Reise in den Tod - Ellen Heinzelmann - E-Book

Reise in den Tod E-Book

Ellen Heinzelmann

4,8

Beschreibung

Es sollte ein Ausflug von sieben Exschülern der damaligen Abiturklasse nach Fuerteventura werden. Sie waren die besten Schüler des Jahrgangs 2005 im Markgräfler Gymnasium Müllheim und ein eingeschworenes Team. Doch die Reise endete in einem Albtraum. Bilanz dieses Ausflugs: zwei Tote, zwei Verletzte, davon einer schwer. Frederik Hartl zerbricht unter der Last des damaligen Geschehens, denn er alleine fühlt sich schuldig. Doch, was ist wirklich geschehen? Frederiks Vater und auch Frederiks Verlobte möchten es in Erfahrung bringen, und engagieren einen Detektiv, Friedhelm Kulau.

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Seitenzahl: 172

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Reise nach Fuerteventura

ein dramatisches Tagebuch

Über den Inhalt

Es sollte ein Ausflug von sieben Exschülern der damaligen Abiturklasse nach Fuerteventura werden. Sie waren die besten Schüler des Jahrgangs 2005 im Markgräfler Gymnasium Müllheim und ein eingeschworenes Team.

Doch die Reise endete in einem Albtraum. Bilanz dieses Ausflugs: zwei Tote, zwei Verletzte davon einer schwer.

Frederik Hartl zerbricht unter der Last des damaligen Geschehens, denn er alleine fühlt sich verantwortlich. Doch, was ist wirklich geschehen? Frederiks Vater und auch Frederiks Verlobte möchten es in Erfahrung bringen, und engagieren einen Detektiv, Friedhelm Kulau.

Die Autorin

Ellen Heinzelmann, Fachfrau für Marketing und Kommunikation, wurde 1951 im Kreis Waldshut geboren. Während ihrer langjährigen beruflichen Tätigkeit - zuletzt als Marketing- und PR-Verantwortliche in einer Organisation des öffentlichen Rechts in Basel - übersetzte sie Texte vom Deutschen ins Französische und Englische, wirkte als Dolmetscherin bei Vertragsverhandlungen in Paris. Auch wirkte sie als Lektorin und als Ghostwriterin. Die geschriebene Sprache hatte schon in früher Kindheit große Faszination auf sie ausgeübt. Nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben, ist sie ihrer Berufung schließlich gefolgt. Mit ihrem Debütroman »Der Sohn der Kellnerin«, eine nicht alltägliche Geschichte, startete sie 2011 ihre Schriftstellerlaufbahn und nahm ihre Leser gleich mit auf eine emotionale Reise.

www.ellen-heinzelmann.de

Dieses Buch ist ganz speziell gewidmet meinen lieben Freunden in Fuerteventura, die mich bewusst oder unbewusst inspiriert haben. Es sind dies:

die Wanderfreunde Costa Calma

die Chor-Freunde (Chor San Miguel unter der Leitung von Elke Dinkler-Hamel)

alle Freunde, die ich bei meinen Aufenthalten auf der Insel kennenlernen durfte, sei es am Stammtisch, oder aber auch über Social Media.

Uns alle verbindet eines: die gemeinsame Liebe zur Insel, die ich mit einem Gedicht von Hannelore von der Twer hier aufzeige. Hannelore verstand diese Liebe in Worte zu fassen, wie man die Magie dieser Insel nicht besser zu beschreiben vermag:

Uralte Insel mit sprödem Charme

Und doch so vieler Menschen Schwarm.

Grandiose Kargheit in leuchtenden Farben,

zerfurchte Barrancos wie riesige Narben.

Insel der Winde, die die Sonnenglut kühlen,

goldgelbe Dünen und verfallende Mühlen.

Einsamkeit, Unberührtheit in entlegenen Ecken,

da und dort Palmen wie farbige Flecken.

Endlose Strände vom rauen Atlantik bedrängt,

Traumwolkenbilder in die Bläue des Himmels gehängt

Fuerteventura,

Du dürstendes, armes und doch so reiches Urgestein –

Wer Dich begreift, ist auf immer Dein.

Das Buch

Es handelt sich bei diesem Buch nicht um einen Kriminalroman. Es ist also nichts für den blutrünstigen Krimi-Liebhaber, der den psychisch kranken Serienkiller, der die Polizei an der Nase herumführt, auf seiner blutigen Spur verfolgen möchte.

Es handelt sich um ein Reisetagebuch und die Aufarbeitung danach. Es ist eine Reise mit tragischem Ausgang, wie es im wirklichen Leben hätte passiert sein können, denn eine ähnliche Situation hatte unsere Wandergruppe selbst erlebt. Natürlich war sie bei uns nicht einmal ansatzweise so dramatisch, wie im Buch geschildert, dementsprechend gab es auch keinen annähernd tragischen Ausgang, jedoch die Begleitumstände waren gegeben und reichten aus, meine Phantasie zu dieser erfundenen Geschichte zu beflügeln. Noch während unserer Wanderung im Valle de Pecenescal entstand das Drama in meinem Kopf.

Mit diesem Reisebericht, unterstützt mit diversen Fotos auf den Seiten → bis → und teilweise im Text, erhält der Leser einen kleinen Einblick in diese einzigartige Inselwelt, die schon so viele Menschen in ihren Bann gezogen hat – oder wie Hannelore von der Twer es so trefflich formulierte: ›Fuerteventura, Du dürstendes, armes und doch so reiches Urgestein – wer Dich begreift, ist auf immer Dein‹. Viele Fotos entstanden bei einer unserer Wanderungen im Valle de Pecenescal. Ebenso habe ich eine Inselkarte eingefügt.

Natürlich sollen die Leser durch diese Geschichte nicht entmutigt werden, die Schönheiten dieser Insel wandernd zu erkunden. Dennoch geht der Appell an alle, immer mit Bedacht zu gehen, nichts zu riskieren, denn Rettungseinsätze wie hier im Buch beschrieben, sind keine Seltenheit. So zum Beispiel, nach einem Absturz von der Klippe in Cofete, in Tindaya, in Ajuy oder an der zerklüfteten Küste von Pájara

Die Romanfiguren sind frei erfunden, wenngleich es in unserer Gruppe tatsächlich auch solche Abenteurer gab, wie im vorliegenden Roman beschrieben. Die Personen sind nachstehend kurz skizziert:

Frederik (genannt Freddy) Hartl

ein gut aussehender Sonnyboy, nicht sehr groß, von schlanker, sportlicher Gestalt, stammt aus reichem Elternhaus. Sein Markenzeichen: draufgängerischer Abenteurer, witzig, intelligent und ein auf Frauen wirkender Magnet, wobei nur eine aus der Klasse ihm wirklich nahesteht. Er war in der Schule nicht der Klassenbeste, dafür aber war er äußerst clever. 2007 begann er nach einem längeren, vom Vater finanzierten Auslandsaufenthalt – ein Geschenk zum erfolgreich abgeschlossenen Abitur – sein Studium in Mannheim.

Sylvie Kannemaker

eine attraktive junge Frau, die mit ihrer sympathischen Ausstrahlung und ihrem liebenswürdigen, einnehmenden Wesen so quasi einen Türöffner in alle Herzen besitzt, stammt aus einer Kleinunternehmer-Familie – der Vater besitzt ein Geschäft für Landmaschinen, die Mutter arbeitet im Geschäft mit; Sylvie ist eine angenehme zierliche Erscheinung. Ebenso wie Freddy absolvierte sie ein Auslandsjahr. Sie und Freddy – seit der Schulzeit schon ein Paar – studieren zusammen in Mannheim.

Felix Zander

ein sportlicher Typ, von großer Statur und kräftigem Körperbau, stammt aus einfachen Verhältnissen – Vater: Bauarbeiter, Mutter: Fisch- und Fleischfachverkäuferin – seine entspannte, lockere Art kam in der Schule bei den Mädchen gut an. Er hatte von der ganzen Gruppe das schlechteste Abitur-Zeugnis, dennoch ist er aufgrund seiner humorvollen und nonchalanten Art Mitglied der Elitegruppe.

Patrizia (genannt Patty) Kraus

die hübscheste dieser Freundesgruppe, mit auffallend großen braunen Augen, stammt aus einer Akademikerfamilie – Vater: Dr. der Medizin, Mutter: Dr. der Humanbiologie. Mit ihren 1.79 m überragte sie die Mädchen und teilweise auch die Jungen aus der Klasse; ihre schlanke sportliche Figur ist wohl proportioniert. Während der Schulzeit hatte sie glattes, langes hellbraunes Haar; Zu all diesen Vorzügen hin, war sie auch noch eine super gute Schülerin mit dem zweitbesten Abiturzeugnis. Auch sie hatte ein Auslandsjahr absolviert; sie war seit jeher Felix‘ großer Schwarm.

Anita Schmied

ein durchschnittlich aussehendes Mädchen von zierlicher Statur, das die Vorzüge seines Typs mit großem Geschick gut herauszustellen vermag, stammt aus einfachen Verhältnissen – Vater: LKW-Fahrer, die Mutter, eine Spanierin, arbeitet in der Gastronomie;

Anita, war damals Klassensprecherin und ergriff schon im zarten Mädchenalter gerne Position für Benachteiligte. Sie ist musisch begabt, besitzt gar das absolute Gehör. Sie erhielt daher im Zuge der Begabtenförderung Unterstützung auf Länderebene. Sie spielt hervorragend Geige und Klavier. Auch sie absolvierte wie Patty und Sylvie ein Auslandsjahr.

Kai Isenloh

das Supergehirn stammt aus mittleren Verhältnissen – Vater: leitender Angestellter, Mutter: Personalleiterin, beide im selben Groß- & Außenhandelsbetrieb tätig. Sie waren total überfordert mit ihrem Sohn, denn Kai, ein Nachzügler (die Mutter war bei dessen Geburt dreiundvierzig Jahre alt, der ältere Bruder bereits zwölf) war schon immer ein Sonderling, ein hochbegabter Sonderling, was aber relativ spät erkannt wurde.

Wie es bei solchen hochbegabten Menschen oftmals der Fall ist, wirkte er schon als Kind zerstreut, oft wie geistig abwesend, tollpatschig, unsicher und mit Sprachproblemen behaftet. Niemand würde die außergewöhnliche Intelligenz hinter diesem Jungen vermutet haben. Deshalb wurde damals, über den Umweg ›Lernschwäche aufgrund psychischer Störung‹ diese Hochbegabung erst spät erkannt.

Obwohl er immer schon eher ein Einzelgänger war, blieb er dieser Elitegruppe des Abschlussjahrgangs 2005 auch nach dem Abitur treu, um mit ihr alle fünf Jahre gemeinsame Abenteuer zu unternehmen.

Renée Müller

stammt aus einer Lehrerfamilie – der Vater unterrichtet an der Hauptschule in Müllheim, die Mutter in der Hauptschule in Schliengen – ; Renée war eine gute Schülerin und, vermutlich familiär vorbelastet, ist sie ebenfalls der geborene Lehrerinnentyp. Ihr Aussehen ist durchschnittlich, sie ist weder hässlich noch schön. Ihre Rundungen sind sehr weiblich.

Ihr Berufswunsch, wie soll es auch anders sein: Lehrerin. Zum Wintersemester 2006 begann sie in Kassel ihr Lehramtsstudium.

***

Im Roman selbst, werden die einzelnen Personen noch detaillierter beschrieben, so dass der Leser sich von jedem einzelnen Charakter ein Bild machen, ihn vor dem geistigen Auge förmlich sehen und sich in ihn hineinfühlen kann.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Epilog

Prolog

27. April 2010

Es war wieder eine jener Nächte, die ihn seit diesem schrecklichen Ereignis im Januar wachhielten. Tagsüber ließ es sich einigermaßen leben. Er ging zwar seit dem Unglück nicht mehr zur Uni, weil er wegen psychischer Erkrankung, einer ›Posttraumatischen Belastungsstörung‹ und auch körperlicher Blessuren krankgeschrieben war. Doch wenigstens fand er während langer Spaziergänge durch den Wald, wenn auch nicht Ablenkung, so doch etwas Ruhe. Das Zwitschern der Amseln hatte auf ihn schon seit jeher einen Entspannungseffekt. Er hätte gerne mehr getan, zum Beispiel hätte er gerne Schülern des Markgräfler Gymnasiums Nachhilfeunterricht erteilt. Doch er konnte nicht. Er konnte nicht unter Menschen sein, zumindest nicht im Moment.

Und dann nachts, suchten sie ihn heim, diese fürchterlichen Bilder, die ihn nicht mehr losließen. Wenn er es tatsächlich mal schaffte einzuschlafen, kamen sie diese schrecklichen Albträume, die ihn regelmäßig schweißgebadet hochschrecken ließen. Von jetzt auf gleich hatte sich sein Leben dramatisch verändert. Warum? Warum blieb sie nicht einfach stehen, die Zeit? Da starben Menschen, und die Welt drehte sich einfach unbekümmert weiter, so wie immer, so als wäre nichts geschehen. Wie gerne würde er am Rad der Zeit drehen … zurück bis zu jenem verhängnisvollen 5. Januar 2010. Er würde dann diesen Weg mit dem gefährlichen Abgrund nicht wählen. Er würde mit der Gruppe zurückgehen und den richtigen Weg suchen, würde sie nicht in Gefahr bringen.

Er fühlte sich schuldig. Hinzu kam, dass er auch von Felix‘ Vater einen Anruf erhielt, indem der ihm massive Vorwürfe für seine Unvernunft machte.

Es half nichts, dass in Wirklichkeit niemand genau sagen konnte, was damals tatsächlich geschah, alles wurde nur bruchstückhaft erzählt. Doch er, Frederik, er trug seither die Last der Schuld mit sich herum, weil er es so empfand.

Sein Psychotherapeut sagte, er solle lernen, sich selbst zu verzeihen. Das klang für ihn viel zu banal, er konnte damit nichts anfangen.

Doch auch seine Freundin Sylvie, die ihr Bachelor-Studium Betriebswirtschaft & Wirtschaftspsychologie in Mannheim wieder aufgenommen hatte, rief ihn regelmäßig an und redete auf ihn ein. Immer wieder betonte sie, dass er am Tod der Kommilitonen keine Schuld trug.

Doch er konnte den Gedanken nicht loswerden: ›Ich habe den Tod meiner Freunde zu verantworten‹.

Ja, und in dieser Nacht zum 27. April war es wieder eine solche Horrornacht. Schweißgebadet schreckte er hoch. Er saß am Bettrand, seine Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, sein Kinn in die Handballen gepresst. Sein Herz raste. ›Ich bin am Ende; ich kann so nicht weiterleben‹

*

»Manfred Hartl«, meldete sich der ursprünglich aus München stammende und seit 1980 in Müllheim lebende Vater von Frederik am Telefon.

»Hallo Herr Hartl, Kannemaker am Apparat«, ertönte Sylvies aufgeregte Stimme.

»Oh, hallo Sylvie, was kann ich für Sie tun?«

»Ich versuche schon die ganze Zeit Freddy zu erreichen. Er geht weder ans Festnetztelefon, noch nimmt er sein Handy ab. Das ist ungewöhnlich. Ich mache mir solche Sorgen. Er war so schlecht drauf, als ich ihn das letzte Mal sprach. Er hat kaum gesprochen. Könnten Sie …«, sie konnte den begonnenen Satz nicht beenden, denn Frederiks Vater, sofort in Alarmbereitschaft versetzt, verkündete, dass er gleich zu ihm fahren und nach ihm sehen werde. »Ich melde mich, sobald ich dort bin. Sind Sie erreichbar?«

»Ja, ich habe heute Nachmittag keine Vorlesung, ich bleibe zu Hause.«

Sylvie bewohnte zusammen mit Freddy, der denselben Studiengang wie sie belegte, eine Studenten-WG in Mannheim. Freddys vermögender Vater wollte ihnen zwar eine nette kleine Studentenwohnung sponsern, aber das wollten beide nicht annehmen. Sie fühlten sich wohl in der WG, wo es immer Ansprechpartner gab, hatten sie ihre Ablehnung begründet. Doch Freddy, der neben seinen eigenen Einkünften durch Jobs während der Semesterferien, vom Geld seines Vaters sein Leben bestreiten durfte, wollte die Großzügigkeit seines Vaters nicht über Gebühr strapazieren. Der Vater hatte ihm schon vor vier Jahren als Belohnung für sein hervorragendes Abiturergebnis einen einjährigen Auslandsaufenthalt finanziert.

*

Manfred Hartl fuhr zur Wohnung am Eichwald, die Freddy und Sylvie zusammen bewohnten, wenn sie sich während der vorlesungsfreien Zeit in Müllheim aufhielten. Wenigstens hatten sie dieses Angebot, das hübsche Apartment im ersten Stock zu nutzen, nicht ausgeschlagen. Er stellte sein Auto am Straßenrand ab und eiligen Schrittes überquerte er die Straße. Er war aufgeregt; das Telefongespräch mit Sylvie, seiner Schwiegertochter in spé, hatte ihn in Panik versetzt. Der desolate Zustand seines Sohnes gab ihm Grund genug, Sylvies Hilferuf ernst zu nehmen. Für die Eingangstür des Hartl'schen Wohnhauses besaß er einen Schlüssel. Er nahm immer zwei Stufen auf einmal, als er in den ersten Stock hastete. Er klingelte. Keine Antwort. Er hämmerte mit den Fäusten gegen die Türe. Nichts rührte sich. Er rief Freddys Namen. Es war mehr ein Schreien.

Von diesem Geschrei aufmerksam geworden, erschien Herr Gruber, der Mieter der Erdgeschosswohnung, an seiner Wohnungstür. Manfred Hartls Rufen klang immer verzweifelter. Erschreckt rannte nun auch Gruber in den oberen Stock. Er war erschüttert seinen Vermieter in diesem Zustand zu sehen: »Um Gottes Willen, Herr Hartl, was ist passiert?«

»Ich mache mir Sorgen um meinen Sohn. Sylvie hatte versucht, ihn anzurufen, aber er nahm sein Telefon nicht ab. Das hatte er noch nie gemacht. Er weiß, dass wir beide uns Sorgen um ihn machen und ihn immer wieder anrufen, um ihn nach seinem Befinden zu fragen und ihn aufzumuntern.«

Gruber war ebenfalls darüber informiert, dass sein sympathischer Nachbar vom oberen Stock nach diesem schrecklichen Urlaub auf Fuerteventura krank war und im Moment sein Studium pausierte. »Warten Sie, Herr Hartl, ich hole mal eben den Schlüssel. Freddy und Sylvie hatten einen Ersatzschlüssel bei mir deponiert, für den Fall, dass sie sich mal versehentlich ausschließen sollten.«

Hartl war froh, dass er damals, als er das Haus kaufte, die vorhandenen Türschlösser zu den Wohnungen durch Profilzylinder mit Not- und Gefahrenfunktion ersetzt hatte. Diese Schlösser erlaubten, von außen aufzuschließen, auch wenn von innen ein Schlüssel steckte. Und wie sich herausstellte, hatte es sich bewährt, denn der Schlüssel steckte tatsächlich.

Er trat in den hell erleuchteten Flur. Die vielen bis zum Boden reichenden Fenster der Wohnung in diesem komplett sanierten, schmucken Altbau sorgten dafür, dass sie lichtdurchflutet war.

Freddys Jacke hing an der Garderobe, seine Schuhe standen darunter. Er musste also da sein.

Vom Flur aus konnte man in die modern eingerichtete Küche sehen. Alles wirkte so aufgeräumt. Nicht mal ein Glas stand auf der Anrichte. Auch das an die Küche angrenzende Wohnzimmer war peinlich aufgeräumt. Nichts lag herum. Es wirkte friedlich und alles schien in Ordnung zu sein. Es war still. Und dennoch, diese Stille … es war eine gespenstische Stille.

Aufgeregt ging Freddys Vater durch die Wohnung. Als er vor der Schlafzimmertür stand, hielt er für einen Moment inne. Er wagte kaum zu atmen. Er hatte Angst, denn er befürchtete das Schlimmste.

Sachte klopfte er an die Tür. ›Oh Gott, lass ihn einfach nur schlafend im Bett liegen‹, dachte er bei sich. Es wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen, dass sein Sohn tief schlief. Der Arzt gab Freddy nämlich auf dessen Wunsch Schlaftabletten, damit sein aufgebrachtes Gemüt zwischendurch auch mal wieder etwas zur Ruhe kam. Der Vater klopfte nochmals, diesmal etwas kräftiger und dabei rief er laut Freddys Namen. Nichts. Keine Antwort. Schließlich trat er vorsichtig ein.

Das Bett war zerwühlt, aber leer. Obenauf lag sein Korsett, das er nach dem Unfall noch immer tragen musste.

Sein Herz war schwer. Wo war sein Sohn? War er vielleicht wieder außer Haus, in seinem geliebten Wald? Er sagte doch, dass er bei den Spaziergängen einigermaßen Ruhe empfinde. Hartl mochte es glauben und blickte zur Eingangstür, als erwartete er, dass Freddy jeden Moment von seinem Spaziergang zurückkehrte. Doch er wusste, dass das nicht möglich sein konnte. Freddy wäre nie ohne sein Korsett weggegangen. Die Jacke hing an der Garderobe, und die Schuhe standen darunter. Außerdem steckte der Schlüssel von innen. ›Oh mein Gott‹

Eine ungute Ahnung drängte ihn weiter, in Richtung Badezimmer. Er blieb stehen, lauschte erst einmal an der Türe.

Da … er glaubte etwas zu hören. ›Mein Gott Freddy‹, dachte er, ›hast du mein Klingeln und mein Rufen nicht gehört?‹

Sachte drückte er die Türklinke. Zuerst streckte er nur den Kopf durch die nur einen Spalt geöffnete Türe. Ein dichter Wasserdampf schlug ihm entgegen und trübte seinen Blick. Erst jetzt trat er ein und sah mit Schrecken, dass der Raum von einem Stromkabel durchspannt war. In der Wanne lag der leblose Körper seines Sohnes. Neben ihm im Wasser gurgelte noch leise ein eingeschalteter Haarföhn. Da die Heizspiralen des Föhns durch den Strom schneller oxydierten, kam es im Wasser zu metallischen Absonderungen, so dass Freddys Körper langsam begann einen Bronzeton anzunehmen. Seine total verkrampfte Haltung, deutete auf einen schmerzhaften, qualvollen Tod hin. Vermutlich, so befürchtete Hartl, war er nur um wenige Minuten zu spät gekommen. Hatte Freddy womöglich das Trommeln an der Türe und die Rufe noch vernommen? Dieser Gedanke war unerträglich. Er durchquerte mit drei großen Schritten das Badezimmer, zog den Stecker des Föhns eilig aus der Steckdose, als könne er damit das Unausweichliche doch noch im letzten Moment verhindern.

Dann stand er einen Moment wie angewurzelt da, seine Schultern hingen schlaff herunter. Tränen liefen über sein fahles Gesicht. Er fühlte sich erschöpft, entmachtet, wie nach einem langen und doch verlorenen Kampf gegen eine heimtückische, aussichtslose Krankheit.

Gruber stand noch im Türrahmen. Beim Anblick des toten Freddys entfuhr ihm ein Aufschrei. Es war wie ein Hilferuf: »Oh mein Gott, oh mein Gott.« Auch er konnte seine Tränen nicht zurückhalten. Das war einfach zu viel für das Gemüt des 50Jährigen, der die beiden jungen Menschen sehr ins Herz geschlossen hatte. Er wollte sich zurückziehen, wollte den Vater mit dem Sohn in diesem Moment für ein stilles Gebet alleine lassen, ging aber nochmals zum Schlafzimmer um einen Blick hineinzuwerfen.

Er versuchte, sich vorzustellen, wie Freddy in dieser Nacht von Unruhe geplagt, diesen entscheidenden Schritt plante, als sein Blick auf ein Blatt Papier fiel, dessen eine weiße Ecke unter dem Bett hervorlugte. Er hob den Zettel auf. Sein Gesicht verlor jede Farbe. Es war ein Abschiedsbrief.

Als er beim Hinausgehen am Badezimmer vorbeikam, übergab er seinem Vermieter diesen Brief mit den Worten: »Herr Hartl, es tut mir unendlich leid. Er war ein so guter Junge.«

Ja, er mochte den sympathischen 23Jährigen wie einen Sohn, der, als er noch gesund war, immer ein freundliches Wort für seine Mitmenschen übrig hatte. Jetzt, da Freddy krank war, hatte er sich jedoch sehr rar gemacht. Wie musste er gelitten haben. Keiner konnte sich so richtig in ihn hineinfühlen.

Mit tränennassem Gesicht las Manfred Hartl die letzten Worte seines Sohnes:

Lieber Paps, liebe Sylvie,

glaubt mir, ich habe es versucht. Ich habe nicht einfach so aufgegeben. Wie ihr, habe auch ich gehofft, dass ich es schaffen würde. Doch ich sah dieses ersehnte Licht nicht, sah nicht das Licht am Ende des Tunnels. Die Ruhe und Entspannung, die die Menschen im Schlaf finden, fand ich nicht. Jede Nacht suchten sie mich heim, diese schwarzen Gedanken, diese Albträume. Wie kann man leben mit einer Schuld, die man sich niemals verzeihen kann.

Aber Ihr sollt wissen, dass ich Euch dankbar bin für alles. Liebster Paps ich bin dankbar für Deine unendliche Liebe, für Deine Großzügigkeit. Du hast alles für mich getan, was ein Vater für seinen Sohn nur tun kann. Ich habe nie etwas vermisst, außer Mama natürlich, die uns allzu früh verlassen musste.

Ich bin Dir dankbar, meine liebste Sylvie, dankbar für Deine Liebe, dankbar, dass Du für mich da warst in dieser schweren Zeit. Ich habe auf dem Display gesehen, dass Du noch versucht hast, anzurufen. Bitte verzeih' mir, aber ich konnte nicht. Zu betrübt waren meine Gedanken.

Meine Liebsten, es fällt mir unendlich schwer, die richtigen Worte zu finden. Wie soll man Dinge sagen, für die es keine Worte gibt.

Ich wollte leben, ich hatte Pläne … doch seit dem schrecklichen Unglück bin ich innerlich leer … tot. Auch in dieser Minute, spüre ich, und ich leide elendiglich darunter, dass ich jetzt wieder etwas Falsches tue, weil ich Euch das antue. Aber bitte verzeiht mir. Ich kann nicht mehr.

In Liebe Euer Freddy

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Donnerstag, 30. Juni 2005 Verabschiedung der Abiturienten

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