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Ein Mann geht durch Moskau, verirrt sich in die Welt der Engel, ohne seine Umgebung zu verlassen. Er wird ein Doppelagent der Wirklichkeit, der dem Schöpfer auf die Spur kommen will. Paracelsus und Alfred Jarry geistern durch die Texte und Franz Kafka, der noch in den dreißiger Jahren mit Frau, Sohn und Enkelkind ein glückliches, etwas ödes Leben in Prag führte, um sich eines Tages von seinem »Wiedergänger« zu verabschieden.
Hundert Jahre nach den Revolutionen des Jahres 1917 lässt Julia Kissina Autoren zu Wort kommen, die zum antirealistischen Unterstrom der russischen Literatur seit den 60er Jahren gehören. Ihre Lehrer sind Gogol und Charms; die heutigen Vertreter, wie Julia Kissina selbst, häufig Doppelbegabungen: Maler, Bildhauer, Philosophen. Wie alltägliche, scheinbar langweilige Ereignisse sich in etwas Rätselhaftes verwandeln, die Normalität aufgekündigt wird, Traum und Wahn überhand nehmen – Literatur als Wunder der Wahrnehmung ist der gemeinsame Nenner der Prosastücke.
Dieses Buch hat nichts zu tun mit unserer Vorstellung von der »russischen Seele«, dem slawischen Charakter, dem ewigen Wodka und überhaupt davon, wie man im Osten lebt und denkt. Es befreit uns von den Klischees, die am Sozialismus und an Dostojewski haften, und zeigt uns ein Russland ohne Putin und seine Helden – eine Gesellschaft, die längst Teil der globalen Kultur geworden ist.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2017
JULIA KISSINA (HG.)
REVOLUTION NOIR
AUTOREN DER RUSSISCHEN »NEUEN WELLE«
Aus dem Russischen von Olga Kouvchinnikova, Ingolf Hoppmann, Annelore Nitschke und Olga Radetzkaja
Suhrkamp Verlag
Das kleine rumänische Kino in Kischinjow lag Wand an Wand mit einem Seuchenkrankenhaus; man beschloss, eine Leichenhalle daraus zu machen. Dort begegnete ich zum ersten Mal einer toten Prostituierten, sie war nackt, ihre schwarzen Augen offen — man hatte den sehnlichen Wunsch, in sie einzugehen. Sie lag mit dem Kopf an der Stelle, wo die Rumänen vor dem Krieg die Leinwand hatten. Jetzt prangte dort eine schmutzige leere weiße Wand, als würden noch immer Filme gezeigt. Aus einem unbekannten Grund hatten sich die Augen der getöteten Prostituierten nicht geschlossen. Aber nicht wie bei einer kaputten Puppe. Die Prostituierte setzte ihr Gewerbe nach dem Tode fort, obwohl es nur noch ein Körper ohne Seele war. Aber wenn man eine Prostituierte anheuert, dann zahlt man auch für einen Körper ohne Seele. Ein Sanitäter stand neben mir und sagte, ich würde ihn erregen. So wie ich die tote Hure betrachte, fange er auch schon an, sie wie ein Perverser anzustarren. Der Sanitäter spürte, dass ich mit meinen Augen etwas Verbotenes tat. Ich sah, dass die tote Prostituierte nicht auf dem Tisch lag. Obwohl sie dort lag, nackt, wie es sich für eine Prostituierte gehört, stand sie noch immer an der Bordsteinkante. Und vollführte noch immer die billigen Tricks einer Prostituierten. Auch der Tod war einer ihrer billigen Tricks. Als könne er meine Gedanken lesen, erklärte der Sanitäter, er habe keine Angst zu sterben. Das hieß, er hatte keine Angst, sich auszuziehen und sich neben sie zu legen. Die Bezahlung, die die tote Prostituierte für ihre Dienste von uns nahm, war eine Währung puren Wahnsinns. Rumänische Lei, deutsche Besatzungsmark, amerikanische Dollar, russische Rubel wurden just in diesem Augenblick an der Kasse des ehemaligen Kinos in die Währung der toten Prostituierten gewechselt.
Der Blick des Künstlers, dachte ich, ist der Blick der toten Prostituierten aus dem Jenseits. Wenn du einen Film drehst, lass eine getötete Prostituierte durch die Kamera schauen, und sie verleiht dir den Blick des großen Künstlers. Die getötete Prostituierte schaut aus dem Jenseits mit den Augen eines Künstlers. Ob Ingmar Bergman eine getötete Prostituierte war? Man konnte ihn nicht mit schönen Interieurs in die Irre führen. Ein Filmregisseur begeistert sich schnell für schöne Interieurs, schöne Dinge, schöne Menschen. Die Prostituierte aus dem Jenseits glaubt nicht an diese Schönheit, sie sieht besser und weiter. Und sie ist bereit, diese Fähigkeit zu verkaufen. Der Regisseur hat eine zu hohe Meinung von sich selbst, er schaut durch die Kamera und besetzt den Platz, der leer sein sollte. Er hindert die Tote daran, durch die Kamera zu sehen. Ihr dürft eine tote Prostituierte nicht daran hindern, mit euren Augen durch die Kamera zu sehen. Wenn du der getöteten Prostituierten deine Augen zur Verfügung stellst, wird sie dir aus dem Jenseits ihre Augen geben, damit du von dort auf dein Leben schauen kannst.
Nur so kann man im Sinne des Evangeliums mit der getöteten Prostituierten schlafen. Die heilige Lucia hat sich ohne Narkose die Augen herausgeschnitten und sie ihrem Freier im Freudenhaus gegeben, weil er sie so gern besitzen wollte. Dann ist sie gestorben. Eine getötete Prostituierte — das ist der allgemeine demokratische Mechanismus der Übertragung von Wahrnehmung als Macht. Sie verkauft jedem, den danach verlangt, mit ihrem Körper auch ihre Augen, die aus dem Jenseits blicken. Und der Kunde kann sie benutzen. Wenn er bereit ist, mit dem Sehen zu beginnen. Wer mit einer getöteten Prostituierten schläft, der zahlt ehrlich für ihr Sehvermögen, das aus dem Jenseits direkt in die Kamera eingeht. Wenn man einen Film anschaut, sieht man sofort: Hat der Regisseur für die Kamera bezahlt, oder will er den Film für lau drehen. Hat der Regisseur mit der getöteten Prostituierten geschlafen oder nicht. Oder hat er nur so getan.
Der Sanitäter hat als Erster neben der toten Prostituierten mit den offenen Augen die Stelle gefunden, von der aus man ihr direkt in die Augen schauen konnte, damit auch sie ihm direkt in die Augen sah. Der Sanitäter schaute von diesem Punkt aus und sagte, ihre Augen fingen an, lebendig zu werden. Sie sahen ihm direkt ins Hirn. Anscheinend war ihr Mörder der Letzte, mit dem sie geschlafen und den sie angeschaut hatte und weiterhin anschaute. Der Sanitäter zog sich aus, legte sich neben sie, umarmte sie. Er verlor den Verstand, und ich nahm seinen Platz ein, an jenem Punkt, den er gerade noch eingenommen hatte, damit sie auch mir in die Augen sähe, so wie ihm. Aber der Punkt war nicht mehr dort, wo er hätte sein sollen. Gemäß der euklidischen Geometrie. Der Sanitäter hatte diesen Punkt in seinem Kopf mitgenommen. Gemäß dem Evangelium, gemäß den Geboten der Glückseligkeit. Der Künstler, wie die Prostituierte, verführt den Sanitäter, der Sanitäter aber geht darüber hinaus: er verliert den Verstand.
Ich versprach einer Frau, deren beide Söhne im Tschetschenienkrieg umgekommen waren, mit ihr in ein Kloster in der Nähe von Moskau zu gehen und mir dort einen Dämon austreiben zu lassen. Sie schlief mit den Fotos ihrer Söhne. Jetzt wollte sie mich von unreinen Kräften befreien. Ich konnte es ihr nicht abschlagen. Weil ich die Fotos ihrer Söhne gesehen hatte. Der Exorzismus fand im Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad statt. Man wollte mir einen Dämon namens Elvira austreiben. Es hatte damit begonnen, dass ich auf der Straße einen Tscheburek aß. Mir wurde übel, und ich übergab mich nicht weit von einer orthodoxen Kirche in der Pokrowka-Straße. Dabei bin ich dieser Frau aufgefallen. Sie kam zu mir und gab mir geweihtes Wasser aus einer Flasche zu trinken. Und sie sagte, in mir sei ein böser Geist. Als ich mich übergab, erschien ich ihr als Frau. Rein weibliche Bewegungen waren aus mir hervorgebrochen. Eine Frau war aus mir hervorgekrochen. Ich beschloss, die Wahrheit zu sagen: Es sei eine Prostituierte, die sich auf diese Art in mir zeige, immer wenn mir schlecht sei. Als wir zu ihr nach Hause kamen, sie wohnte in der Nähe der Kirche, gestand ich ihr, dass ich mich ständig als Prostituierte empfände und sogar ihren Namen kenne, sie heiße Elvira. Elvira wurde vergewaltigt und ermordet, ungefähr zu der Zeit, als ich anfing, meinen ersten Film zu drehen. Damals ist es mir gelungen, etwas Ungewöhnliches auf dem Filmstreifen zu fixieren, weil die getötete Prostituierte Elvira aus dem Jenseits durch meine Kamera schaute. Die orthodoxe Frau sagte, das sei ein Dämon. Ich erlaubte dieser Frau mit Namen Anastasija, Mutter zweier gefallener Helden Russlands, mich in das Kloster des heiligen Sergius von Radonesh zu bringen, damit man dort Elvira aus mir austreibe. Anastasija sagte, sie werde das Ritual bezahlen. Sie hat mich de facto angeheuert. Ich amüsierte mich, wie immer. Ich wollte den Dämon aus ihr hervorlocken. Ich wollte ihre rohe weibliche Impulsivität genießen. Aber sie erwies sich als schlauer. Mich reizte es als spontanes erotisches Spiel, aber für sie war es ernst. Sie nahm sich meiner an. Sie zwang mich, ihr die Worte eines Gebets nachzusprechen. Sie schaltete mein Gewissen ein, und ich konnte ihr nichts abschlagen. Ich schämte mich vor der einsamen frommen Frau, vor ihren Heldensöhnen. Ich konnte sie nicht enttäuschen. Mein Gewissen hieß mich, ihr zu folgen, mein nach Lob gierendes Gewissen willigte ein, die getötete Prostituierte Elvira aus mir austreiben zu lassen. Ich stellte mir vor, wie es sein würde, wenn man mir die getötete Prostituierte ausgetrieben hätte. Das Lesen der Beschwörungsformeln, das heilige Kreuz, das Weihwasser würden das ihre tun. Huren haben im Körper eines orthodoxen Mannes nichts zu suchen! Ich werde ein normaler Gläubiger sein. Ich werde aufhören, mich allen möglichen Perversitäten von Körper und Seele hinzugeben. Ich mache Gymnastik und schaue mir nur noch anständige Filme an, in denen das Gute das Böse besiegt. Ich musste mich einfach retten lassen. Die streng- und rechtgläubige Weiblichkeit stand in Kopftücher gehüllt da und wartete gespannt darauf, wann denn Elvira aus mir ausfahre, damit sie sie in Stücke reißen konnte. Elvira! Sie werden sie wahrhaftig vernichten. Sie sind bereit, die schon Getötete zu töten. Sie sind bereit, sie unzählige Male zu töten. Wie die Abgeordneten der Staatsduma Russlands, die Boris Nemzow auch nach seinem Tod noch unzählige Male töten wollen. Immer wieder töten. Die Prostituierte in mir sträubte sich, sie biss und schrie. Sie wollte partout nicht aus mir heraus. Sie wollte in mir leben, sie wollte mir helfen, sie wollte mir so viel zeigen. Aber ich hatte beschlossen, mich Gottes Willen zu fügen. Ich habe Elvira verraten. Ich gestattete der frommen Menge, meine Prostituierte mit Steinen zu bewerfen. Die Rechtgläubigen in der Kirche freuten sich und bejubelten ihren Sieg über den Teufel. Elvira konnte die Folter durch das Weihwasser nicht ertragen. Wenn ich mich heute an jenen Exorzismus erinnere, dann möchte ich euch warnen, für den Fall, dass man euch jemals mit Weihwasser foltern sollte: Folter mit Weihwasser ist für den Dämon keine Folter, nur für den Menschen. Wenn man Weihwasser versprengt, macht das dem Dämon nichts aus, er wäscht sich, lacht, spielt ein wenig, aber für den Menschen ist es eine wahre Folter. Man hat mir den Menschen ausgetrieben. Nach der Austreibung von Elvira fühlte ich mich zwar tatsächlich besser und gesünder. Ich erinnere mich, ich schaute mir Antonionis Der Schrei an. Und konnte nicht begreifen, wie man sich so einen depressiven Mist ansehen kann. Dann schaute ich mir Schreie und Flüstern von Bergman an — und hielt auch hier nicht bis zum Ende durch. Nur ein sehr kranker Mensch konnte so was drehen. Das hat ein kranker Mensch für kranke Menschen gedreht. Das Tagebuch eines Landpfarrers schaute ich etwa bis zur Mitte und fühlte mich krank. Um nicht wirklich krank zu werden, schaltete ich aus und warf den Film weg. Seit man mir die Prostituierte ausgetrieben hat, habe ich keinen einzigen Film mehr gedreht. Weil ich meine schöpferische Sehweise verloren habe. Als wäre jemand aus mir gefahren, dem meine Augen das Sehen verdankten. Mit meinen Augen sieht niemand mehr. Ich sehe so wie alle. Ich begann, in die Kirche zu gehen. Ich hatte eine schöne Braut. Ich kam zu Geld. Ich fand eine große Vierzimmerwohnung an den Tschistye Prudy. Ich stellte mir schon meine Kinder vor. Ich zeigte die Ferkel meinen Eltern, sie waren gerührt. Ich präsentierte die Ferkel der Welt, und alle waren glücklich. Die Ferkel waren sauber gewaschen, hatten rosa Unterhosen, Eimerchen und Schäufelchen. Kein Kinosaal für die Toten. Allein der Gedanke daran ist mir peinlich. Ich weiß, viele wollen meine Elvira besitzen, um sie auszubeuten, um mit den Augen eines Künstlers zu sehen. Denn das Sehen, wie ich schon sagte, kommt zum Künstler durch die getöteten Prostituierten.
Eine Prostituierte ist die Magie, mit der man die Wesenheiten anlockt. Sie halten sich verborgen, doch auf Prostituierte springen sie an. Und zerbrechen dann dem Menschen das Leben. Aber sie schenken Sehvermögen. Die Prostituierte sieht, was sich in der Welt ereignet. Was mit den Menschen geschieht. Ein normaler Familienvater kommt zu einer Prostituierten und macht Hackfleisch aus ihr, schneidet sie in Stücke. Die Prostituierte weiß wie niemand sonst, was in den Menschen steckt. Was sie aus den Menschen herausholt! Als sie noch in mir wohnte, zog es außergewöhnliche, ungewöhnliche Menschen zu der getöteten Prostituierten Elvira. Nach ihrer Austreibung verschwanden diese Menschen aus meiner Welt. Von da an zog es mich zu den Prostituierten, weil ich ohne Elvira erstickte. Ich hasste die Kirche, ich jagte meine Braut fort. Ich ließ alle möglichen Perversen mit mir tun, was sie tun wollten, damit ich meine innere Prostituierte spürte, damit meine Elvira zu mir zurückkehrte, die gesteinigt und unendlich viele Male getötet worden war. Toulouse-Lautrec, fiel mir ein, war ins Bordell gegangen und hatte sich dort, angekleidet, zu den Prostituierten gelegt, die sich auf ihren Diwanen ausruhten. Die Frauen saßen um ihn herum, rauchten, unterhielten sich, er aber lag einfach nur da. Er malte seine Bilder mit dem Körper, wie eine Prostituierte. Er lebte monatelang im Bordell, um eine Prostituierte im Inneren zu bekommen. Um seinen ungelenken, kurzbeinigen Körper für die Malerei aufzuerwecken. Eine Prostituierte arbeitet mit dem ganzen Körper, wie ein Pferd. Es gibt wenige, die mit ihrem ganzen Körper arbeiten. Die heiligen Gebeine des ehrwürdigen Sergius von Radonesh arbeiten nicht so viel, wie eine Prostituierte mit ihrem Körper arbeitet. Und sie geben nicht dieses Sehvermögen, das eine Prostituierte geben kann, umso mehr eine getötete, eine wie meine Elvira. Eigentlich arbeiten die Gebeine des ehrwürdigen Patriarchen Sergius schon seit Jahrhunderten wie eine getötete Prostituierte. Nur als getötete Prostituierte kann er dem Menschen ein Gefühl aus dem Jenseits übermitteln. Die Zuhälter der Kirche prostituieren seinen Körper immer noch, aber sie gestehen es sich selbst niemals ein. Sie haben die Gebeine der Heiligen immer ausgebeutet, genau wie die Körper der getöteten Prostituierten. Aber nur wenige von ihnen, die Eingeweihten, kannten das Geheimnis — was man mit dem Körper einer getöteten Prostituierten machen kann. Eine getötete Prostituierte kann zum Leben erwecken. Eine Prostituierte, die noch am Leben ist, kann zum Leben erwecken. Nur die Amoralität kann zum Leben erwecken. Die Moral macht die Menschen zu Toten. Die lebendigsten Wesen sind die amoralischen. Aber ein amoralisches Wesen verhält sich nicht notwendigerweise amoralisch, es empfindet sich einfach als amoralisch. Und dann bleiben die Gefühle aus der Finsternis an ihm haften. Ein Künstler überträgt auf Leinwand-Papier-Filmrolle das, was ihn die getötete Prostituierte aus dem Jenseits sehen lässt. Wahrhaft empfinden kann man nur aus dem Jenseits und nur wenn man amoralisch ist wie eine Prostituierte. Eine Prostituierte steht auf der Straße. Es ist nicht ihre Aufgabe, gut zu sein. Damit hat sie sich nicht getötet. Eine gute Erziehung stumpft die Gefühle ab: Dies darf man nicht fühlen, jenes ist zu gefährlich zu fühlen, ein drittes ist unmöglich zu fühlen. Deshalb kann man nur aus dem Jenseits wahrhaft fühlen. Nur wenn man amoralisch ist. Deshalb die Prostituierte. Weil eine Prostituierte selbst ein jenseitiges Wesen ist.
Nur wenn ein Mensch stirbt, sieht er, was um ihn herum geschieht. Weil sein fühlendes Wesen beginnt, aus ihm hervorzubrechen. Als mein Nachbar starb, kam er für einen Moment noch einmal zu Bewusstsein, schaute seine Verwandten an und sagte: »O Gott, was seid ihr bloß für Idioten.« Er sprach aus tiefstem Herzen. Er sah die Absurdität des Lebens. Und dass niemand sie sah. Von dort aus sah er, dass niemand sie sah. Dass seine Seele nie gelebt hatte. Er hat ohne Gefühl gelebt, wie Watte, sagte seine Tochter. Und plötzlich, kurz vor seinem Ende, brach das Gefühl aus ihm hervor. Und etwas, das Ähnlichkeit mit einer Frau hatte. Er schob seinen dünnen Arm an der Wand empor, an der er lag. Schaute ihn an und sagte: »Was für einen schönen Arm ich habe.« Nur der Tod verleiht solch einen Blick. Um die Schönheit zu sehen, braucht man den Tod. Man braucht den Blick des Todes, um die Schönheit zu sehen. Weil der Blick des Lebens davor zurückschreckt. Deshalb ein Kinosaal für die Toten. Der Blick des Lebens schreckt zurück vor der Schönheit der abgezehrten Gefangenen auf Fotografien oder in Dokumentarfilmen, die in Ghettos und Konzentrationslagern gemacht wurden. Weil der Blick des Lebens vor der entblößten Schönheit zurückschreckt. Für den Genuss an der reinen Schönheit kann man selbst im Lager landen. Das Leben sieht nicht die Schönheit der Ruinen, weil das Leben daran denkt, wie man sie einrichtet, wie man den Komfort in ihre Mauern zurückbringt. Das Leben denkt nur an den Komfort. Eine andere Aufgabe hat es nicht. Das Leben denkt genauso wie die Frau des KZ-Kommandanten in dem Film Sophies Entscheidung, die zu ihrem Mann sagt: »Kannst du dir vorstellen, was diese Gefangene getan hat? Sie ist in die Küche gekommen! In die Küche, wo unsere Kinder essen.« So spricht das Leben. Unsere Kinder!, sagt das Leben. Aber die Kinder gehen in den Keller, um dort vergewaltigt zu werden. Um wenigstens irgendein Gefühl zu empfinden. Wohlerzogene, süße Kinder gehen in die Baracke zu den schrecklichen Gefangenen, die ausgezehrt sind wie Gespenster. Um ein Gefühl zu empfinden. Das Gefühl, das ist nicht der Blick des Lebens. Gefühle sind gefährlich für das Leben. Du blickst durch den Sucher der Kamera auf dieses Leben und spürst sofort, dass das nicht der Blick des Lebens ist. Als Elvira in mir lebte und mit meinen Augen schaute, war das nicht der Blick des Lebens. Ich gehe in den Kinosaal für die Toten, ich gehe in den Kinosaal für die getöteten Prostituierten, ich gehe in den Kinosaal für die vergewaltigten Kinder, damit Elvira mir verzeiht und in mein Leben zurückkehrt, zurückkehrt zu mir, zurückkehrt in mich. Ich bin bereit, ihr meinen Körper zu geben. Ich bin bereit, ihren Namen anzunehmen. Ich weiß es immer, wenn sie heimlich kommt und mit meinen Augen auf den Bildschirm schaut.
Iwan Wassiljewitsch, der Direktor der letzten Schule, in die ich ging, drohte mir Gewalt an. Er würde jetzt gleich die Fassung verlieren, das waren seine Worte.
»Ich mach dich fertig wie die allerletzte Hure. Das meine ich ernst, ich habe nichts zu verlieren«, erklärte er eines Tages leise und bestimmt.
Ich hätte ihn, wie er sagte, mit meinen subversiven jüdischen Klügeleien erregt, den armenisch gepuderten. Er hielt die Armenier für Juden, die in der Türkei oder im Kaukasus leben.
In jeder Unterrichtsstunde hob ich die Hand und stellte ein und dieselbe Frage: Warum verheimlichen uns die Lehrer, dass wir alle sterben müssen. Das habe ich auch die Psychiaterin gefragt, aber die komische Tante sagte, die Fragen hier stelle sie.
Ich folgte Iwan Wassiljewitsch auf die Direktorentoilette, ich »warf den Fehdehandschuh«, wie man so sagt. Er spürte, dass ich ihm folgte, und beschleunigte seinen Schritt. Während er pinkelte, stand ich in der Kabine und horchte. Danach wusch er sich sehr gründlich die Hände. Ich blieb so lange still und unbeweglich stehen, bis er fragte:
»Wartest du?«
Da kam ich aus der Kabine heraus.
»Offen gestanden, ja«, sagte ich und stellte mich in die Ecke neben das Waschbecken. »Iwan Wassiljewitsch, warum haben Sie die Psychiaterin kommen lassen? Ich habe nichts Dummes gefragt. Es ist doch offensichtlich, dass ich recht habe: Warum befasst sich die Schule nicht mit der wichtigsten Frage, der nach unserem Tod? Wir werden doch alle sterben …«
Er sagte, in der gegebenen Situation sei es unabdingbar gewesen, die Psychiaterin zu rufen, es sei zu spät. »So sind die Spielregeln. Es musste sein. Glaub mir …«
Ich sagte, vielleicht gäbe es den Tod nach dem Tod gar nicht. »Glauben Sie nicht auch, Iwan Wassiljewitsch?«
»Geh in die Leichenhalle auf dem armenischen Friedhof«, sagte er. »Da ist ein Kriegskamerad von mir Arzt. Sag ihm, ich habe dich geschickt. Dann lässt er dich rein und zeigt dir …«
»Und was sehe ich da?«
»Gar nichts siehst du da: Äußere Objekte, Leichen liegen da und grinsen. Aber Menschen gibt es dort nicht. Ich habe an der Front so viele Tote gesehen, ich wurde selbst zweimal getötet. Ich war zu drei Vierteln eine Leiche. Nach dem Tod gibt es keinen Tod, denn nach dem Tod gibt es nichts. Und das Nichts gibt es auch nicht …«
Er schubste mich zurück in die Kabine und verriegelte die Tür, dann knöpfte er sich das Hemd auf, löste den Gürtel und zeigte mir seine furchtbare Narbe, obwohl man das schon nicht mehr Narbe nennen konnte, es war eine totale Verunstaltung am Bauch und darunter.
Ich verstand, warum er nichts zu verlieren hatte. Frau und Kinder besaß Iwan Wassiljewitsch nicht.
»… Das hat mich 43 vor Rshew erwischt«, sagte er. »Mit meinen eigenen Händen habe ich meine Eingeweide über die Frontlinie getragen, damit meine Leiche nicht den Deutschen in die Hände fiel …«
Ich sagte: »Das müssen Sie doch zeigen, vor jeder Unterrichtsstunde, vor jeder Klasse, damit sie es sehen. Das wird alle verändern …«
Er sagte, das sei gegen die Regeln.
»Das darf man nicht. So sind die Spielregeln. Und merk dir: Ich habe kein Problem mit den Juden. Ich sage das über die Juden, weil es sein muss. So ist es besser für dich. Und jetzt hilf mir, mich wieder anzuziehen.«
Vor ungefähr zehn Jahren war ich zum letzten Mal in Kischinjow. Ein kleiner, ungepflegter Grabstein, bald würde man ihn räumen, damit er dem Nächsten nicht den Platz wegnahm. Auf dem Stein hatten irgendwelche Flegel, ein paar nicht genug verprügelte Scheißgören, ihre Lebenszeichen hinterlassen: ein Hakenkreuz, einen Judenstern und das Wort »Schwanz«.
Das Foto auf dem Stein war gut erhalten; Iwan Wassiljewitsch hatte es wahrscheinlich von der Front an seine Familie geschickt. Iwan Wassiljewitsch war darauf zwanzig Jahre alt, er trug eine Armeeuniform, lächelte … Vor ihm lag ein langes Leben. Und darunter eine Inschrift.
Iwan Wassiljewitsch: ein flüchtiger Mensch. 1920-1991
Für Mark Lipowezki, zum Dank für die Wissenschaftder Liebe zur sowjetischen Literatur
Wie einen Eisfrosch im Januar, wie einen frisch geschlüpften Aal will ich ihn ganz durchschauen und uns von neuem aufdrängen, auch wenn dieser Wiedererwerb uns nicht sonderlich freuen dürfte. Ich habe vor, einen Blick ins Innere einer Wortmaschine zu werfen, einer Maschine namens Bianchi, um dort zu entdecken, was bisher ungesehen blieb. Vielleicht war er selbst es, der mir das eingegeben hat: dass das unsichtbare Leben, das sich vor uns versteckt, immer reizvoller, kraftvoller, komplexer ist als jenes, das sich dem gleichgültigen Auge, der flüchtigen Erkenntnis darbietet; jedenfalls erfreut mich der Gedanke, dass die »Natur nicht ist, wie wir sie sehen« — nicht im abstrakten Sinn des abstrakten großen Dichters, sondern im wörtlichen Sinn eines läppischen, verunglückten.
Denn siehe da: Während wir im Schnee versinken und überall Eis spüren, liegen in der Tiefe darunter nicht nur die schlummernden Keime des Frühlings — die Vorbereitungen sind in vollem Gang. In dunklen Gruben, in Finsternis und Gestank ist der junge Wurf, die neue Ernte schon geboren, dort schwillt das Wasser, und die toten Pflanzen werden bald wieder lebendig, sie spreizen die Wurzeln, die den neuen Frühling umklammern werden.
Aber wo soll ich ihn suchen, diesen Beobachter? Und wie erkenne ich ihn, wenn er mir begegnet? Der mich heute beschäftigt, hat alles getan, um seine Spuren zu verwischen, um Räuber und Jäger von seinem Bau abzulenken — in seiner Umgebung, damals, wie in seiner Nachfolge heute. Damals waren die Räuber und Jäger jene, die die Wortlieferanten durch Schmeichelei, Freundlichkeit, Folter und ihr eindrückliches eigenes Beispiel drängten und lockten, ihre Natur anzupassen, sie zu verändern — dem irdischen Leben zuliebe, den Publikationen und der Publicity wegen, des Wohlstands und der Ruhe halber. Obwohl es mit der Ruhe dieser zweitrangigen Wortschöpfer nicht weit her war: von der Decke tropft es in die Schüssel, aus der Schüssel spritzt es dem Kater auf die Schnauze, er schüttelt angewidert den Schnurrbart, zuckt mit dem Ohr.
Heute aber sind die Räuber und Jäger — aus der Ferne — wir: wachsame Trenner von Spreu und Weizen, eine Falkenjagd, die von oben herabstößt, um der Vergessenheit zu überantworten, um endgültig zu versenken in sterile, keine neuen Bedeutungen hervorbringende Lethe-Lösung, um abzuurteilen und auszusondern: die zweitrangigen, drittklassigen, unwichtigen Wortlaboranten. Dabei wollten sie nichts weiter als überleben und dabei nach Möglichkeit zumindest einen kleinen Teil ihres wahren, echten Selbst retten; was auch immer diese Schimäre für den Einzelnen bedeutete, der echte Teil wurde in der Schublade versteckt, in Spiritus eingelegt oder — aber ja, das ist am sichersten! — möglichst sichtbar platziert, damit er, weil leicht zu haben, uninteressant würde für Jäger, Jagdhunde und Räuber, so als wäre dieses Echte nur »Fallwild«:
»Einer unserer Waldkorrespondenten berichtet aus dem Gebiet Twer: ›Gestern habe ich ein Loch gegraben und mit der Erde ein kleines Tier ans Licht geschaufelt. An den Vorderpfoten hat es Krallen, auf dem Rücken statt Flügeln eine Art Schwimmhäute, der Körper ist mit gelbbraunen Härchen bedeckt, wie mit einem dichten, kurzen Pelz. Es sieht ein bisschen wie eine Wespe und ein bisschen wie ein Maulwurf aus, halb Insekt, halb Säugetier. Was ist das?‹ Erklärung der Redaktion: Dieses bemerkenswerte Insekt, das wie ein Säugetier aussieht, heißt Maulwurfsgrille. Wer eine Maulwurfsgrille finden will, muss Wasser auf die Erde gießen und die nasse Stelle mit Holzspänen zudecken. In der Nacht sammeln die Maulwurfsgrillen sich im Feuchten, sie kriechen in den Schmutz unter den Spänen. Dort werden wir dann fündig.«
Werfen wir also einen Blick in den Schmutz unter den Spänen und werden wir fündig.
Witali Walentinowitsch Bianchi verbrachte sein Leben in Arbeit und Suff, und am Ende erreichte seine Stimme ihren Höhepunkt — sie schlug um in ein Piepsen, einen dünnen Mückensopran, während er selbst schwer und fußlahm wurde, doch er konnte nicht aufhören, immer weiter hämmerte er mit einem Finger seine Spuren in die Maschine. Die Zeitgenossen erinnern sich an seine Riesenkräfte und seine Riesenerlahmung, an den verlöschenden aristokratischen Reiz des wie nach einer Moskitoattacke anschwellenden Gesichts. Der Zeitgenosse mit der ausgeprägtesten Beobachtungsgabe notiert:
»Bianchi packte mich an den Füßen, drehte mich um und hielt mich laut lachend kopfüber in der Luft, ich konnte mich nicht losmachen. Was für eine Beleidigung! Ich habe sie lange nicht verwunden. Ich war körperlich nicht schwach, aber gegen ihn kam ich nicht an. Schmach und Schande! Vor allem schien mir seine Kraft grob und meinem Zugriff ganz entzogen. Ein unsinniges Gefühl, etwas zwischen Neid und Eifersucht, überwältigte mich. Ganz allmählich ist es wieder verschwunden. Bianchi war schlicht und rein. Aber der Teufel tat das Seine …«
Aber der Teufel tat das Seine.
Der Ethnograph unter den Belletristen wiederholt diesen Satz mehrmals, vermutlich gefällt er ihm, er hilft ihm, den Verfall des Beobachteten zu diagnostizieren — eines starken, gutartigen Wesens, pervertiert durch seine eigene Interpretation der Umstände. Auftritt Jewgeni Lwowitsch Schwarz: ein Mann mit eiförmigem Kopf, mit zittrigen Parkinson-Händen (manchmal verließ er das Telegraphenamt unverrichteter Dinge, seine Hände zitterten so, dass er sich außerstande sah, mit der rostigen, tückischen kleinen Feder seine Buchstabenraupe zu malen; die Schlange hinter ihm gluckste unheilvoll-angewidert). Dieses Männlein, dem die Gabe des Vergessens, Vergebens und Übersehens vollkommen fehlte, war in seiner ganzen mit seelischen Geschwüren übersäten Generation (und das ist noch steril ausgedrückt — manchmal versuche ich mir vorzustellen, die psychische Zerrüttung dieser Generation wäre physisch sicht- und spürbar gewesen — wie hätten sie alle ausgesehen! …) wahrscheinlich der scharfsichtigste, spitzfingrigste. Schwarz war giftig (weil ungeheuer verletzlich) und leichtsinnig furchtlos — er war einer der ganz wenigen »wertvollen« Leute, die sich im Herbst 1941 nicht aus der Hungerleiderstadt (wie Bianchi sie später launig nannte) ausfliegen ließen. Als man ihn herausholte, war es schon Winter, und Schwarz war in dystrophischem Delirium und Psychose versunken.
Seine Fotografien, vor allem im Kreis seiner Freundinnen, treten deutlich aus dem Strom der Zeit heraus — die scharfen, spöttischen, feingezeichneten Gesichter strahlen wie von innen beleuchtete Muscheln. Jewgeni Schwarz war von quälender Großmut: In seinen Kontorbüchern hält er nicht fest, wer von seinen Freunden ein Denunziant war, wer ein Intrigant, wer ein Hysteriker und wer ein Verleumder. Wenn man die Protokolle der Sitzungen, auf denen seine Freunde einen wahren Veitstanz aufführten und kreischend seine gefährliche Stümperei anprangerten, mit Schwarz' späteren Notizen über dieselben Leute vergleicht, ist man starr vor Staunen — hat er ihnen wirklich so sehr verziehen? Oder so ganz die Verbindung zu ihnen in sich abgetötet?
Wie all die anderen Spötter, die in der goldenen Zeit allmonatlich für den Zeisig und den Igel reimten, krähten, miauten und blökten, war Schwarz ein Freigeist, das heißt, er verstand eigene und fremde Laster allegorisch — daher die Wahl des Genres (die Rede ist schließlich von Geschichten und Geschichtenerzählern), daher auch der Refrain: Der Teufel tat das Seine. Was Schwarz interessierte und uns in seiner Nachfolge interessiert, war das allegorische Duell zwischen der Seele des Menschen und dem Teufel der Epoche, die erbärmlichen Finten, mit denen die Bewohner jener Jahre versuchten, diesem Teufel gleichzeitig zu gefallen und sich vor ihm zu verstecken.
Kurz nach seinem zweiten Schlaganfall sagte Bianchi zu Schwarz: »Wenn du wissen willst, was ein Mensch nach einem Schlaganfall fühlt, setz diese Brille auf.« Auf dem Tisch lag eine Brille mit schwarzen Gläsern, durch die die Welt wie abgedunkelt schien. Der Geschichtenerzähler Bianchi war am Ende von schwarzem Licht umhüllt, der Geschichtenerzähler Schwarz bemerkte das und notierte es deprimiert.
Sein Urgroßvater, ein Opernsänger, hieß mit Nachnamen Weiß; auf Bitten seines Impresarios übersetzte er sich für eine Italientournee ins Italienische — Klang und Tonart wurden anders, aber die Farbe blieb. Der Klang war jetzt leicht, er stieg auf wie eine Luftblase, wie ein Bläschen, das über ein weißes, schneeweißes Feld schwebt, und nur am Rand sieht man müde kleine Pfotenspuren: Erratet ihr, Kinder, von wem?
Der Junge schlurft an einem Schaukasten mit ausgestopften Tieren vorbei — unterm Silberhuf eines sorgenvollen Hirschs mit totem Blick und nervösen Nüstern (noch so ein Schuss, und die Arbeit des Präparators ist beim Teufel!) ist ein toter Pilz gewachsen, dicht an dicht sind diese gläsernen Pilze zu Füßen der Bälge aufgepflanzt, warum auch immer — vielleicht, damit kein Zweifel aufkommt in uns, sondern vielmehr ein Wiedererkennen der Formen des Unlebens und beschämende Zärtlichkeit. Über dem Kopf des Hirschs klebt ein mit Sägespänen ausgestopfter Specht. Das tote Vogelauge kennt keine Sorge, es blickt weltoffen und zielstrebig.
Unheimlich waren die Bälge, erinnert der alte Bianchi sich am Ende seiner Geschichte. Wie macht man sie bloß wieder lebendig, fragt der alte Bianchi mit Kinderstimme. Dafür braucht man gute, starke Wörter. »Hier bedarf es der Dichtung«: dieses sperrige, papierene Wort hat er sein Leben lang mit sich herumgetragen — umsonst.
Vor der Ornithologie ritt der Knabe, ritt den Knaben ein anderes Steckenpferd: der Fußball. Er kickte für die ruhmreichen Vereine »Petrowski«, »Newa«, »Unitas«. War Pokalsieger, nebenbei bemerkt, beim Petersburger Frühjahrscup 1913. Der Frühjahrscup … Aprilwind weht von der Newa herüber, er saugt sich voll mit dem Geruch von braunem, mürbem Eis. Die Rostra-Diven halten dem Frühlingswind ihre fröhlichen geschwollenen Brustwarzen entgegen.
Bianchi, ein großer Knabe in Stutzen, mit schweißnasser Stirn und perlenden Schläfen, mit störrischem, fettigem Haar, treibt den Ball vor sich her: Sein Atem wird spitz und freudig-schmerzhaft.
Der Vater, ein berühmter Ornithologe — in seinem Gefolge war der Kleine durch die großfenstrigen leeren Museumssäle getappt —, hielt nichts vom Fußball, er wollte in seinem Sohn eine Replik seiner selbst sehen, naturgemäß. Der Sohn schrieb sich gehorsam an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Petrograder Universität ein, brachte sein Studium aber nicht zu Ende, denn zu Ende ging alles von selbst.
Abgebrochener Student, verhinderter Dichter, verhinderter Wissenschaftler. »Gebranntes Kind bleibt empfindlich und schwach.« Gebranntes, bemerkt Schwarz, der nicht gewillt ist, irgendetwas nicht zu bemerken, und dem Frost ausgesetztes.
Was soll ich denn tun? Erstarren?
Soll ich still werden? Eis spielen unterm Eis? Die Form des anbrechenden Winters annehmen? Gefrieren, wie auch dieser Traum gefriert: In rosig weißer Nacht fließt die Fontanka wie Tomatensaft aus einem zerbrochenen Glas in eine Pfütze, aber in Wirklichkeit sind das deine Hände, die bluten. Und ich, die bis dahin in geziert-distanziertem, ehrfurchtsvoll-hehrem Verhältnis zu dir stand, ich beuge mich vor, um diese idiotischen blutigen kaputten Riesenfinger abzulecken. Und du, dein trunkenes Staunen überwindend, belehrst mich: »Das ist noch lange kein Grund sich zu duzen.«
Eis spielen wird wohl das Beste sein.
Bianchi selbst schreibt indessen magische (also gute, starke und nützliche) Worte über das Vereisen. Keine Dichtung, sondern das Tagebuch eines Naturforschers; er leckt an seinem Bleistiftstummel und notiert. Den herbstlichen Kälteeinbruch schildert er wie eine Folter oder einen Liebesakt, egal: »Die Laubrisswinde zerren dem Wald die letzten Lumpen vom Leib. Wenn der Herbst sein erstes Geschäft, das Entkleiden des Waldes, erledigt hat, geht er ans zweite: Er kühlt das Wasser, macht es kalt und kälter. Die Fische graben sich am Flussgrund ein — sie überwintern dort, wo das Wasser nicht gefriert. Auch an Land wird kalt, was kein Warmblüter ist. Insekten, Mäuse, Spinnen und Tausendfüßler suchen sich ein Versteck. Die Schlangen schlüpfen in eine trockene Höhle, rollen sich ein und regen sich nicht mehr. Die Frösche vergraben sich im Schlick, die Eidechsen schlüpfen hinter die Rinde eines Baumstumpfs und werden stocksteif. Sieben Wetter toben ums Haus: Es nieselt und grieselt, es zaust und braust, es rüttelt und heult und peitscht.«
Reglose Schlange werden, an andere reglose Schlangen gelehnt, stocksteif werden, das ist meine Aufgabe für heute. Der Laubriss ist eine Zeit, die man nur qua Metamorphose übersteht und bewältigt: Indem man die eigene Natur verwandelt, bis sie eins wird mit dem Hintergrund — dem Schnee, dem Schlamm, der Nacht.
Wie erkennt man Weiß auf weißem Grund? Bianchi hoffte, er würde es wohl erkennen — aber selbst nicht erkannt werden. Die folgende ist von all seinen Geschichten die furchterregendste.
Der Fuchs und das Mäuslein
Mäuslein, Mäuslein, warum hast du Dreck an der Nase?
Hab Erde gegraben.
Wozu hast du Erde gegraben?
Hab mir eine Höhle gebaut.
Wozu hast du eine Höhle gebaut?
Mich verstecken vor dir, Fuchs.
Mäuslein, Mäuslein, ich laure dir auf!
Aber ich hab ein Schlafkämmerchen in meiner Höhle.
Du wirst Hunger kriegen, dann kommst du raus!
Aber ich hab ein Vorratskämmerchen in meiner Höhle.
Mäuslein, Mäuslein, ich mach sie kaputt, deine Höhle!
Dann find ich ein Schlupfloch — und weg bin ich!
Bianchi wurde wohl häufiger von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet als die meisten seiner Schriftstellerkollegen — ganze fünf (5) Mal. Fünfmal hintereinander, immer wieder: die grauenvolle Erwartung des Unvermeidlichen, die grauenvolle Erleichterung, wenn das eigentliche Grauen eintritt; die Demütigung, die Niedergeschlagenheit, die Hoffnung, die Verzweiflung, die wochen- und monatelange Betäubung, das Wunder.
Ein Heimatforscher, der Zugang zu den einschlägigen Archiven hatte, berichtet: »In den Akten des ehemaligen Parteiarchivs des Regionalkomitees der KPdSU stieß ich ganz zufällig auf ein interessantes Dokument: eine am 23. Februar 1925 von der OGPU des Gouvernements Altaj verfasste Anklageschrift gegen eine in Barnaul und Bijsk ansässige Gruppe von Sozialrevolutionären. (Sämtliche Mitglieder waren ›aus Russland zugereist‹, wie man damals sagte.) An mehreren Stellen im Dokument wird Witali Bianchi erwähnt. Ich führe sie hier an:
›Im November 1918 kommt ein gewisser Witali Beljanin-Bianchi nach Bijsk, ein Sozialrevolutionär, Mitarbeiter der PSR-Zeitung Narod, der mit dem Komitee der Mitglieder der Konstituierenden Versammlung in Verbindung steht und seinen eigentlichen Nachnamen — Bianchi — zu diesem Zeitpunkt wegen der Verfolgung durch Koltschaks weißgardistische Truppen in Beljanin geändert hat. Besagter Beljanin-Bianchi lässt sich mit seiner Frau Sinaida Sacharowitsch in der Wohnung eines örtlichen Sozialrevolutionärs namens Nikolaj Ljubimow nieder, der Mitglied der Konstituierenden Versammlung ist. Über ihn kommt Beljanin-Bianchi in Kontakt mit der lokalen Organisation der Sozialrevolutionäre … Er findet eine Anstellung als Schreiber zweiten Grades bei der Semstwo-Verwaltung von Bijsk …‹
1921 wurde Bianchi zweimal von der Bijsker Tscheka festgenommen. Zudem saß er drei Wochen als Geisel im Gefängnis.«
Im September 1922, so erfahren wir weiter, wurde er vor einer bevorstehenden neuen Verhaftung gewarnt; daraufhin besorgte er sich einen Dienstreiseausweis und fuhr mit seiner Familie nach Petrograd.
Ende 1925 wurde Bianchi wieder verhaftet und für seine Mitgliedschaft in einer fiktiven Untergrundorganisation zu drei Jahren Verbannung nach Uralsk verurteilt. 1928 erhielt er (nachdem sich unter vielen anderen auch Gorki für ihn eingesetzt hatte, mit einer Eingabe an Geheimdienstchef Jagoda) die Erlaubnis, nach Nowgorod zu ziehen und schließlich auch nach Leningrad. Im November 1932 folgte eine weitere Verhaftung. Nach dreieinhalb Wochen wurde er »aus Mangel an Beweisen« wieder freigelassen. Im März 1935 wurde Bianchi als »Sohn eines Nobilitierten, ehemaliger Sozialrevolutionär und aktiver Teilnehmer des bewaffneten Aufstands gegen die Sowjetmacht« erneut verhaftet und zu fünf Jahren Verbannung in die Aktjubinsker Oblast verurteilt. Nur dank der Fürsprache von Gorkis Frau Jekaterina Peschkowa wurde die Verbannung aufgehoben, und Bianchi kam frei.
Die meisten seiner Geschichten handeln von Jagd und Verfolgung, von Lebensgefahr und Kampf.
Das Erstaunlichste ist aber ihr Ton: keinerlei Sentimentalität, keinerlei Mitgefühl mit dem Verfolgten, Gestrauchelten. Tode aller Art, Grausamkeiten aller Art liegen schlicht in der Natur der Dinge.
»Wenn du einen Vogel mit einem Metallring am Fuß tötest, nimm den Ring ab und schicke ihn in die Beringungszentrale. Wenn du einen Vogel mit einem Ring fängst, notiere dir die auf den Ring geprägten Buchstaben und die Nummer. Wenn du den Vogel nicht selber tötest oder fängst, sondern ein Jäger oder Vogelfänger, den du kennst, dann erkläre ihm, was er damit machen soll.« Es gibt kein Erbarmen, der Jäger hat immer recht, und der Jäger will fassen, packen und töten, er will seine Beute zum Balg machen. Jedes Opfer hat eine Chance, sich zu retten, behauptet Bianchi. Armer Idiot, wenn du die deine nicht nutzen, sie nicht erraten würdest.
Zu Anfang hatten all diese Wörter, diese Vogelschatten, dieser Riese mit der Zwergenstimme keine Form in mir, sie sahen so aus (der Herbst ging eben erst zu Ende, und im dunklen Amherst seufzten überall die Eulen, die von irgendwoher in Scharen eingeflogen waren):
Der Schriftsteller Bianchi, ein bauchig-bedrohlicher Bacchus
Pult mit dicklichen Fingern in unguten Wunden
Froststarrer Erde und daher (daraus)
Tropft ihm entgegen: Sinn-Gewinn-Trost-und-Wunder,
Suffnüchtern hochtrabend schwach, kennt er alles und jede
Wurzel und Knolle, er schreibt er streicht durchs Gebüsch.
Der gefrierende Wald fängt ihn ein und stopft ihm die Kehle
Mit feuchtem fasrigem Wind, und ringsum die Black Box
Des Nachthimmels kippt in den Winter.
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Was hast du geschafft vorm Frost, bist du endlich du?
Was hast du geschafft vorm Frost, bist endlich schuhu?
Was hast du geschafft vorm Frost, allein immerzu?
Hier schläft die Autorin ein und die Eulen mit ihr. Die Autorin träumt von den Versen eines anderen Autors:
Brüllend fegt der Wind schluchtabwärts
Schiebt das Wasser an den Fels
Fährt der Ente ins Gefieder
Scheucht sie auf mit seinem Pfiff.
Packt die Elster überm Wäldchen,
Steigt mit ihr zum Himmel, fällt
Tief hinunter in die Wellen,
Taucht ins Dunkle und wird still.
Was er am besten kann, ist Vögel beobachten.
Wozu Witali Bianchi ins belagerte Leningrad fuhr, wie er dort hinkam, darüber erfahren wir nur Undeutliches: um den Kollegen Essen zu bringen oder um bei den Kollegen Essen zu holen (beide Versionen verwundern), zum Sehen und Gesehenwerden, zur Strafe für sich selbst? Nach seiner Rückkehr wurde er krank, legte sich hin und blieb fürs Erste liegen.
Das zeigen auch die Aufzeichnungen im Tagebuch:
6. April. Gelegen.
7. April. Gelegen.
8. April. Gelegen.
Das Gesehene und Gehörte hat er aber gut dokumentiert und gut (das heißt bis zu seinem Tod) versteckt. Ich wage zu behaupten, dass der Amateurnaturforscher Bianchi unter allen Besuchern während der Blockade der fähigste, der feinfühligste und systematischste Beschreiber war: Er hat das, was nicht mit anzusehen war, inspiziert und klassifiziert. Ihren Leser allerdings haben seine Aufzeichnungen (die inzwischen längst publiziert sind) nicht gefunden.
Sie sind vorbeigerauscht: eine dieser garstigen Breitseiten aus dem Jahr 1941, denen das heutige Publikum anscheinend genauso auszuweichen versucht, wie seine unglücklichen Vorfahren auf den Straßen der belagerten, den deutschen Piloten so offen sichtbaren und wohlbekannten Stadt den Geschossen auswichen.
Als Wissenschaftler — ein verhinderter, gescheiterter Wissenschaftler, aber immerhin — teilte Bianchi seine Eindrücke in phänomenologische Rubriken ein: der Blockadestil, der Blockadehumor und die Blockadetaubheit, das Lächeln der Blockade, die Sprache der Blockade, die Stadt in der Blockade, die Frauen in der Blockade, die Juden in der Blockade — das heißt, er hat in zwei Wochen erfasst, was zu formulieren uns erst noch bevorsteht: dass die Blockade eine Zivilisation für sich war, mit all den Spezifika, die menschliche Gemeinschaften auszeichnen.
Gelächelt wird hier so.
Geschäfte macht man so.
Angst hat man so und keine Angst mehr so.
Witze macht man hier so — und an diesem Punkt treffen sie aufeinander: Bianchi zitiert Schwarz als einen der größten Witzemacher der Blockade. Da Schwarz die Stadt schon im Dezember verlassen hatte, kann man schließen, dass seine Witze ohne ihn bis zum Frühjahr durchgehalten hatten — sie waren nicht weggetaut (in dieser Stadt taute überhaupt nichts).
An diesem Punkt also trafen sie sich — zwei gegensätzliche Geschichtenerzähler der Leningrader Epoche, zwei zaubernde Verwandlungskünstler und Pädagogen. Bären und Drachen des einen, Glühwürmchen, Meisen und Spitzmäuse des anderen sind nichts als Metaphern für das Blockadedasein. Sie selbst wurden von ihrer Epoche in läppische Märchenerfinder und -erzähler verwandelt, die ihre grausigen und hinreißenden Beobachtungen zur Natur des Menschen gezwungenermaßen tarnen mussten.
Von dem Blockadewitzbold Schwarz stammt das wichtigste uns bekannte Buch über das Phänomen der »Leningrader Literatur der hochsowjetischen Ära«, sein Telefonbuch (auch bekannt als Kontorbuch) — ein Kuriositätenkabinett der psychischen Deformationen und Beschädigungen. Zwischen anderen Opfern des Jahrhunderts figuriert dort unter Buchstabe »D« ein Kardiologe, dessen Hände verbrannt waren. Zu diesen viel zu rosigen, zarten, glänzenden Händen notiert D.s Patient Schwarz: »Ihm war bei einem Experiment ein Sauerstoffballon explodiert, der Türrahmen hatte sich verzogen, und er hatte versucht, die brennenden Türflügel mit den Händen zu öffnen. Seine Hände waren so schwer verbrannt, dass man sie nur mit knapper Not retten konnte. Er gilt als einer der besten Kardiologen der Stadt. Man hat ihn — aus Gründen, die von Wissenschaft weit entfernt sind — halbtot geschlagen, aber ob davon in seiner Seele ähnlich deformierte Stellen zurückgeblieben sind wie an den Händen, ist nicht zu erkennen.« Das war es, was er wollte: erkennen, ins Innere blicken.
