Rezept zum Glück - Stephan Bosshard - E-Book

Rezept zum Glück E-Book

Stephan Bosshard

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Beschreibung

REZEPT ZUM GLÜCK - AUTOBIOGRAFIE Der spätere Schweizer Brezelkönig Stephan Bosshard wurde am 6. August 1960 in der Schweiz geboren. Nachdem sich Bosshard seine Sporen in Vaters Markthändler-Betrieb abverdient hatte, machte er sich 1982 selbständig, worauf seine Karriere unaufhaltsam seinen Lauf nahm. Spätestens 1985, als er an der Zürcher Bahnhofstrasse seinen ersten Brezelstand eröffnete, war der Aufstieg des Schweizer Brezelpioniers nicht mehr zu stoppen. Dabei stellte er sein persönliches Glück stets vor den geschäftlichen Erfolg, was damals für ihn, ohne es selbst zu wissen, DAS REZEPT ZUM GLÜCK bedeutete. Trotzdem, oder gerade deswegen, eröffnete Bosshard 1996 die weltweit modernste Brezelfabrik, welche er aus einer Laune heraus im Jahre 1999 für einige Millionen gewinnbringend verkaufte. Diese Geschichte, aber auch die eines Lebemanns und verrückten Draufgängers, welcher beim riskanten Segelabenteuer vor der Küste des kommunistischen Albanien im Jahr 1986 sein Leben riskiert, 1992 in Miami vor Hurrikan Andrew flüchtet, oder auf seiner First Class-Weltreise in einem Supermarkt in Tokio die Erleuchtung hat und - nicht zu vergessen - die zu Tränen rührende Lovestory, weiss der Autor in seiner 100 Kapitel starken, reichlich bebilderten Autobiographie auf ebenso spannende, wie humorvolle Art und Weise zu erzählen. Dabei versteht es der Autor, seine Geschichte so packend und authentisch zu schildern, dass man das Gefühl hat, live dabei zu sein. Erfreuen Sie sich an den wahren Geschichten dieses vor Lebensfreude strotzenden Abenteurers, der heute abwechslungsweise in der Schweiz und auf seiner Yacht in Florida lebt, wo auch seine Autobiographie entstanden ist. Lesen Sie, wie es der Schweizer - auch ohne ein Workaholic zu sein - zu ansehnlichem Erfolg gebracht hat. Lassen Sie sich überzeugen, dass er wirklich das REZEPT ZUM GLÜCK gefunden hat.

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EPUB

Seitenzahl: 524

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Dieses Buch habe ich für meine Birgit, die Liebe meines Lebens, geschrieben

Stephan Bosshard

REZEPT ZUM GLÜCK

Eine wahrhaft aussergewöhnliche SCHWEIZER Erfolgsgeschichte

Folge DEINEN Träumen und höre dabei nicht auf die anderen, doch tue genau das wozu DU Lust hast und was DIR Spass macht.

© 2015 Stephan Bosshard

Umschlag, Illustration: Stephan Bosshard

Lektorat, Korrektorat: Simon Dürrenberger

2. Auflage – Oktober 2015

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-7323-2024-0

Hardcover

978-3-7323-1648-9

e-Book

978-3-7323-1649-6

Das Werk, einschliesslich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

INHALTSVERZEICHNIS

VORGESCHICHTE

Kapitel 1

MEIN ERSTES KAPITEL DER LIEBE

Kapitel 2

MARKTFAHRER, MEIN TRAUMBERUF

Kapitel 3

VERLIEBT IN ROTTERDAM

Kapitel 4

DEUTSCHLAND, MEIN NACHBARLAND

Kapitel 5

LIEBE OHNE GRENZEN

Kapitel 6

MIT EINEM ENGLÄNDER IN FRANKREICH

Kapitel 7

MEIN EIGENER CHEF MIT 18

Kapitel 8

RUTSCHPARTIE

Kapitel 9

DIE TÜREN ZUM ERFOLG

Kapitel 10

SCHACHMATT

Kapitel 11

DER KREIS SCHLIESST SICH

Kapitel 12

KINDHEITSERINNERUNGEN 1968 bis 1976

Kapitel 13

ROTLICHTDISTRIKT

Kapitel 14

GIRLS, GIRLS, GIRLS….

Kapitel 15

NIENTE LIRE

Kapitel 16

AUTOTRÄUME

Kapitel 17

WEITSICHT

Kapitel 18

KOMPASSKURS

Kapitel 19

DER TRAUM VOM SEGELN

Kapitel 20

SEGELUNTERRICHT

Kapitel 21

WENN DER JUGO BLÄST

Kapitel 22

DAS BESTE AUTO DER WELT

Kapitel 23

DIE EIGENE FIRMA MIT 22

Kapitel 24

VERBOTENE KREATIVITÄT

Kapitel 25

MEINE ERFINDUNG: CANDY CORN

Kapitel 26

RASANT, WIE IM DIENSTE IHRER MAJESTÄT

Kapitel 27

SONNE, MEER UND DISCO

Kapitel 28

TAUSCHE TRAUMAUTO GEGEN VERKAUFSWAGEN

Kapitel 29

DEN BREZEL GEROCHEN

Kapitel 30

ABGENABELT

Kapitel 31

DIE BREZEL-REVOLUTION

Kapitel 32

ROSA ZUKUNFT

Kapitel 33

EIN RISKANTER TÖRN

Kapitel 34

ES WAR EINMAL EIN MAISFELD

Kapitel 35

GRIECHISCHE FLAUTE UND FRISCHER FISCH

Kapitel 36

LOHN DER ARBEIT

Kapitel 37

FREIHEIT UNTER WEISSEN SEGELN

Kapitel 38

ÄGÄIS

Kapitel 39

VOM BREZELBECK ZUM BREZELKÖNIG

Kapitel 40

EXPEDITION ÄGÄIS

Kapitel 41

VERÄNDERUNG IN DER LUFT

Kapitel 42

JEDEM KÖNIG SEIN SCHLOSS

Kapitel 43

TRAUMLAND AMERIKA

Kapitel 44

EIN KUNSTWERK IN HANDARBEIT

Kapitel 45

ASIATISCHE TRÄUME

Kapitel 46

ZÜRIFÄSCHT

Kapitel 47

GELEGENHEIT MACHT LIEBE

Kapitel 48

EIN KUSS MIT FOLGEN

Kapitel 49

STARTSCHWIERIGKEITEN

Kapitel 50

EWIGI LIEBI

Kapitel 51

LUSTIGE WEIHNACHTEN

Kapitel 52

LIEBESURLAUB

Kapitel 53

LAS VEGAS

Kapitel 54

SKI HEIL

Kapitel 55

KORSIKA — SARDINIEN — ST TROPEZ

Kapitel 56

HOME, SWEET HOME

Kapitel 57

FLUCHT IN LETZTER MINUTE

Kapitel 58

MIT 400 PFERDEN DURCH EUROPA

Kapitel 59

DER NÄCHSTE SOMMER KOMMT BESTIMMT

Kapitel 60

LOBSTERROT

Kapitel 61

HONG KONG & CHINA

Kapitel 62

TOKIO

Kapitel 63

HAWAII

Kapitel 64

FRANKY BOY

Kapitel 65

JEWELRY DISTRICT LOS ANGELES

Kapitel 66

KÄMPFERISCH

Kapitel 67

DICK AUFGETRAGEN

Kapitel 68

COMEBACK AN DER BAHNHOFSTRASSE

Kapitel 69

PARADIES AUF UMWEGEN

Kapitel 70

WEISSER SANDSTRAND, PALMEN UND EIN PLAYBOY

Kapitel 71

MAITON ISLAND UND KOH SAMUI

Kapitel 72

ÜBERRASCHUNGSEFFEKT

Kapitel 73

PRINZESSIN

Kapitel 74

MARANELLO

Kapitel 75

DON EDOARDO

Kapitel 76

MIT CLINTON IN ROM

Kapitel 77

HOCHZEITSGESCHENK

Kapitel 78

SICHER SCHO, JA!

Kapitel 79

JUST MARRIED :-) HURRA!

Kapitel 80

FIRST CLASS ROUND THE WORLD

Kapitel 81

VERRÄTER

Kapitel 82

PLAN B ODER C?

Kapitel 83

ROBOTER ODER HIRNGESPINST?

Kapitel 84

ÜBERSCHÄTZT

Kapitel 85

SPATENSTICH

Kapitel 86

DER DIEB

Kapitel 87

FOLGENREICHER ÜBERFALL

Kapitel 88

TEURER COGNAC FÜR DEN KAPITÄN

Kapitel 89

WILLKOMMEN AUF MALLORCA

Kapitel 90

SELFMADE MAN

Kapitel 91

ZOCKERPARADIES

Kapitel 92

WELTPREMIERE BREZELBOUTIQUE

Kapitel 93

DIE BREZELFABRIK

Kapitel 94

HEISSER SOMMER AUF MALLORCA

Kapitel 95

MÖVENPICK ICE CREAM

Kapitel 96

AUF DEM GIPFEL DES ERFOLGS

Kapitel 97

DES KÖNIG’S LETZTER STREICH

Kapitel 98

DAS WAR’S… GELD VERLEIHT FLÜGEL

Kapitel 99

DAS REZEPT ZUM GLÜCK

Kapitel 100

MILLENNIUM

VORGESCHICHTE

Als ich am 6. August 1960 im Spital des kleinen Aargauer Dorfes Muri die Welt erblickte, verfügte mein Vater Hans Bosshard der Dritte nicht über das nötige Kleingeld, um meine Geburt zu bezahlen. Also fuhr er kurzerhand früh morgens mit seinem schwarzen Studebaker ins Tessin, suchte sich eine schicke Villa aus und schlich sich heimlich in den villeneigenen Park. Dort grub er einige junge Palmen aus, machte sich blitzartig wieder aus dem Staub und verkaufte diese anschliessend gewinnbringend auf dem Markt in Ascona. So abenteuerlich soll laut der Überlieferung meines Vaters meine Geburt finanziert worden sein. So abenteuerlich sollte dann auch mein zukünftiges Leben verlaufen, von welchem ich in diesem Buch in spannenden Geschichten zu erzählen weiss.

Stephan 1960 /61

Ich stamme also aus einer Marktfahrerfamilie. Marktfahrer sind gewöhnlich sesshafte, selbständig erwerbende Unternehmer aus verschiedenen Berufsgattungen, welche in der Regel mit einem grossen Mundwerk und einem noch grösseren Auto ausgestattet sind. Ersteres ist notwendig, um die Waren auch überzeugend anpreisen zu können und letzteres, um den Stand samt Warenangebot möglichst komplett transportieren zu können. Palmen stehlen gehört im Übrigen nicht zu diesem soliden Handwerk ;-)

Mein über alles geliebter Opa Hans Bosshard der Zweite war gelernter Koch, so wie auch schon zuvor sein Vater Hans Bosshard der Erste, mein Urgrossvater. Dieser soll laut der Geschichte meines Grossvaters während des ersten Weltkrieges der gefürchtete Chefkoch des berühmten Hotels Vier Jahreszeiten in Hamburg gewesen sein. Opa war es dann auch, welcher in erster Generation gegen Ende des zweiten Weltkrieges mit seinem Stand die Märkte Schweizweit eroberte. Vor Ort kochte er jeweils seine berühmten Butter-Nidelzältli und brannte in reiner Handarbeit köstliche gebrannte Mandeln. Opa war schon damals äusserst flexibel und vielseitig veranlagt, weshalb er je nach Bedarf gemeinsam mit meiner Oma auch Bratwürste und „Heissi Marroni“ feilbot. Während meine italienische Oma schon früh von uns ging, tat er dies noch bis ins hohe Alter. Er war bereits gegen 80, als er in seiner Geburtsstadt Uster bei Zürich noch immer den Marronistand beim Bahnhof betrieb. Der Markt war Opas Leben und seine einzige Leidenschaft. Reich wurde er damit zwar nicht. Aber er war bis zu seinem Ableben mit vierundachtzig mit Leib und Seele ein stolzer Marktfahrer. So wie ich heute. Und könnte er mein Buch heute lesen, dann wäre er bestimmt sehr stolz auf mich.

Mein Vater, ebenfalls gelernter Koch und Konditor, trat bereits als junger Mann in die Fussstapfen seines Vaters. Er war tüchtig, zielstrebig und vor allem sehr clever. Denn er erkannte bald das Potential seines neuen Berufes und nahm die Gelegenheit wahr. So war er einer der ersten, welcher seinen Marktstand gegen einen attraktiven Verkaufswagen getauscht hatte. Und statt sich weiterhin auf Wochenmärkten abzumühen, spezialisierte er sich von nun an auf Messen, Chilbi- und Festanlässe. Dadurch war er seinen Mitbewerbern auf einen Schlag um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte voraus. Auch die Idee vom eigenen Verkaufsstand beim Haupteingang eines grossen Warenhauses stammt von ihm. Bereits ende der 60er Jahre betrieb er fixe Standorte bei den EPA’s in Luzern und Winterthur sowie beim damals angesagten Oscar Weber an der Zürcher Bahnhofstrasse. Im Sommer lief Soft-Ice und im Herbst und Winter waren gebrannte Mandeln und Caramel angesagt. Pionierarbeit leistete der stets experimentierfreudige Konditor auch bei den damals noch völlig unbekannten Schoggi-Bananen, welche man ihm buchstäblich aus den Händen riss. Dank der täglichen Einnahmen brachte er es rasch zu ansehnlichen Wohlstand. Sein erstes Einfamilienhaus bezog er Ende der 60er Jahre in Buchrain, dem Luzerner Vorort wo auch ich aufgewachsen bin und wo ich meine ersten Schuljahre absolviert habe.

Schon als kleiner Bub hat Papi mich öfters zur Arbeit mitgenommen. Das war für mich stets das Allergrösste und ich wollte immer unbedingt mal so wie Papi werden. Besonders die OLMA in St.Gallen habe ich in bester Kindheitserinnerung. Denn im siebenhundert Meter über Meer liegenden St. Gallen zeigte sich der Winter stets pünktlich zur OLMA, sodass ich dort jeweils mit neuen, warmen Winterkleidern und Lammfellschuhen ausgestattet wurde.

Oma und Opa an ihrem Marktstand am Uster Markt Ende der 40er Jahre

Opa und Oma am Uster Markt - Anfang 50er Jahre

Opa’s vollbeladener Chevy - 60er Jahre

Oma und Opa bei der Arbeit in den 60er Jahren

Grosses Angebot von Bratwürsten über Heissi Marroni, bis zu prima Magenbrot und Nidelzältli

Opa mit seinem obligaten Stumpen und seinen berühmten Nidelzältli in den 70er Jahren

70er Jahre

Opa und Oma mit meinem Vater in der Mitte - Ende 50er Jahre

Meine Eltern am Ustermarkt - 60er Jahre

Am Greifensee bei Uster ca. 1963

KAPITEL 1

MEIN ERSTES KAPITEL DER LIEBE

Im Sommer 1976 scheint dann alles klar zu sein. All das, was ich schon während meiner Schulzeit in Vaters Firma gelernt habe, will ich nun auch zu meinem Beruf machen. Schon bald soll es mit der bevorstehenden Herbstsaison losgehen.

Doch vorher will ich gemeinsam mit meinem Freund Urs meine ersten eigenen Sommerferien in Lido die Jesolo verbringen. Urs ist acht Jahre älter als ich und mit vierundzwanzig bereits Leiter der Herrenkonfektions-Abteilung im ABM Luzern. Deshalb zeigt er sich auch gerne gestylt in Anzug und Krawatte wie ein Generaldirektor. Oder auch schon mal wie Al Capone im weiss-schwarz gestreiften Zweireiher. Heute nicht! Im sommerlichen Outfit nehmen wir die Bahn nach Lido di Jesolo und vertreiben uns die Zeit mit dem Schweizer Nationalkartenspiel „Tschau Sepp“. Und damit es auch wirklich Spass macht, geht es bei jedem Spiel um einen Fünfliber, was bei der langen Fahrt ganz schön ins Geld geht, vor allem für mich. Dort angekommen, teilen wir uns ein Hotelzimmer und ich amüsiere mich köstlich darüber, was für ein ordentlicher Typ der Urs doch ist. Ein Typ der sogar seine Socken gebügelt über die Kleiderbügel hängt, hahaha… das ist ja rattenscharf. Der Urs mag vielleicht der perfekte Schweizer Bünzli sein, aber auf ihn ist zu hundert Prozent Verlass. Dazu ist er ist ein guter Kumpel, welcher auch wirklich für jeden Blödsinn zu haben ist.

Nachtsüber vergnügen wir uns Whisky Cola trinkend und nach hübschen Mädchen Ausschau haltend in den zahlreichen Discos und tagsüber schlafen wir am Strand. Meine ersten Ferien alleine geniesse ich in vollen Zügen, sodass die paar Tage rasch vorbei sind und wir schon bald wieder heim müssen. Auch an unserem letzten Tag am Strand liegen wir in den überteuerten Mietliegen, so etwa wie die bekannten Sardinen in der Büchse und beobachten die vielen Bikini-Schönheiten um uns herum. Und da kommt sie, die Frau all meiner Träume! Wow, was für eine Superfrau, wie schön sie doch ist. Mit einem Mal ist mein Blick fixiert und ich kann einfach nicht anders als sie anzustarren. Was für ein hübsches Gesicht, welch tolle Figur und was für wunderschönes, in der Sonne golden glänzendes, langes, blondes Haar sie doch hat. Ich glaube ich bin verknallt! Also nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und spreche die Fremde an. „HALLO ICH BIN DER STEPHAN“. „Ich bin die Helene“, strahlt sie mich an und spricht das so süss aus, als wolle sie mich gleich küssen. Sofort fühle ich mich wie verzaubert von der schönen Holländerin und ich kann spüren, wie hier etwas knistert. Wir verstehen uns dann auch gleich auf Anhieb und alles scheint klar zu sein zwischen uns. Nur was will denn der Urs jetzt plötzlich auch noch hier. Baggert er sie nun doch tatsächlich auch noch an? Der ist wohl im falschen Film! Ich trete ihm auf die Füsse und schaue ihm böse in die Augen, was soviel heissen will wie: „Die gehört mir!“ Urs scheint kapiert zu haben und während er einen Abgang macht, gebe ich mein Bestes und flirte mit Helene was das Zeug hält.

Einige Stunden später finde ich mich eng umschlungen mit Helene auf der Tanzfläche in irgendeiner Disco wieder. Wir tanzen zur italienischen Schmusemusik und küssen uns innig. „ES IST SO HEISS UND SO LAUT HIER IN DER DISCO, KOMM LASS UNS SPAZIEREN GEHEN“, flüstere ich ihr ins Ohr. Husch, husch und schon liegen wir im warmen Sand von Lido di Jesolo. In dieser Nacht scheinen alle Sterne nur für uns zu leuchten, wir kuscheln, schmusen, knutschen und können kaum voneinander lassen, bis die aufgehende Sonne uns ins wahre Leben zurückholt. Es ist unser beider Abreisetag und die Zeit, um Abschied zu nehmen, naht. Ich habe mich total über beide Ohren verliebt und verspreche Helene, dass ich sie bald in Rotterdam besuchen werde.

Der Abschied tut weh und auf der Heimfahrt bin ich sehr traurig. Mein Freund Urs versucht mich unentwegt aufzuheitern und lässt mich sogar im „Tschau Sepp“ gewinnen. Doch alles nützt nichts. Meine Gedanken sind bei Helene. Kaum zu Hause, lasse ich mir ein übergrosses Poster von meiner ersten grossen Liebe anfertigen und hänge dieses über meinem Bett auf.

KAPITEL 2

MARKTFAHRER, MEIN TRAUMBERUF

Am Zürcher Knabenschiessen 1976 fällt der Startschuss für meine Karriere als Marktfahrer. Mir ist es egal, dass dieser Beruf kein besonderes Ansehen geniesst. Für mich ist klar, was ich will. In erster Linie Geld verdienen und ein tolles, glückliches Leben führen. Längst habe ich die vielen positiven Seiten und unzähligen Möglichkeiten dieses Berufes erkannt. Wo sonst kann man sich aussuchen, wo, wie, wann und wie viel man gerne arbeiten möchte? Vater hat sich das längst nach seinem Gusto eingeteilt. So bleibt die Firma über die warmen Sommermonate mit wenigen Ausnahmen, wie dem alle drei Jahre stattfindenden Zürifäscht, dem jeweils Ende Juni stattfindenden Albanifäscht und der Wetziker Chilbi Mitte August, geschlossen.

Parallel zur berühmten OLMA Landwirtschaftsmesse findet jeweils der St. Galler Herbstjahrmarkt statt. Diesen Donnerstag eröffnet der elf Tage dauernde Jahrmarkt, wo wir mit zwei Verkaufswagen präsent sind. Mit gebrannten Mandeln, Magenbrot, selbstgemachten Nidelzältli, Appenzeller Biber, Schoggi-Bananen und Zuckerwatte wollen wir die meist ländlichen Besucher anlocken. Der eine, grössere Verkaufswagen im Chalet Look steht auf dem Spelterini Platz, direkt vor dem Einbeziehungsweise Ausgang einer OLMA-Halle. „Meiner“, der kleinere, steht vor dem Restaurant Promenade, ganz am Ende der Marktstrasse. Hier bin ich der Chef. Mit lustigen Sprüchen mache ich die Kundschaft auf mich aufmerksam: „NÖD VORBI LAUFE, MAGEBROT CHAUFE. PROBIERE GOHT ÜBER STUDIERE…“. Wenn dann erst mal einer angebissen hat, dann fülle ich ihm grosszügig seinen Rucksack und bitte zur Kasse. Das ist fast wie beim Fischen, nur beissen hier bedeutend mehr an, haha. Vor allem deshalb, weil ich immer eine Spur besser drauf bin, als die schlafenden Mitbewerber um mich herum, läuft es bei mir besonders gut. Gerade nach Feierabend, wenn die anderen ihre Stände zu schliessen beginnen, gebe ich nochmals richtig Vollgas. Dabei gelingt es mir nicht selten, in der letzten Stunde nochmals einen kompletten Tagesumsatz einzunehmen. Das kommt natürlich auch mir zu Gut, denn wenn Papi mit mir zufrieden ist, gibt’s zum ohnehin schon guten Lohn auch noch Provision. Und die brauche ich, weil ich ja schon bald meine Helene in Holland besuchen will.

Heute, Samstagnacht, gehe ich gemeinsam mit meinem Freund Sandy vom Nachbarstand ins Dancing Trischli. Die Steve Young Band spielt und während wir begeistert der Musik des Zehn-Mann-Orchesters lauschen, halten wir stets Ausschau nach hübschen Mädchen. Dafür sind wir ja schliesslich hier. Gegen Mitternacht stürmen plötzlich halb nackte Brasilianerinnen die Bühne und legen eine atemberaubende Show hin. In der ersten Reihe sitzend, sind wir sozusagen mittendrin und schauen uns alles ganz genau an. Als die Tänzerinnen dann allerdings auch noch ausgerechnet an unseren Tisch kommen und uns sozusagen eine Privatvorstellung geben, kriege ich meinen Mund vor lauter Staunen nicht mehr zu. Sandy und ich wollen uns natürlich keine Blösse geben und zeigen uns höchst spendabel, in dem wir zwei Tänzerinnen an unseren Tisch bitten und diesen, ganz wie die Grossen, ein Cüpli spendieren. Natürlich hüte ich mich davor, mein unschuldiges Alter von sechzehn Jahren preis zu geben. Das wäre ja auch nicht gerade herrenmässig. Zu später Stunde kommt dann auch noch den Star des Abends, Steve Young persönlich an unseren Tisch und bestellt einen Jack Daniels Cola. Ich kenne Wolfgang Jung, wie er mit bürgerlichem Namen heisst, vom Hazyland in Luzern. Vor einigen Monaten sprach ich ihn auf seine verrückte, total umgebaute und frisierte Corvette Stingray an. Spontan lud er mich zu einer Spritztour um die Häuser ein. Ich weiss noch gut, wie stolz ich war, als er mich direkt vor dem Haupteingang zum Hazyland aussteigen liess. Zum Dank lud ich ihn und einige Bandmitglieder gegen zwei Uhr morgens zu mir nach Hause ein, wo gerade sturmfreie Bude herrschte. Wenn das mein Vater wüsste! Wolfgang ist nicht nur der coole Typ und Frauenschwarm, auf den alle hübschen Girls zu fliegen scheinen. Er ist auch ein echt anständiger und sehr netter Kerl, welcher zudem auch richtig gut singen kann. Natürlich sind auch Sandy und ich coole Jungs und bleiben deshalb bis weit nach drei Uhr morgens im Trischli.

Als ich am kommenden Morgen mit einer halben Stunde Verspätung dabei bin, meinen Verkaufswagen zu öffnen, plagt mich nicht nur die Müdigkeit. Mir ist auch ein wenig schlecht. Der Champagner war wohl etwas zu viel und zeigt nun seine Wirkung. So bin ich denn auch noch nicht ganz wach, als mein Vater total sauer in den Verkaufswagen stürmt, mich anschreit und mir eine Ohrfeige verpasst. Später finde ich heraus, dass dieser Vollidiot von Gemüsehobel-Marktschreier Edi Wettstein uns verpfiffen hat und Papi das von den Tänzerinnen, Cüpli’s, oben ohne und so weiter, brühwarm erzählt hat. Ist der gemein!

Auf die OLMA folgt die Basler Herbstmesse wo ich für siebzehn Tage auf dem Petersplatz im Einsatz bin. Die Basler sind ganz verrückt nach unseren weichen „Rahmdääfeli“. So sehr, dass ich während meinen Hauptaufgaben, dem Mandelbrennen, dem Verpacken und dem Verkaufen auch gleich noch hunderte Kilo Zucker und Butter zu Caramel verkoche. Es läuft super und die Zeit geht rasch vorbei.

OLMA Jahrmarkt ca. 1976

KAPITEL 3

VERLIEBT IN ROTTERDAM

Mitte November 1976 ist es dann endlich soweit: Ich sitze im Zug nach Rotterdam auf dem Weg zu meiner ersten grossen Liebe Helene. Als der Zug in den Bahnhof einfährt, sehe ich sie schon von Weitem, wie sie mir vom Bahnsteig aus freudig zuwinkt. Endlich kommt der Zug zum Stehen, die Türen öffnen sich, wir fallen uns in die Arme und küssen uns. Die Freude ist unbeschreiblich und wir können es kaum fassen, dass wir uns nun wiederhaben.

Die fünf Jahre ältere Helene will mich nun ihren Eltern vorstellen, welche nicht schlecht staunen, als ich ihnen erzähle, ich sei unsterblich in ihre Tochter verliebt und ich möchte deshalb, dass sie zu mir in die Schweiz zieht. Den Rat, wir sollen das Ganze doch erst mal langsam angehen, will und kann ich zurzeit leider überhaupt nicht verstehen.

Helene zeigt mir jetzt erst mal ihr Rotterdam und beim Nachtessen beim Italiener schwärmt sie von Sheweningen. „Unser Lido di Jesolo“, wie sie es nennt. „Dort könnten wir dann auch zusammen in ein Hotel gehen und….“, verspricht sie mir verheissungsvoll. Ich kann es dann auch kaum abwarten und sehne mir diesen Moment richtiggehend herbei. Dabei denke ich allerdings eher an Zärtlichkeiten denn an echten Sex. Weil mit Helene ist es mir richtig ernst. Nicht dass ich darin schon sehr viel Erfahrung hätte, aber versucht habe ich es doch schon ein paar Mal. Mein erstes Mal war mit vierzehn. Ihr Name war Patricia, sie war siebzehn, bildhübsch und als Au-pair Mädchen bei uns zu Hause beschäftigt.

Sheweningen scheint tatsächlich ein schönes Örtchen zu sein. Aber mal ehrlich, was interessiert mich das? Wo ich doch gerade mit meiner Traumfrau nur noch spärlich bekleidet im Bett eines dieser schicken Strandhotels liege. Eng umschlungen küssen und liebkosen wir uns. Beide werden wir immer erregter. „Stephan hast du etwas dabei?“, haucht mir Helene ins Ohr. „EH…WAS MEINST DU?“, frage ich etwas ratlos. „Du weisst schon“, lächelt sie mich verliebt und erwartungsvoll an. Nun merke ich endlich, was ich für ein Trottel bin. Da verpasse ich doch gerade mein vielleicht grösstes sexuelles Erlebnis und nur, weil ich zu doof war um an „Verhüterli“ zu denken.

Was ich damals wirklich verpasste habe, werde ich wohl nie erfahren. Denn ausser einigen Telefongesprächen war’s das mit der Geschichte von meiner ersten grossen Liebe.

KAPITEL 4

DEUTSCHLAND, MEIN NACHBARLAND

1977 scheint geschäftlich kein besonders gutes Jahr zu sein. Vater beklagt sich über die vorherrschenden schlechten Geschäfte und will unseren Wirkungskreis auf Messen und Feste im angrenzenden Deutschland erweitern. Natürlich zeige ich mich vollauf begeistert von dieser Idee, welche reichlich Abwechslung verspricht. Endlich mal raus aus der Schweiz.

Wir haben Mitte September und es ist noch immer sommerlich warm. Den etwas in die Jahre gekommenen, himmelblauen VW LT Bus haben wir schon Tags zuvor bis unters Dach beladen und den Marktstand auf dem Dachträger gut festgezurrt. Gegen vier Uhr morgens geht es mit maximal hundert Stundenkilometer — schneller läuft die alte Kiste nicht — los in Richtung Deutschland. Der laut knatternde Diesel macht das Autoradio überflüssig und um uns unterhalten zu können, müssen wir uns gegenseitig anschreien. Ich hasse dieses Auto!

Der Bad Dürkheimer Wurstmarkt ist bekannt als Deutschlands grösstes Weinfest, zu vergleichen mit Münchens Oktoberfest. Als wir nach stundenlanger Autobahnfahrt bei schönstem Wetter den vollgestopften Festplatz erreichen, sind wir von diesem Riesenfest völlig begeistert. Sofort und voller Ungeduld machen wir uns auf die Suche nach unserem Standplatz. Doch keiner hier scheint richtig Bescheid zu wissen, sodass man uns von einer Ecke zur anderen schickt. Bis wir dann auf einen netten, hilfsbereiten deutschen Kollegen treffen, welcher sich unsere Unterlagen genauer ansieht und dann mit einem bedauernswerten Lächeln meint: „Und dafür seid ihr von der Schweiz angereist? Ihr seid doch gar nicht hier bei uns auf dem Festgelände. Euer Platz befindet sich ausserhalb, dort drüben in den Hallen. Das ist wohl etwas Neues.“ Er wundert er sich selbst und zeigt dabei auf einige weisse Zelthallen von welchen in weiter Entfernung gerade mal die Dächer zu erkennen sind. Je mehr wir uns den Hallen nähern, desto grösser ist die Ernüchterung. Wie sich bald herausstellen soll, ist Vater einem spitzfindigen Unternehmer auf den Leim gegangen, welcher den guten Namen des Bad Dürkheimer Wurstmarktes kurzum für seine Zwecke genutzt hat. Und so kommt es wie es kommen muss. Obwohl sich draussen am Fest Zehntausende von Besuchern tummeln, verirrt sich kaum einer in diese Möchtegern-Messe und so warten wir gemeinsam mit den etwa einhundert anderen Ausstellern vergeblich auf Kundschaft.

Nach zwei heissen — und weil äusserst erfolglosen, auch ziemlich zermürbenden — Tagen, schlägt dann am Sonntag plötzlich das Wetter um. Dank dem Regen füllen sich die Hallen quasi von einer Minute zur anderen. Wider Erwarten wendet sich das Blatt, sodass wir nun sogar für die Mithilfe der speziell für den Sonntag organisierten Aushilfsverkäuferin dankbar sind. Schliesslich gelingt es uns wenigstens die Spesen zu decken und wir kommen mit einem blauen Auge davon. Ziemlich geschafft und hungrig rattern wir noch am selben Sonntagabend heim in die Schweiz und erinnern uns mit Wehmut an die sehr leckeren, knusprigen Grillhaxen von welchen wir in den letzten Tagen nicht genug bekommen konnten. Gut hat Papi beim Standnachbarn noch etwas von dem feinen Schwarzwälder Schinken mit Bauernbrot eingekauft, welchen wir nun genüsslich verspeisen.

Deutschland bleibt auch weiterhin ein Thema. Um die Vorweihnachtszeit wird der VW LT Bus erneut beladen und um vier Uhr morgens geht es los nach Karlsruhe. Gegen acht Uhr in der Früh bauen wir direkt vor dem Haupteingang des Hertie in Karlsruhe bei eisiger Kälte unseren sondergefertigten Verkaufsstand auf. „Guten Morgen Herr Direktor…“, begrüsst Vater den Herrn im feinen Zwirn, welcher uns beim Ausladen unseres VW Bus skeptisch beobachtet. „ Wir sind gleich soweit und ich werde auch sofort das Auto wieder wegfahren.“, rechtfertigt sich mein Vater schon beinahe unterwürfig. Der Direktor nickt, lächelt etwas mitleidig und lässt uns walten. Vater gibt mir ein Bündel Geldscheine und schickt mich in Hertie’s Lebensmittelabteilung, um Butter und Zucker einzukaufen. Als ich damit beginne, den Einkaufswagen mit deutscher Butter zu beladen, treffen mich von überall her fragende, wenn nicht böse Blicke. Auch die erstaunte Kassiererin möchte nun von mir wissen, weshalb ich denn so viel Butter einkaufe. „ZUM CARAMEL KOCHEN! HIER UND HEUTE ERÖFFNEN WIR DIREKT VOR IHREM HAUS UNSEREN SCHWEIZER SAHNEBONBON STAND. DIESE WERDEN MIT VIEL LIEBE, ABER MIT NOCH VIEL MEHR BUTTER GEKOCHT.“, scherze ich. Mein Hochdeutsch mische ich bewusst mit einer gehörigen Portion Schweizer Dialekt. Das kommt hier sehr gut an, denn die Einheimischen sind gegenüber Schweizern sehr aufgeschlossen. Vater erklärt mir später, dass die Deutschen aufgrund des zweiten Weltkrieges noch immer eine stark sensibilisierte Einstellung zur Butter haben. Insbesondere für die älteren Semester ist die Butter wertvoll wie Gold. Verständlich.

Nun wollen wir aber erst mal unsere Caramel vergolden. Der nur etwa zweieinhalb Meter kleine, zusammensteckbare und mit verschiedenen Schweizer Kantonsflaggen recht hübsch geschmückte Verkaufsstand verfügt sogar über ein aus Kunststoff gefertigtes Schweizer Chalet Dach. Im grossen runden Kupferkessel kochen wir unsere Caramel nach Opas Rezept, natürlich mit extra viel Butter. Exakt hundertdreissig Grad Celsius muss die Hitze betragen, erst dann wird die Gasflamme abgestellt und ich lösche das Ganze mit Kondensmilch und etwas Rahm, das heisst hier Sahne, ab. Jetzt leere ich die flüssig heisse Caramel Masse in die bereits vorher gebutterten Alubleche und nach kurzer Abkühlungszeit werden die Caramel von Hand mit dem Küchenmesser geschnitten. Dann kommen die fertigen Caramel in die hell beleuchte Verkaufsvitrine und brauchen dort nicht lange auf die ersten Kunden zu warten. „Kann man mal kosten“, fragt eine schicke Dame. „Kosten fünf Mark“, scherzt Vater. Schon bald ist unser Stand von Neugierigen umgeben. „Wenn sie jetzt kaufen, bekommen Sie noch einen Schweizer Wandergutschein dazu. Dieser berechtigt Sie in der ganzen Schweiz umsonst zu wandern“, scherzt Vater lachend weiter. „Ja dann nehme ich eine Tüte. Aber ich brauche noch einen zweiten Wandergutschein für meine Frau“, meint ein anderer Kunde ziemlich ernst. Schlagfertig entgegnet Vater: „Ja dann kaufen Sie doch bitte zwei Tüten und Sie kriegen auch zwei Wandergutscheine…“. „Zwei Tüten, vier Mark und zwei Wandergutscheine dazu. Dankeschön… Und Sie gnädige Frau, auch noch einen Wandergutschein…?“. „Ja, ja, bitte. Die Schweiz kenne ich sehr gut, auf dem Matterhorn war ich ja auch schon dutzende Male“ gibt die ältere Dame an. „Gerne, die Dame. Dann auch für Sie und Ihren Gatten zwei Tüten und natürlich auch für Sie zwei Wandergutscheine…“. Plötzlich können wir uns vor Andrang kaum noch retten, sodass Vater am folgenden Tag eine Verkäuferin anstellen muss. Wir verkochen täglich bis zu hundert Kilo Zucker, Unmengen von Butter und „verschenken“ dabei tausende von Wandergutscheinen. Natürlich glaubt dabei kaum einer an die Wirkung unserer sogenannten „Wandergutscheine“. Trotzdem will beinahe jeder einen dieser schön farbigen Werbeflyer aus der Zentralschweiz und vom Titlis haben. Bisher ist nicht überliefert, ob tatsächlich schon mal ein Deutscher versucht hat, einen unserer „Wandergutscheine“ einzulösen. Die Geschäfte jedenfalls laufen hervorragend und dies scheint nun auch den Direktor soweit zu beeindrucken, dass er sich von nun an trotz eisiger Kälte allmorgendlich die Mühe macht, uns persönlich am Stand mit Handschlag zu begrüssen. Kein Wunder bei fünfundzwanzig Prozent Umsatzabgabe!

In den Zelthallen des Bad Dürkheimer Wurstmarkts 1977

KAPITEL 5

LIEBE OHNE GRENZEN

Als ich in diesem heissen Sommer im August 1978, einige Tage nach meinem 18. Geburtstag, bei der Führerscheinprüfung in Luzern kläglich durchfalle, scheint für mich die Welt unterzugehen. Da habe ich mich doch so sehr auf Vaters Leihgabe, ein rotes 63er MG B Cabriolet, gefreut. Und nun das. Was für eine Enttäuschung und welch Blamage.

Da kommt mir die Messe im deutschen Wesel an der holländischen Grenze gerade recht. Statt mit dem MG darf ich so immerhin VW LT Bus fahren, wenn auch mit einem grossen blauen L dran. Egal, Hauptsache Autofahren. Nach einer unendlich langen Autobahnfahrt bin sogar ich froh, als ich diese Ratterkiste verlassen darf. Unseren Stand bauen wir noch am selben Abend auf und nach einer Übernachtung im Hotel geht’s los. Nachdem schon der Eröffnungstag eine einzige Enttäuschung war, zeigt sich der nachfolgende Sonntag auch nicht gerade als die erwartete Bombe. Papi ist sauer und will gleich wieder abräumen und heimfahren. Ich möchte aber lieber noch etwas hier bleiben und überrede ihn deshalb, mich die Messe doch einfach alleine fertig machen zu lassen.

Hurra! Papi ist einverstanden und will erst am kommenden Samstag wieder dazu kommen. Ich freue mich natürlich riesig, denn erstens bin ich so der Chef am Stand und zweitens kann ich nach Feierabend in den Ausgang so lange ich will. Die Messe will dann allerdings nicht so recht in Schwung kommen und führt bei den Ausstellern zu reichlich Unmut. Auch wenn es von überall her heisst „Wesel du Esel“, lasse ich mich nicht unterkriegen und locke mit lustigen Sprüchen nicht wenige Kunden an meinen Stand: „….UNSERE SCHWEIZER SAHNEBONBONS KLEBEN NICHT AN DEN ZÄHNEN, NUR AN DEN SCHUHEN… JA BITTE DIE DAME, EINMAL KOSTEN, KOSTET ZWEI MARK UND EINEN WANDERGUTSCHEIN GIBTS ALS GESCHENK DAZU. UNBEGRENZT EINLÖSBAR IN DER GANZEN SCHWEIZ, HAHAHA…“. Genauso wie ich das von Vater gelernt habe, versuche ich immer möglichst lustig rüberzukommen, wobei mir mein Schweizer Dialekt auch hier zu Gute kommt. Die Kostproben, welche ich grosszügig an die Besucher verteile, werden sehr gerne genommen und wieder einmal ist es wie beim Fischen: Erst anfüttern bis schliesslich einige anbeissen. Das klappt immer! Und so habe ich ganz zum Erstaunen der anderen Aussteller meist eine kleine Traube von Fans vor meinem Stand. Die jungen weiblichen sind mir natürlich die Liebsten, ganz besonders fällt mir die hübsche Brünette, welche gerade genüsslich ein Caramel nascht, ins Auge. Während sie noch ein Müsterli von mir bekommt, frage ich sie äusserst humorvoll: „Na Fräulein, Sie schlecken wohl gerne?“ Mein eindeutig zweideutig gemeintes Angebot quittiert die Schöne mit einem verheissungsvollen Lächeln, aus welchem ich zu lesen glaube, ein Schätzchen für ein Pläuschchen entdeckt zu haben. Oder hat vielleicht sie mich entdeckt?

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Beim gemeinsamen Nachtessen mit anschliessendem Frühstück wird nämlich rasch klar, auf was es die knapp dreissig jährige, zierlich gebaute Brünette abgesehen hat. Auf mich! Elke lehrt mich alles, was ein Junge in meinem Alter gerne lernen möchte — oder halt eben sollte — und ich spreche da nicht etwa vom Kochen oder so. Die äussert talentierte und aussergewöhnlich fröhliche Pfälzerin, welche passend zu ihren Hippie-Genen einen alten Renault R4 mit aufgemalten Blumen fährt, weiss aber auch sonst zu punkten. Spontan begleitet sie mich zur Messe und packt dann auch gleich mit an. Es scheint ganz so, als dass wir auch hier ein gutes Team sind. Und so kommt es, dass mich die Elke zur grossen Überraschung meines Vaters in die Schweiz begleitet und meine erste feste Freundin wird.

KAPITEL 6

MIT EINEM ENGLÄNDER IN FRANKREICH

Im November 1978 bestehe in einem zweiten Anlauf und absolut fehlerfrei die langersehnte Fahrprüfung. Endlich darf ich Vaters knallrotes MG B Cabriolet nutzen. Natürlich will ich meinen langersehnten Traum vom Autofahren sofort ausleben und gemeinsam mit Elke nach Paris reisen. Davon lasse ich mich auch durch das miserable Winterwetter und die eisige Kälte nicht abhalten. Sogar als bereits auf den ersten Kilometern die Heizung aussteigt, sehe ich darin noch lange keinen Grund, die Reise abzubrechen. Winterjacke an, Wollmütze auf und weiter geht’s in Richtung der französischen Hauptstadt. Als der Eiffelturm endlich in Sichtweite rückt, ist es längst dunkel geworden und wir sind ziemlich durchgefroren. Also machen wir uns auf die Suche nach einem Hotel, wobei wir nur einen Wunsch hegen: Warm soll es sein.

Am folgenden Morgen zeigt sich dann doch die Sonne und wir nutzen die Gelegenheit für einen Ausflug mit dem MG zum Eiffelturm. Nachdem wir einen wunderschönen Tag in der die Stadt der Liebe verbracht haben, müssen wir bereits am Nachmittag wieder die Heimreise antreten.

Was heute so gut begonnen hat, scheint dann allerdings in einer unendlichen Odyssee zu enden. Als wäre es nicht genug, dass es wie aus Kübeln schüttet, bleibt der MG auch noch etwa hundert Kilometer nach Paris, mitten auf der Hauptstrasse, stehen und macht keinen Wank mehr. Zu meinem Erstaunen halten gleich mehrere Autos an, um uns Pannenhilfe zu leisten. Einem äusserst netten Franzosen, dem es anscheinend überhaupt nichts auszumachen scheint, platschnass zu werden, will uns sogar bis zur nächsten Werkstatt abschleppen. Dumm nur, dass weder er, noch wir ein Abschleppseil dabei haben. Not macht erfinderisch, sodass wir schliesslich an zwei zusammengeknöpften Wolldecken hinter dem Citroen hergezogen werden. Die glücklicherweise nicht weit entfernte Werkstatt erreichen wir bald und während ich mich beim Citroen-Fahrer bedanke, hat der Mechaniker den Schaden bereits behoben. Irgendwas mit einem feuchten Zündverteiler oder so. Inzwischen ist es Nacht geworden. Wegen des starken Regens kann ich nur langsam fahren und zur Schweizer Grenze sind es immerhin noch etwas um die einhundert Kilometer. Erneut beginnt der Motor des MG’s zu stottern und ein weiteres Mal bleiben wir am Strassenrand stehen. Frierend und fluchend stehe ich nun hier im Dunkeln bei strömendem Regen und versuche, andere Automobilisten auf mich aufmerksam zu machen. Wieder habe ich Glück und wieder werden wir abgeschleppt. Diesmal mit dem Abschleppseil, welches ich mir sicherheitshalber in der letzten Werkstatt habe einpacken lassen. Ganze zwanzig Kilometer weit schleppt uns der Franzose dieses Mal ab. Dank der richtigen Einschätzung des Einheimischen, landen wir in einer Pannenhilfe-Station, wo uns prompt geholfen werden kann. Nochmals wird der Zündverteiler ausgebaut, gereinigt und getrocknet. Dieses mal jedoch weiss sich der smarte Mechaniker zu helfen und verpackt das Ding kurzum provisorisch in einer Plastiktüte. Etwa zweieinhalb Stunden später sind wir wieder auf Achse und schaffen es dieses Mal in einem Stück nach Hause. Überglücklich fallen wir irgendwann mitten in der Nacht total erschöpft, unterkühlt und mit einem gehörigen Schnupfen ins Bett und schlafen sofort ein.

Dieses Erlebnis hat meine Beziehung zu Elke gestärkt, die zu unseren Nachbarn, den Franzosen, vertieft und die zu den Engländern getrübt. Auch wenn dies nur auf englische Automobile, im Besonderen auf MG zutrifft.

irgendwo in Frankreich - 1978

Mit dem 68er MG unter dem Eiffelturm - Paris 1978

KAPITEL 7

MEIN EIGENER CHEF MIT 18

Mit gerade mal achtzehn gehe ich glatt als Fünfundzwanzigjähriger durch. Autofahren kann ich auch, eine grosse Klappe habe ich sowieso und mit Elke habe ich jetzt eine Verbündete an meiner Seite. Genug, wie ich finde, um meinen Traum von der Selbstständigkeit Wirklichkeit werden zu lassen.

Als ich ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit 1978 meinem Chef und Vater von meinen neuen Plänen berichte, zeigt sich dieser natürlich nicht gerade begeistert. Doch auch wenn ich Gefahr laufe, ihn zu enttäuschen, steht mein Entschluss fest. Ich will den Schritt in die Selbstständigkeit wagen. Und zwar schon bald. Im Januar 1979 soll’s in Deutschland, genauer gesagt in Pforzheim, losgehen. Je mehr ich ihm davon erzähle und erst recht als er erfährt, dass ich bereits eine Zusage für einen Standplatz beim Horten bekommen habe, desto überraschter, wenn nicht sogar etwas beeindruckt, zeigt er sich. Papi wäre nicht mein Vater, wenn er nicht ganz genau wüsste, dass — wenn ich mir erst mal etwas in den Kopf gesetzt habe — mich kaum mehr etwas davon abbringen kann. Und so gibt er schliesslich seinen Segen, wenn auch mit gemischten Gefühlen. Zu meiner grossen Überraschung zeigt sich Papi dann sogar ziemlich grosszügig und schenkt mir gleich mal den alten „Deutschland-Stand“ mit komplettem Equipment. Dann überlässt er mir bis auf Weiteres das als Geschäftsauto gedachte, grasgrüne Toyota Celica Coupé und drückt mir zu guter Letzt auch noch zweitausend Franken als zinsloses Darlehen in die Hand. Während mich mein Vater zur Vorsicht mahnt, umarme ich ihn und bedanke mich herzlich bei ihm.

Nachdem ich den Start in mein neues Leben kaum abwarten kann, ist es Anfang Januar 1979 dann endlich soweit. Während der zusammensteckbare Verkaufsstand seinen Platz auf dem Dachträger findet, muss die gesamte Ausrüstung, inklusive Kupferkessel, Alubleche, Gasbrenner, Beleuchtung und vieles mehr im Inneren des Coupés verstaut werden. Als dies geschafft ist, will ich keine Zeit mehr verlieren. Wohl auch um sicher zu gehen, dass ich es mir nicht doch noch anders überlege, starte ich gemeinsam mit Elke bereits zwei Tage früher als ursprünglich geplant in das Abenteuer Deutschland.

Wirklich Sorgen mache ich mir allerdings überhaupt keine. Erstens hatte ich den allerbesten Lehrmeister und zweitens habe sehr gut aufgepasst. Den Rest will ich mir nun ganz einfach selbst beibringen. Dabei setze ich auf mein gesundes Selbstvertrauen, meine unbändige Energie und meinen grenzenlosen Optimismus. Als würden mir diese drei Eigenschaften zum Superhelden verhelfen, fühle ich mich gerade beinahe unbesiegbar. Es mag ja sein, dass ich mich bei meiner Selbsteinschätzung ein bisschen zu viel von meinem Idol Jean Paul Belmondo habe beeinflussen lassen. Der Französische Superstar bezeichnet sich in seinen Filmen nämlich regelmässig als den Grössten. Ich glaube allerdings tatsächlich daran, mit etwas Glück in jedem Fall als Sieger hervorgehen zu können.

Der Jahreszeit entsprechend ist es bitterkalt, als ich am frühen Morgen des 3. Januar 1979 gemeinsam mit Elke den Stand beim Haupteingang des Horten in Pforzheim aufbaue. Noch vor Ladenöffnung sind wir von Neugierigen umzingelt, sodass ich keine Zeit verlieren will und sofort den Gasbrenner anfeuere, um einen Sud Caramel aufzusetzen. Dabei gibt die Gasflamme durch den nach hinten offenen Kochtisch etwas Wärme ab, womit wir wenigstens unsere steif gefrorenen Finger wieder aufwärmen können. Ganz nach dem Motto, „Morgenstund hat Gold im Mund“, koche ich fleissig meine Caramel und beginne gleich zur Türöffnung flotte Sprüche zu klopfen. Und siehe da, sogar zu dieser frühen Stunde reissen sich schon die ersten Kunden um meine weichen Schweizer Sahnebonbons mit Wandergutschein. Das ist so geil, ich fühle mich so gut wie noch nie. Was will ich mehr? Da bin ich gerade mal achtzehn, habe eine nettes Chätzli zur Freundin, bin weit weg von zu Hause und meine eigene kleine Firma startet gerade wie Apollo 17. Kurzum, ich kann mein Glück kaum fassen und um es möglichst lange festhalten zu können gebe entsprechend Vollgas.

„PROBIEREN SIE UNSERE ECHTEN SCHWEIZER SAHNEBONBONS MIT VIEL BUTTER, GEMACHT AUS MILCH VON GLÜCKLICHEN SCHWEIZER KÜHEN. SELBSTGEMACHT NACH DEM ORIGINAL REZEPT MEINES GROSSVATERS… ZEHN JAHRE GARANTIE, HAHAHA…“ Die kochenden Caramel kann man schon von weit her riechen und so spricht es sich rasch herum, dass die Schweizer in der Stadt sind. Bald realisiere ich, dass unser Schweizer Stand mit uns selbst als Hauptdarsteller dahinter, zu unserer eigenen kleinen Bühne geworden ist. Natürlich bin ich hier der unbestrittene Star, was ich ungeniert ausnutze und in meiner schneeweissen Kochbluse auch genussvoll auskoste. Von frühmorgens bis Feierabend ziehe ich meine Show durch und locke so täglich hunderte von Kunden an unseren Stand. Meine lustigen Sprüche, gemixt mit einer gehörigen Portion Schweizer Dialekt, kommen so gut an, dass wir uns vor lauter Fans kaum noch retten können. Bald bin ich mit Caramel kochen und Sprüche klopfen so sehr beschäftigt, dass mir keine Zeit mehr fürs Verkaufen bleibt und wir deshalb eine Verkaufshilfe engagieren müssen. Sogar die Lokalpresse hat von unserem Auftritt Wind gekriegt und schickt einen Reporter vorbei, welcher ein paar Fotos schiesst und uns eine ganze Seite in seinem Blatt verspricht.

Diese und vorhergehende Seite: Schweizer Rahmtäfeli-Stand beim Horten in Pforzheim - Deutschland 1979

KAPITEL 8

RUTSCHPARTIE

Wir arbeiten hart, verdienen aber auch gutes Geld dank welchem wir ein komfortables Leben führen können. Wohnen tun wir im schicken Hotel und Filet gibt es, wann immer wir Lust haben. An diesem Samstagabend wollen wir uns allerdings ein extra feines Nachtessen in einem besonders schicken Restaurant gönnen. Etwas ausserhalb, inmitten der komplett verschneiten Winterlandschaft, liegt dieser als Geheimtipp geltende Landgasthof. Und tatsächlich, die Grillhaxen werden hier knuspriger und die Beilagen frischer als sonst wo serviert. Wie gewohnt, wenn ich noch fahren muss, trinke ich kaum etwas und gebe mich daher mit einer Schorle zufrieden. Der guten Laune tut das allerdings keinen Abbruch, sodass wir uns zufrieden über den wunderschönen Abend auf den Heimweg machen. Die Strassen sind gut geräumt aber salz nass, weshalb ich eine besonders vorsichtige Fahrweise wähle und ich deshalb mit entsprechend angepasster Geschwindigkeit über die Landstrasse zurück nach Pforzheim fahre.

Anscheinend bin ich noch zu schnell unterwegs, denn urplötzlich und ohne jede Vorwarnung kommt der Toyota in einer scharfen Rechtskurve ins Rutschen. Machtlos muss ich mitansehen, wie das Auto auf die Gegenfahrbahn kommt und auf Kollisionskurs mit einem entgegenkommenden Fahrzeug gerät. Wie durch ein Wunder kommt es nicht zum Zusammenstoss. Aber das Coupé schiesst die etwa fünf Meter hohe, verschneite Böschung hinauf. Hier oben bleibt das völlig unbeschädigte Auto für einen kurzen Augenblick stehen. Exakt in dem Moment, wo wir gerade glauben, mit einem Schrecken davon gekommen zu sein, kippt das Auto ganz langsam, quasi in Zeitlupe, zur Seite und legt sich mit einem hässlich knarrenden Geräusch aufs Dach. Doch dabei bleibt es nicht. Plötzlich setzt sich unser Gefährt auf dem Dach liegend erneut in Bewegung und rutscht die Böschung hinunter in Richtung der Landstrasse. Der Strassengraben macht unserem Ausflug schliesslich ein Ende. Ziemlich geschockt erkundige ich mich über das Wohlbefinden meiner Beifahrerin. „ELKE! BIST DU OK, GEHT ES DIR GUT, BIST DU VERLETZT?“ Elke stottert: „Mir geht es gut, nur beimAussteigen brauche ich bitte Hilfe.“ Mir fällt ein Stein vom Herzen. Während wir, uns gegenseitig helfend, aus dem Auto kriechen, kommen auch schon die ersten Hilfe bietenden Automobilisten angerannt. Offensichtlich haben die mit dem Schlimmsten gerechnet, denn als wir völlig unverletzt aussteigen, steht ihnen die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Auch Sirenen und Blaulicht sprechen dafür, dass man unseren Unfall wohl sehr ernst genommen hat. Nachdem sich auch die herbeigeeilten Sanitäter von unserem guten Allgemeinzustand überzeugen konnten, rückt der Krankenwagen wieder ab. Die Polizei leistet uns jedoch noch etwas Gesellschaft, benimmt sich aber aussergewöhnlich freundlich und hilfsbereit. Die Gesetzeshüter setzen auch wirklich alles daran, um uns rasch möglichst mit unserem Auto von hier wegzubringen. Von einem Bussgeld sehen sie grosszügigerweise ab, mahnen mich allerdings künftig zu mehr Vorsicht.

Schon am frühen Morgen begeben wir uns mit dem Taxi in die Werkstatt, wo der Abschleppwagen gestern Nacht unser Auto hingebracht hat. Der Toyota ist überall mit Dreck verschmiert. Das Dach ist eingedrückt, die Heckscheibe und die beiden hinteren Seitenscheiben sind zerborsten. Die Frontscheibe scheint wie der Rest des Autos unbeschädigt. Der taffe Meister dieser Hinterhof-Werkstatt meint dann auch ganz entspannt, er könne das Dach heute noch rausdrücken und die hinteren Scheiben mit Plastik zukleben, sodass die Kiste wenigstens notdürftig wieder fahrbar wäre. 500 Mark seien da aber schon fällig, es sei ja schliesslich Sonntag.

Ich lasse den guten Mann ran und komme nach einem ausgiebigen Frühstück wieder. Tatsächlich sieht der Toyota schon fast wieder wie ein echtes Auto aus. Während Elke in Pforzheim bleibt, um am Montag einmal ohne mich den Stand aufzumachen, fahre ich noch am selben Tag in die Schweiz. Natürlich fürchte ich die Reaktion meines Vaters, wenn er sieht was ich mit seinem Auto angestellt habe. Gerade bis zur Autobahnauffahrt hat das Plastikprovisorium gehalten. So ganz ohne Heckscheiben wird’s jetzt richtig kalt und ich meine richtig eiskalt. Bei minus zehn Grad glaube ich, trotz Winterjacke, Handschuhen und Wollmütze, erfrieren zu müssen. Endlich in Basel angekommen staunen die Zöllner nicht schlecht ob meinem Gefährt. Zu meinem Erstaunen lassen diese mich aber ganz ohne Kontrolle passieren, wohl aus Mitleid.

Als ich schliesslich daheim vorfahre, kriegt Vater erst mal einen gehörigen Schreck. Dann will er wissen ob ich in Ordnung sei. Als ich dies bestätigen kann, freut er sich und macht sich erst einmal ein wenig lustig über mich. „Warum in Teufels Namen hast du denn diese Schrottkiste überhaupt erst heim gebracht?“, will er wissen. „Dieses Auto geht sofort zum nächsten Abbruch und wenn wir Glück haben, dann kostet das vielleicht nichts.“, meint er weiter, schliesst mich in seine Arme und lacht. „Gott sei Dank bist du in Ordnung mein Sohn. Und wie läuft’s denn so in Deutschland…“

KAPITEL 9

DIE TÜREN ZUM ERFOLG

Schon am kommenden Morgen sitze ich im Zug nach Pforzheim. Die Geschäfte laufen super toll. So gut, dass ich mir jetzt mein erstes eigenes Auto leisten kann. Damit ich künftig den Stand nicht weiterhin auf dem Dach transportieren muss, soll es vernünftigerweise ein Kombi werden. So etwas wie ein Ford Granada wäre ideal. Gleich beim ersten Gebrauchtwagenhändler um die Ecke finde ich mein Traumauto. „WAS FÜR EN GEILE CHLAPF!“, denke ich mir. Während ich das Objekt der Begierde mit meinem schwärmerischen Blick fixiere, strahlt es mich in glänzendem Weiss an. „Gefällt der Ihnen?“, will der sympathische Händler wissen. „LÄSST SICH HIER EIN DACHTRÄGER MONTIEREN?“, will ich wissen. Die richtige Antwort kommt prompt: „Das lässt sich organisieren.“ Den muss ich haben, weiss ich jetzt. Da pfeif’ ich doch glatt auf meine guten Vorsätze betreffend Kombi. Engländer hin oder her, dieser 73er Rover V8 mit schwarzem Vinyldach, roter komplett Lederausstattung, aufgesetztem Reserverad, Klimaanlage, elektrischen Fensterhebern und Becker Mexico Radio Tonband für schlappe siebeneinhalb Tausend Mark hat es mir angetan. In der ganzen Aufregung vergesse ich doch glatt, nach dem Kilometerstand zu fragen, geschweige denn nach einem Serviceheft oder sonstigem Kram. Aber eine kurze Probefahrt muss sein. Wer kauft schon gerne die Katze im Sack? Auf der Autobahn geht der Rover wie nichts auf 180 Stundenkilometer, sodass mich der daneben sitzende Verkäufer um gemässigte Fahrweise bittet. Wow! Jetzt bin ich aber so was von begeistert von diesem Schlitten, den möchte ich auf der Stelle mitnehmen. Die fünftausend Mark Cash reichen aber nicht ganz aus und vor kommendem Montag gibt’s kein Geld. Also biete ich dem Händler kurzerhand meine goldene Audemars Piguet als Pfand an. Die seltene Armbanduhr, welche ich mir nach der durchgefallenen Fahrprüfung mit dem ersparten Geld für mein erstes Auto aus lauter Frust bei der Bijouterie Adam in Luzern gekauft habe, ist natürlich bedeutend mehr Wert. Und so haben wir einen Deal.

Nachdem wir mit dem Rover ein tolles Wochenende bei Elke zu Hause in der Pfalz verbracht haben und ich am Montag nach der wöchentlichen Abrechnung beim Horten auch meine Uhr wieder ausgelöst habe, bin ich voller Tatendrang. Durch den grossartigen Erfolg in Pforzheim angespornt, möchte ich künftig meinen Wirkungskreis auf ganz Deutschland ausweiten. Bei einem gemeinsamen Mittagessen erzähle ich Herrn Steinmann, dem Direktor des Horten Pforzheim, von meiner Idee. Dieser findet grossen Gefallen daran und will mich bei der Durchführung innerhalb des Horten Konzerns unterstützen. Noch am selben Tag setzt er sich mit der Zentrale Neuss bei Krefeld in Verbindung und macht für mich auch gleich einen Termin beim obersten Boss von Horten klar. Ab nach Neuss!

Vom Sound des kräftigen V8 völlig begeistert, nutze ich die unlimitierte Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen und lasse die Nadel des Tachos anstehen. Dabei höre ich Musik von Rod Stewart und träume von grossartigen Geschäften in dem mir so sympathisch gewordenen Deutschland. Ein bisschen nervös bin ich dann aber schon, als ich wenig später das moderne Gebäude der Horten-Zentrale betrete. Hier werde ich bereits erwartet und von einer ebenso hübschen wie freundlichen Empfangsdame zum Büro des Herrn Direktor begleitet. Ein gross gewachsener, elegant gekleideter Mann in den Fünfzigern begrüsst mich mit einem kräftigen Handschlag: „Ledermann, sehr erfreut Herr Bosshard. Ich begrüsse Sie hier in Neuss, es ist mir eine grosse Freude Sie kennen zu lernen“. Ich nehme all meine Courage zusammen, versuche mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen und erwidere den kräftigen Handschlag. Jetzt überreiche ich ihm einige Tüten meiner Caramel und bedanke ich mich gleichzeitig für seine kostbare Zeit. Herr Ledermann bittet mich, in einem der ledernen Clubsessel Platz zu nehmen und macht es sich hinter seinem schweren Eichenschreibtisch bequem. „Darf ich Ihnen einen Kaffee, ein Wasser oder vielleicht einen Cognac anbieten?“, fragt mich die hübsche Assistentin höflich. Man bietet mir Kaffee und Cognac an? Das kann ja nur Gutes bedeuten, denke ich mir. Obwohl ich gerade eben alt genug für einen Cognac wäre und ich diesen jetzt zur Beruhigung auch gut gebrauchen könnte, entscheide ich mich für einen Kaffee und lege los.

Voller Motivation erzähle ich, wie sehr es mir hier in Deutschland gefällt, dass ich die Leute hier wegen ihrer Weitsicht besonders gut mag und dass ich ja sogar ein halber Deutscher sei. Meine Mutter kommt schliesslich aus Weinstadt an der Weinstrasse in der Pfalz. Schlussendlich komme ich auf den Punkt und mache Herrn Ledermann klar, dass ich meinen Auftritt — ganz nach dem Erfolgsrezept von Pforzheim — nun auch auf andere deutsche Städte ausweiten möchte. Während ich meine Ideen vortrage, koste ich den vorzüglichen Kaffee und rauche ganz selbstverständlich ein, zwei Zigaretten. Da dem Herrn Direktor die sensationellen Umsätze der vergangenen zwei Wochen vorliegen, muss ich gar nicht mehr all zu viel erzählen. Herr Ledermann klopft mir auf die Schulter und meint: „Herr Bosshard, Sie sind ein aufgeschlossener, sehr tüchtiger junger Mann und das gefällt mir. Die Türen zum Erfolg stehen Ihnen offen. In welchem Horten Sie auch arbeiten möchten, Sie können es sich aussuchen. Persönlich werde ich dafür sorgen, dass Sie jeweils Ihren Wunschstandort kriegen werden. So, und nun wünsche ich Ihnen viel Glück bei Ihrem Vorhaben.“ Was für aufmunternde Worte. Jetzt bin ich aber richtig stolz. Wenn der wüsste, dass ich grad mal 18 bin, hihi!

KAPITEL 10

SCHACHMATT

Nach insgesamt sechs erfolgreichen Wochen endet Mitte Februar 1979 unser Engagement beim Horten in Pforzheim. Die nächsten beiden Standorte in Stuttgart und Karlsruhe sind bereits fest gebucht. Doch bevor es wieder losgehen soll, wollen wir uns eine Woche Ferien daheim gönnen. Stolz über meine Leistung, fahre ich mit dem vollbeladenen Rover und den Taschen voller Geld in Richtung Schweizer Grenze. Anders als sonst werden wir nicht durchgewinkt. Heute hält man uns an und verlangt die Pässe. Dann werde ich gebeten, auszusteigen und den Kofferraum zu öffnen. Der junge deutsche Zöllner fordert mich nun auf, den Kofferraum komplett auszuladen. Brav folge ich seinen Anweisungen. „Und was ist mit dieser Gasflasche?“, will der Zöllner wissen. „DIE IST MIR ZU SCHWER, ICH HABS MIT DEM RÜCKEN.“, erwidere ich mit einem frechen Grinsen. Das war die falsche Antwort, wie sich bald herausstellen wird. Eine Dummheit meinerseits, welche mein ganzes Leben verändern soll.

Durch mein störrisches Verhalten habe ich dem jungen Streber erst einmal Anlass gegeben, mich gleich so richtig auseinander zu nehmen. „Bitte fahren Sie rechts ran!“, raunt der Zöllner. Er scheint richtig angetörnt und beginnt gemeinsam mit anderen Kollegen damit, das komplette Auto, inklusive Handschuhfach, zu durchstöbern. Denken tu ich mir nichts dabei, denn ich habe weder etwas verbrochen noch habe ich Schmuggelware geladen. Soweit so gut. Wäre da nicht dieses kleine schwarze Büchlein aus dem Handschuhfach, welches mir der Zöllner siegessicher unter die Nase reibt. „OH MEIN GOTT!“, murmle ich erschrocken. Das habe ich ja total vergessen. Was da gerade beschlagnahmt wird, ist mein fein säuberlich geführtes Umsatzbuch. Der eine junge Zöllner fordert mich nun genüsslich auf, ihm ins Zoll Büro zu folgen. Hier empfangen mich weitere Beamte, welche mich in einen separaten Raum bringen. Getrennt von meiner Freundin beginnt nun eine Art Verhör. Zwei Männer und eine Frau haben viele Fragen und alle führen sie auf das selbe hinaus: „Seit wann arbeiten Sie in Deutschland? Haben Sie eine Arbeitsbewilligung? Haben Sie Ihr Gewerbe angemeldet? Arbeitet Ihre Begleitung für Sie? Wurden Ihre Einnahmen dem Finanzamtgemeldet? Zahlen Sie Steuern in Deutschland?…“. Fragen über Fragen zu denen ich kaum Antworten weiss. Plötzlich fühle ich mich auch nicht mehr als der Grösste und bekomme es mit der Angst zu tun. Das Fiasko hier ist dermassen schlimm, dass es offensichtlich nicht reicht, mich als naiv oder grün hinter den Ohren zu bezeichnen. Bescheuert oder hirnverbrannt wären hierbei sicher die treffenderen Worte. Denn tatsächlich habe ich mich in keinster Weise auch nur im Ansatz um Bewilligungen, Steuern oder ähnliches gekümmert. Mit dem Rücken zur Wand sehe ich ein, dass es zwecklos ist mich hier noch herausreden zu wollen. Um Elke zu schützen lasse ich sie so gut wie möglich raus und behaupte, dass sie mir zwar zwischendurch mal hilft, dafür aber keinen Lohn kriegt. Was ja im weitesten Sinne auch stimmt. Das deutsche Kennzeichen am Rover erkläre ich damit, dass das Auto Elke gehört. Ansonsten gebe ich offen zu, dass ich mir bisher weder über eine Arbeitsbewilligung noch über das Finanzamt Gedanken gemacht hatte. Was ja leider auch der Wahrheit entspricht. Die Zöllner zeigen sich natürlich wenig beeindruckt von meinen schwachen, wenn auch ehrlichen Aussagen. „Die deutsche Staatsanwaltschaft wird sich der Sache annehmen. Ihren Schweizer Pass behalten wir hier. Sie können dann gehen, das war’s. Alles weitere erfahren Sie dann auf dem Postweg. Auf Wiedersehen.“, geben mir die Beamten mit auf den Weg.

Ob’s das wirklich war, will ich nicht mit Sicherheit behaupten, aber schockiert bin ich allemal. Als ich zu Hause meine Geschichte erzähle, beruhigt mich Papi und meint, dass es doch bestimmt nicht so ganz schlimm kommen werde. Doch mit einer Busse, oder Nachzahlung müsse ich wohl schon rechnen. Mehr als zwei leidvolle Wochen ohne jede Nachricht vergehen und das Warten macht mich krank. Ich möchte wieder nach Deutschland und dort weitermachen, wo ich aufgehört habe. Stuttgart und Karlsruhe habe ich schon mal abgesagt, mit der Begründung ich sei krank. Etwas Gescheiteres ist mir nicht in den Sinn gekommen.

Endlich, zwanzig Tage nach dem Grounding beim Zoll, bekomme ich eingeschriebene Post aus Deutschland. Ich wage es kaum, den grossen gelben Umschlag zu öffnen, tue es aber dennoch und lese sofort das meinem Pass beigelegte zehnseitige Schreiben. In diesem werden meine allerschlimmsten Befürchtungen nicht nur bestätigt, sondern gleich um ein Tausendfaches übertroffen. Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht damit. Was ich hier zu lesen bekomme, haut mich glatt um. Man bezichtigt mich der Schwarzarbeit, der Steuerhinterziehung und weiterer Delikte, welche ich nicht zu verstehen vermag. Und man will es vielleicht nicht glauben, aber die deutschen Behörden bestrafen mich doch tatsächlich mit einem nicht nachvollziehbaren, zehnjährigen Einreiseverbot. Dieses ist auch unübersehbar in meinen Pass gestempelt. SCHACHMATT!

Als wäre dies nicht Strafe genug, macht sich meine Angebetete auch noch gemeinsam mit meinem weissen Rover von heute auf morgen aus dem Staub. Das nennt man auch: „Die Ratten verlassen das sinkende Schiff“. So gesehen hat mich das Deutschland-Desaster wohl vor weit grösserem Unheil bewahrt. Naiv wie ich bin, hätte ich diese Elke womöglich noch geheiratet und dann hätte ich ja wohl „Das Geschenk“ gehabt.

KAPITEL 11

DER KREIS SCHLIESST SICH

Nachdem ich in Deutschland die Luft der Selbstständigkeit geschnuppert habe, will ich eigentlich nicht mehr zurück in Vaters Firma. Also suche ich mir in diesem kalten Winter 1979 notgedrungen erst einmal etwas zur Überbrückung. Durch ein Inserat angesprochen, führe ich ein Telefonat und bekomme den Job auf anhieb. Mein neuer Arbeitsplatz befindet sich in Form eines temporären Musikstandes im Migros-Center Stans. Der Job als Musikkassetten-Verkäufer sagt mir zu, weil ich erstens am Umsatz beteiligt bin und zweitens der geborene Verkäufer bin. Wie gewohnt, gebe ich mein Bestes und mit Leichtigkeit übertreffe ich nach den ersten Tagen die Umsatzvorgaben meiner Chefs um ein Vierfaches. Zwei Wochen später ist dieser Promotion-Auftritt dann auch schon wieder zu Ende und ich freue mich auf mein hart erarbeitetes Gehalt von immerhin etwa zweieinhalb Tausend Franken. Leider kommt es nicht zur Auszahlung. Die beiden Chefs outen sich plötzlich als zwei knausrige Schwule, welche mir meinen verdienten Lohn streitig machen wollen und dann auch noch versuchen, aufdringlich zu werden. Ich hasse das. Also fackle ich nicht lange und zeige die zwei alten Säcke bei der Polizei an. Mein Recht muss ich mir jedoch erkämpfen und dafür einige Wochen später sogar mit dem Zug ins Tessin reisen, um dort bei Gericht vorzusprechen. Die zwei feigen Säcke versäumen natürlich den Termin. Ich bekomme zu hundert Prozent Recht und darüber hinaus einen wertlosen Schuldschein einer pleite gegangenen Firma. Das Thema Arbeiten für Fremde will ich damit endlich abgeschlossen haben. Nochmals lass ich mich nicht so betrügen und beschliesse, zukünftig nie mehr für Aussenstehende arbeiten zu wollen.

Vernünftigerweise habe ich zwischenzeitlich mit Vater das Gespräch gesucht und ihm angeboten als Juniorchef in die Firma einzusteigen. Für qualifiziert genug halte ich mich allemal. Habe ich doch gerade meine Berufslehre mit mir selbst als Lehrmeister mit Bravour bestanden. Na ja, wenigstens was den praktischen Teil angeht.

Noch vor meinem 19. Geburtstag starte ich mit dem St. Galler Frühlingsjahrmarkt 1979 meine vielversprechende Karriere in Vaters Firma. Mein hauptsächlicher Arbeitsplatz befindet sich allerdings in Zürich an der Löwenstrasse bei Vaters Mandelstand vor dem angesagten Warenhaus Globus. Bald wird mir klar, dass dies auch meine zweite Lehrstelle werden soll. Denn hier herrschen strenge Gesetze, an die man sich zu halten hat. Aufmerksam widme ich mich meiner neuen Aufgabe und stelle unermüdlich mein Verkaufstalent unter Beweis. Gemeinsam mit zwei Verkäuferinnen gelingt es mir bereits in den ersten beiden Wochen, den Umsatz zu verdoppeln, was nicht nur Vater freut. Auch der Herr Direktor kommt des Öfteren an meinen Stand und lobt mich.

Auf dem Papier bin ich ja seit Geburt Bürger der Stadt Zürich. Auch wenn ich nur „Züridütsch“ spreche, weil mir der Luzerner Dialekt seit Kindheit nicht gefällt und ich damals als Knirps Papis Dialekt abgekupfert habe, so scheint sich der Kreis nun doch zu schliessen. Als „Züribürger“ fühle ich mich jedenfalls auf Anhieb pudelwohl in der einzigen echten Schweizer Stadt, wie ich finde.

Das war nicht immer so…

KAPITEL 12

KINDHEITSERINNERUNGEN 1968 bis 1976

Bis zum ersten Schuljahr wuchs ich gutbehütet mit beiden Elternteilen in Buchrain auf. Wir bewohnten in einem Block an der Kirchbreite eine kleine Wohnung. Ich erlebte eine unbeschwert glückliche Kindheit, dort wo die Welt noch völlig in Ordnung war. Als sich meine Eltern scheiden liessen, wurde alles anders.

Papi zog in ein schönes, neues Haus in Buchrain und ich mit meiner Mutter nach Pratteln in ein hässliches Hochhaus. Während ich mich in dieser Wohnung fremd und einsam fühlte, zog bei Papi bald eine neue Frau aus Basel mit ihren zwei kleinen Kindern ein. Auch meine Mutter brachte einen neuen Mann nach Hause. Man höre und staune, bei dem langweiligen Chemielaboranten aus Basel handelte es sich doch ausgerechnet um den Ex-Mann von Papis Neuer. Offensichtlich hatten diese sich dabei kennengelernt, als sie beide ihre Ehepartner beim Fremdgehen ausspionierten.

Und so besuchte ich die zweite Klasse in Pratteln ohne meine Freunde vom letzten Schuljahr und wohnte mit Mami und einem fremden Mann in dieser schrecklichen, dunklen Wohnung ohne Garten mit Sicht auf den Parkplatz. Als aufgeweckter Bub fiel es mir schwer, mich mit der Situation abzufinden. Doch noch schlimmer setzte mir die ewige Hetzerei meiner Eltern zu, wobei keiner auch nur ein gutes Haar am anderen liess. Ich litt extrem darunter und vermisste meinen über alles geliebten Papi sehr. Manchmal verabredeten wir uns heimlich und trafen uns in einem naheliegenden Restaurant. Diese Treffen bedeuteten mir alles und bleiben bis heute unvergessen. In der Schule fand ich keinen Anschluss und wurde zum Aussenseiter. Als bräuchte mein eh schon unglückliches Kinderleben noch einen Höhepunkt obendrauf, gipfelte das Ganze darin, dass mich meine Mutter in der Waschküche des Diebstahls ihres Portemonnaies beschuldigte. Ich war völlig perplex, weil komplett unschuldig und versuchte ihr das auch klar zu machen. Ich wusste nicht, was in sie gefahren war, aber sie wollte mir partout nicht glauben. Weinend schwor ich, dass ich doch niemals meine Mami bestehlen würde. Doch sie schenkte mir keinen Glauben und tat etwas, was ich niemals mehr vergessen werde. Sie rief die Polizei und machte eine Anzeige wegen Diebstahl. Mit einem Schlag verlor ich so auch noch das letzte bisschen Glauben an ein glückliches Familienleben unter einem Dach mit der Mutter und dem Basler. Ich fühlte mich hoffnungslos und von der eigenen Mutter verraten — eine Welt ging unter.

Damals lernte ich aber auch, dass wahrscheinlich die meisten schlechten Erfahrungen auch etwas Positives in sich bergen. Und so kam es, dass ich schon bald bei Papi in seinem schönen neuen Haus in Buchrain leben durfte. Meine Kindheits- und Jugendgeschichte nun mit „Ende Gut alles Gut“ zu bezeichnen, wäre zu diesem Zeitpunkt noch etwas verfrüht. Denn schon bald sollte sich wieder alles ändern. Als Drittklässler konnte ich weder die Neue in Papis Leben, noch ihre beiden Kinder im Vorschulalter besonders gut leiden. Ich gab mir zwar alle Mühe, mich in die neue Familie einzugliedern, aber irgendwie konnte ich mich mit den „Fremden“ nicht anfreunden.