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Es gibt wohl keinen größeren Kontrast, keine jäheren Sprünge der Temperatur und Vegetation, keine auffallendere Verschiedenheit der Sprachen und Sitten, als die höchst interessante Straße über den St. Gotthard, dieser alte, berühmte Verbindungsweg zwischen Deutschland und Italien, bietet... Eine Reise quer durch die Schweiz zu einer Zeit, als man noch die Füße und die Postkutsche benutzte - Zeitgemäß redigiert und in neuer Rechtschreibung.
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Seitenzahl: 30
Veröffentlichungsjahr: 2016
Herausgegeben von Ronald Hoppeedition.epilog.de
Für diese Ausgabe wurden die Originaltexte in die aktuelle Rechtschreibung umgesetzt und behutsam redigiert. Längenangaben und andere Maße wurden gegebenenfalls in das metrische System umgerechnet.
Es gibt wohl keinen größeren Kontrast, keine jäheren Sprünge der Temperatur und Vegetation, keine auffallendere Verschiedenheit der Sprachen und Sitten, als die höchst interessante Straße über den St. Gotthard, dieser alte, berühmte Verbindungsweg zwischen Deutschland und Italien, bietet. Als wir unser letztes Nachtquartier in Bellinzona verließen, glaubten wir durch einen herrlich angelegten, kunstvollen Garten zu wandern. Prachtvolle Magnolienbäume mit großen, weißen Blüthen, hohe Lorbeerbüsche, grüne Myrten und rotglühende Granaten wuchsen hier im Freien; am Spalier hingen goldene Zitronen und Orangen wie bei uns Pfirsiche und Aprikosen. Der Weinstock bildete fortlaufende Girlanden und Laubgänge, unter denen die reizenden, wegen ihrer Schönheit und Anmut berühmten Mädchen und Frauen von Bellinzona mit schwarzäugigen Kindern, vor den brennenden Sonnenstrahlen geschützt, ihre Siesta hielten. Die ganze Landschaft bot ein Bild des heiteren Südens, während die Stadt mit ihren Burgen und Mauern einem Stück verkörperten Mittelalters glich und uns unwillkürlich an frühere Kämpfe erinnerte, als Bellinzona noch einer der Schlüssel und Bollwerke zu den Alpenpässen war.
Bellinzona.
Ganz denselben Charakter zeigt das dreizehn Stunden lange Livinertal, wo das italienische Wesen noch vorherrschend ist. Malerische, aber meist zerfallene Häuser mit flachen Dächern, reich ausgestattete Kirchen, braune Männer und Frauen mit zigeunerhaftem Anstrich, schöne, aber schmutzige Kinder und besonders zahlreiche Geistliche in langen, schwarzen Röcken und mit breiten Hüten, meist wohlgenährte Diener des Herrn, die einen unbeschränkten Einfluss auf die bigott katholische Bevölkerung ausüben, wovon wir selbst uns noch heute überzeugen sollten. Wegen unseres zerrissenen Schuhwerks wendeten wir uns nämlich in einem Dorf am Wege an einen Schuhmacher. Dieser aber erklärte uns zu unserem Bedauern, dass er uns unmöglich dienen könne, weil gerade heute das Fest der Schutzpatronin, der heiligen Petronella, gefeiert werde, weshalb er nicht arbeiten dürfe, ohne eine schwere Sünde zu begehen. Durch unsere dringenden Bitten ließ er sich endlich rühren, aber zuvor wollte er noch mit dem Herrn Curate, dem Ortsgeistlichen, reden und dessen Erlaubnis einholen. Zu unserer Freude kehrte der fromme Schuster bald mit der Genehmigung des würdigen Priesters zurück, dessen Toleranz wir in der Tat höchlichst bewunderten und priesen. In wenigen Minuten wurde auch der kranke Stiefel durch Auflegung eines tüchtigen Lederpflasters geheilt, wofür unser gewissenhafter Meister jedoch den unerhörten Preis von vier Franken, etwa einem Taler und zwei Silbergroschen, forderte, während dieselbe Arbeit in Berlin höchstens fünf Silbergroschen kostet. Als wir, über diese Prellerei erzürnt, unsern Schuster zur Rede stellten, antwortete er, dass er dem Curate für die erteilte Erlaubnis die Hälfte des Gewinnes abgeben müsse, dieser ihm aber empfohlen habe, das Doppelte des gewöhnlichen Preises zu fordern, da die Arbeit an einem der heiligen Tage eine Extravergütung verdiene. Es blieb uns nichts übrig, als die vier Franken ruhig in majorem Dei gloriam zu zahlen.
