Das Halsband der Königin - Antal Szerb - E-Book

Das Halsband der Königin E-Book

Antal Szerb

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Beschreibung

Die Geschichte des wohl berühmtesten Hofskandals des Ancien Régim Die Geschichte des wohl berühmtesten Hofskandals des Ancien Régime: die Halsbandaffäre um Königin Marie Antoinette – elegant, unterhaltsam und spannend erzählt vom wiederentdeckten ungarischen Autor Antal Szerb. Beim Regierungsantritt Ludwigs XVI. im Jahr 1774 wähnt ganz Frankreich sich an der Schwelle eines neuen Zeitalters. Die Bourgeoisie des Ancien Régime entfaltet eine rege kaufmännische Tätigkeit. Enorme Beträge fließen durch die Hände der Unternehmer und Spekulanten, die Bedürfnisse und Hoffnungen der Menschen wachsen. Ein optimistisches Lebensgefühl bereitet den Boden für Wunder, für mystische Begegnungen und alchimistische Zauberkunststücke, für einen überfeinerten Lebensstil und für einen der wohl berühmtesten Hofskandale der europäischen Geschichte: die Halsbandaffäre der Jahre 1785-86, in die die größten Namen Frankreichs verwickelt sind und die zugleich auch die Gesellschaft am Vorabend der Revolution wie kein anderes Ereignis erschüttert. Hier kreuzen sich die Schicksale der unglücklichen Königin Marie Antoinette und ihres Gemahls Ludwig XVI., des ehrgeizigen Kardinals Rohan, der gewissenlosen Abenteurerin Jeanne de La Motte, der schillernden Figur des Grafen Cagliostro, des als Baronin d'Olivia reüssierenden Doubles Marie-Nicole Leguay und der geprellten Juweliere der Krone, Boehmer und Bassenge. Antal Szerb zeichnet anhand bedeutender Episoden, in Szenen voll spöttischen Charmes das Porträt eines Zeitalters und erzählt mit feiner Ironie jene wahre Geschichte eines Halsbandes aus drei Brillantenketten, das niemand bestellt, niemand getragen hat, sehr wenige nur gesehen haben, das nur für kurze Zeit existierte und bis heute nicht bezahlt ist.

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Seitenzahl: 390

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Antal Szerb

Das Halsband der Königin

Aus dem Ungarischen von Alexander Lenard

Überarbeitet von Ernö und Renate Zeltner 

Deutscher Taschenbuch Verlag

Ungekürzte, überarbeitete Neuausgabe 2005© Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, MünchenDas Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.Rechtlicher Hinweis §44 UrhG: Wir behalten uns eine Nutzung der von uns veröffentlichten Werke für Text und Data Mining im Sinne von §44 UrhG ausdrücklich vor.eBook ISBN 978-3-423-40116-6 (epub)ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-13365-4Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website

www.dtv.de

Inhaltsübersicht

Vorwort

...

Das Kollier

...

Die Gräfin

...

Der Grandseigneur

...

Der Zauberer

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Das Venusboskett

...

Geister im Wasserkrug

...

Die Königin

...

Die Geschichte

...

Intermezzo – Figaro und der Graf von Haga

...

Das Kollier explodiert

...

Die Bastille, das Parlament und der König

...

Das Urteil

...

Epilog

...

Vorwort

Ich möchte meine Erzählung »eine wahre Geschichte« nennen; denn ohne romanhafte Ausschmückung und ohne Zusätze berichte ich von einer bemerkenswerten Episode aus der Zeit Ludwigs XVI., deren Einzelheiten die Geschichtswissenschaft inzwischen vollständig aufgedeckt hat. Das Ereignis selbst ist so dargestellt, daß es symbolisch für ein ganzes Zeitalter gelten kann; denn wie ein ideales Drama enthält es in konzentrierter Form all das, was in einer tausendfältigen Fülle von Ereignissen das Wesentliche und besonders Charakteristische ist. Aber darüber hinaus kann ich es als eine Art Aussichtspunkt betrachten, von dem sich ein freier Blick auf die gesamte Epoche bietet; kann es betrachten wie einen der Springbrunnen im Park von Versailles, der Ausgangspunkt von Alleen in alle Richtungen ist–, und ich bemühe mich, auf ebendiesen Alleen zu wandeln.

Das Rohmaterial, die Geschichte des Prozesses um das Kollier, wurde mir sozusagen frei Haus geliefert, und zwar mit dem ausgezeichneten Buch Frantz Funck-Brentanos »Das Kollier der Königin« (Albert Langen, München 1905), das auf der Basis von umfassendem Dokumentenmaterial geschrieben ist. Es kann nicht mein Ziel sein, ein neues Bild dieses Prozesses zu vermitteln, ich betrachte ihn vielmehr, wie schon gesagt, als einen Aussichtspunkt, von dem aus man sich über die nahende Revolution orientieren kann. Deswegen habe ich mich auch nicht streng an die Geschichte vom Diamantkollier gehalten, sondern war bemüht, möglichst viele »kleine, bezeichnende Episoden« in meine Erzählung einzuflechten und damit dem unerreichbaren Großmeister zu folgen, zu dem wir, reifer geworden, zurückkehren: Hippolyte Taine. Ich habe die Geschehnisse erklärt, soweit ich es für notwendig halte und vermag; und ich tat das in der Erkenntnis, daß die Geschichte im Grunde genommen unerklärlich ist.

Das Kollier

In den Jahrzehnten vor der Großen Revolution lebten in Paris zwei deutsche Goldschmiede: Charles August Boehmer, den die Franzosen Boëmer aussprachen, und Paul Bassenge, dessen Name auf seine französische Abstammung hinweist. Seine Ahnen waren ausgewanderte Hugenotten. Sie hatten in Leipzig gelebt, bis dieser Paul Bassenge wieder nach Paris zog, um dort als Geschäftspartner mit dem älteren Boehmer zusammenzuarbeiten. Boehmer muß ein ganz hervorragender Goldschmied gewesen sein, denn er erwarb sich schon unter der Regierung Ludwigs XV. den Titel Joaillier de la couronne et de la reine, Juwelier der Krone und der Königin.

Die beiden Goldschmiede, mindestens aber Boehmer, der mehr als Bassenge im Vordergrund dieser Geschichte steht, können keine durchschnittlichen Zeitgenossen gewesen sein. Auch in ihnen mag ein Traum, eine Leidenschaft gelebt haben, und auf ihre Weise, als Meister der Goldschmiedekunst, strebten sie nach Ruhm und Unsterblichkeit. Im Laufe der Jahre erwarben sie die schönsten Diamanten, die in Europa zum Kauf angeboten wurden. Sie faßten die Steine nicht nach Pariser Geschmack, verkauften sie auch nicht, um ein Vermögen damit zu verdienen, vielmehr schlossen sie die Diamanten ein, und erst als sehr viele beisammen waren, gingen sie an ihr großes Werk. Von diesem unermeßlichen Schatz, dem damals teuersten Schmuckstück der Welt, eben jenem verhängnisvollen Kollier, handelt unsere Geschichte.

Selbst von den Personen der Handlung bekamen nur sehr wenige das Kollier zu Gesicht–, warum, das werden wir später erfahren. Niemand hat es je getragen, und so konnte es seiner Trägerin auch nicht, wie eine Art maleficium, Unglück bringen–, dem verfluchten Nibelungenhort auf dem Grund des Rheines ähnlich, wurde es allein dadurch zum Verhängnis, daß es für kurze Zeit existiert hat. Doch die fleißigen Forscher der Nachwelt fanden unter den Papieren der Boehmerschen Werkstatt die Entwurfszeichnung, und so wissen wir immerhin, wie es ausgesehen hat. Aufgrund der Zeichnung müssen wir leider davon ausgehen, daß es nicht besonders schön war:ein unglaublich großes, barbarisches, an die »Schätze« der Völkerwanderungszeit gemahnendes Prachtstück, das eher erschrecktes Staunen als Bewunderung geweckt haben dürfte. Das Kollier bestand aus drei Diamantketten, deren dritte und längste dreireihig war; von den Ketten hingen Medaillons herab, die in brillantenbesetzten Quasten endeten.

Die Boehmers, wie die Juweliere genannt wurden, hatten sich wohl vorgestellt, Ludwig XV. würde das Kollier kaufen. Aber Ludwig XV. starb plötzlich an den Pocken, und die zurückgelassene Dubarry ging nach Louvenciennes ins Exil. Im großen sic transit mußten Boehmer und sein Kompagnon sich nach einer neuen gloria mundi umsehen. Sie boten das Schmuckstück dem spanischen Hofe an, wo man aber über den Preis schockiert war.

Im Laufe der Zeit mußten sie feststellen, daß es nur eine einzige Person auf der Welt gab, die offensichtlich vom Schicksal dazu ausersehen war, den Schatz in Besitz zu nehmen: Marie Antoinette, die junge Königin von Frankreich. Die Geschichte lehrt, daß die meisten Herrscher und Herrscherinnen Juwelen schätzten–, Marie Antoinette aber liebte sie mit leidenschaftlichem, unwiderstehlichem Verlangen. Sie besaß auch mehr Schmuck als die meisten anderen Königinnen. Schon aus ihrer Heimat, aus Wien, hatte sie in ihrer Aussteuer eine ungewöhnliche Anzahl von Brillantschmuck mitgebracht, dann schenkte ihr der Großvater ihres Mannes, Ludwig XV., die Diamanten seiner verstorbenen Schwiegertochter Maria Josepha und darüber hinaus noch Perlen, unter anderem ein Perlenkollier, dessen kleinste Perle so groß war wie eine aveline, eine dicke Haselnuß. Dieses Kollier hatte einst Anna von Österreich, die Frau Ludwigs XIII., getragen und den französischen Königen als Erbgut hinterlassen. Nicht ausgeschlossen, daß es sich dabei um jenes andere berühmte Kollier handelte, das wir aus den »Drei Musketieren« Dumas’ des Älteren kennen.

Die Königin konnte also weder Ludwig XV. noch Ludwig XVI. der Knausrigkeit zeihen, aber die ihr zugefallenen Schmuckstücke befriedigten ihre Leidenschaft nicht; sie kaufte insgeheim weiteren Schmuck, weswegen ihr Maria Theresia, ihre kluge Mutter, schwere Vorwürfe machte und betonte, Anmut sei ihr schönster Schmuck. Boehmer aber muß von der Leidenschaft der Königin gewußt haben: Im Jahre 1774 hatte sie von ihm um 360000Livres ein Ohrgehänge mit sechs Brillanten gekauft, das ursprünglich der Gräfin Dubarry zugedacht war. Boehmer hatte es um 400000Livres angeboten, aber die Königin ließ zwei Steine herausnehmen und durch eigene ersetzen, damit es billiger käme, und sie zahlte in Raten.

Boehmer konnte also begründete Hoffnungen hegen, daß Marie Antoinette auch sein Glanzstück kaufen würde, doch diesmal wurde er enttäuscht. Der König wäre sogar zum Kauf geneigt gewesen, aber die Königin selbst hielt den Preis für zu hoch:

1600000Livres sind auch für eine Königin eine große Summe, besonders wenn es ihr pekuniär nicht besonders gut geht. Marie Antoinette dachte an den großen Krieg, den Frankreich gegen England um die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten führte, und meinte: »Ein Schiff brauchen wir nötiger als ein Schmuckstück.«

Aber der Schmuck war da, und wie ein herumliegendes, schlecht verpacktes Stück Radium strahlte er unsichtbar und unmerklich Verhängnis aus.

Wir wollen einen Augenblick innehalten und im Zusammenhang mit Boehmers Unternehmen hier eine kleine wirtschaftshistorische Erörterung wagen. Denn die Herstellung des Schmucks – das ist das Bemerkenswerte – war ein unternehmerischer Akt. Boehmer arbeitete nicht auf Bestellung, wie seine Vorgänger, die Goldschmiede und Künstler vorausgegangener Jahrhunderte, z.B.Benvenuto Cellini, gearbeitet hatten – sondern für den Markt. Er fertigte seinen Schmuck nicht, um Nachfrage zu befriedigen, sondern damit das Angebot die Nachfrage bewirke. Überdies schuf er seine Pretiosen für einen sehr heiklen Markt, weil ja nur ganz wenige Menschen als Käufer in Frage kamen.

Der andere überraschende Aspekt ist der Rekord, der Traum von Größe. Die Größe war durch viele Jahrhunderte ein Vorrecht der beiden ersten Stände, des Adels und des Klerus. Der Ritter konnte in Erwägung ziehen, der Welt durch eine beispiellose Heldentat Bewunderung abzunötigen; der Heilige, mit einer nie dagewesenen und erstaunlichen Form der Selbstverleugnung das schlummernde Gewissen seiner Mitmenschen wachzurütteln–, aber der Bürger, der Kaufmann, der Handwerker? Auch wenn er ein Vermögen machte, so erwarb er sein Geld damals nicht mit dem Ziel, einen Rekord aufzustellen, nicht um mehr zu haben als die anderen.

Boehmer jedoch wollte nicht nur ein Meisterstück schaffen, auch keinen handwerklichen Rekord aufstellen, dafür aber hatte er im Sinn, eine kaufmännische Glanzleistung abzuliefern: indem er ein Schmuckstück anfertigte, das nicht schöner, sondern teurer war als alle anderen. Auf seine Art war er ein Wegbereiter, und so traf ihn das Schicksal aller Pioniere.

Wir wissen natürlich, dass der Kapitalismus nicht mit Boehmer beginnt, aber das Verhalten Boehmers entspricht schon einer späteren Form des Kapitalismus, es zeigt bereits jene englisch-amerikanische Ausprägung, die erst in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zur Herrschaft kommen sollte und zur Zeit Boehmers sicher noch die Ausnahme war.

In diesem Sinne liefert Boehmer eine Bestätigung der These, daß das ancien régime, das Zeitalter Ludwigs XV. und Ludwigs XVI., keineswegs durch eine Kluft von der Zeit nach der Revolution getrennt ist. »Die Franzosen«, sagt Tocqueville, dieser große politische Denker des frühen 19.Jahrhunderts, »machten 1789 die größte jemals von einer Nation versuchte Anstrengung, ihre Geschichte zweizuteilen und zwischen dem Gewesenen und dem Kommenden eine tiefe Kluft aufzureißen.« Tocqueville selbst aber sah die Dinge so – und die meisten Gelehrten der letzten fünfzig Jahre stimmen darin mit ihm überein–, daß die Revolution keineswegs aus dem Nichts eine neue Welt erschaffen hat, sondern plötzlich und wie durch ein Wunder alles zur Reife brachte, was schon vorher keimte und heranwuchs und vielleicht auch ohne Revolution Früchte getragen hätte, nur eben langsamer.

Aus diesem Grund ist das Unternehmen Boehmers ein ausgezeichnetes Beispiel: Wir sehen, daß die Großkapitalistenmentalität, der Geist der Überproduktion und des wirtschaftlichen Rekords, bereits im 18.Jahrhundert vorhanden war und schon damals Welten zu erschüttern und zu zerstören vermochte. Diese Geisteshaltung entsprang also nicht den Institutionen, die die Französische Revolution hervorbrachte, wie es die Feinde der Revolution lehren.

Wir können noch weitere Schlüsse ziehen: In einem Land, dessen Wirtschaft unter depressiver Stimmung leidet, wird wahrscheinlich kein Juwelier auf die Idee kommen, ein Schmuckstück herzustellen, wie es die Welt noch nie gesehen hat; diese Absicht zeugt vom Selbstbewußtsein einer Generation oder einer ganzen Nation. Das Unterfangen der Boehmerschen Werkstatt ist der Beweis dafür, daß das ancien régime Zeuge eines gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwungs war. Dies hatte als erster schon Tocqueville behauptet, aber bewiesen wurde es erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts durch nicht-französische Gelehrte, nämlich – unabhängig voneinander – den Russen Andrassew und den Deutschen Adalbert Wahl.

Der Aufschwung hat schon unter Ludwig XV. begonnen. Der Siebenjährige Krieg gebietet ihm für kurze Zeit Einhalt, dann beschleunigt sich sein Tempo unter Ludwig XVI. Die Zahl der Eisenbergwerke und Schmelzöfen steigt. Bis dahin hat Frankreich sein Eisen aus Deutschland und England bezogen. Jetzt aber entstehen die Eisengießereien in Elsaß-Lothringen, in Nantes und vor allem in Amboise. Einen gewaltigen Aufschwung nimmt die Textilindustrie, vor allem die Spinnereien erleben geradezu einen Boom. Sèvres liefert sein Porzellan in alle Welt, die Mitte des 17.Jahrhunderts gegründete Pariser Gobelinmanufaktur Wandteppiche, Saint-Gobain Glas, Baccarat Kristall, Rouen und Nevers Fayencen. Die Maschine setzt zu ihrem Triumphzug an. Marseille wird einer der größten Häfen der Welt. Nach dem Frieden von Versailles 1783 kommt ein Handelsvertrag mit England zustande, der zwar für die französische Landwirtschaft vorteilhaft ist, Handel und Gewerbe jedoch Nachteile bringt. Trotzdem ist Frankreich nach England das wohlhabendste Land der Erde. Ein Hinweis auf den beschleunigten Wirtschaftskreislauf ist auch die Tatsache, daß unter der Regierung Ludwigs XVI. das Börsenspiel immer attraktiver wurde, so hielt es Mirabeau schon 1787 für geboten, dagegen zu wettern.

Und die zerrütteten Finanzverhältnisse des Königreiches, das berüchtigte Defizit, das die Revolution hervorgerufen hat? Tatsache! Doch diese Finanzkrise war die Schwäche der königlichen Finanzgebarung, nicht der Staats-, der Volksfinanzen. Das Problem war, daß der König, das heißt die Staatsschatulle, mehr ausgab, als hereinkam. Auf Reichtum oder Armut des Landes läßt diese Tatsache keineswegs schließen.

Der Aufschwung während der Regierung Ludwigs XVI. ist nicht nur auf wirtschaftlichem Gebiet spürbar, sondern auch in der Außenpolitik. Nach den vielen sinnlosen und zum Teil gar nicht glorreichen Feldzügen der beiden vorausgegangenen Ludwige betreibt Frankreich jetzt unter Leitung eines friedliebenden Königs und seines ausgezeichneten Außenministers, des Grafen Vergennes, eine weise Friedenspolitik. Es nimmt nur an einem einzigen Krieg teil, dem Befreiungskrieg Amerikas gegen England.

Vor allem aber auf geistigem Gebiet spürt man die mächtige Aufwärtsentwicklung. Um 1780, sagt Tocqueville, verlieren die Franzosen das Gefühl, daß es mit ihrem Land bergab geht. Damals beginnen sie, an den Fortschritt zu glauben; und auch daran, daß der Mensch und seine Welt im Laufe der Zeiten immer besser werden. Luftballons steigen in die Höhe. Montgolfier fliegt mit warmer Luft, Charles mit Wasserstoff, manche stürzen ab oder ertrinken im Ärmelkanal, wie Pilâtre de Rosier, andere, etwa Blanchard, fliegen bis nach England hinüber. Man erfindet Maschinen und Heilmittel, und vor den Augen Buffons ersteht die Urgeschichte der Erde. Die Schönheit der antiken Welt erfährt eine neue Renaissance; seit den Ausgrabungen in Pompeji bekommt man eine Ahnung vom antiken Lebensgefühl, vom Kult der Schönheit.

Nein, man darf keineswegs behaupten, das späte 18.Jahrhundert sei ein Zeitalter der Dekadenz gewesen. Der letzte Herbst des ancien régime ist von wunderbarer Schönheit. Jeder hat schon einmal den Ausspruch Talleyrands gehört: »Wer nicht unter dem ancien régime gelebt hat, kennt die Süße des Lebens nicht.« Offenbar aber lernen damals die ganze Süße des Lebens nur diejenigen kennen, die unter einem glücklichen Stern geboren werden, und das sind nicht sehr viele; immerhin, zur Zeit Ludwigs XVI. kann Frankreich auch für die übrigen Menschen nicht nur die Hölle gewesen sein.

Zu Ende des 18.Jahrhunderts ist Frankreich »in Form«. Spengler verwendet diesen sportlichen Ausruck, wenn er von Nationen spricht, die imstande sind, ihre und ihrer Welt Geschichte zu gestalten. Frankreich ist in Form und bereitet sich mit gespannten Muskeln auf das große rationale Wunder vor, von dem es noch nichts ahnt: die Revolution. In die geheimnisvollen Winkel dieser unbewußten Vorbereitung möchte unsere Geschichte hineinleuchten.

Die Gräfin

Nachdem wir den Gegenstand, den »Gegenstand« im buchstäblichen Sinn des Wortes, den verhängnisvollen Nibelungenhort, vorgestellt haben, präsentieren wir nun die Hauptakteure.

Unsere Heldin, oder zumindest eine unserer Heldinnen, die Gräfin de La Motte, begann ihre Laufbahn ganz unten. Als sie auf der Bühne erschien, war sie acht Jahre alt und bettelte. Vorher hatte sie Gänse gehütet, aber gar nicht gern.

Die Marquise de Boulainvilliers fuhr mit ihrem Gatten im Wagen auf ihr Gut in Passy, denn Passy war damals kein Villenviertel von Paris, sondern ein selbständiges Dorf außerhalb der Stadt, das die Pariser zur Erholung aufsuchten. Die Kutsche rollte langsam dahin. Ein kleines Mädchen mit einem noch kleineren auf dem Arm lief an den Wagen heran und bettelte, dabei sprach es die folgenden erstaunlichen Worte:

»Ich bitte Sie im heiligen Namen Gottes, geben Sie zwei kleinen Waisenkindern mit dem königlichen Blut der Valois ein paar Sous!« Anscheinend lag etwas im Blick des bettelnden Kindes, das seinen Worten Glaubwürdigkeit und Nachdruck verlieh. Trotz der Einwände ihres Gatten ließ die Marquise halten. Sofort begann die Kleine mit ihrer sonderbaren Geschichte. Die Marquise hörte sich alles an und erklärte, wenn ihre Worte wahr seien, würde sie sie an Kindes Statt annehmen und sie wie eine leibliche Mutter aufziehen.

Dann ging sie der Sache nach; sie erkundigte sich bei den Leuten der Umgebung, in erster Linie bei dem Priester, zu dessen Gemeinde die bettelnden Kinder gehörten. An der Affäre um das Kollier, sagt Stefan Zweig, sei das Sonderbarste, daß sich die unwahrscheinlichsten Dinge als wahr erwiesen hätten. Der Geistliche bestätigte anhand von zweifellos authentischen Dokumenten, daß die Kleine die Wahrheit sprach. In den Adern der Kinder floß das königliche Blut der Valois.

Sie stammten in direkter väterlicher Linie von Heinrich II., Sohn des großen Franz I., ab, der 1547–1559 regierte. Ihr Urgroßvater, Henri de Saint-Rémy, war dem Verhältnis Heinrichs II. mit Nicole de Savigny entsprossen. Der König hatte ihn als Sohn anerkannt und legitimiert. Die Kinder standen, dem Geblüt nach, der Krone Ludwigs des Heiligen näher als die regierende Dynastie der Bourbonen. Ihr Wappen zeigte zwei Rutenbündel auf silbernem Grund, darüber drei Lilien, die berühmten Lilien der Valois. »Das bettelnde Kind kannte das Wappen, vielleicht war es das einzige, was es in seiner furchtbaren Verlassensein wußte«, sagt Funck-Brentano. »Und als sie mit erschreckender Genauigkeit darüber oder über ihren Ahnherrn, den illegitimen Königssproß der Nicole de Savigny, berichtete, streckte sich ihr vom Elend gebeugter Körper, aufbegehrend und stolz.«

Sie hatte allen Grund dazu. Das Blut der Valois in den Adern, welch fatales Erbe! Eine der interessantesten Diskussionen unseres Jahrhunderts geht bekanntlich darum, ob Charakter und Schicksal des Individuums vor oder nach der Geburt entschieden werden. Vererbung oder Umwelteinflüsse?

In der Entwicklung des menschlichen Charakters kann die Vererbung ebenso eine Rolle spielen wie die Eindrücke, die man als Kind empfängt. Aber die Persönlichkeit ist viel zu komplex, um sich mit einem oder beiden Faktoren restlos klären zu lassen. Wir glauben daher nicht, daß Jeanne, das bettelnde Mädchen, allzuviel von den Valois mitbekommen hatte. Im Laufe mehrerer Generationen war durch Verehelichung sehr viel keineswegs blaues Blut in ihre Adern geraten. Wie wir sehen werden, erklären ihre Kindheit und ihre gesellschaftliche Stellung, die dem Bewußtsein entsprang, eine Valois zu sein, ihren Charakter zur Genüge – und so hat ihre Abstammung entscheidend auf ihr Schicksal eingewirkt–, aber nicht auf den geheimnisvollen Wegen der Vererbung, sondern durch ebendieses Bewußtsein.

Immerhin: Bei der Vererbung kommt es, wie man sagt, zu sonderbaren Atavismen… Das Haus Valois regierte in Frankreich von 1328 bis 1589, in den großen und wilden Zeiten des Hundertjährigen Krieges und der Renaissance. Es gab unter ihnen Irrsinnige wie Karl VI., blutige Tyrannen wie Ludwig XI., einen leichtlebigen Grandseigneur wie Franz I.Es war eine großartige und zugleich schreckliche Familie, und unter jedem ihrer Schritte dröhnte Geschichte. Sind der Hochmut der Jeanne, das Weiche und das Ungezähmte, der wildkatzenhafte Trotz und die scharfen Zähne nicht Hinweise auf die spukende Seele der Ahnen? Und würgen in der Geschichte, die jetzt folgen wird, im Kampf der beiden Frauen nicht die beiden Familien einander, die dereinst aus Europa zwei feindliche Heerlager schaffen würden: Habsburger und Valois?

Die Saint-Rémys hatten Generationen hindurch auf ihrem Landgut in Fontette bei Bar-sur-Aube in Nordostfrankreich gelebt. Sie lebten königlich, auch wenn sie gerade nicht regierten: wirtschafteten und jagten, fallweise auch mit den Wilderern zusammen, und es kam vor, daß sie insgeheim sogar ein absolut königliches Gewerbe ausübten und Münzen schlugen. Sie taten es sicher nur in besonderer Notlage, doch offensichtlich hat es ihnen wenig geholfen. Jeannes Vater, Jacques de Saint-Rémy, Baron von Luz und Valois, kam vollkommen herunter. Er wohnte nicht mehr im Schloß, dessen Dach eingestürzt war und das zusehends verfiel, sondern in der Meierei; er verkehrte nur noch mit den Bauern und heiratete schließlich seine bäuerliche Geliebte, Jeannes Mutter. Diese Frau richtete ihn gänzlich zugrunde, und als er krank wurde, warf sie ihn hinaus. Monsieur Jacques de Saint-Rémy beschloß sein jämmerliches Leben im Hôtel-Dieu, dem Armenspital in Paris. Seine Frau lebte damals mit einem Soldaten, und das Geschick der kleinen Jeanne, die 1756 geboren war, wurde jetzt erst richtig bitter. Sie mußte betteln, ihre Mutter und der Stiefvater ließen die ganze Wut über ihr unerträgliches Leben an ihr aus.

Im Jahre 1763 geschah es dann, daß die Marquise de Boulainvilliers Jeanne und ihre kleine Schwester, die einige Zeit danach an den Pocken starb, zu sich nahm. Jeanne blieb bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr in einer Mädchenerziehungsanstalt, dann schickte ihre Wohltäterin sie zu einer Pariser Schneidermeisterin.

Im Jahrhundert des Rokoko war ein Pariser Modesalon genauso wie in unseren Tagen ein Platz von europäischer Bedeutung, vielleicht sogar noch wichtiger als heute. Zu den Charakteristika von Paris gehörten die vielen Schneidereien und Modesalons. Louis-Sébastien Mercier, den wir noch öfter zitieren werden, nahm 1781 in seinem »Tableau de Paris« ein Inventar der damaligen Stadt auf und begründete damit die literarische Gattung der Städte-Monographien, die noch heute blüht. In seinem Buch widmet er den Modistinnen ein langes Kapitel.

»Sie sitzen im Laden, in einer Reihe nebeneinander, man kann sie durch die Scheibe sehen. Sie nähen Pompons und Schleifen an, galante Zeichen, die die Mode hervorbringt und ständig variiert. Sie lassen sich ungeniert betrachten und können ebenso ungeniert hinausschauen. Diese an den Arbeitstisch gefesselten Mädchen blicken, die Nadel in der Hand, unausgesetzt auf die Gasse. Kein Spaziergänger entgeht ihrem Blick. Es herrscht ein wahrer Kampf um den Platz, der dem Fenster am nächsten ist; denn die Scharen der eroberungslustigen Männer werfen ihre Blicke immer zuerst dorthin. So wird diese an einen Platz gebundene Beschäftigung erträglich, und die Freuden des Sehens und des Gesehenwerdens kommen zusammen. Eigentlich müßte man vorschreiben, daß immer die Hübscheste vorne sitzen soll.

Von den Mädchen gehen morgens viele, die Pompons in ihren Körben, zu den Kundinnen. Sie müssen die Stirnen ihrer Konkurrentinnen, der großen Damen, schmücken und damit der geheimen Eifersucht ihres Geschlechtes Schweigen gebieten; denn es ist ihr Beruf, die zu verschönern, die sie verächtlich behandeln. Manchmal ist das Mädchen so hübsch, dass die stolze Dame neben ihr verblaßt. Der Verehrer der Dame wird plötzlich untreu, er sieht in der Ecke des Spiegels auf einmal nichts anderes als den frischen Mund und die Purpurwange der Kleinen, obwohl diese weder Lakaien noch Ahnen hat. Es gibt Mädchen, die mit einem Satz aus der Nähstube in die Karosse eines Engländers hüpfen. Es gibt Läden, in denen der Umgangston streng ist und die Mädchen alle anständig sind. Darüber wundert sich die Besitzerin selbst am meisten und erzählt es allen wie ein Weltwunder. Als ob sie eine Wette abgeschlossen hätte, um endlich sagen zu können: Es gibt in Paris einen Modesalon, in dem alle Mädchen Jungfrauen sind, und das ist allein meiner Tugend und meiner Wachsamkeit zu verdanken.«

Wir können demnach nicht fehlgehen in der Annahme, daß Jeanne im Modesalon wesentlich mehr lernte als bis zum vierzehnten Lebensjahr in der Erziehungsanstalt.

Gelernt hat sie also allerlei, doch glücklich ist sie nicht. Sie hat eine Natur, die nie zufrieden sein kann, eine brennende, ätzende Unruhe lebt in ihr, sie findet nirgends ihren Platz. Wahrscheinlich wäre sie in jeder Lage unzufrieden – das Bewußtsein ihrer königlichen Abstammung aber steigert diese im Charakter verankerte Unzufriedenheit noch! Die Marquise nimmt sie manchmal zu sich, um sie zu trösten, aber Jeanne fühlt sich im herrschaftlichen Haus wie ein Dienstbote, und das quälende Gefühl der Erniedrigung wird nur schlimmer. Ihrer Gönnerin schmeichelt sie so lange, bis diese ihre Abstammung von den Valois offiziell bestätigen läßt und 1776 ein Gnadengehalt von 800Livres jährlich für sie erwirkt. Die Marquise nimmt auch das Schwesterchen Jeannes, Marie-Anne, zu sich und findet für beide einen Platz im Kloster von Longchamp, wo nur vornehme Fräulein als Novizinnen aufgenommen werden.

Jeanne ist einundzwanzig, und ihre Unruhe nimmt ständig zu. Was auch immer ihr bevorstehen mag, nichts kann ihre Kindheitserinnerungen tilgen: Stets bleibt sie die, die unter Berufung auf ihre Valois-Ahnen im Staube der Landstraße bettelte, eine déclassée, eine aus ihrer Gesellschaftsschicht Gefallene, eine Feindin der ganzen Gesellschaft.

»Ich habe von der Natur einen unbändigen Stolz mitbekommen, und die Güte der Mme. de Boulainvilliers ließ mich nur noch reizbarer werden«, schreibt sie selbst. »Ach, warum entstamme ich dem Geschlecht der Valois? Unseliger Name, du hast meine Seele dem wilden Stolze geöffnet! Deinetwegen rinnen meine Tränen, deinetwegen bin ich so unglücklich!«

Diesem Menschentyp eignet eine gewisse suggestive Beredsamkeit, besonders wenn es gilt, die eigenen Leiden vorzutragen.

Jeanne bleibt nicht lange im Kloster. Sie fühlt keine wie immer geartete Berufung, Nonne zu werden, und eines schönen Tages reißt sie mit ihrer Schwester aus. In Bar-sur-Aube heißt es dann, in der ärmsten Herberge der Stadt seien zwei Prinzessinnen abgestiegen; sie kämen, um das Gut ihrer Ahnen zurückzuerwerben. Die Erste Dame von Bar, die Frau des Gerichtspräsidenten Surmont, hält es für ihre Pflicht, die beiden jungen Damen in Not, die vielleicht von heimlichen Feinden verfolgt werden, bei sich aufzunehmen. Da es mit der Garderobe der jungen Damen schlecht bestellt ist, leiht sie jeder ein Kleid, was die Jugend des Ortes besonders amüsiert, da die Frau Gerichtspräsidentin recht beleibt ist. Aber am Tag darauf haben sich die jungen Damen die Kleider so umgeändert, daß sie tadellos passen. Die Frau Gerichtspräsidentin ist ein wenig verwundert, aber sie gewöhnt sich allmählich daran, daß Jeanne nun die Herrin im Hause ist. Die jungen Damen sind für eine Woche gekommen, bleiben aber ein Jahr–, und dieses Jahr, sagt später die Frau Gerichtspräsidentin, sei die elendste Zeit ihres Lebens gewesen.

Hier lernt Jeanne einen jungen Aristokraten kennen, Marc Antoine Nicolas de La Motte, Offizier bei dem im nahe gelegenen Lunéville stationierten Gendarmeriebataillon, bei dem auch sein Vater, Ritter des Saint-Louis-Ordens, gedient hat. Die adelige Gesellschaft in Bar liebt das Dilettantentheater wie damals jedermann auf der ganzen weiten Welt. La Motte gilt als vielversprechendes Bühnentalent, und Jeanne ist zweifellos ebenfalls eines. Sie treten oft zusammen auf. »Sie deklamierten so lange miteinander« – sagt Funck-Brentano–, »bis sie eiligst in den heiligen Stand der Ehe treten mußten.« Das geschieht am 6.Juni 1780.

Die Frau Gerichtspräsidentin ergreift die Gelegenheit und wirft Jeanne endlich hinaus. Die jungen Leute landen nach einigen Irrfahrten in Lunéville. Jeanne bringt Zwillinge zur Welt, die aber sofort sterben, und zieht für einige Zeit, offenbar um zu sparen, in ein Kloster. Im übrigen lebt das Ehepaar vom Schuldenmachen und den verdächtigen Geschäften La Mottes. Damals legt La Motte sich auch den Grafentitel zu.

Über La Motte ist nichts Besonderes zu berichten, es erübrigt sich daher, ihn eigens vorzustellen. Er ist ein wohlerzogener, außerordentlich widerwärtiger, frecher und feiger französischer Zuhälter, wie sie jeder, der in Frankreich gelebt hat, dutzendweise kennt. Er verabscheut die Arbeit, liebt die Frauen, ist ausnehmend häßlich, hält sich aber für so schön, daß ihm das zeitweise sogar die Frauen glauben.

Im September 1781 erfahren die jungen Eheleute, daß Jeannes Beschützerin, die Marquise de Boulainvilliers, als Gast des Kardinals Rohan im Schloß von Saverne weilt. In Jeanne meldet sich jene geheimnisvolle Stimme, die die Talente leitet – sie packen die Koffer und fahren nach Saverne.

Jeanne ist damals fünfundzwanzig Jahre alt. Ihre Haare sind kastanienbraun und wellig, ihre Augen blau und ausdrucksvoll, ihr Mund ein wenig zu groß geraten, aber ebenfalls ausdrucksvoll, ihr Lächeln ist berückend, »spricht zum Herzen«, sagt Beugnot, der darin Erfahrung hat. Zeitgenossen finden ihren Busen zu wenig entwickelt. Ein besonderer Reiz liegt offenbar in ihrer Stimme, ihrer Art zu sprechen. »Die Natur hatte ihr die gefährliche Gabe der Überredungskunst geschenkt«, wird später eine Persönlichkeit aus dem Prozeß um das Kollier sagen und hinzufügen:»Was die Gesetze der Moral und des Staates betrifft, so hatte Mme. de La Motte, ohne die geringste böse Absicht und mit großer Selbstverständlichkeit, nicht die mindeste Ahnung von ihrer Existenz.«

Der Grandseigneur

Die großen Geschichtsschreiber der Antike, vor allem Titus Livius, pflegten vor wichtigeren Ereignissen die Vorzeichen aufzuzählen, die vom Bevorstehenden Kunde gaben. Teils erforderte das ihre Religion, die sozusagen an nichts anderes glaubte als an derartige Vorzeichen, und anderseits erweckte man dadurch eine gewisse ahnungsvolle Stimmung. Der aufgeklärte Leser glaubt gewiß nicht an derartige Ausflüsse des Aberglaubens, doch die Dinge hängen nun einmal irgendwie zusammen, daran ist nicht zu zweifeln… wir wollen also jene gewissen Vorzeichen nicht unerwähnt lassen.

Goethe verlebte seine jungen Titanenjahre in Straßburg, gerade als die vierzehnjährige Marie Antoinette auf dem Weg nach Paris durch diese Stadt kam. Hier, an der Grenze Frankreichs und des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, auf neutralem Boden, nämlich auf einer Insel im Rhein, wurde die Dauphine übergeben. Die Ehe war in Wien in der Augustinerkirche per procurationem geschlossen worden; das heißt, der Erzherzog Ferdinand vertrat den abwesenden Gatten.

Auf der Insel war ein prachtvoller Pavillon errichtet worden. Goethe bestach am Tag vor dem Empfang die Wächter und besuchte mit seinen Freunden die Säle, um die dort aufgehängten Gobelins zu bewundern. Aber der Gobelin im Großen Saal löste bei Goethe Entsetzen aus. Dieser Teppich zeigte eine mythologische Szene, die Geschichte von Jason, Medea und Kreusa. »…Zur Linken des Throns« – schreibt Goethe in »Dichtung und Wahrheit« – »sah man die mit dem grausamsten Tode ringende Braut, umgeben von jammervollen Teilnehmenden; zur Rechten entsetzte sich der Vater über die ermordeten Kinder zu seinen Füßen, während die Furie auf dem Drachenwagen in die Luft zog… Was! Rief ich aus, ohne mich um die Umstehenden zu bekümmern, ist es erlaubt, einer jungen Königin das Beispiel der gräßlichsten Hochzeit, die vielleicht jemals vollzogen wurde, bei dem ersten Schritt in ihr Land so unbesonnen vors Auge zu bringen! Gibt es denn unter den französischen Architekten, Dekorateuren, Tapezierern gar keinen Menschen, der begreift, daß Bilder etwas vorstellen, daß Bilder auf Sinn und Gefühl wirken, daß sie Eindrücke machen, daß sie Ahnungen erregen!« Augenscheinlich gab es keinen. Seine Gefährten beruhigten Goethe mit dem Hinweis, daß außer ihm niemand so etwas bemerken werde.

»Die junge Dame ist schön und vornehm, so lieblich wie imposant, an ihr Gesicht erinnere ich mich noch immer ausgezeichnet« – setzt Goethe in der höfischen Manier seines fortgeschrittenen Alters fort. »Wir alle sahen sie in ihrer Glaskarosse, in vertrautem Gespräch mit ihren Begleiterinnen, als ob sie über die der Prozession zuströmende Menge gescherzt hätte.« Auch damals schien sie demnach schon den Eindruck zu erwecken, als mache sie sich über die Leute lustig.

Goethe erwähnt auch, daß dem ersten bösen Omen alsbald ein noch viel ärgeres folgte: Als die Dauphine nach Versailles kam, gab es ihr zu Ehren in Paris ein Feuerwerk. Das führte zu einer Feuersbrunst, die Menge konnte nicht durch die verstopften Straßen fliehen, die Unglücklichen traten sich gegenseitig nieder, und die Katastrophe hatte dreiunddreißig Tote sowie mehrere hundert Verletzte zur Folge!

Das dritte Omen, das sonderbarste, erwähnt Goethe nicht: Am Tag nach dem Einzug in Straßburg wurde die Dauphine am Portal des Münsters vom bischöflichen Koadjutor empfangen, der dann auch die Messe las. Es war Prinz Louis de Rohan, der ihr später mehr schaden sollte als sonst irgend jemand auf der Welt.

Auch in den aristokratischen Jahrhunderten gehörte die Familie Rohan zu den ersten Frankreichs. Als »fremde Herrscher« kamen sie dem Range nach, wie die Prinzen von Lothringen, gleich nach der königlichen Familie. Ihr stolzer Wappenspruch lautete: Roy ne puys, Duc ne daygne, Rohan suys – König kann ich nicht sein, Prinz will ich nicht sein, ich bin ein Rohan. Chamfort erzählt, als man einmal eine Prinzessin Rohan fragte, wann sie niederkommen werde, habe sie geantwortet: »Ich schmeichle mir, daß mir diese Ehre in zwei Wochen zuteil werden wird.« Womit sie die Ehre meinte, einen Rohan gebären zu dürfen.

Sonderbarerweise hat kein einziges Mitglied dieser Familie als Staatsmann, Heerführer oder auf irgendeinem anderen Gebiet dieses stolze Selbstbewußtsein gerechtfertigt. Die Rohans waren auch in dieser Beziehung so, wie man sich die großen Herren des ancien régime vorzustellen pflegt: Sie taten nie etwas anderes als abzustammen, hatten die Mühe nicht gescheut, geboren zu werden, wie Figaro sagt.

Sonderbar ist auch, dass ihre Ahnenreihe sich nicht in den legendären Tiefen der Völkerwanderungszeit verliert. Sie nannten sich die Abkömmlinge der Herrscher der Bretagne. Ihr Ahnherr Guéthénoc, der jüngere Sohn des Herzogs der Bretagne, erhielt 1021 die Grafschaft Porhoet. Den Namen Rohan führten sie seit 1100.Aber die Bretagne war im Grunde genommen eine halbwilde, entlegene Provinz, bevor Anna, die kleine bretonische Prinzessin »mit den Holzschuhen«, Karl VIII. von Frankreich heiratete und ihm die gesamte Halbinsel als Mitgift einbrachte.

Der hugenottische Zweig der Familie, die Rohan-Giés, stellte zur Zeit der Religionskriege einige tapfere, unbeugsame Protestanten, aber dieser Zweig starb 1540 aus. Im 18.Jahrhundert bestand die Familie aus zwei Hauptlinien, den Rohan-Soubise und den Rohan-Guémenée. Ihr bekanntester Vertreter war der Marschall von Soubise, ein Höfling, aus dem die Gunst der Pompadour einen wenig talentierten Heerführer machte. Er und ein österreichischer Prinz brachten das erstaunliche Kunststück zuwege, die Schlacht bei Rossbach, die Entscheidungsschlacht des Siebenjährigen Krieges, mit 60000Mann gegen die 20000Soldaten Friedrichs des Großen zu verlieren. Der andere Zweig der Familien, die Guémenées, war durch die Tatsache bekannt geworden, daß er es schaffte, trotz eines nur in astronomischen Zahlen zu beziffernden Vermögens im Jahre 1781 mit 33Millionen Livres bankrott zu gehen und dabei zahllose kleine Existenzen und bretonische Seeleute mitzureißen, die der Familie mit der Aussicht auf eine Rente Kredit gewährt hatten. Man war gezwungen, auf seine Stellung bei Hofe zu verzichten, weil man mit dem Rest des Vermögens den Ansprüchen eines Lebens in Versailles nicht genügen konnte. Der Bankrott trug wesentlich dazu bei, dem Ansehen der gesamten Aristokratie zu schaden.

Die Würde eines Bischofs von Straßburg war in der Familie geradezu erblich. Ein halbes Jahrhundert vor dem Einzug Marie Antoinettes hatte ein anderer Rohan eine andere fremde Königstochter am Portal des Straßburger Münsters in Empfang genommen – Maria Leszczynska, die die unglückliche Gemahlin Ludwigs des XV. wurde.

Prinz Louis de Rohan war 1734 geboren. Er wurde 1760Koadjutor seines Onkels, des Bischofs von Straßburg, der gleichzeitig Bischof von Canope in partibus infidellium war, das heißt nomineller Herr einer Diözese, die seit tausend und einigen Jahren in den Händen der Ungläubigen ist. Unter den hohen geistlichen Würdenträgern gab es immer schon zahlreiche Adlige, im 18.Jahrhundert aber beanspruchte der Hofadel Frankreichs so gut wie alle Bischofs- und Erzbischofssitze für sich. Nicht nur der Onkel Rohans war Bischof, auch sein eigener Neffe, Ferdinand de Rohan, fungierte als Erzbischof von Cambrai. Die herzogliche Familie Larochefoucauld verfügte über drei Bistümer: Rouen, Beauvais und Saintes. In der Rolle der Kirchenfürsten brauchten die Herren des Hofadels nicht viel an ihrer Persönlichkeit oder ihrem Lebensstil zu ändern–, und das war mit ein Grund für die Schwäche der Kirche im Frankreich des 18.Jahrhunderts. Eine ebensotiefe Kluft trennte den hohen Klerus von der niederen Geistlichkeit wie die Aristokratie von der Nation, und in einem kritischen Augenblick der Revolution fiel die Entscheidung dadurch, daß die Vertreter des Klerus auf die Seite der Bürger wechselten. Louis de Rohan war nicht nur geistlicher Würdenträger, sondern seit 1761 auch Mitglied der Académie Française, also einer der »Unsterblichen«. Von den 38Mitgliedern (zwei Sitze waren unbesetzt) entstammten 1789 sieben dem Hochadel und fünf der hohen Geistlichkeit. Früher, zur Zeit Ludwigs XIV., waren Bischöfe und Akademiemitglieder meist bürgerlicher Herkunft. An seinem Ende wurde das ancien régime erst richtig aristokratisch.

Was für eine Persönlichkeit war nun dieser Prinz Rohan? Nach Aussage der Zeitgenossen ein vornehmer Herr mit tadellosen Manieren, ein geistreicher Gesprächspartner, keineswegs eine Schande für die Akademie, dazu auch ein guter Redner. Er war nicht nur ein Kavalier, sondern auch ein gütiger Mensch; seine Anhänger haben Zeugnisse seiner rührenden und diskreten Wohltätigkeit hinterlassen. Er war ein Kind seiner Zeit, ein »empfindsames Herz«, genau wie sein Herr, König Ludwig XVI.

Das sind natürlich recht allgemeine Angaben, und viel mehr verraten uns auch die erhaltenen Porträts des Prinzen nicht; feine, etwas ausdruckslose Züge, die die Schwäche eines dekadenten »späten Sprosses« verraten. Er war einer von denen, die schwer zu beschreiben sind. Einer, von dem man sagen könnte: Wenn er nicht als Prinz geboren wäre, hätte er sich in nichts von einem Durchschnittsmenschen unterschieden. Aber das wäre eine ziemlich oberflächliche Feststellung, denn Rohan war zum Prinzen geboren. Sein Rohan-Sein gehörte zu seiner Persönlichkeit wie eine organische Krankheit, es bestimmte sein Geschick und seinen Charakter, wie ein Lungenleiden oder die Neurasthenie einen Charakter bestimmen kann.

Wenn wir ihn kennenlernen wollen, dürfen wir nicht von seiner Person ausgehen, sondern von seiner gesellschaftlichen Stellung.

Die abendländische Kultur trägt vorwiegend aristokratische Züge: Vom Ende des zweiten Jahrhunderts bis zur Französischen Revolution war es der wesentliche, der eigentliche Zweck dieser Kultur, in einer kleinen, auserwählten Gruppe von Menschen den Traum vom »schönen Leben« zu verwirklichen – einem Leben, das eine so geordnete Form hat wie das von einem Genie geschaffene Kunstwerk – und das vom Alltag und den Zufällen des Schicksals ebenso unabhängig ist. Die Kultur wird am Königshof verwirklicht, das Ideal ist ein Leben in höheren Sphären. Dem Ideal dienen Rittertum, Pomp und Etikette; im Dienste dieses Ideals stehen Kunst und Dichtung. Aber all das ist ziemlich abstrakt. Worin Rohan sich als Grandseigneur offenbarte, läßt sich durch ein paar biographische Angaben und Ziffern deutlicher machen.

Nach der Ankunft Marie Antoinettes in Frankreich bleibt Rohan nicht lange Koadjutor. Seine mächtigen Tanten, Mme. de Guémenée und Mme. de Marsan, die Gouvernante der königlichen Prinzen (wobei man das Wort nicht in der heutigen Bedeutung nehmen darf), erreichen mit Hilfe der Dubarry und ihrer Kreatur, des Herzogs von Aiguillon, daß der alternde Ludwig XV. ihn als Gesandten nach Wien schickt. Da Frankreich und Österreich damals Verbündete sind – treue, aber mißtrauische Verbündete–, gelten die Stellung des österreichischen Gesandten in Versailles und des französischen in Wien als die wichtigsten diplomatischen Stationen. Der österreichische Gesandte, Graf Mercy-Argenteau, gehört zu den Ersten in Paris: Er ist mächtig wie ein Staatsminister, lenkt die junge Marie Antoinette, seine Geliebte ist die gefeierteste Schönheit der Oper… und was er in Paris ist, will Rohan in Wien sein, der Stadt, die vom Standpunkt des savoir-vivre, der Lebenskunst, gleich nach Paris kommt.

Und dazu nun die vielsagenden Angaben und Zahlen. Rohan nimmt nach Wien mit:50Pferde mit entsprechendem Geschirr und Bedienungspersonal, 6 adelige Pagen aus den ersten Familien des Elsaß und der Bretagne und für sie einen Fechtmeister und einen Lateinprofessor; für seine persönlichen Bedürnisse zwei Adlige (pour les honneurs de la chambre): einen Malteserritter und einen Kavalleriehauptmann; 6Lakaien, einen Maître d’hôtel, einen Haushofmeister; 2Heiducken; 4Kuriere, deren Gewand je 4000Livres kostet und »im Sonnenlicht feenhaft glänzt«; 12Dienstboten, 2 »Schweizer«, von denen der magere der »innere Türsteher« ist, der dickere der Torwächter; 6Musiker für die Tafelmusik, einen Oberlakai, einen Schatzmeister, 4 adelige Gesandtschaftsbeamte; als Gesandtschaftssekretär den Jesuiten Abbé Georgel, dazu 4Hilfssekretäre. Die Angehörigen dieses Personals kleidet er auf eigene Kosten mit märchenhafter Pracht und muß sie alle selbstverständlich auch erhalten und bezahlen.

Er kommt nach Wien, und in kurzer Zeit hat er die Kaiserstadt bezaubert. Jeder spricht von ihm, und die Damen begeistern sich für ihn. Was nicht zu verwundern ist. Er lädt zu großen Jagden; seine Maskenbälle sind glanzvolle Spektakel; in Baden bei Wien veranstaltet er ein Volksfest, zu dem er fast ganz Niederösterreich einlädt. Zu seinen Soupers geben ihm hundert bis hundertfünfzig österreichische Aristokraten die Ehre, sie speisen aber, entgegen der diplomatischen Gewohnheit, nicht an einer langen Tafel, sondern an kleinen Tischen, so daß man sich ungezwungen unterhalten kann. Nach dem Essen gibt es Kartenspiel, Konzert, Tanz und Flirt in den wunderbaren Sälen und im beleuchteten Garten des Palais Liechtenstein. Alles genau wie in Versailles.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite erweist, daß Rohan kein Geld hat. Weder er noch die beiden Zweige der Familie. Angeblich hat er die Bewilligung des Königs erhalten, eine Hypothek von einer Million Livres auf seine Güter aufzunehmen. Diese Summe reicht aber auch nicht lange. Er kann seinen Stab nicht regelmäßig bezahlen, woraufhin seine Untergebenen, ihre diplomatische Immunität, die franchise, mißbrauchend, ein blühendes Schmugglergewerbe betreiben. Sie tun das mit einer so typisch französischen Offenheit, daß Maria Theresia, um den Hof in Versailles nicht zu beleidigen, die Immunität des gesamten Diplomatischen Korps aufhebt. Das alles erzählt Mme. Campan, die première femme de chambre Marie Antoinettes war.

Ihre berühmten Memoiren verfaßte sie um 1820: Ihr Buch ist unter den zahlreichen Werken der Schriftsteller, die über Marie Antoinette und ihre Zeit geschrieben haben, eine unserer Hauptquellen. Und Mme. Campan schrieb, wie wir zugeben müssen, um das Andenken ihrer Herrin zu retten. Aus diesem Grunde schilderte sie Rohan in den düstersten Farben.

Die fatale Tatsache, daß Rohan kein Geld besaß, ist jedoch nicht zu bezweifeln. Das zeigt auch die Geschichte des Kolliers. Wie aber konnte es geschehen, daß ihm das Geld ausging? Das Bistum und die Abtei Straßburg warfen jährlich auf dem Papier 60000Livres ab, tatsächlich aber waren es 400000.Nach Funck-Brentano entsprach 1Livre dem Wert von 10Francs der Vorkriegswährung.

Da wir Rohan als typischen Vertreter seiner Gesellschaftsklasse vorgestellt haben, ist es vielleicht nicht uninteressant, aus Funck-Brentanos Buch »L’ancien régime« die folgende Passage wiederzugeben:

»M. de Sartine, der Polizeichef, bekommt 200000Livres, um einen Teil seiner Schulden zu bezahlen. Lamoignon, der Siegelbewahrer, erhält ebensoviel als kleines Geschenk. Damit erweist sich Lamoignon noch als bescheiden, denn sein Nachfolger, Miromesnil, erhält 600000, um sich einzurichten. Als der Herzog von Aiguillon im Jahre 1774 auf seinen Ministerposten verzichten muß, bekommt er eine Entschädigung von 500000Livres. Die Witwe des Kriegsministers Maréchal de Muy bezieht ein jährliches Gnadengehalt von 30000Livres, dem Grafen von St-Germain wird, als er sich vom Staatssekretariat im Kriegsministerium zurückzieht, eine Abfindung von 155000Livres zuteil, und er bezieht dann eine Jahresrente von 400000.

Marie Antoinette gibt dem Herzog von Polignac 1200000Livres, der Prinz von Salm bekommt 500000.Während Calonne die Finanzen Frankreichs verwaltet, zahlt er dem Grafen der Provence, dem Bruder des Königs, 56Millionen Livres aus, 25Millionen Livres bezieht zudem der Graf von Artois, der jüngste Bruder. Es ist zum Schreien.« (C’est à hurler. Das sagen nicht wir, das sagt der alte, seriöse Funck-Brentano, ein Herr von durchaus konservativer Gesinnung.) Der Prinz von Condé bezieht auf einmal 12Millionen Livres und bekommt dazu noch jährlich 600000Livres.

Die gleichen Angaben finden wir auch in Taines »Ancien régime«, einem Werk, das, wie es scheint, Funck-Brentano als Quelle verwendet hat. Beide, Taine und Funck-Brentano, führen eine lange Reihe ähnlicher Zahlenangaben auf.

In der Tat, es ist zum Schreien, oder vielmehr schreien die Tatsachen zum Himmel. Wie war so etwas möglich? Was für ein sonderbarer Wahn hat eigentlich die Könige von Frankreich veranlaßt, solche märchenhaften Summen zu verschenken, und meist ohne Gegenleistung, allein zum Lohn für vornehme Abstammung? Doch kam dies natürlich nicht von ungefähr, sondern war die unvermeidliche Folge einer historischen Situation. Der Feudaladel hatte im Mittelalter Frankreich in Besitz genommen. Die Könige von Frankreich waren jahrhundertelang bemüht, die Zentralmacht zu stärken, und das hieß, das Land den Feudalherren zu entreißen und selbst die Herrschaft zu übernehmen. Wie bekannt, erreichte Ludwig XIV. dieses Ziel und durfte ohne Übertreibung behaupten: »Der Staat, das bin ich«. Er machte den Feudaladel zum Hofadel. Die großen Herren durften sich nicht mehr auf ihren Gütern aufhalten, sondern mußten in der Nähe des Königs leben, der scharfen Auges die Abwesenheit jedes einzelnen wahrnahm und mit dem Entzug seiner Gnade ahndete. Das Volk wurde daraufhin nicht mehr von den Aristokraten ausgenützt, sondern von den »königlichen Intendanten« und den fermiers généraux, den Generalpächtern, die das erwirtschaftete Geld an die königliche Kasse ablieferten. Dafür aber mußten die ehemaligen Feudalherren entschädigt werden. Sie erhielten Jahresrenten, Geschenke, Hofämter mit märchenhaften Einkünften, hohe Stellungen in der Armee und in der Kirche. Später hätte sich das erübrigt, denn der einst unabhängige Adel war tatsächlich ohne jede Macht; er hätte sich gar nicht mehr gegen den König empören können–, aber er konnte ihm nun auch nicht mehr Beistand leisten, ein Umstand, der den stürmischen Erfolg der Revolution erklärt. Zu der Zeit, mit der wir uns befassen, war es ein historisches Faktum, daß der König den Hochadel zu erhalten hatte. Aus der seinerzeit sinnvollen und begründbaren »Entschädigung« wurde zur Zeit Ludwigs XVI. »Mißbrauch«, eine Verschwendung, die sinnlos und ungerecht erscheint, die von den Nachdenklichen zu Recht verurteilt wurde und die das revoltierende Volk verständlicherweise empörte.

Eine andere Frage ist, was die großen Herren mit dem Geld angefangen haben. Nach heutigen Vorstellungen wäre es kaum möglich, solche Unsummen auszugeben. Selbst ein amerikanischer Millionär könnte sich Beträge wie diese unter keinen Umständen durch die Finger rinnen lassen. Aber amerikanische Millionäre und all jene, die heute über ungeheure Vermögen verfügen, sind keine Grandseigneurs. Der Besitzer eines im Wirtschaftsleben erworbenen Vermögens bewahrt sich auch in Augenblicken des Exzesses etwas von seinem Geschäftssinn, und selbst wenn er wahnsinnig wird, so hat dies doch Methode. Bei den Grandseigneurs des ancien régime fand man auch in den nüchternen Momenten weder wirtschaftliches Denken noch Methode. Wofür sie zur Zeit Ludwigs XVI. ihr Geld verwendeten, läßt sich anhand von einigen dem genannten Werk Taines entnommenen Beispielen erläutern.

»Mesdames, das heißt die drei unverheirateten Töchter Ludwigs XV., verbrauchten jährlich 215068Francs für Kerzen; die Königin 157109.In Versailles bekommt man noch heute die Gasse mit all den kleinen Läden gezeigt, in denen die königlichen Lakaien ganz Versailles mit den bei der königlichen Tafel übriggebliebenen Desserts versorgten, was ihnen einen schönen Nebenverdienst einbrachte. Nach offizieller Schätzung gab der Hof im Jahr 2190Francs für die Mandelmilch und die Limonade des Königs aus. Die ›tägliche und nächtliche Kraftsuppe‹, die gelegentlich Madame Royale, die zweijährige Tochter von Ludwig XVI. und Marie Antoinette, zu sich nahm, kostete 5201Livres jährlich.« Zu der Zeit, da Marie Antoinette noch Dauphine war, verrechneten die Kammerfrauen für sie »wöchentlich vier Paar Schuhe, täglich drei Ellen Band, um ihren Bademantel festzumachen, täglich zwei Ellen Taft für das Körbchen, in das man ihre Handschuhe und den Schleier legt«. Die Etikette schrieb vor, daß man ihr diese Gegenstände nicht mit den Händen überreichen durfte, sondern in einem Körbchen.

Natürlich wurden die Lieferanten nicht pünktlich bezahlt. Zu der Zeit, da Turgot Finanzminister war, schuldete der König seinem Weinhändler 800000Livres, seinen Lebensmittellieferanten sogar dreieinhalb Millionen.

Es folgt der Nachweis, daß die Aristokratie im Schuldenmachen wie im verschwenderischen Umgang mit Geld nicht weit hinter dem Königshause zurückblieb. »Der Maréchal de Soubise, ein Verwandter Rohans, empfing einmal für eine Nacht den König in seinem Schloß auf dem Lande und ließ ihm ein Abendessen servieren; es kostete ihn 200000Livres. Mme. de Matignon hatte einen Vertrag mit ihrem Friseur: Um 24000Livres im Jahr machte er ihr täglich eine neue Frisur. Kardinal Rohan besaß ein Chorhemd mit Handstickereien und Spitzen, das auf mehr als 100000Livres geschätzt wurde; sein Tafelgeschirr war aus massivem Silber. Das alles ist nur natürlich, wenn wir bedenken, wie man damals über das Geld dachte: Sparen, etwas auf die Seite legen, das war, als hätte man es statt mit klaren Gewässern mit einem übelriechenden Sumpf zu tun. Besser das Geld zum Fenster hinauswerfen! Das tat der Maréchal de Richelieu, der seinem Enkel eine volle Börse gegeben hatte, die ihm der Kleine, der das Geld nicht auszugeben verstand, hinwarf. Dieses Geld brachte dem Straßenkehrer, der gerade daherkam und die Börse aufhob, großes Glück. Er hätte das Geld aber auch ebensogut in einen Fluß werfen können, dann hätte niemand etwas davon gehabt.