Rettet die Böden - Gernot Stöglehner - E-Book

Rettet die Böden E-Book

Gernot Stöglehner

0,0
19,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Bodenschutz ist eines der drängendsten Probleme unserer Zeit. Boden spielt eine wichtige Rolle im Wasser- und CO2-Kreislauf und ist damit ein wesentlicher Baustein für Biodiversität. In diesem Buch wird die alarmierende Bedrohung des Bodens durch die wachsende Flächeninanspruchnahme für Bauland und Infrastruktur beleuchtet. Der Autor analysiert die Ursachen dieses Problems und setzt es in den Kontext gesellschaftlicher Herausforderungen, wie dem demografischen Wandel, Wirtschaftswachstum und der Klimakrise. Dabei wird die dringende Notwendigkeit eines effektiven Bodenschutzes für die Ernährungs- und Rohstoffsicherheit sowie den Schutz der Biodiversität betont. Mit einem Blick auf innovative Lösungsansätze und die Rolle der Raumplanung zeigt das Buch auf, wie Bodenschutz gelingen kann.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



GERNOT STÖGLEHNER

RETTET DIE BÖDEN

Ein Plädoyer für eine nachhaltige Raumentwicklung

FALTER VERLAG

ISBN 978-3-99166-013-2

© 2024 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.

1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9

T: +43/1/536 60-0

E: [email protected], [email protected]

W: faltershop.at

Alle Rechte vorbehalten.

Autor: Gernot Stöglehner

Lektorat: Cornelia Czaker

Umschlagdesign: Nadine Weiner

Grafik und Layout: Marion Großschädl, Raphael Moser

Produktion: Sothany Kim

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Inhalt

Vorwort

1 Einführung

2 Ursachen des Bodenverbrauchs

2.1 Bodenverbrauch als persistentes Umweltproblem

2.2 Rege Bautätigkeit und Leerstand

2.3 Funktionstrennung, mangelnde Dichte und Zersiedelung

2.4 Autoorientierte Mobilität

2.5 Komplexität des Planungssystems

2.6 Mangelnde Baulandverfügbarkeit

2.7 Der Weg der Wertschöpfung aus Umwidmungen

2.8 Resümee: Funktionslogik ändern

3 Konsequenzen des Bodenverbrauchs

3.1 Ernährungssicherheit

3.2 Bodenbildung, Wasserhaushalt und Erosion

3.3 Biodiversität

3.4 Klimakrise

3.5 Energie- und Ressourcenwende

4 Grundpfeiler einer nachhaltigen Raumentwicklung

4.1 Belebte Ortskerne

4.2 Maßvolle Dichte

4.3 Innenentwicklung

4.4 Bestandstransformation

4.5 Entsiegelung und Begrünung

5 Die Bedarfsfrage im Bodenschutz

5.1 Bodenbedarf für Ernährungssicherheit

5.2 Bodenbedarf durch die Klimakrise

5.3 Bodenbedarf für Biodiversität

5.4 Bodenbedarf für die Bioökonomie

5.5 Bodenbedarf und Bodenschutzziele

6 Grundelemente einer wirksamen Bodenstrategie

6.1 Zielklarheit: Netto-Null-Bodenverbrauch

6.2 Sozialpflichtigkeit des Grundeigentums

6.3 Raumplanerische Maßnahmen umsetzen

6.4 Baulandverfügbarkeit stärken

7 Bodenstrategie im gesellschaftlichen und individuellen Kontext

8 Schlussbetrachtungen

Vorwort

Das Thema Bodenverbrauch hat in den letzten Jahren medial stark an Präsenz gewonnen. Die Flächeninanspruchnahme für Bauland und Infrastruktur wird in Fachkreisen schon seit Jahrzehnten thematisiert. Bereits in die Österreichische Nachhaltigkeitsstrategie 2002 hat ein Reduktionsziel für Flächeninanspruchnahme auf 2,5 ha pro Tag oder auf ein Achtel der Flächeninanspruchnahme des Jahres 2002 Eingang gefunden und wurde in den Regierungsprogrammen der letzten beiden Regierungen bekräftigt. Werden demgegenüber die realen Entwicklungen betrachtet, sind kaum zählbare Erfolge auszumachen. Die Zuwachsrate der Flächeninanspruchnahme ist zwar in den letzten 20 Jahren gesunken, von einem effektiven Schutz der Böden vor Bebauung und Infrastrukturentwicklung kann aber bei weitem nicht gesprochen werden. Die Arbeiten an einer Bodenstrategie für Österreich wurden zur Erreichung des 2,5-Hektar-Ziels unter der Koalitionsregierung von ÖVP und Die Grünen im Jahr 2020 begonnen, konnten aber bis zur Vorlage dieses Buches nicht abgeschlossen werden. Zankapfel zwischen Bund, Ländern und Gemeinden ist das 2,5-Hektar-Ziel, zu dem bis dato keine Einigung erwirkt werden konnte.

Ende Februar 2024 haben die für Raumordnung zuständigen Landesrät:innen gemeinsam mit Vertreter:innen des Gemeinde- und Städtebundes eine Bodenstrategie ohne Bund und ohne die Erwähnung des 2,5-Hektar-Ziels beschlossen. Damit wird deutlich, dass die politisch Verantwortlichen Berührungsängste mit einem quantitativen, daher messbaren und prüfbaren Bodenschutzziel haben und substanziell wirksame Strategien bis dato nicht verfolgt werden. Gleichzeitig legte die Bundesregierung ein Konjunkturpaket „Wohnbau und Bauoffensive“ auf, das zumindest teilweise geeignet ist, den Bodenverbrauch neuerlich – und auf ohnehin hohem Niveau – weiter zu befeuern. Denn den Bodenverbrauch wirksam zu reduzieren, greift in die Funktionsweise von Wirtschaft und Gesellschaft ein und erfordert neue Regeln, eine andere Art der Besteuerung von Grund und Boden sowie andere Prinzipien, wie wir uns als Gesellschaft und Wirtschaft den Raum aneignen, als die bisher verfolgten. Viele dieser Themen werden in diesem Buch aufgegriffen, die Faktenbasis aufbereitet und Positionen zum Bodenschutz formuliert.

Die Kampagnen der Österreichischen Hagelversicherung und Nichtregierungsorganisationen wie dem WWF, Greenpeace oder dem Klimabündnis haben zum Medieninteresse am Thema beigetragen. Auch ich konnte als Professor für Raumplanung wissenschaftliche Veranstaltungen an der Universität für Bodenkultur Wien (mit-)gestalten und seit 2019 dieses Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Diese wissenschaftlichen Veranstaltungen wurden in der Öffentlichkeit breit rezipiert. Auch die vom ORF im September 2021 aufgenommene und mehrmals ausgestrahlte DOK1-Sendung „Viel verbautes Österreich“ mit Hanno Settele, an der ich mitwirken durfte, und viele weitere Beiträge in Radio, Fernsehen und Printmedien haben zur öffentlichen Aufmerksamkeit für dieses Thema beigetragen.

Die zahlreichen Gespräche zum Thema Bodenverbrauch, die ich mit Journalist:innen, Fachleuten, politischen Entscheidungsträger:innen, Studierenden, Freund:innen und Bekannten geführt habe, aber auch die aktuellen politischen Entwicklungen rund um das Thema Bodenschutz gaben den Anstoß, dieses Buch zu schreiben und einen umfassenden Blick auf den Bodenverbrauch in Österreich in seiner Komplexität zu bieten. Dieses Buch soll nicht nur für das Thema sensibilisieren, es soll allen Interessierten ein Argumentarium liefern, warum es wichtig ist, sich mit Bodenverbrauch und quantitativem Bodenschutz auseinanderzusetzen, und aufzeigen, wie die Reduktion des Bodenverbrauchs im jeweils eigenen Wirkungsbereich – ob als Privatperson, Unternehmer:in, politische:r Entscheidungsträger:in oder als Engagierte:r in einer Bürger:inneninitiative oder einer Umweltorganisation – umgesetzt werden kann und welche Vorteile dies für den Einzelnen und die Gesellschaft bringt. In diesem Sinne wünsche ich allen Leser:innen interessante Einblicke in das Thema und hoffe, dass wir gemeinsam in einer Kooperation aus Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft eine echte Wende schaffen! Wenn wir dieses Problem in den Griff bekommen, tragen wir gleichzeitig zur Lösung weiterer drängender Umweltkrisen wie Klimakrise oder Artenverlust bei und können positiv in die Zukunft blicken!

Abschließend bedanke ich mich bei meinen Kolleg:innen für die vielen Debatten im Laufe der Jahre, um das Thema von verschiedensten Seiten im Rahmen von Tagungen, Veranstaltungen, Projekten, Publikationsvorhaben oder in Einzelgesprächen zu beleuchten. Besonders danke ich Michael Narodoslawsky, Tatjana Fischer und Walter Seher für die Anmerkungen und Anregungen zum Text, sowie den Mitarbeiter:innen des Falter Verlags Siegmar Schlager, Sothany Kim und Cornelia Czaker.

Gernot StöglehnerLangau, im Jänner 2024

1 Einführung

Mittlerweile finden wir vielerorts die immer gleichen, an Schuhschachteln erinnernden Einkaufszentren am Ortseingang. In der globalen Shopping-Welt sehen Einkaufsviertel überall gleich aus. Während einer Gastprofessur im australischen Brisbane habe ich im Jahre 2008 Fotos von Einkaufszentren aufgenommen, die von der Grundstruktur – einem L oder U – über die Form der Baukörper, der unvermeidlichen Säule mit den Geschäftsnamen bis hin zur Gestaltung der Geschäftsportale und den Tafeln für die Bezeichnung der Shops exakt gleich gestaltet waren wie österreichische Einkaufszentren. Sie brauchen viel Fläche, dort wie da: ebenerdige Bauweise, ebenerdige Parkplätze, alles auf das Auto ausgerichtet. Und: In unmittelbarer Nähe hat sich vielleicht auch noch der eine oder andere produzierende Gewerbebetrieb angesiedelt.

Zurück nach Österreich: Um in die Ortszentren zu gelangen, müssen die Umfahrungsstraßen bewusst verlassen werden. Vielerorts wären ohnehin nur verschlafene historische Ortskerne anzutreffen. Der Einzelhandel hat sich überwiegend in die Einkaufszentren an den Ortsrand, den Kreisverkehr bzw. an die Umfahrung zurückgezogen. Teilweise folgen ihm mittlerweile Arztpraxen, Apotheken, Cafés und Restaurants. In Eisenstadt hat die Landesumweltanwaltschaft in einer Einkaufsmeile Quartier gefunden, gleich hinter dem Areal bestehend aus Fast-Food-Restaurant, Supermarkt, Möbelkette und Baumarkt. Auch die Fachhochschule Burgenland, die Pädagogische Hochschule und das Studierenden- und Jugendheim sind dort angesiedelt. In der Raumplanung wird dieses Phänomen als Randwanderung zentrumsrelevanter Einrichtungen bezeichnet. Gleichzeitig stirbt der Ortskern. Leerstand breitet sich aus. Die Wege werden länger, Autofahren zur Norm. Diese Entwicklungen erfordern mehr Infrastruktur, treiben den Bodenverbrauch in die Höhe und schaffen damit weitere Umweltprobleme. Wer kein Auto zur Verfügung hat oder nicht lenken kann, kann den Alltag wesentlich schwieriger organisieren.

Aber nicht nur leerstehende Geschäftslokale prägen den Ortskern, auch viele Wohnungen warten auf neue Bewohner:innen. Am Ortsrand wird emsig weitergebaut, ein freistehendes Einfamilienhaus reiht sich an das nächste, dazwischen ein paar Reihenhäuser, ein Mehrfamilienhaus oder mehrgeschoßiger Wohnbau. Die Wohnbevölkerung übersiedelt damit ebenso an den Ortsrand wie die Geschäfte. Die Städte und Dörfer breiten sich immer mehr in die umliegende Agrarflur aus, während dazwischen immer leistungsfähigere, breitere, schnellere Verkehrsachsen gebaut werden. Autobahnknoten können eine größere Flächenausdehnung als ganze historische Stadtkerne einnehmen, wovon man sich allein durch Größenvergleiche überzeugen kann: Die Altstadt von Freistadt, meinem Geburtsort, weist eine maximale Ausdehnung von etwa 320 mal 320 Metern auf. Ihr Flächenausmaß beträgt neun Hektar. Im Vergleich dazu umfasst der Knoten Linz zwischen der Westautobahn A1 und der Mühlkreisautobahn A7 einschließlich der Grünflächen zwischen den Fahrbahnen eine Fläche von ca. 26 Hektar. Die Altstadt von Freistadt würde also im Knoten Linz knapp drei Mal Platz finden.

Landauf, landab sind in Österreich dieselben Entwicklungen anzutreffen. Das, was im allgemeinen Sprachgebrauch als Flächenverbrauch, Flächenfraß oder Bodenverbrauch bezeichnet wird – in der Fachwelt nennen wir es Flächeninanspruchnahme für Bauland und Infrastruktur (kurz: Flächeninanspruchnahme) – nimmt rapide zu. Fachleute wenden ein, dass die Fläche streng genommen nicht verbraucht, sondern nur in Anspruch genommen werden kann, da sie auch nach der Bebauung noch vorhanden ist, aber eben einer anderen Nutzung zugeführt wurde.

Tatsächlich halte ich dies für einen Euphemismus. Für dieses Buch habe ich mich für den Begriff Bodenverbrauch entschieden. Die Dinge sind beim Namen zu nennen: Denn als biologisch produktive Fläche, die wildlebenden Tieren und Pflanzen Lebensraum bietet, Wasser speichert, das Klima reguliert und dem Anbau von Lebensmitteln zur Verfügung steht, geht der Boden tatsächlich verloren. Er wird in seinen biologischen Funktionen beeinträchtigt oder zerstört und für Bauland „verbraucht“. Die Fläche selbst ist zwar noch vorhanden, der Boden erfüllt aber diese wesentlichen Funktionen nicht mehr. Und dies stellt eines der großen Umweltprobleme unserer Zeit dar, eng verwoben mit der Klimakrise und der Biodiversitätskrise. Die Ursachen dieser drei großen Umweltprobleme liegen primär darin, wie wir uns den Raum aneignen, wie wir unsere Regionen organisieren, wie wir unsere Städte, Kleinstädte und Ortschaften gestalten.

Dass die öffentliche Aufmerksamkeit in Hinblick auf die Zunahme des Bodenverbrauchs gerade in letzter Zeit rasant gestiegen ist, liegt offensichtlich daran, dass dessen Ausmaß mittlerweile nicht mehr ignoriert werden kann. Nicht zuletzt werden die Ausprägungen und Folgen des Bodenverbrauchs, wie die Veränderung der Kulturlandschaft sowie mehr Naturgefahren und Artenverluste, immer spürbarer. Im ersten Teil des Buches befasse ich mich mit den wesentlichen Faktoren, die der Thematik zugrunde liegen, und den Ursachen des Bodenverbrauchs.

Für diesen gibt es keine einfachen Erklärungsmuster wie etwa, dass die Gemeinden mit der Aufgabe der Raumordnung überfordert wären oder mit einer Bundesraumordnung die Probleme schon gelöst würden. Der Bodenverbrauch liegt in der Funktionslogik von Gesellschaft und Wirtschaft begründet. Hier werden die wesentlichen Zusammenhänge aufgezeigt, um in weiterer Folge Lösungsansätze zu präsentieren.

Bevor ich mich den Lösungen und einer wirksamen Bodenstrategie sowie deren Umsetzung zuwende, gehe ich im zweiten Teil des Buches der Frage nach, warum der Bodenverbrauch eigentlich ein gesellschaftliches Problem geworden ist und analysiere, welche Konsequenzen der Bodenverbrauch für den Einzelnen und gesamtgesellschaftlich hat. Seit der Sesshaftwerdung der Menschheit wurden Siedlungen gebaut und dafür Flächen in Anspruch genommen. In jüngerer Zeit aber hat unsere Gesellschaft die Grenzen des Wachstums, die Donella und Dennis Meadows mit Kolleg:innen bereits 1972 postulierten1, endgültig überschritten. Hätte die gesamte Weltbevölkerung einen ähnlichen Lebensstil und vergleichbare Wirtschaftsweisen wie Bürger:innen in Österreich, würde es gemäß den Berechnungen zum ökologischen Fußabdruck mittlerweile mehrere Erden brauchen, um uns mit Nahrung, Energie und Rohstoffen zu versorgen. Ein Großteil des Ressourcenverbrauches hängt mit der Nutzung des Raumes und damit mit dem Bodenverbrauch zusammen.

Inhaltlich und methodisch beruht dieses Buch zum einen auf den Erkenntnissen meiner mehr als fünfundzwanzigjährigen wissenschaftlichen Tätigkeit sowie meiner Praxisjahre in der örtlichen Raumplanung in Oberösterreich in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre. Ich habe zahlreiche Publikationen verfasst und an Planungen mitgewirkt, sowohl im Ziviltechnikerbüro als auch im universitären Umfeld im Rahmen von zahlreichen Forschungsprojekten, die ich in Kooperation mit Ländern, Gemeinden und Regionen umgesetzt habe, sowie im Zuge von Projektlehrveranstaltungen in mittlerweile weit über 100 österreichischen Gemeinden – und bei internationalen Projekten in einigen Gemeinden in Europa, Australien und Japan. Im Zuge dessen habe ich zahllose Gespräche mit Planer:innen, politischen Entscheidungsträger:innen, Unternehmer:innen, Vertreter:innen der Zivilgesellschaft und der Öffentlichkeit zu Themen räumlicher Entwicklung geführt. Im Laufe meines Berufslebens habe ich permanent die räumliche Entwicklung national und international beobachtet und bin für dieses Buchprojekt im Rahmen eines Forschungsfreisemesters von Juli bis Dezember 2023 auch gezielt durch die österreichischen Lande gefahren, um gute und schlechte Beispiele räumlicher Entwicklung zu identifizieren und zu analysieren. Aus diesem Wissensbestand sowie aus dokumentierten planungsfachlichen Diskussionen und wissenschaftlichen Beiträgen entwickle ich die hier vorgestellten Positionen zum Bodenverbrauch.

2 Ursachen des Bodenverbrauchs

Österreich ist in Bezug auf den Bodenverbrauch, d. h. die für Bauland und Infrastruktur in Anspruch genommenen Flächen, weitestgehend fertig gebaut – dieser Schluss liegt nahe, wenn verschiedene Zahlen und Fakten zur Flächeninanspruchnahme betrachtet werden: Laut Umweltbundesamt betrug der Bodenverbrauch in Österreich im Jahr 2020 5.768 Quadratkilometer. Davon werden ca. 2.000 Quadratkilometer, also ca. 35 % nur für Verkehrsflächen aufgewendet, für Wohnen und Arbeiten sind dies ca. 3.300 Quadratkilometer oder 57 % des Bodenverbrauchs.2,3 Innerhalb der Europäischen Union wurde laut Europäischer Umweltagentur in den Jahren von 2012 bis 2018 der Zuwachs der Flächeninanspruchnahme im Vergleich zu den sechs Jahren davor um ca. 40 % eingebremst. In Österreich ist dieser Wert um 17 % gestiegen, in Deutschland z. B. um 20 % gesunken. Damit ist Österreich in einem kleinen Club von lediglich fünf weiteren EU-Ländern (Irland, Malta, Luxemburg, Rumänien, Slowenien) vertreten, die – allerdings bei unterschiedlichen Ausgangsniveaus – keine Reduktion der Zuwachsraten der Flächeninanspruchnahme erreicht haben.4

Diese Zahlen sind zweifelsohne beeindruckend, aber ist dies nun tatsächlich viel? Werden diese Zahlen zur Bundesfläche in Bezug gesetzt, handelt es sich dabei um knapp 7 % der Gesamtfläche. Das erscheint auf den ersten Blick vielleicht akzeptabel, allerdings ist zu bedenken, dass sehr viele Teile Österreichs nicht für eine permanente Nutzung als Siedlungsraum geeignet sind. Im Österreichschnitt stehen nicht ganz 39 %, wenn man alpine Lagen, Wälder und einige andere Landnutzungskategorien von der Bundesfläche abzieht, für eine permanente Nutzung für Wohnen, Betriebe, die dazugehörigen Verkehrsflächen usw. zur Verfügung. Dieser Dauersiedlungsraum ist auch noch sehr unterschiedlich über die Bundesländer verteilt. In Tirol sind gerade einmal 12,4 % der Landesfläche Dauersiedlungsraum, in Niederösterreich, dem größten Bundesland, beträgt er über 60 %.5 Mehr als ein Drittel des gesamten österreichischen Dauersiedlungsraums liegt in Niederösterreich.

Nicht nur die Siedlungen und Betriebsbaugebiete sowie die Verkehrsanlagen müssen in diesem Dauersiedlungsraum untergebracht werden, auch die landwirtschaftliche Nutzung ist auf diese Bereiche fokussiert. Da die Bebauung üblicherweise auf vormaligen Acker- oder Grünlandflächen stattfindet, steht sie in unmittelbarer Konkurrenz zur landwirtschaftlichen Produktion und gefährdet dadurch langfristig die Ernährungssicherheit. 17,3 % des zur Verfügung stehenden Dauersiedlungsraumes sind bis dato für Bauland und Infrastruktur, aber auch für Abbauflächen und Freizeitflächen aufgewendet worden.6 Und jeden Tag werden diese Flächen mehr.

Von Zeit zu Zeit werden in den Medien Erfolgsmeldungen veröffentlicht, die behaupten, dass der Bodenverbrauch sinken würde. Aber das stimmt mitnichten. Bei genauerer Betrachtung dieser Meldungen zeigt sich, dass nur der Zuwachs an Flächeninanspruchnahme sinkt. Der Bodenverbrauch selbst steigt stetig weiter an. In den letzten Jahren beliefen sich die Zuwachsraten auf ca. 38 bis 44 Quadratkilometer pro Jahr, die sowohl der landwirtschaftlichen Produktion als auch der biologischen Vielfalt verloren gehen. Dieser Trend setzt sich regional unterschiedlich, aber weitgehend ungemindert fort.7

2.1 Bodenverbrauch als persistentes Umweltproblem

Wie rasant die Entwicklung voranschreitet, zeigt die Beobachtung über längere Zeiträume. Der Bodenverbrauch gehört zu den persistenten Umweltproblemen, wie derartige Phänomene in der umweltplanerischen und umweltpolitischen Literatur genannt werden. Solche persistenten Umweltprobleme8 zeichnen sich zunächst durch ihren kumulativen Charakter aus. Das bedeutet, dass sehr viele Verursacher:innen jeweils nur kleine Beiträge zum Gesamtproblem leisten, aber in Summe entsteht so über längere Zeiträume hinweg ein sehr großer Effekt. Um diese Kumulationseffekte sichtbar zu machen, braucht man in Bezug auf den Bodenverbrauch nicht einmal 20 Jahre zurückzublicken, konkret ins Jahr 2006. Seither haben die Bauland- und Verkehrsentwicklung in Österreich 1.091 Quadratkilometer Fläche in Anspruch genommen. Mehr als ein Fünftel von dem, was jetzt unter anderem als Ortschaften, Betriebsbaugebiete, Städte, Verkehrsflächen, Autobahnen, Eisenbahnlinien im Raum vorhanden ist, ist erst in den letzten 18 Jahren entstanden. Wird dies mit der Bau- und Verkehrsfläche der Stadt Wien, das waren ca. 197,3 Quadratkilometer, aus dem Jahr 2006 verglichen, wurde von 2006 bis 2020 ziemlich genau fünfeinhalb Mal Wien auf Österreich verteilt neu errichtet.9

2.2 Rege Bautätigkeit und Leerstand

Immer sorgloser, immer großzügiger wird mit den Böden, die eine wesentliche Lebensgrundlage darstellen, umgegangen. Die rege Bautätigkeit lässt sich aus vielen Zahlen ablesen. Bis dato wurden in Österreich in Summe ca. 2,375 Mio. Gebäude errichtet, davon 2,1 Mio. Wohngebäude mit etwa 4,9 Mio. Wohnungen. Seit 2001 sind 328.000 neue Gebäude dazugekommen. In Summe wurden fast eine Million zusätzlicher Wohnungen gebaut, obwohl Österreich im selben Zeitraum um lediglich eine Million Menschen gewachsen ist.10 Im Jahr 2001 hatte Österreich 8,042 Mio. Einwohner:innen. Am 1. April 2024 sind es rund 9,17 Mio.11 Das heißt, dass pro zugezogener Person, denn das Bevölkerungswachstum basiert auf internationaler Migration, im statistischen Schnitt in etwa eine neue Wohnung errichtet wurde.

Weder mit den Bedürfnissen der Zuzüglerinnen, den Wanderungsbewegungen innerhalb Österreichs u. a. von peripheren, ländlichen Regionen in die Zentralräume, noch mit dem in den letzten Jahrzehnten zu beobachtendem Sinken der Haushaltsgrößen ist dieser Wohnungszuwachs zu erklären. Wird bedacht, dass von den derzeit 4,91 Mio. Wohnungen nur in 4,016 Mio. Wohnungen mindestens ein Hauptwohnsitz12 gemeldet ist, wurde wohl über den Bedarf hinaus gebaut. Dies widerspricht der derzeit in den Medien kolportierten und von der Bundesregierung vertretenen Meinung, dass zur Herstellung von leistbarem Wohnen der Wohnbau angekurbelt werden müsse. Letztere stellt in einem Wohn- und Baupaket einen Zweckzuschuss in der Höhe von einer Milliarde Euro zur Verfügung13. Es ist daher zu befürchten, dass damit auch Bodenverbrauch und Leerstand befeuert werden.

Zu den Hauptwohnsitzgemeldeten kommen noch ca. 1,4 Mio. Nebenwohnsitze14, wobei viele Wohneinheiten sowohl Haupt- als auch Nebenwohnsitzmeldungen aufweisen, z. B. wenn ein studierendes Kind oder ein:e pflegende:r Angehörige:r am Hauptwohnsitz der Eltern noch einen Nebenwohnsitz unterhält. Somit ist davon auszugehen, dass wahrscheinlich mehrere Hunderttausend Wohnungen in Österreich permanent leer stehen. Die Statistiken sind zwar aufgrund von Erhebungsproblemen, u. a. weil nicht alle Wohnsitze tatsächlich angemeldet sind, nicht sehr zuverlässig, sodass die Statistik Austria als Richtwert die Zahl von 653.000 Wohnungen ohne Wohnsitzmeldung angibt.15 Greenpeace schätzt den Leerstand in einem im April 2024 veröffentlichten Factsheet auf ca. 230.000 Wohnungen, was eher den unteren Rand des Leerstandes repräsentieren dürfte.16 Daher kann der in gängigen Debatten häufig geäußerte Schluss, dass für leistbares Wohnen neuer Wohnraum geschaffen werden müsse, in absoluten Zahlen für das Bundesgebiet nicht vorbehaltlos geteilt werden.

Was diese Zahlen allerdings nicht ausdrücken, sind die regionalen Unterschiede von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum bzw. die Schrumpfung von Gemeinden. Wohnungsbedarf entsteht nicht nur durch internationale Migration, sondern auch aufgrund von Binnenmigration innerhalb des Staatsgebietes. Meist geht diese Wanderung von ländlichen, insbesondere von peripheren, strukturschwachen Räumen in die urbanen Zentren. Damit stehen Häuser im ländlichen Raum zunehmend leer oder sind z. B. als Nebenwohnsitze unternutzt, d. h. nur in Teilen oder im Jahresverlauf nur gering genutzt sind. Gleichzeitig entsteht in den urbanen Zentren ein zusätzlicher Wohnungsbedarf. Hinter dieser Beobachtung schwingt die Frage mit, wie legitim es nun ist, mehrere Wohnsitze zu nutzen?

Manche Kolleg:innen vertreten die Meinung, dass ein Nebenwohnsitz ein Vergehen an der Raumentwicklung wäre und erheblichen Schaden in Bezug auf den Bodenverbrauch anrichten würde. Dieses Argument ist zwar nicht grundsätzlich von der Hand zu weisen; um den gegenwärtigen Lebensentwürfen jedoch Rechnung zu tragen, ist aber eine weitere Differenzierung notwendig. Die Lebensansprüche und die Organisation des Lebens finden für große Teile der Bevölkerung mittlerweile an mehreren Wohnstandorten statt. In der Wissenschaft wird dieses Phänomen als Multilokalität bezeichnet.17 Woher kommt diese Multilokalität nun? Gemäß dem Meldegesetz drückt der Hauptwohnsitz jenen Ort aus, der den Lebensmittelpunkt darstellt. Dieser Lebensmittelpunkt setzt sich aus vielen Aspekten des täglichen Lebens zusammen, u. a. dass Familie und Freund:innen dort wohnen, dass Personen sich gesellschaftlich engagieren oder dort ihrer Arbeit nachgehen.

Vielfach ist zu beobachten, dass Wohnen, Arbeiten, Ausbildung, aber auch die Pflege von Angehörigen nicht mehr am selben Ort stattfinden. Diese verschiedenen Lebensansprüche gilt es in den Alltag und damit auch in den Raum zu integrieren. Wie wirksam nun diese Lebensumstände auf den Bodenverbrauch werden, hängt nicht ausschließlich davon ab, wie viele Wohnsitze unterhalten werden, sondern wesentlich davon, wie diese Wohnsitze ausgestaltet sind und wie viele Gebäude bzw. wie viel Wohnfläche hier grundsätzlich beansprucht wird.

Es ist vorherzusehen, dass neue Formen der Multilokalität durch die Klimakrise als „Rückkehr zur Sommerfrische“ angestoßen werden. So hat sich in den letzten Jahrzehnten durch das Phänomen der urbanen Hitzeinseln im Zuge der Klimakrise die Anzahl der Hitzetage – also die Tage mit mehr als 30 Grad Celsius Höchsttemperatur – und die Zahl der Tropennächte – also jene Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad Celsius sinkt – insbesondere in den Städten in etwa verdoppelt, in einigen Regionen sogar verdreifacht. In der Wiener Innenstadt wurden im Sommer 2019 44 und im Sommer 2023 37 Hitzetage gemessen, an der Wiener Hohen Warte 40 Hitzetage 2019 bzw. 28 Hitzetage 2023. Im Vergleich dazu entspricht dies in etwa dem drei- bis viereinhalbfachen Wert des Durchschnitts von 9 Hitzetagen der Jahre 1961 bis 1990, gemessen an der Hohen Warte.18 Auch wenn diese Entwicklungen noch jung sind und daher keine langfristigen Daten dazu vorliegen, werden sie mit einiger Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass insbesondere im Sommer immer mehr Menschen den Wunsch haben werden, die Städte zu verlassen, um der Hitze, die zunehmend gesundheitsgefährdend wird, zu entfliehen. Auch ein Ansteigen der Todesfälle aufgrund der hohen Außentemperaturen ist zu erwarten. Die Agentur für Gesundheits- und Ernährungssicherheit rechnet in den letzten Jahren österreichweit mit bis zu 550 Hitzetoten pro Jahr, wobei die Höchstzahl von 550 Hitzetoten im Jahr 2018 erreicht wurde.19 Seit den 2010er-Jahren sind in Österreich des Öfteren mehr Hitzetote als Verkehrstote pro Jahr zu verzeichnen, wobei für Wien allein Szenarien für bis zu 3.000 Hitzetote pro Jahr für das Jahr 2050 errechnet wurden.20 Damit ist auch zu erwarten, dass während Hitzewellen Fluchtbewegungen aus der Stadt hinaus hinkünftig zunehmen und viele einen Sommerfrische-Wohnsitz begründen werden.

Ob sich Multilokalität tatsächlich erheblich auf den Bodenverbrauch auswirkt, ist sehr stark von der Nutzung der jeweiligen Wohnsitze abhängig. Hier gibt es sehr verschiedene Formen, vom Behalten des Kinderzimmers im elterlichen Haus über eigene Liegenschaften, die im Wochenverlauf insbesondere bei arbeits- oder ausbildungsbedingter Multilokalität regelmäßig genutzt werden, bis hin zu Freizeitwohnsitzen, die den größten Teil des Jahres leer stehen und nur zu Wochenend- und/oder Urlaubszeiten bewohnt werden. Wenn die Wohnsitze zumindest in Teilen in mehrgeschoßigen Gebäuden liegen, hält sich der Flächeneffekt in Grenzen. Darüber hinaus ist der Bodenverbrauch auch davon abhängig, ob ein Bestandsgebäude genutzt wird und ob dieses in einer Wachstums- oder Schrumpfungsregion liegt, d. h. ob Zweitwohnsitze mit Hauptwohnsitzsuchenden um das Bauland konkurrieren oder nicht, wie im Folgenden erörtert wird.

Hochproblematisch sind in vielen Gemeinden die freizeitbedingten Zweitwohnsitze, für die eigene Baulandgebiete erschlossen werden, die nur wenige Wochen im Jahr genutzt werden und dann für kurze Zeit während der Urlaubswochen saisonale Spitzen in der Infrastrukturauslastung bedingen. In landschaftlich attraktiven Regionen sind Orte zu finden, wo mehr Zweitwohnsitze, die nur selten bewohnt werden, als ganzjährig bewohnte Hauptwohnsitze anzutreffen sind. Vielfach beanspruchen diese Zweitwohnsitze besonders attraktive Lagen, z. B. mit Ausblick oder nahe an alpinen Seen. Dies führt etwa in alpinen Lagen zu besonders großen Problemen, wo der Flächenanteil des Dauersiedlungsraumes klein ist, sodass jede für Freizeitwohnsitze gewidmete Fläche dem dauerhaften Wohnbedarf der lokalen Bevölkerung auf Dauer entzogen wird. Darüber hinaus treibt die Nachfrage nach Freizeitwohnsitzen die Immobilienpreise nach oben. Die Wohnbevölkerung wird dadurch in die zweit- und drittbesten Lagen abgedrängt, sollte sie überhaupt noch leistbare Liegenschaften finden. So treten freizeitbezogene Zweitwohnsitze in Konkurrenz um Flächen für leistbares Wohnen.21

Demgegenüber wird gerade in strukturschwachen ländlichen Regionen mit Bevölkerungsrückgang durch Multilokalität alte Bausubstanz erhalten, die sonst mangels Nachfrage der lokalen Bevölkerung leer stehen und langfristig verfallen würde. In solchen Gemeinden kann aus multilokal lebenden Personen auch permanente Wohnbevölkerung werden. Darüber hinaus werden Aufwand und Nutzen von Multilokalität danach bewertet, wie sehr sich diese Personen am gesellschaftlichen Leben vor Ort beteiligen, z. B. indem sie sich in Vereinen engagieren oder sonst im Ort Präsenz zeigen.22

Durch die rege Bautätigkeit bei gleichzeitig beträchtlichem Leerstand sinkt die Flächeneffizienz der Baulandnutzung massiv, denn der Bodenverbrauch hat sich von 2006 bis 2020 um 26 %, d. h. um den Faktor 1,26 erhöht, während dies bei der Bevölkerungszahl lediglich ein Faktor 1,08 war. Die Flächeninanspruchnahme pro Kopf hat sich von 551 auf 645 Quadratmeter pro Kopf erhöht, die Flächeneffizienz ist um knapp 20 % gesunken.23 Damit wird für die neu hinzukommende Bauland- und Infrastrukturentwicklung nicht nur absolut, sondern auch anteilsmäßig pro Kopf mehr biologisch produktiver Boden konsumiert als in der Vergangenheit. Der erhebliche Leerstandsanteil an Wohnungen, die nicht genutzt werden, zeigt, dass dieses Problem alleine nicht mit Wachstum, Zweitwohnsitzen oder Multilokalität erklärt werden kann, sondern dass andere Mechanismen wirksam werden, die den Bodenverbrauch in schwindelerregende Höhen treiben.

2.3 Funktionstrennung, mangelnde Dichte und Zersiedelung

Auch die wirtschaftliche Entwicklung hat einen massiven Einfluss auf den Bodenverbrauch. Die Wohlstandsgewinne der letzten Jahrzehnte sind gesellschaftlich erwünscht und sorgen für eine hohe Lebensqualität für viele. Es darf aber auch nicht verwundern, dass das Wirtschaftswachstum zu einem bedeutenden Teil am gestiegenen Bodenverbrauch in mehrfacher Hinsicht mitverantwortlich ist. Zum einen hat es ermöglicht, dass sich viele Menschen den Traum vom Eigenheim, insbesondere in Form des freistehenden Einfamilienhauses, erfüllen konnten. Zum anderen wurden und werden aber auch sehr viele Flächen für die betriebliche Nutzung verbaut. Hier sind im Wesentlichen zwei Entwicklungen zu beobachten.

Seit Mitte der 1990er-Jahre werden in großem Ausmaß Flächen für Einkaufszentren und Supermärkte bereitgestellt und Boden dafür in Anspruch genommen. Diese Supermärkte zeichnen sich üblicherweise durch eine ebenerdige Bauweise aus, in der Mitte und am Rand liegen viele, oft weit überdimensionierte Parkplätze. Einige Supermarktketten haben sogar die Strategie verfolgt, besonders große Parkplätze zu errichten, die jedoch fast nie komplett ausgelastet sind, aber den Kund:innen suggerieren sollen, dass im Geschäft nicht viel los wäre und man daher jederzeit beim Vorbeifahren schnell einkaufen könne. Das ist nur möglich, wenn Grund und Boden billig sind und dies regulatorisch seitens der Behörden nicht verhindert wird.

Zwar wurden, was das Errichten von Einkaufszentren, Fachmarktzentren und Supermärkten anbelangt, zunehmend strengere Regeln implementiert, jedoch stellt der bereits enorme Bestand eine erhebliche Last vergangener Entwicklungen dar. Österreich weist innerhalb der Europäischen Union eine der höchsten Verkaufsflächenwerte pro Kopf auf. Die genutzte Fläche wird allerdings bereits geringer, der Leerstand steigt. Mit circa 1,6 Quadratmetern Verkaufsfläche pro Kopf liegt Österreich in etwa gleichauf mit den Niederlanden und vor der Schweiz mit 1,5 und vor Deutschland mit 1,45 Quadratmetern pro Kopf. Italien weist im Vergleich dazu 1,04 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Kopf auf, die auch noch vermehrt in den Ortszentren anzutreffen sind.24 Während die Zahl der Einkaufs- und Fachmarktzentren in Österreich in den letzten drei Jahrzehnten rapide angestiegen ist, nimmt die Zahl der innerstädtischen Einzelhandelsgeschäfte sowie deren Verkaufsfläche moderat ab.25 Dass diese Zu- und Abnahme nicht Hand in Hand geht, ist u. a. mit der Bevölkerungs- und Kaufkraftzunahme zu erklären.

Die Entwicklung der Einkaufszentren ist durch radikale Veränderungen und Zentralisierungen im Einzelhandel bedingt, die immer größere Verkaufsflächen verlangen. Diese Verkaufsflächen sind in historischen Innenstädten in Zentrumslagen nicht einfach oder gar nicht unterzubringen, da oft die denkmalgeschützte, historische Bausubstanz diese Flächenansprüche nicht bedienen kann. Hier wären innovative Lösungen auch schon in der Vergangenheit gefordert und breit anzuwenden gewesen, um z. B. Verkaufsflächen mehrerer Häuser im Erdgeschoß miteinander zu verbinden. Darüber hinaus hätte es auch viele Möglichkeiten gegeben, auf leerstehenden Flächen Einkaufsmöglichkeiten zu schaffen, ohne damit gleich auf die grüne Wiese, an den Kreisverkehr, an den Ortsrand zu gehen. Die „Mall“, wie sie vom aus Österreich vor den Nazis in die USA geflüchteten Architekten und Stadtplaner Victor Gruen, der als „Vater“ der Shopping-Center gilt, in den USA entwickelt wurde, diente nicht nur dem Einkauf, sondern auch als Treffpunkt, Freizeiteinrichtung, Ort des kulturellen Austausches und sollte so die Idee des europäischen Marktplatzes in monofunktionale, amerikanische Vorstädte integrieren.

Diese Idee von den USA nach Europa ohne Adaptionen zurückgebracht, bedeutet jedoch die Konkurrenz zu den bestehenden Ortskernen, die an räumlichen Funktionen und Leben im Ort verlieren. Gegen die Nachteile der Autoabhängigkeit und den Niedergang alter Stadt- und Ortskerne ist Victor Gruen, der in den 1960er-Jahren nach Österreich zurückgekehrt ist, selbst vehement aufgetreten. Zur Innenstadtbelebung schlug er verkehrsberuhigte Innenstadtzonen vor, u. a. im ersten Bezirk in Wien, und beschäftigte sich mit der Integration von Umweltbelangen in die Stadtplanung. 1973 gründete er mitunter das Zentrum für Umweltplanung in Wien.26

In Hinblick auf die Einkaufszentren ist zu befürchten bzw. teilweise schon zu beobachten, dass hier neue, zusätzliche und zentrumsrelevante Nutzungen untergebracht werden. Dazu zählen Apotheken, Arztpraxen, aber auch Restaurants, Cafés und Kinderbetreuungseinrichtungen, die allesamt den Ortskern beleben könnten. Dies ist neben den bereits skizzierten Nachteilen auch deswegen problematisch, da die Abhängigkeit vom Auto – als die durch Straßen und Parkplätze am meisten Flächen in Anspruch nehmende Mobilitätsform – forciert wird. Durch die Randwanderung zentrumsrelevanter räumlicher Funktionen findet eine sogenannte Funktionstrennung statt. Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, verschiedene Versorgungsfunktionen sind weiter voneinander entfernt und die Distanzen dazwischen werden oft mit dem Auto zurückgelegt.