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Gerd Theißen zum 80. Geburtstag
„Resonanz“ ist eine für den Theologen Gerd Theißen zentrale Metapher. Mit ihrer Hilfe entwickelte er im Laufe seines Lebens eine „Resonanztheologie“, nach der der Mensch nicht nur nach Resonanz sucht, sondern selbst bewegt wird und sodann spürt, dass es wichtiger ist, „selbst Resonanz zu geben als diese zu erfahren“. Deshalb bestimmt die „Resonanz“ auch dieses Buch zu seinem 80. Geburtstag: Vielstimmig und multithematisch wird in Wort, Bild und Musik aufgenommenen oder auch durch diese ausgelösten Schwingungen nachgegangen, resoniert, räsoniert, weiterdenkend, antwortend – nicht nur auf den anregenden Jubilar, sondern dabei vielleicht auch auf das, was er gern die „Gesamtwirklichkeit“ nennt.
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Seitenzahl: 471
Veröffentlichungsjahr: 2023
»Resonanz« ist eine für Gerd Theißen zentrale Metapher.
Mit ihrer Hilfe entwickelte er im Laufe seines Lebens in vielfältigen Facetten (oder sollte man besser formulieren: in verschiedenen Klangfarben?) eine »Resonanztheologie«, nach der der Mensch nicht nur nach Resonanz sucht, sondern selbst bewegt wird und sodann spürt, dass es wichtiger ist, »selbst Resonanz zu geben als diese zu erfahren«.
Deshalb bestimmt die »Resonanz« dieses Buch zu Gerd Theißens 80. Geburtstag: Vielstimmig und multithematisch wird den in Wort, Bild und Musik aufgenommenen oder auch durch diese ausgelösten Schwingungen nachgegangen, resoniert, räsoniert, weiterdenkend, antwortend – nicht nur auf den anregenden Jubilar, sondern dabei vielleicht auch auf das, was dieser gern die »Gesamtwirklichkeit« nennt.
Dr. Gerd Theißen, geboren 1943, ist Professor em. für Neutestamentliche Theologie in Heidelberg. Er gilt als einer der kreativsten Exegeten der Gegenwart und entwickelte eine Theo-rie des Urchristentums, indem er die biblische Überlieferung mit Hilfe soziologischer und religionspsychologischer Fragestellungen untersuchte. Sein Buch »Der Schatten des Galiläers« ist seit mehr als 30 Jahren ein unübertroffenes Werk erzählender Jesusliteratur.
Die Herausgebenden:
Petra von Gemünden, geboren 1957, Dr. theol., ist Professorin für Biblische Theologie an der Universität Augsburg.
Annette Merz, geboren 1965, Dr. theol., ist Professorin für Neues Testament an der Protestantisch Theologischen Universität Amsterdam und Groningen.
Helmut Schwier, geboren 1959, Dr. theol., ist Professor für Neutestamentliche und Praktische Theologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.
Festschrift für Gerd Theißen zum 80. Geburtstag
Foto: Ilze Kezbere-Härle
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Copyright © 2023 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlagmotiv: Johannes Schreiter »Himmlisches Jerusalem«, Universitätsgemeinde Peterskirche Heidelberg, © Johannes Schreiter; Foto: Peterskirche Heidelberg
ISBN 978-3-641-30206-1V001
www.gtvh.de
Inhalt
Vorwort
Resonanzen – Wort, Bild, Musik
I BIBLISCH-THEOLOGISCHE RESONANZEN
1 »Lobt den Herrn, all seine Werke« (Ps 103,22)
Die Schöpfung als gottesdienstlicher Resonanzraum
Samuel Vollenweider
2 Ermunterung zum Wandern
Catherine Hezser
3 Religiöse Dissonanzerfahrungen
Biblische und psychologische Perspektiven
Anna Nürnberger
4 Resonance of A Life Journey
Eric Kun Chun Wong
5 Die Kirche als corpus mixtum im Matthäusevangelium?
Matthias Konradt
6 The Service of Simon’s Mother-in-Law as Gratitude and a Payment for Having been Healed (Mk 1:31)
David Álvarez Cineira
7 Resonanzen polyvalenter Erzählfiguren
Nikodemus und die Samaritanerin in ihrer Rezeption
Jörg Frey
8 Die Versuchung Jesu und die Übersetzung von πτερύγιον in der Vetus Latina Lukasevangelium
Annette Weissenrieder
9 »Sich selbst Freunde machen aus dem μαμωνᾶς des Unrechts«
Ein numismatisches Echo von Lk 16,9b bei Schimeʿon ben Kosiba
Max Küchler
10 Römer 1-3
Ein Text über die Menschheit
Oda Wischmeyer
11 Emotional and Mood Contagion
Gefühlsansteckung am Beispiel des Philipperbriefs
Petra von Gemünden
12 »Now the Lord is the Spirit«
A Christological Reading of 2 Cor 3:17
Peter Balla
13 Liberal Ecclesiology in Ephesians?
Robert Morgan
II SYSTEMATISCH-THEOLOGISCHE RESONANZEN
1 Resonanzen im Absurden
Christian Strecker
2 The New Testament as a Model
Reading the Bible with Richard Dawkins
István Czachesz
3 Literarisch-Wissenschaftliches Quartett
Gerd Theißens Religionskritik als Religionsdiskurs
Gudrun Guttenberger
4 Gottesstrafe und Sühnetode als Deutungskategorien von Erdbeben
Diskussionen in Japan
Takashi Onuki
5 ›Ein noch viel schönerer Römerbrief‹
Die Idee einer neuen hermeneutischen Theologie und der Römer-briefkommentar von Gerd Theißen und Petra von Gemünden
Martin Leiner
6 »We are one in Christ«
Reading Galatians 3:28 from the native understanding in Abya Yala
Yenny Delgado & Pierre-Yves Brandt
7 Mit Paulus über Paulus hinaus …
Der Streit um die Segnung homosexueller Menschen im Gottesdienst
Manfred Oeming
8 Zeitenwende für die Friedensethik?
Wolfgang Huber
9 Klimakrise und die Liebe zur Schöpfung
Eine neutestamentliche Annäherung
Hubert Meisinger
10 Endlichkeitsresonanz
Eberhard Faust
11 Tod und Schlaf, irdisches und ewiges Leben
»Argumente für einen kritischen Glauben« nach und gegenüber Matthias Claudius
Michael Welker
III PRAKTISCH-THEOLOGISCHE RESONANZEN
1 Der Doktorvater mit der Konzertgitarre
Ein Porträt von vier Saiten
Ilze Kezbere-Härle
2 Music as a Liturgical Early Christian Expression of Resilience
An Example from Acts 16:16-34
Dennis Solon
3 On a Song and a Source
Tom Holmén
4 Life – Encapsulated in Poetry and Sermon. Reflections on »Poems as Signs of Life«
Mourning for a Life between Sickness and Poetry«
Vicky Balabanski
5 Gott als enttäuschter Liebhaber?
Sarkastische Ironie als rhetorisches Mittel in Jesaja 6,9-10
Peter Lampe
6 Was, wenn alles nur erfunden wäre?
Über Literatur und Resonanzerfahrung
David Trobisch
7 Le Christ jardinier
Autre regard sur le message pascal de l’œuvre de Hans Thoma à la Peterskirche de Heidelberg
Christian Grappe
8 Thomas, le bienheureux douteur
Daniel Marguerat
9 Biblical Interpretation in Johannes Schreiter’s Physics Window
David G. Horrell
10 Apocalypse and Resonance at +1.5°C
Harry O. Maier
11 Alltag und Wissenschaft
Hanna Roose
12 Biblische Geschichten »redlich« erzählen
Ein Bericht aus der Praxis
Ralph Hochschild und Helmut Mödritzer
13 Gedichte und ein Rap aus Kindermund als Resonanz auf sozialgeschichtliche Exegese
Sylvie Thonak
14 Eucharist and Sacrifice
Dagmar Winter
15 Abendmahl verändert
Helmut Schwier
16 Was dem Leben dient
Jesu Orientierung an der religiösen Tradition Israels als Ressource für diakonische, soziale und pädagogische Arbeit heute
Bernhard Mutschler
17 Resonanz – ein übersehener Aspekt der Interkulturellen Theologie
Theo Sundermeier
Autor*innenverzeichnis
Vorwort
Resonanzen – Wort, Bild, Musik
»Resonanz« – dieses Phänomen kennt Gerd Theißen als Gitarrist sehr gut: Eine Saite wird durch einen Finger zum Schwingen gebracht, die Decke des Klangkörpers resoniert und schwingt, Boden und Zargen reflektieren das Ganze zurück und verstärken die Schwingungen, der Resonanzkörper gibt die durch denselben verstärkten Schwingungen spürbar an den Körper des Spielers und die Umgebung weiter. Unter den Fingern entstehen Töne, Musik wird hörbar, kann in den Hörer*innen widerhallen, Schwingungen auslösen, ja Stimmungen verändern, im besten Fall eine Resonanzgemeinschaft schaffen.
»Resonanz« ist eine für den Theologen Gerd Theißen zentrale Metapher. Auf diese Metapher hat er immer wieder zurückgegriffen, um vom (aktiven) Verlangen des Menschen nach Resonanz einerseits und seiner (passiven) Erfahrung der Resonanz zu sprechen – von einer Resonanz nicht nur im Zwischenmenschlichen, sondern auch in der außermenschlichen Wirklichkeit, einer Resonanz der Gesamtwirklichkeit, die den Menschen zur Antwort werden lässt (so schon 1968, jetzt in: Kritische Theologoumena. Reflexionen über die Wahrheit der Religion, in: Theißen 2020: 427-456, hier: 435). Mit Hilfe der Metapher der Resonanz entwickelte G. Theißen im Laufe seines Lebens in vielfältigen Facetten (oder sollte man besser formulieren: in verschiedenen Klangfarben?) eine »Resonanztheologie«, nach der der Mensch nicht nur nach Resonanz sucht, sondern selbst bewegt wird und sodann spürt, dass es wichtiger ist »selbst Resonanz zu geben als diese zu erfahren« (Theißen 2020: 11).
Deshalb soll die »Resonanz« auch dieses Buch zu seinem 80. Geburtstag bestimmen: Vielstimmig und multithematisch soll den in Wort, Bild und Musik aufgenommenen oder auch durch diese ausgelösten Schwingungen nachgegangen werden, resoniert, räsoniert, weiterdenkend, antwortend – nicht nur auf den anregenden Jubilar, sondern dabei vielleicht auch auf das, was er gern die »Gesamtwirklichkeit« nennt.
An diesem Buch haben viele mitgewirkt. Als Herausgebende danken wir allen Autor*innen für die anregenden Texte, die auf je eigene Art auf Gerd Theißens Theologie antworten. Eine Festschrift ist eine besondere Form der Resonanz eines Forscherlebens und man kann sicher sagen, dass die Vielfalt der hier versammelten Beiträge die enorme Vielseitigkeit des Jubilars widerspiegelt. Im ersten Hauptteil sind exegetische Beiträge zusammengetragen, beginnend mit allgemeinen Themen biblischer Theologie, gefolgt von Beiträgen zu den Evangelien und zum Corpus Paulinum.
Der zweite Hauptteil widmet sich systematisch-ethischen Themen. Er beschäftigt sich in vielfältigen Brechungen mit der Resonanzthematik und mit ethischen Fragen u. a. im Blick auf den Frieden und unser Klima.
Der dritte Hauptteil umfasst praktisch-theologische und ästhetische Reflexionen, die homiletisch und pädagogisch orientiert sind, aber auch bibeltheologisch in praktischer und gegenwartsbezogener Ausrichtung. Musik und Kunst, z. B. Kirchenfenster von Johannes Schreiter, bilden einen weiteren Schwerpunkt.
Nicht nur im Inhalt, auch in der Form und der Länge sind die Beiträge unterschiedlich, neben tiefgründigen kurzen Essays und mehr biografischen Resonanzen steht der ein oder andere mit Fußnoten gespickte ausführliche exegetische Forschungsbeitrag. Gerd Theißen wird sie alle zu würdigen wissen, ist es doch einer seiner herausragenden Charakterzüge, dass er in Kolleg*innen wie Doktorand*innen und Habilitand*innen immer das individuell Beste und Authentische zu stimulieren vermag und seinerseits dadurch stimuliert wird. Es ist unsere Hoffnung, dass dieses Geschenk zu seinem 80. Geburtstag die Resonanztheologie à la Theißen noch weiter bekannt macht und etwas davon erkennen lässt, auf wie vielen Wellenlängen sie sich bereits verbreitet hat.
Wir danken unseren Mitarbeiter*innen, namentlich Viktoria Dinkelaker, Sabine Schröder-Fartash, Dr. Judith Filitz, Jakob Gläser und Yvonne Weber, für Textlektüre und -verarbeitung, den Mitarbeitenden im Gütersloher Verlagshaus und Dietrich Steen für die ebenso freundliche wie professionelle Betreuung.
Die Realisierung dieser »Resonanzen« kostet auch Geld. Viele Kirchen haben uns unterstützt und dabei ihre große Dankbarkeit für Gerd Theißens Wirken als Forscher und Lehrer zum Ausdruck gebracht: die Evangelische Kirche in Deutschland, die Union Evangelischer Kirchen, die Evangelische Kirche Hessen-Nassau, die Evangelische Landeskirche in Baden, die Evangelische Kirche der Pfalz, die Evangelische Landeskirche in Württemberg, die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche von Westfalen, die Evangelisch-reformierte Kirche und die Evangelische Kirche in Kurhessen-Waldeck.
Augsburg, Groningen und Heidelberg im November 2022
Petra von Gemünden, Annette Merz und Helmut Schwier
Literatur
G. Theißen, Resonanztheologie. Beiträge zu einer polyphonen Bibelhermeneutik, Bd. 2: Gott- Christus – Geist, BVB 43, Münster 2020.
I BIBLISCH-THEOLOGISCHE RESONANZEN
1 »Lobt den Herrn, all seine Werke« (Ps 103,22)
Die Schöpfung als gottesdienstlicher Resonanzraum
Samuel Vollenweider
Mit dem ihm eigenen Instinkt für den Kairos hat Gerd Theißen in seinen jüngeren Publikationen zunehmend die Resonanz in den Mittelpunkt seines Verständnisses von Religion und Theologie gestellt.1 Seine Überlegungen helfen, mit der so anziehenden wie irrlichternden Metapher »Resonanz« hermeneutisch produktiv zu arbeiten.
Mit diesen Zeilen möchte ich einen Aspekt von Resonanz thematisieren, der Impulse aus dem weithin erwachten Interesse an der Schöpfungstheologie mit religiösen Perspektiven der antiken Mittelmeerwelt zusammenführt. Es geht um die »kosmische Liturgie« – der hymnische Lobpreis des Schöpfers durch alle Geschöpfe und Elemente des Universums.2 Wenn ich recht sehe, hat der Jubilar die für mein Thema zentralen biblischen Texte nicht eigens ausgelegt, was mir einen lockenden Freiraum beschert. Eine Festschrift ist ein ausgezeichneter Ort, sich von Resonanzen bewegt in neue Räume tragen zu lassen. Als Ausgangspunkt bietet sich eine Resonanzerfahrung an, die der Verfasser der »Glaubenssätze« mit sehr vielen Christenmenschen teilt:3
Das Geheimnis, dass etwas existiert,
kann wie Musik alle Dinge durchziehen
und lässt auch uns erklingen.
Einer der Orte, an denen sich ein solches »Erklingen« besonders dicht erleben lässt, ist der Gottesdienst. Im Loben und Beten schließt Gottes Präsenz die Einzelnen zu einer Gemeinschaft zusammen – eine Gemeinschaft, die über die versammelte Gruppe hinaus die Christenmenschen aller Welt umgreift. Im Blick auf unsere globalisierte Welt mögen sich den Christenmenschen auch Menschen anderer Religionen hinzugesellen. Mehr noch: Da sind Visionen, dass die in der Anbetung vereinigte Gemeinschaft über Menschen hinaus auch die Natur selber einschließt,4 ihre zahllosen Lebensformen so gut wie die Elemente und Bausteine des Universums. Man denkt an ostkirchliche Liturgien, aber auch an den Sonnengesang des Franziskus von Assisi – Bruder Sonne und Schwester Mond, Bruder Wind und Schwester Wasser, durch und für sie alle lobt der Mensch den Schöpfer.5 In Franzens Laudes de creaturis hallen bedeutsame Bibeltexte wider: Psalm 148 und der Lobgesang der drei Männer im Feuerofen.
»Der Himmel erzählt die Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet das Werk seiner Hände« (Ps 119,2)
Das Alte Testament enthält zahlreiche Texte, in denen nicht nur Menschen, sondern auch andere Lebewesen und überhaupt Dinge bzw. Phänomene so in Resonanz versetzt werden, dass sie den Schöpfer und seine Wohlordnung preisen oder dass sie dazu aufgefordert werden.6 Dazu lassen sich leicht Bilder von einem vielstimmigen Chor und von einer universalen Symphonie assoziieren. Israel, das seinen Gott im Jerusalemer Tempel verherrlicht, reiht sich hier in eine umfassende liturgische Gemeinschaft ein. Das Gegenstück zum hymnischen Lob ist die Klage. Auch sie ertönt nicht nur von Seiten der Menschen, sondern von Geschöpfen und Dingen aller Art. Den Propheten zufolge nehmen Pflanzen und Tiere sogar stellvertretend den Ort ein, an dem das Gottesvolk stehen sollte, trauernd und klagend angesichts der Verheerungen durch menschliches Fehlverhalten.
»Vom Himmel her«, »von der Erde her«
Psalm 148 ruft die gesamte Schöpfung zum Gotteslob auf, von ihren Höhen bis in ihre Tiefen: Der Himmel mit seinen Engeln und Gestirnen, die Erde samt ihren atmosphärischen Phänomenen, mit Pflanzen, Tieren und sogar mit den Ungeheuern der Abgründe. Auch alle Menschen sind in diese kosmische Symphonie mit einbegriffen. Dabei kommt der Psalm über seine zehn- bzw. zwölffache Lobaufforderung nicht hinaus. Das ist auch gar nicht nötig, da sein literarischer Kontext, die das Psalmenbuch beschließende Sammlung des kleinen Hallel (Ps 146-150), umfassend das universale Gotteslob am Zion zelebriert. Dabei fällt auf, dass die Totalität an Schöpfungswerken, die Ps 148 vor Augen stellt, Wissensbestände auffächert, die der Alte Orient in Listen katalogisiert hat. In der Antike konvergieren Wissenschaft und Hymnus; die Philosophie soll ja vom Staunen ihren Anfang genommen haben.
Die umfassende Schöpfungsperspektive von Ps 148 wird im Lobgesang der drei Männer im Feuerofen, einer deuterokanonischen Fortschreibung des Danielbuchs (3,51-90), noch einmal ausgeweitet. Wie in einer Litanei wechseln sich die Aufrufe zum Lobpreis an die einzelnen Gotteswerke ab mit dem Refrain »Preist, alle Werke des Herrn, den Herrn, singt Loblieder und erhöht ihn über alle Maßen bis in die Ewigkeiten!« Wieder begegnet uns ein Katalog, der Geistwesen, Gestirne, Klima- und Atmosphärenphänomene, Elemente, Landschaften, Pflanzen, Tiere, alle Menschen, schließlich Israel mit seinen Repräsentanten umfasst. Im Kontext gelesen gibt es zu denken, dass der Hymnus der drei Männer auf deren Errettung aus dem Feuerofen Nebukadnezzars respondiert (v. 88) – ein besonders für die Psalmen charakteristisches Resonanzphänomen. In zahlreiche kirchliche Liturgien hat das Feuerofenlied Eingang gefunden.
Traditionen und Vorstellungen des kosmischen Lobpreises sind auch im antiken Judentum und im Frühchristentum greifbar. Die Qumrantexte dokumentieren nicht nur die Sabbatliturgie der Engel, sondern reden auch von »allen Geschöpfen des Fleisches« – Vieh und Vögel und Kriechgetier und Meeresfische –: »sie preisen den Namen deiner Herrlichkeit« (4Q287). Die mystischen Strömungen im Judentum haben Impulse dieser Art aufgenommen und weiterentwickelt; der Bogen spannt sich von der liturgischen Gemeinschaft mit den Engeln in den Hekalot-Texten über die Kabbala, die ihrerseits neuplatonische Traditionen rezipiert, bis zu den osteuropäischen Chassidim.
Im Neuen Testament lässt die Johannesapokalypse (5,11-14) das Gotteslob aus dem Mund seiner Geschöpfe ergehen, eingebettet in die Schilderung des himmlischen Gottesdiensts:
Und jedes Geschöpf im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und auf dem Meer, und allem, was darin ist, hörte ich rufen: Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm seien Lob, Ehre und Preis und die Herrschaft, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Götteradvente
Ein Universum, das als Ganzes und in seinen vielen Teilen das Gotteslob vollzieht, stellt einen umfassenden Resonanzraum für das Wirken des Schöpfers vor Augen. Biblische und parabiblische Texte stehen hier nicht allein. Bei der Figur des kosmischen Lobpreises stoßen wir vielmehr auf Ideen, die ganz verschiedene Kulturen der antiken Mittelmeerwelt verbinden. Ägyptischen Hymnen und Bildern zufolge begrüßen laut schreiende Paviane und flügelschlagende Vögel den aufgehenden Sonnengott. Wenn die Griechen Apollon mit einem Hymnus anrufen, geraten auch Pflanzen, Tiere und Quellen in Bewegung; sie alle respondieren dem epiphan werdenden Gott. Vergils ‚Weihnachtsgedicht‘, das vierte Hirtenlied, lässt das Weltganze freudig die Geburt des göttlichen Kindes erwarten. Hellenistische Hymnen und Gebete korrelieren den kosmischen Lobpreis mit Motiven des Chors, des Tanzens und, für die astrale Welt, mit dem Modell der Sphärenharmonie. Die kosmische Liturgie wird vollends in der Philosophie der späten Antike, namentlich im Neuplatonismus, zu einer bedeutsamen Gedankenfigur, die religiöse Kosmologie und elaborierte Gebetstheorien in Wechselwirkung bringt. Die entsprechenden Vorstellungen setzen sich in Theologie und Liturgie der Ostkirchen fort, gewinnen aber auch im Westen ein Eigenleben, deren Resonanzspuren sich vom Hermetismus der Renaissance über Keplers Harmonices mundi bis zu Teilhard de Chardins kosmischer Spiritualität beobachten lassen.
Im Bann menschlicher Projektionen?
Schon ein rascher Blick in die altorientalischen und biblischen Texte macht deutlich, dass diese mit den Mitteln der Personifikation arbeiten, einem Stilmittel, das sich gut mit den Werkzeugen der Rhetoriktheorie beschreiben lässt. Fragt man über die poetische Dimension hinaus nach den Sachaussagen unserer Texte, hat man es mit dem Problem anthropomorphen Sprechens zu tun: Lobpreisende Kreaturen und Elemente verhalten sich wie menschliche Akteure. Himmel, die »die Herrlichkeit Gottes« erzählen, weisen auf ein subjektivisches Schema zurück,7 mit dem vormoderne Menschen die Welt, in der sie leben, interpretieren und bewältigen. Wir hätten es dann mit massiven Projektionen zu tun, gefangen im anthropozentrischen Bannkreis. Die Entwicklung der Wissenschaften lässt sich zu guten Teilen als deren Abbau schreiben – etwa im Verzicht auf Personifikationen, die im Umgang der Menschen mit Tieren viel Unheil angerichtet haben. Bei Imaginationen eines universalen Lobpreises hätten wir es also bestenfalls mit romantischen, wenn nicht gar animistischen, jedenfalls ganz und gar unsachlichen Redeformen zu tun.
Vieles an diesen vom Geist der Moderne provozierten Einlassungen hat festen Boden unter den Füßen. Wir fragen umgekehrt mit dem Jubilar: Was hält der Religionskritik stand? Zwei Andeutung mögen genügen. Zum einen: Unsere Texte und Figuren markieren eine Antithese zum neuzeitlichen Projekt, das die Natur als verstummtes Objekt für den Zugriff des machtvoll manipulierenden Subjekts präpariert. Im »Reden« der nichtmenschlichen Lebewesen und Dinge bringt sich gerade das Andere des Menschen zu Gehör. Es ginge um einen Ausbruch aus dem anthropozentrischen Bannkreis – oder wenigstens um einen Ausblick auf andere Subjekte, der die eigene machtförmige Position relativiert. Der Perspektivenwechsel bringt sich auch in der Gottesbeziehung zur Geltung: Lebewesen und Dinge hätten dann eine eigene, vom Menschen ganz unabhängige Relation zu ihrem Schöpfer.
Zum anderen geht es umgekehrt darum, die viel getadelte Kategorie der Anthropozentrik in einer umfassenden biblischen Perspektive zu redefinieren. Einen Weg dorthin signalisieren die Personifikationen, mit denen die Figur des kosmischen Lobpreises arbeitet: In ihnen geht es um Zuschreibungen, die den außermenschlichen Lebewesen und überhaupt den Größen, die unsere Umwelt bilden, etwas zuspielen, was sie von sich aus nicht einfach haben: auf je ihre Weise ein Abglanz göttlicher Herrlichkeit zu sein. Es ist Adam, der Mensch, der »allem Vieh und den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes Namen« gibt (Gen 2,20). Es entspricht dem Hirtenamt des im Bild Gottes geschaffenen Menschen (Gen 1,26-28), dass dieser die ihm zur Hut übergebenen Wesen bei ihrem Namen ruft (Joh 10,3f). So spielt der Mensch in der kosmischen Liturgie eine besondere Rolle – er übt eine Vermittlerrolle aus, prototypisch figuriert in Jesus Christus als Ebenbild Gottes, und ist doch eingefügt in die umfassende Gemeinschaft des Lebendigen und Geschaffenen.
Dissonanzen
Ich möchte nachdenklich schließen – das priesterliche Thema ruft nach einem prophetischen Gestus. Die Aussage des Jubilars, mit der ich oben das Thema eingeleitet habe,8 hat eine Fortsetzung. Vom »Geheimnis, dass etwas existiert«, heißt es in der Folge:
Es kann wie unendliches Grauen erschrecken
und uns zum Schweigen bringen.
Es gibt den Zusammenbruch von Resonanz oder das Ausbleiben von Resonanz. Und es gibt: Dissonanz. Auf unsere Themenstellung übertragen: Zur Figur vom universalen Lobpreis gesellt sich die kosmische Klage, die Trauer von Kreaturen und Elementen der geschaffenen Welt. Wahrscheinlich arbeitet Paulus in Röm 8,19-22 mit dieser Motivik, wenn er vom Seufzen der gesamten Schöpfung spricht.9 Während ich diese Zeilen schreibe, vermelden die Medien das rapide Schmelzen der gigantischen Thwaites- und Pine-Island-Gletscher in der Antarktis, mit massiven Folgen für alle Regionen der Erde. Die Turbulenzen, die über die Biosphäre unseres Planeten kommen, lassen an alles andere als an kosmische Harmonien und Symphonien denken.
So gesehen, bringt die Figur des universalen Lobpreises auch eine Antithese zur irdischen Wirklichkeit zum Zug: Sie ist kontrafaktisch, mehr noch: eschatologisch. Sie imaginiert etwas, was noch nicht ist – aber was Menschen, gottesdienstlich versammelt oder spirituell gesammelt, ein Stück weit antizipieren können: Ein liturgisches Trotzdem, gesprochen »mit ganzem Herzen und mit aller Vernunft«. Paulus blickt in Phil 2,10f auf diesen universalen Lobpreis voraus. Wir sind eingeladen, angeregt von der Doxologie Apk 5,11-14, seinen Katalog – Himmelsmächte, lebende Menschen und Tote – um die Lebewesen und die Elemente des Kosmos zu erweitern.
Literatur
G. Dux, Die Logik der Weltbilder. Sinnstrukturen im Wandel der Geschichte, Wiesbaden 42017.
F. Cramer, Symphonie des Lebendigen. Versuch einer allgemeinen Resonanztheorie, Frankfurt a. M. 1996.
B. Janowski, Biblischer Schöpfungsglaube. Religionsgeschichtliche Kontexte – Theologische Bedeutung – Ethische Perspektiven, Tübingen 2023 (in Vorbereitung).
V. Leppin, »Laudato si …«. Biblische Motive im Sonnengesang des Franz von Assisi, JBTh 34, 2019, 181-198.
M. Meyer-Blanck, Das Gebet, Tübingen 2019.
J. Moltmann, Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre, Gütersloh 1985.
H. Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbegegnung, Frankfurt 2016.
G. Theißen, Glaubenssätze. Ein kritischer Katechismus, Gütersloh 32013.
G. Theißen, Resonanztheologie. Beiträge zu einer polyphonen Bibelhermeneutik. Bd. 2: Gott – Christus – Geist, BVB 43, Münster 2020.
S. Vollenweider, Seufzen statt Lobpreisen. Überlegungen zum Verhältnis von Schöpfung und Gebet in Römer 8, JBTh 34, 2019, 137-177.
1 Theißen 2020.
2 Ich habe die Absicht, die sehr zahlreichen und vielfältigen antiken Stoffe in einer eigenen kleinen Studie zusammen zu stellen.
3 Theißen 2013: 77. Zur Musikmetapher gesellt sich auch der Hinweis auf Religionen als Symphonien: »Die Symphonie, die in der Religion gespielt wird, ist die Musik der Welt« (Theißen 2020: 12). – Weil eine Aussage auf zwei, oder besser noch: drei Zeugen fusst (Dtn 19,15), verweise ich zusätzlich auf zwei Resonanztheoretiker, die beide meiner Themenstellung entgegenkommen: Hartmut Rosa denkt nach über »die Stimme der Natur« bzw. »die Vorstellung, dass der Kosmos (zu uns) spricht oder gar singt«/»Die Dinge singen hör ich so gern« (2016: 453-472; 381ff). Der Physiker Friedrich Cramer blickt in eine offene, evolutionär bewegte Welt und zitiert Ps 119: »‚Ein Tag sagt’s dem andern […]‘. Das ist Resonanz« (1996: 206-208).
4 Zu »Gebet und Naturerleben« vgl. Meyer-Blanck 2019: 113-122, wonach »Naturerscheinungen die menschliche Sinnbildung« provozieren (115).
5 Dazu vgl. Leppin 2019: 181-198, mit dem wichtigen Hinweis darauf, dass der Beter nicht – wie in Ps 148 – die Geschöpfe aufruft, Gott zu loben, sondern er lobt Gott durch oder für die Geschöpfe.
6 Einen Überblick, eingebettet in eine biblisch-theologische Gesamtperspektive, bietet Janowski 2023, §8 Schöpfung und Geschichte – Exkurs 8: Kosmischer Lobpreis (dazu der Anhang: II.5): »Der kosmische Lobpreis ist ein Resonanzphänomen, das im Alten Testament […] seinen Niederschlag gefunden hat.« In der deutschsprachigen systematischen Theologie spricht von der »eucharistischen Gemeinschaft der Schöpfung« Jürgen Moltmann (1985: 83f).
7 So nach der von G. Dux eingeführten Terminologie (2017: 79-85).
8 Siehe bei Anm. 3.
9 Dazu mehr in meinem Aufsatz: Seufzen statt Lobpreisen (Vollenweider 2019), wo sich auch ein Überblick über die Traditionen von kosmischem Lobpreisen und Klagen findet.
2 Ermunterung zum Wandern
Catherine Hezser
Von der Antike bis zur Verbreitung des Automobils vor etwa hundert Jahren war die Fortbewegung zu Fuß die einfachste und billigste Art und Weise von einem Ort zum anderen zu gelangen. Selbst nach dem zweiten Weltkrieg liefen die Menschen noch viel weitere Strecken als heutzutage, denn auf Busse, Züge, und Straßenbahnen musste man oft vergeblich warten. Teenager der späten 40er und 50er Jahre trafen sich regelmäßig zu Wanderungen, die mehrere Stunden oder auch Tage und Wochen dauern konnten und sie mit ihrer näheren Umgebung sowie mit ferner gelegenen Gegenden und Landschaften vertraut machten. Neben der unmittelbaren Begegnung mit der Natur diente das Wandern der Festigung von Sozialkontakten sowie der Begegnung mit anderen Menschen, die man unterwegs traf. Man wanderte zu zweit oder in Gruppen und schloss sich anderen Wanderern an. Für längere Strecken, wie etwa vom Rheinland zum Bodensee, wurde das Fahrrad eingesetzt, welches die Fortbewegung zu Fuß erweiterte, aber nicht ersetzte.
Für jemanden, der keinen Führerschein und kein Auto besitzt, ist das Gehen auch heutzutage noch die am häufigsten benutzte Fortbewegungsart. Es hat Vorteile und Nachteile, die besonders angesichts der heute weithin verfügbaren alternativen Mittel der Fortbewegung deutlich werden. Ein Vorteil ist, dass es nichts kostet, man also Geld sparen kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Laufen, wenn es in einem schnellen Tempo geschieht, den Besuch von Fitnessstudios ersetzen kann. Auch hilft es der Ökobilanz. Das sogenannte Flanieren, das besonders von Schriftstellern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts literarisch vermarktet wurde, ist heute nicht nur unter Städtereisenden beliebt. Man »ergeht« sich seine Umgebung langsam und in Augenhöhe und ist so in der Lage, ungewöhnliche Dinge, Menschen, und Begebenheiten zu entdecken. Die »Umwelt«, d. h., das mich umgebende Umfeld von Menschen, Tieren, Pflanzen, Landschaften, Räumen, Gebäuden, Wetterzuständen, Geräuschen, und Farben ist nur durch das Laufen erkundbar. Beim Wandern durch Landschaften, Städte, und Ortschaften werden alle Sinne mobilisiert. Anhalten und Verweilen ermöglichen genauere Erkundungen. Die Konfrontation mit der Umwelt regt die Gedanken an.
Die amerikanische Schriftstellerin Jhumpa Lahiri hat sich ihrer gewohnten Umgebung und Sprache selbst entfremdet, indem sie nach Italien zog, auf Italienisch schrieb, und die Eindrücke und Erfahrungen während des Flanierens durch eine italienische Stadt in ihrem Buch Dove Mi Trovo (2018) veröffentlichte. Sie fragt am Ende ihres Buches: »Is there any place we are not moving through?« Ähnlich meditiert Deborah Levy in ihrem autobiographischen Buch Real Estate (2021) auf Spaziergängen durch Rom, Mumbai, Berlin, und London über das ideale Zuhause in einem Zeitalter, das viele von uns zu Nomaden gemacht hat.
Die Langsamkeit des Laufens ist aber auch sein größter Nachteil und der Hauptgrund dafür, dass es im Alltagsleben aus der Mode gekommen ist. Mit dem Auto und der Bahn kann man sich effizienter fortbewegen und weitaus größere Strecken zurücklegen. Niemand läuft heute sieben bis zehn Tage, um von Köln nach Heidelberg zu gelangen, eine Strecke von 210 bis 250 km, je nachdem welche Route man nimmt. Jemand, der sich nur laufend fortbewegt, ist also in seinem Mobilitätsradius stark eingeschränkt. Da Mobilität auch den intellektuellen Horizont erweitert und es dem Reisenden ermöglicht, Neuem und Ungewohntem zu begegnen, eine neue Perspektive einzunehmen und sich dabei selbst zu verändern, ist der ewige Fußgänger auf lokale multi-kulturelle Erfahrungen, etwa durch Besucher, Touristen, Flüchtlinge und Migranten, die ihm von fernen Begebenheiten und Praktiken erzählen können, angewiesen.
Was hat das alles mit der Antike zu tun? Viel mehr als man gemeinhin annehmen mag. Das Wandern bzw. zu-Fuss-Gehen in der Antike hat in den letzten Jahren zunehmend an Forschungsinteresse gewonnen (M. O’Sullivan 2011; Moatti 2021; Kolloquium zum Thema »Prendre la route: La Marche«, Paris 2021). Mit seinen Untersuchungen zum Wanderradikalismus im Urchristentum und seiner These, dass Wandercharismatiker den Charakter der frühen Jesusbewegung bestimmt haben, hat Gerd Theißen die Grundlage für die wissenschaftliche Erforschung des Zusammenhangs von Mobilität und Sozialstruktur in den ersten Jahrhunderten gelegt (Theißen 1983). Seine Erkenntnisse haben nicht nur in der Erforschung des Neuen Testaments und Frühchristentums sondern auch in Studien zu Reisen und Mobilität im Judentum und unter Griechen und Römern Resonanz gefunden. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass der Mobilitätsradius von Wandercharismatikern, christlichen Missionaren, und Rabbinen nicht nur die Ausbreitung, sondern auch die Überlieferung der jeweiligen Bewegungen nachhaltig beeinflusst hat.
Wären Wandercharismatiker die einzigen im Frühchristentum tätigen Lehrer gewesen, wäre es wohl kaum zum »Triumph« des Christentums in der Spätantike gekommen. Die Jesusbewegung wäre eine auf Palästina und Syrien beschränkte jüdische Sekte geblieben, welche nach der Tempelzerstörung mit anderen jüdischen Sekten verschwunden oder in die rabbinische Bewegung aufgenommen worden wäre. Nur durch die in der Antike ungewöhnliche Reiselust des Paulus ist seine Art von Christentum in weite Bereiche des antiken Mittelmeerraums vorgedrungen und hat sich dort sesshaft gemacht. Die Überquerung des Mittelmeers war besonders in den Wintermonaten mit großen Gefahren verbunden und wurde generell nur von Handelsreisenden und römischen Staatsdienern, die mit der Verwaltung und Sicherung entfernter Provinzen beauftragt waren, unternommen.
Die Rabbinen der ersten vier Jahrhunderte wanderten dagegen zu Fuß von Tiberias in Galiläa nach Cäsarea in der Küstenebene und manchmal auch mit Karawanen über Syrien nach Persien, wo in der Antike die größte jüdische Diasporagemeinde ansässig war, die wie die palästinischen Rabbinen Aramäisch sprach. Die rabbinische Bewegung blieb auch in der Spätantike auf den Nahen und Mittleren Osten beschränkt und weitete sich nicht auf die westliche Diaspora aus (Mendels/Edrei 2011). Von der jüdischen Diaspora im Westen ist dagegen kaum etwas bekannt. Sie scheint im Zuge der Christianisierung im vierten und fünften Jahrhundert verschwunden oder zumindest stark dezimiert worden zu sein (Kraemer 2020). Insofern ist der rabbinischen Bewegung im Mittleren Osten sowie der islamischen Eroberung im siebten Jahrhundert mit ihrer Gewährleistung der Religionsfreiheit für Juden und Christen die Aufrechterhaltung jüdischer Identität zu verdanken. Das rabbinische Judentum babylonischer Prägung gewann unter muslimischer Herrschaft an Autorität. Es kam zur Rabbinisierung and Institutionalisierung jüdischer Gemeinden, die erst mit der jüdischen Emanzipation im 19. Jahrhundert ihren bestimmenden Einfluss auf individuelles Jüdischsein verloren.
Aber zurück zum Fußgängertum und seine Auswirkungen auf die Entwicklung religiöser Bewegungen in der Antike. In mündlichen Gesellschaften, in denen der Großteil der Bevölkerung weder lesen noch schreiben konnte, waren persönliche Kontakte notwendig, um Wissen weiterzugeben. So wie die Wandercharismatiker durch ihre Mobilität Jesu Lehre in verschiedenen Ortschaften verbreiteten und lokale Anhänger gewinnen konnten, waren die Rabbinen in der Lage, durch gegenseitige Besuche und geschäftliche Reisen interregionale Kontakte zu schließen und zu vertiefen, Juden an entlegenen Orten zu beraten, sowie Lehrmeinungen auszutauschen (Hezser 2011). Durch das Überqueren der Grenzen zwischen den verfeindeten Reichen Persien und Rom konnte das rabbinische Netzwerk im dritten Jahrhundert nach Osten ausgeweitet werden (Kiperwasser 2021). Fortan entwickelte sich neben dem palästinischen griechisch-römisch geprägten rabbinischen Judentum eine babylonische rabbinische Bewegung im sassanidischen und zoroastrischen Kontext, die im vierten bis sechsten Jahrhundert dominant wurde. Der ständige Austausch zwischen Ost und West, Babylonien und Palästina, der im dritten und vierten Jahrhundert stattfand, hat in den vielfachen Analogien aber auch Unterschieden zwischen dem Palästinischen und Babylonischen Talmud Ausdruck gefunden.
In den letzten Jahren hat die Forschung sich besonders mit der Auswirkung des Reisens auf die Identitätsbildung beschäftigt. Rabbinische Geschichten von Fußreisen, die Rabbinen mit ihren Schülern und Kollegen unternommen haben, berichten oft von Begegnungen mit »fremden« Menschen, Objekten, und Begebenheiten im Zwischenbereich der offenen Straße außerhalb der Ortschaften. Das literarische Motiv des Reisens ermöglichte es, Begegnungen zu simulieren, die zu einem Perspektivwechsel führen konnten und die eigene Identität infrage stellten (Niehoff [ed.] 2017), ein Phänomen, auf das Tim Whitmarsh bereits im Zusammenhang mit der griechischen Novelle hingewiesen hat (Whitmarsh 2011). Aufgrund von Reiseerzählungen über Begegnungen zwischen Rabbinen und sogenannten Häretikern (minim) im Babylonischen Talmud, die sie als Christen identifiziert, hat Michal Bar Asher-Siegal (2019) auf jüdisch-christliche Auseinandersetzungen und Annäherungen in der Bibelexegese hingewiesen.
Das führt uns zum Thema der Resonanz (Theißen 2020), welches für rabbinische Reiseerzählungen grundlegend ist. Nur durch das in-der-Welt und auf-der-Straße-Sein sind Begegnungen mit anderen Menschen, Dingen, und Naturphänomenen möglich, die zu neuen Erfahrungen und Einsichten führen können. Einer im Palästinischen Talmud überlieferten Geschichte zufolge spazierten R. Chijja der Ältere und R. Schimon b. Chalafta einst am frühen Morgen im Arbeltal, als sie die ersten Strahlen des Sonnenaufgangs beobachteten (siehe auch Lahiri 2021: 122-123: »At Dawn«). Diese Beobachtung führte bei R. Chijja zu der theologischen Einsicht, dass so die Erlösung Israels vor sich gehen wird: «zuerst langsam; je mehr sie aber fortschreiten wird, desto größere Dimensionen wird sie annehmen” (y. Berakhot 1:1, 2c). Ebenso sind halakhische Regeln situationsgebunden und beziehen sich auf konkrete Begebenheiten, mit denen Rabbinen im alltäglichen Leben konfrontiert wurden. Den Rabbinen dient die gesamte Welt als Resonanzfläche, die das Göttliche widerspiegelt und auf das der Mensch mit seinem eigenen Verhalten reagieren muss. Alles, was einem unterwegs begegnet, kann religiös bedeutsam sein, wenn man es nur erkennt.
Die antiken Wandercharismatiker und Rabbinen waren keine Stubengelehrten, die fern vom Alltagsleben allein in ihren Zimmern über Büchern hockten und vor sich hin meditierten. Die Auseinandersetzung mit ihren Zeitgenossen und mit allen Aspekten ihrer Lebenswelt war für ihre Theologie und Religionslehre grundlegend. Deshalb bewegten sie sich, zumindest der literarischen Tradition zufolge, ständig unter Menschen – auf dem Markt, auf der Straße, in der Natur – und reagierten auf das, was sie hörten, fühlten, und sahen. Durch die Resonanz, die sie fühlten und auszudrücken in der Lage waren, machten sie das Göttliche für ihre Zeitgenossen sichtbar und spürbar. Sie machten es relevant für die Lebenswelt ihrer Mitmenschen. Wir sollten sie uns heute zum Vorbild nehmen, um die sicheren Gefilde unserer Arbeitszimmer zu verlassen, in die Welt hinauszugehen, und offen für neue Eindrücke und Erfahrungen zu sein.
Literatur
M. Bar Asher-Siegal, Jewish-Christian Dialogues on Scripture in Late Antiquity. Heretic Narratives of the Babylonian Talmud, Cambridge 2019.
C. Hezser, Jewish Travel in Antiquity, Tübingen 2011.
R. Kiperwasser, Going West. Migrating Personae and Construction of the Self in Rabbinic Culture, Atlanta 2021.
R. S. Kraemer, The Mediterranean Diaspora in Late Antiquity. What Christianity Cost the Jews, Oxford 2020.
J. Lahiri, Dove Mi Trovo, Mailand 2018 (transl. J. Lahiri, Whereabouts, London et al. 2021).
D. Levy, Real Estate. Living Autobiography 3, London 2021.
D. Mendels/A. Edrei, Zweierlei Diaspora. Zur Spaltung der antiken jüdischen Welt, Göttingen 2011.
C. Moatti, Prendre la route. Mobilité et différenciation sociale, Revue Historique 697/1, 2021, 139-157.
M. R. Niehoff (Hg.), Journeys in the Roman East, Tübingen 2017.
T. M. O’Sullivan, Walking in Roman Culture, Cambridge 2011
G. Theißen, Studien zur Soziologie des Urchristentums, WUNT 19, Tübingen 1983.
G. Theißen, Resonanztheologie. Beiträge zu einer polyphonen Bibelhermeneutik. Bd. 2: Gott – Christus – Geist, BVB 43, Münster 2020.
T. Whitmarsh, Narrative and Identity in the Ancient Greek Novel. Returning Romance, Cambridge 2011.
3 Religiöse Dissonanzerfahrungen
Biblische und psychologische Perspektiven
Anna Nürnberger
Die akustische Metapher der Resonanz eignet sich ausgesprochen gut dafür, religiöse Erfahrungen zu beschreiben und zu deuten. Gerd Theißen hat dies bereits vor Jahrzehnten erkannt (Theißen 1978).10 Dass er mit diesem Ansatz seiner Zeit voraus war, ist mit dem Erscheinen von Hartmut Rosas Werk Resonanz im Jahr 2016 deutlich geworden.11
Nach G. Theißen basiert Glaube (die subjektive Seite religiöser Erfahrung) auf der Selbstoffenbarung Gottes (die objektive Seite religiöser Erfahrung), die als Vertrauensbekundung und zugleich verpflichtender Handlungsappell wahrgenommen wird (Theißen 2019; 2020). Die Bibel zeigt, inwiefern die Erfahrung von »Resonanz der Gesamtwirklichkeit in uns« (Theißen 2020: 7) als personaler Gott gedeutet wird, der mithilfe seines Wortes auch zu bestimmten Verhaltensweisen motivieren will. Wenn das Wort Gottes im Menschen Resonanz findet, ›stimmt‹ die Gottesbeziehung.
Wenn Glaube als Resonanzerfahrung verstanden wird, wie könnte man dann solche Phänomene beschreiben, die die Welt ambivalent erscheinen lassen und wo deren dunkle Seite entweder als dunkle Seite Gottes oder als Appell eines göttlichen Gegenspielers gedeutet wird? Oder solche, bei denen das Wort Gottes zu Zweifeln, inneren Spannungen oder negativen Reaktionen führt? Oder aber solche, bei denen die Vertrauensbeziehung zwischen Mensch und Gott durch die Erfahrung von Unheil auf die Probe gestellt wird?
Für die Beschreibung derartiger Phänomene eignet sich m. E. neben der Metapher der Resonanzkrise v. a. eine weitere akustische Metapher, nämlich die der Dissonanz. In der Musik beschreibt sie das Hören von zwei oder mehr gleichzeitig erklingenden Tönen, die in ihrem Klang so verschieden sind, dass sie keine Verbindung zueinander finden und deshalb als ›schräg‹ oder ›unstimmig‹ wahrgenommen werden. Übertragen auf die Religion, kann Dissonanz als Oberbegriff für alle Ambivalenzphänomene innerhalb der eigenen Wahrnehmung verwendet werden, die infolge religiöser Resonanzerfahrungen entstehen können. Die Ambivalenz kann dabei auf das vorgestellte Gegenüber außerhalb unserer selbst bezogen sein, auf die empfundene Beziehung mit einer transhumanen Macht, oder auf intrapersonale Handlungsappelle. Artikulationen all dieser Dissonanzerfahrungen kann man schon in der Bibel aufspüren. Einige Beispiele seien im Folgenden genannt.
Negativerfahrungen in der Gottesbeziehung
Die Erfahrung der Gottesferne ist in der Hebräischen Bibel z. B. in Ps 22 festgehalten. Aber die den Psalm einleitende Frage: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (v. 2), die in Mk 15,34 par Jesus in den Mund gelegt wird, artikuliert nicht nur das momentan wahrgenommene, leidvolle Gefühl der Distanz. Sie zeugt auch von der vormals etablierten gegenseitigen Responsivität sowie vom Willen zur Aufrechterhaltung dieser bisher positiven Beziehung zu Gott, und zwar auch dann, wenn Gott als verborgen erlebt wird, insofern als der Ruf des Betenden ohne Antwort bleiben kann (v. 3).
Biblische Aussagen über Gott als Zürnenden (z. B. 2 Kön 17,18; Ps 6,2; Röm 1,18) wie auch die seltene Rede vom Zorn gegen Gott (z. B. Gen 4,5; 2 Sam 6,8; Ijob 15,12f) verweisen auf die Erfahrung, dass der Mensch sein transzendentes Gegenüber diskrepant wahrnehmen bzw. auf es ambivalent reagieren kann. Streit mit bzw. Zorn gegen Gott ist – wie z. B. Jona 4,4.9 oder Ijob 33,13f; 39,32ff; 42,3 nahelegen – eine unangemesse, ja sogar ungerechtfertigte Reaktion auf das (missverstandene) Handeln Gottes. Das, was als ›Strafe‹ Gottes erfahren, gefürchtet oder angedroht wird, dient aus biblischer Perspektive oftmals pädagogischen Zwecken.12 Mit entsprechenden Konsequenzen ist zu rechnen, wenn der Wille Gottes nicht umgesetzt wird (z. B. Dtn 4,25ff; Mt 13,41ff), das Wort Gottes also keine adäquate Resonanz findet. Selbst im Falle solcher Resonanzkrisen bleibt die Hoffnung auf ein künftiges »Hören auf die Stimme Gottes« (vgl. Dtn 4,30), eröffnet sich die Chance zur Umkehr zurück in ein harmonisches Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Gott (Rudnig 2012). Neutestamentliche Stimmen betonen die Überwindung der Furcht vor Strafe und Gericht, z. B. durch Liebe (1 Joh 4,18). Andere sehen im Sühnetod Jesu (Röm 5,10) oder in Gottes Vergebungshandeln (Lk 15) eine Wiederherstellung der heilvollen Resonanzbeziehung zwischen Mensch und Gott.
Das personifizierte Böse und der Umgang mit der Unde-malum-Frage
Ihren Ursprung hat die Vorstellung von personifizierten Unheilsmächten wohl in kognitiven Dissonanzen, die infolge eines konsequenten Monotheismus entstehen können (Theißen 2011). Denn wenn die sonst mit Ordnung und Gerechtigkeit assoziierte Welt als unstimmig oder sogar als böse wahrgenommen wird, gerät die Resonanzbeziehung mit Gott in eine Krise. In der Darstellung des Satans im Hiobbuch kann man eine Bewältigungsmöglichkeit dieser Krise erkennen:13 Leid ist nicht von Gott sondern von einem ihm untergeordneten ›Widersacher‹ verursacht, der, wenn man so will, sogar Gott erst auf die Idee bringt, dessen positives Bild von Hiob anzuzweifeln.
Die Satansvorstellung dient in der Bibel nicht nur der Ursachenerklärung menschlichen Leidens, sondern auch menschlichen Fehlverhaltens, so z. B. in 1Chr 21,1, wo Satan zur Sünde verleitet. Im Neuen Testament tritt der Teufel (oft bezeichnet mit diábolos; ›Verleumder‹, ›Entzweier‹) ebenfalls als ›Versucher‹ auf (1 Kor 7,5; 1 Thess 3,5; Offb 12,9), bei Jesus allerdings ohne Erfolg (Mt 4,1ff parr). Die Rede von der Versuchung repräsentiert eine Erklärung für die Erfahrung, dass der göttliche Wille nicht immer unhinterfragt Resonanz findet. Sie impliziert zudem die Möglichkeit eines inneren Konflikts zwischen zwei konträren Impulsen. Durch das Verlocken zur Sünde als widergöttlicher Handlungsalternative versucht der diábolos den Menschen im Inneren und zugleich von Gott zu ›entzweien‹.
Fehlverhalten und Leid können in der biblischen Tradition auch anderen dämonischen Subjekten angelastet werden, wobei Besessenheitsvorstellungen wohl Erfahrungen des Kontrollverlustes oder der Wahrnehmung personfremden Verhaltens entspringen (Zinser 1990: 131-133; Crapanzano 2005: 8687). Weil böse Mächte die Resonanzbeziehung zwischen Gott und Mensch zu stören vermögen, was sich im Erleben von Fremdbestimmung oder sogar von intrapersonalen Dissonanzen bemerkbar machen kann,14 sind deren Einflussversuche abzuwehren. Viele neutestamentliche Schriften akzentuieren die Bedeutung Jesu als Überwinder dämonischer Mächte (z. B. Mk 3,27 parr; Joh 12,31f), vor allem dort, wo Inanspruchnahmen durch personfremde Subjekte nicht autonom bewältigt werden können (z. B. Mk 7,24ff parr; Mk 9,14ff parr).
Zweifelserfahrungen
Zwar gibt es in der Hebräischen Bibel keine Äquivalente für den ‚Zweifel‘, aber dass dort entsprechende Erfahrungen festgehalten wurden, zeigt sich z. B. in den Worten der Schlange in Gen 3,1ff und im Murren und Protest der Israeliten in Ex 4,1 und Num 11,21f, sowie in prophetischer und weisheitlicher Literatur, wo skeptische Anfragen an die Zuverlässigkeit des Gotteswortes oder traditioneller Vorstellungen göttlicher Gerechtigkeit begegnen.15 Und Berufungserzählungen sind ein besonders gutes Beispiel für die Aufzeichnung von Resonanzerfahrungen, die das Leben nachhaltig verändern können, sobald der Zweifel überwunden wird.16
Im Frühchristentum ist – sprachlich explizit – die Erfahrung kodiert, dass der Glaube mit dem Zweifel eine Schattenseite hat, das Zweifeln einem festen Gottesvertrauen entgegensteht, mit ihm zugleich jedoch als Begleiterscheinung einer im Glauben kulminierenden Resonanzerfahrung stets zu rechnen ist. So kann man im getadelten Bedenken und Kleinglauben in Mt 6,25ff parr Reflexionen auf den Zweifel an Gottes Güte und Vorsorge erkennen. Und sowohl das Wort vom ›bergeversetzenden Glauben‹ (Mk 11,22f parr) als auch die Passage zur rechten Einstellung des Bittenden in Jak 1,5ff17 sind begreifbar als Echo auf die Erfahrung, dass das, was man als Glauben versteht, eben nicht immer den erhofften Effekt erzielt.18
Die Begegnung mit Jesus bereitete offensichtlich Probleme, seine Identität, sein Wirken und seinen Anspruch einzuordnen. Davon zeugen z. B. die unterschiedlichen Identifikationen seiner Person (z. B. Mk 8,27ff parr), die Anfragen an Jesu Vollmacht zur Sündenvergebung (z. B. Mk 2,7) und die Zeichenforderungen von seiten der Religionseliten (z. B. Mk 8,11 parr). Nicht nur Jesu Leben, sondern auch sein Tod am Kreuz löste kognitive Dissonanzen aus. Im Licht der zeitgenössisch geteilten Ansichten bezüglich der Möglichkeit einer Totenauferstehung im Allgemeinen (Apg 23,6ff), mag es wenig verwundern, dass selbst Jesu engste Vertraute angesichts der Nachricht von dessen Auferstehung oder der Wahrnehmung des Auferstandenen als Zweifelnde dargestellt werden.19 Später führte offenbar auch das Ausbleiben der Parusie zu Zweifeln (vgl. z. B. 1 Clem 23; 2 Clem 11).
Zum Zweifel im Frühchristentum lässt sich resümieren: Dort, wo die Vorstellung von Jesus als dem Messias Resonanz findet, entstehen nicht nur revidierte Identitätskonzeptionen, die sich beispielsweise in innovativen Selbstbezeichnungen wie ›die Glaubenden‹ oder ›Christen‹ manifestieren (Atkins 2019: 64ff). Die von anderen jüdischen Gruppen abweichende Überzeugung, mit Jesus sei der Messias gekommen, führte in entsprechenden Gemeinden auch zu einer Zunahme der Bedeutung des Glaubens und infolgedessen zu Zweifeln an neu gewonnenen Gewissheiten. Somit gewannen auch intrapersonale Dissonanzerfahrungen an Signifikanz und reflektieren damit Dimensionen dessen, was es bedeutet, in der ablehnenden Umwelt Christ zu sein (Nürnberger 2019: 595f). Es ist vielleicht wenig überraschend, dass sich im Zuge dessen auch neuartige Varianten intrapersonaler Erfahrungen von gestörter Resonanz zwischen Gott und Mensch herausbildeten.20
Schlussbemerkung
Die drei hier skizzierten Themenfelder sind mit Kategorien affin, die in der modernen Religionspsychologie zur Differenzierung der ›dunklen Seite‹ von Religiosität Verwendung finden. Unterschieden werden u. a. ›divine struggles‹ (z. B. Zorn gegen oder Angst vor Gott; Gefühl der Gottesferne)‚ ›demonic struggles‹ (z. B. Teufelsglaube; Besessenheitsvorstellungen), und ›doubt struggles‹ (Gotteszweifel; Zweifel an bestimmten Glaubenssätzen) (Pargament/Exline 2021: 15ff). Im Detail sind antike und moderne Phänomene derartiger religiöser Belastungsproben und Dissonanzen sicher nicht identisch. Trotz aller zu beachtender kultureller und zeitgenössisch bedingter Unterschiede zeigen jedoch die genannten biblischen Beispiele genauso wie empirische Studien der Religionspsychologie (Pargament u. a. 2005), dass der Weg von der Wahrnehmung appellativ-motivationaler Signale aus der umgebenden Wirklichkeit zum Glauben an Gott als Antwort auf und Selbstverpflichtung für diese Signale oft nicht geradlinig verläuft. Zwar erscheint Religion als Ursache derartiger Resonanzkrisen aber zugleich auch als Bewältigungshilfe. Nicht nur darin zeigt sich der ambivalente Charakter von Religion.
Literatur
J. D. Atkins, The Doubt of the Apostles and the Resurrection Faith of the Early Church. The Post-Resurrection Appearance Stories of the Gospels in Ancient Reception and Modern Debate, WUNT 2/495, Tübingen 2019.
M. G. Christoffersen/N. H. Gregersen, Resonance, Risk, and Religion. Gerd Theißen and Hartmut Rosa on Religious Resonance, PTSc 6, 2019, 6-32.
V. Crapanzano, Art. Spirit Possession, in: EnclRel 13, 22005, 8687-8689.
A. Nürnberger, Zweifelskonzepte im Frühchristentum. Dipsychia und Oligopistia im Rahmen menschlicher Dissonanz- und Einheitsvorstellungen in der Antike, NTOA/StUNT 122, Göttingen 2019.
K. I. Pargament/J. J. Exline, The Psychology of Spiritual Struggle, West Conshohocken PA 2021.
K. I. Pargament u. a., Spiritual Struggle. A Phenomenon of Interest to Psychology and Religion, in: W. R. Miller/H. D. Delaney (Hg.), Judeo-Christian Perspectives on Psychology. Human Nature, Motivation, and Change, Washington DC 2005, 245-268.
H. Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.
T. A. Rudnig, Art. Umkehr/Reue, in: WiBiLex, 2012, https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/33722/.
G. Savran, Theophany as Type Scene, Prooftexts 23/2, 2003, 119-149.
G. Theißen, Argumente für einen kritischen Glauben oder: Was hält der Religionskritik stand?, TEH 202, München 1978.
G. Theißen, Monotheismus und Teufelsglaube. Entstehung und Psychologie des biblischen Satansmythos, in: N. Vos/W. Otten (Hg.), Demons and the Devil in Ancient and Medieval Christianity, SVigChr 108, Leiden 2011, 37-70.
G. Theißen, Glaubenssätze. Ein kritischer Katechismus, Gütersloh 2012.
G. Theissen, Religious Experience. Experience of Transparency and Resonance, Open Philosophy 2, 2019, 679-699.
G. Theißen, Resonanztheologie. Beiträge zu einer polyphonen Bibelhermeneutik. Bd. 2: Gott – Christus – Geist, BVB 43, Münster u. a. 2020.
H. Zinser, Art. Besessenheit, in: HRWG 2, 1990, 131-135.
10 Vgl. auch Theißen 2012.
11 Beide Ansätze vergleichen Christoffersen/Gregersen 2019.
12 Vgl. z. B. Ps 141,5; Spr 3,12; 6,23; Ijob 5,17, Röm 12,19.
13 Zu anderen atl. Antworten auf die Unde-malum-Frage siehe z. B. Jes 45,7; Jak 1,13ff.
14 Vgl. z. B. Hos 5,4; 1QS 3,13-4,26; TestDan 1,6-8; Herm. mand. V 2,7; VI 2,7.
15 Vgl. z. B. Jes 5,19; Jer 17,15; Ez 12,22; Ijob 21,17; 22,13f.
16 Zum Gattungselement des Zweifels vgl. Savran 2003: 132ff.
17 Siehe dazu auch Herm. mand. IX.
18 Ohne die Liebe ist nach 1 Kor 13,2 selbst ein Glaube, der Berge versetzen kann, nichtig. Legitimität gewinnt der Glaube nach Paulus erst, wenn er in der Lebenspraxis umgesetzt wird und auf Resonanz stößt.
19 Mt 28,17; Mk 16, 11ff; Lk 24,38ff; Joh 20,25ff.
20 Vgl. v. a. die erst neutestamentlich belegten Lexeme ὀλιγόπιστος κτλ. und δίψυχος κτλ.
4 Resonance of A Life Journey
Eric Kun Chun Wong
Professor Theissen’s Resonanztheologie (RT, Theißen 2020) is a contribution to polyphonic biblical hermeneutics. I think we may distinguish two dimensions of such a polyphony, on an academic level and a layman’s. The first dimension is to interpret the bible objectively with basic principles, like observing and articulating its semantic details as the threshold of interpretation, and then put in its immediate and larger context, further to the literary style and the social context of the author, apart from applying various exegetical methods by interpreters. The second dimension is to understand the bible subjectively without a straight paradigm. Laymen without constraints understand the bible spiritually and freely according to their perception in a particular time and space. Yet, both dimensions are relative and not absolute.
To interpret a text is like performing a piece of music. Different musicians perform according to their perceptions and expressions of the same score. It is the performers’ presentation of the music. To laymen understand a text is like playing the same piece of music, but they play it freely, and even do not often follow the score, be it intentional or unintentional. RT is metaphorically like a guitar: both are tangible, a book and an instrument; yet intangible, rational and emotional. They appeal to third parties. As a listener one enjoys a melody, feels shocked at dissonance, and perhaps projects oneself into the music when one feels engaged with the composer’s experience. As a reader one appreciates RT’s concept, feels intruded by its creativity, and perhaps reflects on one’s theology when one reads and engages in a dialogue with the author. Theissen intends to explain in RT how his exegesis and belief can be compatible, despite the contrast between reason and faith in his life journey. RT shows us his religious experience, the struggling between academic and religion, real-world and transcendent one. Such an experience is collective, which applies to the authors and readers today and in the past, including people behind the biblical text.
Readers of Theissen’s writings know that he interprets the Greek New Testament with virtuosity; all his »Doktorkinder« know well that he recites Greek words, and themes in various NT texts from memory while commenting on our essays. His, like all classical and important theories are based on the original Greek New Testament. This makes his creativity in interpreting the New Testament possible while standing on a solid foundation. And readers can’t deny his works, even though they might not agree with his thoughts. As a non-German, ecumenical student, I found it hard to cope with such a high level of scholarship, especially since I used my third language German to work on the fourth language Greek. Between the time after the submission of my dissertation and the coming of the examination (»Rigorosum«), he exhorted me half-jokingly ›not to defame the name of Heidelberg‹ because of my deficiency of Greek! Indeed, an instruction to read and translate the New Testament had been given to me years ago at the start of my studies with him.
While working on the dissertation and seeing snow dance sometimes in winters, I contemplated again and again what I would do after I had completed my studies in Heidelberg and returned home for work. Looking back to my entire teaching profession in Hong Kong, I could not help testify to his idea, a prophecy perhaps: during the fresh graduation fest of the Faculty of Theology, the Dean and he shifted the chatting topics suddenly while seeing me passing by. »Oh, today you seem happier then, Mr Wong,« … »Oh yes, his graduation proved that ecumenical students can succeed in Heidelberg,« … »They, including him, should return home after studying and they would be of importance to their origins«. I’m not sure whether my work in Hong Kong/China is significant or not; it is better to be judged by others in future. Yet, it has evolved from my experience struggling to bridge the gap of biblical hermeneutics, from the West where I was trained (in Germany), to my home in the East where readers usually cannot read the Greek New Testament, but need to rely on translated versions.
What I have done is developing an app for mobile phones (iOS and Android), which enables Chinese readers to access the corresponding Greek words and lexical data while reading my translated Chinese version of the New Testament. Before introducing this app, I shall highlight a few translation problems in the existing Chinese version of the bible.
Recently the Hong Kong Bible Society made a rigorous revision of the Chinese version of the Bible (Chinese Union Version), which remains the most popular and authoritative today. However, there are a few examples worth noting.
The first one is a phrase ἐν ταῖς συναγωγαῖς αὐτῶν, which appears twice bracketing the beginning and end of the Messiah’s words and deeds in the Gospel of Matthew. However, the revised CUV translates it as ›in all synagogues‹ (各會堂) in Mt 4:23 and ›in their synagogues‹ (他們的會堂) in 9:35 respectively. It is an intended error in translation!
The second example is in the story of the centurion in Mt 8:5-13. Upon his request to heal his servant, Jesus replies ἐγὼ ἐλθὼν θεραπεύσω αὐτόν, the RCUV follows the English translation, as ›I will come to cure him.‹ If this translation is appropriate, the Centurion’s answer seems strange, ›I am not worthy to have you come …‹. Alternatively, if the verb is understood as subjunctive and the whole phrase as a question, Jesus’ reply will then read ›Should I come and should I heal him?‹ After such a reply, the centurion’s response seems more reasonable, ›I am not worthy …‹. Such a translation requires a mastery of Greek grammar and the immediate context.
A final example is the μονογενὴς θεός in John 1:18. The major weights of the ancient Greek manuscripts attest θεός here. The RCUV translates it as ‘the only son’ (獨一的兒子) inappropriately. It seems that the RCUV follows the English NRSV ›It is God the only Son‹ rather than the Greek text. At a superficial glance of the translation, the NRSV makes a symmetric consideration, paralleling ›Father and Son‹ in the context, but this sacrifices the original Greek. If we consider both Greek words as nouns and understand them as apposition grammatically, then the corresponding meaning becomes even enriched: ›the only begotten God‹. ›The only begotten‹ is obviously Jesus in its immediate context. And the status of Jesus as God is also made prominent.
These few examples simply show that Chinese readers can hardly access the exact meaning of the Bible because of the limitations arising from reading translated versions. Yet I think this privation is avoidable. My developed app (completed in June 2022) assists them to be able to make independent judgements on the translation. If you are interested in how it functions, you may download this app, which is called (原文新約), literally «the Original Language of the New Testament”, via the QR code below, which is free for use.
This is the corresponding icon in the Apple Store or Google Play:
The following are screenshots from the app on a phone:
Upon pressing on the word μονογενής of John 1:18 in 28GNT, the word would be highlighted in yellow. Then its corresponding lexical data of New Testament Greek-Chinese Lexicon and 獨生of the Chinese version of NT will be shown (see left).
Fig. 4 (right) highlights the θεός accordingly, where the lexical entry of θεός is shifted to the top position of the page.
Fig. 5 (left) shows all occurrences of μονογενής in the whole New Testament, with John 1:18 highlighted. This full version of the entry appears after pressing the keyword for three seconds.
Fig. 6 (left) shows all occurrences of θεός, similarly to μονογενής in fig. 3. It has a total of 16 screen pages when scrolling down, here the first page is saved.
From these few figures, one notes that there are three main components in the app, the 28GNT, the Chinese Version (both traditional and simplified characters) and the New Testament Greek/Chinese Lexicon (NTG-CL). They are hyperlinked in electronic media.
The Chinese Version of the GNT (CV-GNT) in this app is directly translated according to the 28GNT. All the translated Chinese content words (noun, verb, adjective, adverb) are based on the definitions and classifications of the NTG-CL, which in turn enables the hyper-linking among the three entities smoothly. Of course, during the process of translation, we have to modify backwards the classifications in the lexicon sometimes because its making did not aim for a handbook of our present translation. Yet, this CV-GNT is relatively consistent in using Chinese characters because of the lexicon. Therefore, in the process of translation, first-level translators could thus be less affected by their personal state (emotions, physical fitness or tight schedule of the day, etc.) or by the external environment (patrons, socio-political issues, pandemic, weather, etc.). Now Chinese readers can easily access the corresponding Greek words and the lexical data of each Chinese content word in this CV-GNT.
As dictionary or lexicon never comes ex-nihilo, the NTG-CL (Hong Kong Bible Society, 2015) consulted the BDAG and LN as major references. Definitions and classifications are not directly copied from them, but transformed according to Chinese embeddedness, and thus some modifications are made from the BDAG and LN. Together with the Greek language of the New Testament, German Bauer (1988), English BDAG and LN all are embedded in their own linguistic and cultural context, which is why we believe that a direct translation from them is not appropriate for Chinese readers in any case.
Dear Christa and Gerd, may I present this app (原文新約) as a tribute to your big birthday?
Though you don’t use much »Handys«, mobile phones, and don’t know the Chinese language, you do know Greek and have some Chinese friends. For me, the birth of this app is a miracle. Without your unfailing supervision and tireless caring, I could not have become a professor teaching and researching the New Testament for my entire professional life. You devoted quadruple, perhaps, even more, efforts to my dissertation compared to your other »Doktoranden«, encouraging, assisting, and accompanying me another ten years until the completion of my second book.
Yes, the external environment of Hong Kong/China’s economy in recent decades enhanced much funding for it. Apart from me and some voluntary experts in the New Testament and IT, I employed research personnel for about 15 years full-time equivalent for the above work. Most of the time, these persons received unproportionally for the efforts they contributed. But they were happy to do so. The making of the NTG-CL took 18 years, starting from 1997 to 2015. The rough idea of the app was ignited right after the beginning of the NTG-CL. Through frustration and failure over two decades, it appears just now as I am writing these words, a couple of years after I retired from the university.
I must give my heartfelt thanks to Loretta, who encourages and supports the completion of my most extensive bucket list after retirement. Among various supports, she planned the finance and gathered private donations for this project. I learned a new model for serving God, a journey of faith, and waiting for donations. It did happen. And I can see this miracle.
This miracle goes a bit further to my late mom, who was converted a few years before my birth. She prayed every day that her children might serve God one day. You asked me several times in Heidelberg, what my parents were as if you could not believe it: they were analphabetic without any professional skills. I cannot help to agree with your words, ›difficulties belong to life‹ (Autobiographische Skizze 3; Heidelberg: 2003). However, my life was a miracle with many angels surrounding me. And you are the decisive two, who helped me excel in life and are more to me than only »Doktoreltern.«
A very happy birthday, Gerd!
Yours
Kun Chun
July 1, 2022
Bibliography
W. Bauer, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. Völlig neu bearb. Aufl., hg. v. K. Aland/B. Aland, Berlin/New York 61988.
