abgeholt werden konnte.
Matilda Müller erzählt so begeistert von der Situation, dass mich die kleine Geschichte auch noch nach unserer Verabschiedung weiter beschäftigt. Es müsste schön sein, jemanden heilen zu können oder zumindest unterstützend dabei zu sein. Es müsste schön sein, derjenige zu sein, der einem anderen Menschen aus einer Not heraushelfen kann. Mit diesen Gedanken komme ich zu Hause an.
An diesem letzten Samstag der Herbstferien ruft Tante Viktoria an, um zu fragen wie unsere Umbauarbeiten vorangehen. Ich höre durch meine offene Zimmertür, dass Mama länger mit ihrer Schwester telefoniert.
„Ach, was für ein Pech!– Oh, was willst du nun machen, Schwesterherz?“
Diese Sätze von Mama nehme ich nur am Rande wahr, während ich, seit langem mal wieder, mit Geraldine simse.
Die gestrige Premiere der Kinderoper muss ein voller Erfolg gewesen sein. Geraldine befindet sich ganz in ihrem Element. Sie berichtet mit Begeisterung von ihrem Auftritt.
Da ist es wieder dieses In-ihrem-Element-Sein! Geraldine ist in ihrem Element. Das heißt, sie weiß genau, was sie will, was sie kann und was sie gerne tut. Schon lange hegt sie den Wunsch Opernsängerin zu werden. Ihren Alltag richtet sie nach diesem Wunsch aus. Sowohl der jahrelange Klavier- und Gesangsunterricht als auch die vielen Stunden bei Proben und Auftritten ihrer Eltern tragen sie auf ihrem Weg weiter. Dabei ist sie trotzdem gleichfalls die lustige, heitere GG (engl. ausgesprochen) in unserer Clique. Gibt es für mich auch solch ein Element, in dem ich mich engagieren könnte?
Mir fällt die Pinguin-Geschichte aus dem Aqua-Zoo ein. Opa und ich besuchten eines Sonntags das weitläufige Gelände mit den vielen verschiedenen Tierarten.
Als wir die Pinguine auf den Felsen beobachteten, meinte ich zu Opa, dass die süßen kleinen Tiere doch behäbig, langsam und unbeholfen sind, wie sie mit ihren Flossen mühsam über die Steine watscheln.
„Die tun mir irgendwie leid, sie wirken gehandicapt und hilflos“, bemerkte ich zu Opa.
Ich erinnere mich noch, wie Opa damals lächelte, mich an die Hand nahm und zu der Glasscheibe zog, hinter der wir die Pinguine unter Wasser erleben konnten.
Tatsächlich, ich staunte nicht schlecht, als plötzlich zwei Pinguine rasant an der Scheibe vorbeischossen, einmal, zweimal, dreimal ...
So schnell konnten sie sich also bewegen, wenn sie im Wasser waren. Wir lasen auf der Erläuterungstafel, dass diese kleinen Tiere bei einem Sprint eine Geschwindigkeit von mehr als zehn Kilometer in der Stunde erreichen! Sie können etwa zwanzig Minuten lang und etwa sechshundert Meter tief tauchen!
Weshalb sollten sie mir leidtun? In ihrem Element sind sie wahre Meisterschwimmer.
Ich starre nachdenklich aus dem Fenster auf den im Rohbau befindlichen Anbau, der neu an das Magirius-Haus anschließt ohne zu merken, auf was ich gerade schaue, ich bin noch mit der Pinguin-Geschichte beschäftigt.
Samstag, 21. November, 10.03 UhrLb Tante Viktoria, habe Verspätung, ca. 1h! :(Bin kurz vor Stuttgart. LG Johanna
Samstag, 21. November, 10.05 UhrKein Problem, meld Dich wieder!Habe noch im Büro zu tun. TV
Außer mir sitzt niemand auf dem Viererplatz in der Bahn. Mein roter Koffer steht neben mir. Der Koffer ist zum Platzen voll. Viel mehr Sachen passen dort sicherlich nicht hinein. Die dicken Wanderschuhe habe ich angezogen. Alle anderen Schuhe und Kleidungsstücke, von dicken Pullis bis Shorts, von Schals bis zu meinem Sommerkleid sind perfekt verpackt im Koffer untergebracht. Zwischen Socken und T-Shirts brachte ich sogar noch ein paar Schulbücher unter.
„Die wirst du vorerst ja nicht brauchen“, meinte Mama, als sie die Bücher erblickte. Geschichte, Mathe, Englisch, Französisch – das muss reichen, zu meiner Beruhigung wenigstens, falls ich in den kommenden Monaten Lust verspüren sollte, ein Buch aufzuschlagen. Im großen Rucksack, der mit leichtem Druck im Gepäcknetz verstaut werden konnte, liegen ein paar kleine Päckchen von Mama und Papa, die darf ich erst zu Weihnachten öffnen.
Puh, was lag nicht alles hinter mir in den letzten zwei Wochen. Das Gespräch mit meinen Eltern an dem Samstag, als Tante Viktoria mit Mama telefonierte. Zuerst beantwortete ich meinen Eltern einige ihrer Fragen.
„Das Abitur will ich auf jeden Fall beenden …“, erklärte ich ihnen, „… ich weiß aber nicht, ob und wie ich das schaffen soll.“
Wovon ich träume, hatte Mama gefragt, das passte nun überhaupt nicht mit dem Wunsch, Abitur zu machen, überein.
„Ich träume von einer Zeit, in der ich irgendetwas Praktisches tun könne, vielleicht an der frischen Luft, oder im Wald.“
Mama und Papa sahen sich an, sie meinten, sie hätten da einen Vorschlag für mich. Dann berichteten sie mir zunächst von Tante Viktoria und der Stein-Alm.
Tante Viktoria verpachtet die Alm seit einigen Jahren an das Ehepaar Kordias. Karolos Kordias war vor fünf Jahren mit seiner Frau Eleni und seinem Sohn Danilo aus Griechenland nach Burgstein gekommen. Karolos fand schnell Arbeit als Maurer bei einer Burgsteiner Baufirma. Die Familie wohnt etwas unterhalb von Viktorias Sommerhaus in Burgstein. Manchmal hilft Karolos beim Bewirtschaften des ausgedehnten Gartengrundstückes, den Blumenbeeten, dem Mähen der großen Wiese, der Errichtung einer Umzäunung. Immer, wenn es etwas zum Ausbessern gibt, ist Karolos zur Stelle. Manchmal hilft er zusammen mit seinem Sohn. Manchmal lädt Tante Viktoria Danilo und Eleni zum Kaffee ein oder Danilo kommt nach der Schule zu ihr, weil Eleni noch arbeitet. Auf diese Weise ist mit der Zeit eine Freundschaft zur Familie Kordias entstanden.
Vor drei Jahren fragte Tante Viktoria die Familie, ob sie sich vorstellen können, den Sommer über die Stein-Alm zu bewirtschaften. Der vorige Pächter wollte sich zur Ruhe setzen. Tante Viktoria schätzt die Betätigungen von Karolos sehr und sie überzeugte ihn damit, dass es auf der Alm genügend zu reparieren gebe, was im Winter unter der Schneelast beeinträchtigt wurde. In vielen Dingen hätte er aber auch freie Hand zu gestalten und zu entscheiden. Darüber hinaus würde sie sich freuen, wenn Eleni sich um die Küche sowie das Essen kümmern würde.
„Ich brauche keine perfekte Köchin dort oben, aber es sollte auf der Alm eine gute Brotzeit und eine Tagessuppe für die ankommenden Wanderer geben“, führte Tante Viktoria ihre Überzeugungsarbeit weiter.
Damit war es bald eine beschlossene Sache: Die Familie Kordias bewirtschaftet die Stein-Alm im Sommer.
Ich schaute Mama und Papa bestimmt wie ein Fragezeichen an. Was sollte diese Geschichte? Was hatte das mit mir und meinen Problemen zu tun?
„Kurz gesagt“, meinte Papa und holte dann doch noch weiter aus.
