Reise im Mondlicht - Antal Szerb - E-Book

Reise im Mondlicht E-Book

Antal Szerb

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Beschreibung

Der erfolgreiche Roman des wiederentdeckten großen ungarischen Schriftstellers Der erfolgreiche Roman des wiederentdeckten großen ungarischen Schriftstellers Mit feiner Ironie erzählt Antal Szerb in diesem wahrhaft europäischen Roman die Geschichte einer jungen Ehe. Er beleuchtet den Weg des frischvermählten Paars Erzsi und Mihály wie der helle Mond eine venezianische Gasse. Bereits auf der Hochzeitsreise in Italien wird Mihály durch die unerwartete Begegnung mit einem alten Freund von melancholischen Erinnerungen an seine rebellische Jugend überwältigt, und erste Phantasien über das Ende ihrer Beziehung beschleichen ihn. Als er seine Frau auf der Weiterreise an einem kleinen Bahnhof aus Versehen »verliert«, begreift Mihály dies als ein Zeichen, und eine ganz andere Reise beginnt, eine Schattenreise zum Selbst.

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Seitenzahl: 376

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Antal Szerb

Reise im Mondlicht

Roman

Aus dem Ungarischen von Christina Viragh

Mit einem Nachwort von Péter Esterházy

Deutscher Taschenbuch Verlag

Vollständige Ausgabe

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

© 2003 der deutschsprachigen Ausgabe:

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.Rechtlicher Hinweis §44 UrhG: Wir behalten uns eine Nutzung der von uns veröffentlichten Werke für Text und Data Mining im Sinne von §44 UrhG ausdrücklich vor.

eBook ISBN 978-3-423-40150-0 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-13620-4

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher sowie Themen, die Sie interessieren, finden Sie auf unserer Website

www.dtv.de

Der Verlag dankt dem Fonds für Übersetzungsförderung der Stiftung Ungarisches Buch in Budapest für die freundliche Unterstützung der vorliegenden Übersetzung.

Inhalt

Erster Teil: Hochzeitsreise

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Zweiter Teil: Der Flüchtige

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Dritter Teil: Rom

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Vierter Teil: Das Höllentor

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Und solange man lebt…

Erster Teil

Hochzeitsreise

Gesetz und Regel halt ich widerwillig ein.

Und was kommt jetzt?

Ich warte auf den Lohn für meine Mühn,

Willkommen und verstoßen wie ich bin.

François Villon

1

In der Eisenbahn ging noch alles gut. Es begann in Venedig, mit den Gäßchen.

Schon als sie mit dem Motoscafo vom Bahnhof stadteinwärts fuhren und vom Canal Grande in einen Seitenkanal abbogen, fielen Mihály an beiden Ufern die Gäßchen auf. Er achtete zwar noch nicht besonders auf sie, völlig eingenommen, wie er war, von der Venedighaftigheit Venedigs. Vom Wasser zwischen den Häusern, von den Gondeln, der Lagune, der rostrot-rosa Heiterkeit der Stadt. Mihály war nämlich zum ersten Mal in Italien, mit sechsunddreißig Jahren, auf der Hochzeitsreise.

Im Lauf seiner lang geratenen Wanderjahre war er weit herumgekommen, hatte in England und Frankreich gelebt, doch um Italien hatte er immer einen Bogen gemacht, im Gefühl, daß die Zeit dafür noch nicht reif, er noch nicht so weit sei. Italien gehörte für ihn zu den Erwachsenendingen, wie das Zeugen von Nachkommen, und heimlich hatte er Angst davor, so wie er auch vor starkem Sonnenschein, Blumenduft und sehr schönen Frauen Angst hatte.

Wenn er nicht geheiratet und beschlossen hätte, ein regelrechtes, mit einer italienischen Hochzeitsreise beginnendes Eheleben zu führen, dann hätte er diese Reise vielleicht bis zu seinem Lebensende aufgeschoben. Auch jetzt war es keine Italienreise, sondern eine Hochzeitsreise,also etwas ganz anderes. So,als Ehemann, durfte er herkommen. So war er von der Gefahr, die Italien darstellte, nicht bedroht. Dachte er.

Die ersten Tage verliefen friedlich, zwischen ehelichen Freuden und gemäßigter Stadtbesichtigung. Nach der Art kolossal intelligenter und selbstkritischer Menschen bemühten sich Mihály und Erzsi, den richtigen Mittelweg zwischen Snobismus und Antisnobismus zu finden. Sie rissen sich kein Bein aus, um alles zu tun, was der Baedeker vorschreibt, aber noch weniger gehörten sie zu den Leuten, die nach Hause fahren und einander stolz ansehen, während sie lässig bemerken: Ach, die Museen… na, da waren wir natürlich nicht.

Eines Abends, als sie nach dem Theater ins Hotel zurückkehrten, hatte Mihály das Gefühl, er würde ganz gern noch etwas trinken. Was, das wußte er nicht so genau, am ehesten war ihm nach einem süßen Wein zumute. Er erinnerte sich an den eigenartigen, klassischen Geschmack des Samosweins, den er in Paris, in einer kleinen Weinhandlung in der Rue des Petits Champs 7, oft getrunken hatte, und er überlegte sich, daß Venedig ja schon halbwegs Griechenland war und man bestimmt Wein von Samos oder vielleicht Mavrodaphne bekam, denn mit den italienischen Weinen kannte er sich nicht aus. Er bat Erzsi, allein hinaufzugehen, er komme gleich nach, er wolle nur rasch etwas trinken – wirklich nur ein Glas, sagte er mit gespieltem Ernst, denn Erzsi hatte ihn, ebenfalls scheinernst, zu Mäßigkeit ermahnt, wie es sich für die junge Ehefrau gehört.

Er entfernte sich vom Canal Grande, an dem das Hotel stand, und geriet in die Gassen um die Frezzeria, wo auch jetzt noch viele Leute unterwegs waren, mit der seltsamen Ameisenhaftigkeit, wie sie die Bewohner dieser Stadt charakterisiert. Die Menschen bewegen sich hier immer nur entlang bestimmter Linien, wie die Ameisen, wenn sie den Gartenweg überqueren. Die anderen Gassen bleiben leer. Auch Mihály hielt sich an eine Ameisenstraße, weil er sich ausrechnete, daß die Bars und Fiaschetterien an den belebten Orten lagen und nicht im unsicheren Halbdunkel der leeren Gassen. Er fand auch zahlreiche Lokale, wo man trinken konnte, aber irgendwie paßte ihm keins. An jedem stimmte etwas nicht. Im einen saßen zu elegante Leute, im anderen zu einfache, und mit keinem konnte er das Getränk, das er suchte, in einen Zusammenhang bringen. Das hatte irgendwie einen heimlicheren Geschmack. Er begann sich einzureden, es gebe in Venedig nur ein einziges Lokal, wo man jenen Wein bekäme, und er müsse den Ort instinktiv finden. So geriet er in die Gäßchen hinein.

Ganz enge Gäßchen mündeten in ganz enge Gäßchen, und in welche Richtung er auch ging, wurden diese Gäßchen immer noch enger und noch dunkler. Wenn er die Arme ausbreitete, konnte er links und rechts die Hauswände berühren, die schweigenden Häuser mit den großen Fenstern, hinter denen sich, dachte er, ein geheimnisvolles und intensiv italienisches Leben abspielte. So nah abspielte, daß es fast schon indiskret war, nachts hier entlangzugehen.

Was war das für eine merkwürdige Bezauberung, was für eine Ekstase, die ihn hier überkam, warum hatte er das Gefühl, endlich heimgekehrt zu sein? Vielleicht hatte er als Kind von so etwas geträumt – als das Kind, das in einer Villa mit Garten gewohnt, sich aber vor zu großer Geräumigkeit gefürchtet hatte–, oder vielleicht hatte er sich als Halbwüchsiger nach Enge gesehnt, nach Orten, wo jeder halbe Quadratmeter seine eigene Bedeutung hat, wo zehn Schritte schon eine Grenzüberschreitung darstellen und wo man Jahrzehnte an einem wackligen Tisch oder sein ganzes Leben in einem Sessel verbringt. Vielleicht, nicht sicher.

Jedenfalls irrte er in den Gäßchen umher, bis er plötzlich merkte, daß der Morgen kam und er auf der anderen Seite von Venedig war, am Neuen Ufer, wo man auf die Friedhofsinsel hinüberblicken kann und auf die weiter entfernten geheimnisvollen Inseln, auf San Francesco in Deserto, wo einst die Leprakranken gehaust haben, und noch weiter weg auf die Häuser von Murano. Am Neuen Ufer wohnen die armen Venezianer, die von den Segnungen des Tourismus höchstens indirekt erreicht werden, hier ist das Krankenhaus, und von hier legen die Gondeln der Toten ab. Das Viertel begann sich zu regen, einige gingen schon zur Arbeit, und die Welt war unermeßlich öde, wie immer nach einer durchwachten Nacht. Mihály fand eine Gondel, die ihn nach Hause brachte.

Erzsi war schon längst krank vor Aufregung und Müdigkeit.

Erst um halb zwei war ihr in den Sinn gekommen, daß man, so unwahrscheinlich es klingt, auch in Venedig die Polizei anrufen konnte, was sie mit Hilfe des Nachtportiers dann auch tat, selbstverständlich ohne Ergebnis.

Mihály glich noch immer einem Schlafwandler. Er war entsetzlich müde und konnte auf Erzsis Fragen nichts Vernünftiges antworten.

»Die Gäßchen«, sagte er, »einmal muß man doch die Gäßchen bei Nacht gesehen haben, das gehört dazu, auch andere tun das.«

»Aber warum hast du nichts gesagt? Oder mich nicht mitgenommen?«

Mihály wußte keine Antwort, er verkroch sich mit beleidigter Miene ins Bett und schlief verdrossen ein.

Das also ist die Ehe, dachte er, so wenig begreift sie, so hoffnungslos ist jeder Erklärungsversuch? Naja, ich versteh’s ja selbst nicht.

2

Erzsi hingegen schlief nicht, sondern lag mit gerunzelter Stirn und unter dem Kopf verschränkten Armen und dachte nach. Im allgemeinen vertragen die Frauen das Wachen und das Nachdenken besser. Für Erzsi war es weder neu noch überraschend, daß Mihály Dinge tat und sagte, die sie nicht verstand. Eine Zeitlang hatte sie ihr Unverständnis erfolgreich bemäntelt, hatte klugerweise keine Fragen gestellt, sondern getan, als wäre sie sich sowieso über alles im klaren, was mit Mihály zusammenhing. Sie wußte, daß diese schweigende, künstliche Überlegenheit, die Mihály für die angeborene Weisheit der Frauen hielt, das beste Mittel war, ihn an sich zu binden. Mihály war voller Ängste, und Erzsis Aufgabe war es, ihn zu beruhigen.

Aber alles hat seine Grenzen, sie waren ja jetzt ein Ehepaar, auf seriöser Hochzeitsreise, und unter solchen Umständen eine ganze Nacht wegzubleiben war doch seltsam. Einen Augenblick kam ihr der natürliche weibliche Gedanke, daß Mihály bei einer anderen Frau gewesen war, aber sie verwarf ihn gleich wieder, denn das war völlig unvorstellbar. Abgesehen davon, daß die Sache höchst unanständig gewesen wäre, war Mihály mit fremden Frauen vorsichtig und ängstlich, er fürchtete sich vor Krankheiten, es reute ihn das Geld, und überhaupt interessierten ihn die Frauen nur mäßig.

Eigentlich wäre es ganz beruhigend gewesen, wenn Mihály bloß einer Frau nachgelaufen wäre. Dann hätte diese Unsicherheit ein Ende, dieses völlig leere Dunkel, die Unmöglichkeit sich vorzustellen, was Mihály die ganze Nacht getrieben hatte. Und sie dachte an ihren ersten Mann, Zoltán Pataki, den sie Mihálys wegen verlassen hatte. Erzsi hatte immer gewußt, welche Tippmamsell gerade Zoltáns Geliebte war, obwohl er sich krampfhaft, errötend und rührend um Diskretion bemühte, aber je mehr er das tat, um so klarer war die Sache. Bei Mihály war es gerade umgekehrt: Er erklärte jede seiner Gesten peinlich gewissenhaft, war manisch darauf bedacht, daß Erzsi ihn durch und durch kenne, doch je mehr er erklärte, um so verworrener wurde das Ganze. Erzsi wußte seit langem, daß Mihály Geheimnisse hatte, die er sich selbst nicht eingestand, während er auch sie, Erzsi, nicht verstand, weil es ihm gar nicht in den Sinn kam, sich für das Innenleben eines anderen Menschen zu interessieren. Trotzdem hatten sie geheiratet, weil Mihály behauptete, sie beide verstünden sich vollkommen, und ihre Ehe basiere gänzlich auf Vernunft und nicht auf vergänglichen Leidenschaften. Wie lange konnte man an solchen Fiktionen festhalten?

3

Ein paar Abende danach kamen sie in Ravenna an. Am folgenden Morgen stand Mihály sehr früh auf, zog sich an und ging aus dem Hotel. Er wollte sich die byzantinischen Mosaiken, Ravennas berühmteste Sehenswürdigkeit, allein anschauen, denn jetzt wußte er schon, daß er mit Erzsi vieles nicht teilen konnte. Dazu gehörten auch die Mosaiken. Erzsi war in kunstgeschichtlicher Hinsicht viel beschlagener und empfänglicher als er, und sie war auch schon in Italien gewesen, so daß Mihály meistens sie entscheiden ließ, was man zu besichtigen und was man dabei zu denken hatte. Ihn selbst interessierten Bilder nur selten, nur zufällig, in einem Aufblitzen, eins von Tausend. Aber die Mosaiken von Ravenna… das war ein Denkmal seiner eigenen Vergangenheit.

Die Mosaiken hatten sie einst zusammen angeschaut, er, Ervin, Tamás Ulpius und Éva, Tamás’ jüngere Schwester, in einem großen französischen Buch, unerklärlich nervös und geängstigt, an einem Weihnachtsabend bei den Ulpius zu Hause. Im riesigen Nebenzimmer war der Vater von Tamás einsam auf und ab gegangen, sie hatten die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, so betrachteten sie das Buch, und der goldene Hintergrund der Bilder schimmerte ihnen entgegen wie ein Licht unbekannten Ursprungs in der Tiefe eines Minenschachts. An den byzantinischen Bildern war etwas, das ganz unten in ihrer Seele ein Grauen aufwühlte. Um Viertel vor zwölf zogen sie ihre Mäntel an und machten sich verfrorenen Herzens auf den Weg zur Mitternachtsmesse. Dort fiel Éva in Ohnmacht; es war das einzige Mal, daß ihr die Nerven einen Streich spielten. Danach war einen Monat lang alles Ravenna, und für Mihály blieb die Stadt eine undefinierbare Art von Angst. Das alles, jener tief versunkene Monat, erwachte in ihm, als er jetzt in San Vitale vor den wundervollen, hellgrün getönten Mosaiken stand. Seine Jugend kam mit solcher Wucht über ihn, daß ihm schwindlig wurde und er sich an eine Säule stützen mußte. Es dauerte aber nur einen Augenblick, danach war er wieder ein ernster Mensch.

Die anderen Mosaiken interessierten ihn nicht mehr. Er ging ins Hotel zurück, wartete, bis Erzsi fertig war, und dann besichtigten und besprachen sie alle Sehenswürdigkeiten ordnungsgemäß. Mihály sagte natürlich nicht, daß er am frühen Morgen schon in San Vitale gewesen war, er drückte sich ein bißchen verschämt in die Kirche hinein, als ob ihn etwas verraten könnte, und um seine morgendliche Erschütterung zu kompensieren, sagte er, so toll sei das ja gar nicht.

Am Abend des folgenden Tages saßen sie auf der kleinen Piazza vor einem Café, Erzsi aß Eis, Mihály probierte ein unbekanntes bitteres Getränk, das ihm aber nicht schmeckte, und er zerbrach sich den Kopf, womit er den bitteren Geschmack hinunterspülen könnte.

»Fürchterlich, dieser Geruch«, sagte Erzsi. »Wo immer man hingeht in dieser Stadt, riecht man ihn. Ich stelle mir einen Gasangriff so vor.«

»Kein Wunder«, sagte Mihály. »Die Stadt hat einen Leichengeruch. Ravenna ist ein dekadenter Ort, der seit mehr als tausend Jahren verkommt. Der Baedeker sagt das auch. Die Stadt hatte drei Glanzzeiten, die letzte war im achten Jahrhundert nach Christus.«

»Ach was, du Trottel«, sagte Erzsi lächelnd. »Du denkst immer gleich an Tod und Verwesung. Dieser Gestank kommt doch gerade vom Leben, vom Wohlstand:von einer Kunstdüngerfabrik, von der ganz Ravenna lebt.«

»Ravenna lebt vom Kunstdünger? Die Stadt, in der Theoderich der Große und Dante begraben sind, die Stadt, neben der Venedig ein Parvenu ist?«

»Jawohl, mein Lieber.«

»Was für eine Schweinerei.«

In dem Augenblick kam ein Motorrad auf die Piazza gedonnert, und der bebrillte und unglaublich motorradmäßig ausgestattete Fahrer schwang sich herunter wie von einem Pferd. Er schaute um sich, erblickte Mihály und Erzsi und kam geradewegs auf ihren Tisch zu, das Motorrad gewissermaßen an der Hand führend. Beim Tisch angekommen, schob er seine Brille hoch wie das Visier eines Helms, und sagte: »Servus, Mihály. Dich habe ich gesucht.«

Mihály erkannte zu seiner größtenVerwunderung János Szepetneki, und so plötzlich fiel ihm nichts anderes ein als: »Woher weißt du, daß ich hier bin?«

»Im Hotel in Venedig haben sie gesagt, du seist nach Ravenna gefahren. Und wo wäre man in Ravenna nach dem Abendessen, wenn nicht auf der Piazza? Das war wirklich keine Hexerei. Ich bin von Venedig direkt hierhergefahren. Aber jetzt will ich mich ein bißchen setzen.«

»Äh… darf ich dich meiner Frau vorstellen«, sagte Mihály nervös. »Erzsi, dieser Herr ist János Szepetneki, mein ehemaliger Klassenkamerad, von dem ich dir… glaube ich, noch nie erzählt habe.« Und er errötete heftig.

János musterte Erzsi mit unverhüllter Abneigung, verbeugte sich, schüttelte ihr die Hand, wonach er sie nicht mehr zur Kenntnis nahm. Überhaupt sagte er nichts, außer um eine Limonade zu bestellen.

Nach längerer Zeit sagte Mihály:

»Na, red schon. Du hast doch bestimmt einen Grund, mich hier in Italien zu suchen.«

»Ich erzähle es dann. Vor allem wollte ich dich sehen, weil ich gehört habe, daß du geheiratet hast.«

»Ich dachte, du seist mir noch böse«, sagte Mihály. »Das letzte Mal, als wir uns in London in der ungarischen Botschaft getroffen haben, bist du aus dem Saal gelaufen. Aber klar, jetzt hast du keinen Grund mehr, mir böse zu sein«, fuhr er fort, als János nichts erwiderte. »Man wird ernsthaft. Alle werden ernsthaft, und allmählich vergißt man, warum man jemandem jahrzehntelang böse war.«

»Du redest, als wüßtest du, warum ich dir böse war.«

»Natürlich weiß ich es«, sagte Mihály und wurde wieder rot. »Dann sag’s, wenn du’s weißt«, sagte Szepetneki kämpferisch.

»Nicht hier… vor meiner Frau.«

»Das macht mir nichts aus. Sag’s nur ganz tapfer. Warum, meinst du, habe ich dich in London geschnitten?«

»Weil du dich erinnert hast, daß ich einmal dachte, du hättest meine goldene Uhr gestohlen. Inzwischen weiß ich, wer sie gestohlen hat.«

»Da siehst du, was du für ein Esel bist. Die Uhr habe ich gestohlen.«

»Also doch?«

»Na klar.«

Erzsi war schon bis dahin unruhig auf ihrem Platz herumgerutscht, denn mit Hilfe ihrer Menschenkenntnis hatte sie János Szepetnekis Gesicht und Händen längst angesehen, daß er jemand war, der von Zeit zu Zeit eine goldene Uhr stahl, und sie preßte nervös ihre Handtasche mit den Pässen und den Reiseschecks an sich. Schon darüber, daß der sonst so taktvolle Mihály die Uhrengeschichte erwähnt hatte, war sie ziemlich verstimmt, aber die Stille, die jetzt eintrat, war erst recht unerträglich. Unbehaglicher geht’s kaum mehr: Einer sagt dem anderen, er habe ihm die Uhr gestohlen, und dann Schweigen… Sie stand auf und sagte:

»Ich gehe ins Hotel zurück. Die Herren haben ja gewisse Dinge zu besprechen…«

Mihály schaute sie äußerst gereizt an.

»Bleib du nur da. Jetzt bist du meine Frau, jetzt betrifft dich das alles auch.« Und er wandte sich an Szepetneki und schrie ihn an:

»Warum hast du mir dann in London die Hand nicht gegeben?«

»Du weißt schon, warum. Wenn du es nicht wüßtest, wärst du jetzt nicht so wütend. Aber du weißt, daß ich recht hatte.«

»Drück dich verständlich aus.«

»Du verstehst es genauso, einen nicht zu verstehen, wie du es verstanden hast, die nicht zu finden, die verschwunden sind und die du nicht einmal gesucht hast. Deshalb hatte ich eine Stinkwut auf dich.«

Mihály schwieg eine Weile.

»Aber wenn du mich treffen wolltest, bitte, in London haben wir uns getroffen.«

»Ja, aber zufällig. Das zählt nicht. Übrigens weißt du ganz genau, daß es nicht um mich ging.«

»Wenn es um jemand anders ging… den hätte ich umsonst gesucht.«

»Deshalb hast du’s gar nicht erst versucht, was? Obwohl du vielleicht bloß die Hand auszustrecken brauchtest. Aber du hast noch eine Chance. Hör zu. Ich glaube, ich habe Ervin gefunden.«

Mihálys Miene veränderte sich schlagartig. Zorn und Verblüffung wichen einer freudigen Neugier.

»Wirklich? Wo ist er?«

»Genau weiß ich es noch nicht, aber er ist in Italien, in einem Kloster in Umbrien oder in der Toskana. Ich habe ihn in Rom gesehen, in einer Prozession,zwischen vielen Mönchen. Ich konnte nicht zu ihm hin, ich durfte ja nicht stören. Aber da war ein Priester, den ich kenne, und der hat gesagt, das seien Mönche aus einem Kloster in Umbrien oder in der Toskana. Das wollte ich dir sagen. Wenn du schon hier bist, könntest du mir suchen helfen.«

»Ja. Danke. Aber ich weiß nicht, ob ich dir helfen werde. Ich wüßte auch nicht, wie. Und dann bin ich auf der Hochzeitsreise, ich kann nicht sämtliche Klöster Umbriens und der Toskana abklappern. Und ich weiß auch nicht, ob Ervin Lust hat, mich zu treffen. Wenn er mich sehen wollte, hätte er mir schon längst schreiben können, wo er lebt. Und jetzt geh weg, János Szepetneki. Ich hoffe, daß du dich wieder ein paar Jahre lang nicht blicken läßt.«

»Ich geh ja schon. Deine Frau ist eine höchst unsympathische Person.«

»Ich habe dich nicht um deine Meinung gebeten.«

János Szepetneki saß auf sein Motorrad auf.

»Bezahl meine Limonade«, rief er und verschwand in der Nacht.

Das Ehepaar blieb zurück und schwieg lange. Erzsi ärgerte sich, fand die Situation aber auch komisch. Wenn sich Klassenkameraden treffen… Offenbar wurde Mihály von diesen Angelegenheiten aus der Schulzeit tief berührt. Man müßte ihn einmal fragen, wer diese Jugendfreunde waren… obwohl das Ganze überhaupt nicht verlockend klang. Mit Jungen und Halbfertigen konnte Erzsi nicht viel anfangen.

Aber eigentlich ärgerte sie sich über etwas ganz anderes. Nämlich und natürlich darüber, daß sie János Szepetneki so gar nicht gefallen hatte. Nicht, daß es irgendeine Rolle spielte, was so ein… so eine dubiose Existenz von ihr dachte. Aber trotzdem, für eine Frau gibt es auf der Welt nichts Fataleres als die Meinung der Freunde ihres Mannes. Die Männer sind ungeheuer beeinflußbar, wenn es um Frauen geht. Gut, dieser Szepetneki war nicht Mihálys Freund. Jedenfalls kein Freund im konventionellen Sinn des Wortes,aber offenbar war da doch eine starke Bindung. Und überhaupt, in diesen Dingen konnte auch der gräßlichste Typ einen anderen Mann beeinflussen.

Verdammt nochmal, was an mir hat ihm nicht gefallen?

Daran war Erzsi wirklich nicht gewöhnt. Sie war eine reiche, hübsche, gutgekleidete Frau, und die Männer fanden sie attraktiv oder zumindest sympathisch. Daß alle Männer anerkennend von ihr sprachen, spielte eine große Rolle in Mihálys Beziehung zu ihr, das wußte sie. Manchmal dachte sie sogar, Mihály sehe sie gar nicht mit seinen eigenen Augen, sondern mit den Augen der anderen. Als ob er zu sich selbst sagte: Wie sehr würde ich diese Erzsi lieben, wenn ich so wäre wie die anderen Männer. Und jetzt kam so ein Strizzi daher, und dem gefiel sie nicht. Sie konnte nicht anders, sie mußte es erwähnen.

»Sag mir bitte, warum ich deinem Freund, dem Taschendieb, nicht gefallen habe.« Mihály lächelte.

»Ach komm. Nicht du hast ihm nicht gefallen. Es hat ihm nicht gefallen, daß du meine Frau bist.«

»Warum?«

»Weil er denkt, ich hätte um deinetwillen meine Jugend, unsere gemeinsame Jugend, verraten. Ich hätte die vergessen, die… Ich hätte jetzt mein Leben auf andere Beziehungen aufgebaut. Obwohl… Wahrscheinlich wirst du jetzt sagen, ich hätte schöne Freunde. Darauf könnte ich antworten, daß Szepetneki nicht mein Freund ist, aber das wäre natürlich nur eine Ausflucht. Doch, wie soll ich sagen, es gibt auch solche Menschen… Der Uhrendiebstahl war nur eine kindliche Vorübung. Szepetneki ist seither ein erfolgreicher Hochstapler geworden, er hatte auch schon sehr viel Geld, und er hat mir verschiedene Summen aufgedrängt, die ich ihm nicht zurückzahlen konnte, weil ich nicht wußte, wo er sich herumtrieb. Er war auch schon im Gefängnis, und aus Baja hat er mir einmal geschrieben, ich solle ihm fünf Pengő schicken. Von Zeit zu Zeit kreuzt er auf und sagt jedesmal unangenehme Dinge. Aber wie gesagt, es gibt auch solche Menschen. Falls du das nicht wüßtest, hast du jetzt einen gesehen. Sag mal, ließe sich nicht eine Flasche Wein bekommen, die wir im Zimmer trinken könnten? Mir ist das öffentliche Leben, das wir hier auf der Piazza führen, schon verleidet.«

»Das kannst du auch im Hotel bekommen, da ist ja ein Restaurant.«

»Und es gibt dann keinen Skandal, wenn wir die Flasche ins Zimmer mitnehmen? Darf man das?«

»Mihály, mit deiner Angst vor Kellnern und Hoteliers bringst du mich noch ins Grab.«

»Ich habe dir das doch schon erklärt. Ich habe gesagt, daß sie die erwachsensten Menschen der Welt sind und daß ich besonders im Ausland nichts Regelwidriges tun will.«

»Na schön. Aber wieso mußt du schon wieder trinken?«

»Ich muß unbedingt etwas trinken. Weil ich dir erzählen will, wer Tamás Ulpius war und wie er gestorben ist.«

4

Ich muß dir diese alten Geschichten erzählen, denn sie sind sehr wichtig. Die wichtigen Dinge sind meistens die vergangenen. Und solange du sie nicht kennst, bleibst du, verzeih, bis zu einem gewissen Grad immer eine Außenseiterin in meinem Leben.

Zu meiner Gymnasiastenzeit war Spazierengehen meine Lieblingsbeschäftigung. Oder vielmehr das Umherstreunen. Da von einem Halbwüchsigen die Rede ist, paßt dieses Wort besser. Ich erkundete systematisch jeden einzelnen Stadtteil von Budapest. Jedes Viertel, ja, jede Straße hatte für mich eine eigene Stimmung. Übrigens macht mir das Betrachten von Häusern noch immer Spaß, so wie damals. Darin bin ich nicht älter geworden. Häuser sagen mir sehr viel. Für mich sind sie das, was früher für die Dichter die Natur war, oder zumindest das, was sie Natur nannten.

Am liebsten war mir aber doch die Burg von Buda. Ihre alten Straßen verloren für mich nie den Reiz. Schon damals zogen mich die alten Dinge mehr an als die neuen. Für mich hatte nur das eine tiefere Realität, was viele Menschenleben in sich aufgenommen hatte, was von der Vergangenheit auf die gleiche Art beständig gemacht worden war wie die Burg Déva von der eingemauerten Frau Kőmíves.

Wie gewählt ich mich ausdrücke, merkst du’s? Vielleicht liegt es an diesem guten Sangiovese.

Tamás Ulpius sah ich oft auf der Burg, denn er wohnte dort. Schon das war in meinen Augen höchst romantisch, aber auch die blonde, fürstliche, fragile Melancholie seines Gesichts gefiel mir, und noch vieles mehr. Er war ausgesucht höflich, trug dunkle Kleider und war mit keinem Klassenkameraden befreundet. Auch mit mir nicht.

Und jetzt muß ich wieder von mir reden. Du hast mich immer als einen muskulösen, breitgebauten, älteren jungen Mann gekannt, der ein glattes, ruhiges Gesicht hat, ein sogenanntes Pokerface, und soviel du weißt, bin ich meistens schläfrig. Aber als Gymnasiast war ich noch ganz anders. Ich habe dir Photos aus jener Zeit gezeigt, du hast gesehen, wie mager, unruhig und ekstatisch mein Gesicht war. Ich glaube, ich war sehr häßlich – aber ich mag mein damaliges Gesicht doch lieber. Und denk dir dazu einen entsprechenden Halbwüchsigenkörper, einen dünnen, eckigen, vom raschen Wachsen krummen Jungen. Und dazu einen hageren, hungrigen Charakter.

Du kannst dir also vorstellen, daß ich nicht gesund war, weder körperlich noch seelisch. Ich war blutarm, und schreckliche Depressionen quälten mich. Mit sechzehn, nach einer Lungenentzündung, begann ich Halluzinationen zu haben. Wenn ich las, hatte ich oft das Gefühl, jemand stehe hinter mir und blicke in das Buch. Ich mußte mich umdrehen, um mich zu überzeugen, daß keiner da war. Oder ich erwachte nachts voller Entsetzen, weil jemand neben meinem Bett stand und mich betrachtete. Natürlich war da niemand. Und ich schämte mich fortwährend. Wegen dieser ewigen Verschämtheit wurde meine Situation in der Familie allmählich unhaltbar. Während des Mittagessens errötete ich dauernd, und eine Zeitlang genügte der geringste Anlaß, um mich fast zum Weinen zu bringen. Ich lief dann aus dem Zimmer. Du weißt ja, was für anständige Leute meine Eltern sind; du kannst dir vorstellen, wie perplex und aufgebracht sie waren, und wie meine Brüder und Edit sich über mich lustig machten. Es ging so weit, daß ich vorgab, ich müsse um halb drei zu einer Französisch-Nachhilfestunde in die Schule, und so durfte ich vor den anderen allein zu Mittag essen.

Und mit einem zusätzlichen Trick erreichte ich sogar, daß man auch das Abendessen für mich beiseite stellte.

Zu alldem kam als fürchterlichstes Symptom der Wirbel. Ja, der Wirbel, so wie ich es sage. Von Zeit zu Zeit hatte ich das Gefühl, neben mir tue sich die Erde auf, und ich stehe am Rand eines gräßlichen Wirbels. Du mußt aber den Wirbel doch nicht ganz wörtlich nehmen, ich sah ihn nicht wirklich, er war keine Vision, ich wußte einfach, daß er da war. Dabei wußte ich auch, daß er nicht da war, daß ich ihn mir bloß einbildete, du weißt ja, wie kompliziert solche Dinge sind. Tatsache ist aber, daß ich mich nicht zu rühren wagte, wenn mich das Wirbel-Gefühl überkam, und reden konnte ich auch nicht, und ich dachte, alles sei zu Ende. Das Gefühl dauerte übrigens nie lange, und ich hatte nicht viele solcher Anfälle. Einer war besonders unangenehm, denn er kam in einer Schulstunde, in der Naturkunde. Gerade hatte sich die Erde neben mir aufgetan, als ich aufgerufen wurde. Ich rührte mich nicht, saß einfach an meinem Platz. Der Lehrer rief noch ein Weilchen meinen Namen, und als er sah, daß das nichts nützte, stand er auf und kam zu mir. ›Was hast du?‹ fragte er. Natürlich gab ich keine Antwort. Er musterte mich eine Weile, dann ging er zum Katheder zurück und rief einen anderen auf. Er war eine feine Priesterseele und erwähnte auch später den Vorfall nie. Um so mehr erwähnten ihn meine Klassenkameraden. Sie dachten, ich hätte aus Trotz und Rebellion nicht geantwortet, und der Lehrer hätte Angst bekommen. Auf einen Schlag war ich ein toller Hecht, und mein Ruhm verbreitete sich in der ganzen Schule. Eine Woche danach rief derselbe Lehrer János Szepetneki auf. Den Szepetneki, den du heute gesehen hast. Szepetneki setzte sein verwegenstes Gesicht auf und rührte sich nicht. Darauf erhob sich der Lehrer, ging zu ihm hin, und gab ihm eine mächtige Ohrfeige. Von da an war Szepetneki überzeugt, daß ich höhere Protektion genoß.

Aber zurück zu Tamás Ulpius. Eines Tages fiel der erste Schnee. Ich konnte es kaum erwarten, bis die Schule aus war und ich mein Extramittagessen hinuntergeschlungen hatte, um dann gleich auf die Burg hinaufzulaufen. Schnee war eine besondere Leidenschaft von mir, schon weil die Stadtviertel im Schnee ganz anders aussahen, so anders, daß man sich in den vertrauten Straßen verirren konnte. Ich trieb mich lange umher, ging dann auf die Basteipromenade hinaus und starrte zu den Hügeln von Buda hinüber. Auf einmal tat sich wieder die Erde auf. Der Wirbel hatte diesmal immerhin etwas Plausibles, ich stand ja auf einer Anhöhe. Und da ich ihn schon mehrmals gesehen hatte, war ich nicht ganz so entsetzt, ich wartete sogar mit einer gewissen Gelassenheit darauf, daß die Erde wieder zusammenwuchs und der Wirbel verschwand. So stand ich und wartete, ich weiß nicht, wie lange, denn in solchen Momenten hat man ja genausowenig ein Zeitgefühl wie im Traum oder während des Liebemachens. Sicher ist aber, daß dieser Wirbel viel länger dauerte als die früheren. Es dunkelte schon, und er war noch immer da. Der ist aber hartnäckig, dachte ich. Und da wurde ich mit Entsetzen gewahr, daß er wuchs, daß mich nur noch etwa zehn Zentimeter von seinem Rand trennten, daß er sich meinen Füßen näherte. Noch ein paar Minuten, und es ist aus, ich falle hinein. Ich griff krampfhaft nach dem Geländer.

Und dann erreichte mich der Wirbel tatsächlich. Unter meinen Füßen rutschte die Erde weg, und ich hing über der Leere, an das Eisengeländer geklammert. Wenn meine Hände keine Kraft mehr haben, dachte ich, falle ich hinein. Und ich begann, dem Tod ins Auge zu blicken, resigniert und betend.

Da merkte ich plötzlich, daß Tamás Ulpius neben mir stand.

›Was hast du?‹ fragte er und legte mir die Hand auf die Schulter.

In dem Augenblick verging der Wirbel, und ich wäre vor Müdigkeit umgefallen, wenn mich Tamás nicht gestützt hätte. Er führte mich zu einer Bank und wartete, bis ich mich ein wenig erholt hatte. Da erzählte ich ihm vom Wirbel, zum ersten Mal in meinem Leben. Ich weiß gar nicht, wie es zuging – aber er wurde augenblicklich mein bester Freund. Der Freund, von dem halbwüchsige Jungen nicht weniger intensiv und tiefer und ernster träumen als von der ersten Liebe.

Danach trafen wir uns jeden Tag. Tamás wollte nicht zu mir nach Hause kommen, er sagte, er möge sich nicht vorstellen lassen, hingegen lud er mich bald zu sich ein. So kam ich ins Ulpius-Haus.

Die Ulpius wohnten im oberen Stock eines sehr alten, heruntergekommenen Hauses. Es war aber nur außen alt und heruntergekommen, innen war es sehr schön und wohnlich, so wie diese alten italienischen Hotels. Die Wohnung mit ihren riesigen Zimmern und Kunstgegenständen war zwar etwas unheimlich,wie ein Museum. Tamás’ Vater war Archäologe und Museumsdirektor. Der Großvater war Uhrmacher gewesen und hatte sein Geschäft im Haus gehabt. Jetzt befaßte er sich nur noch zum Privatvergnügen mit alten Uhren und mit allerlei seltsamen Spielsachen, zu denen er das Uhrwerk selbst erfunden hatte.

Tamás’ Mutter lebte nicht mehr. Er und seine Schwester Éva haßten ihren Vater, sie warfen ihm vor, mit seiner abweisenden Kälte die Mutter in den Tod getrieben zu haben, als sie noch ganz jung war. Das war mein erstes überraschendes Erlebnis im Ulpius-Haus, gleich beim ersten Besuch. Éva sagte von ihrem Vater, er habe Augen wie Schuhknöpfe – womit sie übrigens völlig recht hatte–, während Tamás im natürlichsten Ton der Welt sagte: ›Weißt du, mein Vater ist ein äußerst widerwärtiger Geselle‹, was ebenso zutraf. Ich kam, wie du ja weißt, aus einer Familie mit starkem Zusammenhalt, ich liebte meine Eltern und Geschwister, meinen Vater vergötterte ich, und ich konnte mir gar nicht vorstellen, daß Kinder und Eltern einander nicht liebten oder daß Kinder das Verhalten der Eltern beurteilten, als wären es fremde Menschen. Das war die erste wahre Rebellion, der ich im Leben begegnete. Und seltsamerweise war sie mir hochsympathisch, obwohl es mir selbst überhaupt nicht in den Sinn gekommen wäre, mich gegen meinen Vater aufzulehnen.

So sehr Tamás Ulpius seinen Vater haßte, so sehr liebte er seinen Großvater und seine Schwester. Die liebte er so, daß auch das schon etwas Rebellisches hatte. Auch ich liebte meine Geschwister, stritt mit ihnen nicht allzu oft und nahm die familiäre Solidarität ernst, so weit mein eigenbrötlerisches, zerstreutes Naturell mir das erlaubte. Aber bei uns war es nicht Sitte, einander die Zuneigung offen zu bekunden, wir hielten derartige Zärtlichkeiten für lächerlich und peinlich. Ich glaube, das ist in den meisten Familien so. Zu Weihnachten schenkten wir einander nichts; wenn einer von uns ausging oder nach Hause kam, grüßte er nicht, und wenn wir auf Reisen waren, schrieben wir nur den Eltern ehrerbietige Briefe und fügten am Schluß hinzu: Péter, Laci, Edit und Tivadar lasse ich grüßen. Das war bei den Ulpius ganz anders. Die beiden Geschwister sprachen mit erlesener Höflichkeit zueinander, und zum Abschied küßten sie sich gerührt, auch dann, wenn sie nur auf eine Stunde weggingen. Wie ich später merkte, waren sie höllisch eifersüchtig aufeinander, und das war hauptsächlich der Grund, warum sie sonst keine Freunde hatten.

Sie waren Tag und Nacht zusammen. Wirklich, auch in der Nacht, denn sie schliefen im selben Zimmer. Das kam mir am merkwürdigsten vor. Bei uns war Edit im Alter von zwölf Jahren von den Jungen getrennt worden, und von da an hatte sich um sie herum ein eigenes Frauenabteil gebildet, es kamen Freundinnen, aber auch Freunde zu ihr, die wir nicht kannten, und sie unterhielten sich mit Spielen, die wir zutiefst verachteten. Die Tatsache, daß Tamás und Éva im selben Zimmer wohnten, kurbelte meine Halbwüchsigenphantasie ziemlich an. Irgendwie verwischte sich damit der Geschlechtsunterschied zwischen ihnen, und beide nahmen in meinen Augen einen leicht androgynen Aspekt an. Mit Tamás redete ich im allgemeinen so taktvoll und schonend, wie man es mit Mädchen zu tun pflegt, in Évas Gegenwart hingegen spürte ich nicht die gelangweilte Anspannung, in die mich Edits offiziell als Mädchen deklarierte Freundinnen versetzten.

An den Großvater, der zu den unmöglichsten Zeiten, oft mitten in der Nacht, und in den unwahrscheinlichsten Aufmachungen, in Schlafröcken und Hüten, ins Zimmer der Geschwister geschlurft kam, gewöhnte ich mich nur schwer. Die beiden brachten ihm jedesmal rituelle Huldigungen dar. Anfänglich langweilten mich die Geschichten des alten Herrn, ich verstand sie auch nicht recht, denn der Alte, der von Köln nach Ungarn eingewandert war, sprach deutsch, mit einem leichten rheinländischen Akzent. Doch später kam ich auf ihren Geschmack. Der Großvater war ein wandelndes Lexikon, was das alte Budapest betraf. Für mich, den Liebhaber der Straßen und Häuser, das große Los. Er kannte die Geschichte von allen Häusern und Hausbesitzern auf der Burg. Und so wurde das ganze Burgviertel, das ich bis dahin nur vom Sehen gekannt hatte, allmählich zu einem persönlichen Freund.

Ihren Vater hingegen haßte auch ich. Ich erinnere mich nicht, je mit ihm gesprochen zu haben. Wenn er mich zu Gesicht bekam, knurrte er bloß und wandte sich ab. Die beiden Ulpius litten entsetzlich, wenn sie mit ihm zu Abend essen mußten. Sie aßen in einem großen Raum, und keiner sagte ein Wort. Und dann saßen die beiden Geschwister beisammen, und der Vater ging in dem Riesenzimmer, das nur von einer einzigen Stehlampe beleuchtet war, auf und ab. Wenn er am anderen Ende des Saals anlangte, verschwamm seine Gestalt mit dem Dunkel. Und wenn die Geschwister etwas zueinander sagten, kam er herbei und fragte feindselig: ›Was redet ihr da?‹ Aber zum Glück war er selten zu Hause. Er saß allein in kleinen Gastwirtschaften und betrank sich mit Pálinka, wie die Bösewichte.

Als wir uns kennenlernten, arbeitete Tamás gerade an einer religionsgeschichtlichen Studie. Die Studie hatte seine Kindheitsspiele zum Inhalt. Aber er erarbeitete das Thema anhand der Methode der vergleichenden Religionsgeschichte. Eine ganz seltsame Angelegenheit, halb eine Parodie der Religionswissenschaft, halb eine todernste Studie über ihn selbst.

Tamás hatte genauso eine Vorliebe für das Alte wie ich. Bei ihm war es ja auch kein Wunder: Da war der Beruf des Vaters, und die Wohnung sah ja auch wie ein Museum aus. Für Tamás war das Alte das Natürliche, während ihn alles Moderne befremdete. Ständig sehnte er sich nach Italien, wo alles alt und nach seinem Geschmack wäre. Und jetzt sitze ich hier, und er hat es nie geschafft… Mein Hang zu den alten Dingen ist eher nur ein passives Genießen und eine intellektuelle Sehnsucht nach Erkenntnis, während er bei Tamás einer Tätigkeit der Phantasie entsprach.

Fortwährend führte er die Geschichte auf.

Das mußt du dir so denken, daß das Leben der beiden Geschwister im Ulpius-Haus ein Theater war, eine dauernde Commedia dell’arte. Der geringste Anlaß genügte, und schon ging es los, das Spiel, wie sie es nannten. Der Großvater erzählte etwas von einer auf der Burg wohnenden Gräfin, die in ihren Kutscher verliebt gewesen war, und gleich war Éva die Gräfin und Tamás der Kutscher; oder er erzählte, wie der Kurienrichter Majláth von seinen walachischen Dienern ermordet worden war, und schon war Éva der Richter und Tamás die walachischen Diener; oder es entstanden lange, komplizierte historische Horrordramen in Fortsetzungen. Die Ereignisse wurden dabei natürlich nur in groben Zügen skizziert, so wie in der Commedia dell’arte: Die Kostüme wurden mit ein, zwei Kleidungsstücken angedeutet, die hauptsächlich aus dem unerschöpflichen Fundus des Großvaters stammten, der Dialog war nicht lang, aber barock verschroben, und am Ende kam der Mord oder Selbstmord. Denn wenn ich zurückdenke, fällt mir auf, daß sich diese improvisierten Theaterstücke immer auf einen gewaltsamen Tod hin zuspitzten. Mindestens einmal täglich wurde erwürgt, vergiftet, erstochen oder in Flammen geröstet.

Ihre Zukunft konnten sich Tamás und Éva nur beim Theater vorstellen, wenn sie überhaupt an ihre Zukunft dachten. Tamás wollte sich zum Dramatiker ausbilden, Éva zu einer großen Schauspielerin. Ausbilden ist zwar nicht das richtige Wort, denn Tamás schrieb nie ein Stück, und Éva fiel es gar nicht ein, daß sie eine Schauspielakademie besuchen müßte. Aber mit um so größerer Leidenschaft gingen sie ins Theater. Ausschließlich ins Nationaltheater, denn die leichte Muse war Tamás genauso zuwider wie die moderne Architektur. Am meisten mochte er die klassischen Dramen, in denen es ja an Morden und Selbstmorden nicht fehlt.

Doch für die Theaterbesuche brauchte es Geld, und ihr Vater gab ihnen, glaube ich, überhaupt kein Taschengeld. Einige bescheidene Einkünfte bezogen sie von der Köchin, der schlampigen Besorgerin ihrer irdischen Notdurft, die zugunsten der Jugend ein paar Fillér vom Haushaltsgeld abzweigte. Und vom Großvater, der aus geheimnisvollen Quellen zuweilen ein paar Kronen hatte; ich glaube, er verdiente sie mit Uhrmacher-Schwarzarbeit. Aber das alles reichte natürlich nicht, um die Theaterleidenschaft der beiden Ulpius zu befriedigen.

Um die Geldbeschaffung mußte sich Éva kümmern. Vor Tamás durfte man das Wort Geld nicht aussprechen. Also tat Éva das ihre, und sie war außerordentlich erfinderisch. Alles, was sie verkaufen konnte, schlug sie zu einem guten Preis los; gelegentlich waren auch die musealen Gegenstände des Hauses darunter, aber das war wegen des Vaters sehr riskant, und auch Tamás beschwerte sich, wenn eine vertraute Antiquität fehlte. Manchmal nahm Éva an den seltsamsten Orten Darlehen auf, beim Gemüsehändler, in der Konditorei, in der Apotheke, ja sogar auch beim Einnehmer der Elektrizitätsrechnung. Und wenn das alles nicht half, stahl sie. Sie stahl von der Köchin und, mit Todesverachtung, auch von ihrem Vater, wenn er betrunken war. Das war noch die zuverlässigste und in einer gewissen Hinsicht anständigste Einnahmequelle. Einmal jedoch gelang es ihr, aus der Kasse der Konditorei zehn Kronen herauszuholen, worauf sie sehr stolz war. Und dann gab es bestimmt auch Fälle, die sie nicht erzählte. Sie stahl auch von mir. Als ich es merkte und mit einiger Bitterkeit protestierte, belegte sie mich mit einer Steuer; ich mußte wöchentlich einen bestimmten Betrag in den Familienfonds einzahlen. Tamás durfte selbstverständlich nichts davon wissen.«

Hier bemerkte Erzsi:

»Moral insanity.«

»Ja, gewiß«, fuhr Mihály fort. »Solche Fachausdrücke sind sehr beruhigend. Und auch entlastend. Es ist kein Diebstahl, sondern eine psychische Krankheit. Aber Éva war weder geisteskrank noch eine Diebin. Bloß hatte sie keinerlei Skrupel, was das Geld betraf. Die beiden Ulpius-Geschwister standen so weit außerhalb der Welt, außerhalb der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung, daß sie keine Ahnung hatten, welche Art der Geldbeschaffung gestattet war und welche nicht. Das Geld existierte für sie gar nicht. Sie wußten bloß, daß man für Papierschnitzel, und zwar nicht einmal sehr schöne, und für kleine Scheiben aus Silber ins Theater gehen konnte. Die große, abstrakte Mythologie des Geldes, die Grundlage der religiösen und moralischen Gefühle des modernen Menschen, und dazu die Opferriten des Geldgottes: die ›ehrliche Arbeit‹, die Sparsamkeit, die Geldvermehrung, das alles war ihnen unbekannt. So etwas ist einem angeboren, aber bei ihnen war das nicht der Fall; oder man lernt es zu Hause, so wie ich, sie aber lernten zu Hause höchstens die Geschichte der Häuser auf der Burg, vom Großvater.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie realitätsfern sie waren, wie sehr sie vor jeglichem praktischen Aspekt des Lebens zurückschreckten. Eine Zeitung sah man in ihren Händen nie, sie hatten keinen blassen Schimmer, was in der Welt geschah. Obwohl gerade der Weltkrieg geschah, was sie aber nicht interessierte. In der Schule stellte sich einmal beim Abfragen heraus, daß Tamás noch nie von István Tisza gehört hatte. Und als Przemysl fiel, dachte Tamás, es handle sich um einen russischen General, und drückte höflich seinen Beifall aus; er wurde fast verprügelt. Später diskutierten die intelligenteren Jungen schon über Ady und Babits; Tamás meinte, alle redeten immer nur von Generälen, und so dachte er auch von Ady noch lange, er sei ein General. Die intelligenteren Jungen, so wie auch seine Lehrer, hielten Tamás für dumm. Seine besondere Begabung, sein geschichtliches Wissen, blieb in der Schule gänzlich unbekannt, was er übrigens nicht im geringsten bedauerte.

Sie standen überhaupt in jeglicher Hinsicht außerhalb der gewöhnlichen Ordnung des Lebens. Es konnte geschehen, daß sich Éva nachts um zwei an ihr Französischheft erinnerte, das sie in der Woche zuvor auf dem Svábhegy hatte liegenlassen, und so standen beide auf, zogen sich an, stiegen auf den Svábhegy und spazierten bis zum Morgen dort umher. Am nächsten Tag fehlte Tamás in der Schule, königlich gelassen. Éva stellte ihm ein Entschuldigungsschreiben aus, inklusive Unterschrift des Vaters. Sie selbst ging überhaupt nicht zur Schule, sie hatte keinerlei Beschäftigung, sondern vergnügte sich allein, wie eine Katze.

Man konnte bei ihnen auftauchen, wann man wollte, man störte sie nie, sie machten weiter, woran sie gerade waren, als wäre man gar nicht da. Auch nachts war man willkommen, aber als Gymnasiast durfte ich in der Nacht keine Besuche machen, höchstens nach dem Theater, für eine kurze Weile – und ich träumte fortwährend davon, bei ihnen zu übernachten. Nach dem Abitur blieb ich oft über Nacht dort.

Später habe ich in einem englischen Essay gelesen, daß ein Hauptcharakterzug der Kelten in der Auflehnung gegen die Tyrannei der Tatsachen bestand. In dieser Hinsicht waren die beiden Ulpius Kelten. Nebenbei bemerkt, schwärmten sowohl Tamás als auch ich für die Kelten, für die Gralslegende und Parzival. Wahrscheinlich fühlte ich mich deshalb so wohl bei ihnen, weil sie so keltisch waren. Bei ihnen fand ich mich selbst. Jetzt wußte ich, warum ich mir zu Hause immer so peinlich fremd vorkam. Weil dort die Tatsachen herrschten. Wirklich zu Hause war ich bei den Ulpius. Ich ging jeden Tag zu ihnen und verbrachte die ganze Freizeit dort.

Als ich in die Atmosphäre jenes Hauses eintauchte, verging das dauernde Schamgefühl, und auch die nervösen Symptome verschwanden. Mit dem Wirbel war ich zum letzten Mal konfrontiert gewesen, als mich Tamás herausgezogen hatte. Niemand mehr blickte mir über die Schulter, niemand starrte mich nachts aus dem Dunkel an. Ich schlief ruhig, das Leben hatte gebracht, was ich von ihm erwartet hatte. Auch körperlich rappelte ich mich zusammen, mein Gesicht glättete sich. Das war die glücklichste Zeit meines Lebens, und wenn ein Geruch oder ein Lichteffekt die Erinnerung daran wachruft, schwindelt mir noch heute vor Glück, vor dem einzigen Glück, das ich gekannt habe.

Auch dieses Glück war natürlich nicht gratis. Um bei den Ulpius zu Hause zu sein, mußte ich mich von der Welt der Tatsachen losreißen. Entweder, oder: Man konnte nicht zweigleisig leben. Auch ich gewöhnte mir das Zeitunglesen ab und brach mit meinen intelligenten Freunden. Mit der Zeit hielt man auch mich für so blöde wie Tamás, und mir war das schrecklich, denn ich war eitel und wußte um meine Intelligenz – aber da war nichts zu machen. Von meiner Familie entfremdete ich mich völlig, ich sprach mit gemessener Höflichkeit zu ihnen, so wie ich es von Tamás gelernt hatte. Den Bruch, der sich zu jener Zeit zwischen uns vollzog, habe ich auch seither nicht beheben können, so sehr ich mich auch bemühte, und ich habe meiner Familie gegenüber noch immer ein schlechtes Gewissen. Später habe ich diese Entfremdung mit Gehorsam auszugleichen versucht, aber das ist eine andere Geschichte…

Meine Familie war aufgewühlt von meiner Verwandlung. Sie hielten bei meinem Onkel einen besorgten Familienrat nach dem andern, und sie kamen zum Schluß, daß ich eine Frau haben müsse. Das teilte mir mein Onkel, in größter Verlegenheit und unter Zuhilfenahme zahlreicher symbolischer Wendungen, dann auch mit. Ich hörte ihm mit Interesse zu, zeigte aber keinerlei Neigung, um so weniger, als Tamás, Ervin, János Szepetneki und ich da schon geschworen hatten, nie eine Frau zu berühren, denn wir würden die neuen Gralsritter sein. Das Thema Frau wurde mit der Zeit ad acta gelegt, und meine Eltern fanden sich damit ab, daß ich war, wie ich war. Ich glaube, meine Mutter macht heute noch die Angestellten und die neuen Bekannten sachte darauf aufmerksam, daß ich ein bißchen komisch, kein alltäglicher Mensch sei. Obwohl… seit so vielen Jahren könnte man bei mir nicht einmal mit dem Mikroskop etwas entdecken, das nicht alltäglich ist.