Reise-Erinnerungen -  - E-Book

Reise-Erinnerungen E-Book

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Beschreibung

In dem Begleitband zur Ausstellung im Museum Preetz wird eine Auswahl der Objekte und Fotografien von 25 Reisenden aus drei Jahrhunderten vorgelegt. Der Ethnologe Dr. Lars Frühsorge erläutert die kulturwissenschaftliche Bedeutung dieser Exponate und ordnet sie in die lange Geschichte des Reisens ein. So entsteht ein thematischer Bogen, der von frühen Militär- und Handelsreisen über berufliche Auslandsaufenthalte, christliche und muslimische Pilgerfahrten, Reisen auf dem Hippie-Trail, in die Länder des Ostblocks bis hin zu modernen Formen des Ethno- und Frachtschifftourismus reicht. Darüber hinaus berichten vierzehn Reisende in eigenen Texten - mal in nostalgischer Rückschau und mal aus kritischer Distanz - über ihre Exponate und Reiseerlebnisse. Diese Auswahl von Selbstzeugnissen und noch niemals gezeigten Objekten aus Privatbesitz ist nicht nur für Reisebegeisterte von Interesse, sondern bietet auch reiches Quellenmaterial für die historische Tourismusforschung und Museumsethnologie.

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Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2019

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(aus der Preetzer Zeitung vom 12. Februar 1953)

Vorwort

Am 15. November 2018 tauchte eine interessante E-Mail in meinem Postfach auf. Die Völkerkundesammlung der Lübecker Museen hatte einen neuen Leiter bekommen: Dr. Lars Frühsorge. Da er in Preetz wohnt, hatte er sich Gedanken über eine mögliche Zusammenarbeit mit unserem Museum gemacht. In den Beständen befänden sich hochwertige Kunstwerke aus aller Welt, die noch niemals öffentlich gezeigt wurden. Diese umfangreiche Sammlung stammt aus dem Nachlass eines Professors Werner Winter aus Preetz. Die Frage lautete jetzt, ob wir uns vorstellen könnten, ein Teil dieser Sammlung im Preetzer Museum auszustellen. Herr Frühsorge würde uns auch bei der Vorbereitung der Ausstellung unterstützen. Eine lange Überlegungszeit war nicht nötig. Ein paar Tage später erfolgte der Anruf in Lübeck und schnell war ein Kennlerntermin im Museum abgemacht. Bei diesem kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die mitgebrachten Bilder ließen keinen anderen Schluss zu, wir mussten in dieser Richtung eine Ausstellung machen. Am Besten wäre natürlich eine mit den Exponaten von Herrn Winter. Die Faszination über diese Möglichkeit schmolz aber schnell dahin. Denn der in diesem Falle nötige professionelle Transport hätte unser Budget schon im Ansatz gesprengt. Eine andere Möglichkeit musste gefunden werden.

Da Herr Frühsorge schon an die sechzig Länder der Welt bereist und auch zu Hause eine kleine aber feine Sammlung hat, wurde ein Termin bei ihm zur Besichtigung vereinbart. Hier ging das Staunen weiter. Beim anschließenden gemütlichen Beisammensein sind wir dann zu dem Ergebnis gekommen, dass auch Preetzer Bürger spannende Dinge von Auslandsreisen mitgebracht haben und wir diese unter dem Motto „Preetzer entdecken die Welt“ präsentieren könnten. Was für eine tolle Idee. Schnell waren zwei Termine als „Sprechstunde“ auserkoren. Am nächsten Tag die Presse informiert und sie ins Museum eingeladen. Die Ankündigungen erfolgten zeitnah. Was würde uns bei den Sprechstunden erwarten? Was würden wir als Exponate bekommen? Würde überhaupt jemand kommen? Der erste Termin rückte unaufhörlich näher und die Spannung stieg.

Dann der ersehnte Augenblick, die ersten Leihgeber waren da. Was verbarg sich im Karton oder in der Wolldecke? Auch ein vollgepackter Wäschekorb war dabei. Das Auspacken begann und die spannende Reisegeschichte dahinter wurde ausgiebig erzählt. Die Wartezeit verbrachten viele Gäste bei Kaffee und Kuchen. Was haben wir bekommen? Steigbügel von argentinischen Gauchos, Schwert und Glocke von einer beruflichen Reise, viele Masken, Bilder Teppiche, Holzfiguren, eine Bibel und einen Koran, Porzellangefäße, Samoware, Schatullen, Wasserpfeifen, Federschmuck und v.a.m.. Wir waren total begeistert. Was würden wir von dem alles ausstellen können? Nach welchen Kriterien würden wir die Dinge sortieren? Nach Ländern, nach Themen, nach Art der Reisen? Guter Rat war nun gefragt. Alles zu präsentieren war unmöglich. Die Vitrinenkapazität war begrenzt und die Wandflächen gaben auch nur wenig Platz. Nach intensiven Gesprächen einigten wir uns auf eine thematische Gliederung. Der „Rote Faden“ war gefunden.

Die Ausstellungsstücke wurden in den Sprechstunden fotografiert und dem jeweiligen Leihgeber zugeordnet. Auch die Umstände der Reise wurden in Kurzform festgehalten. Aufgrund dieser Aufzeichnungen war eine Thematisierung möglich. Welches Thema nun in welchen Raum und welche Exponate in die Vitrinen oder an die Wand? Hier war wieder guter Rat teuer. Es sollte von jedem Leihgeber zumindest ein Stück gezeigt werden. Viele Beratungsstunden später hatten wir uns auf die interessantesten Stücke geeinigt. Die Belegung der Vitrinen begann. Wie oft wir umgestellt haben? Ich weiß es nicht. Von Tag zu Tag nahm die Ausstellung jedoch konkretere Konturen an und irgendwann war der Zeitpunkt der „Endgültigkeit“ erreicht. Wir waren zufrieden. Mehr ging jetzt nicht. Die Eröffnung konnte kommen.

Diese Publikation wurde gefördert von:

Marius-Böger-Stiftung

Selk-Harder-Stiftung

Wankendorfer Baugenossenschaft für Schleswig-Holstein eG

Wir danken den Leihgebern der Objekte, den Autoren der Beiträge und dem Ehepaar Perlbach für ihre grafischen Arbeiten.

Axel Langfeldt

Inhalt

Lars Frühsorge: Eine kleine Geschichte des Reisens

Lars Frühsorge: Die Reisenden und ihre Objekte

Gerd Dreßler: Erinnerungen an die Kolonialzeit in Ostasien

Ingrid Berlik: Bei den Chipibos

Klaus Künzel: „Motorin gut!“

Kirsten Böttcher: Mit dem Bulli nach Indien

Inge Wolgast: In die Volksrepublik China (1979)

Elfriede Sievers: Durch Russland, Lettland und Estland (1990)

Gotelind Frede: Bei den Mbya in Paraguay

Christine Orth: Bei drei Bergvölkern Nordthailands

Ingo Bubert: Tunesien 2009

Monika Most-Seidel: Die Wüste

Klaus Wittig: Die Mauer

Christine Stocks: Holzfiguren in Probsteier Tracht aus El Salvador

Volker Wende: Auf dem Jakobsweg 2013

Rüdiger Sichting: Mit M/V „Balthasar Schulte“ von Hamburg nach Valparaiso/Chile und weiter über die Anden bis Cordoba und Buenos Aires (2014)

Katalog

1. Eine kleine Geschichte des Reisens

Lars Frühsorge

Die Geschichte des Reisens ist mit Migrationen, Kriegszügen und Handelsfahrten so alt wie die Menschheit selbst. Auch Pilgerreisen sind ein sehr altes und in allen Weltreligionen verbreitetes Phänomen. Und selbst touristische Reisen sind seit der Antike nachweisbar. So berichten römische Quellen von Bildungsreisen zu griechischen Tempeln, von Nilschiffern, die ihren Passagieren ein dramatisches Showprogramm boten, von Souvenirgeschäften und dem lautstarken Nachtleben der Ferienorte am Mittelmeer. All dies blieb jedoch der Oberschicht vorbehalten und Reisen beschränkten sich auf die Grenzen des Römischen Reiches, weshalb diese frühe Blüte des Tourismus mit dem Zerfall des Reiches ebenfalls endete.

Auch mittelalterliche Pilgerreisen nach Jerusalem ähneln in gewisser Weise modernen Touristenreisen. Sie waren durch professionelle Reiseführer straff organisiert und die Pilgergruppen blieben meist unter sich, so dass es zu keinen nennenswerten Kontakten mit den Einheimischen oder Reisenden aus anderen Ländern kam.

In der Neuzeit entstand mit der Kavaliersreise oder „Grand Tour“ eine neue Form der Bildungsreisen. Durch den Besuch antiker Stätten, durch das Studium von Kunst und antiker Sprachen, aber auch durch Besichtigung moderner Festungen und Fabrikanlagen sowie Aufenthalten an fremden Fürstenhöfen sollten Adelssöhne auf ihre spätere Tätigkeit vorbereitet werden. In der Praxis boten diese Reisen den jungen Adligen aber auch Chancen, den strengen Regeln des höfischen Lebens zu entfliehen, dem Glücksspiel zu frönen oder Kontakte mit der Damenwelt zu knüpfen. Trotzdem glaubt der Historiker Thomas Freller, dass die vielgereisten Adelsfamilien jener Zeit dem Gefühl eines vereinigten Europas näherkamen, als es in der heutigen Europäischen Union der Fall ist.

Ein wichtiges Erbe jener Epoche sind die Wunderkammern, in denen Fürsten neben Fossilien und anderen Naturalien auch archäologische Funde und Objekte aus fremden Kulturen sammelten. Besonders altägyptische Artefakte und Kunst aus China erfreuten sich schon damals größter Beliebtheit. Allerdings stand hinter diesen Sammlungen weniger der Wunsch nach einem Verständnis fremder Kulturen, sondern eher ein Bedürfnis, Reichtum und Macht zu demonstrieren, um Besucher zu beeindrucken.

Abgesehen von dem Heiligen Land beschränkten sich solche Privatreisen bis in das 18. Jahrhundert aber noch weitgehend auf Westeuropa. Nur sehr abenteuerlustige Personen wie der berühmt-berüchtigte Fürst Pückler besuchten auch Nordafrika oder Persien. Der Einfluss dieser wenigen Reisenden sollte trotzdem nicht unterschätzt werden. So lösten ihre Reiseberichte in Europa nicht nur eine Begeisterung für islamische Kunst und Architektur aus, sondern prägten auch Klischeevorstellungen über Harems, despotische Herrscher und „den Orient“, die bis heute in der Werbung und den Erwartungen vieler Reisender überdauern. Das haben auch Tourismusunternehmen erkannt, und passen durch entsprechende Hotelarchitektur oder Folkloreshows die oftmals wenig pittoreske Lebenswirklichkeit jener Länder an die europäischen Fantasien an.

Erst im 19. Jahrhundert begann mit neuen Verkehrsmitteln wie Dampfschiffen und der Eisenbahn ein Prozess, den ich als eine Demokratisierung des Reisens bezeichne. Durch die weltweite Ausdehnung der europäischen Kolonialreiche und dem darauffolgenden Ausbau der Infrastruktur wurde es letztlich nicht nur Adligen, sondern auch reisefreudigen Bürgern möglich, Länder zu bereisen, die man zuvor nur aus den Berichten früher Forschung und Eroberer kannte. So kam es auch zur Gründung erster Reiseunternehmen, wie dem von Thomas Cook, der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits erste Kreuzfahrten, Ägyptenreisen und 1872 sogar eine komplette Weltreise anbot. Auch die Entstehung gedruckter Reiseführer wie dem Baedeker erleichterte das Reisen und erlaubte es besonders unverheirateten Frauen, endlich ohne männliche Aufpasser zu reisen.

Angetrieben von der Aufklärung, und auch bedingt durch die Schattenseiten der Industrialisierung, veränderten sich im 18. und 19. Jahrhundert zudem die Weltsicht und Erwartung von Reisenden. Hatten Berge und Ozeane zuvor als bedrohlich gegolten, begann man mit der Romantik auch die Schönheit dieser Orte zu erkennen, was die Entstehung von Seebädern und des Alpinismus zur Folge hatte. Zugleich entwickelte sich eine Art „literarischer Tourismus“, bei dem es nicht um eigene Entdeckungen ging, sondern darum, Wirkungsstätten bekannter Literaten und Schauplätze ihrer Romane kennenzulernen oder die Erlebnisse früherer Reiseschriftsteller nachzuempfinden.

Einen guten Einblick in die Welt dieser frühen Touristen offenbaren die Reiseberichte des Lübeckers Gustav Pauli (1824-1911). Von der Postschiffreise zum Nordkap bis zum indischen Taj Mahal, von seiner Begeisterung für Kroatien und Kreta bis zu seiner Kreuzfahrt nach Australien und Hawaii weisen seine Reiserouten bereits erstaunliche Ähnlichkeiten mit unseren heutigen globalen Touristenströmen auf. So konnte er in den 1860er und 70er Jahren in Ägypten bereits eine Art All-Inclusive-Urlaub genießen, Madeira erschien ihm hingegen schon von britischen Kurgästen überlaufen. Auf den Kanaren traf er sogar erste deutsche Aussteiger. Lediglich auf Mallorca beklagte er sich noch über das Fehlen von Hotels und die geringe Gewöhnung der Spanier an Touristen. Somit waren Ende des 19. Jahrhunderts, also in jener Zeit, in der unsere Ausstellung einsetzt, bereits die wesentlichen Grundlagen des modernen Tourismus geschaffen.

Natürlich gab es auch im 20. Jahrhundert Ereignisse, die den heutigen Tourismus beeinflussen. So zogen etwa die Nordlandreisen von Kaiser Wilhelm II. bald auch bürgerliche Kreuzfahrten bis in das ferne Spitzbergen nach sich, die in ähnlicher Form bis heute angeboten werden. Ebenso ist es auffällig, dass sich unter unseren bevorzugten afrikanischen Reisezielen der Deutschen mit Namibia und Tansania zwei ehemalige deutsche Kolonien größter Beliebtheit erfreuen. Aber auch die „Kraft durch Freude“-Reisen des Nationalsozialismus oder der seit den 1970er Jahren boomende männliche und weibliche Sextourismus in Südostasien, Afrika oder der Karibik dürfen in einer Entwicklungsgeschichte des Tourismus nicht unerwähnt bleiben. Schließlich sind die Erfindungen weiterer Verkehrsmittel wie dem Automobil oder des Flugzeugs zu nennen, die das Reisetempo und die Zahl der Touristen im 20. Jahrhundert noch einmal deutlich erhöhten. Aber selbst die zahllosen sonnenhungrigen Deutschen, die seit den 1960er Jahren Sommer für Sommer mit dem Auto die Alpen gen Italien überqueren, reisen in gewisser Weise auf den Spuren von Goethes Italienreise und besuchen Ziele, die schon zum Reisekanon der „Grand Tour“ gehörten. Bewusst oder unbewusst ist jede Reise also immer von unserer eigenen Geschichte geprägt.

Zum Weiterlesen

Frühsorge, Lars (2018) Gustav Pauli (1824-1911). Die Reiseberichte und Sammlungen eines frühen Weltreisenden aus Lübeck. Lübeck: Schmidt-Römhild.

Freller, Thomas (2007) Adlige auf Tour: Die Erfindung der Bildungsreise. Ostfildern: Thorbecke.

Hachtmann, Rüdiger (2007) Tourismus-Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Lomine, Loykie (2005) Tourism in Augustan Society (44 BC - AD 69). In: Histories of Tourism: Representation, Identity and Conflict, John K. Walton. Clevedon: Channel View: 71-87.

Pauselius, Peter (2015) Weltreisende. „…aus Preetzer Geschichte…” Nr. 22: 69-80.

Zuelow, Eric G. E. (2016) A History of Modern Tourism. New York: Palgrave MacMillan.

Postkarten aus Äthiopien, 1930er Jahre (Sammlung Bruns)

Dorfleben in Nigeria, 1960er Jahre (Foto: Ludwig Orth)

2. Die Reisenden und ihre Objekte

Lars Frühsorge