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Das von der Zürcher Hochschule der Künste unter der Leitung des «Kollegium Kuration» initiierte Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm «Revisiting Black Mountain» hat vom 19.April bis 3.Juni 2018 über vierzig Projekte, Ausstellungen, Aufführungen und Vorträge von Lehrenden, Studierenden und Forschenden versammelt. In Auseinandersetzung mit Positionen des legendären Colleges wurde über Gegenwart und Zukunft von Kunsthochschulen, ihre Arbeitsweisen und ihre Rolle in der Gesellschaft nachgedacht, auch um Impulse für Disziplinen weitende Perspektiven zu entwickeln.
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Seitenzahl: 157
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Texte
Einleitung
Eine E-Mailbefragung zu der Entstehung und den Hintergründen des Projekts Revisiting Black Mountain an der ZHdK mit dem Kollegium Kuration
Auftaktveranstaltung
Projekte
#
1– 37
Inwiefern braucht man, um innovativ, kreativ und produktiv zu bleiben, autonome Zonen?, Martin Jäggi im Gespräch mit Jörg Scheller
«Das Risolabor als offene Werkstatt», Patrik Ferrarelli im Gespräch mit Bitten Stetter
Was kann ich (ver)lernen, wenn ich zuhöre?, Benjamin Ryser im Gespräch mit Brandon Farnsworth
«Für ein Theater der Verwundbarkeit», Boris Nikitin im Gespräch mit Jochen Kiefer
Bilder
Zürcher Hochschule der Künste
Ausstellung
Einführung
Bereichstexte
Bilder
Museum für Gestaltung Zürich
Text
«Never underestimate your audience», Ein Email-Interview von Jochen Kiefer mit Corina Zuberbühler, Beate Schlingelhoff, Stefanie Lorey, Ines Kleesattel und Lucas Niggli
Das von der Zürcher Hochschule der Künste unter der Leitung des «Kollegium Kuration» initiierte Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm «Revisiting Black Mountain» hat vom 19. April bis 3. Juni 2018 über vierzig Projekte, Ausstellungen, Aufführungen und Vorträge von Lehrenden, Studierenden und Forschenden versammelt. In Auseinandersetzung mit Positionen des legendären Colleges wurde über Gegenwart und Zukunft von Kunsthochschulen, ihre Arbeitsweisen und ihre Rolle in der Gesellschaft nachgedacht, auch um Impulse für Disziplinen weitende Perspektiven zu entwickeln.
Grundgedanke war, dass das Revisiting Ausgangspunkt gleichermassen künstlerischer, lehrender und forschender Praxen sein soll und offen ist für die Beteiligung aller Gruppierungen der Hochschule. Im Mittelpunkt der über einen Open Call an Dozierende, Studierende und Forschende gewonnenen Projekte standen weniger historische Rekonstruktionen, sondern die konstruktive Auseinandersetzung mit der Gegenwart von Kunsthochschulen im (Zerr-) Spiegel eines historischen Modells oder auch (wenn man so will) in Auseinandersetzung mit dem «Black Mountain College» als einer Wunschmaschine.
Zentrale Aspekte der Ausrichtung und des Stellenwerts von Kunsthochschulen in der Gesellschaft scheinen im «Black Mountain College» zwar bereits vorformuliert zu sein: Interdisziplinarität, der Zugang über das Experimentieren und die eigenständige Praxis im Lernen und Lehren, die Projekt- und Anwendungsbezogenheit künstlerischer Verfahren, Strategien von Selbstorganisation und Emergenz sowie die Fragen nach der nicht nur impliziten Verknüpfung von Künsten und Design mit Demokratiediskursen und Fragen nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Künsten und Design.
Zugleich aber scheint wiederum nichts weiter von der Realität heutiger Hochschulbetriebe entfernt, als ein abgelegen in den Bergen teils von Emigranten selbst erbautes Refugium, in dem die Kooperativität je anderer Perspektiven den Takt des Experimentierens vorgibt und in dem die Kunst selbst als das Andere, als das Vielgestaltige und Mehrdeutige, politischen Totalitarismen entgegentritt.
Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich
Es war deshalb wichtig, dass das «Museum für Gestaltung Zürich» eine Ausstellung zur Geschichte des Black Mountain Colleges realisierte, die vor allem Lehr- und Lernformen, die sie tragenden Personen sowie ihr Zusammenleben in den Fokus rückte. Durch den historischen Ausstellungsteil konnte deutlich werden, worauf sich die transformierenden, (re-)kontextualisierenden und genuin künstlerischen Projekte, die seitens der Lehrenden, Studierenden und Forschenden entstanden sind, beziehen.
Die Projekte gewannen damit auch für unbeteiligte Betrachter*innen den Freiraum, sich mit ganz eigener Perspektive in den Räumen und Zwischenräumen des gesamten Hochschul-Areals zu verorten. Massgeblich hat dazu auch die Entwicklung einer die beiden Sphären übergreifenden Szenografie beigetragen, die Elemente der Ausstellung mit den Räumen des Hochschulbetriebs verband. Was Display war für die historischen Artefakte im Museum wurde damit ausserhalb des Museumsraums zur Rahmung einer performativen Selbstbeobachtung.
Kollegium Kuration
Das aus allen Departementen zusammengesetzte «Kollegium Kuration» an der ZHdK wollte und will Prozesse in Gang setzen und sichtbar machen, die die selbstverständlichen Potentiale der Zusammenarbeit an einer Kunsthochschule aufzeigen und zugleich die Diskurse der Interdisziplinarität überschreiten. Als es sich 2016 gründete, stand im Vordergrund, Praktiken des Kuratierens in den unterschiedlichen Disziplinen aufeinander zu beziehen und Möglichkeiten einer curricularen Zusammenarbeit auszuloten. Dabei aber haben sich für uns die Fragen nach den unterschiedlichen Formaten und diversen Diskursen des Kuratierens aus ihrer Form gelöst und sich als Rückfrage an unsere Tätigkeit an einer Kunsthochschule neu gestellt: als Frage an die Positionierung in Bezug auf die Relationen von Künsten, Design und Gesellschaft und deren Kontextualisierung und Vermittelbarkeit.
Der virtuelle Besuch im «Black Mountain College» hat gezeigt, dass Formen der Zusammenarbeit dann besonders fruchtbar sind, wenn es übergreifende Ziele der Auseinandersetzung bzw. die Notwendigkeit einer gemeinsamen Positionierung gibt. Dass dies hier in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der Kunsthochschule selbst funktioniert und Resonanz erfahren hat, erzählt nicht nur etwas über das Bedürfnis, die Veränderungsprozesse im Hochschulbetrieb stärker vor dem Hintergrund künstlerischer Verfahrensweisen zu reflektieren, sondern womöglich auch etwas über die sich im Augenblick verändernden Stellenwerte von Künsten und Design zwischen Autonomie und gesellschaftlicher Relevanz.
Ausblick
Einleitende Worte gehören der Rahmensetzung und dem Kontext an. Worum es zentral und in aller Diversität und Ambiguität ging, zeigen die folgenden Seiten. Viel Freude dabei!
Mit der Dokumentation des Projekts wollen wir dies aber nicht nur abschliessen, sondern zugleich von Neuem beginnen. Neben der Präsentation der Arbeiten und Veranstaltungen, neben Texten, wie sie teilweise bereits in der begleitenden Zeitung des Projekts zu sehen und lesen waren, haben wir deshalb weitere Interviews mit Kolleg*innen zu Arbeiten und Diskursen innerhalb «Revisiting Black Mountain» geführt. Die Auswahl der Gesprächspartner*innen ist alles andere als repräsentativ und folgt der Logik erweiterter Perspektiven, – sei es durch die Reflexion von Projekten und / oder im Gespräch mit mehr oder minder Aussenstehenden.
Parallel gründeten Studierende mit «Keine Klasse» ein eigenes Format, das mit Blick auf das Black Mountain College Verfahren für selbstorganisiertes Lehren, Lernen und Verlernen entwickelte und erprobte. Gegenseitig haben wir uns kooperativ begleitet. Seit 2017 agiert die Gruppierung an der ZHdK als «School of Commons». Ein Besuch der Seiten lohnt auch da.
Jochen Kiefer, für das «Kollegium Kuration» und
das «Museum für Gestaltung Zürich»
Kollegium Kuration Paolo Bianchi (DKV, kuratorisches
Vermittlungsprojekt «Nordwand»), Brandon Farnsworth (DMU, Veranstaltungsreihe «we never learned to be political»), Martin Jaeggi (DKM, Co-Kuration Ausstellung im «Museum für Gestaltung Zürich»), Jochen Kiefer (DDK, Projektleitung Kuration «Revisiting Black Mountain»), Ronald Kolb (DKV, Kommunikation), Prof. Dr. Dorothee Richter (DKV, WB, Internationales Symposium), Bitten Stetter (DDE, Konzept Ausstellungen Toni-Areal)
Museum für Gestaltung Zürich Andres Janser (Kuration)
Projekt «Revisiting Black Mountain» Alain Rappaport (Szenografie), Andrea Roca (Produktionsleitung), Colin Guillemet (Produktionsleitung), Jochen Kiefer (Projektleitung und Co-Redaktion Zeitung und Dokumentation), Ronald Kolb (Kommunikation und Co-Redaktion Zeitung und Dokumentation), Grafikkollektiv Weicher Umbruch, Zürich (Design Zeitung, Dokumentation und Grafik im Rahmen der Szenografie).
Danksagungen
Wir bedanken uns bei allen Beteiligten des Gesamtprojekts!
Weiterer Dank an Robert John Ashley, Claudia Bachmann, Felix Baumann, Silvan Binotto, Michael Eidenbenz, Thomas Gwerder, Max Heinrich, Ludovica Parenti, Peter Radelfinger, Angeli Sachs, Regula Stibi, Jan Vorisek, Kay Zhang, u.V.m.
Grosser Dank an Hartmut Wickert und Christoph Weckerle, die das Projekt intern an der ZHdK ermöglicht haben.
Und mit besonderem Dank an Colin Guillemet, der in kurzer Zeit und ausserordentlich kollegialem Einsatz zur Realisierbarkeit vieler Projekte beigetragen hat.
1. Könnt ihr kurz beschreiben, wie sich die Gruppe gefunden hat und mit welcher Ursprungsidee das Projekt ins Leben gerufen wurde? Gab es ein spezifisches Interesse oder eine bestimmte Motivation aus eurer jeweiligen Disziplin heraus?
JK: In der AG Kuration an der ZHdK hat sich regelmässig ein Kollegium zusammengefunden, das die Stellenwerte und Auffassungen von Kuration in den beteiligten Disziplinen und im Speziellen auch für die jeweiligen Lehrformate zusammengetragen hat. Schnell wurde dabei klar, dass der grüne Tisch der Diskurse wichtig, es aber ebenso zentral ist, eine gemeinsame praktische, die Diszplinen über- und durchschreitende Perspektive zu entwickeln. Also gemeinsam etwas zu kuratieren. In diese Phase kam die Anregung der Departementsleiter des DDK (Hartmut Wickert) und DKV (Christoph Weckerle), eine Ausstellung zum Black Mountain College am Hamburger Bahnhof von Berlin nach Zürich zu holen. Interdisziplinäre Anordnungen im Curriculum waren am Black Mountain College evident, – und zugleich mit einem experimentellen und kooperativen Arbeiten zwischen Dozierenden und Studierenden verbunden, das stark von Bildender Kunst und Design geprägt wurde. Die naheliegende Frage, ob das Black Mountain College deshalb gleich eine Art Role-Model für die ZHdK sein könnte oder sein sollte, hat bei uns widersprüchliche, utopistische, und wiederum reflektierende, jedenfalls aber motivierende Reaktionen ausgelöst. Ein Revisiting könnte Spiegel und / oder Wunschmaschine sein, das Kunst- und Designstudium heute zu reflektieren und dies zugleich auch mit künstlerischen Mitteln zu tun. Schnell wurde klar, dass die Ausstellung am Hamburger Bahnhof eins zu eins in Zürich zu zeigen, nicht sinnvoll wäre. Das Black Mountain College im Herzen einer Kunsthochschule zu thematisieren (und nicht als Kooperation eines Museums für Gegenwartskunst mit einer Universität wie in Berlin), bietet die Chance, Lehr- und Lern formen auch in Lehre, Experiment und Forschung und schliesslich als künstlerische Reflexionen zu kura tieren und sichtbar zu machen.
DR: Kuratieren bedeutet ja, dass unterschiedlichste Artefakte, Installationen, Objekte, Events, Performances, Screenings, Textproduktionen zu neuen Konstellationen zusammengestellt und initiiert werden. Insofern ist dies in der gegenwärtigen, neoliberalen Situation auch ein Begriff, der bestimmte Wunschproduktionen in sich vereint. So wird mit der Vorstellung vom Berufsbild Kurator*in eine Autorschaft entworfen, die unabhängig, projektbasiert, weltweit agierend, vernetzt sei. Eine Wunschproduktion, wie gesagt, die Begehrlichkeiten weckt und den Begriff des Kuratierens – eine Art Meta-Produktion – auf viele Felder ausdehnt. Tatsächlich ist dies natürlich von allen möglichen Faktoren abhängig. Wie andere immaterielle Arbeit ist die Selbständigkeit und gefühlte Unabhängigkeit oft mit prekären Arbeitsverhältnissen erkauft.
Interessanterweise kam die Anfrage für das Black Mountain Projekt aus der Hochschulleitung, es soll daher einen Erneuerungsimplus für Lehre und Lernen in der Hochschule geben. Dies provoziert (meiner Meinung nach) einen interdisziplinären und einen radikal demokratischen Ansatz. Also kurz gesagt, das Ganze entstand aus einem Widerspruch in sich. Dies führte jedenfalls in unserer kleinen Gruppe immer wieder zu Erheiterung. Ich kam auf Vorschlag zu der Gruppe, die sich mit der Kuration dieses Events befassen sollte, da ja meine Expertise genau hier im Kuratorischen liegt, ich leite zwei Studiengänge die sich mit Kuratieren beschäftigen, den CAS / MAS in Curating, sowie den PhD in Practice in Curating, ausserdem beabsichtige ich mit Ronald Kolb eine digitale Plattform als Recherche zur kuratorischen Praxis aufzusetzen (Antrag ist noch in der Begutachtungsrunde) und ich gebe das Webjournal OnCurating heraus (on-curating.org).
BS: Ausgangslage war die Suche nach einer Auseinandersetzung mit Kuration und Vermittlungspraktiken an der ZHdK und die Gründung eines Denkraumes über kuratorische Praktiken im Toni-Areal. Innerhalb dieser Auseinandersetzung haben die Teilnehmenden der Interessensgemeinschaft über Inter,- und Transdisziplinärität diskutiert und Formen von Kuration und der Lehre in den eigenen Disziplinen reflektiert. Während verschiedener Treffen sind wir auf die Ausstellung «Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933 – 1957» im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin gestossen. Hier interessierte uns die Vermittlung und das Thema aber vorallem auch, welche Fragestellungen zur aktuellen Hochschullehre durch eine Ausstellung wie diese entstehen. Schliesslich hat das Black Mountain die Hochschulbildung revolutioniert und ein sehr spezifisches Bild von Lehre und Lernen hinter lassen? Und nicht zuletzt trieb uns die Frage, was haben die Modelle Black Mountain Collage und die ZHdK überhaupt gemeinsam, denn unterschiedlicher könnten die Modelle nicht sein. Das radikal andere Modell des Black Mountain College, so die Idee, sollte daher explizit als Spiegel für die Lehre an der ZHdK genutzt werden, um Un(-möglichkeiten) experimentell, spielerisch und kritisch zu diskutieren. Bestenfalls, so unsere Hoffnung, führt die Beschäftigung mit vergangenen und gegenwärtigen Modellen zu neuen Zukunftsvorstellungen, die vielleicht konträr zu bestehenden Vorstellungen von Lehren und Lernen an einer Kunsthochschule stehen.
PB: Die AG Kuration an der ZHdK versteht sich als Sondierungsgruppe. Der Begriff Sondierung, abgeleitet von dem Werkzeug Sonde, steht all gemein für Untersuchungen zur Beurteilung und Abschätzung bestimmter Verhältnisse. Im Kontext des Kuratierens und Ausstellungsmachens gilt es in Bezug auf Kunstdinge sein «kuratorisches Ich» zu aktivieren. Es handelt sich um die Fähigkeit, die Exponate «sein zu lassen», sie als Phänomene zu denken. Das öffnet den Zugang dazu, die Bedeutung der Dinge introspektiv mit zu verhandeln. Eine Ausstellung wie Revisiting Black Mountain hat das Potenzial, darauf zu verweisen, dass ihr Aussagewert immer an eine Materialität gebunden ist und das Gegenständliches immer den eigenen Augenschein benötigt, um es deuten und interpretieren zu können. Die Bedeutung der Dinge ist nicht per se in den Objekten angelegt, sondern erschliesst sich erst im «Dialog» zwischen Zeigendem, Betrachter*in und Gezeigtem. Die Kunstdinge rücken zugleich in eine befremdliche Nähe und eine aufdeckende Ferne. Sie werden widerborstig, anklagend und evozieren ein anderes Narrativ und entfernen sich von den Denkschablonen. An diesem Punkt werden Motiv und Motivation des Kuratierens eins. Am Beispiel dieses Projekts kann sich das Publikum durch die Anregung des Motivs des Black Mountain College zu einem Prozess – mit offenem Ausgang – motivieren lassen. Und dabei sein eigenes «kuratorische Ich» ausprobieren.
BF: Ich erlebe eine zunehmende Zahl von Musiker*innen und Komponist*innen, die sich für inter- oder transdisziplinäre Projekte interessieren. Viele fühlen sich dabei vom Musiktheater angezogen. Hierbei sind die szenischen Elemente und die Performativität schon Teil des künstlerischen Ausdrucks. Viele Musiker*innen sehen dies als Möglichkeit, nicht mehr nur einen Platz im Orchester zu besetzen, sondern auch ihre eigenen künstlerischen Ideen zu verwirklichen.
Frage ich aber diese Musiker,*innen was sie beispielsweise vom Theater Piece No. 1 von John Cage oder von den interdisziplinären Experimenten des Black Mountain College halten, begegnen mir nur verwunderte Blicke. Während sich also viele Musiker*innen mehr als nur eine Orchesterkarriere wünschen, haben sie aber oft wenig Einblick in künstlerische Praktiken ausserhalb des klassischen Repertoires und seiner Aufführungstraditionen. Dies kann ich aus eigener Erfahrung an einigen Hochschulen bestätigen.
Meine Motivation für dieses Projekt setzt hier an: einerseits Musiker*innen eine Gelegenheit während des Studiums anbieten, sich mit der Geschichte der experimentellen Kunst auseinander setzen zu können und andererseits Projekte im Departement Musik zu ermöglichen, die das Potential haben, wild und experimentell zu sein und über das Departement hinaus anschlussfähig sind.
Das Besondere wäre aus der spezifischen Geschichte und Fragestellungen der Musik heraus zu agieren.und nicht die Performativitätsdiskurse anderer Disziplinen nachzuahmen.
2. Was ist interessant am Modell Black Mountain College für eure aktuelle Lehre bzw. für heutige Lernmethoden im Allgemeinen? Kann man eine Notwendigkeit beschreiben, sich mit Black Mountain College (und anderen historischen Modellen von experimenteller Lehre) zu beschäftigen?
DR: Kunsthochschulen basieren historisch gesehen auf einer Reihe unterschiedlicher Modelle, der Akademie, dem Bauhaus Modell, sowie zeitgenössischen Ansätzen, um die wir in der ZHdK ringen. Diese Modelle basieren auf grundsätzlich verschiedenen Kreativitätskonstruktionen. Jede Kunsthochschule möchte ihren Absolvent*innen die allergrössten Chancen und Möglichkeiten nach dem Abschluss verschaffen, als Künstler*innen, Kurator*innen, Schauspieler*innen, Dirigent*innen, Musiker*innen, Designer*innen, Filmer*innen, Tänzer*innen. Wie man bei diesem Vorhaben von A nach Z kommt, basiert wiederum auf dem jeweiligen Kreativitätskonzept. Will man die Studierenden möglichst mit Managementwissen ausstatten, um ihnen den Weg in die Creative Industries zu ebnen? Will man ihnen vor allem Expertise in ihrem Gebiet vermitteln, oder ist vor allem kritisches Denken gefragt, sowie die Fähigkeit zu kooperieren, das die Studierende befähigt in einer überaus komplexen Welt zu bestehen? Die Faszination von Black Mountain College besteht darin, dass eine Art wildes Wissen entstand, denkbar weit weg von ECTS, festen Stundenplänen und Curricula, dass die dort anwesenden Künstler*innen und Studierenden begeistert zusammengearbeitet haben, in unwahrscheinlichen und freien Konstellationen. Sie haben lehren und lernen als einen gemeinschaftlichen Prozess verstanden, sie haben gemeinsam angebaut, gekocht und gegessen, sie haben gemeinsam diskutiert und gelebt. Sicherlich war die Situation jedoch hierarchisch, zudem konnten es sich nur begüterte Studierende leisten, dort zu sein und Afro-amerikanische Studierenden waren auch am Black Mountain College eine grosse Ausnahme. Ich sehe es also als symptomatisch, wenn nach dem europaweiten Prozess der Verschulung und Vereinheitlichung, ein Wunsch nach freiem, wildem Denken und wildem Tun laut wird.
Der wichtigste Bezugspunkt zu Black Mountain College ist für mich natürlich Fluxus. John Cage machte die ersten Versuche mit minimalistischen Handlungsanweisungen am Black Mountain College, reiste nach Japan und zu den Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt, und trat als Lehrer vieler Fluxus Künstler*innen an der New School of Social Research in New York in Erscheinung. Hier mündete experimentelles Handeln in neue Formate, eine Umwertung von Alltagskultur und Hochkunst, einer radikalen Veränderung der Autorschaft. All dies begann dann Ende der 1950er / Anfang der 1960er Jahre jeden Begriff von Kunst, der bis dahin galt, zu revolutionieren. Film, Videokunst, Happenings, Events, demokratisches Design, Neue Musik, neue extreme Tanz- und Theaterformen nahmen hier ihren Ausgang. Das Verständnis von allen Kunstformen wandelte sich, Kunst wollte politisch werden, und nicht mehr nur für die Oberschicht da sein. Auch in der Produktion wandelte sich die Vorstellung eines genialen Einzelkünstlers zu einer Gruppenautorschaft. Da Kunst gleich Leben zumindest als Slogan gesetzt wurde, hatte dies weitreichende Folgen, mit kooperativen Lebensformen und Genderrollen wurde experimentiert.
Experimente in der Kunst, im Lehren und Lernen sehe ich als fundamental wichtig an, nur wenn Lehrende sich riskieren, nur wenn Erfahrungen jenseits vom Kennenlernen praktischer oder theoretischer Tätigkeit verstanden wird, und es um mehr geht, nur dann kann auch aus der Lehre etwas mitgenommen werden, ein gemeinsames Handeln, eine gemeinsame Verantwortung, ein Ringen um Inhalte. Performative Arbeit an den Künsten verbindet sich aus dieser Perspektive mit Arbeit an Lebensformen, die Kenntnis gesellschaftlicher Zusammen hänge, die einschneidende Veränderung von Infrastrukturen durch digitale Medien, all dies informiert interdisziplinäre Kunst und gibt dieser Tiefe und Relevanz.
WMJ: Die «Notwendigkeit» einer Beschäftigung mit BMC und anderen experimentellen Lehrmethoden liegt für mich darin, dass sie einerseits Anlass bieten zu einer Selbsthinterfragung des eigenen Tuns, durchaus auch in einem sehr kritischen Sinne, wenn sie in die Einsicht münden, dass gewisse Dinge unter den gegebenen Umständen nicht mehr möglich sind, Grenzen des Machbaren sichtbar werden. Gleichermassen bedenkenswert ist natürlich auch das Prekäre des Black Mountain College, sein Ende, das Scheitern am Ideal. Und natürlich lassen sich über die Projektionen, die das Black Mountain College einlädt, eigene Visionen definieren, die vielleicht mit historischen Wirklichkeit nicht zwingend etwas zu haben.
Immer noch zukunftsträchtig am Black Mountain College scheinen mir die ständige Neuerfindung der Lehre und der Institution, die Wandelbarkeit und Wandelfähigkeit. Diese ergab sich nicht zuletzt aus den immer wieder neu konfigurierten Interaktionen der Künste untereinander, aber auch mit den Lehrinhalten der humanities. Eine Umgebung zu schaffen, in der dies möglich ist, scheint mir unvermindert aktuell. Zukunftsweisend bleibt das Black Mountain College auch in seinem Verständnis der Schule als einer Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden, in der diese Rolle nicht in jeder Situation so klar verteilt sind, wo die Schule zum Experimentierfeld für alle Beteiligten wird.
JK
