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"ZWEI HERZEN" beschreibt die innere Zerrissenheit zwischen den Höhen und Tiefen des Lebens einer jungen Frau, die sich mit sich selbst und ihrer komplizierten Vergangenheit auseinandersetzt, um in der Gegenwart klarzukommen. Im Kampf gegen die Depression und Essstörung versucht sie, die Schatten ihrer Kindheit zu verarbeiten und sich den Fragen "Wer bin ich?" und "Wer will ich sein?" zu stellen. Die Suche nach der verlorenen Zeit, in der es an Familienzusammenhalt, Liebe und Anerkennung fehlte, beginnt.
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Seitenzahl: 433
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Nina Heick
ZWEI HERZEN
Wer bin ich? Wer will ich sein?
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
PROLOG
Wo bin ich?
Harte Kritik
Recht und Unrecht
Ein ungewöhnliches Treffen
Laylas Hochzeit und meine Erlösung
Lieben, die sich nicht leben lassen
Und plötzlich war da Sven
Zwang und Freiheit
Beziehung ist Arbeit
Berufsperspektive
Gefährliche Hingabe
Ein sentimentaler Monat
Vorbei, aber nicht vergessen
Judy
Du fehlst mir, Papa
Das Wiedersehen und der Abschied
Durchgeknallt
Ein kleiner Hoffnungsschimmer
Ich werde gelebt
Offenes Buch
Ich könnt’ kotzen
Schwarz und Weiß
Das Vorstellungsgespräch
Zurückgelassen
Debora in der Klapse
Glück
Positive Überraschung
Liebe is’n Arschloch
Der Ausbruch
The show must go on
Fucking Liebeskummer
Kompass des Herzens
Momentaufnahme
Ein vollkommener Augenblick
Hamburg hat mich wieder
Treue als Garantie für Sicherheit
Nichts ist mehr, wie es war
Funkstille
Ausbildungsstart
Ausweglos
Oben beim Bismarck
Wer bin ich, wenn nicht mein Körper?
Liebe und Hass
Traum und Analyse
Ich sei frei
Irgendwie muss es weitergehen
Lug und Trug
Ohnmacht
Im Kampf gegen die Depression
Unabhängig
Lichtblick
Reflexion
Ein Jahr mit gutem Ende
Frohes Neues
Der Rückfall
Die Krankschreibung
Ein unverzeihlicher Fehler
Aufwachen nach dem Albtraum
Charaktertypen
Aufgeplatzte Wunden
Déjà-vu
Stabilisierung
Ein Monat, ein Jahr
Angsttabu
Geschafft
Ich finde mich
NACHWORT
Impressum neobooks
Der Roman „ZWEI HERZEN Wer bin ich? Wer will ich sein?“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau auf der Suche nach sich selbst. Orientierungslos und unzufrieden beginnt die vierundzwanzigjährige Vici, kontinuierlich ihre Gedanken, Gefühle und Alltagserlebnisse in einer Art Tagebuch aufzuschreiben und nimmt die Leserinnen und Leser mit in ihre Welt.Einst in der Hamburger Gothicszene zu Hause, provozierend im Aussehen und mit einem exzessiven Lebensstil, trägt Vici inzwischen weniger Piercings und ist auch sonst unauffälliger – doch glücklich ist sie nicht. Ihre extremen Freundinnen sind ihr zu oberflächlich, sie weiß nicht, ob sie wirklich Fotografin werden soll, und fühlt sich nirgendwo so richtig zugehörig. Allein ihr neuer Freund Sven scheint ein Glücksgriff zu sein und sie so zu lieben, wie sie ist. Und sie ist nicht einfach.Um sich selbst zu finden, geht Vici zu den Anfängen zurück. Zu ihrer Mutter, die sie verließ, als sie eineinhalb Jahre alt war. Zu ihrem liebevollen, aber alkoholkranken Vater, der sie verwahrlosen ließ, sodass sie mit fünf Jahren in ein Heim kam. Und zu ihren Adoptiveltern, die sie kurze Zeit später aufnahmen: einer zärtlichen neuen Mutter, der sie vom ersten Moment an vertraut, und einem strengen Vater, den sie als fordernd und herzlos erlebt und unter dem sie leidet. Das Gefühl, sich verbiegen zu müssen, um geliebt zu werden, lässt sie nach außen hin rebellieren, aber auch gegen sich selber zerstörerisch werden. Den Depressionen, Essstörungen und Selbstverletzungen, die sie bis heute begleiten, sagt sie nun als Erwachsene den Kampf an. Und hat dabei zunächst auch Sven an ihrer Seite.Je mehr sie an Stärke, Orientierung und Lebensmut zurückgewinnt, desto eifersüchtiger und kontrollierender wird jedoch ihr Freund. Gefangen in der Angst, Sven zu verlieren, begibt Vici sich in Abhängigkeit zu ihm und bemerkt erst zu spät, dass sie ihr Herz und ihre Freiheit bereits verloren hat. Um diese zurückzuerlangen, öffnet sie, im Labyrinth ihrer Gedanken- und Gefühlswelten verirrt, eine Tür nach der anderen und trifft auf unterschiedlichste Menschen, die ihr dabei helfen, das Erlebte zu verkraften und sich selbst begreifen zu lernen. Nach aufreibendem Hin und Her gelingt es ihr schließlich, sich von Sven zu trennen und einen neuen Weg einzuschlagen.
Für meine geliebte Mutter
Zwei HerzenZwischen Traum und Realität Bin ich zerrissen.Ich habe zwei Herzen.Das eine weint – das andere lacht.Das eine schweigt – das andere spricht.Tränen – ein Kloß im Halse steckend.Was ist ehrlich?Das Lächeln auf meinen Lippen –Aufgesetzt und ernst gemeint.Wo bin ich?Ich habe mich verloren,Als ich nach Antworten suchte.Nun stelle ich keine Fragen mehr.Ich bleibe stumm und denke.Die Gedanken fressen mich auf.Ich löse mich auf.Wo kam ich her?Ich kann meinen Weg nicht finden.Verlaufen im Labyrinth,Das sich meine Seele nennt.Ich halte fest, obwohl ich loslasse.Wie kann ich etwas erreichen,Das sich nicht erreichen lässt?Ich habe zwei Herzen.Das eine lebt – das andere stirbt.Das eine wütet – das andere ruht.Ich verliere das GleichgewichtUnd falle.Hart ist der Aufprall,Tief sitzt der Schmerz.Aber ich stehe auf und gehe –Wege in die Ungewissheit.Ich sage Ja und meine Nein.Ich schrei: „Ich will nicht!“Dabei will ich mehr.Ich will nicht sehen,Ich will verstehen.Das Wissen nimmt mir den Atem,Die Hoffnung raubt mir die Kraft,Die Sehnsucht saugt mich aus,Der Wille lässt mich überlebenUnd die Erkenntnis schenkt mir den Tod.Ich habe zwei Herzen.Das eine traut – das andere scheut.Das eine schläft – das andere wacht.Das eine erinnert – das andere vergisst.Wie kann ich vergessen?Ich suche Halt und springe.Kaltes Wasser lässt mich frieren.Wo ist die Sonne, die mich wärmt?Ich schwimme.Tauchen in Dunkelheit,Einsamkeit und Stille.Ich bin allein mit mir –Hier will ich nicht sein.Die Oberfläche bringt Licht.Gefangen in Überdruss und Leere.Das Meer ist groß,Der Raum erdrückt.Welche Richtung führt zurück?An Land angekommen.Wie weit tragen mich meine Füße?Wofür lebe ich?Wenn nicht für die Liebe,Lebe ich für mich?Wie kann ich existieren,Wenn ich suche –Ohne zu wissen, wonach,Ohne zu wissen, wo,Und ohne zu wissen,Wer ich bin?Ich will nichtUnd doch will ich.Was will ich?Ich will nicht wollen.Ich habe zwei Herzen.Das eine liebt – das andere hasst.Das eine bleibt – das andere läuft.Flucht – auf der Suche nach Erlösung.Flügel lassen fliegen.Wann endlich fliege ichWeit über dir?Schaue hinunterUnd verlasse –Ohne Absicht auf Rückkehr?Wie lange wird es dauern,Bis ich erkenne?Wie viel muss passieren,Bis ich gesunde?Warum kann morgen nicht heute sein?
Oktober 2011„Es bewegt mich, dass du sagst, du habest deine Identität verloren.“Meine Aussage aus Charlys Mund zu hören, hat mich einen Augenblick lang gelähmt. Dass sie andere bewegt, führt mir die Schwere des Inhalts vor Augen. Es fühlt sich erkannt an, klingt fast vorwurfsvoll, aber irgendwie auch bemitleidend. Ich weiß, dass es so nicht gemeint war. Es sollte mitfühlend bei mir ankommen. Dennoch bedrückt mich der Satz, lässt mich grübeln. Ich habe mich preisgegeben ohne Erwartung einer Reaktion, allein aus dem Mitteilungsbedürfnis heraus. Jetzt bin ich erschrocken. Weil es wahr ist. Und tut Wahrheit nicht immer weh?Es war ein schöner Abend zu viert, bis er mir zu nah wurde. Themen angeschnitten wurden, mit denen ich nicht konfrontiert werden wollte. Nicht in dieser Konflikt- und Diskussionsweise.Dass die Treffen mit Charly in Gespräche über Gewalt, Drogen, Missbrauch und gescheiterte Beziehungen ausarten, ist mir nicht neu. Und trotzdem meide ich sie nicht – im Wissen, mit einer stabilen Distanz einzusteigen und mit einem unguten Gefühl wieder auszusteigen. Ich habe mich daran gewöhnt und akzeptiert, dass ich mich noch nicht bereit fühle, Abstand zu nehmen, was so viel gesünder wäre. Den Absprung zu schaffen von Menschen, die mir den Pfad versperren, weil sie sich in ihrer Laufbahn selbst im Wege stehen. Ich gehe schneller, rase fast, während ich mich begleitet, sogar verfolgt fühle. Gezwungen bin, auf den anderen zu warten, weil ich nicht Arsch genug bin, ihn in seiner Unfähigkeit und Unwissenheit zurückzulassen.Zu diesen Menschen gehört auch Debora. Ich kam an diesem Abend auf ihre Lebensart zu sprechen und die Freundschaft, die uns so viele Jahre verband und nun voneinander trennt. Es stört mich, dass ein Mensch mit fünfundvierzig weniger erwachsen ist, als ich es mit vierundzwanzig bin. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass sie sich wehrt, aus Fehlern zu lernen, oder ob es reine Dummheit ist. Vielleicht von beidem etwas. Ich habe mich weiterentwickelt, mich entfernt. Vom Extrem bis hin zum Einstieg in die Norm. Ich kann der Gothicszene, der Rumhurerei, den Alkoholexzessen und der Antihaltung in Bezug auf die Gesellschaft nichts Positives abgewinnen. Ich habe mir mit Debora nichts mehr zu sagen und bin angeödet, oftmals angewidert von ihren Liebhabergeschichten und Sexpraktiken. Mir ist unerklärlich, wie man stolz umherposaunen kann, eine Beziehung mit einer Transsexuellen zu führen, in der man den Drang zur Sodomie und den Hang zum Tausch der Geschlechterrollen lebt. Mag sein, dass ich abwertend und verurteilend daherrede. Nicht die Tatsache, dass es sich hierbei um eine Transsexuelle handelt, stört mich, sondern dass Debora sich von einem in den nächsten Exzess stürzt und dabei den Blick für die eigentlich wichtigen Dinge im Leben verliert. Wie zum Beispiel die Verantwortung für ihren halbstarken Sohn zu übernehmen, der mit siebzehn Jahren bereits über einen längeren Zeitraum Drogen und Alkohol konsumiert, an Schlägereien beteiligt ist und andere Straftaten begeht. Ich erkenne mich in diesem Jungen wieder und fühle mit ihm. Es tut mir leid, was er ertragen musste und ertragen muss – zu erleben, wie die eigene Mutter versagt.Vor sieben Jahren traf ich Debora und kenne das Drama inzwischen genauso auswendig wie das meine. Ihre Kinder Layla und Adrian müssen schrecklich unter ihren Depressionen gelitten haben. Den Zeiten des Selbsthasses, den Gedanken an Freitod, den ständig wechselnden Affären, den schlampigen Outfits, den unzählbaren Partynächten, die mit lustvollen Schreien im Nebenzimmer endeten, und nicht zuletzt unter ihrer Arbeit als Domina. Laylas Glück ist es wohl gewesen, frühzeitig auszuziehen. Sei es drum, dass sie eventuell dabei ist, sich in das nächste Unglück zu begeben. Adrian lebt nach seiner Flucht aus dem Jugendheim wieder bei seiner Mutter und streikte zu Recht, als er sie mit einer Transsexuellen wiederfand. Debora missfällt sein Verhalten, weil es Probleme macht und sie in ihrer Freiheit einschränkt. Es war abzusehen, dass Adrian seinen unfreiwilligen Internatsaufenthalt in Bielefeld abbrechen würde. Dass sich Debora allerdings, kaum dass er weg war, sein Kinderzimmer zu eigen machte, ist mir unbegreiflich. Dieser pure Egoismus übertrifft meine Wertvorstellungen. Ich bin diejenige, die sich anhören musste, wie unerwünscht Adrians Rückkehr ist und wie ratsam es für mich wäre, niemals Kinder in die Welt zu setzen. Traurig, dass man es einst tat, ohne jemals in der Lage zu sein, die Konsequenzen daraus zu ziehen, wo man doch hätte wissen müssen, nicht für Erziehung geschaffen zu sein.Als Freundin war ich lange Müllschlucker und Jasager. Was Debora will, ist mein Zustimmen. Bestätigung von allen Seiten. Das habe ich eine Weile lang ausgehalten und mitgespielt, bis ich zum Rand voll war. Seit zwei Jahren beziehe ich Stellung und rede frei heraus – ehrlich, direkt und manchmal kränkend. Es ist verschwendete Zeit und Liebesmühe, sie zu trösten und ihr Verlangen zu stillen – nach all den Versuchen, ihr den Spiegel vorzuhalten und eine Hilfe zu sein. Nach Warnungen, es sein zu lassen, tat sie trotzdem, was sie wollte. Sie mache es zu ihrem Spaß und habe die Kraft, Sex und Gefühle zu trennen, betont sie stets. Wie zum Beispiel Zwanzigjährige billig anzumachen, abzuschleppen und zu bumsen. Das, was übrig bleibt, sind nichts anderes als Enttäuschung, Wut und verletzter Stolz. Schuldgabe an die böse Männerwelt. Eine Verletzung mehr von unzähligen in ihrem, wie sie findet, ohnehin schon beschissenen Leben, das ihr ausschließlich Misserfolge bringt. Eine Fülle an Wiederholungen. Was sollte ich dazu sagen, geschweige denn davon halten?Während Charly Debora auf der einen Seite in Schutz nahm, gab sie mir auf der anderen Seite Recht. Zumindest darin, dass Debora in der Mutterrolle versagt. Wo ich allerdings heftig auf Kontra stieß, waren die Beziehungsecke und Deboras Hang zur Jugendlichkeit. Da sind sich die beiden sehr ähnlich, auch wenn sie neun Jahre voneinander unterscheiden. In der Lebensweise sowie in den Einstellungen. Ohne Einspruchsrecht bekam ich einen Vortrag über Andersartigkeit und Akzeptanz in der Gesellschaft zu hören, gefolgt von dem Vorwurf, spießig und intolerant bezüglich Transgender zu sein. Schließlich brachte auch Mona sich ein – mit einer Empörung, die ich so noch nicht von ihr kannte. In Streitlust, weil sie sich angegriffen fühlte. Was nicht meine Absicht war, zumal ich nicht wusste, dass ihre neue Herzensdame sich fehl im weiblichen Körper fühlt und unter ihren vollen Brüsten leidet.Es begann eine anstrengende Rechtfertigung und Erklärungsnot meinerseits, in der ich mühsam zu erläutern versuchte, dass ich kein Problem mit anders tickenden Menschen habe; genauso wenig, wie ich mich an Homosexualität und anderen Szenen stören würde. Ich toleriere sie, heiße allerdings nicht alles gut. Es ging mir ausschließlich um die Summe der Ereignisse aus Deboras Leben und den darunter leidenden Kindern. Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, mich von den unterschiedlichen Szenen fernzuhalten, weil ich es heuchlerisch finde, einerseits Toleranz für die eigenen Neigungen zu erwarten und andererseits selbst intolerant zu sein gegenüber allem, was anders ist als das eigene Empfinden. Ob es sich hierbei nun in der homosexuellen Szene um das Verpönen von Bisexuellen und Heteros oder in der schwarzen Szene von Farbigkeit und Chartmusik handelt. Wer Toleranz erwartet, muss ebenso Toleranz entgegenbringen, finde ich.Allerdings verletzt mich, dass Charly sagt, ich sei spießig geworden. Das kratzt zutiefst an meinem Selbstwertgefühl, obwohl ich das in der letzten Zeit manchmal selbst denke. Das war wohl der Hintergrund meiner Aussage, meine Identität verloren zu haben. Ich frage mich oft, wer ich bin, wo mein Ursprung war und was davon übrig geblieben ist. Wohin hat sie sich verirrt, die Vici, die lebenslustig ist, kreativ, voller Ideen, offen für alles und jeden, lautstark, zielorientiert und rebellisch? Ich habe mich verloren und kann mich nicht wiederfinden. Ich weiß nicht, wo ich suchen soll. Ich wollte mich anpassen, um akzeptiert zu werden und um es leichter zu haben. Ich gab mein exzessives Erscheinungsbild auf, meine Vorliebe für Tattoos, die Ringe im Ohr und die kurzen bunten Haare sowie ein Stück meiner Kreativität, die ich durch mein Aussehen präsentierte, um aufzufallen und zu zeigen, dass ich anders bin – anders als die Masse. Individualität muss nicht zwangsläufig optisch zur Schau gestellt werden. Man kann sich ebenfalls diskret, zurückhaltend und geheimnisvoll zeigen. Aber ich habe alles abgelegt. Mein kreatives Auftreten sowie mein kreatives Wesen.Bilder, wo ich hinsehe.Bilder, die bewegen.Bilder, die ich liebe.Bilder auf meinem Körper.Mal dir dein Bild von mir!Hier bin ich nun und schwimme. Zwischen Charly und anderen auf der Welt, die ihre Kunst leben, an sie glauben, provozieren und demonstrieren. „Selbstsubstanz“ – eines von vielen Tattoos auf Charlys bemaltem Körper. Ein schönes Wort, auch wenn ich nur eine vage Vorstellung davon habe, welche Bedeutung sich dahinter verbergen mag. Authentizität, Individuum, denke ich.Charly erzählte von Diskriminierung, Mona von Rebellion. Ich verstehe es, weil ich genauso war, aber gelernt habe, dass man seine Grenzen kennen muss. Auf alles und jeden scheißen kann man, aber man kommt nicht weit. Warum wohl finden Leute wie Charly keinen Job? Nicht allein ihre Rechtfertigung, sie sei panisch unter Menschen und habe eine schreckliche Vergangenheit hinter sich, erklärt die Folgen. Natürlich sind es außerdem ihre Unfähigkeit, sich anzupassen, ihre Rücksichtslosigkeit, ihr aggressives und lautes Organ. Eine krasse Optik stößt auf Vorurteile. Bestätigen sich diese durch das Verhalten, ist die Sache gegessen. Allerdings sollte man irgendwann kapieren, dass man sich ändern muss, um etwas zu erreichen, anstatt andere für die eigene Unzulänglichkeit verantwortlich zu machen. Mein Auftreten war lange nicht so extrem wie das von Charly, zumal uns ein wichtiger Faktor voneinander unterscheidet: Benehmen und respektvoller Umgang. Dennoch musste ich um Anerkennung kämpfen und meine Intelligenz unter Beweis stellen, was mir nicht immer gelang, weil es genug Menschen gibt, die sich nach dem ersten, oberflächlichen Eindruck eine Meinung bilden, die sich nur schwer beeinflussen lässt. Diese Niederlage kenne ich seit meiner Kindheit und sie begleitet mich bis heute, auch wenn meine Haarfarbe inzwischen dunkelblond und meine Piercingringe auf Stecker reduziert sind. Mein Kleidungsstil hat sich alltäglich im Sportlichen gefestigt, in Ausnahmesituationen feminin chic. Nicht zu chic. Hemd, Rock oder Hose zu Rollkragenpullover. Selten dekolletiert, niemals hohe Schuhe – zu unbequem und unpraktisch; phasenweise Hippie-Look.Von der Tatsache abgesehen, dass ich von Natur aus ganz gut gelungen sein mag, finde ich mein Erscheinungsbild relativ langweilig im Vergleich zu vor vier, fünf Jahren. Erniedrigend ist allerdings, dass ich trotz meiner Anpassung häufig ausgegrenzt und nicht akzeptiert werde. Offenbar entspreche ich noch immer nicht den Vorstellungen des Mainstreams und auch beruflich tun sich meine Fortschritte schwer.Ich muss zugeben, dass ich in meinen Zielen wählerisch und anspruchsvoll bin, und mir eingestehen, das eine oder andere Mal nach den Sternen zu greifen. Ich bin leicht zu begeistern und dabei oft unkritisch. Es dauert meistens nur wenige Wochen, bis meine Motivation kippt und ich das Interesse verliere. Wenn ich mich langweile oder mich unterfordert fühle, bringe ich dies durch Abgrenzung und Kontaktfaulheit zum Ausdruck. Ich bin mir sicher, dass das unter anderem Grund dafür war, dass mir mein Praktikumsplatz im Verlag gekündigt wurde. Ich habe doch keine vier Jahre lang Grafikdesign studiert, um Bilder und Texte in vorgefertigte Layouts hineinzuladen. Vorher arbeitete ich in einer Werbeagentur, bei der ich Logos für Gabelstapler- und LKW-Unternehmen gestaltete. Bis auf ein paar wenige Fotoaufträge nebenher hing mir auch diese Tätigkeit schon bald zum Hals raus.Die Fotografie ist meine Leidenschaft. Menschen und Momente einfangen, Emotion und Mimik einfrieren. Schicksale und Einzigartigkeit versuche ich in Bildern zum Ausdruck zu bringen. Das von diversen Fotografen anerkannte Talent nützt mir allerdings wenig. Ich bin ungeduldig und stehe unter dem Druck, zügig auf eigenen Beinen zu stehen und etwas Sinnvolles aus meinem Leben zu machen, um mich nicht wie Charly und Konsorten in Träumen zu verlieren. Der Stellenmarkt ist tote Hose – Assistenzjobs sind vergeben. Auf meine Bewerbungen, unter anderem zur Ausbildung im Fotostudio des Großunternehmens Kaiser, erhalte ich keine Antworten. Um ein zweites Mal zu studieren, fehlt mir die Kohle, da die meisten Studiengänge hohe Semestergebühren fordern. Andere wiederum versuchen mir mein Ziel auszureden, weil Fotografie ihrer Meinung nach nichts mehr mit Bildkunst zu tun hat und kaum gebraucht wird, es sei denn, man ist fit in Film und Beautyretusche. Filmen kann ich leider nicht.
NovemberGestern telefonierte ich mit Max Auerbach, einem anerkannten Fotografen, der mir von einem ehemaligen Arbeitskollegen meiner Mutter empfohlen wurde. Ein knallhartes, nicht ganz optimistisches, aber ehrliches Gespräch. Der Auerbach fragte mich, welche Präferenzen ich habe. „Sie wollen also Fotografin werden. Aber Sie haben mir noch nichts über Fotografie erzählt. Ich bin überzeugt davon, dass es sich ausschließlich um ein Hobby handelt. Wo sind Sie in Ihren Bildern? Wer sind Sie und was macht Sie aus? Sie meinen, es brauche Technikwissen und Equipment. Es braucht aber nichts dergleichen. Keine Lehre, keine Assistenzstelle. Das können Sie sich alles selber beibringen. Gehen Sie jeden Tag raus und produzieren Sie etwas, das so noch nicht existiert. Machen Sie Bilder, die herausragen. Ein Foto muss Eindruck machen, im Gedächtnis hängen bleiben. Es erlangt Aufmerksamkeit, wenn seine Grausamkeit Empörung schafft oder emotional berührt. Tun Ihre Fotos das? Ich schaue sie mir gerne an und entscheide, ob es sich überhaupt lohnt, Ihre angebliche Begabung zu unterstützen.“Auf viele der Fragen wusste ich natürlich keine Antwort, andere habe ich überhaupt erst nach dem Gespräch verstanden. Seine Theorien machten mich wortkarg und unsicher. Ich schämte mich und fand auf einmal, dass meine Arbeiten im Großen und Ganzen wenig rüberbringen. Sie zeigen Persönlichkeiten, die mich in ihrer Einzigartigkeit beeindrucken. Unterschiedliche Szenen und Generationen, Randgruppen und Grenzgänger, Gesichter und Körper, die das Erlebte und Genetische in Mienen, Falten, Narben und Tattoos sprechen und hinter die Fassaden aus Geheimnis und Undurchschaubarkeit blicken lassen. Wohl nicht für jedermann außergewöhnlich.Ich habe viele kreative Konzeptideen gehabt, die in meiner Unizeit von diversen Dozenten zerrissen und niedergemacht wurden, sodass sich die regelfreie Phantasie und das Selbstvertrauen in mir irgendwann in Luft auflösten. Seither bin ich zu voreingenommen und blockiert, um künstlerisch aktiv zu sein. Ich fürchte mich davor, dass die meiner Seele entsprungenen Werke wieder auf negative Resonanz treffen und missbilligt werden könnten. Das wäre für mich unerträglich, ich will dieses Risiko nicht eingehen. Einer meiner Lehrer meinte, ich könne nicht malen, ein anderer behauptete, ich könne nicht fotografieren. Das hat mich zweifeln lassen und an meinem Ego gekratzt. Ich will sie zurück, diese naive Kindlichkeit ohne Vorsicht und Vorurteil. Mir fehlt eine deftige Portion Mut, um mich nicht durch fremde Meinungen und Geschmäcker beirren zu lassen. Ich bin ängstlich geworden und stelle jeden meiner Schritte in Frage. Ich zerfetze meine Gedanken in tausend Stücke und bin nicht in der Lage, die Puzzleteile zusammenzufügen, weil mich das Chaos überwältigt. Ich vermisse das Unbeschwertsein und die Freiheit, so viel Zeit zu haben, wie ich brauche, um mir klar zu werden, wohin die Reise gehen soll. Die Uhr tickt unaufhaltsam. Unwahrscheinlich, dass der Jackpot an meiner Haustür klingelt. Ich gehe zwiegespalten zur Verabredung mit Max Auerbach am Freitag. Es kann hilfreich sein, jedoch genauso gut meine Zukunftsvorstellung zum Einsturz zwingen.In meiner Schulzeit wollte ich Kunst studieren und habe mich stattdessen für Grafikdesign entschieden, da die finanziellen Chancen besser standen. Heute bereue ich es.Das Treffen mit Auerbach ist so verlaufen, wie ich es schlimmer nicht hätte befürchten können. Tatsächlich sind meine Zielsetzung und der Glaube an mein Durchhaltevermögen ins Wanken geraten. Das Gefühl des Versagens und die Überlegung, alles hinzuschmeißen und wieder bei null anzufangen, legen sich wie ein schwerer, nasskalter Nebel auf mein Gemüt. Seine Kritik trifft mich krass. Dass sie so bitter ausfallen würde, damit habe ich nicht gerechnet. Mehrfach schluckte ich das Entsetzen und die Demütigung hinunter. Meine Achseln produzierten unbeeinflussbar und pausenlos Schweiß; mein Hirn verbot, dem Groll freien Lauf und stille Wuttränen fließen zu lassen. Habe ich mich so arg in mir selbst getäuscht und seltendämlich jedes Lob dankbar angenommen oder nahm ich meine eigenen Zweifel nicht ernst genug? Schlecht fand ich meine Ergebnisse allerdings nie. Das eine gefiel mir mehr, das andere weniger. Nur war ich unschlüssig, ob es allgemein ausreicht. Aber ist nicht jeder Künstler selbstkritisch?Max Auerbach kam im ersten Moment, als sich unsere Blicke bei meinem Eintritt trafen, freundlich rüber. Ich schätze ihn auf Mitte siebzig. Er duzte mich inzwischen. Wir setzten uns und er erzählte mir, was er seit unserem Telefonat über mich dachte.Die Dreistigkeit, mit der er mich, ohne mich zu kennen, verurteilte, schockierte mich. Ganz gleich, ob zu Recht oder Unrecht – eigentlich stand es ihm nicht zu, so derart in mein Privates einzudringen. Meine Sympathie für ihn schrumpfte sogleich auf ein Minimum.Ich sei ein verwöhntes Einzelkind – aufgewachsen bei der alleinerziehenden Mutter, die mir aus schlechtem Gewissen keinen Wunsch hatte ausschlagen können und mir auch als Erwachsene jede Kleinigkeit an Aufgabe ins Hinterteil schiebe, sodass ich nichts allein zu erledigen brauche. Auerbach sei aufgefallen, dass ich mich häufig entschuldige und rechtfertige; insbesondere aber habe er gefunden, dass ich sehr ich-bezogen sei und angebe; meine Kreativität und mein Talent betone, jedoch keine Ahnung von alledem habe; dass mich Fotografie und Kunst nicht ernsthaft interessieren würden, ebenso wenig wie die Technik und das Handwerk. Wenn man etwas wirklich erreichen wolle, könne man dies genauso gut ohne Hilfe – man fange einfach irgendwo an. Er bezweifle, dass ich mir Regeln erteilen lasse, und befürchte, dass ich bockig werde, sobald die Dinge anders verlaufen, als ich es mir vorstelle. Ich trage nicht die Verantwortung, etwas selbst in die Hand zu nehmen, sondern erwarte, dass man mir diese abnehme.An diesem Punkt hielt er kurz inne und verlangte meine Arbeiten. Nachdem er mein Magazin durchgeblättert hatte, setzte er seine Beurteilung mit der Vorwarnung, seine Meinung werde nicht positiv ausfallen, fort. Diese möchte ich in etwa wörtlich versuchen wiederzugeben: „Ich sehe weder Kunst noch Kreativität in deinen Bildern. Sie sagen nichts aus, sie sind nicht anders, nicht besonders. Man kennt sie schon. Es gibt nur zwei, die gut geraten sind – wohl zufällig entstanden. Du hast keine Ahnung von Lichtverhältnissen, Bildaufbau und Grafik. Das ist nichts. Die Geschichten zu den Bildern sind negativ. Die Menschen werden auf ihre Schicksale reduziert, als Rand der Gesellschaft dargestellt und in ihrem Dreck sitzen gelassen. Du schaust auf sie herab, anstatt die positiven Seiten dieser Personen zu zeigen. Ich finde das egoistisch und leichtfertig. Du machst diese Fotos, um dich als jemand Besseres zu präsentieren.“Ich fühlte mich beleidigt und zu Unrecht beschuldigt. Dass weder Herablassung noch Selbstverherrlichung in meiner Absicht standen, sondern einzig und allein die Charaktere und ihre Lebensinhalte, weil es mich interessierte, inwieweit diese zu Veränderungen im Verhalten und Handeln führten, hatte für Auerbach keine Bedeutung.Mein Fotobuch, das sich ausschließlich mit Frauen – auf der Suche nach sich selbst, im Ausmachen ihres Wesens, Denkens und Trachtens – beschäftigt und mit dazu passenden Statements unterlegt ist, änderte nichts an Auerbachs Einstellung. Ich sei untalentiert; es lohne nicht, sich für mich einzusetzen. Er sei zwar wegen seiner Connection in der Lage, mir meinen gewünschten Ausbildungsplatz im Fotostudio Kaiser zu verschaffen, aber wozu, wenn der Ideenreichtum in Fotografie, ebenso wie in Gestaltung, fehle. Er rate mir, mich beruflich neu zu orientieren. Ob ich ein wirkliches Talent habe, wollte Auerbach wissen. Ich flüsterte fast, ein Kloß im Halse steckend: „Ich schreibe gern.“Erneut schlug er das Magazin auf und las. Ohne aufzusehen, fragte er, wer mir dabei geholfen hätte. Keiner. Wirklich keiner? Nein. „Dann ist das Schreiben dein Talent. Mach was draus! Hier bist du ehrlich, so bist du.“
Sechs Tage sind seither vergangen. Ich habe lange über seine Worte nachgedacht und festgestellt, dass er richtig liegt. Ich bin verwöhnt und faul, tu nie mehr als nötig. Hilfe wiederum nehme ich ungern an. Wenn sich dennoch für mich eingesetzt wird, so passiert dies freiwillig, selten erbeten. Ich kämpfe für mich allein, oft gegen mich selbst. Ich lass mich nicht treten, ich trete in dem Tempo, wie es mir passt. Meine Feinde Druck und Erwartung bekriege ich stets. Letztlich bleibt mir doch nichts anderes übrig, als mich zu ergeben.Von Kunst bin ich nicht besessen und meine Kreativität hält sich in Grenzen. Ich habe nie behauptet, eine gute Fotografin zu sein, möchte ja schließlich auch erst lernen, eine zu werden. Ich brauche Vorgaben und Struktur, ansonsten schwimme ich gedankenverloren vor mich hin. Sofern ich nicht ausgerechnet zu der Erkenntnis komme, absolut die falsche Richtung einzuschlagen, bringe ich durchaus Angefangenes zu Ende. Technik übersteigt meinen Horizont – ich vergesse schnell, was ich nicht greifen kann. Logik ist mir nicht gegeben. Ich gehe nicht planlos raus, um spontan zu fotografieren; ärgere mich zugleich, wenn mir spannende Motive begegnen, während meine Kamera zu Hause im Regal verstaubt. Ich bin faul, das sagte ich bereits. Ich will frei sein und ungebunden – eine schwere Tasche hindert mich daran. Sachen tragen finde ich generell lästig.Oft fällt mir ein, dass ich mal wieder in die Kunsthalle gehen könnte oder ins Theater. Was hindert mich? Ich. Da sind so viele Dinge in meinem Kopf, die ich eigentlich gerne machen möchte, wenn mir das Aufraffen nicht so schwerfallen und Ausreden zu finden nicht so leicht sein würde. Zeit ist kostbar. Von ihr habe ich grundsätzlich zu wenig. Vielleicht stehe ich nach einer Ausbildung zur Fotografin wieder an dem Punkt, an dem ich heute bin, hätte dann aber immerhin das Handwerk gelernt. Bisweilen kann ich nichts außer angeben, wie Auerbach es so schön formuliert hat. Viel Wahres ist daran. Nur kam ich mir nie prahlend vor, als ich meine Talente zur Sprache brachte, da man mich von außen um diese meistens bewunderte.Ich begeistere mich für ästhetische Bilder. Ich will auch in der Lage sein, solche Fotos zu schaffen. Mich allerdings hinzusetzen und mir freiwillig Lehrbücher zu erarbeiten, dazu bin ich zu unmotiviert. Ein Lehrer, der mir zeigt, was er macht, sodass ich es ihm nachmachen kann, inspiriert mich schon eher zum „learning by doing“.Im Nachhinein bin ich der festen Überzeugung, dass Auerbach mich in seiner Bewertung nur indirekt gemeint hat. Sein Ärger galt insbesondere der bequemen Jugend von heute, die wohl nicht mehr zu wissen scheint, was wirkliche Ertüchtigung bedeutet. Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort, ein grandioses Ventil für Verachtung und Vorwurf. An mir konnte er seinen Ärger auslassen; mich mit dem, was er vom Nachwuchs hält, schamlos ohrfeigen. Von einer Generation, die es viel zu einfach hat und der das meiste hinterhergeschmissen wird. Die alles will und niemals satt ist. Wir wollen besitzen – ungeduldig, zäh und skrupellos. Ist die Konkurrenz groß, machen auch wir uns größer, als wir sind. Um in der Masse nicht unterzugehen. Ich habe mir seine Schläge zu Herzen genommen und werde mich in Zukunft nicht mehr in den Vordergrund drängeln. Seine Meinung meine Kreativität betreffend lasse ich jedoch nicht so einfach auf mir sitzen. Auerbachs Geschmack ist einer von vielen. Ich muss ihn nicht akzeptieren. Das, was er sagt, muss mich bei der Wahl meines Weges nicht zwangsläufig beeinflussen. Berge versperren einem im Leben oft die Sicht. Dann heißt es, Zähne zusammenbeißen und klettern. Seine Kritik bringt mich weiter und lässt mich mein Verhalten überdenken. Ich erwarte nicht von jedem, anerkannt zu werden, denn es braucht Ecken und Kanten zur Entwicklung.Beruhigend, dass nicht alle Fotografen seiner Meinung sind und manch einer genauso faul ist wie ich. René zum Beispiel. Oder Franca. René ist ein guter Fotograf. Vergangenen Sonntag nahm ich an seiner Produktion teil und schwenkte das Licht im Märchen „Die Schöne und das Biest“. Düster und geheimnisvoll. Es war schrecklich kalt, aber die Location genau richtig. Ich mag den Herbst – den November mit seinen prachtvollen Farben und dem Geruch nach Laub und Ästen. Man vergisst die Natur in einer Großstadt wie Hamburg und wann sonst komme ich auf die Idee, im Wald zu stehen und plätschernden Bächen zu lauschen?Wie Franca arbeitet, weiß ich nur aus Erzählungen. Der Austausch zu Kaffee und Zigarette war unterhaltsam und informativ. Uns trennen nur wenige Jahre voneinander, was mir die Kommunikation wesentlich erleichterte – kein Zähmen der Wortwahl nötig. Sie und René sind sich einig – weitermachen! Begabung hin oder her, die Technik würde ich in der Lehre und durch Praktika bei unterschiedlichen Fotografen lernen. Frauen hätten es allerdings schwerer, weil körperlich schwächer. Da es mir an Sportlichkeit und Kraft nicht mangelt, dürfte das weniger das Problem sein. The show must go on.
Bald ist Mitternacht. Wieder ein Tag um. Das Sofacafé ist ein gemütlicher Ort gewesen, um sich zu verabreden. Irgendwie war mir der Grund, weshalb ich Franziska hatte wiedersehen wollen, abhandengekommen. Wir haben uns am Set von René kennengelernt. Sie schaute niedlich und warmherzig aus. Während ich auf sie wartete, bestellte ich zwei Latte macchiato und hoffte, dass diese nicht erkalteten, ehe Franzi eintreffen würde. Ich erkannte sie nicht gleich. Erst als sie mir zuwinkte – ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. Sie übergab mir eine rote Rose. Eine kitschige Geste, wie sie fand, die mich verlegen machte. Sie habe die Rose einem Strauß aus der Agentur, in der sie arbeite, entnommen, um sie vor dem Verwelken zu retten. Eine nette Aufmerksamkeit, die ich für den Bruchteil einer Sekunde für eine Liebesbotschaft hielt. Franziskas unbedarfte und naive Art, mich während der Unterhaltung zu berühren oder sich an mich zu lehnen, schürten meine Nervosität und Befangenheit. Sie ist keineswegs eine Frau, die mir vom Typ her zusagen würde. Ich begehre sie nicht. Zwar genoss ich das Gefühl von Nähe, wusste aber gleichzeitig nicht, mit dieser Zärtlichkeit umzugehen und sie einzuordnen. Diese selbstverständliche Zuneigung, die Heterofrauen oft untereinander verbindet, überrascht mich immer wieder. Freundinnen, die umschlungen durch die Straßen gehen, aber keine Pärchen sind. Die eine, die der anderen den BH zurechtrückt – dabei zufällig die Brüste streift, ohne vor Scham im Boden zu versinken oder gierig auf deren Titten zu glotzen. Das ist für mich schwer nachzuvollziehen. Vielleicht würde ich befürchten, in meinen heimlichen Blicken ertappt zu werden. Blicke, die den einen Teil meiner Orientierung verraten könnten.Bereits nach dem ersten Milchkaffee plagte mich das Bedürfnis, allein zu sein. Es lag nicht an Franzi direkt. Ich wusste einfach nichts zu sagen. Wir sprachen über Männer, Musik, Grafik und Freizeitbeschäftigungen. Mir war nicht nach Reden zumute und sie zu unterhalten, um nicht unhöflich zu sein, langweilte mich. Ich sehnte mich nach genau dieser Natürlichkeit, die sie an sich hatte. Das Uneitle, das Unbeschwerte, das scheinbar Normale.Ich wollte weg von meinem Tiefgang und Gesprächen, wie ich sie sonst führte, und verfiel trotzdem meiner Ernsthaftigkeit, in der ich mich bremsen musste, nicht zu weit auszuholen, mein Leben und meine Emotionswelt auszupacken. Unwillentlich verspürte ich Neid auf das gute Verhältnis zu ihren Eltern, auf die Zufriedenheit mit ihrer Arbeit und auf das Wohlfühlen in der eigenen Wohnung. Diese Einfachheit ... Ich suche sie in Menschen, die sie besitzen, und möchte ein Stück von ihr haben, weil ich sie in mir selbst nicht finden kann. Leider ist es unmöglich, Leichtigkeit und Gelassenheit abzugucken. Nur wer sich selber hat, kann sich selber geben. Nach knapp zwei Stunden brach ich das Treffen ab, nicht ohne ein Zeichen der Enttäuschung in Franziskas Augen.Ich weiß schon jetzt, dass die rote Rose, die nun in einer Vase auf meinem Esstisch steht, Grund zur Aufregung sein wird. Ich habe keine Lust auf eine Erklärung und Auseinandersetzung mit Sven. Er wird seine Eifersucht wieder einmal nicht zügeln können und zum zigsten Mal darauf rumreiten, meine Leidenschaft würde den Weibsen gehören. Ich werde beteuern, dass ich ihn liebe und es keine Rolle spiele, welche Arten von Sexualität ich einst gelebt hätte.Wobei eigentlich ich das Recht dazu habe, ihn zu verurteilen. Von ihm erhielt ich in den vergangenen Monaten nämlich kein Blümchen.Morgen ist Laylas großer Tag. Mir graut. Sie heiratet einen Mann, den sie nicht liebt, und erhofft sich dadurch, Unabhängigkeit zu erlangen. Denn noch gehört sie ihrem Vater.Ich bezweifle stark, dass die Ehe mehr Freiraum schafft. Sie begibt sich von einem in den nächsten Käfig. Ich kann dieser Moscheenummer, genauso wenig wie der Religion, nichts Positives abgewinnen. Ich bin nicht rassistisch. Ist nur einfach nicht mein Ding. Es dürfen keine Fotos gemacht werden, Frauen und Männer sind räumlich voneinander getrennt. Die Trauung wird diskret behandelt. Keine Zuschauer, kein Strauß, den ich zu fangen versucht hätte. Würde mich nicht wundern, wenn alle weiblichen Gäste zu einer Verschleierung verpflichtet wären. Ich kann’s kaum erwarten – fetttriefender Fraß und Deboras Bumsneuigkeiten. Im Anschluss wird Sven auf mich warten und bis Sonntag bei mir bleiben. Nicht anders als sonst. Vorher Rasur- und Hautpeelstress, Anspannung wegen Schlafmangel, Einschränkung, Anpassung und Vorsicht und endlich Freude, sobald er im Eingang steht – die vertraute Umarmung, aus der ich mich nicht lösen will; unsere Lippen, die sich suchen und finden.
Schon eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn erreichten Debora und ich die Tragödie des Abends. Ich fühlte mich selten so fehl am Platz wie in dieser orientalischen Räumlichkeit – erfüllt von ohrenbetäubendem Türkisch-Pop. Meine Blicke wanderten von goldenen Pailletten über kitschige rosa-violette Wandbehänge, Plastikblumen, weihrauchgetränkte Silberkelche bis hin zu dicken Muddis und den dazugehörigen Töchtern – vollends verschleiert, in bunt glitzernden Trachtenkleidern aus Satin und Samt.Viel ist nicht zu berichten. Debora trug eine zweite Haut in Türkis, die weder Busenpracht in schwarzem Spitzen-BH noch üppige Speckrollen kaschierte. An ihrer Selbstdarstellung und ihren Erzählungen hatte sich nichts geändert. Ich überhörte und ignorierte. Hin und wieder lächelte ich, während ich beim Zusehen der bauchtanzenden Haremsdamen meine Flucht plante. Nach drei Stunden nahmen meine Ungeduld und Launigkeit überhand. Ich hatte Hunger.Endlich trafen Braut und Bräutigam ein und ergriffen mich tatsächlich für einen Augenblick lang. Debora stand das Wasser bereits in den Glubschern – beinah hätt’s auch mich erwischt.Layla sah angespannt aus, aber hübsch dabei in der weißen Pracht.Glückwunsch zur Ehe. Überreichen von Geschenken. Musik aufgedreht. Die füllige DJ-Lady schlackerte mit den Armen und ließ’n Kopp wackeln, das Publikum die Ärsche und Hüften.Um 22 Uhr roch es nach Futter. Der Duft von saftigem Fleisch machte mich unruhig. Da stand es nun, das gedeckte Buffet. Jungfräulich, unangetastet. Sabber im Mund. So sollte es leider bleiben – ich aß keinen Happen, denn schon um 22.30 Uhr holte mich mein Liebster ab. Länger hätte ich die Festlichkeit nicht ertragen.Erst nachdem ich meine Gier beim Inder in der Wandelhalle am Hauptbahnhof gestillt hatte, widmete ich Sven meine volle Aufmerksamkeit. In der Langen Reihe zu Cocktail und Baileys Latte macchiato konnte ich meine Finger schon nicht mehr von ihm lassen. Ich zog seinen Duft wie gutes Koks in meine Nase und muss total verstrahlt ausgesehen haben, verliebt wie ich ihn anhimmelte. Seine Komplimente besiegten alles zuvor Erlebte, nicht zu guter Letzt der Rosenstrauß, den er, vor meiner Haustür angekommen, aus dem Kofferraum zauberte. Endlich. Die ersten Blumen in fünf Monaten Beziehung. Fünf Rosen. Zwar keine roten, aber immerhin orangene. Die einzelne auf meinem Esstisch rechtfertigte ich, bevor er sie überhaupt sehen konnte. Reibungslos verlaufen.Eine unvergessliche Nacht, unvergesslicher Sex mit Happy End – im wahrsten Sinne des Wortes. Sein Kopf zwischen meinen Beinen, seine Hände überall. Und ich kam. Laut, leidenschaftlich, lustvoll. Ein Triumph für ihn, dass die vorigen Fehlschläge nicht an ihm gelegen hatten; Erleichterung für mich, dass es mir endlich gelungen ist, loszulassen. Ich hoffe, dass dies der Anfang war – der Anfang vom Ende einer Vielzahl an Verletzungen aus vorigen Beziehungen, insbesondere der Schäden meiner letzten.
In der Vergangenheit lernte ich, dass es Lieben gibt, die sich nicht leben lassen. Wie die mit meinem Ex Tim zum Beispiel. Eine Liebe, bei der man nicht mit und genauso wenig ohne den anderen existieren kann. Bei der man von vornherein weiß, dass es zwecklos ist, einen Versuch zu wagen, und es trotzdem tut. Bei der man liebt und zugleich hasst und schließlich daran zugrunde geht. Den Absprung schaffte ich erst im April dieses Jahres. Die endgültige, nicht erste Trennung erfolgte bereits im Januar. Keiner von uns vermochte es wirklich, aufzugeben. Zurück blieb nichts als Schmerz. Meine letzte Nachricht an Tim schrieb ich am vergangenen 13. Juni. Genau ein Jahr zuvor hatten wir uns kennengelernt. Das Fatale an der Sache – was mir erst im Nachhinein aufgefallen war – Sven und ich begegneten uns in dieser Nacht vom 12. auf den 13. Zwar haben wir den 12. zu unserem Datum ernannt, eigentlich aber brach ein neuer Tag an. Zufall? Ich weiß nur eines – Sven ist und gibt das, was ich mir gewünscht habe und was mir Tim niemals hätte bieten können. Sicherheit, Anerkennung, Loyalität. Dennoch bringt jede Bindung Probleme mit sich.Nachdem Tim aus meinem Leben und bevor Sven in mein Leben trat, gab es andere. Lückenfüller. Ich war nicht in der Lage, ernsthafte Partnerschaften einzugehen und emotionale Nähe aufzubauen. Mein Misstrauen war zu groß.Ich mochte Nele, weil sie jung war. Aber sie entsprach nicht meinem Beuteschema. Die Zielgruppe lag zwischen Ende zwanzig und Anfang dreißig. Nele war erst neunzehn und beeindruckte mich mit ihrer naiven Jugendlichkeit. Ich, zu dem Zeitpunkt dreiundzwanzig, hatte mir mit ihr nicht viel zu sagen. Zudem meinte ich, ich würde sie verderben, ihre heile Welt mit meinen Dreckserfahrungen verunreinigen. Wahrscheinlich habe ich sie unterschätzt, denn dumm war sie keinesfalls. Sie war ruhig und schlicht gestrickt, ein wenig gefühlsarm. Und sie wusste nichts über sich selbst. Sie tat gut, weil sie nichts erwartete. Weil sie mir nicht böse war, wenn ich Verabredungen ausfallen ließ. Sie hatte Verständnis dafür, wenn sie nicht bei mir schlafen durfte oder ich sie nach kurzer Zeit des Zusammenseins heimschickte. Jedenfalls akzeptierte sie es, ohne mir jemals Vorwürfe zu machen. Sie erlaubte mir, ich zu sein und mein komplexes Wesen im Raum stehen zu lassen. Wir konnten lange Arm in Arm daliegen und schweigen. Ich erinnere mich noch an jene Partynacht, in der wir in einer dunklen Ecke saßen und ich plötzlich zu weinen anfing. Mich bewegte wohl die Erkenntnis, dass sie mir gefiel, ich mich aber nicht in sie verliebte, da mein Herz noch immer für Tim schlug. Sie fragte nicht. Sie hielt mich einfach. Ich hatte mich im November letzten Jahres in ihr Lächeln verguckt. In einer Zeit, in der zwischen Tim und mir mal wieder Funkstille herrschte. Neles Lächeln erinnerte mich an das erste Mädchen, in das ich mich verknallte, als ich sechzehn Jahre alt war, mit dem niemals etwas gelaufen ist und dessen Erscheinungsbild ich in darauffolgenden Partnerschaften zu finden versuchte.Nele war es, die mich küsste und mir ein paar Schmetterlinge in den Bauch zauberte, bis ich erkannte, dass ich von ihr nicht mehr erwarten konnte, als einfach nur da zu sein. Das reichte mir nicht. Zumal mir Gespräche so wichtig sind. So erlosch mein Interesse und ich genoss die unbeschwerten Momente, in denen ich mich nicht verstellen musste.Sobald allerdings Tim ein Lebenszeichen von sich gab, ließ ich alles stehen und liegen.Irgendwann begannen mich Gewissensbisse zu zerfleischen. Ich fühlte mich verpflichtet, Nele einzuweihen und meine Sprunghaftigkeit zu erklären. Es dauerte, bis ich so weit war. Sie reagierte entspannt und gab zu, sich ihrer Gefühle selbst nicht im Klaren zu sein.Im März entschloss ich mich für eine Pause, die uns nicht mehr zusammenbrachte.Noch heute, wenn ich durch die Lange Reihe schlendere, denke ich an uns. Wie ich sie auf der Arbeit besuchte; wie sie mir an Nikolaus heimlich vier Schokokugeln in die Jackentasche schob; wie sie mich gackernd durchkitzelte, während ich um Erbarmen flehte, oder wie wir uns in der Kälte die rotblauen Hände wärmten. Dann frage ich mich, was sie wohl macht und wie es ihr geht. Vielleicht wären wir gute Kumpels geworden. Sie ist nicht die einzige Person, an die ich ständig erinnert werde. Jeden Tag beschäftigen mich Menschen, die mir einst begegnet sind und mich ein Stück meines Weges begleitet haben.Im Mai war es Ben, der bei den Grünanlagen im Schanzenpark meine Aufmerksamkeit geweckt hatte. Drei Wochen, die gut begannen, um sich kurz darauf in nichts aufzulösen.In den ersten Minuten unseres Gesprächs wurde ich bereits von meiner Intuition gewarnt, der ich zum Glück so schnell nicht nachgab. Er war randvoll mit MDMA und machte keinen Hehl daraus. Sein Verstand war klar und seine Ausstrahlung gab mir Grund dazu, die Gefahr, mich in die nächste Drogengeschichte zu begeben, fürs Erste zu verdrängen. Dass er glaubwürdig machte, das Zeug nur einmal genommen zu haben und es in diesem Sommer für ein zweites, letztes plane, machte mich zwar vorsichtig, nahm mir jedoch die Angst, er könnte so abrutschen wie Tim durchs Kiffen oder mich mit seinem Konsum anstecken. Unser erstes Date brachte skurrile Wahrheiten über Ben ans Tageslicht. Sie erschreckten und reizten mich zugleich. Er war Mormone, lebte noch bei seiner Exfreundin Marie, von der er sich erst kürzlich getrennt hatte, und war vernarrt in seinen Hund Basco – offenbar mehr als in alles andere. Der Köter war überall dabei. So süß und clever der Kleine auch dreinschaute, ich wurde seiner überdrüssig oder vielmehr Bens Besessenheit von diesem Tier. Es war das Gesprächsthema Nr. 1. Bens religiöse Neigung irritierte mich. Ich blieb auf der Hut und beobachtete ihn kritisch. Er war achtundzwanzig und Student auf Lehramt.Es mangelte ihm nicht an Intelligenz und ich bewunderte, wie viel er schon gesehen und erlebt hatte – auf Reisen und in unterschiedlichen Berufen. Wir trafen uns häufig und sprachen viele Stunden über alles, was mich interessierte oder auch an Themen neu für mich war. Mir gefielen seine Ansichten und Einstellungen, die den meinen ähnelten. Der erste Kuss war unbeholfen und passte nicht wirklich. Wir standen am Gleis – unentschlossen und nervös auf eine Reaktion des anderen wartend. Mehrere Züge brausten vorbei, ehe wir uns aus der Umarmung lösten und ich fortfuhr – betrunken vom Rausch der Aufregung.Ben scheute sich nicht, mir preiszugeben, wie sehr er an mich dachte, sich nach mir sehnte, und zu offenbaren, dass er sich verliebt hatte. Für ihn war ich bereits nach zwei Wochen die Frau, die eine perfekte Partnerin an seiner Seite abgeben würde. Die Art, wie er mich begehrte, meine Haut berührte, als sei sie aus zerbrechlichstem Glas, meinen nackten Körper betrachtete, als sähe er ein seltenes Ausstellungsstück im Museum, faszinierte mich einerseits und warf andererseits die Frage auf, wo sich der Haken befinde. Das ging so lange gut, bis er in die WG im Haus gegenüber seiner ehemaligen Butze zog. Mit diesem letzten Wochenende war es aus. Dass er den Kontakt zu Marie aufrechterhielt – angeblich des Hundes zuliebe – war sein Problem, das ich nicht zu meinem zu machen beabsichtigte. Ich hielt das Thema Exfreundin auf Distanz und betrachtete es mit kühler Nüchternheit, fing aber an, mich zu ärgern, als Ben mich gegen meinen Willen involvierte. Seine Egosuhlerei und die stolzen Berichte, Marie würde sich in Eifersuchtsszenen über mich auslassen und von mir abraten, wurden nervtötend und unausstehlich. Was unternahm er dagegen? Nichts. Warum erzählte er mir das?Die Krönung folgte. Ben und ich auf seinem Bett; sie kam von nebenan unangemeldet hereingestürmt. Es reichte offenbar nicht, mich als Nachbarsgast zu wissen. Sie musste sich der Konkurrenz stellen und zeigen, wer der Boss war. Aufgetakelt und mit der besten Freundin im Schlepptau begrüßte sie mich scheinheilig frohen Mutes. Während sie Basco streichelte und zu ihm sprach, er sei ihr Baby und keiner würde ihr dieses jemals nehmen, glaubte ich, in eine Irrenanstalt geraten zu sein. Die Situation war lächerlich und armseliger noch, dass Ben den Kinderkram mitspielte. Nachdem die Alte abgedampft war, stellte ich ihn zur Rede und gab zu verstehen, dass eine solche Konstellation nicht meiner Vorstellung entsprechen würde. Zum Schutz gegen Verletzung könnte dies meinen Rückzug bedeuten. Ben brachte weder Verständnis noch Mitgefühl auf. Alles, was er dazu zu sagen hatte – nichts halte ewig und für Treue gebe es keine Garantie – war weit ab von dem, was mir an Sensibilität vorschwebte. Fürs Vögeln hat’s in jener schlaflosen Nacht grad noch gereicht; zwei Tage später führten wir ein abschließendes Telefongespräch. Er fühle sich durch mich unter Druck gesetzt und könne keine Ängste von außen gebrauchen. Außerdem würde ich ihn an eine seiner Exen erinnern, die ihn einst zugrunde gerichtet und für die er sich maßlos aufgegeben hätte. Dem fügte ich nichts hinzu. Dass Ben nach knapp zwei Wochen Nichtmeldens per Mail den Ablauf des Ausklangs bedauerte und kundtat, sich zu Unrecht verurteilt zu fühlen, da er ja nichts falsch gemacht hätte – seine Gefühle ebenso schnell verschwunden seien, wie sie gekommen wären, wofür er ja nichts könne –, ließ mich kalt. Was ein feiger Bub ... Er war kein Verlust.SEIFENBLASENEinen Augenblick lang:ein Meer aus Farben,ein Lächeln auf den Lippen,noch einmal Kind sein,Augen schließen, genießen,bevor sie zerplatzen.Einen Augenblick lang:Wehmut.Einen Augenblick lang:Sehnsucht.SEIFENBLASENEinen Augenblick lang:Träumen ergeben,leicht und unbeschwert,fasziniert und hingerissen,Atem still, Kammerflimmern,bevor sie zerplatzen.Einen Augenblick lang:Verlust.Einen Augenblick lang:Schmerz.SEIFENBLASENEin Szenario aus schillernden Murmeln,das Formen von Kugeln der Gegenwart,schweben und steigen empor,weisen den Weg der Zukunft.
Und hier begann mein Glück. Ein One-Night-Stand, der eine ungeahnte Wendung nahm.Ich hatte mich für das Genießen meiner Freiheit entschieden und plante, Hemmungen abzulegen und mich auf puren Sex einzulassen. Keine Verpflichtungen, kein Stress.In einem kurzen Kleid, das beim Bücken die Sicht auf meinen prallen Arsch freigab, verabredete ich mich mit Mona auf dem Kiez. Ich schwebte arrogant und selbstbewusst durch die Straßen in Richtung Hamburger Berg und erwiderte das gierige Glotzen mit stolzem Lächeln. Unerreichbar, geheimnisvoll. Ich kam mir vor wie eine Edelhure, die skrupellos auswählen und wegwerfen kann, wie ihr beliebt. Im Pooca angekommen, forderten die elektronischen Bässe mich zum Tanz auf und ließen meinen Körper im Takt zappeln.Im Gedränge fiel mein Blick auf einen Jungen, der mir auf Anhieb gefiel. Ich behielt ihn im Auge und suchte seine Nähe. Meine Anwesenheit war ihm nicht entgangen und so gab ich mich zum Besten – die Hüften kreisend, die Möpse wippend. Mona durchschaute meine Absichten und sah sich anderweitig um. Ihr Gefallen galt einem blonden Mädchen, das offensichtlich zu der Clique meiner neuen Eroberung gehörte. Schweigend und schmunzelnd umhudelte ich meinen Schwarm, der mir irgendwie bekannt vorkam. Unsere Arme berührten sich zufällig, unbeabsichtigt wurden wir aneinandergedrückt. Die Menschenmasse gewährte wenig Spielraum, mein Herz hüpfte. Wir verhielten uns wie Kinder, die verunsichert zu Boden blickten und in Scham versanken. Mein Pegel verhüllte mich in einen angenehmen Trancezustand und setzte intimste Bedürfnisse und Phantasien frei. Ich wurde schüchtern und passiv – eingelullt von der Vorstellung, wie seine Küsse wohl schmecken würden, wie seine Lippen mit der Narbe darüber meinen Hals liebkosten. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er mich an sich zog und ich seine schlanke Taille umfasste – mein Kopf auf seiner Schulter ruhend. Er roch gut. Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und betrachtete es. Lange Wimpern. Große Augen, deren Farbe ich noch nicht bestimmen konnte. Hell waren sie. Und hübsch. Eine etwas schiefe, unperfekte Nase. Die Narbe über der Oberlippe ließ mich eine Hasenscharte vermuten. Ich erkannte dieses Gesicht. Das Haar dunkelblond, kurz und lockig. Er war groß, aber nicht zu groß, sodass ich mühelos zu ihm aufschauen konnte. Mein Körper schmiegte sich perfekt an seinen. Ich ertastete die Muskeln durch das T-Shirt – definiert und trotzdem zart. Kräftige Ober- und Unterarme – männlich und sexy. Sein Mund öffnete den meinen, unsere Zungen verschlangen sich innig.Er stellte sich mir vor. Sven, in Begleitung von einem Freund namens Nick aus Amerika, seinem Bruder Felix und dessen Freundin Kati, von der Mona so angetan war. Dann nahm er mich an die Hand und zog mich nach draußen. Erst im Licht fiel mir auf, wie jung er eigentlich war. Dreiundzwanzig – in meinem Alter. Er studiere Sportwissenschaft in Bremen und sei jedes Wochenende in Hamburg bei seinem Bruder. Ich fragte ihn, auf welche Schule er gegangen war, und es stellte sich heraus, dass wir einst die gleiche besucht hatten. Daher erinnerte ich mich also. Ich war froh, dass er mich nicht zuordnen konnte. Seither hatte ich mich um hundertachtzig Grad gedreht. Schlanker, sportlicher und weg vom düsteren Gruftlook. Sven fragte mich, wohin es noch gehe in dieser Nacht und ob er sich mir oder seinen Freunden anschließen solle. Das hänge von Mona ab, antwortete ich. Sie stand ein wenig verloren in der Ecke, als Sven und ich auf sie zukamen. Ich nahm sie zu mir und bemerkte ihre Enttäuschung. Nicht meinet-, sondern Katis wegen. Sie hatten wohl die Telefonnummern getauscht, was Mona Grund zur Annahme gegeben hatte, Kati könne sich ernsthaft für sie interessieren. Nur leider stellte sich heraus, dass Felix und sie ein Paar waren. Was Mona brauchte: Ablenkung finden in der Wunderbar. Aus Fairness begleiteten wir sie. Vorher gingen wir aber noch schnell auf einen Drink zum Spanier. Zufrieden und volltrunken genossen wir Mojito, Caipi und lauwarme Sommerluft – ich auf Svennis Schoß. Ein alter Mann beäugte uns, das scheinbare Liebespärchen, und fand, ich sei verliebt. Ich lachte erst ihm, dann Sven zu und trällerte: „Ja, jetzt, für heute gefällst du mir!“Die Wunderbar war nicht optimal für einen Heterojungen. In erster Linie wurden wir von Schwulen umworben. Während Mona mit einem Bekannten quatschte, schaukelte ich auf Svennis Schenkeln und erforschte die Kunst des heißen Knutschens. Plötzlich hielt er inne – mit flehender Miene, der eines Kindes gleichend. „Darf ich mit zu dir?“Durfte er? Unentschlossenheit. Ich wusste, worauf es hinauslaufen würde, but wasn’t that my plan, wasn’t it? Yes!Verabschiedung von Mona, Heimatantritt. Zügig kam’s zur Sache, dennoch anders als vorgestellt. Außergewöhnlich zärtlich, liebevoll und vertraut. Verstehen ohne Worte, Verwirrung meiner Sinne. Nun lag ich verschwitzt neben ihm, dachte: So einfach geht das! Schön. Jetzt kann er verschwinden, und schlief in seinen Armen ein.Am Morgen kämpfte ich mit der Unhöflichkeit. Der ist ja noch immer da! Und eine Fahne hat er!!! „Geh dir mal die Zähne putzen und pack deine Sachen!“ – das habe ich natürlich nicht gesagt. Stattdessen machte ich Frühstück – Naturjoghurt mit Obst und glutenfreie Brötchen mit fettarmem Käse. Im Gespräch erfuhr ich, dass ich es mit einem Schwerenöter und Herzensbrecher zu tun hatte. Er war wohl durch diverse Betten gehüpft und wehrte sich generell gegen engere Bindungen. Ach, so einer schon wieder!
