REISE OHNE ZIEL - Nina Heick - E-Book

REISE OHNE ZIEL E-Book

Nina Heick

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Beschreibung

"REISE OHNE ZIEL" ist die Fortsetzung des Romans "ZWEI HERZEN". Er handelt von der fast dreißigjährigen Vici, die nach Aufarbeitung ihrer schwierigen Kindheit den von Glasscherben übersäten Weg der Stabilisierung einschlägt, auf dem sie sich immer wieder die Füße blutig läuft. Beruflich hat sie eine neue Perspektive gefunden, die ihr Kraft gibt, doch in ihren ungewollt komplizierten Beziehungen verfällt sie Mustern, die sie an die Wunden ihrer Vergangenheit erinnern. Einer Vergangenheit, die durch Verluste geprägt ist und ein Gefühl des Nie-satt-Seins hinterlässt, sodass Vici zwischen Annahme und Abwehr um das Erlernen von Bewältigungsstrategien ringt. Dennoch gibt sie die Suche nach dem Leben, das zu ihr passt, nicht auf, lernt beharrlich, sich zu behaupten, und geht weiter auf die Reise. Dieses Buch, das für sich alleine stehen kann, gewährt tiefe Einblicke in ein verletzliches, sehr sensibles Wesen – erdrückend, erschreckend, schonungslos ehrlich. Aber auch kritisch, sarkastisch und schlagfertig.

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Seitenzahl: 598

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Nina Heick

REISE OHNE ZIEL

Wo bin ich? Wo will ich hin?

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

PROLOG

Aus Sicht der Selbstbeobachterin

Einer dieser Arschlochtage ...

Der Dominoeffekt

Auf der Anklagebank

Knappe Stellungnahme gefällig?

Back to myself

Adieu, mein Freund und Bruder

I luv u, Mom!

Schwafeleien und Machogehabe

Ausnahmezustand

Prostitution und Drogen

Übergriffe

Drama, Baby, Drama ...

Ein stetes Auf und Ab

Im Nimmerland

Meine Klientin Rawina

Bleiben oder gehen?

Letzte Schicht

Eifer sucht, was Leiden schafft

Der kleine Prinz

Die Erinnerung stirbt nicht

War das schon immer so?

Warnsignal

Viva Italia

Der Geigenspieler

Unsafe love

Fehlinterpretation

Auf wackeligen Beinen

Hobby: Partymaus

Durchgekautes

Verlassene, einsame Kinder

Festgenagelt

Romeo und Julia

Glücksmomente

Kleingeschnittene Träume

Schicksal und Fügung

Egotrip

Alles geben

Nie mehr ohne dich

Wie das Leben spielt

Ein dreiviertel Jahr später

First Dates

Muddis Liebling

Wankelmut

Seien wir mal ehrlich ...

Rätselhaft

Das Erwachen

Blitz und Donner

Diagnose: Auf dem Weg der Besserung

Click „stop“ and „play“

Besuch ausʼm Jenseits

Pinocchio

Brillanz der Dominanz

Auf zu neuen Ufern

Ebbe und Flut

’ne Spur einfacher, bidde!

Wo will ich hin?

Absurdität

Keimphobie, Scarlett Johansson, Schampus

Sex, Sex und nochmals Sex!

Sildefanil vs. Viagra

Flitterwochen

Zuckerbrot und Peitsche

Schreibblockade

Borderline-Desaster

Abwärtsspirale

Secretly Troublemaker

Schwanz einziehen is’ nich’!

Flashback – verlaufen im eigenen Kopp

Happy End?

Mir war so ...

Schwenkt mal einer die weiße Fahne?

Countdown

Last time(s)

Resümee

NACHWORT

Personen aus „ZWEI HERZEN“

Impressum neobooks

Zu diesem Buch

Bei diesem Buch handelt es sich um die Fortsetzung des Romans „ZWEI HERZEN Wer bin ich? Wer will ich sein?“. Für diejenigen, die mein erstes Werk noch nicht kennen, möchte ich kurz den Inhalt wiedergeben: Mit vierundzwanzig begann die Protagonistin Victoria, auch Vici genannt, kontinuierlich ihre Gedanken, Gefühle und Alltagserlebnisse aufzuschreiben.Auf der Suche nach sich selbst ging Vici zu den Anfängen zurück. Zu ihrer Mutter Christina, die sie im Alter von eineinhalb Jahren verlassen hatte. Zu ihrem liebevollen, aber alkoholkranken Vater Lenn, der sie verwahrlosen ließ, weshalb sie mit fünf in ein Kinderheim kam. Und zu ihren Adoptiveltern: der zärtlichen Susi, der sie vom ersten Moment an vertraute, und dem eher kühlen, rationalen Klaas. Unter dem Gefühl leidend, sich für dessen Zuneigung verbiegen zu müssen, rebellierte sie nach außen hin, was sie allerdings gegen sich selbst zerstörerisch werden ließ. Als Erwachsene sagte sie den Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzungen dann den Kampf an – zunächst mit ihrem Freund Sven an der Seite.Doch je mehr sie an Stärke, Orientierung und Lebensmut gewann, desto eifersüchtiger und kontrollierender wurde ihr Partner. Gefangen in der Angst, ihn zu verlieren, schlitterte Vici in Abhängigkeit zu ihm und bemerkte erst zu spät, dass sie Herz und Freiheit bereits verloren hatte.Nach aufreibendem Hin und Her trennte sie sich von Sven, holte das Fachabitur nach und erhielt einen Studienplatz an der Hochschule für Soziale Arbeit.In „REISE OHNE ZIEL Wo bin ich? Wo will ich hin?“ ist Vici inzwischen achtundzwanzig und nicht weit vom Ende des zweiten Semesters entfernt. Sie absolviert ein Praktikum in einer Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose und wird, obwohl es ihr dort gefällt, wieder von ihren psychischen Krankheiten, Triggern und unermesslichen Sorgen eingeholt – begünstigt durch die vielen Phasen des Leerlaufs und der Langeweile. Die Ursachen für ihre Labilität, wegen der sie erneut eine Therapie hat anfangen müssen, sind aber noch ganz andere. Zum Beispiel die Erinnerungen an den Tod ihres Halbbruders Lukas und vor allem das Mobbing an der Uni, das ihre restliche Studienzeit mit einem Schlag kolossal verändern wird.Weil es ihr in der Obdachloseneinrichtung an Struktur und Varianz fehlt, wechselt Vici in die Arbeit mit drogengebrauchenden Prostituierten. Parallel dazu beendet sie die Partnerschaft mit Paschi, dessen Machogehabe ihr mächtig auf die Nerven geht.Immer in der Sehnsucht nach Stabilität und Geborgenheit beginnt sie innerhalb der nächsten drei Jahre neue Beziehungen, die jedoch alle kompliziert sind und in denen sie alten Mustern verfällt, die sie an die Wunden ihrer Vergangenheit erinnern. Das Gefühl des Nie-satt-Seins bleibt. Zwischen Annahme und Abwehr ringt Vici um ihre Selbstbehauptung und erlernt zunehmend Abgrenzungs- und Bewältigungsstrategien.Nach einer Vielzahl von Enttäuschungen entscheidet sie sich zeitweilig für das für sie schwer erträgliche Alleinsein und schafft den Start ins holprige Berufsleben.Schließlich beweist Vici in der Ambulanten Sozialpsychiatrie Engagement und Ausdauer. Dort lernt sie den euphorischen, zugleich unnahbaren Liam kennen, der wie sie zwar alles andere als einfach ist, letzten Endes aber gewillt zu sein scheint, mit ihr gemeinsam aus selbstschädigenden Verhaltenssystemen auszubrechen.Victorias Geschichte spielt heute, im Zeitalter der Digitalisierung. Sie zeigt, wie eine zerrüttete Kindheit das Leben langfristig prägt, wie familiäre Haltlosigkeit und fehlende Sicherheit die eigene Existenz, das Selbstwertgefühl und Führen von Beziehungen beeinflussen.In ihren tagebuchähnlichen Aufzeichnungen setzt Vici sich mit psychologischer Selbstanalyse auseinander. Sie beschreibt und reflektiert ihr Verhalten – mal leidenschaftlich, verletzt, verliebt, wütend oder poetisch; mal sachlich distanziert, fast kalt, wobei ihre Stimmung von einem zum nächsten Augenblick ins Gegenteil umschlagen kann. Auf diese Weise werden tiefe Einblicke in Vicis sehr sensibles Wesen gewährt – bedrückend, erschreckend, schonungslos ehrlich. Aber auch kritisch, sarkastisch und schlagfertig. Daher bietet die Art, wie sie erzählt, viel Raum für die Sprache des Herzens.Es braucht Mut und Bereitschaft, sich auf Vici einzulassen und in ihre Welt einzutauchen.Mit meinen Romanen möchte ich meinen Lesern und Leserinnen insbesondere die Erkrankungen „Depression“ und „Bulimie“ sowie ein paar wenige Symptome der „emotional instabilen Persönlichkeitsstörung“ näherbringen. Diese können sich je nach Typus (Impulsiv oder Borderline) unter anderem in Wutausbrüchen, Risikoverhalten, negativem Selbstbild, idealisierten, zumeist intensiven, oft jedoch unbeständigen und/oder abgewerteten Bindungen ausdrücken.Außerdem möchte ich Menschen mit diesen Diagnosen ermutigen, der eigenen Wahrheit zu begegnen und Illusionen, die der Verdrängung dienen, aufzudecken.In meinen Werken gibt es keinen roten Faden im klassischen Sinne oder ein Happy End à la Hollywood. Mir ist wichtig zu veranschaulichen, dass es die kleinen Fortschritte und Erkenntnisse sind, die uns eines Tages hoffentlich bei uns selbst ankommen und uns sagen lassen: Ja, ich habe gelebt und es war gut, wie es war.

Widmung

Dieses Buch widme ich meinem inneren Kind.Und all jenen, die ich liebte und immer noch liebe.Besten Dank an Andree, dessen literarischeFähigkeiten zu kleinen Teilen in meinen Schrifteneinfließen dürfen. Danke auch an meine Lektorinsowie Susann B., die mein halbes Leben begleitet.

Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin,der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades.Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen;jeder strebt dennoch, es zu werden ...(Hermann Hesse, „Demian“)

PROLOG

LosgelöstWehmütig stehe ich hier und schau’ in die Schlucht,Spring ich, spring ich nicht? Du sagst, es sei Flucht.Aber was ist Flucht für dich? Ein Ausweg, wenn man nicht weiß wohin,Hab mich gesucht und dich gefunden – weiß nicht, wer ich bin.Probiert anzukommen, verlaufen, verirrt – wo ist mein Ziel?Hoffnung und Zuversicht, als ich mich hingab, dir verfiel.Du nahmst meine Hand und führtest mich – ich folgte deinen Schritten,Glücklich, unbeschwert tanzte ich mit und hab letztlich doch gelitten.Zu gefährlich nah erschien mir deine Wärme auf der Haut,Wurdest mir fremd, schienst plötzlich fern, zugleich vertraut.In meinen Gedanken betrachte ich dein unsicheres Gesicht,Das verzerrte, flehende Lächeln, das Angst verspricht.Deine Intuition sagt, sobald ich falle, kehr ich nicht zurück,Innere Leere, Handeln nach Gefühl – wir haben kein Glück.Zwei sich einst Liebende, deren Wege sich nur kreuzen konnten,Trotz gleicher Wünsche, sich in gemeinsamer Zukunft zu sonnen.Für mich und uns ist’s das Richtige; für dich ist’s falsch und intrigant,Dabei versuchte ich dich zu schützen, hab Zweifel beim Namen genannt.Eines Tages wirst du verstehen, dass es mir die Freiheit raubte,Ich wollte kämpfen, da ich an dich und unsere Liebe glaubte,Aber konnte nicht weiterlaufen, weil die Luft zum Atmen fehlte,Für mich in diesem Augenblick nichts als Unabhängigkeit zählte.Meine Füße schafften nicht, uns beide zu tragen,Mir wurde kalt, obwohl wir beieinanderlagen.Du hast mich gewärmt, deinen Körper fest an meinen gedrückt,Was ich zuvor mochte, wurde zur Qual – ist das nicht verrückt?Zurückgewiesen – mich selbst nicht verstanden, Tränen geweint,Jeden deiner Versuche nach Nähe und Zuwendung verneint.Nun stehst du mir gegenüber – wütend, hassend, verachtend,Über jede Entschuldigung und Erklärung verbittert lachend.Nein, ich kann dir nicht sagen, was in mir vorgeht, weiß es nicht.Aber sicher ist: Am Ende des Tunnels findet sich ein Licht.Dieses Licht, das wünsch ich mir für dich aus tiefstem Herzen,Das Letzte, was ich vermochte – deine Seele schmerzen.Finde den Menschen, der deinen Kopf auf seine Brust legt,Dich in seine Welt führt und dir zeigt, was ihn bewegt.Für mich ist’s der Weg zu mir selbst – erst frei und dann gebunden,Den Sinn, eine einzigartige Liebe zu finden, hab ich nicht gefunden.Lauf du – unbeirrt und selbstsicher, immer mit dem Blick nach vorn,Gib dich nicht auf, für nichts und niemanden, sonst bist du verlor’n.Vertraue dem Schicksal, die Zeit wird’s entscheiden,Für dich und mich – hoffentlich eine Liebe ohne Leiden.

Aus Sicht der Selbstbeobachterin

DamalsIch betrachte diese schlanke, fast zu schlanke, zwanzigjährige Frau. Wir stehen erst seit kurzer Zeit in engerem Kontakt zueinander, aber sie ist mir bereits seit Langem bekannt. Ich kann nicht behaupten, sie gut zu kennen. Ich weiß viel über sie, ihre Erfahrungen, ihr Leben ... Jedoch weiß ich nicht, wer sie wirklich ist. Sie wirkt geheimnisvoll, distanziert. Es fasziniert mich, dass sie so offen über sich selbst sprechen kann, gleichzeitig undurchschaubar zu sein scheint. Sie teilt ihre Gedanken mit. Emotionslos – als spreche sie über eine andere, nicht die eigene Person. Als lebe sie in einer fremden Welt, in ihrer Welt, in die niemand eindringen darf. Wie hinter einer verschlossenen Tür, die sich nicht öffnen lässt, weil der Schlüssel fehlt. Verschollen – für niemanden erreichbar. Ich beobachte diese Frau sehr häufig und frage mich, wer oder was sie so gekränkt hat, dass sie ihre Gefühle verbergen muss. Wo ist die Traurigkeit in ihrem Blick? Wo finde ich diese eine Träne, auf die ich warte, wenn schon ich bei ihren Erzählungen den Tränen nahe bin? Und was sind das für rote, vernarbte Striemen auf ihren Unterarmen?Sie ist beliebt. Hat einen großen Freundeskreis. Wird begehrt – von Männern und von Frauen. Auf Partys steht sie oft im Mittelpunkt – ohne es zu beabsichtigen. Sie ruht in sich – die Augen geschlossen, ihre herausstechenden Hüften im Einklang mit der Musik. Wenn sie dann die geschwollenen Lider öffnet, ist’s, als erwache sie aus einem Traum und lande zurück in der Realität. Enttäuschung. Genervt von den Kerlen, die sich schmachtend nach ihr verzehren. Als habe sie genug von der Masse – der Banalität und Oberflächlichkeit, die den meisten Menschen innewohnt.Manchmal spielt sie eine Rolle. Insbesondere wenn sie getrunken hat. Dann verhält sie sich plötzlich laut, auffällig und provokant. Verdrängung, Show nehme ich an. Keiner darf erahnen, was in ihr vorgeht. Kummer. Sie hasst es, gefragt zu werden. Je stärker sie sich gibt, desto schwächer wird sie. Verletzlich.Ich glaube, dass sie nicht allein sein kann. Zumindest fällt es ihr schwer, allein zu sein. Sie mag’s, Leute um sich zu haben, sofern es ihr gelingt, sich dabei unsichtbar zu machen. Sie beobachtet – genau wie ich. Interessiert sich, ignoriert nicht. Aber sie würde gern weniger sehen, einfach blind durchs Leben laufen. Mal fünf gerade sein lassen. Sich um nichts und niemanden sorgen. Sie hört mir aufmerksam zu. Ernst. Sehr ernst. Es bewegt sie zwar, was ich von mir erzähle, aber es berührt sie nicht. Verbirgt sich Kälte dahinter? Oder Schutz? Kälte, um sich zu schützen? Wann und wodurch trifft man sie? Gibt es einen Punkt, an dem sie ausbricht? Zerbricht? Welche Situationen oder Schicksalsschläge verbindet sie mit sich selbst und ihrer Vergangenheit? Was macht sie weich, lässt hinter die Fassade blicken? Ich weiß nicht, ob ich’s jemals herausfinden werde. Ob es überhaupt jemand schaffen kann. Und was nötig ist, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Gespräche allein sind es nicht ...

Einer dieser Arschlochtage ...

15. September 2015... So ein Tag, an dem in mir langsam eine Zündschnur abbrennt und ich darauf warte, dass die Bombe explodiert. Wenn sie’s doch nur täte ... Stattdessen implodiert sie in meinem Körper. Dumpf, lautlos, ohne Beben, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken. Dieses trockene Schlucken, das aufgesetzte Lächeln, die unterdrückten Tränen.Es war kaum auszuhalten, meinen Kollegen gegenüber freundlich und höflich zu bleiben, während sich mein Magen vor Schmerzen zusammenzog, die Galle hoch zum Hals stieg und ich mich selbst auf allen vieren visualisierte – erschöpft vorankriechend, mit den Zähnen knirschend ... Die Stunden und Gespräche fanden und fanden kein Ende. Das Gerede sprengte meinen Schädel, Nacken und Kiefer verspannten sich. Zu gern hätte ich geschrien, sie sollen aufhören, mich mit ihrem Gefasel zu belagern und mit ihren fröhlichen Fratzen anzustarren. Ungeduldig glotzte ich zwischen Uhr und Ausgang abwechselnd hin und her. Ich fragte zweimal, ob es noch etwas zu tun gebe, aber alle Aufgaben waren erledigt. Warum durfte ich dann nicht gehen? Wozu diese freizeitliche Unterhaltung, wo ich nichts mehr ersehnte, als endlich erlöst und allein zu sein? Ich weinte unkontrolliert in mich hinein. Nur meine Lippen funktionierten. Formten die Mundwinkel weiterhin nach oben und täuschten so eine perfekte Sonnenfassade vor.Ich versuchte, den Auslöser für diesen Ausbruch zu finden. Vielleicht hatte es gestern angefangen, weil ich wieder nicht umhingekommen war, meiner altbekannten Gewohnheit den Rücken zuzukehren. Triumphierend schwamm das Ausgekotzte in der Kloschüssel und bejubelte meine Niederlage, als ich enttäuscht und verbittert die Spülung betätigte. Die Vorwürfe gegen mich beherrschten Träume und Gedanken, hielten bis heut’ früh an, verschlugen mir die Sprache, katapultierten meine Stimmung in eine leere, dunkle Schlucht.Inzwischen verspüre ich Scham. Ich werfe mir nun nicht mehr nur den Rückfall, sondern meine ganze Persönlichkeit vor. So zu sein, wie ich bin. So zu handeln, wie ich’s tue. Ich verurteile mich für die mir fehlende Gelassenheit und Souveränität, für meine Rebellion, für meinen Pessimismus, für meine Dickköpfigkeit, für meine unnötigen Emotionsschwankungen, für meinen Wunsch aufzugeben, was mir nicht passt, und dafür, dass ich schöne Dinge und nette Menschen schwarzmale, sobald ich meine eigene Unzulänglichkeit nicht mehr ertrage. Dann sind alle für die äußeren Zustände, die mir missfallen, verantwortlich. Doch eigentlich bin ich diejenige, die dafür geradestehen sollte, aber Groll auf sich selber hat. Da ich nicht in der Lage bin, mich anzupassen, und jeder Abweichung von meinen Ritualen den Krieg erkläre. Ich führe Regie in einem Theaterstück, bringe die Dramatik in eine Komödie, die schließlich in einer Tragödie endet.Obwohl mir das Praktikum, das ich seit zwei Wochen mache, liegt und gefällt, übersäen die Probleme meinen Weg mit tausend Glasscherben, an denen ich mir die Füße blutig laufe. Es ist, als würden mich die Schnitte an all die Narben meiner Vergangenheit erinnern, die stets von Neuem aufreißen, sich entzünden, eitern, nicht verheilen. Dann bin ich so verwundet, dass ich mich geschlagen gebe, zu Boden falle, meine Trostlosigkeit annehme und letztlich an ihr scheitere. Wie viele Tode bin ich schon gestorben?Egal, was ich beginne, wo ich mich befinde, meine Schwierigkeiten begleiten mich überallhin und entziehen mir jegliche Vorfreude und Hoffnung auf eine leichtere Zukunft. Variierende Strukturen, Gewohnheiten, Regeln ... meine größten Feinde. Hürden, die ich erst zu überwinden lernen muss, bis ich meinen Rhythmus gefunden habe.Im Rahmen meines Studiums arbeite ich Vollzeit in einer Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose. Eigentlich hätte ich mein Praktikum gern in der niedrigschwelligen Drogenhilfe gemacht. Ich hatte mich nämlich bereits auf eine freie Stelle beworben und durfte dort auch hospitieren, wurde dann aber wegen meiner Offenheit und Kontaktfreudigkeit abgelehnt. Da hätte ich lieber angefangen, weil ich befürchtete, die Nähe zu den überwiegend alkoholabhängigen Obdachlosen würde mich zu arg an meinen leiblichen Vater erinnern. Obwohl er ebenfalls ein Konsument von Heroin gewesen war, das er sich finanziell allerdings nicht auf Dauer leisten konnte, scheute ich den Umgang mit einer akuten Drogensuchtklientel, die mir nicht ganz so dicht an ihm dran zu sein schien, weniger. Zumal mir Berührungsängste grundsätzlich fremd sind.Die Parallelen haben sich inzwischen glücklicherweise als unproblematisch herauskristallisiert. Es fällt mir leichter als gedacht, die harten Schicksalsschläge hier von denen meines Papas zu trennen. Manchmal erinnern mich einige der Besucher zwar durch ihre Erzählungen und ihren Geruch nach Bier, Pisse und Dreck an ihn; trotzdem gelingt es mir irgendwie, ein passables Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz, zwischen Mitgefühl und objektiver Betrachtung der Tatsachen zu finden.Vor Kurzem saß ich mit einem Gast im Beratungszimmer, um seinen Lebenslauf für den Antrag auf Arbeitslosengeld II anzufertigen. Er berichtete, bereits seit sechsundzwanzig Jahren unter der Brücke zu schlafen und wegen des Trinkens kaum in einer Obdachlosenunterkunft zugelassen zu werden. Er brauche dringend einen festen Wohnsitz mit Toilette – er sei schwer darmkrebskrank, scheiße sich ständig ein. Das tat mir leid, aber wirklich nah ging’s mir nicht. Es kratzte an der Oberfläche, prallte ab. Auf die Frage nach seinem Alter antwortete er: neunundvierzig. Und ich dachte ungerührt, dass Lenn im Vergleich zu dem – den Umständen entsprechend – vitalen Herrn vor mir, der sich klar und sachlich artikulierte, nicht mal die Achtundvierzig erreicht und sich – bevor er an den Folgen der Leberzirrhose krepierte – in seiner Demenz undeutlich und schwammig ausgedrückt hatte, schwach vor sich hingetrottet war. Zwischen den beiden Männern lagen Welten.Wenn ich heute an Papas Tod denke, regt sich kaum noch etwas in mir. Die Erinnerungen verblassen. Das Gesicht, das meinem ähnelt. Der Stolz über die von ihm geerbten hübschen Hände. Ich fange an, den Klang seiner Stimme zu vergessen. Das Lachen. Ich sehe ihn nicht mehr in meinem Spiegelbild. Da findet sich nur eine verwischte Skizzierung, eine vage Vorstellung. Obwohl ich ihn im Herzen trage – in Liebe, Zuneigung und Andenken ... Er ist fort, weit weg. Und mit ihm die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einem Daddy ... Sieben Jahre – eine halbe Ewigkeit ... Genug, um nicht länger zu vermissen? Meinem Gedächtnis wird er nie entfallen, ich halte ihn stets in Ehren. Registriere, sobald er sich meldet und zu verhindern versucht, ins Abseits zu geraten. Nicht selten begegne ich ihm in kleinsten Alltagssituationen. Zum Beispiel beim Kauf seines Lieblingseises und Hören von Soul- oder Jazzmusik. Wenn ich meine beste Freundin Charly in Harburg besuche, denke ich ganz besonders an ihn und unser letztes Wiedersehen, bevor ich ihn verlor. Gedanken, die im Bruchteil einer Sekunde verfliegen – so schnell, wie sie gekommen sind.Die Besucher der Einrichtung haben zu circa siebzig Prozent einen Migrationshintergrund. Größtenteils kommen sie aus Russland, Rumänien, Afrika und Polen und sind wunderbare, interessante, zumeist höfliche und friedliche Persönlichkeiten. Etliche der Afrikaner retteten sich über Lampedusa in den überfüllten Flüchtlingsbooten nach Deutschland. Nicht vielen merkt man ihre Traumatisierung an. Die Mehrzahl ist zugänglich, unterhaltsam, gelegentlich ’n bissl gierig, wenn’s um Markenklamotten aus unserer Kleiderkammer geht. Mir gefallen ihr Temperament, ihr weißes Lachen, ihre Neugierde. Und die Big Mamas mit den runden Gesichtern, den bunten Gewändern, Afrozöpfen oder hochgewickelten Turbanen. Sie wirken trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse lebensbejahender und fröhlicher als die anderen Gäste.Sie alle, im Besonderen die Obdachlosen, die nicht einmal einen Containerplatz haben, zu empfangen, kennenzulernen, zu betreuen und sich einzuprägen, erscheint mir trotz der Gewissheit, dass jede Begegnung ein Abschied bedeuten könnte, weil sie den kommenden Winter in der Kälte vielleicht nicht überleben werden, wie eine Berufung. Als hätte ich nie etwas anderes gemacht. Als wäre die Soziale Arbeit das, was man Bestimmung nennt. Meine Bestimmung. Lenn und sein Sich-nicht-kümmern-Können, das mein zügiges Erwachsen-werden-Müssen zur Folge hatte, haben mich in diese Richtung gelenkt. Unsere tragische Geschichte macht mich für diesen Bereich feinsinniger und robuster. Auch wenn’s zweifelsfrei schöner gewesen wäre, wenn ich dafür nicht einen Teil meiner Kindheit hätte einbüßen müssen, bin ich ihm unglaublich dankbar. Nun erhalte ich die Chance, einen Funken Licht in das triste, düstere Dasein derer zu bringen, die es brauchen. Meine Chance, das aufzuholen, was ich vor seinem Abgang gern für Papa getan hätte.Die Freude, die mir entgegengebracht wird, sobald ich einen traurigen Besucher mit einem Lächeln begrüße und ihm das Essen an seinem Tisch serviere, sind Momente des Friedens für mich. Ich will niemanden durch mein Mitleid in seinem Elend bestätigen, ihn besonders vorsichtig, rücksichtsvoll behandeln, sondern ihm als Mensch gegenüberstehen. Als Mensch auf Augenhöhe, der nicht tendenziell stärker oder ihm gar intellektuell überlegen ist. Weil das nicht stimmt.Faktisch würde man – gemessen an Schicht und Besitz – wohl sagen, mir gehe es besser. Klar hab ich ein Dach über dem Kopf, komme finanziell gut aus, kann essen und trinken, wann es mir beliebt. Dennoch behaupte ich: Fast jeder, der auf dem Asphalt hungert, friert und säuft, um den Frostschmerz in den steifen Gliedern und die Einsamkeit aushaltbarer zu machen, hat diese luxuriösen Möglichkeiten, die wir oft als selbstverständlich ansehen, ursprünglich ebenfalls genossen. Und doch zog die leidende Seele dem einen oder anderen ’nen Strich durch die Rechnung. Brachte ihn ins Draußen – an den Rand der Gesellschaft.Meiner Meinung nach ist keiner davor gefeit, sich in einer Kapitulation zu verschließen. Auch jene nicht, bei denen scheinbar alles glatt läuft. Karriere, Ehe, Kinder etc. Die meisten schaffen es, ihr Prestige zu wahren, indem sie den geforderten Erwartungen gerecht werden, ohne (restlos) abzustürzen. Sie tarnen sich hinter einer Maske der Brillanz, wie ich es tue, flüchten sich in Pflichten, Ziele und Träume von Heirat, Familiengründung, Hausbau ... (wovon träume ich eigentlich?). Oder sind einfach zu wurschtig, sich darüber Gedanken zu machen. Das beneide ich ja.Währenddessen zerbröckeln langsam die Zuversicht und das Innere manch anderer. Diejenigen, die das Ultimum der Selbstaufgabe schon erreicht haben, bringen sich um. Gegebenenfalls. Auf unterschiedliche Weise. Radikal von jetzt auf gleich oder in einem schleichenden Prozess – durch Vergiftung ihrer Körper mit übermäßig falscher Ernährung, mit Zigaretten, Alkohol und Drogen.Etlichen ist es unbegreiflich, wie man’s so weit kommen lassen kann, obdachlos zu werden ... Dabei braucht’s nicht viel, um ganz unten zu landen. Man verliert Job, Geld, Wohnung und letztlich Freunde. Wer nicht über die nötige Kraft verfügt, sich wieder hochzuziehen, beginnt, seine Wahrheit zu verdrängen, sie eventuell sogar zu ertränken.Vermutlich steckt in jedem, der dazu geboren wurde, enorm dünnhäutig, melancholisch und depressiv zu sein, ein Selbstmörder. Entweder der, der tatsächlich den Freitod wählt, oder der, der ihn sich in schlimmsten Krisensituationen als „Notausgang“ offenhält.Ich bezweifle, dass ich zu denen gehöre, die den Mut aufbringen, ihre Existenz freiwillig und abrupt zu beenden. Aber ausschließen kann ich das nicht. Denn immer dann, wenn meine Pein mich niederdrückt und droht, mir die Luft abzuschnüren, höre ich die Tür verführerisch klappern.Ich müsste nur zum richtigen Augenblick auf die Autobahn rennen, um überrollt, plattgefahren zu werden, und wäre von all den Ängsten, die ich habe, erlöst. Auch von der Horrorvorstellung, eines Tages im Badezimmer an meinem Erbrochenen zu sterben. Allerdings wünsche ich mir einen Tod, bei dem mein letzter Gedanke nicht dem Gewicht auf der Waage gilt. Noch klebt ein Fleck Optimismus an mir, mich irgendwann einmal aus den Fesseln meiner Essstörungen und Depressionen zu befreien.Bisher verlor ich bei jeder Arbeitsstelle, in der ein Buffet mit deftigem Essen aufgedeckt wurde, die Beherrschung. Es ist einfach zu paradiesisch, die Köstlichkeiten, die ich mir sonst verbiete, in Reichweite zu wissen und en masse nachfüllen zu können. Denn das ist genau das, was sich eine Bulimikerin für ihre Fressattacke zubereitet.Da ich in meinem Praktikum auf keinen Fall negativ auffallen will, verzichte ich nach dem Mittagessen auf den Klogang. Die berufsalltäglichen Phasen des Leerlaufs und der Langeweile außerhalb der Öffnungszeiten bieten viel, viel zu viel Raum für Grübelei und Raserei. Bis der Feierabend naht, bin ich bereits kurz davor, psychisch wie auch physisch zu platzen. Je später es wird, desto krasser entpuppe ich mich als hysterische Irre. Mein Plan, nach der Arbeit im Fitnessstudio zu trainieren, erübrigt sich, weil der Schuppen bis dato an Mitgliedern überquillt und ich auf die Cardiogeräte warten müsste, wozu mir die Lust fehlt. Außerdem fühlt sich mein aufgeblähter Bauch zu schwanger-rund und fett an, als dass ich mich so präsentieren möchte. Und so droht es wieder ein Tag zu werden, der sich dem Ende neigt, ohne dass ich etwas Nichtverpflichtendes erlebt habe.Darüber hinaus drehe ich bei Einladungen zu nicht regulären Teamveranstaltungen vollends am Rad. Meine Unfähigkeit, zu diesen Nein zu sagen – aus schlechtem Gewissen – und dafür das klitzekleine bisschen freie Zeit, das mir bleibt, zu entbehren, lässt mich verrückt und panisch die Wände hochklettern.So zieht Stunde um Stunde vorüber – in pausenloser Furcht vor Aufgabenmangel, Tristesse und Gewichtszunahme. Aufgaben, die man mir aufträgt – seien sie noch so stupide wie das Sortieren und Ausgeben der Besucherpost, Drucken von Dokumenten, Recherchieren, Befüllen der Getränkeplastikbecher, Geschirrspülen oder Aufräumen –, sind ein Geschenk. Denn jede Form von Ablenkung dient meiner Rettung.15. DezemberAuf den Tag genau sind nun drei Monate rum. Seit Oktober bin ich im dritten Semester und arbeite studienbegleitend, also nur noch zweimal wöchentlich.Inzwischen hab ich die Essbrechsucht größtenteils im Griff, widerstehe den Versuchungen und schleppe selbst zubereitete Mahlzeiten mit. Da ich die Durststrecken, in denen es nix zu tun gab, nicht länger ertrug, bat ich meinen Chef um ein Gespräch, das weniger dienstlich ausfiel als angestrebt. Ich brach unvermittelt in Tränen aus, legte alle meine Befindlichkeiten, Sorgen und Probleme dar, traf überraschend auf sein tiefstes Mitgefühl und Verständnis. Seither erlaubt er mir, früher abzuhauen, und zeigt sich bemüht, mehr Order zu erteilen.Unter anderem durfte ich unsere Gäste, deren Selbstwertgefühl ich stärken wollte, mit meiner Fotokamera porträtieren. Erfolgreich – die Ergebnisse kamen super an. Montags leite ich einen eigenen Malkurs, bei dem ich leicht intimere Gespräche zu meinen Teilnehmern aufbauen kann. Zusätzlich bastele ich neue Flyer für das Unternehmen und Weihnachtskarten für unsere Spender. Dass meine Kreativität wieder zum Einsatz kommt, zeigt mir, dass es doch zu etwas gut war, meine Ausbildung zur Grafikdesignerin abgeschlossen zu haben. Kunst für einen sinnvollen Zweck – das kann gar nicht verkehrt sein.Die sporadische Eintönigkeit akzeptiere ich innerhalb der überschaubaren zwei Tage als dortigen Bestandteil. Trotzdem rieche ich die nahende Gefahr bereits. Ab März muss ich nämlich erneut in Vollzeit arbeiten und lerne trotzdem viel zu wenig darüber, was das Berufsfeld eigentlich ausmacht. Die einzige Option auf ein Jahrespraktikum während meines Studiums möchte ich nutzen, um so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln und nach dem Bachelor bestens vorbereitet in die Soziale Arbeit starten zu können.Obwohl ich mich nur ungern von meinem netten Team und den mir ans Herz gewachsenen Besuchern trennen mag, werde ich mich nach ’ner Einrichtung umsehen, die Abwechslung und Struktur verspricht.

Der Dominoeffekt

17. DezemberKürzlich hat meine – keine Idee wievielte – Therapie begonnen. Das war auch dringend nötig nach diversen traurigen und geißelnden Umständen, die mich wie beim Dominoeffekt in einer Kettenreaktion zum Umfallen zwangen.Der Vater von Pascal, meinem Freund, erlitt letztes Jahr einen Herzinfarkt und lag vierzehn Tage lang im künstlichen Koma. Seither hat er Gedächtnislücken, Sprach- und Orientierungsschwierigkeiten. Dass Paschi sich auf den Verlust seines am meisten geliebten Menschen vorbereiten muss, nahm auch mich heftig mit und ließ aufs Neue den Kummer um Lukas’ Suizid erwachen. Mein Halbbruder (Sohn meiner leiblichen Mutter Christina) hatte sich im Juli 2014 kurz vor meinem 27. Geburtstag mithilfe eines rauchenden Holzkohlegrills im Badezimmer vergiftet. Ich konnte nicht verstehen, dass Lukas sich damals im Alter von zweiunddreißig gegen das Leben entschieden hatte. Wo Paschis Dad, fast sechzig, mit aller Kraft darum strampelte, seins zu behalten. Mir wurde klar, dass ich noch immer nicht wahrhaben wollte, dass Lukas tot ist, und mich strikt dagegen wehrte, Abschied zu nehmen. Wahrscheinlich trugen das Verdrängen und die fehlende Bewältigung dazu bei, dass mein seelischer Zustand immer schlechter wurde. Ich zog das Negative förmlich an, als würde ein Fluch auf mir liegen und Lukas probieren, mich mit in seine Hölle zu reißen.Onkel Andy war der Nächste aus meiner Familie, der sich auf bestialische und aggressive Weise selbst richtete. Ich kannte ihn kaum. Er war Pas Cousin, Sohn der verstorbenen Schwester meiner Oma Dagmar, Lenns Mutter. Trotzdem traf es mich wie ein Schlag, über die Zeitung zu erfahren, dass er sich in aller Öffentlichkeit in den Kopf geschossen hatte. Ich wurde die Panik nicht los, den Hang zur Selbstzerstörung und zum Freitod in meinen Genen zu haben.Pascals Vater, den ich als herzlichen und klugen Mann liebgewonnen hatte, im Dresdner Pflegeheim zu besuchen und ihn nun in diesem senilen, verwirrten Zustand vorzufinden, ertrug ich schwer. Es war bedrückend, wie er in einem seiner lichten Momente meine Hände nahm, mir zärtlich in die Augen sah und zu weinen anfing. Ich umarmte den abgemagerten, fahlen Körper und würgte die Tränen hinunter. Mein Blick fiel auf Paschi, der vor Schmerz kaum aufhören konnte zu schluchzen. Ich spürte, was er durchmachte ... Diese Ahnung, dass sich die Zeit langsam dem Ende neigt und sein Dad sich bald nicht mehr an ihn erinnern wird, weil seine Persönlichkeit galoppierend erlischt.Demenz muss eine grässliche Krankheit sein. Weniger für den Betroffenen selbst, schätze ich, als vielmehr für die Verwandten, die hilflos zusehen, wie der andere da und zugleich abwesend ist. Dieser Blick ins Leere, wie ihn auch Lenn einst hatte ...An Ostern dieses Jahres traten mir die Söhne meiner Nachbarn die Tür ein, die, als Pascal gerade wegen deren bollernden Klopfens durch den Spion sah, gegen seine Schläfe schlug. Blutende Platzwunde, Polizei, Anzeige, Erneuerung des Schlosses. Und wieso das Ganze? Weil er und ich innerhalb der erlaubten Zeit offenbar hörbareren Sex hatten als sonst.Mit denen bin ich schon seit meinem Einzug im Clinch. Die bulgarische Großfamilie teilt sich nämlich die zwei Dreißig-Quadratmeter-Wohnungen über mir, deren Eigentümer sie ist. Meistens muss ich bis in die Nächte hinein, an Sonn- und Feiertagen pausenlos Balkan-Gedudel, Hämmern, Scheppern, Gekreische und Gezanke ertragen. Des Weiteren sammle ich alle paar Tage Fluppenstummel, Spielsachen, Staubflusen und Kleidungsstücke von meiner Terrasse auf. Gelegentlich schreie ich nach oben, wenn ich jemanden dabei erwische, wie er seinen Teppich über meinem Blumenbeet ausschüttelt, oder renne hoch, um mir auf meine Beschwerde hin die Tür vor der Nase zuschlagen zu lassen. Wenn ich der „Crew“ dann im Treppenhaus begegne und freundlich grüße, schweigt sie und durchbohrt mich mit stechenden Blicken. Das stresst!Klar ist es heftig, dass sie mit so vielen Leuten auf engstem Raum leben müssen, ihre Matratzen nebeneinander auf dem Boden aufgereiht sind; dass sich die Ehefrau, die im Café nebenan putzt, beim Inhaber ständig über Rückenschmerzen und die Armut ihrer Familie beklagt und dass der nach Schnaps und Schweiß riechende, zahnlose Gatte ein gewalttätiger Alkoholiker zu sein scheint.Mich verärgert trotzdem, dass sie nach mehrfacher Aufforderung nicht imstande sind, sich an die Hausordnung zu halten. Was sagt die Verwaltung dazu? Nüscht. Und der Rest Nachbarn? Nüscht. Nun muss ich mich auf die Suche nach ’ner anderen preisgünstigen Bude begeben. Toll!Der nächste Dominostein kippte an einem Samstag Ende Mai.Ich war mit Charly auf’m Schanzenflohmarkt, als sie mit mir zu streiten anfing, weil ich drei kleinen Mädchen erlaubte, ihr junges Hundeweibchen zu streicheln. Charly hasst es, wenn Amy von fremden Leuten angefasst wird, zumal sie ohnehin extrem argwöhnisch ist, was dieses Tier betrifft. Bereits in der vorigen Woche hatten wir uns in die Haare gekriegt, nachdem aus’m Nichts ein Auto an uns vorbeigerauscht war und ich Amy, die ich an der Leine hielt, intuitiv an mich riss. Charly schrie entsetzt auf und obwohl überhaupt nichts passiert war, warf sie mir in ihrer cholerischen Art, die ich absolut null ausstehen kann, vor, ich solle besser auf Amy aufpassen. Wenn ihr was gegen den Strich geht, rastet sie immer sofort aus. Demzufolge reagierte ich auch an jenem Flohmarkttag schnell gereizt.„Die sollen gefälligst ihre Finger von meinem Hund lassen! Das weißt du doch!“, brüllte sie mich an.Ich versuchte, sie zu beruhigen: „Ja, tut mir leid. Aber das sind Kinder, Mensch. Ich meine, da kann man mal ’ne Ausnahme machen, oder? Denen kann ich’s halt nicht verwehren, deinen Hund zu streicheln. Also gib mir Amy gar nicht erst, wenn du eh keinen Bock hast, sie die ganze Zeit an der Backe zu haben!“„Niemand grapscht meinen Hund an, ist das klar?! Oder würdest du’s geil finden, wenn jeder dein Gesicht antatscht?!“ Dabei pladderten ihre Handflächen rüpelhaft meine Wangen ab.„Aua, nich’ so doll! Meine Güte ...“, seufzte ich. „Amy ist schwanzwedelnd auf die Mädels zugehopst – die hat sich voll gefreut. Genau wie die Kiddies.“„Du respektierst nicht, was ich sage. Amy ist mein Hund, mein Hund!“, keifte Charly – Spucketropfen sprühend.Mit dem untersten Zipfel meines Shirts wischte ich mich trocken und knurrte: „Beruhig dich, Madame. Ist ja guuut ...“„Ich bin nicht Madame!“, tobte sie – mit den Springerstiefeln auf den Boden stampfend.„Dann verpiss dich halt und nimm deinen Köter mit!!“, blökte ich zurück und machte mich auf den Heimweg.Erzürnt stieg ich in den Bus, stöpselte mir Musik in die Ohren und schäumte in Gedanken weiter. Bis das Kreischen eines Kindes mich hochschrecken ließ. Zwei verschleierte Frauen führten lautstark ’nen türkischen Dialog mit dem, ich vermute, Sohn der einen, der ’n etwa fünfjähriges Mädchen, vielleicht seine Schwester, für mein Empfinden megagrob über die Schultern und Sitzlehnen hinweg zur Mutter hievte. Der Junge, maximal sechzehn, wirkte überfordert und genervt, weil die Kleine nicht aufhörte, gequält zu plärren, woraufhin die Mutter aggressiv drohend die Hand erhob, sodass sich das Mädchen verängstigt und schutzsuchend zu den Füßen ihres Bruders zusammenrollte und seine Waden umklammerte. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte gefragt, was bloß in sie gefahren sei, ihrer Tochter solche Furcht einzujagen. Was würde sie später tun, wenn keiner mehr zusieht? Ihr Kind schlagen? Meine Blicke wanderten zu den fassungslos verstummten, kopfschüttelnden Fahrgästen. Niemand regte sich. Wütend und hilflos erreichte ich meine Haltestelle.Um meinem Ärger Dampf zu machen, der dank Charly ja ohnehin schon maßlos gewesen war, schilderte ich den Vorfall impulsiv, daher unüberlegt und naiv in einem Facebook-Post. Ich äußerte mich relativ abwertend zur Mutter des Mädchens, deren Handeln ich ultrakrass verurteilte.Zu Hause vergaß ich das Ganze erst mal, schlüpfte in die Jogginghose, kochte, aß, wusch ab, schrubbte meine Bude und schaltete schließlich den Fernseher ein. In den Nachrichten stritten die Politiker wie so oft über das Einwanderungsrecht für Flüchtlinge, um Grenzkontrollen, schnellere Abschiebung von kriminellen Ausländern, Aufenthaltsgenehmigung für Migranten, deren Integration gelingt, und Proteste rechter Parteien gegen Asylbewerber und Containerunterkünfte. Einerseits wurden die mögliche Einschleusung von IS-Leuten aus Syrien, die Bekämpfung der Terror-Miliz, das Problemlösen vor Ort und letztlich die Frage, ob der Islam nach Deutschland gehöre, diskutiert. Andererseits das Drama der ertrunkenen Opfer im Mittelmeer, denen dringend geholfen werden müsse.Ich stehe genau dazwischen. Selbstverständlich sollen Menschen in Not unterstützt werden, mich beunruhigt aber ebenfalls, dass islamische Fundamentalisten, die auf den Djihad-Krieg gegen den Westen abzielen, die Flüchtlingsströme zum Importieren von Terroristen benutzen könnten. Der Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ im Januar und die Angriffe im November am „Stade de France“, in Restaurants, Cafés, Bars und in der Konzerthalle „Bataclan“ in Frankreich machen mir Angst. Warum gehen die Politiker auf diese Gefühle nicht ein? Sie zu ignorieren ist keine Lösung, das bringt uns Bürger auseinander.Nach der Tagesschau zappte ich alle Sender durch und öffnete – vom Programm angeödet – die Facebook-App. Was ist denn jetzt los?, fragte ich mich erstaunt, als ich auf fast vierzig Kommentare stieß, die ich im ewig langen Herunterscrollen überflog. Mit Wucht wurde mir bewusst, was ich mit meinem Post ausgelöst hatte. Ein Shitstorm heftigster Empörung begrub mich unter sich und erstickte mich. Die Reaktionen meiner Kommilitonen waren das komplette Gegenteil dessen, womit ich gerechnet hatte.Niemand störte sich daran, dass ein kleines Mädchen menschenunwürdig behandelt worden war. Stattdessen stand ich im Brennpunkt des Problems. Man entrüstete sich darüber, dass ich die Mutter „Kopftuchalte“ genannt hatte, betitelte mich als rassistisch und forcierte einen hitzigen No-Border-Diskurs. Die Situation im Bus, um die es mir eigentlich gegangen war, ging dabei völlig unter.Voller Verzweiflung und in Erklärungsnot fing ich an, mich zu rechtfertigen und zu erläutern, dass ich eine Deutsche kein bisschen geringer beschimpfen würde; dass man das Verhalten von Ausländern doch nicht um jeden Preis billigen müsse und auch dort durchaus differenzieren könne. Anstelle von Zuspruch und Rückhalt erntete ich jedoch erbarmungslose Kritik und Vorwürfe, die sich anfühlten, als würde mich eine Truppe mit Kalaschnikows umzingeln, auf meine Stirn zielen, abdrücken und meinen Schädel in Milliarden winzigste Stücke zerfetzen.Die Bezichtigungen: Ich studiere den falschen Beruf; rücke eine Muslimin in schlechtes Licht; stecke alle Ausländer in eine Schublade; man bekomme wegen meiner Pegida-Haltung Bauchkrämpfe vor Entsetzen; hätte mich für empathisch und reflektiert gehalten, erkenne nun aber mein wahres Ich usw.Eine mickrige Minderheit meiner mir näherstehenden Follower, die nicht mit mir in eine Klasse geht oder sogar in real life meinem Freundeskreis angehört und ebenso wenig wie ich die AfD wählt, wappnete sich zu meiner und ihrer eigenen Verteidigung mutig, gut gerüstet und im Affekt zugegebenermaßen knallhart für den Kugelwechsel. Etwa in diesem derben Sprachjargon:„Wir reden hier über den Unterschied zwischen dem freundlichen Dönerverkäufer von nebenan und der Guck-nich’-oder-ich-stech-dich-ab-Fraktion! Zweiteres überschreitet die Grenze der Toleranz. Alle, die mutwillig unsere Regeln verletzen, müssen weg! Ausgewiesen gehören die, die keinen Respekt kennen oder sich strafbar machen! Wir sind ein demokratischer Bürgerstaat. Ausländer haben sich genau wie wir an die Gesetze zu halten. Punkt. Das wird man ja wohl aufgrund der freien Meinungsäußerung sagen dürfen!“Allerdings schaukelte sich das Gefecht durch ihr Einmischen so hoch, dass die Kluft zwischen mir und meinen Mitschülern noch weiter einkrachte, bis man mich schließlich skrupellos aus dem Studienforum schmiss.Parallel dazu bewiesen immerhin drei Leute aus meinem Semester Loyalität mir gegenüber, indem sie – wenn auch nur heimlich per E-Mail – Trost spendeten, Beistand leisteten und erzählten, sie wären wegen ähnlicher Debatten ebenfalls gemobbt worden.Sonntagmorgen löschte ich – völlig gefrustet von der, auch durch die provozierenden Beiträge meiner Freunde, aus dem Ruder gelaufenen Gesprächskultur – meinen Post und am Abend letztlich auch meinen Facebook-Account – optimistisch, damit würde sich das Thema erledigen.Dem war leider nicht so. Längst nicht ... Der Unterricht und die Pausen danach wurden zu einem regelrechten Albtraum. Sympathische Kameraden, mit denen ich früher einen netten Umgang gepflegt hatte, wendeten sich konsequent von mir ab, indem sie nichts auf meine Begrüßung erwiderten, sich von mir wegsetzten und mich aus den Gruppenarbeiten ausschlossen. Man verachtete mich nicht nur, sondern nahm keinerlei Notiz von mir, was ich als deutlich schlimmer empfand, weil es war, als gäbe es mich überhaupt nicht, als wäre ich unsichtbar. Hinter meinem Rücken zu tratschen, mich penetrant zu ignorieren und auszugrenzen genügte als Bestrafung aber offenbar noch nicht ...

Auf der Anklagebank

Meine wirklich engste Unifreundin Carolin konfrontierte mich ein paar Tage später mit der Information, dass eine Aussprache zwischen mir, ihr (der Seelsorgerin), vier Kritikern, zwei Personen meiner Seite und einem Dozenten (dem Mentor) geplant sei. Zu erfahren, dass gerade sie diejenige gewesen war, die mich beim Lehrer verpetzt hatte, ohne mich vorher in ihre Entscheidung einzubeziehen, war für mich überaus enttäuschend. Dennoch schürte sie auch mein Vertrauen darauf, dass sie sich um einen friedlichen Ausgang des Gesprächs bemühen würde, um zu vermeiden, dass ich den Rest meiner Studienzeit ausgeschlossen werde. Daher willigte ich ein.Zu meinem Schock aber begab sich Carolin auf die Seite meiner Gegner, die mich wie in der Facebook-Diskussion nach meiner Haltung auswrangen, während der Mentor, der mich vorher mit seiner Mitteilung, er könne meine Denkweise nachvollziehen, geködert hatte, schwieg, anstatt einzugreifen und mich davor zu bewahren, niedergeschmettert zu werden. Was ich wiederum so verlogen fand, dass ich gestelzt meine sarkastische Zunge schnalzen ließ und gepanzert zur Abwehr ansetzte: „Jetzt tut doch nicht so scheinheilig. Kein Plan, wie es euch geht, aber ich mag weder tags noch nachts mit Scheuklappen, krampfhaft meine Tasche festhaltend über die Slum-Bahnhöfe ‚Veddel‘, ‚Billstedt‘ und ‚Mümmelmannsberg‘ laufen. Vorbei an jenen bedrohlichen Muskelpaketen, die in Adidas-Hosen wie Gorillas breitbeinig die Promenaden entlangrollen.“ Überkandidelt mimte ich affige Uh-Uh-Geräusche und kratzte mich unter den Achseln, um mein Schwarz-Weiß-Gefasel auszuschmücken. In mir knallten die Sicherungen durch. „Jenen drogendealenden Hartz-IV-Empfängern, die zu fünft im fetten Mercedes sitzen und mit laut aufgedrehter Musik um die Straßenecken rasen. Jenen, die nur in ihren ‚Clans‘ stark sind und auf die Schwachen losgehen. Jenen, die gereizt ‚Was glotzt du, Alda?‘ fauchen, wenn man sie ’ne Sekunde zu lang ansieht. Und jenen, die, um Mitleid zu erregen, vorgeben verkrüppelt, verstümmelt oder blind zu sein, ‚Bitte, bitte!‘ flehen, einen bei Nichtalmosengabe fremdsprachlich verfluchen und sich dann in den frühen Morgenstunden quietschfidel Geld zählend in versammelter Bande tummeln. Mein russischer Kumpel – ein Sozialarbeiter übrigens – nennt sie die Krückstockmafia. Demnach ist er auch ‚rechts‘, oder?“Atemzug. Stille. Außer sich motzte Carolin: „Unerhört ...! Das kann nicht dein Ernst sein, Victoria! Du laberst eindeutig Pediga-Scheiße! Positionen wie deine sind schuld daran, dass Flüchtlingslager abfackeln!“„Und das aus deinem Munde ...“, schrillte ich zurück – mich selbst dabei beobachtend, wie sehr ich auf Zinne immer mehr meine Beherrschung verlor. „Wer hat mir denn diesen ganzen Schlamassel eingebrockt, hä? Das ist Verrat! Ich dachte, du kennst mich ... Mir ging’s nie darum, Religionsfreiheit oder Refugees welcome zu verneinen, sondern um das schändliche Verhalten einem schutzlos ausgelieferten Knirps gegenüber, das weder die Busfahrgäste noch euch interessierte! Was machtet ihr daraus? Eine Diskussion über Fremdenhass, auf die ich schön dämlich einstieg, indem ich mir erlaubte, mich skeptisch zu der absoluten Minderheit jahrelang eingesessener und in Deutschland geborener Nicht-Integrierter zu äußern. Was von dir, liebe Caro, so hingedreht wird, als würde ich applaudieren, wenn zigtausende Geflüchtete im Ozean ersaufen! Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun!!“Tuschelndes Köppe-Zusammenstecken. Rumpeln. Plötzlich rannten sie im verbalen Sinne wie eine Herde wild gewordener Kühe auf mich und meine Leute los, die, als sie sich zu mir bekannten, gleichermaßen in die Enge getrieben und zu Brei niedergetrampelt wurden. Ihr eingeschüchterter Anblick erinnerte mich an das Bild mit dem erstarrten Kaninchen vor dem aufgerissenen Maul der Schlange. Das fand ich echt nicht mehr lustig, vor allem aber äußerst verwunderlich. Vom Beschützerinstinkt geleitet schaufelte ich – im Vergessen meines eigenen Bibberns – alle gesammelte Wut zu einem Baggerhaufen zusammen und kippte ihn kaltblütig auf meine Kommilitonen. „Erbärmlich, dass ihr mich beziehungsweise uns tadelt – ohne euer Verhalten mal in Frage zu stellen. Natürlich hätte ich mir ein anderes Wort für ‚Kopftuchalte‘ einfallen lassen sollen. Aber was ihr hier macht, ist schlichtweg Mobbing und alles andere als sozial. In emotionaler Aufruhr hab ich only one time mit ’nem Ausdruck danebengegriffen, und ihr schließt daraus gleich auf mein Wesen, setzt mich wie eine Schwerstverbrecherin auf die Anklagebank. Mich kotzt eure selbstgerechte Art an! Ihr meint wohl, ethisches Wissen mit Löffeln gefressen zu haben und die Welt retten zu können, feiert euren heuchlerischen Idealismus aber lediglich theoretisch in irgendwelchen Netzwerken ab. Mich interessiert ja mal, wie ihr den herausfordernden Beruf, von dem ihr offensichtlich glaubt, er sei der richtige für euch, mit dieser Rosa-roten-Brille und Asozialität meistern wollt!“Ich wurde angeglubscht wie von aufgescheuchten Straußvögeln, die ihr Gefieder plusterten und die Schnäbel aufsperrten. Ich kapiere nicht, worum’s gehe, hieß es. Man sei verunsichert, wie man mir künftig begegnen solle. Ich könne froh und dankbar sein, dass es mich nicht so hart getroffen hätte, dass ich die Hochschule nicht mehr zu betreten wagen würde. In einer anderen Klasse wäre ich definitiv weniger glimpflich davongekommen; immerhin werde sich darum bemüht, dass mein Verhalten keine größeren Kreise ziehe. Sehr lobenswert ... Sollte das ein Freibrief für diese Marter sein?Fazit: Ich blieb stur, die Mehrheit „gewann“ und meine Freundschaft zu Carolin zerbrach.„Findest du mich rassistisch?“, fragte ich meinen Kumpel Mohamed.„Du und rassistisch?“ Er lachte, fuhr mit den Fingern durch die Pomadesträhnen und legte seine dunkelbehaarten Arme um meine Schultern. „Würd’ ich dann noch hier sitzen? Und warst du nicht mit Partnern unterschiedlichster Nationalitäten zusammen? Du hast zwar ’ne Kotterschnauze, aber rassistisch biste ganz bestimmt nich’! Zieh dir die Schleiereulenstory nich’ so rein, Vic! Pfeif drauf!“„Ich kann nich’ drauf pfeifen, Mo! Weil ich da echt Tag und Nacht drüber nachdenke. Ich verharre auf’m Abstellgleis! Am liebsten würde ich nicht mehr in die Hochschule gehen – so kannibalisch is’ das. Kannst du denn als Pädagoge wenigstens meine Differenzierung von Recht und Unrecht verstehen?“„Klare Sache“, nickte er und hielt kurz inne – an seinem Schnäuzer zwirbelnd. „Es geht nicht um angepasste Türken wie mich, sondern um Kanacken, die einerseits unseren Staat und die westlichen Werte ablehnen, andererseits Sozialgelder kassieren.“„Ähm ... Drastisch formuliert. Auch, ja. Ich spreche mich aber nicht gegen irgendeine Rasse aus. Ich meine diese unangenehm auffallende Männerschar, die nicht selten am Steindamm – in der Nähe des Straßenstrichs – herumlungert, und an der ich vor einer Weile vorbeikam. Lüstern geiernd, mit ’nem Hauch ironischen Untertons machte mir einer von ihnen das Kompliment, dass ich sehr hübsch sei – gefolgt von hämischem Gelächter. Diese „nette“ Geste erwiderte ich mit einem freundlichen Zwinkern, woraufhin man mir ‚Verpiss dich, du verfickte Lesbe, du hässliche Lesbe!‘ hinterherrief. Muss ich so was runterschlucken, bloß um als Gutmensch dazustehen?“„Natürlich nicht!“, quittierte Mo ernst, ehe er klatschend losprustete: „Mit der Raspelfrise siehste allerdings tatsächlich aus wie ’ne Lesbe. Lass ma’ wachsen!“

Knappe Stellungnahme gefällig?

18. DezemberMonate des Wirbels, der Bedrängnis, des Bangens, der Belastung, Selbstzweifel und Vereinzelung – sieben, um genau zu sein, die ich meine Gedankenbrut mental in der Gefängniszelle aussaß. Einem unterirdischen Verlies der Finsternis zwischen Stahl und Mauern – ohne Vor und Zurück. Mit kleinem, vergittertem Luk, durch das keine Prise Sonne flutete. Bis mir endlich der Ausbruch gelang und ich mich traute, die illustrierten, unzensierten, gemischten Gefühle aus Reue und Groll in meiner Praktikumsstelle zur Sprache zu bringen. Meine Kollegin empfand den Vorfall und wie mit diesem umgegangen wurde als hochgradig überspitzt und albern. Sie fing zornig zu protestieren an, dass die hart erkämpfte Emanzipation der Frauen durch die Verschleierung zunichtegemacht werde.Aber nein. Das Thema ist viel umfangreicher. So umfangreich, dass ich es jetzt nur anschneiden will – in einer energischen, rauen Sachlichkeit, die meinem Selbstschutz und der Abgrenzung dient und daher kaum Platz für Feinheit gewährt. Dabei hätte es inhaltlich eine detaillierte Ausführung von mehreren hundert Seiten verdient, weil’s ohnehin Vorurteile und falsche Schlussfolgerungen schürt, was innerhalb eines kurzen Abrisses nicht zu lösen sein wird. Ich bin keine Islam- oder Politikwissenschaftlerin. Nicht zuletzt deshalb fällt es mir überaus schwer, darüber zu schreiben. Trotzdem schlaucht mich diese Brisanz unermesslich. Bisweilen zermürbte sie mich sogar so arg, dass ich mich intensiv mit dem Koran, religiösem Fundamentalismus und den Pegida-Rassisten beschäftigte, denen ich zuvor kaum Beachtung geschenkt hatte, da ich nicht wusste, wer konkret sich hinter ihnen verbirgt, und tatsächlich glaubte, es handele sich um harmlose Demonstranten, die an eine mir nachvollziehbare, kontrollierte Zuwanderung appellieren.Erst seit der Debatte um die Flüchtlingskrise wird deutlich, wie sich Gesellschaft und Politik spalten, wie leichtfertig Lob, Tadel und Etikettierungen über die Lippen gehen, und wie sehr man darauf achten muss, was man wie von sich gibt.Im Gegensatz zu einigen anderen EU-Staaten beweist Deutschland bei der Aufnahme von Flüchtlingen eine überaus hohe Bereitschaft. Allerdings steigt die Zahl der Migranten langsam derart krass, dass es vielerorts zu Überforderung und zum Zank um gerechte Verteilung kommt.Während ein Teil der Bürger bezweifelt, dass man den Überblick behalten und die Massen bewältigen kann, oder sich um knappe Kita-Plätze und überfüllte Schulklassen sorgt, stürzt sich der andere Teil in ehrenamtliche Mithilfe und schließt sich Merkels Meinung Wir schaffen das an.Gleichzeitig aber dürfen die Ängste etlicher nicht totgeschwiegen werden. Denn spätestens im eigenen Erleben hat Toleranz Grenzen. Und es ist eben nicht nur Aufgabe der Politiker oder die eines Sozialarbeiters, Erklärungen für Missstände zu finden, sondern sie aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, beim Namen zu nennen und dementsprechend zu behandeln.Natürlich lassen sich die Gründe für unangemessenes und straffälliges Verhalten beleuchten – das machen wir bei Europäern auch, or? Mangelndes Benehmen und Brutalität findet jeder doof – unabhängig von Herkunft und Kultur. Wenn unsereiner uns die Vorfahrt klaut, uns anrempelt oder bespuckt, und wenn wir eine Mutter dabei erwischen, wie sie ihr Kind schüttelt, wird sie maßlos kritisiert. Darf man’s auch wagen, Gleiches bei Ausländern zu tun und zu fordern, dass sie den Tatbeständen gerecht sanktioniert werden? Ich finde, ja.

Back to myself

19. DezemberMeinen Minijob (zuletzt bei Balzac Coffee) musste ich wegen eines Nervenzusammenbruchs aufgeben und meine Rentenversicherung auflösen. Mit dem Geld kam ich neben der Unterhaltszahlung meines Vaters eine Weile gut längs. Erst als die Reserve fast aufgebraucht war und mein 28. Geburtstag nahte, an dem ich nicht mehr darauf hätte bauen können, dass Klaas mir finanziell weiterhin unter die Arme greifen würde, kontaktierte ich ihn. Bis aber endgültig feststand, worauf wir uns einigten, und bis der Erbverzichtsvertrag beim Notar unterschrieben wurde, vergingen Monate des Kampfes, der Ungewissheit und Existenzangst. Je mehr ich die Kontrolle über meine Emotionswelt verlor, umso drastischer stieg die Kontrolle über mein Gewicht an. Ich begann, weniger zu essen und mir die Kalorien in den Mund zu zählen. Jeder Bruch meiner Disziplin endete über der Kloschüssel. Die Bulimie beherrschte mein ganzes Sein, ließ mich zutiefst verbittert und in Bezug auf meinen Bekanntenkreis kleinkariert und zickig werden. Wer keine Zeit für mich hatte, wurde gnadenlos aus meinem Leben gestrichen. Und wer mich mit seinen Problemen belagerte, den hielt ich auf Abstand. Alles, was mir einst Freude bereitet hatte, war zur Last geworden und zum Scheitern verurteilt.Irgendwann verlor ich gänzlich die Lust daran, an der Gesellschaft teilzuhaben, und auch von Pascals Zuneigung fühlte ich mich mehr und mehr erdrückt. Phasenweise stand unsere Beziehung auf dem Spiel, da ich willkürlich Gründe suchte, mich mit ihm zu streiten, ihn zu kritisieren und ihm aus dem Weg zu gehen. Durch meine Distanz verlor er sein Vertrauen und das Gefühl, von mir begehrt zu werden. Ich unterband jeden seiner Versuche, mit mir intim zu werden, und reagierte gereizt, sobald er mich darauf ansprach oder vermutete, ich würde mich für andere Männer interessieren.Überdies ging mir auf die Nerven, dass sich seine Mutter in ihrer Einsamkeit ständig an mich wandte. Sie war mir unsympathisch geworden, seit ich mitbekam, wie sie trotz des Verfalls ihres Mannes einfach weitermachte. Sie sträubte sich vehement dagegen, ihn bei sich daheim zu pflegen, um ihm ein schöneres restliches Leben zu ermöglichen. Stattdessen kümmerte sie sich ausschließlich darum, ihren eigenen Bedürfnissen nachzugehen, ihre frisch gewonnene Freiheit zu genießen und seine ganze Kohle fürs Shoppen zu verprassen. Wenn ihr dann doch bewusst wurde, wie alleine sie eigentlich ist, heulte sie. Für ein solches Tamtam fehlte es mir an Verständnis und Kraft. Meine Kraft reichte nicht einmal für mich selbst.Um nach dieser aufreibenden Phase etwas Licht ins Dunkel zu bringen, schenkte meine Mutter mir für die Semesterferien im Sommer eine gemeinsame Reise nach Mallorca. Dieser Urlaub half mir dabei, ganze drei Wochen „clean“ zu bleiben, bevor das Praktikum in der Wohnungslosenhilfe begann und meine Essstörung erneut Achterbahn fahren ließ. Inzwischen ist’s im Schnitt nur noch ein Rückfall pro Woche.Auch wenn es mir so vorkommt, als würde mein Leben und das, was ich daraus mache, wenig Sinn haben, laufe ich wieder. Und bin froh darüber, dass mein Partner mit mir läuft, obwohl er es häufig schwer mit mir hat.Von Klaas erhalte ich eine Abfindung, die mir monatlich in steuerfreien Raten zugeteilt wird und es ermöglicht, mir keinen neuen Nebenjob suchen zu müssen. Nach seinem Tod steht mir außerdem ein kleiner Teil seiner Immobilien zu.In der Hochschule fühle ich mich nach wie vor wie ein rotes Tuch. Aber ich zieh das jetzt durch.In der letzten Sitzung wurde ich von meiner Therapeutin gefragt, was mir die Bulimie Positives gebe. Darüber musste ich sehr lange nachdenken. Sie bietet Möglichkeit, Frustration auszudrücken, Gefühle wie Leere und Ohnmacht zu verdrängen, über die Stränge zu schlagen – alles zu essen, worauf man Bock hat und etwas Geschehenes ungeschehen zu machen. Sie ist mein Ventil, wenn ich traurig, verzweifelt oder wütend bin.Sobald dieser Drang, einkaufen zu gehen, in mir aufkommt, bin ich wie fremdgesteuert. Dann sind da zwei Geister in meinem Kopf, die miteinander darüber streiten, ob ich’s wage oder sein lasse. Das Engelchen redet mütterlich und umsorgend auf mich ein, ich solle doch meinen Körper lieb haben und meine Gesundheit nicht gefährden. Es macht mich darauf aufmerksam, welche Konsequenzen ich auf mich nehmen müsse und dass es nicht weitergehen dürfe wie bisher.Das Teufelchen schreit: „Du hast ein Stück Schokolade zu viel gegessen! Willste riskieren, morgen ’n halbes Kilo mehr zu wiegen? Du warst auf’m best way abzunehmen. Mach dir das jetzt nicht kaputt!“ Oder es flüstert: „Der Tag war echt beschissen. Was stellen wir die restlichen Stunden an? Ich weiß auch nicht ... Komm, lass verkriechen, gemütlich vorm Fernseher an nichts denken, nichts fühlen, einfach nur fressen und kotzen. Danach sind wir müde genug, um einzuschlafen.“Meistens scheitere ich daran, dem Teufelchen zu widerstehen. Erst wenn die Tortur vorüber ist, sag ich zum Engelchen: „Hätte ich doch bloß auf dich gehört und das Geld gespart. Ich halte diese Magenschmerzen nicht aus. Wann endlich werde ich bereit sein, mir selbst zu begegnen? Warum fällt es so schwer, das Alleinsein und die mit ihm aufkommenden Emotionen zuzulassen?“

Adieu, mein Freund und Bruder

20. DezemberEin Jahr und fünf Monate brauchte ich, um Lukas nach seinem Tod zu besuchen. Heute schien für mich der richtige Zeitpunkt des Abschieds gekommen zu sein. Pascal begleitete mich. Wir fuhren eine Stunde lang, bis wir den Ort fanden, an dem er begraben liegt. Als ich verwirrt inmitten des großen Waldes stehen blieb, ärgerte ich mich über Christina, die sich für diesen Friedwald entschieden hatte. Verzweifelt suchte ich jeden nummerierten Baumstamm nach Lukas’ Namen ab. Je näher ich ans Ziel kam, desto aufgeregter wurde ich. Plötzlich stand ich vor ihm. Es war ganz ruhig in mir und um mich herum. Das schmerzliche Begreifen erreichte nun nicht mehr nur meinen Verstand, sondern traf mich tief in der Brust. Sentimental betrachtete ich die zarte, kleine Metallplatte, an deren Ecke ein Herz aus Stein heftete. Keine Blumen, keine Kerzen, keine Bilder ... Trostlos und verlassen wirkte dieser Platz. Paschi trat hinter mich, das Laub raschelte unter seinen Schuhsohlen. Er nahm mich in die Arme und wir schwiegen für einen Moment. Dann nahm ich unsere Fotos und einen Brief aus meiner Tasche. Leise las ich Lukas vor, was ich ihm widmete:Geliebtes Bruderherz,seitdem du mich und das Leben verlassen hast, ist nichts mehr, wie es war. Dein Tod hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen, mein Herz in zwei tranchiert. Bitte verzeihe mir, dass ich dich nicht schon eher an deinem Grab besucht habe. Ich wollte und konnte einfach nicht glauben, dass du fortgegangen bist. Ich hatte nicht vor, mich von dir zu verabschieden, denn ich mochte nicht realisieren, dass es kein Wiedersehen mehr gibt.Meine Gedanken waren bereits dabei, dir in den Tod zu folgen. Nun aber muss ich meine übrige Stärke aus dem mickrigen Eimer des Überlebensmuts schöpfen und meine Vernunft zu fassen kriegen.Du hast mir gewunken. Mich aufgefordert, dir nachzukommen. Und du gabst mir genug Gründe, das zu tun. Für mich ist die Zeit jedoch noch nicht reif. Trotz aller Schwierigkeiten muss ich weiter. Ohne dich. Deine Probleme werden wohl kaum aufhören, mich zu beschäftigen. Nach wie vor wirst du mir fehlen und meine Gedanken besetzen. Ich stehe dennoch hier ... Und trete einen Schritt zurück in das Leben. In mein Leben, das ich so gerne mit dir geteilt hätte.Ich bemühe mich, keine weiteren Fragen zu stellen. Und bitte unterlasse es, diese in mir aufzuwerfen. Du hast eine Entscheidung getroffen, die deine war, aber nicht meine ist.Ich liebe dich von ganzem Herzen. Glaube mir, eines Tages werde ich bei dir sein. Wenn es so weit ist, gib mir ein Zeichen. Ich werde dich suchen und finden. Bis dahin schenk mir die Zeit, die ich brauche. Und bestärke mich in meinem Willen, nicht aufzugeben.Für immer deine kleine Schwester und beste Freundin.Winselnd vergrub ich mein tränenverschmiertes Gesicht an Pascals Brust. Obwohl er Lukas nicht hat kennenlernen können, musste er mitweinen. Vor Aufbruch klemmte ich die Fotos mühsam hinter das Herz und sah ein letztes Mal in das lachende Gesicht meines Bruders. Es bekümmerte mich, dass er oftmals sarkastisch, abweisend und nähescheu war. Ich hätte ihn gerne mal so richtig innig umarmt. Er hingegen hatte es stets bevorzugt, mir kumpelhaft auf die Schultern zu klopfen. Eigentlich weiß ich recht wenig über ihn und seine Gefühlswelt. Nun ist es zu spät dafür, mehr in Erfahrung zu bringen.

I luv u, Mom!

25. DezemberDie wenigen Tage vor Weihnachten waren ziemlich aufreibend. Ich begleitete Pascal in seine Heimat, um seine Familie zu besuchen. Sein Vater verhielt sich unverändert. Alle paar Minuten vergaß er, was wir besprochen hatten. Und auch, dass sein Sohn seit bereits sechs Jahren in Hamburg lebt, entfiel seiner Erinnerung. Wir stellten ihm Fragen zu seiner Frau, seinem Beruf und zu Paschis Schwester.Erst beim Abschied zeigte er sich emotional gerührt und mochte sich kaum aus unserer Umarmung lösen. Mir war klar, dass seine Geste, mir einen Kuss auf den Mund zu geben, unbewusst geschah. Dennoch empfand ich sie als grenzüberschreitend. Wir standen uns noch nicht nah genug, als dass eine solche Intimität angemessen wäre. Ihn überhaupt in diesem Zustand zu erleben, wo ich ihm, bevor der Unfall passierte, erst viermal begegnet war, widerstrebte mir eigentlich. Ich tat es meinem Partner zuliebe.Paschi und ich schlenderten eine Weile über den Dresdner Weihnachtsmarkt. Im Anschluss trafen wir uns mit seiner Mutter im Café. Es irritierte mich, wie freudlos wir von ihr empfangen wurden und wie flapsig sie sich im Gespräch äußerte, während ihr die weißen, strohigen Haare flusig zu Berge standen. Paschi war zu Recht distanziert. Von seiner Schwester hatte er erfahren, dass ihrer beider Ma ihn nie wirklich geliebt hätte. Weil sie in Bezug auf ihn grundsätzlich desinteressiert und kühl zu sein scheint, kann ich mir gut vorstellen, dass viel Wahres dran ist. Aber auch mir gegenüber benahm sie sich gleichgültig und teilnahmslos. Schon in der Vergangenheit witterte ich, wie kleinkariert, gastunfreundlich und egozentrisch sie ist. Ihre Nettigkeit wirkte nicht selten aufgesetzt.Die Situation war angespannt, ich fühlte mich hilflos unter der erzwungenen Konversation und bemühte mich, ’nen lockeren Austausch herzustellen – im Vermeiden einer Ausuferung. Sobald sich Pascals Tonlage vor Wut verschärfte, trat ich ihm gegen das Schienbein und wechselte ruckartig das Thema. Es ist fruchtlos, sie auf ihr Verhalten anzusprechen, denn es liegt ihr fern, sich selbst zu reflektieren.Auf der Zugfahrt ließ er seinen Dampf ab. Dass ihm seine Mutter weder ein Geschenk überreicht noch uns ein frohes Fest gewünscht hatte, verschlug auch mir die Sprache. Ich riet, zukünftig auf die lange Reise zu verzichten. Ich jedenfalls würde sie ungern wieder auf mich nehmen, nur um diese Strapazen aushalten zu müssen, zumal es nicht meine Aufgabe sei, mich in deren Angelegenheiten einzumischen.Den darauffolgenden Tag verbrachte ich auf der Weihnachtsfeier der Wohnungslosenhilfe.Ganz überraschend hatte ich kurz vorher erfahren, dass ich mein Praktikum in einer anderen Einrichtung, bei der ich mich gerade erst beworben hatte, schon nach den Weihnachtsferien weitermachen darf. Bei einer Beratungsstelle für drogengebrauchende und sich prostituierende Frauen. Im Januar geht’s los.Mein Chef wusste bereits Bescheid, meine Kollegen mussten erst noch in Kenntnis gesetzt werden. Nach dem Essen hielt ich eine kurze Rede, bei der ich mich für die Zusammenarbeit bedankte und meine Entscheidung für den Wechsel begründete. Beinahe bereute ich den Entschluss, da ich mit so viel Bedauern nicht gerechnet hätte. Jeder Einzelne erhob sich und trat vor, um mich zu drücken und mir alles Gute zu wünschen; die Türen stünden immer offen. Besonders bewegten mich die Zeilen auf der Postkarte meines Chefs: Liebe Victoria, vielen Dank für deine Kreativität und offene, menschliche Art. Du hast etlichen Besuchern ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.Der 24. bei Susi verlief harmonisch. Wir tranken den letzten Glühwein in diesem Jahr, machten eine kleine Bescherung und kochten französisches Huhn zu Rosmarinkartoffeln. Mom ist enttäuscht darüber, dass ich so selten bei ihr zu Hause bin, weil ich mich davor ängstige, an meine Kindheit zurückerinnert zu werden. Daran, wie unsere kleine Familie zerbrach. Konnte sie überhaupt zerbrechen, wo es sie eigentlich nie gegeben hat?Vielleicht fürchte ich mich auch vor den möglichen Déjà-vu-Erlebnissen dieser schwierigen Zeit nach