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Was geschieht, wenn eine historische Epoche plötzlich zu Pop wird und zum Materialreservoir für militante politische Spektakel? Das Mittelalter ist nicht nur eine Epoche, sondern auch ein Kürzel für ein affektives Regime, für starke, ansteckende Gefühle – und das nicht nur im 19. Jahrhundert, der Hochzeit der zuerst romantischen und dann religiösen und nationalen Begeisterung für Mönche, Ritter, Ketzer und ihre vermeintlich »echteren« Lebensformen. Auch Utopien von der Wiedergewinnung authentischeren alternativen Lebens in den 1970er und 1980er Jahren haben sich enthusiastisch auf mittelalterliche Vorbilder bezogen. Sie sahen in ihnen Vorläufer, »Traditionen« und »Wurzeln« der Bewegungen und Subkulturen, die mit ihren gewalttätigen Auftritten damals in ganz Europa für Schlagzeilen sorgten. Bezüge auf ein rebellisches wildes Mittelalter waren in den Protestbewegungen weit verbreitet, zusammen mit neuen Darstellungsformen von Gefühl, politischen Affekten, Evokationen von »Authentizität« und »Reinheit«. Was verbindet die radikalen Armutsbewegungen des hohen und späten Mittelalters mit den militanten Aktivistinnen und Aktivisten – und wie hat die Mediävistik darauf reagiert?
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Valentin Groebner
Reiner, radikaler, intensiver?
DAS MITTELALTERLICHE JAHRTAUSEND
Herausgegeben von Michael Borgolte
Band 13
Valentin Groebner
Reiner, radikaler, intensiver?
Das Mittelalter der Gegenkultur
WALLSTEIN VERLAG
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.dnb.de abrufbar.
© Wallstein Verlag, Göttingen 2026
Wallstein Verlag GmbH
Geiststr. 11, 37073 Göttingen
www.wallstein-verlag.de
Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf
Umschlagabbildung: Valentin Groebner mit Stable Diffusion
ISBN (Print) 978-3-8353-6010-5
ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-9328-8
ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-9329-5
Vorwort
Einleitung: Mit Kapuze und Heiligenschein
Die große Einzahl
Wilde Freiheit, lange Haare
Italienische Zauberworte
Massenware, Ketzer und Karneval
Wirksame Gefühle
Embleme
Heilige Narren
Enthemmung, Krise, Dissidenz
Wunscherfüllung
Zu Person und Werk des Autors
Dieser Band präsentiert den 14. Jahresvortrag des Mittelalterzentrums an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften seit 2012. Sein Thema erinnerte an das des ersten Beitrags von Otto Gerhard Oexle (»Die Gegenwart des Mittelalters«), aber Groebner hat eine ganz eigene Stimme und versprach Überraschendes. Durch eine Reihe von Essays, in denen er alltägliche, persönliche Gegenwartserfahrungen mit theoretischen Diskursen und mittelalterlichen Befunden verknüpft, ist er längst einer Leser- und Hörerschaft bekannt geworden, die weit über den engen Kreis der mediävistischen Expertinnen und Experten hinausreicht. Sein Vortrag am 4. März 2025 im Leibnizsaal der Akademie am Gendarmenmarkt ist den hohen Erwartungen dann auch vollauf gerecht geworden. Die Hörer:innen in dem wie immer vollen Haus folgten Groebner gebannt, der sich mit freundlicher Leidenschaft auch auf jeden Disput einließ.
Die Jahresvorträge beziehen nicht zuletzt daraus ihre Attraktivität, dass sie binnen eines Jahres auch gedruckt als Monografien in der Reihe »Das mittelalterliche Jahrtausend« vorliegen. Für die stets zuverlässige und engagierte Zusammenarbeit in diesem Sinne bin ich dem Verlag Wallstein in Göttingen und seiner Lektorin Carolin Brodehl herzlich dankbar.
Berlin, im November 2025Michael Borgolte
Mailand, Herbst 2013: Er war neben einer linksalternativen Buchhandlung lebensgroß an die Wand gemalt. Mit seinem braunen Habit, Kapuze, Heiligenschein und aufgeschlagenem Buch vor ihm erinnerte der bärtige Mann an einen mittelalterlichen Bettelmönch; er trug aber ein Fahrrad über der Schulter. Darüber stand groß: »San Precario« – eine ironische Reverenz an den Namen des Quartiers, San Vittore? Ein paar Schritte weiter war ein großes Porträt eines blassen jungen Mannes mit Kapuzenpullover an die Wand gesprüht, in Erinnerung an den 22-jährigen Carlo Giuliani, der bei einer Demonstration in Genua im Juli 2001 von einem Carabiniere durch einen Kopfschuss getötet und danach von einem Polizeifahrzeug zweimal überrollt wurde. Wie kam das Mittelalter in die radikale Gegenkultur?
Frühjahr 2025: Ein Mann im langen braunen Kapuzenmantel erscheint auf dem Bildschirm meines Computers. Er steht, leicht vornübergebeugt, im dichten Wald auf einem schmalen Trampelpfad. Die Kapuze verschattet sein Gesicht; am Gürtel trägt er etwas, das aussieht wie ein Schlüssel, und ein ledernes Futteral. Das Bild ist leicht verschwommen, glüht aber in einem diffusen intensiven Licht, das aus ihm selbst zu kommen scheint.
Was es zeigt, existiert nirgends. Es ist von der KI-Software »Stable Diffusion« synthetisch erzeugt, durch Algorithmen aus einer unvorstellbar großen Anzahl anderer Bilder neu zusammengesetzt.[2] Und das exklusiv nur für mich, nachdem ich die Suchbegriffe »Mittelalter« und »Alternativkultur« eingegeben hatte.
Das Mittelalter, um das es im Folgenden geht, ist keine Epoche, sondern, wie auf dem synthetischen KI-Bild, eine Verschmelzung sehr vieler Versatzstücke extrem unterschiedlicher Herkunft, die dabei aber unsichtbar werden. Gleichzeitig ist es ein Kostüm, ein Gewebe; und weil es, wie jedes Gewebe, aus Löchern besteht, sehr flexibel und elastisch. Geschichte ist ein Faden, in Bewegung gebracht, und das Erzählen von Geschichten ist Stricken, Sticken, die Produktion dessen, was mit einem schönen mittelalterlichen Wort »textus« heißt, das Zusammengehängte, Löcher mit Laufrichtung. Ein erfindungsreicher deutscher Autor in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts hat sich deswegen den Künstlernamen »der Stricker« gegeben. Er machte aus alten Texten neue, mit den Löchern an anderen Stellen.
1Gehalten am 4. März 2025 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Die Diktion des mündlichen Vortrags wurde für die Publikation so weit wie möglich beibehalten, der Text aber überarbeitet und mit weiterführenden Angaben ergänzt. Herzlichen Dank für Kritik und hilfreiche Hinweise an Jörg Feuchter, Anke te Heesen, Racha Kirakosian, Erik Pauls, Sven Reichardt und die Mitarbeiter des Archivs Soziale Bewegungen in Freiburg im Breisgau.
2Das Programm »Stable Diffusion« greift dabei auf ein Trainingsdatenset zu, das etwa fünf Milliarden Bilder und Texte umfasst – Estelle Blaschke u. a.: Introduction: Photographs and Algorithms, in: Transbordeur 9 (2025), S. 1-20, hier S. 13. Zu den besonderen Eigenschaften solcher Bilder Fred Ritchin: The Synthetic Eye: Photography Transformed in the Age of AI, London 2025, und Roland Meyer: Es schimmert, es glüht, es funkelt: Zur Ästhetik der KI-Bilder, in: 54books, 23. März 2023, https://54books.de/es-schimmert-es-glueht-es-funkelt-zur-aesthetik-der-ki-bilder.
Dass dieses Mittelalter im Deutschen seit langer Zeit in einer monumentalisierten Einzahl daherkommt, ist selber ein Stück Wissenschaftsgeschichte.[3] Für Hermann Heimpel zum Beispiel, vermutlich der einflussreichste deutsche Mediävist seiner Generation, war 1957 »das Mittelalter […] eine echte Welt« und habe so lange gedauert, wie diese Welt »in der eigentümlichen, unwiederholbaren Zusammensetzung ihrer Elemente« Bestand gehabt habe.[4] »Eine« Welt des authentischen Echten in der Einzahl, wohlgemerkt, mit klaren Charakteristika.
So hat das in Bezug auf die Gegenüberstellung von »dem« Mittelalter und »der« Moderne dreißig Jahre später auch Horst Fuhrmann, einflussreicher Lehrstuhlinhaber, Sachbuchautor und langjähriger Direktor der Monumenta Germaniae Historica formuliert, im Jahr 1987. »Es gibt wohl kein Zeitalter abendländischer Geschichte, an dem im Vergleich Modernes ähnlich gut als in all seiner Modernität befangen entlarvt werden könnte.« Es sei also »gerade das Fremde, das ›Mittelalterliche am Mittelalter‹, das durch seine Denkalternativen bewusstseinsbildend« wirke.[5]
Bewusstseinsbildend durch Fremdheit? Nie würde ich Horst Fuhrmann widersprechen, aber das ist schon maximale Flughöhe, nicht nur wegen der Einzahl, sondern auch der Unbestimmtheit, in der das alles schwebt – was ist die Denkalternative wozu genau? Und ist »modernus« nicht ein Adjektiv, das im 13. Jahrhundert auftaucht?
Probieren wir es anders. Material aus der Vergangenheit, würde ich als Ausgangspunkt vorschlagen, ist unplausibel. Es erklärt sich nicht von selbst – für Texte und Bilder, die vor elf, sieben oder sechs Jahrhunderten entstanden sind, gilt das ebenso wie für die von vor 40 Jahren. Alle Geschichtswissenschaft, hat Benedetto Croce deshalb geschrieben, sei »storia contemporanea«, Zeitgeschichte. Er wusste, wovon er redete – 1866 geboren, 1952 gestorben, dazwischen ist ein bisschen was passiert.[6]
