Rheinufer - August Guido Holstein - E-Book

Rheinufer E-Book

August Guido Holstein

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Beschreibung

Fünf Männer treffen sich regelmässig in der Basler Wirtschaft „Mägd“ und erzählen aus ihrem Leben. Der Leser tritt eine spannende Reise an in unterschiedliche Lebensgeschichten, deren Spuren in die Kindheit des Cellisten Zarko Celwuin auf den Balkan führen, in ein Hotel am Walensee, wo der spätere Gymnasiallehrer Felix Holder die Gäste am Klavier unterhält, in das Atelier des Kunstmalers Robert Frank und in den geregelten Alltag des Buchhalters Paul Wettstein und des Polizisten Artur Staff. Kunstvoll sind die verschiedenen Lebensstränge miteinander verbunden. Der Rhein wird dabei zum Symbol, der das Leben vorwärts treibt und die Erinnerungen wie Treibgut ans Rheinufer spült. Mit tänzerischer Virtuosität führt uns der Autor Guido Holstein, der aus einem fast unbegrenzten Schatz an Fantasie schöpfen kann, zu den wichtigsten, weil letzten Fragen des Daseins: Ist das Leben eine Komödie voller Lichtblicke, voller Überraschungen und dennoch, gerade wegen seiner Vergänglichkeit, voller abgründiger Dramatik?

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2014

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August Guido Holstein, 1935 in Zürich geboren, Bürger von Basel und Fislisbach/ AG, Hotelierssohn. Lic.phil.I, Studium der Geschichte, Deutsch, auch Französisch und Geographie, pens. Bezirkslehrer im Aargau. Lebt in Fislisbach. Kulturvermittler, eine Zeitlang Präsident der Literarischen Gesellschaft Baden, auch leitender Vizepräsident des ZSV, Zürcher Schriftstellerverbands, Lektor Pro Lyrica Schweiz.

Bisher sind erschienen: Roman Alptag, Edition Leu, Zürich 1992. Vier Lyrikbände, z.B. Der Berg geht zum Meer, Pro Lyrica 2001. Fünf Erzählbände, zuletzt 2010 Fabulistan.

Inhaltsverzeichnis

Ufergespräche

Unter der Nachtlampe

Fasnachtsvorbereitungen

Die Begegnung

Auf die Welt kommen

Die Geburt

Cello

Vom Balkon aus

Fotoalbum

Ufer, Fähre, Strudel

Die Traumrunde

Die Verwandten des Kindes

Kunstbetrachtung

In Bedrängnis

Polizei

Auftrieb

Die Erkundung

Napf

Patagonien

Zoologisches

Die Enge vor der Weite

Am Wasser

Friedhof Hörnli

Basler Totentanz

In Freiheit

Die Rheinfahrt mit den Verrücktheiten

Berg und Stadt

Fliegen

Lehrer

Jugend

Schönheit

Die Frauenrunde

1. Ufergespräche

Die Alten- oder Pensionistenrunde in der Wirtschaft Mägd am Rhein zu Basel. Doch Künstler werden nicht pensioniert. Der Musikus vom Balkan liebt Bussenzettel. Sie sollen am Stammtisch aus ihrem Leben berichten, anstatt wild drauflos zu reden über dies und das und nichts Besonderes. Zuerst aber die Geigenmutter-Geschichte, dann über ihre Vorfahren.

Der Strom floss träge dahin. Auf seiner Wasseroberfläche helle Schatten. Wie Schicksale, die den Rhein hinab fliessen, dachte er. Doch nach seiner Art korrigierte er sich sofort: Nein, nichts Finsteres, auch keine Eisschollen, vielmehr im Lichte Schimmerndes, Glattes zwischen leichtem Gekräusel. Im Detail blieb er immer ein Optimist, damit er umso eher in seiner leicht melancholischpessimistischen Grundstimmung verharren konnte. So erlebte er auch seine Stadt, als graue Folie, mehr nobel als trist. Darauf so manch Exquisites: an den Fassaden und in den Häusern mit ihren Jahrhunderten der Kaufmannschaft, der Gilden, Räte, aber auch der Produktion, denn hier wurde nicht nur geredet, sondern auch gehandelt. Sein Credo. Erneut neigte er sich über das Brückengeländer und schaute gegen Westen zur weiss-silbrigen Linie der Fabrikmonumente mit den Dampffahnen am Horizont. Ein Rheinkahn, schwarz. Er stellte sich im Maschinenraum eine Wasserwoge vor, die sich beständig drehte und das Schiff antrieb. Der Mann hatte Ideen.

Nun drehte er seinen Kopf vom Westen nach Osten, glaubte plötzlich, wie in einem Spalt zwischen den Himmelsrichtungen, die Sagengestalt des Vogel Gryffs, den die Kleinbasler alljährlich auf der Brücke tanzen lassen, zu sehen. Das Fabelwesen neigte steckenartig den Kopf, indem es gleichzeitig mit seinen gestelzten Langschritten sich ihm näherte und ihm ins Ohr flüsterte: “Achte die alten Sitten und die Ehrengesellschaften, halte sie hoch, hoch, hoch!” - Er hatte noch keinen Wein getrunken, und er wusste, dass sich ständig alles ändert, wir aber oft damit Mühe bekunden.

Da eilte sein Gymkollege, Professor Fuetter, ihm entgegen, gerade der mit dem vogelgryff-ähnlichen Kopf, und das war sowohl unverständlich wie ulkig, aber eben das Leben - oder war mehr der Kopf unseres Mannes dafür verantwortlich? Der Kollege grüsste: “Schönen Abend, Herr Doktor Holder” und redete vom Totentanz. Die Basler stürben aus, einer nach dem andern, sie verschwänden. Dafür war diesmal Fuetters Kopf verantwortlich; er kannte den Hang seines Partners zur Nekrophilie. Unser Mann erwiderte, er habe geschworen, er gehe eine Zeitlang nicht mehr auf den Friedhof Hörnli, es sei nun genug. Für ihn seien schon zu viele in der Erde. Professor Fuetter konterte, er liebe es, dort zu spazieren und das Leben zu geniessen. Verabschiedung, um das Leben zu geniessen. Als Fuetter sich von ihm entfernt hatte, schüttelte sich der Mann, als sei er eingeschneit worden.

Die Mitmenschen. Er habe nichts zu klagen, er habe es nun als Pensionierter so gut, dazu lebe er als Kunstbeflissener in seinem Elfenbeinturm, hatte ein anderer Bekannter im Tram zu ihm gesagt, und er hatte geantwortet, nein, er beklage sich keineswegs; aber er lebe nicht im Elfenbeinturm, sondern auf dem Elfenbeinturm und blicke hinab auf das Leben, quasi vom Leuchtturm herab, den er von Zeit zu Zeit in Betrieb setze, um einiges auszuleuchten.

Doch der ehemalige Gymnasiallehrer Kaspar Felix Holder stand am Rhein und nicht auf der Plattform eines Leuchtturmes von Le Havre, Bremerhaven oder Land’s End. Hinter ihm ratterte das Grüne Tram von Grossbasel nach Kleinbasel, und er war auf dem Weg zu seinen Stammtischfreunden. Man traf sich beinahe wöchentlich im Restaurant Mägd, in der St. Johanns Vorstadt, zu einer Runde Gemütlichkeit. Holder gehörte seit einiger Zeit zum festen Kern dieser Gesellschaft, zusammen mit dem Musikus Zarko Celwuin, dem Chefbuchhalter Paul Wettstein, dem ehemaligen Polizeiwachtmeister Arthur Staff und dem Maler Robert Frank.

Er hatte es, nun in seinem neuen Lebensabschnitt, weniger eilig als die Vorüberhastenden, die über die Pflasterweiten Arme und Beine verwarfen. Holder beobachtete, wie eine Möwe heran flog, ihre Flügel versorgte und den Kopf zu den Menschen drehte, und es war ihm, als staunte sie. Auch sie hatte Zeit, liebte aber offenbar darin die Abwechslung und flog wieder fort, silbergrau im Tagesgrau. Das war also seine Beobachtung vom Turm seines Wesens herab, dieser kleine Ausschnitt von Welt. Folgendes hatte sich zum Beispiel ebenfalls ereignet: Ein weiterer Vogel hatte einen Rivalen von seinem Standplatz vertrieben. Ein Pärchen an der Rade des gegenseitigen Ufers hatte sich drei Küsse gegeben. Vielleicht hatte ein Fisch eine Mücke über dem Wasserspiegel geschnappt, und ... und ... und. Er würde später noch einige Stadtgeschichten hören. Er lebte nicht im Elfenbeinturm, eher der Bekannte im Tram, der ihn so angesprochen hatte: In dessen ‘Turmverlies’ standen fünf Bildschirme. Als einen Idylliker hätte er sich noch bezeichnen lassen.

Holder stellte sich vor, er stamme von einem fernen Planeten mit vielen Wüsten und vielem Sand und besuche nun die Erde mit ihrem vielen Wasser und den Gärten. Er fand die Idee des Turmes nicht schlecht. Man war der Luft ausgesetzt, dem frischen Wind gegen die Hitze und hielt Abstand zur Feuchtigkeit von unten, wühlte also nicht wie ein Maulwurf im Leben, was schmerzlich sein konnte.

Restaurant Mägd: Es hätte der Eingang zu einem Theater des vorletzten Jahrhunderts sein können. Im Vorraum Plakate der Kinos und Galerien. Die hohen Räume des Restaurants mit den honiggelben Decken, den Einfassungen und Säulenkapitellen erinnerten ihn daran. Zarko Celwuin stand bereits beim Stammtisch und grüsste aus seinem breiten Schädel. Kollega Arthur Staff schnellte wie ein junger Sportler, immer mit einem Anflug von ironischem Lächeln, zur Begrüssung vom Sessel und meldete in amtlichem Ton, auf Zarko weisend:

“Er hat wieder eine Polizeibusse wegen zu schnellem Fahren eingefangen.”

”Hast du noch Platz an der Wand bei den vielen Scheinen?” fragte Holder, der wusste, dass Kollege Zarko Bussen wie andere Briefmarken sammelte, indem er sie in seinem Arbeitszimmer der Musikschule an die Wand heftete, und zwar neben der Seeräuberzeichnung seines Sohnes. Zarko Celwuin hatte sich erlaubt, mit rotem Stift Blut auf der Bleistiftzeichnung zu markieren, wo solches möglich war, was Holder nicht passte. Das war nicht die Art seines Sohnes, aber in der Art von Zarko. Arthur kommentierte:

“Unser Zarko lässt sich nie ganz zivilisieren und glaubt, der Hermandad eins auszuwischen, wenn er zu schnell fährt; seine Kindlichkeit und zugleich räuberische Freude. Zarko, Zarko, deine Vorfahren, die Räuber!”

Der Musikus drehte eine Pirouette, lachte, als wäre er bei einem Bankett des Teufels, dem er soeben einen Streich gespielt hatte, und der gelungen war. Holder setzte sich zu seinen beiden Stammtisch-Kollegen, und dieser Zarko verkündete in seinem Ausländerdeutsch, obwohl er schon einige Jahrzehnte in Basel weilte:

“Gut, gut, wir wieder in Basel abgemacht, wenn in Rheinfelden, Säckingen, Riehen oder im Elsass, hätte ich schöne Busse nicht.”

”Gut, dass nicht alle Verkehrsteilnehmer derart balkanesisch denken, es wäre noch lebensgefährlicher auf unseren Strassen.” Das verkündete selbstverständlich der Arthur Staff, Polizist.

Man rückte erneut die Stühle, stellte fest, das Wetter sei eigentlich mild. Der rundliche, etwas untersetzte Herr Celwuin wollte von der Serviererin wissen, ob sie Rauchwürste vom Schwarzwald hätten, was sogleich verneint wurde. Dann müsse er um Mitternacht noch seine eigene sieden.

“Aber Senf, ihr haben?”

“Mit was?” wollte sie wissen.

“Mit Meerrettich”, fügte Lehrer Holder hinzu.

Die Frau stand mit offenem Mund irgendwie blockiert vor ihnen, was der Strategie des Zarko entsprach. Doch der Musikus pflegte vom einen zum andern zu hüpfen, wie mit seinem Cellobogen auf den Saiten, und bemerkte: “Hört, die Geigenmutter! War wieder bei mir. In der Stunde”, was für später einen ausführlichen Kommentar versprach.

Das Auffallendste im Restaurant Mägd war das lange Buffet, dahinter ein Wandschrank, als wärs ein Altar, im gleichen Ton wie die Holztäferung in Ochsenblutrot. Zur Atmosphäre des Raumes trugen die Laternen bei, die Lampen mit ihren farbigen Wappenscheiben. Sie erinnerten an Fasnacht und ‘Morgestraich’. Man vergesse nicht die Zinnkannen, das grosse Bild an der Wand, militärisch-genealogisch mit Harnisch, Fahnen, Wortkränzen. Beim Eingang zur Küche der Vogel Gryff, der das Basler Wappen mit seinem Bischofsstab in seinen Klauen hielt. Hatte den der Bischof bei seinem Auszug zurückgelassen? Holder katalogisierte das Basler Wappen zum Basler Humor. Zwei Tafeln mit der Inschrift ‘Das süffige Fünfkorn-Bier’, die andere mit dem Tagesmenu: ‘Viktoria-Barschfilet, pochiert an Safransauce, Butterreis, grüner Salat.’

Nachdem man einander mit dreimal Gesundheit zugeprostet hatte, eröffnete Kaspar Felix Holder seine Rede mit der Bemerkung, er wolle etwas Spezielles kundtun, das er sich reiflich überlegt habe.

“Halte deine Stunde”, antwortete Zarko ironisch. Holder begann:

“Anstatt, dass wir am Stammtisch bloss miteinander reden um des Redens willen wie so viele, zu zufällig, ins Ohr hinein und wieder beim andern hinaus, schlage ich euch vor, dass wir als Zwischen- oder Hauptakt - wie ihr wollt - unser Leben in unsere Reden wickeln. Die wären dann nicht mehr so zufällig und würden uns mit Nachhaltigkeit beglücken. Wir könnten uns dabei noch besser kennen lernen, besser, als wenn wir bloss reden. Ihr wisst ja, das ‘fast food’, die Kioskheftchen - all diese Lebenstupfer können kaum unsere tieferen Tasten anschlagen; sie bringen nur flüchtige Sekunden, wofür es sich kaum lohnt, sich zu füttern und die umfangreichen Lebensvorbereitungen zu veranstalten ...”.

”Aber die Geigenmutter ...”, unterbrach Zarko.

“Ja, lieber Zarko, dein Jüngstes Gericht”, fuhr Kaspar Felix weiter, “könnte hier in der Beiz stattfinden. Wir sitzen auf dem Stuhl für die Lebensbeichte. Wie für einen Drink müssen unsere Essenzen herausgepresst und mit Alkohol vermischt werden. Betrachten wir unser Leben.”

Und der Rede kurzer Sinn? Wie er sich dies praktisch vorstelle, hörte man nun von Arthur Staff. Einen Lebensrapport. Krautwickel mit Gehacktem, sagte Celwuin zur Serviererin und zur Runde, er sei einverstanden, unter der Bedingung, dass er vorgängig etwas zur Geigenmutter ins Album des Stammtisches beitragen dürfe, es sei nämlich etwas Ausserordentliches geschehen. Er habe nichts dagegen, wenn der Felix zum Beispiel von seiner Geburt erzählen wolle, das sei für ihn sicher eben ausserordentlich gewesen. Er wette aber, dass es sich bei Kaspar Felix um eine literarische Geburt handeln werde. Der Lehrer bejahte, er werde über seine Geburt vorlesen; er trage den Text in seiner Tasche, zusammen mit dem Hausschlüssel.

Zarko blähte seine Wangen, indem er seine dunklen, buschigen Augenbrauen hochriss, trank einen grösseren Schluck Wein und begann:

“Kürzlich, mit meiner Celloschülerin, Olga, der besten, ihr wisst, Schweizerischer Musikwettbewerb.”

”Und sie hat selbstverständlich gewonnen, deine Schülerin, schon mit ihrem gewinnenden Lächeln?” redete Kaspar Felix ihm drein. Er aber antwortete:

“Nichts lachen, Schmerzen. Kam nicht zu Vorspielen.” ”Warum nicht?”

”Wegen Geigenmutter von Killwangen, haha, killenkillen!”

”Und?”

”Dumm, beide Mädchen, meine Olga und die ... wie hiess sie ...? ah, Irene, für Mutter Cellowunder, grösstes auf Erden, aber von Killwangen. Wisst, Geigenmutter zwei Töchter, Irene Cellowunder und Annatrude, jüngere, Violinwunder. Meine Olga, Irene, ihre Mutter stiegen Treppe hoch. Olga hart am Geländer. Mutter von Irene tut so” - er atmete tief und zog die Luft geräuschvoll durch die Nase – „als müsse sie, ihrer göttlichen Tochter, dringend etwas sagen. Boxte sich plötzlich heran zu meiner Schulerin, schwang einen ihrer Arme heftig, brutal gegen linke Hand von Olga. Diese schlug aus, an Eisengeländer. Zeigefinger verstaucht. Irene gewonnen! Musikväter nahmen Vorfall nicht zur Kenntnis. Und hört: Teuflische Mutter, entschuldigte sich nach ihrer Untat scheinheilig und eindringlich bei Olga: ‘Ist mir nicht recht ... Ist mir gar nicht recht ... Ist mir überhaupt nicht recht. Oh!’ - Zarko breitete weit die Arme aus und kippte das Glas um. - “Oh, wie recht! Geigenmutter jammerte gekonnt, schauspielerte. Üben, üben, hoffen. Am Schluss, kurz vor Erfolg Handgreiflichkeit. Beim Fussball, ihr wisst, Schiedsrichter; bei Cellospiel aber ist Texas mit Cowboys. Kaufe mir einen Colt, für nächstes Mal, haha.”

”Körperverletzung, einklagbar!”

”Aber nicht, wenn sie sich derart entschuldigt.”

”Allerdings, da macht die Polizei nicht mit, bei solchen Bagatellen“.

Arthur meinte dazu, dafür schreibe der Kaspar Felix vielleicht einen Krimi mit explodierenden Saiten. Die Stahlsaite des Cellos am Schluss um den Hals. Aber vorerst solle der Felix literarisch nun ohne Wehen auf die Welt gelangen. Noch einen Halben müssten sie zuvor bestellen. Er gleite dann besser. Zarko klatschte, um alle bösen Geister, die die Geburt umlagerten, zu verscheuchen. Arthur Staff wollte wissen, ob Kaspar Felix in ihrer Stadt auf die Welt gekommen sei. Holder antwortete, nein, er sei in der Stadt Zug, am Wohnort seiner Mutter, auf die Welt gelangt, aber in Basel geboren worden. Der Musikus streckte nun seine Zunge heraus wie der ‘Lällenkönig’ und schnitt eine Grimasse. Damit habe er nun alle bösen Geister vertrieben, Kaspar Felix könne beginnen.

Aber dieser war nicht gewillt, heute über seine Geburt zu berichten. Das Leben beginne nicht mit der Geburt, sondern vorher, und dies alles sei äusserst kompliziert. Man müsse mit den Eltern anfangen, mit seinem Vater. Der habe an der Mattenstrasse in Kleinbasel seine Jugend verbracht, ja, hinter der Mustermesse und seine Mutter in Zug in der ‘Friedeck’, am Bach, neben dem Zeughaus und hinter der Burg, in der einst die Habsburger vor ihrer Schlacht am Morgarten übernachtet hätten. Man lachte und meinte, die Einzelheiten der Schäferstündchen seiner Eltern müsse er hier nicht ausplaudern.

Nein, er wolle ganz anderes erzählen. Diese Vergangenheit komme ihm wie in einem Schwarz-Weiss-Film vor mit dem Thema ‘Die soziale Frage anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts’, genauer besehen mit dem Titel ‘Der Trinker’. Er wolle etwas ausholen:

“Neulich haben meine zwei Söhne sich an einer Kunstaktion mit einer Installation auf dem Areal des ehemaligen Güterbahnhofes, ausgangs Mattenstrasse, beteiligt. Es gibt dort auf dem Areal so etwas wie ein Bahnwärterhäuschen. Es ist das Terrain, auf dem heute tagtäglich die Lastwagen durchfahren und stationiert werden. Meine Söhne haben das kleine Bauwerk mit Autopneus gefüllt, in einer Art Strickmuster. Auf diese Struktur mit schrägem Linienverlauf haben sie mit farbiger Kreide eine zweite, gerade Struktur auf die Pneus eingezeichnet. Das ganze ein Pneumonument. Die Kreidestriche haben mich an die Unfall-Markierungen der Polizei auf den Strassen erinnert. Aber warum berichte ich darüber? - Weil präzise der Urgrossvater dieser Jungen auf diesem Gelände als Arbeiter der Badischen Bahn sein Brot verdient hatte, wovon meine Söhne jedoch nichts wussten.

Ich habe in meinem Familienalbum ein Foto von meinem Grossvater, einem Mann in tadellosem dunklem Anzug mit Gilet und Krawatte, weissem, wohl gestärktem Kragen. Im Gesicht einen buschigen, weit ausladenden Schnauz, wie ein Balken vor einem feinen, etwas allzu weichen Gesicht. Die Augen nachsinnend in sich gekehrt, von der Welt abgewandt und grosse Ohren. Ein geradegezogener Scheitel, der damaligen Zeit gemäss. Mein Vater pflegte wenig Kontakt mit ihm - aus Gründen. Wie ich orientiert bin, lebte unser Geschlecht im siebzehnten Jahrhundert im Tösstal, wanderte aber vor dem Westfälischen Frieden nach dem Dreissigjährigen Krieg nach Eimeldingen, ins Badische nördlich von Basel aus, wo ein Bauernhof mit Rebgütern übernommen wurde. Grossvater, als Nachzügler, übernahm nicht den Hof, sondern wurde Bahnarbeiter und war im erwähnten Güterbahnhof eingesetzt. Er erwarb zusammen mit meinem Vater vor den Kriegswirren das Basler Bürgerrecht.”

Die exotischen Serviererinnen zirkulierten zwischen den Tischen wie zwischen Inseln in Ostasien. Der Redner hielt inne, blickte zu den geschliffenen Glasscheiben gegen die Strasse mit den Ranken und Blumen. Und wer trat ein? Kaspar Felix hatte die Konturen seiner Gestalt erspäht, der Kunstmaler der Runde, Robert Frank aus der Ochsengasse. Er streckte ihnen seine breiten Hände entgegen und entschuldigte sich, er habe noch einen ‘Helgen’ vom Rosshof ‘verkitschen’ müssen. Wohl um die Konsumation bezahlen zu können, bemerkte Arthur halblaut. Robert Frank, von athletischer Statur - er hatte jahrelang im Paketservice der Post und bei städtischen Renovationsarbeiten sein karges Brot verdient - verfertigte Holzschnitte bekannter Stadt-Sujets, auch von Abbruch-Objekten und Neubauten, mit denen er bei den Leuten vorsprach. Er war kein so genannter Moderner Künstler, obwohl er dies hie und da versucht hatte. Seine Stärke lag im Expressionismus. Die neue Zeit war seinem Talent davongeeilt, obwohl er erstaunliche Werke in Öl aufweisen konnte, die er jedoch des öftern übermalte. Er war wohlgemut, denn er hatte noch in seinen alten Tagen das Glück erlebt, eine Freundin gewonnen zu haben, eine Ergänzung quasi, ordnungsliebend und wohlhabend, da sie einen Schönheits-Salon hinter dem Marktplatz betrieb, während er die Unordnung in Person darstellte, aus der lavaartig seine Bildnisse empor tauchten. Er rieb sich seine Nase, schnupfte, setzte sich mit seiner Denkerstirne und all seinem besonderen Wissen, hob seine dunklen, buschigen Brauen zu Bogen und blickte wie mit Röntgenaugen seine Kollegen an. In seine Züge mengte sich dabei etwas Pfiffiges und zugleich Tierhaftes, vielleicht wie bei einem Hund, aber er war ein Philosoph, ein Alternativler, Querdenker, Künstler. Es gab andere, anerkannte Künstler, die ihn in seiner Klause besuchten, zum Beispiel der Krayenbühl. Bis er an seinem heissen Tee schlürfte, diskutierten der Literat und Musiker über das Cello-Oeuvre des Komponisten Ernest Bloch mit seinen romantischen Zügen. Dann fuhr Kaspar Felix mit dem Bericht über seinen Basler Grossvater fort, nachdem Arthur dem Robert Frank die entsprechenden Hinweise erteilt hatte. Der sagte zum Polizisten:

“Jetzt wird’s kriminalistisch.”

Kaspar Felix korrigierte, die Schwelle dazu sei glücklicherweise nicht übertreten worden. Doch die Bemerkung verhinderte, dass der ehemalige Gymlehrer ausholte; er gab nur noch einige Bruchstücke von sich:

Die Eisenbahner - also auch sein Grossvater - seien nach der Arbeit durstig gewesen, verursacht wohl damals durch das Bremsen, den Eisenstaub, Dreck und Lokomotivendampf auf dem Güterbahnhof. Man habe Most und Schnaps getrunken. Offensichtlich habe der Grossvater dies schlecht vertragen können, er sei des öftern stinkhagelbesoffen nach Hause getorkelt, habe Radau geschlagen, ja sogar einmal in einem gewaltigen Rausch und in besonders aggressiver Stimmung mit einer Axt auf die verschlossene Wohnungstür eingeschlagen. Solche Bilder seien leider aus dieser Zeit allzu bekannt, und nicht nur Bähnler, sondern auch bekannte Herren hätten sich in solcher Weise übel betragen. Seine Frau, also seine Grossmutter vaterseits, habe sich weinend und verhärmt im Schlafzimmer mit ihren beiden Söhnen verbarrikadiert gehabt. Sie hätten die schwere Waschtischkommode mit der Marmorplatte vor die Tür geschoben. Derart hätten sie die Attacke überstanden. Der Betrunkene habe darauf im Hausgang übernachtet, neben der Tür des Kohlekellers.

Kaspar Felix fügte hinzu, er habe sich überlegt, warum sein Grossvater in dieses schlechte Fahrwasser geraten sei. Es trinke keiner, wenn nicht in ihm ein Kummer nage, das Trinken sei stets etwas Sekundäres. Er glaube, einen Grund in der Religionsfrage gefunden zu haben. Seine Familie, die Holder aus Eimeldingen, seien lutheranisch im positivsten Sinne. Doch seine Grossmutter vaterseits stamme aus dem östlichen Schwarzwald und habe fromm-katholisch gelebt, zumal sie eine Schwester gehabt, die einige Religionsfunken aufgewirbelt habe. Diese habe einen neuen katholischen Orden in Jerusalem gründen wollen, habe zugleich aber den Papst kritisiert, was in Basel üblich sei. Die beiden frommen Schwestern seien täglich schon frühmorgens in die Messe zur Clarakirche gepilgert. Seine Grossmutter habe aber tage- und nächtelang gearbeitet, gewaschen und Hemden für die damals ‘feinen Herrschaften’ gebügelt. Ihr Leben sei wohl in Frömmigkeit und Arbeit gänzlich aufgezehrt worden. Man frage sich, wo dann noch Zeit für den Mann, den hungrigen Bahnarbeiter verblieben sei.

Seinen Vater habe man früh von der Familie entfernt und nach Freiburg verschickt, von wo er wöchentlich nichts sagende Kartengrüsse nach Basel verschickt habe, denn vermutlich sei ihm verboten gewesen, etwas Persönliches zu schreiben. Der jüngere Sohn sei in der Stadt bei der Mutter verblieben und habe eine kaufmännische Laufbahn begonnen. Er habe später alljährlich zum Personalbestand der Mustermesse gehört. Den Grossvater habe er einmal im Leben in einem Altersheim unweit Basels begrüsst. Nach seinem Eindruck sei er ein netter, friedlicher Alter gewesen. So habe er ihn in Erinnerung.

Nun bestellte Celwuin noch ein Spiegelei auf Schinken zu seinen Krautwickeln mit Gehacktem, er habe Hunger, Robert Frank ein Sandwich. Der Polizist bemerkte entschuldigend, seine Frau koche.

Kaspar Felix fragte sich, wie seine erste, ausnahmsweise negative Erzählung gewirkt habe. Er sagte:

“Fühlt ihr euch wohler, nachdem ich berichtet habe, wie das Leben Mitmenschen schlecht mitgespielt hat? Das nächste Mal wird es teilweise umgekehrt sein. Viele lieben Schauergeschichten, um sich darauf selber besser zu fühlen. Positive Geschichten lassen die Zuhörer vielleicht eher kalt.”

“Warum bist du Polizist geworden?” fragte Robi den Arthur, und dieser antwortete:

“Aus Ordnungssinn. Sternzeichenmässig bin ich eine Jungfrau.”

”Wir Künstler stellen eurer Ordnung unser Werk entgegen”, meinte Zarko.

”Aber deine Musik ist doch Ordnung”, korrigierte der Lehrer.

“Nicht mein Leben, lieber Magister.”

Es schien, als flatterte seine Hand wie ein Vogel im Wind.

Auf dem Weg nach Hause dieses Bild: Seine Grossmutter, die kleine Frau mit dem Haarriebel und Kummergesicht, den Mund verkniffen, der Blick hinter der Radbrille wie ein Schmerz, rattert mit ihrem Leiterwagen spätabends von Kleinbasel über die Mittlere Brücke, um in Grossbasel ihre gewaschenen, gebügelten, gestärkten, gefalteten Hemdenbeigen abzuliefern. Sie zieht gebeugt ihr Gefährt, sieht nicht um sich, ein Menschenplanet auf einsamer Bahn, im Schicksalslauf. Während ihr Mann vielleicht zu Beginn einer Seitengasse, bei der Stadthausgasse etwa, sich an einer Hausmauer hält, hinüberspäht zur dunklen Frau, die vorüberzieht, seine weiche Stirne in Falten legt und etwas murmelt, dann in Richtung Rhein vorwärts torkelt, vermutlich noch beleuchtet von alten Gaslaternen.

2. Unter der Nachtlampe

Gymnasiallehrer Holders Grossvater. Macht zuviel denken dumm?

Von den Rändern her. Auch als Kontrast. Dazu gehört ebenso die Vergangenheit. Wir sind immer das Ufer; der Strom ist das Leben selbst. Der hat immer zwei Borde. Vielleicht hat dies mit der Polarität als wichtiges Erscheinungsprinzip zu tun. Jedoch an dieser Stelle stosse ich, Kaspar Felix, an meine Überlegungsgrenze.

Die Zuordnung der Polaritätsmerkmale ist nicht immer so einfach, wie es vorerst scheint bei kalt und warm, schwarz und weiss, Schatten und Licht. Ist eine Polarität zur Frömmigkeit nicht eventuell die Trunksucht, die Sucht überhaupt? Oder ist die Frömmigkeit auch eine Sucht? - Das wäre despektierlich und lieblos gedacht. Was ist Menschen vorzuwerfen, die ihren Gott suchen, und zwar mittels der Liebe zu den Mitmenschen? - Aber das hört sich zu einfach an für die Verhältnisse meiner Vorfahren damals an der Mattenstrasse.

Nacht. Diese Rufe und Schläge. Immer wieder. Dann Stille, unterbrochen von anderen Geräuschen im mehrstöckigen grauen Haus, etwa von der Wasserspülung. Wieder die Schläge. Man hätte anderntags gesagt, das sei einem durch Mark und Bein gegangen; also in den Knochen und im tiefsten Innern wäre es stecken geblieben. Immer wieder sind wir von Verrücktheiten und Tragödien umgeben. Der jüngere Sohn, mein Onkel, hat sein Vaterbild auf diese Rufe und Schläge reduziert. Schrecklich! Dieser Grossvater hatte doch ein ganzes Leben lang existiert, in vielfältiger Weise. Der hatte als Junge Fussball gespielt und war sicher in gewissen Stunden auch glücklich. Es gibt Menschen, die werden auf eine Sekunde in ihrem Leben fixiert. Wenn es das Vergessen nicht gäbe, müsste es erfunden werden. Aber ich habe mit meinem Aufruf am Stammtisch gegenteilig gehandelt, gegen das Vergessen. Jedoch was richtig und wahr ist, kann mir mein Tagebuch nicht beantworten.

Ist es richtig, dass der Paul Wettstein unserer Runde eine neue Frau sucht? Soll ich mich bei der Museumsarbeit beteiligen? Warum bin ich nicht in einem Verein, da ich jetzt nicht mehr Schüleraufsätze korrigieren muss? Warum bin ich in Basel geblieben? Sollen meine Söhne einen anderen Beruf erlernen? Soll ich in meinem Alter endlich geschäftstüchtiger werden? Soll ich Unterschriften sammeln zugunsten der Alternativmedizin, in Basel, wo wir von der Chemischen leben und die Arbeitsplätze möglichst gesichert sehen wollen? Soll man das Schweizerische weniger hervorheben und mehr den Regionalismus fördern? In der Randlage - und auf dem Elfenbeinturm. Ist nicht unsere teure Chemie dieser kostbare Elfenbeinturm, gemessen an der realen Situation vieler Völker auf dieser Erde?

Ach, soviel denken macht dumm. Ich komme mir blöd vor. Gescheit ist man, wenn man nicht weiss, dass man dumm ist. Man lebt und handelt - denkt eventuell im nachhinein hie und da nach. Kaffee zur Verdauung nach dem Essen, das Denken.

3. Fasnachtsvorbereitungen

Wie soll ein Fremder die Basler Fasnacht verstehen? Patagonien und Zarkos Jugenderinnerungen: sein Vater und Grossvater.

Zarko meinte, er habe sich von den Trommlern und Pfeifern schon in seiner Jugend in Sarajewo entfernt und sei den Saiteninstrumenten beigetreten, weil es dort nicht nur Most, Wurst und Brot gegeben, sondern weil er bei den Einladungen zum Spielen dem Wein und Braten habe zusprechen können. Und hier schöpfe man nur Mehlsuppe, haha! Aus ihm werde nie ein Basler, meinte Arthur, er sei und bleibe ein verständnisloser ‘fremder Fötzel’. Er blitzte ihn mit seinen Polizistenaugen an und lachte darauf begütigend. Er habe es nicht so gemeint, er wisse schon ... Der Frank komme heute nicht; er habe zuviel zu tun mit dem Laternenmalen. Früher hätte er ebenfalls keine Zeit gefunden, jetzt dazusitzen. Zarko maulte:

“Überall diese Flötenpipis und Fellschläger. Ich spielen mit Orchester Sinfonien.”

”Aber die Töne an der Fasnacht sind ursprünglicher, sie packen unsere Nerven, lassen sie vibrieren, ergreifen unser Herz. Du balkanesischer Feldhase, hast kein Basler-Herz?”

Zarko lachte, so wie er dies gründlich durchführte, von unten, von seinem Wurstbauch herauf. “Wozu braucht ihr Fasnacht, he? - das trommelt, pfeift ganzes Jahr.”

”Doch als Höhepunkt, als letzte Aufbäumung, wovon nur Pferde, Löwen und Basler Drachen etwas verstehen.”

”Basler Fasnacht stammt aus dem Schwarzwald.”

”Wie bitte? ein Sakrileg, das du begehst. Du gehörst in eine Konfettikanone, mit ‘Räpplis’ davongeschossen.”

”Die wilden Männer aus den schwarzen Wäldern. Mit Masken. Ihr feiert Wilden Mann, aber nicht an Fasnacht. An eurem Karneval, seid ihr andächtig, Totentanz!”

”Wir betreiben hier keinen Karneval. Zarko, hast du die Freudenschreie zu Beginn des ‘Morgestraichs’ noch nie gehört? wenn das grosse Ereignis wieder beginnt, dieser Jubel beim Start zum grossen Feuerwerk, zum grossen Rhythmus bis zur Ekstase vielleicht, bei der Verwandlung der Gesichter, der Welt, bei unserer Metamorphose zur antiken Grösse.”

”Jetzt, du müssen auf Stuhl stehen, Kollega.”

Da platzte der Paul Wettstein herein, trat als Dritter an den Tisch der Runde. Ein fauler Hund vom Nachbartisch lag ihm im Weg. “Mach Platz, Trinko!” Der stand bei diesem Befehl ruckartig auf, streckte sich und warf sich unter den nächsten Tisch, mit all seinen Gliedern so richtig wieder auf den Boden, in voller Länge, schnaubte, ruhte erneut. “Der schläft die Fasnacht vor”, meinte einer. Wo er, der Paul, das letzte Mal gewesen sei. Der antwortete:

“Doch in Patagonien und Feuerland, bei den Pinguinen; wisst ihr dies nicht mehr? Habe den Sommer der Südhalbkugel genossen. Denkt euch, in der chilenischen Schweiz ist es sauberer als hier in der Stadt. Beinahe wäre ich mit einem zusammen gestossen, der schob einen Schubkarren, darauf ein Zehnkilosack mit ‘Räppli’, weisst du, Zarko, mit grünen Konfettis für die Fasnacht. Die werden nun überall herumtransportiert für den grossen Vorrat, bevor sie als farbigen Fastnachts-Schnee am Strassenbord liegen.”

”Das erlebst du in Chile nicht, die buntfarbigen Strassen. Bist rechtzeitig nach Hause gekommen, Paul”, verkündete der Arthur. “Unser Kaspar Felix fehlt noch; vielleicht ist der wirklich in einen ‘Räppli-Sack’ gefallen, oder er gehört auch noch zur Fasnachtsvorbereitung.”

Er müsse jetzt von seinem Vater erzählen, meinte der Musikus. Der Felix habe das letzte Mal diesen Befehl durchgegeben und damit begonnen, von seinem lamentablen Vaterhaus zu berichten. Paul Wettstein, der korpulente Mann mit der glänzenden Glatze, verwarf die Hände, sagte, sein Vater habe alle Fasnachtsplaketten gesammelt, eine Wand voll. Er habe beim Gaswerk gearbeitet, wie er einst, doch sei er jetzt bis zur Chemischen vorgedrungen. Sein Vater sei Tambour und Samariter gewesen. Und seine Mutter habe während des Krieges tagelang Flüchtlingskinder, die am Bahnhof eingetroffen seien, gewaschen, geschrubbt und von Läusen befreit. Dafür habe sie später Gliederschmerzen kassiert, mit mancher Operation, und trotzdem sei sie immer frohen Mutes gewesen und habe ungeachtet ihrer Gebresten bis ins hohe Alter mit den Frauen geturnt, jawohl. Solche Dinge seien hier üblich. Leider sei jetzt ihre Wohnung geräumt an der Wettsteinallee. Was denn der Zarko von seiner Familie zu berichten wisse.

Stühlerutschen, weil sie vom Betrieb farbige Girlanden aufhängen wollten. Jetzt, warum nicht am Morgen? Zarko Celwuin erklärte, er habe seinen Vater nie Vater genannt.

“Habe immer gesagt, stamme aus Sizilien. Haben mir deswegen in Kleiderläden rote Anzüge angedreht, diese Aff. Aff sonst intelligent. Ich stammen aus Montenegro, schwarzen Berg, nein, Mazedonien. Mein Erzeuger lange Zeit in Kriegsgefangenschaft, in Innsbruck. Hat dort hellen Milchkaffee getrunken und gelernt, im Wald Pilze sammeln. Hat mit österreichischen Mädchen poussiert, hat! Aber ihr wisst, in Krieg Menschen sich ändern. Erzeuger zu Hause, zurück, Mutter sagte: ‘Das ist Vater.’ Hatte ihn mir anders vorgestellt - sie auch.

Tags darauf sollte ich auf Feuer aufpassen. In einer Pfanne Pilze geschmort. Hätten nicht rot werden sollen, anlaufen. Hätte rufen müssen, hätte ... Erzeuger gekommen und ... uuund ... hat mir Ohrfeige verabreicht. Unzufriedener Mensch gewesen. Störmetzger. Mit Holzkiste auf Rücken, darin Messer klapperten, grosse, kleine, Klingen, Schweine rasieren, Bolzen, totschlagen. Von Hof zu Hof gewandert, wenn nicht in Wirtschaft hockte, wie es sich, für Mann wie ihn, gehörte, dort. Mutter während der Zeit Brote zum Bäcker gekarrt für Backofen. Bäcker nur gebacken. Erinnere mich an Weihnachten. Mutter mich in Wirtsstube geschickt, ihn heim holen. Erzeuger hat mich, seinen Sohn, zum Teufel gejagt. Nachts, als wir schliefen, ist polternd aufgetaucht. Hat verlangt, dass jetzt mit ihm Weihnachten feiern. Singen. Später, einmal wieder ausnahmsweise am Familientisch, hat krakeelend verkündet, ich, Zarko, müssen zu Garnison. Befehl sei Befehl! Hat mich an Militär verkauft, uuf, verkauft!

Mutter gemeint, dies besser für mich. Aber Menschen dort rau und grob.”

Leicht gekrümmt sass Celwuin auf seinem Stuhl, wie immer leicht salopp gekleidet; aber alles, nicht nur seine Krawatte, sass irgendwie schief. Zarko besass besonders grosse Ohren. Vielleicht war er deswegen Musiker geworden. Sie neigten sich zu den Achseln hinunter, als hätten sie früher einen afrikanischen Pflock getragen. Er trug also längliche Ohrläppchen wie eine Buddhafigur. Zarko zeigte überdies ein Gebirge von einer Nase und dann, auf dem andern Kontinent, den Mund, der sich in verschiedenartige Falten legen und ironisch zucken konnte. Die Falten prägten sein Gesicht, zusammen mit den dunklen und buschigen Augenbrauenbogen. Seine Stirne eine Dünenlandschaft unter einer lachenden Sonne.

“Aber Grossvater besser. Liebte mich. Als Mütter weinten, weinten, schon bevor Kinder tot waren - wisst, Spanische Grippe - verbot Erzeuger meiner Mutter zu weinen. Weinte also in seiner Abwesenheit, weil ich entkräftet im Bett lag. Decke der Kammer drehte sich. Kam Grossvater an mein Lager, legte Kuchen mit Rosinen auf Decke und grossen roten Apfel. Sagte: ‘Bub, Zarko, iss!’ Nannte mich zum ersten Mal beim Namen. Vorher hatte er mich ‘Hase’, ‘Fuchs’, ‘Hund’, ‘Gänserich’, ‘Kalb’, ‘Esel’ benannt. Kam Arzt, der sonst nur bei reichen Leuten erschien, kam auf Zweiräderkarren wie Gottvater. Untersuchte mich, sagt: ‘Der braucht nichts.’ Mutter heult auf. Sagt: ‘Wirst bald gesund.’ Und Grossvater: ‘Darfst im Frühling in meinen Garten kommen. War hoch ummauert, Garten, war nur durch Schweinestall erreichbar. Mutter darauf fragte, was ich essen wolle. Sagte: ‘Sauerkraut’. Mutter brachte Schüssel.”

Der Erzähler Zarko war in Fahrt gekommen, fuhr gleich fort, indem er seinen Zeigfinger in die Luft hob.

“Mein Onkel reich. Gab jedoch sein Geld für Ideen aus. In seiner Scheune keine Bottiche, kein Schwein am Haken. Stand dafür grosses Ding unter weissem Tuch. Geheimnis. Als wir alle davor standen Tuch weg. Auto mit grossen Speichenrädern, mit Goldbronze bemalt. Man öffnete Scheunentor weit. Rannten auseinander. Das Ding tsching-tschang-dtschäterätsch-päng fuhr hinaus. Goldene Speichen drehten sich. Triumph! Gewaltige Staubwolke. Wird immer kleiner, obwohl Kinder nachrennen. Wir stolz! Später bei Rückkehr ziehen zwei weisse Stiere Auto, langsam, gemächlich. Alle Schüler aus Schule gerannt. Schule langer Schuppen. Tafel weit weg von mir. Konnte Schrift nicht entziffern. Lehrer dünn wie sein langer Stecken. Schnapsfahne wenn in Nähe. Der Kaspar Felix hat mich an all dies erinnert mit seiner Grossvater-Erzählung, letztes Mal.”

Unser Polizist meinte, offensichtlich, wie der Kaspar Felix erzählte und wie nun berichtet worden sei, habe schon viel früher die so genannte vaterlose Gesellschaft existiert. Ob er sich an die Fasnacht erinnere. - Sie hätten Vampir-Larven getragen und hätten Blut geritzt. Das Ungeheuerliche breche in der Menschheit immer wieder hervor. Unsere Fasnacht banne es oder halte es in Zaun, lenke zerstörerische Energien in die Bahnen des Humors und auch der Kunst. Das müsse Zarko doch als Künstler wissen, denn auch die Musik sei gebändigte Energie, die ursprünglich chaotisch wirken würde. “Zarko, du solltest über deine Jugend als Sujet eine Laterne gestalten. Könntest auch mit Scherenschnitten vieles darstellen. Das wäre sehenswert. Und der Kaspar Felix würde eine Ballade daraus machen, auf einen Zettel schreiben, weisst du.”

So sprach in Abwesenheit des Kunstmalers der Buchhalter. Nun hörte man vom obern Stock her trommeln. Kaum merklich zitterten die Laternenlampen oder schwankten. Das Ereignis war am Anrollen. Man eilte frühzeitig nach Hause.

4. Die Begegnung

Demaskierung und eine neue Bekanntschaft und Liebe an der Fasnacht.

... aber in dieser Stadt von der Fasnacht erzählen, hiesse Wasser in den Rhein tragen. Wo lernen sich Paare in spe kennen? Früher beim Theaterspielen, im Kirchenchor oder Turnverein. Heute? - Vielleicht an der Fasnacht. Wenn man dies zu einer Geschichte rundet .... Der Paul.

Er sei bereits etwas müde gewesen vom Herumziehen, diesem Lebensabenteuer mancher Menschen auf dieser Welt, sei es auf Gebirgspfaden, auf den Strassen von Paris oder London, institutionalisiert im Brauchtum, zum Beispiel an der Fasnacht in Basel und erst noch hinter einer Larve zur bessern Meditation, zur Eindringlichkeit, im Rhythmus der Piccolo-Arabesken, der Trommelschläge, der Schritte. Nach stundenlangem ‘Gässlen’ hätten sie sich nahe der Ausstellung der Laternen auf dem Münsterplatz unter den Bäumen auf eine Bank gesetzt. Er habe noch seine Haube näher zu sich geschoben, um ihr Platz zu machen, wobei die ‘Ihr’ sich vorerst ebenfalls durch die Demaskierung habe entpuppen müssen. Zwei Gesichter, ein männliches und ein weibliches, hätten sich wie nach dem Erwachen angestarrt. Ihre Gruppe habe sich ebenfalls in der Nähe gelagert, zwei kleine Volksstämme in der ‘Räppli-Wüste’. Er habe zu ihr gesagt: “Gäll, kännsch mi nöd.” Sie sei auf der Bank etwas zur Seite gekippt, und zwar in seiner Richtung und habe geantwortet: “Jä, leider.” Beide hätten darauf unter ihrem Fasnachtsumhang - sie dem weissen, er dem schwarzen - das Taschentuch gesucht und hervorgezogen, darauf gelacht, einander angelacht. Es habe sich ein Lachausbruch ereignet, wohl verursacht durch die Müdigkeit, der nicht mehr habe aufhören wollen.

Jetzt seien sie ein Paar, ein Fasnachtspaar. Der Paul Wettstein habe seinen neuen Engel gefunden. Sie sei jedoch eher wie eine Arme Seele dahergelaufen und er nicht ohne Teufelei. Ob es denn ihre Mundstellung, die Augen, der Blick, die Wangen gewesen seien ... Solche Offenbarungen liessen sich schwer umschreiben. Er sei wie aus dem Meer aufgetaucht und habe seine Sonne gesehen. Wir suchten die Wunder- und Sagenstoffe meist am falschen Ort. Ich frage mich, wieviele Liebespaare jede Fasnacht gebiert? Vielleicht laufen ein paar auch auseinander. Vielleicht hatte die Energie, die durch den ‘Morgestraich’ sich auflud, sich plötzlich bei ihnen blitzartig entladen. So geschehen vielleicht Krankenheilungen. Ob auch an der Fasnacht in Basel ...? Sie werde ihn heilen.

Sie hätten sich darauf aus dem Rummel etwas zurückgezogen, um die neuen Bande noch fester anzuziehen, so wie die Haltergurten eines Rucksacks vor dem Aufstieg. Sie seien am Nachmittag dann doch wieder bis zu den dekorierten Wagen vorgestossen, seien erneut eingetaucht in den Larvenrausch. Am Abend seien sie zusammen nahe der Schnitzelbänke gesessen, als ein Paar, das sich schon viele Jahre kenne. Derart seien ihre Gefühle zueinander gewesen. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass unsere Runde eine Frau mehr im Hintergrund aufweist. Karin Stark heisse sie. Vielleicht ist sie wirklich stark, in verschiedenster Beziehung. Werden sehen.

Menschengemenge, Menschengewoge, Menschengirlanden, Menschenprozessionen, als ginge es zur Ewigkeit. Menschen Kopf an Kopf. Menschen wie Wassertropfen im Rhein. Diese Fasnachtsgefolgschaften, diese Fasnachtskarawanen, diese Fasnachtsvölkerschaften, diese Fasnachtsschifffahrt in den Gassen, in diesem bunt gefärbten Fasnachtsgewelle, das durch die Innenstadt brandet, mit Piccolohoch und Trommeltief, spitznasig, stumpfnasig, weissgesichtig, grüngesichtig, rotgesichtig, globiblaugesichtig, melancholisch-traurig, romantisch, ulkig, süss oder grässlich, mit all den Springbrunnenspritzern menschlicher Imagination, unausschöpflich wie der fliessende Rhein - und da finden sich zwei, die zwei, nicht andere, sondern die zwei in dieser einzigen Kombination in dieser Fasnachtsmasse im Fasnachtsbackofen. “Gäll, du kennsch mi nöd.” -

5. Auf die Welt kommen

Wie denn gelangen wir auf die Welt? Esoterisches für eine Art Vorgeburts-Märchen. Ein zweites Liebespaar, aber vorerst in Zug.

Diese Vorstellungen und Fragen: War es der Lindenblütenduft, den er von irgendwoher wahrnahm, obwohl er noch keinen Körper hatte? In einiger Höhe über der Stadt hatte er ihn irgendwie mit seiner Seele aufgesogen, geschlürft, wohlig. Und dies auf seiner abenteuerlichen Reise wieder zur Erde. Als sich die Oberfläche der grossen Kugel konkretisierte, registrierte er, dass er über Mitteleuropa schwebte, quasi stetig sank. Er entdeckte einen festeren Kern, das Alpengebirge und gedachte, diesmal nördlich davon, in einer der ausgeglichenen, harmonischen Landschaften zu landen. Ein Leben ohne allzu starke Gegensätze und Leidenschaften, eine Idylle, wenn möglich. Dort, am Ufer des blauen Sees, nicht bei den Felsköpfen, harmonischer bitte. Sinkflug leicht nach Norden korrigiert, zum sanften, himmelblauen Wasserauge, das ihn anlachte, schimmernd, lieblich, zärtlich. Eine Stille, eine Pracht. Frieden! Schäumchenwolken darüber.

Es lohnte sich doch, die Erdenreise zu beginnen, trotz allem. Man hatte ihn drüben vor dem Norden gewarnt, den er vorerst ansteuern wollte, aus Polaritätsgründen, nachdem er ein Leben im Süden verbracht hatte. Wieder nach Süden? - Ja, nein. Er hatte sein Herz in Italien verloren. Auch das Französische schmeichelte seiner Seele. Doch für dieses Mal entschied er sich für die Mitte. Richtig, weiter Sinkflug. Leichte Korrektur nach Norden. Er wollte nicht auf dem Pultberg südlich oder bei der Bergzackenlinie im Blauschatten landen. Mehr gegen das Mittelland zu, aber auch nicht nördlich der Städte Basel und Schaffhausen. Nun schwebte seine Seele über dem See. Ringsum die Ufer.

Reibung der Luft an seiner Feinstofflichkeit, der wachsende Luftdruck. War es ein Fehler - anstatt oben zu schweben - in aller Freiheit? - Nun die leicht gelappten Gestade mit den Nestern von Dörfern. Kirchturmspitzen, Wälderdunkel-Inseln, darüber Hängeweiten, schildartig, gebuckelt. Jetzt fühlte er sich plötzlich angesogen. Nein, nicht vom abendlichen Tiefblau, in das der See versunken schien. Vom Ewig Weiblichen natürlich. Grosse Anziehung, von der Stadt her an den Gestaden des Sees.

Ein mittelalterliches längliches Geviert. Altstadthäuser, zwei Kirchturmspitzen, grün und burgunderrot. Die eine mit noch vier kleineren Spitztürmchen. Nein, nicht zu viele Spitzen, bitte. Behagliche Breite, stattliche Häuser mit gotischen Treppengiebeln, Riegeln, enge Gassen, Mauern. Oh, dieser Lindenblütenduft! Dort und dort stand eine Linde. Eine alte Burg, als stünde sie im Wasser, doch sie erhob sich vom Abhang der Stadt. War er schon einmal hier gewesen? Er landete also in der Schweiz - nicht schlecht! Temperiert, sachte, sachte. Wie von allem abgeschnitten, aber erträglich. Es würde sich doch einiges in seinem neuen Leben ereignen. Das Geschichtliche interessierte ihn. Da standen noch rundliche Pulvertürme, aber glücklicherweise ohne kriegerische Funktion. Eine starke Atmosphäre hier. Nicht schlecht. Und die Frau, die Frau, die in ansog? Beim Doppelhaus ob der Burg neben dem verbauten Bach.

Da sassen zwei unter einem Gezweigebogen, derart verliebt, süss, herzerfrischend und traut, händchenhaltend. Ja, ja, diese Frau. Man konnte sich in sie verlieben.

Und dieser junge strahlende Mann. - Sich nicht einfach in etwas stürzen, überprüfen. Aber es gibt noch andere Seelen, die daher fallen, die guten Plätze wegnehmen. Also schnelle Überprüfung. Ach, schon beginnt wieder die irdische Hast! Warum kann man nicht verweilen, alles sanft über einen streichen lassen? Immer gleich dieses Konvulsivische. Noch atmete ich ja nicht.

Sympathie- und Liebeswellen brandeten von ihnen zu mir, von mir zu ihnen. Diese zwei hoffnungsvollen Menschen im Garten vor den beiden Häusern ihres Vaters, unter dem Bogen. Nun liefen sie auf dem Weg vor dem alten Haus, beugten sich zu den Blüten der Malven, über Rosen im intensivsten Abendrot. Doch die Luft, diese Luft war vom Lindenblütenduft mit all seinen süssen Anzüglichkeiten geschwängert. Im Schatten der Bäume küssten sie sich, immer wieder. Dann hielt sie sich in symbolischer Geste am Goldkettchen, das sie von ihm erhalten hatte.