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Nach den Ereignissen im Dezember 2010 und Januar 2011, die zur Vertreibung des Diktators Ben Ali führten und den Arabischen Frühling einleiteten, hat Tunesien eine komplexe und widersprüchliche Entwicklung erlebt. Was aber als demokratische Errungenschaft bleibt, ist eine Zivilgesellschaft, die offene und freie Diskussionen führt und einen demokratischen Prozess vorantreibt. Die Germanistik ist Teil dieser Zivilgesellschaft und eines offenen Diskussionszusammenhangs. Der vorliegende Band dokumentiert eine Paderborner Tagung vom Mai 2013, die im Rahmen der vom Deutschen Akademischen Austauschdienst unterstützten Transformationspartnerschaft stattfand, und zeigt ein großes Spektrum von Themen, das in einem offenen und kritischen Dialog zwischen tunesischen und deutschen Germanistinnen und Germanisten behandelt wurde. Dabei wurden unter anderem Fragen des deutschen Maghreb-Diskurses ebenso erörtert wie Aspekte des Verhältnisses von Kultur und Religion, aber auch praktische Fragen des Fachsprachenunterrichts und Perspektiven des Faches Deutsch als Fremd- und Zweitsprache.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Inhaltsverzeichnis
Michael Hofmann
Revolte und Tradition. Perspektiven deutsch-tunesischer Germanistik. Zur Einführung
Tunesien zwischen Revolte und Tradition
Najjar Hassouna
»Harlem Shake« als Moment der Jugendrebellion in Tunesien
Mohamed Hedi Ferchichi
Tunesien: Historische Perspektiven und aktuelle Entwicklungen vor und nach dem Arabischen Frühling – eine persönliche Bestandsaufnahme
Nicole M. Wilk
Der
Arabische Frühling –
Die Namenwerdung einer politischen Metapher
Moez Maataoui
Die Erziehung zur Demokratie in Tunesien mittels übersetzter deutscher Kinderliteratur am Beispiel von Martin Baltscheits Bilderbuch
Ich bin für mich! Der Wahlkampf der Tiere
Maike Bouassida
Die Tunisreise oder Von der Seligkeit der Farben
Kaïs Slama
Mohammed Ali El Hammi zwischen Berlin und Tunis (1919–1924). Zur Geschichte der tunesischen Gewerkschaftsbewegung
Michael Hofmann
Faszination und Abwehr. Überlegungen zum deutschen Maghreb-Diskurs am Beispiel von Wieland Försters Tunesien-Reisetagebuch
Begegnungen
(1974)
Perspektiven der Interkulturellen Literaturwissenschaft
Johanna Canaris
Leben als erweiterter Kunstbegriff. Christoph Schlingensiefs Operndorf Afrika als Endpunkt seines Gesamt(kunst)werks
Christian Frankenfeld
Der Mensch als fremdes Eigentum: Sklaverei zwischen Orient und Okzident
Iulia-Karin Patrut
Der Atem des Lebendigen als Welt-Takt. Elias Canettis
Die Stimmen von Marrakesch
Swen Schulte Eickholt
Romantische Postmoderne in der Türkei. Religiöse Aspekte in Novalis’
Heinrich von Ofterdingen
und Orhan Pamuks
Das neue Leben
Revolution und Gedächtnis in kulturwissenschaftlicher Perspektive
Julian Kanning
Die Form der Erzählung bei Hayden White und die Strukturanalyse dramatischer Revolutionsdarstellungen
Brahim Moussa
Fotografische Geschichtsrückgewinnung in W. G. Sebalds
Austerlitz
. Unzulängliche Zeugenschaften
Deutsch als Zweitsprache und Linguistik
Alexandra Eberhardt
Deutsch als Zweitsprache als didaktische Herausforderung
Latifa Jabnoun
Die arabische Schrift zwischen Revolte und Tradition – Arabisch mit Zahlen schreiben!
Chaouki Kacem
Die temporalsemantischen Bezüge im Konjunktivsystem des Deutschen in ihrer Entwicklung. Ein vergleichender Essay
Über die Autorinnen und Autoren
Michael Hofmann
Vom 6. bis 9. Mai 2013 fand an der Universität Paderborn im Kontext der im Jahr 2012 ins Leben gerufenen und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen der Transformationspartnerschaft Nordafrika unterstützten Kooperation der Universitäten Paderborn/Mahdia-Monastir/Carthage-Tunis ein interkulturelles Kolloquium unter dem Titel »Revolte und Tradition. Perspektiven deutsch-tunesischer Germanistik« statt.
Der demokratische Aufbruch in Nordafrika eröffnet auch für die germanistische Forschung und Lehre neue Perspektiven. Die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst geförderte Transformationspartnerschaft zwischen den Universitäten Paderborn auf deutscher und Mahdia-Monastir sowie Carthage-Tunis auf tunesischer Seite stellt die germanistische Literatur- und Sprachwissenschaft in den Kontext eines Aufbaus der Zivilgesellschaft, der Entwicklung religiöser Toleranz und gesellschaftlicher und kultureller Selbstbestimmung. Das hier dokumentierte Kolloquium unter Leitung von Prof. Dr. Michael Hofmann (Paderborn), Dr. Chaouki Kacem (Mahdia) und Dr. Brahim Moussa (Carthage) untersuchte die angesprochenen Perspektiven und auch die Chancen und Herausforderungen, die sich für die deutsche Germanistik aus der jetzt intensivierten Kooperation ergeben. Die Sektionen der Tagung fragten nach neuen methodischen Perspektiven der Germanistik insgesamt und speziell nach kulturwissenschaftlichen Aspekten der Landeskunde, nach dem Verhältnis von Kultur und Religion sowie nach der Bedeutung von Orient- und Afrika-Diskursen für die postkoloniale Identitätssuche der deutschen Kultur. Die Vortragenden und Beiträgerinnen sind Germanistinnen und Germanisten der Universitäten Mahdia-Monastir, Carthage-Tunis und Paderborn. Hinzu kommen in diesem Band zusätzlich Beiträge von Germanistinnen und Germanisten der Universität La Manouba, Mednine (Kaïs Slama), Nabeul (Latifa Jabnoun) und der Universität Flensburg (Iulia-Karin Patrut).
Im ausführlichen ersten Teil des vorliegenden Bandes »Tunesien zwischen Revolte und Tradition« reflektieren die verschiedenen Beiträge aktuelle und historische Tunesien-Diskurse aus tunesischer und deutscher Perspektive und sie verdeutlichen damit den aktuellen Stand des Selbstverständnisses und der Selbstreflexion der tunesischen Germanistik als Teil einer demokratischen und kulturellen Erneuerung des Landes, die sich positiv auf den Arabischen Frühling und damit auf eine Revolte bezieht, die in Tunesien fruchtbare politische und gesellschaftliche Veränderungen gebracht hat, auch wenn die Gegenwart ökonomisch, politisch und auch im Blick auf die Entwicklung einer lebendigen Demokratie noch große Probleme und Herausforderungen mit sich bringt. Wie die Verleihung des Nobelpreises des Jahres 2015 an das sogenannte Quartett, das aus dem Gewerkschaftsbund UGIT, dem Arbeitgeberverband Utica, der Menschenrechtsliga LTDH und der Anwaltskammer besteht, demonstriert und anerkannt hat, ist es der tunesischen Zivilgesellschaft in heiklen kritischen Phasen der nachrevolutionären Entwicklung gelungen, dem Dogmatismus und Fanatismus demokratiefeindlicher Kräfte den Geist des Dialogs, der Toleranz und der demokratischen Meinungsbildung in der Konkurrenz der Positionen und Haltungen entgegenzusetzen. Die Germanistik nimmt an diesen Entwicklungen nicht parteiisch im Sinne der Identifizierung mit einzelnen politischen Parteien oder Gruppierungen teil, aber parteilich eben für Dialog, Toleranz und für die Hochschätzung kultureller und religiöser Vielfalt und Pluralität. In dem Beitrag von Najjar Hassouna (ISLT Carthage) wird mit »›Harlem Shake‹ als Moment der Jugendrebellion in Tunesien« demonstriert, wie die tunesische Revolte sich kreativer und innovativer kultureller Formen bedient, um dem Dogmatismus und der autoritären Gewalt zu trotzen und neue Praktiken der kulturellen Artikulation und Selbstverständigung zu entwickeln. Mohamed Hedi Ferchichi (La Manouba) verdeutlicht mit seinem Beitrag »Tunesien: Historische Perspektiven und aktuelle Entwicklungen vor und nach dem Arabischen Frühling – eine persönliche Bestandsaufnahme« einerseits die Hypotheken, denen sich die Republik Tunesien nach den langen Jahren der Diktatur gegenübersieht, andererseits aber auch die Perspektiven und Potentiale, die eine positive Entwicklung zumindest denkbar erscheinen lassen. Wie sich der Begriff Arabischer Frühling in deutschen und anderen europäischen Medien entwickelte und zu einem festen Terminus wurde, erläutert Nicole M. Wilk (Paderborn) in dem diskursanalytischen Beitrag zur »Namenwerdung einer politischen Metapher«.
Kinderbücher können einen Beitrag zur Erziehung zur Demokratie und Mündigkeit leisten. Von dieser Einsicht geht Moez Maataoui (La Manouba) aus und er stellt in seinem Beitrag »Die Erziehung zur Demokratie in Tunesien mittels übersetzter deutscher Kinderliteratur am Beispiel von Martin Baltscheits Bilderbuch Ich bin für mich! Der Wahlkampf der Tiere« die Frage, welche Probleme und Herausforderungen sich dabei aus übersetzungswissenschaftlicher Sicht ergeben. Maike Bouassida (La Manouba) weist mit ihrem Aufsatz »Die Tunisreise oder Von der Seligkeit der Farben« auf einen Höhepunkt des deutschen Tunesien-Diskurses hin, der sich mit der Tunisreise von August Macke, Louis Moilliet und Paul Klee im Jahre 1914 ergab. Kaïs Slama (Universität Mednine) befasst sich in seinem landeskundlichen Beitrag »Mohammed Ali El Hammi zwischen Berlin und Tunis (1919–1924). Zur Geschichte der tunesischen Gewerkschaftsbewegung« mit einem deutsch-tunesischen Kapitel der Arbeiterbewegung. Michael Hofmann (Paderborn) beschreibt in seinem Beitrag »Faszination und Abwehr. Überlegungen zum deutschen Maghreb-Diskurs am Beispiel von Wieland Försters Tunesien-Reisetagebuch Begegnungen (1974)« ein weniger bekanntes, aber sehr aussagekräftiges und interessantes Dokument des deutschen Tunesien-Diskurses.
Im zweiten Teil dieses Bandes »Perspektiven der Interkulturellen Literaturwissenschaft« reflektieren deutsche Beiträgerinnen und Beiträger mit Analysen zu Diskursen aus und über Afrika, dem Maghreb und der Türkei aktuelle Fragen, die sich aus der Kritik am traditionell eurozentrischen Diskurs der germanistischen Literatur- und Kulturwissenschaft ergeben. Johanna Canaris (Paderborn) beschreibt in ihrem Beitrag »Leben als erweiterter Kunstbegriff. Christoph Schlingensiefs Operndorf Afrika als Endpunkt seines Gesamt(kunst)werks« die kulturwissenschaftlichen Implikationen des letzten Projekts des früh verstorbenen Film- und Aktionskünstlers Schlingensief, das in intensiver Auseinandersetzung mit den kulturellen Perspektiven Burkina Fasos und des subsaharischen Afrikas insgesamt entstand. Christian Frankenfeld (Paderborn) erörtert in seinem Aufsatz »Der Mensch als fremdes Eigentum: Sklaverei zwischen Orient und Okzident« die Bedeutung und damit auch die Hypothek, die das epochale Phänomen der Sklaverei für die Beziehungen zwischen Europa, Afrika, der arabischen und der »Neuen« Welt bedeutet. Iulia-Karin Patrut (Flensburg) analysiert in ihrem Beitrag »Der Atem des Lebendigen als Welt-Takt. Elias Canettis Die Stimmen von Marrakesch« Canettis bereits kanonischen Maghreb-Text aus aktueller postkolonialer Perspektive und Swen Schulte Eickholt (Paderborn) stellt in seinem Aufsatz »Romantische Postmoderne in der Türkei. Religiöse Aspekte in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen und Orhan Pamuks Das neue Leben« Bezüge zwischen der deutschen Romantik und der türkischen Gegenwartsliteratur heraus.
Der dritte Teil unseres Bandes »Revolution und Gedächtnis in kulturwissenschaftlicher Perspektive« versammelt zwei Beiträge, die sich den aktuell viel diskutierten Bezügen zwischen Revolution, geschichtlichen Katastrophen und Gedächtnis in kulturwissenschaftlicher Perspektive widmen. Julian Kanning (Paderborn) verdeutlicht in seinem Aufsatz »Die Form der Erzählung bei Hayden White und die Strukturanalyse dramatischer Revolutionsdarstellungen« die grundlegende These, dass Darstellungen der Revolution durch formale und rhetorische Muster geprägt sind, die ihr Verständnis sehr weitgehend bestimmen und strukturieren. Brahim Moussa (ISLT Carthage) zeigt in seinem Beitrag »Fotografische Geschichtsrückgewinnung in W. G. Sebalds Austerlitz. Unzulängliche Zeugenschaften«, wie Sebald in dem analysierten Text die Bedeutung und Funktion der Fotografie für das kulturelle Gedächtnis zugleich würdigt und problematisiert.
Im abschließenden vierten Teil dieses Sammelbandes finden sich Studien zu den Bereichen »Deutsch als Zweitsprache und Linguistik«. Alexandra Eberhardt (Paderborn) zeigt in ihrem Beitrag »Deutsch als Zweitsprache als didaktische Herausforderung« die besonderen Bedingungen und Strukturen des Zweitspracherwerbs im Deutschen und die daraus zu ziehenden Konsequenzen für Schulunterricht und Studium. Latifa Jabnoun (Universität Nabeul) verdeutlicht in ihrem Beitrag »Die arabische Schrift zwischen Revolte und Tradition – Arabisch mit Zahlen schreiben!«, wie die neuen und neuesten Medien das Schreiben des Arabischen beeinflussen und neue Formen der Darstellung begünstigen. Chaouki Kacem (Mahdia/Monastir) schließlich bietet mit seinem Aufsatz »Die temporalsemantischen Bezüge im Konjunktivsystem des Deutschen in ihrer Entwicklung. Ein vergleichender Essay« aktuelle Perspektiven der tunesischen germanistischen Sprachwissenschaft.
Die Vielfalt und die Originalität der vorliegenden Beiträge zeigen die Bandbreite und die umfangreichen Forschungsinteressen der tunesischen Germanistik, aber auch die Herausforderungen, die sich aus der Begegnung mit der tunesischen Germanistik für die deutsche Forschung des Faches ergeben. Dieser Band bezeichnet im Übrigen keinen Abschluss, sondern die Bilanz erster Begegnungen, die fortgesetzt werden und aus denen neue Diskussionen und Erkenntnisse erwachsen werden. Möge die tunesische Germanistik wie die tunesische Gesellschaft in einem Klima des Friedens, des Dialogs und der Toleranz und der weltanschaulichen Vielfalt eine gedeihliche Weiterentwicklung erleben!
Najjar Hassouna
Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.
Friedrich Nietzsche
»Essalamu aleikum« heißt auf Arabisch »Friede sei mit Ihnen«.1 Wäre ich ein Wahabit und Salafist gewesen, hätte ich am Anfang und als Erster diese Grußformel wahrscheinlich nicht aussprechen dürfen. Eine Fatwa aus Saudi-Arabien steckt dahinter.2 Der nicht nur durch die arabische und islamische Welt, sondern auch durch Europa und Deutschland gereiste berühmte Saudi-Prediger Muhammed Al Arifi3 hat eine besondere Fatwa über die wahre islamische Grußformel von Christen und Juden erlassen. Al Arifi zufolge haben der Prophet und die prophetische Tradition davon abgeraten, Christen und Juden mit »essalamu aleikum« zu begrüßen. Ich dürfte aber meinen Gruß stattdessen mit »guten Morgen, guten Tag« oder »guten Abend« anfangen. Obwohl konservative islamische Länder wie Kuweit und die Emirate und europäische Länder wie die Schweiz gegen Al Arifi Einreiseverbote erwirkten, durfte er in den letzten Monaten durch europäische Länder wie Deutschland und arabische Länder wie Tunesien touren.
In Deutschland hat Al Arifi in Moscheen gepredigt, in Tunesien durfte dieser Mufti aber mit Hilfe salafistischer Organisationen und islamistischer Studentenvertretungen und gegen alle Regeln der Uni in dem »jami« und der »jamia« predigen. Diese verwandten Worte stehen in der arabischen Sprache für Moschee und Universität. Es scheint, dass es in dem von den Islamisten nach der Revolution regierten Tunesien keinen Unterschied zwischen Universität und Moschee mehr gibt. Als Salafisten die Fakultät der Künste und Humanwissenschaften »La Manouba« nahe der tunesischen Hauptstadt Tunis Ende 2011 besetzt haben, sind Vortragssäle, Klassenräume, Verwaltung und Universitätsgelände für Wochen zum offenen Gebetsraum und Orte gewalttätiger Aktionen geworden. Die Medien sprachen von salafistischen Foltermethoden. Es ging um eine Dauerbeschallung durch religiöse Lieder, die den Unterricht an der Universität störte. »Obama, Obama, kulluna Osama«, was übersetzt »Obama, Obama, wir sind alle Osama« heißt, war eines dieser Lieder, die die motivierten jungen Salafisten auf dem Gelände gesungen haben. Der Zugang zur Universität, zur Verwaltung und zum Unterricht wurde von Salafisten und islamistischen Studenten oft gestört oder total blockiert. Dekan, Universitätslehrer und Studenten wurden nicht nur ständig belästigt und eingeschüchtert, sondern auch angegriffen. Ein Salafist, berichtete eine 60-jährige Germanistin und Professorin, habe sie bedroht und angeschrien: – »nāthbhak« – »ich schlachte dich« – auf Arabisch. Eine hervorragende Belohnung, kurz vor der Rente, für eine Gründerin der Germanistik in Tunesien.
Da ich Anfang der 1990er Jahre Student an der Faculté des Lettres, des Arts et des Humanités der Universität La Manouba war und dort heute Doktorand bin, weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung an diesem Campus, dass diese Uni, weil sie auch unter Bourguiba und Ben Ali eine alte, hartnäckige Burg des Widerstands der nationalen demokratischen Kräfte und eine Bastion der Linken und der tunesischen Moderne war, eine fundamentale, bevorzugte Zielscheibe nicht nur der neuen islamistischen Regierung in Tunesien, sondern auch der von der Aufklärung und Moderne beunruhigten Golfmonarchien und der reaktionären Kräfte Arabiens im Allgemeinen sein würde. Auch die von den Islamisten dominierte und manipulierte Troika hat ihre »Freikorps«, jeder kennt sie heute in Tunesien, »essalafiyyen«, die Salafisten; Gotteskrieger, die im In- und Ausland bekannt geworden sind. Die in Libyen, Mali und Syrien kämpfenden Tunesier werden sicher eines Tages in die Heimat zurückkehren. Sie werden aber dem Arabischen Frühling und dem tunesischen Volk sicher keine Jasminblumen schenken. Tunesien galt schon seit langem bei den Wahabiten als verwestlicht und zu liberal. Den demokratischen Prozess hier zu Fall zu bringen zählt, zweifellos, zu den Prioritäten der arabischen Monarchien. Ich meine vor allem Saudi-Arabien und Katar. Diese mittelalterlichen Regimes wollen doch nur bequem auf ihrem Erdöl sitzen bleiben. Kommt aber die Gegenrevolution nur aus dem islamischen Orient? Dazu schreibt der Journalist Marc Thörner:4
›Müssen wir nach der Revolution nun mit der Scharia rechnen?‹ fragen besorgte Beobachter mit Blick auf Nordafrika. Doch der ›Islamismus‹ ist nicht nur allein im Orient entstanden, sondern wurzelt in einer gemeinsamen Tradition westöstlicher Anti-Aufklärung, deren militärischer Ableger die Aufstandsbekämpfung ist, die aktuelle Doktrin der NATO. So erscheint es alles andere als sicher, ob sich die Demokratie auf Dauer gegen ihre Feinde durchzusetzen vermag.
Die deutschen Sicherheitskräfte waren schon 2012 mit dem »Salafistentanz« auf deutschen Straßen konfrontiert. Salafistische Hassprediger reden schon ohne Skrupel über Scharia und Hände und Füße abhacken, und das im »postmodernen« Europa. Kein Wunder also, dass sie nach den Umbrüchen in Tunesien und aufgrund der politischen und sozialen Umwälzungen des Arabischen Frühlings am Campus La Manouba um Geschlechtertrennung und gegen ein Vollverschleierungsverbot kämpfen.
Die Faculté des Lettres, des Arts et des Humanités der Universität La Manouba ist besonders nach dem Wahlsieg der Islamisten zum Schauplatz eines ideologischen Krieges zwischen den tunesischen Modernisten und den Konservativen geworden. Die Verantwortung für das, was in »Manoubistan« geschah, schob die islamistische Nahdha-Partei, vertreten besonders durch einen konservativen Minister für Hochschulwesen und Forschung, jedoch nicht den Salafisten, die auch die tunesische Fahne am Eingang der Fakultät durch die schwarze Fahne der Qaida und Dschihadisten ersetzten, sondern dem Dekan der Fakultät in die Schuhe. Er wurde vor den Richter gestellt, weil er angeblich eine Niquab-Trägerin geohrfeigt habe …! Das Fragen, sagt Martin Heidegger, ist die Frömmigkeit des Denkens. Ich frage aber wie viele andere Tunesier: Wie viele fundamentalistische Wahrheiten verträgt ein tunesischer Geist? Wie viele verkalkte, archaische und überkommene Traditionen und Absurditäten kann die sogenannte tunesische Facebook-Jugend vertragen?
Beate, eine Freundin aus Berlin, die ich vor kurzem während des »Weltsozialforums« in Tunis auf dem Universitätscampus in El Manar getroffen habe, erzählte mir, dass sie bei ihrem ersten Besuch in Tunesien die Stimmung als ziemlich depressiv empfunden habe. Ich fragte aus Neugier: »Wieso?« Sie sagte: »Das sieht man an den Gesichtern der Frauen in der Straßenbahn.« Da habe ich mir gedacht: Was wäre das beste Elixier gegen diese tödliche Depression, die überall im Land herrscht? »Schütteltanz«, »Harlem Shake«, ist das wirksamste Heilmittel, antwortete mir die tunesische Jugend! Eine Art »Neurose[] der Gesundheit«5 bricht aus, die Jugend hat eine Therapie gegen Depression entdeckt. Der Leib, der in der arabischen Gesellschaft oft verhüllt, geopfert und mumifiziert wird, wird jetzt zum Schauplatz der Revolte und zur Bühne einer Selbstüberwindung und einer Selbstgestaltung der Jugendlichen. Der Leib erweist sich in diesem Kontext als Versuch der Befreiung von der Herrschaft der alten Hirten der Moral und zur Entfesselung von der staatlichen Regierungskunst und deren »Gouvernementalität« (Foucault).
Eine getanzte Revolte der Jugend erlebten mehrere Schulen und Universitäten Ende Februar und Anfang März 2013 in Tunesien. Internationale Medien berichten: »Tanzphänomen ›Harlem Shake‹ sorgt für Konflikte in Tunesien«6; »›Harlem Shake‹: Protest-Schütteln in Tunesien«7; »Salafists fail to stop ›Harlem Shake‹ in Tunisia«.8SPIEGEL online vom 4. März 2013 berichtet unter dem Titel »Tanzstreit in Tunis und Kairo – Ausziehen und zappeln kommt nicht gut an«:9
An einer Sprachschule in der Hauptstadt Tunis wollten Studenten vergangene Woche ein ›Harlem Shake‹-Video drehen, als konservative Muslime der Salafisten-Bewegung auftauchten, um die Aktion zu verhindern, berichtete die Nachrichtenagentur AFP. ›Unsere Brüder in Palästina werden von Israelis getötet, und ihr tanzt‹, soll einer gerufen haben. Die Konservativen hätten sich schließlich zurückgezogen, und die Studenten hätten ihren Film aufzeichnen können.
Es geht hier um das »Institut Supérieur des Langues de Tunis« (ISLT) der Universität Carthage, das Sprachinstitut, an dem ich arbeite. Auf Videos, die man ins Netz gestellt hat, habe ich zwei meiner Studenten, die am Tanz beteiligt waren, erkannt. Was aber genau ist dieser Schütteltanz, »Harlem Shake«?
Das Lied »Harlem Shake« geht auf den Frühling 2012 zurück. In den sozialen Medien ist »Harlem Shake« als ein Tanzphänomen und ›Virus‹ zu einem Ereignis geworden: »Ein Song, ein Tanzstil, ein YouTube-Video«10, liest man in den Medien.
Wie im Fall der Revolte des Arabischen Frühlings brach auch das Tanzphänomen »Harlem Shake« zuerst in Tunesien und dann in Ägypten aus. In beiden Ländern aber wurde der Tanz der Jugend zum Politikum, zu einer neuen Form der Protestkultur, wurde der Tanz zur Waffe gegen die neue islamistische rückwärtsgewandte Politik. Vor den Wahlen hat die islamistische Nahdha-Partei dem tunesischen Volk und der tunesischen Opposition die Gründung einer zivilen, bürgerlichen Gesellschaftsordnung versprochen. Schon am 18. Oktober 2005 hat die Nahdha-Partei im Rahmen des Widerstandes der tunesischen Opposition gegen Ben Ali im In- und Ausland ihren Partnern, zum größten Teil linke Parteien, offiziell im Abkommen der Opposition vom 18. Oktober erklärt, dass sie für die Gründung eines demokratischen und modernen Rechtsstaats kämpfen werde. Dies zu glauben gehört meiner Meinung nach nicht nur zur Naivität der tunesischen Demokraten und der Elite, sondern auch zum »postmodernen« arabischen Witz! »Faqidu escheyi la yu’tih«, so lautet ein altes arabisches Sprichwort! Das bedeutet auf Deutsch: »Was man nicht besitzt, das kann man nicht verschenken.« Man braucht in Wirklichkeit keine komplexen Diskursanalysen über den politischen Islam vorzutragen, um die angeblich geheime Agenda der Islamisten in Tunesien zu entlarven. In seinem Vorwort zur ersten tunesischen Ausgabe seiner Schrift al hurriyat al-’āmma fī addawla al-islāmiya11 (dt. Die fundamentalen Freiheiten im islamischen Staat) schreibt Rached el Ghannouchi, der Gründer der islamischen Bewegung in Tunesien und jetziger Vorsitzender der Nahdha-Partei, der wirkliche Herrscher und der neue Khomeini Tunesiens:
Das Ziel dieses Buches und der ganzen Forschung besteht, wie wir es in der ersten Ausgabe behaupteten, nicht darin, einen wissenschaftlichen Durst zu stillen, sondern eine islamische Revolution auszuführen, die das Böse ›Taghut‹ von der Gotteserde abreißt.
Die »Vermuslimbrüderung« der arabischen Gesellschaft und des Arabischen Frühlings war und bleibt heute immer noch der Traum aller arabischen Fundamentalisten. Trotz aller scheinbaren Unterschiede vertreten Wahabiten, Sayyd Qutb12, Abu alaa al Maoududi, Youssef Qaradaoui, Rasched Ghannouchi und auch Tariq Ramadan im Grunde die gleiche salafistische Ideologie. Es sind nur verschiedene Seiten ein und derselben Medaille und verschiedene Diskurse innerhalb desselben salafistischen Spektrums. In seinem Buch Die arabische Revolution? Soziale Elemente und Jugendprotest in den nordafrikanischen Revolten erläutert Bernhard Schmid den Begriff »Salafisten«:13
Ihr Name leitet sich von as-salaf, ungefähr: ›Vorfahren‹ oder ›Vorläufer‹, ab. Dieser Begriff bezeichnet in ihrem Sprachgebrauch die Weggefährten des Propheten zu Lebzeiten Mohammeds und in den ersten beiden Generationen nach ihm. Der Salafismus predigt eine kompromisslose Rückkehr zu diesem von Verunreinigungen freien, reinen Islam der Urperiode, lehnt (arabische und andere) Nationalstaaten im Prinzip ebenso ab wie demokratische Wahlen und andere ›neuzeitliche Erfindungen, die außerhalb des wahren Glaubens stehen‹.
Kein Wunder also, wenn Bernhard Schmid die Politik islamistischer Bewegungen mit der »Bewegungsdynamik« des europäischen Faschismus vergleicht.14
Der tunesische Historiker und Islamwissenschaftler Muhammad Talbi sagt zum Phänomen Tariq Ramadan:15
[…] und Tariq Ramadan ist ein Wahabit und ein Muslimbruder, der den Schnurrbart rasiert und auf den Bart verzichten kann, wenn es sein muss, da er im Westen lebt. Taqiya zu betreiben, das heißt, die Geheimhaltung oder die Verheimlichung, gehört als Regel und Prinzip zur Scharia.
Wir dürfen bezüglich dieses Manövers und dieser Strategie und Taktik den Wahlspruch aller islamischen Fundamentalisten »adharurat tubihu almahdhurat« nicht vergessen (»Die Notwendigkeiten rechtfertigen den Bruch aller Verbote«, eine islamische Übersetzung des französischen Spruchs »la fin justifie les moyens«).
Auf den Straßen hat die tunesische arbeitslose Jugend während der Revolte gegen Ben Ali »schughl, hurriyya, karama wataniyya« gerufen, das bedeutet »Arbeit, Freiheit, nationale Würde«. Nach dem Wahlsieg der Islamisten am 23. November 2011 forderten Abgeordnete der Nahdha-Partei in der tunesischen Konstituante die Einführung der Scharia. Es wird heute bei uns Tag und Nacht über absurde Probleme und Begriffe wie die Einführung der Polygamie, »Mut’a«, die Genuss- bzw. die Zeitehe, Vollverschleierung, Frauenbeschneidung und den Dschihad debattiert. Die wirklichen Probleme der Jugendrevolte aber rücken aus dem Blickfeld. Die Konfessionalisierung des Arabischen Frühlings ist für die Jugend kein Geheimnis mehr, sondern eine Wirklichkeit geworden. Übergriffe auf Kunstgalerien, Theater, vorislamische Ruinen, Kirchen, Kinos, Kneipen und sufische Heiligtümer, aber auch auf Oppositionspolitiker, Gewerkschaften, Künstler, Intellektuelle, Journalisten und besonders emanzipierte Frauen gehören heute zum tunesischen Alltag. Die Jugendlichen sowie die Zivilgesellschaft spüren, dass ihre Revolte gekapert wird.
Auf die neu entstehende religiöse Diktatur und die Einschränkungen der Freiheiten reagiert die enttäuschte junge Generation nicht nur mit Demos, Streiks und Selbstverbrennungen, sondern auch spontan, sarkastisch und provokativ mit Tanz und Lachen. Islamisten, die den »Harlem Shake« als westliches Teufelszeug ansehen, greifen besonders an den Universitäten ein und wollen wie bei uns am ISLT das Tanzphänomen unterbinden. Mehrere Studenten wurden geohrfeigt; ein verschleiertes Mädchen griff eine der tanzenden Studentinnen an, ein rasender Salafist wollte unbedingt das »Spiel« verderben … Skander Ben Amor, den ich interviewt habe, war am Schütteltanz »Harlem Shake« beteiligt (er ist 22 Jahre alt und studiert Französisch) und sagte mir:
Ich war am Tanz beteiligt, weil ich einfach Spaß haben wollte, die ganze Sache hat in Facebook angefangen. Weil sie uns das aber verbieten wollen, werde ich jetzt Widerstand gegen diese Analphabeten leisten. Diese Menschen sind total unwissend, mit denen kann man überhaupt nicht reden. Aber ich bin kein Pessimist, wir werden den Kampf nicht aufgeben. Wir werden sie besiegen.
Skander bekam bei dieser Auseinandersetzung mit den Salafisten auch eine Ohrfeige.
Ich habe mit meinen Studenten über dieses Tanzphänomen gesprochen und mit ihnen über die Spaltung diskutiert, die wir heute nicht nur in der Gesellschaft, auf der Straße oder auch zu Hause, sondern auch an der Universität unter Lehrern und im Klassenraum erfahren können. Tunesien ist heute in zwei Lager geteilt. Ein neuer ›Kulturkampf‹ zwischen Modernisten und Traditionalisten ist seit dem 14. Januar 2011 in Tunesien ausgebrochen. Ich habe in zwei Gruppen meiner Studenten eine kleine Umfrage gemacht. 22 Studenten waren für »Harlem Shake«, 19 Studenten waren dagegen. Unter den Bejahenden habe ich folgende Begründungen gehört: »Jeder kann machen, was er will, das ist Freiheit«; »Die Uni ist nicht nur zum Lernen da«; »Sie wollten doch nur tanzen und Spaß machen. Sie wollten mehr Demokratie«. Diejenigen, die dagegen waren, sagten: »Die Schule ist zum Studieren, nicht zum Tanzen«; »Es ist nicht die Zeit. Die politische Lage ist nicht gut. Man soll die Salafisten nicht provozieren«; »Ich bin nicht gegen Tanz, aber ›Harlem Shake‹ finde ich sinnlos und er hat keine Ziele«.
Das Ergebnis meiner Umfrage sieht also nicht sehr rosig aus! Es sind überraschenderweise für mich nicht die fleißigsten und besten Studenten, die generell für den »Harlem Shake« waren. Einer meiner besten Studenten, den ich einen Tag später getroffen habe, hat mir geantwortet, als ich von ihm wissen wollte, warum er gegen den Schütteltanz war: »Ich mag das Tanzen nicht. Ich gehe nicht in Discos, weil ich lieber vor dem Computer sitze.« Ein zweiter Student, der seit kurzem einen Taliban-Bart trägt und seinen Kommilitoninnen beim Begrüßen nicht mehr die Hand gibt, sagte mir, dass er vom Wahabiten-Prediger Ibn El Baz fasziniert sei. Solche Einstellungen sind natürlich gefährlich, falls sie sich von der Mehrheit der Jugend vertreten und verteidigen lassen. Es besteht heute in Tunesien die Gefahr, dass die Universität gute Ärzte, qualifizierte Ingenieure oder auch Germanisten ausbildet, die total faschistisch eingestellt sein können. »Die Taliban sitzen eben nicht nur in den Bergen Afghanistans, sondern auch in den Köpfen von Menschen, egal ob sie in London oder New York leben«, so Zafer Şenocak.16 »Bekannt ist, dass totalitäre, faschistische Systeme die Gründung einer ausschließlich technischen Moderne ohne Aufklärung erzielen.«17 Şenocak schreibt dazu:18
Die meisten Muslime wenden sich technischen Berufen zu. Sie schotten sich gegenüber der kulturellen und geistigen Moderne ab. Ein muslimischer Marsch durch die Institutionen hätte nur emanzipatorischen Charakter, wenn er das geistige Ghetto durchbricht, ein kritisches Verhältnis zur eigenen Tradition herbeiführt und das Verhältnis gegenüber Andersgläubigen und Nichtgläubigen zur Diskussion stellt.
Leider sitzen die »Taliban« heute auch bei uns in Tunesien. Leider steht die islamistische Regierung an ihrer Seite. Bei ihren Übergriffen greift die Polizei oft nicht ein. Gewalttäter werden meistens von der Justiz freigesprochen oder gar nicht erst verhaftet. Dieselbe laxe Regierung, die die Geburt dschihadistischer Organisationen, die die Jugend in Schulen und Universitäten rekrutieren, toleriert, wird plötzlich wach und aktiv. Der Bildungsminister, übrigens mein Lehrer am ISLT im Jahr 1992, ordnet Ermittlungen an und droht mit der Bestrafung der Tanzaktionen. »Was passiert, beleidigt den Erziehungsauftrag«, sagt er. Wichtig ist zu wissen, dass der Bildungsminister kein Muslimbruder ist, sondern Mitglied einer Linkspartei war. Er hat Recht, die jungen Shaker, die sich als Salafisten verkleidet und Masken, falsche Bärte, Boxershorts und Tuniken getragen haben, haben die islamistischen Verbündeten seiner Partei provoziert und beleidigt! Ein paar Tage später erntete der Minister die Früchte seiner Politik. Die Shaker organisierten einen Schütteltanz direkt vor seinem Ministerium. »Harlem Shake« war ein Moment der »Arabellion«19 und des politischen Protests der tunesischen Jugend par excellence. »Harlem Shake« zeigt eine neue politische Dimension unserer Leiber. Der tanzende Leib setzt sich als politische Bühne des Widerstandes durch. »Klasse! Tanzt gegen diese Faschisten!« lautet die beste Aussage, die ich über das neue Tanzphänomen in den sozialen Medien gelesen habe. Im Gegensatz zu den fanatischen und lebensverneinenden Todespredigern hat die arabische Jugend tanzend nur das Leben gefeiert.
Tanz und Gesang sind zentrale Komponenten des religiösen Kultes schon seit der Antike. Innerhalb der dionysischen Religiosität in Griechenland war der Tanz als Bewegung, Handlung, Verwandlung und verzückende ekstatische Erfahrung eine Art göttliche Sprache des Leibes. Übersetzt in die Sprache der Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik heißt das:20
Im dionysischen Dithyrambus wird der Mensch zur höchsten Steigerung aller seiner symbolischen Fähigkeiten gereizt; etwas Nieempfundenes drängt sich zur Aeusserung, die Vernichtung des Schleiers der Maja, das Einssein als Genius der Gattung, ja der Natur. Jetzt soll sich das Wesen der Natur symbolisch ausdrücken; eine neue Welt der Symbole ist nöthig, einmal die ganze leibliche Symbolik, nicht nur die Symbolik des Mundes, des Gesichts, des Wortes, sondern die volle, alle Glieder rhythmisch bewegende Tanzgebärde. Sodann wachsen die anderen symbolischen Kräfte, die der Musik, in Rhythmik, Dynamik und Harmonie plötzlich ungestüm. […] [D]er dithyrambische Dionysusdiener wird somit nur von Seinesgleichen verstanden!
Musik und Tanz wurden von Nietzsche als eine grundlegende existenzielle, menschliche Lebensbejahung konzipiert. Das Dasein der Welt wird bei diesem Künstlerphilosophen nur als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt.21
Nietzsches Denken inspirierte den modernen Tanz und seine Avantgardisten wie Isadora Duncan und Martha Graham, weil seine Kunst- und Musikphilosophie die asketischen Ideale einer weltabgewandten abendländischen Metaphysik hinterfragte. Zarathustra sagt den Verächtern des Leibes: »›Ich‹ sagst du und bist stolz auf diess Wort. Aber das Grössere ist, woran du nicht glauben willst, – dein Leib und seine grosse Vernunft: die sagt nicht Ich, aber thut Ich.«22 Deshalb dürfen wir die jungen tunesischen Shaker als postmoderne Jünger Nietzsches bezeichnen. Die Religionswissenschaftlerin und Tänzerin Kimerer L. LaMothe würde sie gerne, glaube ich, Nietzsche’s Dancers nennen. Beeinflusst von Nietzsches Verknüpfung zwischen Denken und Tanzen schreibt sie in ihrer gleichnamigen Studie:23
[S]cholars in all fields invest their time in thinking about bodies via data provided to them through various logical and technological extensions of human sense, books included; and in doing so they practice ignoring the experience of their own bodies as a precondition for the objective status of their scholarship.
Diese Kunstphilosophie ist tief vom Geist Nietzsches ergriffen. In der Sprache des Künstlerphilosophen, der sich zum Problem vom »Denken lernen« äußert, lautet dies:24
Denken lernen: man hat auf unsren Schulen keinen Begriff mehr davon. Selbst auf den Universitäten, sogar unter den eigentlichen Gelehrten der Philosophie beginnt die Logik als Theorie, als Praktik, als Handwerk, auszusterben. Man lese deutsche Bücher: nicht mehr die entfernteste Erinnerung daran, dass es zum Denken einer Technik, eines Lehrplans, eines Willen zur Meisterschaft bedarf, – dass Denken gelernt sein will, wie Tanzen gelernt sein will, als eine Art Tanzen … […] – Man kann nämlich das Tanzen in jeder Form nicht von der vornehmen Erziehung abrechnen, Tanzenkönnen mit den Füssen, mit den Begriffen, mit den Worten; habe ich noch zu sagen, dass man es auch mit der Feder können muss, – dass man schreiben lernen muss? – Aber an dieser Stelle würde ich deutschen Lesern vollkommen zum Rätsel werden …
Die tunesische Jugend hat durch ihren angeblich unsinnigen und wahnsinnigen Tanz diese Verächter des Leibes in Arabien und ihre salafistische Vernunft lächerlich gemacht. »Harlem Shake« wurde doch von den Islamisten als teuflische und unmoralische Aktion angesehen. Die Jugend aber hat auf diese lebensverneinende salafistische Finsternis, die sich über ihr Dasein senkt, mit diesem bizarren, lustigen und zugleich albernen Tanz reagiert. Der zeitgenössische Tanz ist keine abgeschossene, festgestellte Struktur, sondern eine offene Ausdrucksform.
An die radikalen, karikierten Gottes- und Glaubensvorstellungen der Wahabiten wollen diese Shaker nicht glauben. Ihr Tanz ist eine konkrete leibliche Übersetzung der Aussage Zarathustras: »Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.«25 Dieser Gott ist der islamischen Kultur und Religiosität kein Fremder gewesen. Die sufische ekstatische Erfahrung, die als mystischer Weg zu Gott, der sogenannte »al mi’raj assufi« (Himmelsfahrt) wahrgenommen wird, wurde auch von Sufis wie Ruzbihan Bakli als ein Tanz mit Gott (raqsun maa allah) vorgestellt. »Rumi ging diesen Weg in Form eines Tanzes, der Sama«, sagt Yașar Nuri Öztürk.26
Wachsender Obskurantismus und salafistischer Faschismus, die in den Ländern des Arabischen Frühlings an einer utopischen Vergangenheit orientiert sind, können zwar nicht nur mit Tanz bekämpft werden. Ich wollte aber in diesem Beitrag am Beispiel von »Harlem Shake« darauf hinweisen, dass das Schicksal der Demokratie und die Zukunft der Jugend heute von dem Erfolg oder dem Scheitern einer religiösen und politischen Aufklärung abhängen.
1Anm. der Hg.: Sämtliche Umschriften der im vorliegenden Beitrag verwendeten arabischen Namen, Begriffe und Ausdrücke durch den Verfasser N. H. wurden beibehalten und werden im laufenden Text originalgetreu wiedergegeben.
2Das Wort »essalam« ist verwandt mit dem Wort »essam«, d. h. Gift auf Arabisch. Es wurde den Juden vorgeworfen, bei der Begrüßung des Propheten Mohammed das Wort »essam« statt des Wortes »essalam« zu verwenden.
3Muhammed Al Arifi ist übrigens der Schüler vom verstorbenen Mufti Saudi-Arabiens, Abdel Aziz Albaz, ein radikaler Wahabit, der vor seinem Tod immer noch davon überzeugt war, dass die Erde flach sei.
4Marc Thörner: Die arabische Revolution und ihre Feinde, Hamburg 2012, S. 1.
5Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie, in: Ders.: Die Geburt der Tragödie – Unzeitgemäße Betrachtungen I–IV – Nachgelassene Schriften 1870–1873, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, 2., durchgesehene Aufl. Berlin/New York 1988, S. 9–156, hier S. 16.
6Vgl. »Tanzphänomen ›Harlem Shake‹ sorgt für Konflikte in Tunesien, in: SRF Kultur: Weblese vom 1. 3. 2013, online abrufbar unter der URL: http://www.srf.ch/kultur/im-fokus/weblese/tanzphaenomen-harlem-shake-sorgt-fuer-konflikte-in-tunesien [zuletzt abgerufen am 15. 11. 2013].
7Vgl. »›Harlem Shake‹: Protest-Schütteln in Tunesien«, in: euronews vom 1. 3. 2013, online abrufbar unter der URL: http://de.euronews.com/2013/03/01/harlem-shake-protest-schuetteln-in-tunesien/ [zuletzt abgerufen am 15. 11. 2013].
8Vgl. »Salafists fail to stop ›Harlem Shake‹ in Tunesia«, in: Daily News Egypt vom 27. 2. 2013, online abrufbar unter der URL: http://www.dailynewsegypt.com/2013/02/27/salafists-fail-to-stop-harlem-shake-in-tunisia [zuletzt abgerufen am 15. 11. 2013].
9Vgl. »Tanzstreit in Tunis und Kairo[:] Ausziehen und zappeln kommt nicht gut an, in: Spiegel online vom 4. 3. 2013, online abrufbar unter der URL: http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/harlem-shake-bringt-schuelern-in-tunesien-und-aegypten-aerger-ein-a-886364.html [zuletzt abgerufen am 15. 11. 2013].
10Vgl. Anm. 5.
11Rached el Ghannouchi: al hurriyat al-’āmma fī ad-dawla al-islāmiya, Tunis 2011, S. 6.
12Über Sayyid Qutb schreibt Marc Thörner: »Er [Sayed Qutb] suchte Halt und fand ›Man, the unknown‹, das frisch ins Englische übersetzte Werk Alexis Carrels – ein französischer Theoretiker des Faschismus – nach dem Koran die zweite Offenbarung. Zeitlebens paraphrasiert er seinen intellektuellen Retter in seinen eigenen Schriften«. (Thörner [Anm. 3], S. 122)
13Bernhard Schmid: Die arabische Revolution? Soziale Elemente und Jugendprotest in den nordafrikanischen Revolten, Münster 2011, S. 31.
14Ebd., S. 25.
15Muhammad Talbi: al dhahira Tariq Ramadan [dt.: Das Phänomen Tariq Ramadan], in: Le Maghreb vom 30. 3. 2012, S. 10.
16Zafer Senocak: Die Hilflosigkeit des religiösen Dialogs, in: Die Welt vom 20. 7. 2005, zit. nach URL: http://www.welt.de/print-welt/article683574/Die-Hilflosigkeit-des-religioesen-Dialogs.html [zuletzt abgerufen am 15. 11. 2013].
17Zafer Şenocak: Zwischen Koran und Sex Pistols, in: Ders.: Das Land hinter den Buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch, München 2006, S. 29–34, hier S. 33.
18Zafer Şenocak: Islam übersetzen, in: Ders.: Das Land hinter den Buchstaben [Anm. 16], S. 53–58, hier S. 54.
19Vgl. den Beitrag von Nicole M. Wilk in diesem Band.
20Nietzsche [Anm. 4], S. 33 f.
21Vgl. ebd., S. 11.
22Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra I–IV, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Berlin/New York 1980, S. 39.
23Kimerer L. LaMothe: Nietzsche’s Dancers. Isadora Duncan, Martha Graham, and the revaluation of christian values, New York 2006, S. xii.
24Friedrich Nietzsche: Götzen-Dämmerung, in: Ders.: Der Fall Wagner – Götzen-Dämmerung – Der Antichrist – Ecce homo – Dionysos-Dithyramben – Nietzsche contra Wagner, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, 2., durchgesehene Aufl. Berlin/New York 1988, S. 55–162, hier S. 109 f.
25Nietzsche [Anm. 21], S. 49.
26Yaşar Nuri Ötürk: Rumi und die islamische Mystik. Über das Menschenbild im Islam, Düsseldorf 2002, S. 139.
Mohamed Hedi Ferchichi
Tunesien befindet sich im Moment in einer schwierigen und kritischen Lage, aber nicht in einer hoffnungslosen Situation. Die Gründe dafür liegen ziemlich weit zurück. Um mögliche Lösungsvorschläge zu finden, sollten diese Gründe zunächst geortet und erklärt werden. Soll eine schnelle, effiziente und hilfreiche Bestandsaufnahme getätigt werden, müsste man auf eine einfache, aber grundlegende Frage Antwort geben: Woran hapert es in Tunesien? Es herrscht eine prekäre Wirtschaftslage, die eine Unmenge von Arbeitslosen hervorgebracht hat, was ein gespanntes Sozialklima zur Folge hat. Die Bildung trägt die Spuren einer falsch konzipierten und misslungenen Bildungspolitik. In diesem Rahmen entdeckte das tunesische Volk die prekäre Lage der Schulen, der Bildungsstätten in seinem Lande. Nach sechzig Jahren Unabhängigkeit sind Tausende von Grundschulen, vor allem im Binnenland, ohne Trinkwasser und ohne Sanitäranlagen. Oft sind die Bauten verkommen, haben zerbrochene Fensterscheiben, beschädigte Türen und keinen Schutzzaun. Dies führt zur Unterbrechung des Schulunterrichts bei vielen Kindern. Hinzu kommt, dass kaum anständig befestigte Straßen oder Gehwege vorhanden sind. Viele kleine Schulkinder müssen zehn Kilometer zu Fuß bei Regen oder Schnee zurücklegen. Bei Überschwemmungen können die Kinder die Schule nicht mehr erreichen, denn es gibt kaum Brücken; wenn sie aber trotzdem versuchen, den Fluss zu überqueren, werden sie von der Flut mitgerissen und ertrinken, wie es noch 2015 geschehen ist. Das sind die direkten Folgen einer ungleichen und ungerechten regionalen Entwicklungspolitik, die große Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen geschaffen hat. Im Binnenland ist kaum Infrastruktur vorhanden; medizinische Dienstleistungen, wenn sie überhaupt existieren, lassen mehr als zu wünschen übrig. Die indirekten Folgen werden später angesprochen.
Nach Januar 2014 entdeckte Tunesien den Terrorismus und musste verbittert feststellen, dass tunesische Bürgerinnen und Bürger weltweit terroristischen Aktivitäten nachgehen. Im eigenen Land leben Bürgerinnen und Bürger, die diese Gesellschaft und deren Lebensform ablehnen, hassen, ja vernichten wollen. Diese jungen Leute haben sich andere, uns fremde Wertmaßstäbe angeeignet, vorrangig in Bezug auf die Religion und deren Auslegung. Diese Extremisten sind ein Produkt der tunesischen Gesellschaft; die Gründe dafür woanders zu suchen, ist ein Täuschungsmanöver und kann bei der Suche nach einer plausiblen Lösung nicht von Nutzen sein.
Das Land zählt insgesamt knapp 11 Millionen Einwohner, ungefähr ein Viertel davon lebt im Großraum von Tunis. Um Tunis herum gibt es sogenannte Siedlungen, die Anfang der 1970er Jahre als Gegenmaßnahme vom Staat errichtet wurden, um die Wellblechbehausungen zu bekämpfen. Diese Behausungen waren die Folgen der zweitgrößten Landfluchtwelle in der Geschichte des Landes. Anfang der 1970er Jahre des letzten Jahrhunderts beschloss der damalige Präsident den Sozialismus im Land einzuführen; dies bedeutete in erster Linie eine Zwangskollektivierung in vielen Sektoren. Die Landwirtschaft wurde in Kooperativen nach russischem Muster von Kolchosen und Sowchosen organisiert. Die Bauern fühlten sich enteignet, sie verkauften ihre Tiere, nahmen ihre Habseligkeiten mit und kamen nach Tunis. Man hat durch diese Siedlungen etwas für die Schönheit der Hauptstadt geleistet, aber sozialpolitisch stellte das eine Zeitbombe dar. Genau aus diesen Vierteln stammen viele Extremisten. In anderen Siedlungen, die ohne Baugenehmigung in der Umgebung von Tunis erbaut wurden, gibt es immer noch Unruhen und sie sind schwer unter Kontrolle zu bringen. Die Siedlung »Attadhamon« im Norden von Tunis ist ein gutes Beispiel dafür. Allein in dieser Siedlung leben über 200 000 Einwohner, sie zählt zu den dichtbesiedelsten Ortschaften in ganz Afrika. Das Land, auf dem diese Siedlung errichtet wurde, war eigentlich Staatseigentum und für die Landwirtschaft gedacht; es wurde zerstückelt und von korrupten Beamten und Politikern an arme Leute verkauft.
Sechzig Jahre Diktatur in einem Land, das nichts anderes gekannt hat, hinterlassen zwangsläufig Spuren. Diese Spuren können politischer, wirtschaftlicher, sozialer oder auch psychologischer Natur sein. Es gab im Laufe der Geschichte viele Diktaturen, die mehr oder weniger das Wesen des Menschen gebrandmarkt und beeinträchtigt haben. Diktaturen sind von Land zu Land verschieden, deshalb sind der Leidensweg und das Leben eines unterjochten Volkes kaum allgemein nachvollziehbar. Es scheint das Schicksal der arabischen Länder zu sein, unter Diktaturen zu leiden. Es sind meistens Militärs gewesen, die die Macht an sich gerissen und die meisten arabischen Länder in gefängnisähnlichen Zuständen regiert haben. Furcht und Angst gehörten und gehören zum alltäglichen Leben, alle Freiheiten wurden systematisch bekämpft und verboten, wer das Regime und dessen Politik in irgendeiner Weise kritisierte, wurde verfolgt und eingesperrt. Dieses allgemeine Klima lässt bekanntlich Korruption und Machtmissbrauch gedeihen. Misstrauen gewann langsam die Oberhand in allen Bereichen und Belangen des (täglichen) Lebens. Tunesien blieb zwar von einer Militärdiktatur verschont, wurde dafür aber von zwei Diktatoren mit eiserner Hand regiert. Es sind die direkten oder indirekten negativen Folgen dieser sechzig Jahre, welche die jetzige Lage in Tunesien bestimmt haben und bestimmen. Es ist deshalb wichtig, eine Bestandsaufnahme zu machen, um diese komplexe Lage zu ergründen.
Tunesien war von 1881 bis 1956 eine französische Kolonie und als es seine Unabhängigkeit erlangte, war die Euphorie recht groß. Viele sogenannte Freiheitskämpfer aus den verschiedenen Regionen und Sippen waren daran beteiligt. Die Erwartungen waren dementsprechend unterschiedlich. Die Meinungsverschiedenheiten in der Führungsetage der neuen Partei, die sich während des Befreiungskampfes langsam abzeichneten, bekamen nach der Unabhängigkeit eine andere Dimension und harte Fronten kamen ans Tageslicht. Politische Morde standen auf der Tagesordnung, die alten Weggefährten Bourguiba und Ben Youssef und deren Anhänger lieferten sich einen regelrechten Krieg. Ben Youssef wurde in den Jahren 1957/58 zweimal zum Tode verurteilt, konnte sich jedoch retten und das Land verlassen. Er erreichte Deutschland über Libyen und Ägypten; in Frankfurt am Main wurde er auf Befehl Bourguibas ermordet, seine Anhänger wurden getötet, verfolgt oder verhaftet. Damit vollzog sich eine schwerwiegende Spaltung innerhalb der politischen Intelligenz. Bourguiba hatte freie Hand und war zur Leitfigur der neuen Partei geworden. Seine Macht innerhalb der Partei und somit auch innerhalb des Landes war unbeschränkt. Der Personenkult und ein gewisser Größenwahn beherrschten das politische und öffentliche Leben. Dies führte zu Korruption, Machtmissbrauch und Veruntreuung von öffentlichen Geldern. Leute mit Parteibuch saßen überall in Schlüsselpositionen, ein Spitzelnetz hatte das Land fest in seinem Griff. Nach außen hin verkaufte sich Bourguiba als Demokrat, hatte er doch die Frau durch das Personenstandsbuch befreit und deren Rechte durch Gesetze in Schutz genommen, was im Grunde genommen ein Aushängeschild ist. Dass ein ganzes Volk ohne Rechte in einer Diktatur leben musste, wird oft vergessen. Alle Wahlen, die während der Ära Bourguiba durchgeführt wurden, wurden manipuliert; dasselbe gilt übrigens auch für den zweiten Präsidenten, Ben Ali. Vor allem in den südlichen Regionen, wo auch Salah Ben Youssef sehr aktiv war, herrschte ein gewisser Unmut, viele Freiheitskämpfer fühlten sich von Bourguiba und von der Partei verraten, so etwa Lazhar Chraïti, der bekannteste Fellagha-Anführer, der in der Nähe von Gafsa geboren wurde und als Bergwerkarbeiter tätig war. 1962 wurde ein Putsch gegen Bourguiba durchgeführt. Viele ehemalige Freiheitskämpfer, sogenannte Fellagha, und Militärs haben sich daran beteiligt. Der Putsch misslang und alle Beteiligten wurden verhaftet und zum größten Teil im Jahre 1963 zum Tode verurteilt. Spätestens ab diesem Moment waren der Süden und der Südwesten von Tunesien der Zentralmacht feindlich gesinnt, denn es wurden angesehene Personen gehängt, die bei sich zuhause als Helden galten. Für Bourguiba werden der Süden und der Südwesten während seiner langen Ära gefährliche Regionen bleiben. Der für seine direkten Kontakte bekannte Bourguiba wird Städten wie Gafsa, Sidi Bouzid, Kasserine und El Hamma und anderen nur seltene Besuche abstatten und wenn das geschieht, dann unter großem Polizeiaufgebot und großen Sicherheitsvorkehrungen. Das Gedächtnis eines Volkes kann man nicht per Knopfdruck löschen und so werden die Beziehungen dieser Regionen zu den verschiedenen Regierungen ziemlich angespannt sein.
Die Diktatur war Quelle und Grund des Übels, das mit der Zeit wucherte und sämtliche Belange der Gesellschaft betraf. Am Beispiel der aktuell vorherrschenden Arbeitsmoral wird ersichtlich, dass die jetzigen herrschenden Zustände die Fortsetzung dessen sind, was immer zu sehen war: ein lascher, nicht geregelter Umgang mit der Arbeit. Dadurch, dass eine einzige Partei das ganze Land alleine regierte, bestand die erste Sorge darin, dass alles gemacht werden musste, um an der Macht zu bleiben und Widersachern keinerlei Möglichkeit zu bieten, um an Informationen zu kommen, die es ihnen ermöglichten, Kritik zu üben und Forderungen zu stellen. Um dieses Ziel zu verwirklichen, musste eine gewisse Vernetzung aufgebaut und ausgebaut werden. Mitglieder der Partei waren überall zu finden, so dass eigentlich gefragt werden muss, ob die berufliche Hierarchisierung und Beförderung aufgrund der Kompetenzen oder aufgrund der Parteizugehörigkeit vollzogen wurden.
Dadurch, dass die Schlüsselpositionen nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft, in der Kultur und auch im Sport – niemand darf die Leitung eines Sportclubs ohne die ausdrückliche Unterstützung und Rückendeckung der Partei übernehmen – von Mitgliedern der Partei besetzt waren, herrschte in fast allen Sektoren eine sehr schlechte Arbeitsmoral. Man kam und ging, wann man wollte, vor allem Personen aus der Führungsetage, die sich durch ihr Parteibuch geschützt fühlten. Unter Ben Ali wurde das sogar ausgebaut und konsolidiert. Viele wurden befördert, nicht etwa, weil sie es beruflich verdient hatten, sondern vielmehr aufgrund erwiesener Verdienste für die Partei. Die Strukturen des Staates und die Dienstleistungsstellen verwandelten sich allmählich in regelrechte Verkaufsstellen, in denen die normalen und einfachen Dienstleistungen gekauft werden konnten; gegen Bezahlung hat man sogar Besitzurkunden im Grundbuch gefälscht. Eine mafiaartig agierende Bande trieb ihr Unwesen im ganzen Lande. Die Mehrheit dieser Personen wurde nie zu Rechenschaft gezogen, bis heute übrigens nicht. Es sind lediglich einige aus dem Umfeld des zweiten Präsidenten, die angeklagt und nach denen vereinzelt auch gefahndet wurde, aber Helfer und Helfershelfer wurden nie herangezogen. Das hätte das Sozialleben einigermaßen entspannen und der Arbeitsmoral einen Hauch von Leben einflößen können. Nach der Revolution hat sich diesbezüglich kaum etwas geändert, im Gegenteil: Die Lage hat sich verschlechtert, Sitins und wilde Streiks sind ein Nationalsport geworden. In Unternehmen, vor allem in den staatlichen wie »Tunis Air« oder in der staatlichen Reederei »CTN«, die rote Zahlen schreiben, verlangen Mitarbeiter sogar Gehaltserhöhungen und werden dabei sogar zum Teil von der Gewerkschaft unterstützt. Nach dem Motto: Jedes Mittel ist gut, um meinem politischen Gegner wehzutun. In diesem Zusammenhang haben Statistiken bewiesen, dass die tatsächlich effektive Arbeitszeit in Tunesien sehr niedrig und nahezu furchterregend ist. »Die tunesische Vereinigung für die Bekämpfung der Korruption« veröffentlichte im April 2015 eine von ihr erstellte Studie bezüglich der Arbeitsmoral in Tunesien. Dieser Studie zufolge zählt Tunesien ungefähr 800 000 Beschäftigte im öffentlichen Dienst. Bei 60 Prozent von ihnen beträgt die effektive Arbeitszeit im Durchschnitt acht Minuten pro Tag, bei einem durchschnittlichen Arbeitsausfall von hundert Arbeitstagen in einem Jahr von dreihundertvierundsechzig Tagen. Diese Abwesenheit beträgt im privaten Sektor ›nur‹ 10 Prozent. Diese Zahlen würden jeder anderen Regierung schlaflose Nächte bereiten – in Tunesien wurde kaum etwas dagegen unternommen.
Symptomatisch und gleichzeitig kennzeichnend für Tunesien war der erste Machtwechsel im Jahre 1987, der friedlich, ohne Blutvergießen vollzogen wurde. Mitte der 1970er Jahre gab es bei Bourguiba erste Anzeichen gesundheitlicher Probleme. Dieses Staatsgeheimnis wurde zwar streng gehütet, es wurde aber zunehmend schwerer, diese Tatsache noch länger geheimzuhalten, zumal er immer öfter ins Ausland reisen musste, um sich behandeln zu lassen. Man sprach von einem akuten Nervenzusammenbruch. In dieser Zeit zeichnete sich ein erbitterter Kampf mit den Islamisten ab, die Konfrontation mit ihnen war unvermeidbar und viele in der Partei sahen in Bouguiba die Person, die diesen Kampf aufnehmen und gewinnen würde. Die Islamisten stellten landesweit die einzige ernstzunehmende Opposition dar. Oppositionsparteien wurden im Laufe der Zeit bekämpft, verfolgt und geschwächt. Anfänglich waren die Aktivitäten der Islamisten rein religiös und hatten keinen klaren politischen Hintergrund, sie kümmerten sich lediglich um Aufklärungsarbeit in religiösen Fragen. So sah man sie überall Sozialprogramme durchführen, vor allem in den Armenvierteln, in denen sie viele Sympathisanten gewinnen konnten. Armut und Misere generieren Hoffnungslosigkeit und wenn die einzige effektive und organisierte Opposition eine religiöse Opposition ist, dann sind alle Ingredienzen für eine Explosion vorhanden. Die Islamisten konnten durch ihre Fürsorge und ihre Nähe zur Masse das Vertrauen vieler für sich gewinnen. Das erklärt unter anderem ihren Erfolg bei den ersten Wahlen vom Oktober 2011. Sie versinnbildlichten die Hoffnung auf Befreiung für viele Tunesier. Neben seiner religiösen Rolle übernimmt der Islam langsam eine politische Funktion ersten Ranges. Er gewährt der Bevölkerung eine felsenfeste Identität, die alleine fähig ist, das Regime wegzufegen. Diese Opposition wurde sukzessive im öffentlichen Raum sichtbar: Von immer mehr Frauen wurde der Schleier getragen, einen vollen Bart zu haben avancierte langsam zu einem Widerstandszeichen. Politischer Widerstand wurde damit durch religiöses Verhalten zum Ausdruck gebracht. Das Tragen des Schleiers wurde verboten, Männer mit Bart wurden ständig schikaniert und misshandelt, Anführer der Islamisten wurden verfolgt, aus ihren Berufen entlassen und eingesperrt. Eine Reihe von Gerichtsverhandlungen fand statt, Folter und Misshandlungen kamen ans Tageslicht. Einige Anführer wurden zum Tode verurteilt. Überall war zu spüren, dass die Ära Bourguiba langsam zu Ende ging. Die Konfrontation zwischen dem Regime und den Islamisten wird die letzte Regierungsphase des ersten Präsidenten bestimmen. Die Islamisten haben sich aber als einzige ernsthafte politische Gegner der Diktatur etabliert. Die Armenviertel sind über Nacht zu Hochburgen der islamisch-politischen Opposition geworden. Die unangemessene und ungeschickte Reaktion beider Regimes machte aus einigen »politischen« Gegnern regelrechte Extremisten.
Die Lage im Lande war sehr angespannt und Bouguiba wirkte weiterhin geschwächt. Seine Auftritte im Fernsehen wurden sporadischer, denn seine Artikulationsfähigkeit war zusehends erheblich beeinträchtigt; schließlich konnte er sich nicht mehr artikulieren. Die Frage der Nachfolge wurde auch seitens der Bevölkerung heiß diskutiert, allerdings heimlich. Ben Ali, der inzwischen von Bourguiba selbst zum Premierminister ernannt wurde, nutzte die Gunst der Stunde und putschte gegen den senil gewordenen Präsidenten. Als ehemaliger General der Armee fand er Unterstützung bei einem General a. D. und einem altgedienten Politiker und Diplomaten: Bei Habib Ammar, dem Chef der Gendarmerie, und bei Hedi Bakkouch, einem ehemaligen Minister und alten Bekannten. Am 6. November 1987 bildeten sie zu dritt ein ärztliches Konsortium und ließen ein medizinisches Attest aufsetzen, mit welchem die physische und psychische Unzulänglichkeit des Präsidenten bescheinigt und proklamiert wurde. Damit war das Ende der ersten Diktatur besiegelt.
Als dies bekannt gemacht wurde, galt das für die Mehrheit der Tunesier als Erlösung, als ein neuer Anfang. Die Partei und deren Führung standen hinter Ben Ali. Er wurde stark bejubelt, auch von der sogenannten Opposition. »Die Proklamation vom siebten November« 1987, dem Tag des Putsches, die von Hedi Bakkouch verfasst wurde, versprach den Tunesiern, das, was sie während der Ära Bourguiba vermisst hatten, nämlich ein moderneres und menschlicheres Regime, Demokratie, politische Freiheit und Meinungsfreiheit sowie die Zulassung von Parteien. Schnell schien Ben Ali eine Versöhnung mit den Islamisten anzuvisieren; viele, die in den Gefängnissen saßen, oder diejenigen, die zum Tode verurteilt worden waren, wurden befreit. Im Exil lebenden Tunesiern wurde die Rückkehr gewährt, die Gründung von Parteien wurde zugelassen. Eine Aufbruchsstimmung herrschte im Lande, man versprach sich grundlegende Veränderungen im politischen sowie im sozialen Leben. In diesen anfänglichen Zeiten wurde die gespannte Lage entschärft. Der Traum dauerte nicht lange, denn in aller Stille baute Ben Ali sein diktatorisches Regime auf. Er schaltete seine zwei Weggefährten, Bakkouch und Ammar, aus und wurde zum Alleinherrscher über die Partei und über das Land. Die altbewährten Mittel der ersten Diktatur wurden von neuem angewendet. Den inzwischen gegründeten Parteien machte man das Leben schwer, einige Mitglieder wurden eingesperrt oder unter Hausarrest gestellt. Ben Ali nahm die Verfolgung der Islamisten wieder auf. Hinzu kamen die Machenschaften und die Grenzüberschreitungen seiner Familienmitglieder, für die sein eigener Bruder ein gutes Beispiel ist; die Familienmitglieder seiner zweiten Frau, Leyla Ben Ali, werden aus ihrer Verschwägerung mit dem amtierenden Präsidenten Kapital schlagen und das Land regelrecht plündern. Leyla Ben Ali stammt aus bescheidenen Familienverhältnissen. Nach Januar 2011 und nach einigen Fahndungen und Untersuchungen bewahrheitete sich das, was die Mehrheit im Lande vermutete, nämlich, dass Leyla Ben Alis Familie, die Familie Trabelsi, sich systematisch bereichert hatte. Die Ermittlungen, um den Umfang ihres Besitzes aufzudecken und zu bestimmen, dauern bis heute an. Direkt nach Ben Alis Flucht wurden dem tunesischen Volk durch Fernsehsendungen die tatsächlichen Lebensverhältnisse Ben Alis und seiner Familie aufgedeckt: Aus einem Palast in der Nähe von Sidi Bou Said wurden Wände gezeigt, die vollgepropft waren mit Geldscheinen fremder Währungen. Große Behälter waren voll von Fünf-Dinar-Münzen (ungefähr 2,50 Euro), die aus den »Zwangsspenden« von Schülern, einfachen Arbeitern, Beamten und anderen stammten, die im Durchschnitt fünf Dinare spenden mussten. Für diesen Zweck war ein Konto mit der berühmten Nummer 2626 eingerichtet worden. Parteimitglieder wurden damit beauftragt, diese Spenden bei allen Händlern einzutreiben, was bis hin zu Erpressungen ging; wer nicht spendete, dem konnte das Geschäft geschlossen werden, denn die Befugnisse der Partei kannten keine Grenzen und keiner wagte es, die Entscheidungen und die Aktivitäten der Partei zu beanstanden – Spitzel gab es überall. Das Land versank in eine Form des Ausgeliefertseins, jeder wusste im Großen und Ganzen, was vor sich ging, aber keiner unternahm etwas dagegen, denn auch das war lebensgefährlich.
Eine sogenannte Hochschulreform wurde ab 2005/2006 durchgeführt; deren eigentliches Ziel war aber eher politischer Natur. Vermeintliche Hürden auf dem Weg zum Abitur wurden absichtlich abgebaut und eingeebnet, um die Anzahl der
