Riff - Romesh Gunesekera - E-Book

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Romesh Gunesekera

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Beschreibung

Im Jahr, als Sri Lanka unabhängig wird, kommt der elfjährige Triton als Boy in das Haus von Mister Salgado, einem Meeresbiologen, der nur einen Lebensinhalt hat: das gefährdete Universum des Ozeans. Für den Jungen wird das Haus des Junggesellen zu einem abgeschlossenen Mikrokosmos. Er lernt, das Silber so zu polieren, dass es schimmert wie geschmolzenes Sonnenlicht, den Liebeskuchen mit zehn Eiern zu backen und für die Freundin seines Herrn den Papageienfisch zu dünsten. Und er lernt, mit wachen Augen die politischen, sozialen und amourösen Ränkespiele zu beobachten. Hintergründig erzählt Triton seine Geschichte. Naiv und wissend zugleich, tapfer und ängstlich - die eindrückliche Stimme eines Jungen, der in einer zerbrechenden Welt erwachsen geworden ist.

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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Im Jahr, als Sri Lanka unabhängig wird, kommt der elfjährige Triton als Boy in das Haus von Mister Salgado. Für den Jungen wird das Haus zu einem abgeschlossenen Mikrokosmos. Hintergründig erzählt Triton seine Geschichte. Naiv und wissend zugleich - die eindrückliche Stimme eines Jungen, der in einer zerbrechenden Welt erwachsen geworden ist.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Romesh Gunesekera (*1954) wuchs in Sri Lanka und auf den Philippinen auf. 1971 ließ er sich in London nieder, wo er als freier Autor arbeitet. Riff, sein erster Roman, stand auf der Shortlist des Booker Prize.

Zur Webseite von Romesh Gunesekera.

Giò Waeckerlin Induni, in einer italienischsprachigen Familie in Zürich aufgewachsen, war Lektorin und Übersetzerin vorwiegend aus dem Italienischen, Spanischen und Englischen.

Zur Webseite von Giò Waeckerlin Induni.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Romesh Gunesekera

Riff

Roman

Aus dem Englischen von Giò Waeckerlin Induni

E-Book-Ausgabe

Mit 2 Bonus-Dokumenten im Anhang

Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 2 Dokumente

Die Originalausgabe erschien 1994 unter dem Titel Reef  im Verlag Granta Books, London.

Der Autor dankt dem Arts Council of Great Britain für ein Autorenstipendium und der British Library, die ihren Forschungsapparat zur Verfügung stellte.

Originaltitel: Reef

© by Romesh Gunesekera 1994

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Isselee

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30669-1

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)

Version vom 26.07.2024, 15:36h

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

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Inhaltsverzeichnis

RIFF

 BlendeI  KollaII  KochlustIII  Tausend FingerIV  UferWorterklärungen

Mehr über dieses Buch

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Über Romesh Gunesekera

Über Giò Waeckerlin Induni

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Sein Gebein wird zu Korallen.

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 Blende

Das Tankstellenareal war ausgestorben. Bloß mein alter roter Volkswagen, der Mister Salgado gehört hatte, stand neben der Zapfsäule. Ich schraubte den Einfüllstutzen auf und füllte den Tank bis obenauf, wie er es mir gezeigt hatte. Dämpfe quollen in die frostige Nachtluft. Dann trug ich den Kilometerstand in ein kleines Notizbuch ein, die Füllmenge und das Datum, und ging zur Kasse.

Die Tür war abgeschlossen, doch hinter dem bruchsicheren Schalterglas tauchte ein Gesicht auf, das mein Spiegelbild hätte sein können. Ich schob das Geld über den Zahltisch und fragte den Mann, ob er aus Sri Lanka komme. Er lächelte schüchtern und nickte, während er auf den Tasten der elektronischen Registrierkasse herumdrückte. Sie rührte sich nicht. Er schlug mit der flachen Hand auf das Gehäuse und lächelte mir wieder zu. »Warten, warten«, sagte er. Er rüttelte an der Kasse und schaute unter die Theke.

Ich fragte, was los sei.

Er schüttelte den Kopf, fegte einen Stoß Papier zur Seite und schob die Kasse hin und her. Erfolglos. »Eine Minute«, sagte er. »Warten!« Er trat ein paar Schritte zurück und hob den Telefonhörer ab. Ein Stück Pappe mit ein paar von Hand geschriebenen Telefonnummern war gleich daneben mit Reißzwecken an der Wand befestigt. Doch dann warf er mir einen Blick über die Schulter zu und legte auf.

Ich sagte zu ihm, er solle den steckenden Kassenschlüssel umdrehen. Das müsste doch gehen. Ich versuchte, mich in Sinhala mit ihm zu verständigen, doch er schüttelte bloß den Kopf. Die falsche Sprache. »Tamil, Tamil. English only little«, sagte er lispelnd.

»Sir, hereinkommen, bitte!« Er eilte zur Tür und schloss auf. »Bitte! Bitte!«

Ich trat ein. Er ging vor mir her zu seiner verglasten Koje. Er hob den aufklappbaren Schaltertisch und drückte mich auf den Stuhl neben der Kasse. »Meine erste Nacht«, sagte er. Er hob erneut den Hörer ab. »Du sprechen, bitte.«

»Mit wem?«

»Boss. Er mich nicht verstehen. Du sprechen, bitte. Du wissen, bitte.« Er zeigte auf die Kasse und zuckte die Achseln. Er machte die Außenlichter aus, doch die Autos bogen trotzdem ein und verschwanden wieder; die Lichtkegel ihrer Scheinwerfer kurvten durch das Fenster wie Leuchtfeuer. Er zuckte jedes Mal zusammen.

»Wie lange bist du schon hier? In England?«, fragte ich.

»Jetzt schlimmer Krieg dort unten. Ich in Silavaturai zu Hause, du kennen?« Er lächelte gezwungen.

Vor mir tauchte ein Perlenmeer auf. Einst ein Taucherparadies. Jetzt ein Grenzland für Waffenschmuggler in einer Kampfzone voller Armeelager und Tigers.

»Du nicht weit weg wohnen?«, fragte er hoffnungsvoll.

Ich sagte ihm, ich besäße ein Geschäft ganz in der Nähe, ein Esslokal.

Er atmete tief die kalte Nachtluft ein. »Du also schon lange, lange hier?«

Ich nickte. Seit über zwanzig Jahren: eine lange, vor der Vergangenheit geschützte Zeit.

»Mit nichts angefangen?«, fragte er, als ob diese Frage seine Hoffnung wahr werden ließe. Auch er hing einem Traum nach.

Ein Betrunkener torkelte in der Dunkelheit auf uns zu und begann, auf die Glasscheibe einzuhämmern. Jeder Atemzug schien mit Benzin getränkt zu sein. Ich hätte am liebsten die Augen geschlossen und mir ein warmes Meer vorgestellt und den vertrauten Salzgeruch in der Luft. Was tat ich überhaupt hier? Ich und mein junger Flüchtling mit seiner flackernden Registrierkasse? Er betätigte einen anderen Schalter, und das Licht in der Koje ging aus.

Dann, als am Himmel die Sterne aufleuchteten, tauchte in meiner Erinnerung ein Haus mit einer luftigen Veranda auf – sechstausend Meilen weit entfernt.

I  Kolla

Mister Salgado ist ein Gentleman, ein echter Gentleman. Du musst alles tun, was zum Teufel er dich auch heißt.« Mein Onkel zog an meinem Ohr. »Hast du verstanden, kolla? Einfach gehorchen!« Ich war elf Jahre alt. 1962 war das gewesen: im Jahr des gescheiterten Staatsstreichs. Mein Onkel begleitete mich in ein Haus in einer Stadt, in der ich zuvor noch nie gewesen war.

Die zwei Säulen an der Vorderseite des Hauses tauchten in die weißen Jasminsträucher und ein rotes Blumenmeer. Die Fensterfront und die große Veranda dazwischen waren durch windschiefe modrig grüne Schilfjalousien abgeschirmt, die stellenweise ausgefranst und mit Vogelkot bekleckst waren. Darüber ringelten sich die rotbraunen Dachziegel. Ein riesiger, mit kleinen Flammenblüten gesprenkelter Niaulibaum überschattete den Garten.

Mein Onkel führte mich durch einen Seiteneingang in den rückwärtigen Teil des Hauses.

Eine Tür, an der eine lange, graue Metallfeder befestigt war, fiel quietschend hinter uns ins Schloss. Eine runzlige alte Frau saß auf einem Holzschemel und wärmte die Füße in der Sonne. Sie schaute auf. »Schon wieder da?«, sagte sie zu meinem Onkel. »Was soll das ständige Kommen und Gehen?« Ihr Mund zog sich über dem leeren Zahnfleisch zusammen.

Mein Onkel sagte, wir seien gekommen, um Mister Salgado zu sprechen.

Sie stand blinzelnd auf. »Muss fragen«, brummte sie und entfernte sich langsam in Richtung der vorderen Räume.

Wir setzten uns auf den Fußboden und warteten. Mein misshandeltes Ohr glühte. Als die Sonne hinter den Giebeln unterging, wurden wir gerufen.

»Ko?«, rief eine Stimme von irgendwoher aus der Tiefe des Hauses. »Wo?« Die glasklare Silbe hallte. Die letzten Lichtstrahlen zuckten zwischen den Bäumen. Mein Onkel schob mich vor sich her: »Gehen wir!«

Mister Salgado sagte zuerst nichts. Da mein Onkel ebenfalls ein wortkarger Mann war, schwiegen sie beide eine ganze Weile, nickten einander bloß zu wie in der Luft hängende Marionetten. Schließlich deutete Mister Salgado mit dem Kinn auf mich: »Das ist also der Junge?«

»Ja, das ist der Junge.« Mein Onkel verlegte sein Gewicht von einem Bein aufs andere und lehnte sich mit der Schulter an die Wand. Die eine Hand suchte Halt, die andere hielt Mister Salgado eine Tüte mit grünen Mangos hin, die wir ihm mitgebracht hatten. Für meinen Onkel war Mister Salgado kaum mehr als ein Junge, aber einer von jenen, die von der Geschichte begünstigt worden waren – ein Produkt des modernen Feudalismus –, während er ein road-runner der Landstraße war, Fernfahrer für eine Erdölgesellschaft. »Das ist der Junge, von dem ich Ihnen erzählt habe. Das ist er. Er lernt sehr schnell.«

Ein gelassenes, glatt rasiertes Gesicht musterte mich. »Schule? Bist zur Schule gegangen?«

»Ja«, antwortete ich eifrig. »Ich bin zur Schule gegangen. Fünfte Grundschulklasse. Ich kann lesen und schreiben.« Ich hatte sogar etwas Englisch gelernt von meinem armen, gequälten Lehrer, der immer noch unter dem Zauber einer dschungelumrankten Victoria stand. Er wohnte in einem weiß getünchten Bungalow, nicht weit von den Feldern meines Vaters entfernt.

»Und jetzt?«

Mein Onkel wand sich: »Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, er ist aufgeweckt, aber er kann nicht mehr zu Hause wohnen. Diese dumme Geschichte …«

Ich hatte unabsichtlich das Dach einer Hütte im Schulhof in Brand gesteckt. Ich hatte ein einziges brennendes Streichholz in Vaters fast leere Arrakflasche geworfen: Eine blaue Stichflamme war zischend herausgeschossen und hatte züngelnd auf die geflochtenen Palmwedel übergegriffen. Mein Vater tobte; ich flüchtete zu meinem Onkel, der mir versprach, sich um ein neues Leben für mich zu kümmern. Er sagte, ich brauchte nicht mehr nach Hause zurückzukehren. »Ich tue es bloß deiner Mutter zuliebe; wär sie noch am Leben, hätt sie mich darum gebeten. Verstanden?«

Mister Salgado seufzte. Er war hager; seine Wirbelsäule war gekrümmt. Er setzte sich oft in den unmöglichsten Stellungen hin, verhedderte seine Glieder, schlang die langen Beine ineinander, verrenkte gefährlich den Hals und schaute gequält in die Welt wie ein verletzter Reiher. Er redete langsam, fast zögernd, wechselte höflich das Gesprächsthema und erkundigte sich nach dem misslungenen Staatsstreich, als handle es sich um einen für die Jahreszeit außergewöhnlichen Wolkenbruch. Ich hatte noch nie eine so weich gesprochene Sprache gehört. Im Vergleich dazu klang die Redeweise meines Onkels, als erwürge er die Seele. Selbst später war ich immer wieder von Mister Salgados Stimme fasziniert. Ich ging ganz in seiner Stimme auf; nicht nur an jenem ersten Tag, sondern noch viele Jahre lang. Oft hörte ich gar nicht, was er mich hieß, doch er merkte es nicht immer. Ich glaube, er war manchmal selbst von seiner Stimme hingerissen und wusste nicht mehr, was er eigentlich hatte sagen wollen. Vielleicht war dies der Grund, warum er oft vorzog zu schweigen. Ich verstand das. In meinen Kopf drängten sich oft viel mehr Worte, als jemals über meine Lippen kommen konnten.

MISTER SALGADO – Ranjan Salgado – war Junggeselle. Ein süßer Geruch klebte an ihm, berauschend und künstlich aus einem glockenförmigen Elfenbeinflakon, der sich unmöglich ordentlich öffnen ließ. Er schüttelte kleine magische Tropfen aus der Metallhülse auf dem schlanken Hals und verrieb sie zwischen den Handflächen, auf dem Gesicht oder auf dem ganzen Körper. Der Duft erinnerte mich an Zimtbüsche, doch es handelte sich um eine seltsame städtische Methode, die Natur zu überlisten. Selbst in Mister Salgados Haus hatte sich die Hinterlist eingenistet, vor allem im Kopf seines Dieners Joseph.

Mister Salgado blieb nach dem Essen auf seinem Armstuhl sitzen, die Wange oder das Kinn, manchmal sogar den ganzen Kopf auf einen seiner knochigen Finger oder in die hohle Hand gestützt – was das Unglück geradezu herausfordert –, und starrte mit aufgesperrten Augen ins Nichts, als ob er bloß darauf warte, alt zu werden.

Er saß am Kopfende des großen Mahagonitisches. Es gehörte zu meinen Obliegenheiten, das Tischblatt zu polieren, bis es tiefdunkel glänzte. Abends, wenn er allein war, zog er es vor, Brot und westliche Gerichte zu essen: verschiedene Gänge. Dünne gebratene Schnitzel und sämig zermanschte Kartoffeln, die spurlos in seinem Körper verschwanden. Corned Beef war sein Lieblingsgericht. Dazu aß er seeni-sambol, das den Gaumen in Brand steckt. Als ich später sein Koch und überhaupt alles wurde, tüftelte ich ein besonderes Hackfleischgericht aus: knusprig gebratenes Corned Beef mit Kartoffeln, Zwiebeln, grünen Pfefferschoten, mit einem Klecks Sojasauce und mit Palmzucker bestreut. Es schmeckte auch mir ausgezeichnet.

Am Anfang bestand meine Arbeit lediglich darin, dem jungen Herrn den Morgentee zu bringen und dann die Veranda und die Gartentreppe zu kehren. Bevor ich mich nicht bewährt hatte, wurde mir nicht einmal erlaubt, das Teewasser aufzusetzen oder die Wohnräume zu kehren. Mir war das recht; ich hätte ja etwas zerschlagen können. Man drückte mir einen riesigen Besen in die Hand. Ich war in Panik, ich könnte etwas umstoßen, daher benützte ich den Seiteneingang, der von der Küche ums Haus herum zum Haupteingang führte. Ich getraute mich nicht, mit dem Besen durchs Wohnzimmer oder durchs Esszimmer zu gehen. Eines Tages kam ich auf einen großartigen Gedanken: Ich kürzte den Besenstiel. Das war der Anfang des Ärgers mit Joseph. »Dummkopf, Idiot, Spatzenhirn, Bauerntölpel, hast du denn gar keinen Respekt vor fremdem Eigentum? Man hat dich eingestellt, um für die Dinge Sorge zu tragen, nicht, um sie kaputt zu machen!«

Eigentlich sollte ich Joseph bei der Arbeit helfen, doch er mochte mich von allem Anfang an nicht. Vielleicht lag das daran, dass ich trotz meiner Herkunft aus anderem Holz geschnitzt war. Joseph arbeitete seit zwei Jahren bei Mister Salgado. Er stammte aus Kosgoda, einem kleinen schmuddeligen Dorf unweit von Ambalangoda, wo die Maskenschnitzer herkommen. Er hatte sich in einem staatlichen Gästehaus hochgearbeitet, bis eine Ersatzwahl zu seinem Rausschmiss führte. Die Opposition gewann die Wahlen, und die Angestellten der Regierungspartei wurden entlassen. Das zumindest hatte er amma Lucy erzählt, Mister Salgados Köchin – die erste Person, der ich im Haus begegnet war. Ich vermute aber eher, dass er beim Klauen erwischt worden war. Trotz seines hochtrabenden Getues konnte er es nicht lassen. Er war wohl mit langen Fingern zur Welt gekommen – keine Versuchung war ihm zu klein. Ich verachtete ihn wegen dieser Schwäche: Er beschmutzte Mister Salgados Haus. Ich spürte es ganz deutlich.

Doch an jenem Tag tat er so, als sei ich es, der das Haus verunstaltete, als sei der Besen ein Lebewesen, das ich nun verstümmelt hatte – der Spross einer Dynastie anstatt ein hölzerner Stiel mit abgewetzten Kokosborsten. In Mister Salgados Haus wurden Besenköpfe nie ersetzt, bevor sie nicht ratzekahl waren: Das war eine von Mister Salgados Marotten. Er brüstete sich mit seiner Sparsamkeit und hätte seine Zahnbürste um nichts in der Welt ersetzt, bevor nur noch der blanke Kunststoffgriff übrig war.

Ich beobachtete, wie die Borsten Tag für Tag kürzer und flacher wurden, bis ich ihm schließlich manchmal eine neue Zahnbürste kaufen ging und sie in sein Zahnglas stellte. Die alte versteckte ich im Badezimmerschrank – ich hätte mich niemals getraut, sie wegzuwerfen –, am nächsten Tag tauchte sie jedoch unweigerlich wieder an ihrem gewohnten Platz auf, wie es sich gehörte. Aber ich hatte recht daran getan, den Besenstiel zu kürzen, und Joseph hatte mich zu Unrecht ausgescholten! Unser junger mahatmaya hörte die Aufregung und kam aus seinem Zimmer. Joseph beklagte sich lauthals, doch Mister Salgado sagte bloß: »Ja, und? Ist doch in Ordnung. Der Junge braucht einen kürzeren Besen.« Und da wusste ich, dass ich am richtigen Ort war: Er zumindest hielt mich nicht für einen Dummkopf.

JOSEPHHATTEDAS SAGENIM HAUS. Er zeigte mir meinen Schlafplatz: »Unter dem kleinen, runden Loch« – einer Luke in der Wohnzimmernische –, und fügte gleich hinzu, wann ich aufzustehen hatte. Nachts, wenn er alle Lichter ausgemacht und die vordere Eingangstür abgeschlossen hatte, verriegelte ich die Falttür zum Wohnzimmer, steckte den einen Bolzen in die Vertiefung im kalten Zementboden, den anderen in den Querbalken und rollte mich unter dem Bullauge auf meiner Matte zusammen. Ich legte mich so hin, dass ich hinausschauen konnte, während ich darauf wartete, dass mich der Schlaf überkam. Ich stellte mir eine Sternenkonstellation am Himmel vor, die Josephs Sturz und meinen meteorhaften Aufstieg im Hause herbeiführen würde, irgendein schreckliches Missgeschick, womöglich nachdem Joseph bei Mister Salgado in Ungnade gefallen war. Ich war seit frühester Kindheit davon überzeugt, dass ich die göttlichen Fähigkeiten eines deviya besaß, die mir erlaubten, meine Träume zu beeinflussen. Und so träumte ich jede Nacht von Rache.

Eines Abends beschloss ich, Joseph in einen Frosch zu verwandeln. Ich legte mich in wohliger Vorfreude schlafen, doch mitten in der Nacht wachte ich schweißgebadet auf. Etwas war schiefgelaufen. Ich konnte mich nicht rühren. Ich war gelähmt, versteinert. Mein Herz pochte zum Zerspringen. Ein Dämon war in das Haus eingedrungen! Ich betete, damit er wegging; versprach, brav und gehorsam zu sein und den Gott aller Götter zu verehren, wenn das Ungeheuer bloß verschwand. Stunden oder Minuten später, als ich mich vergewissert hatte, dass im Zimmer nicht das kleinste Geräusch zu hören war, kehrte meine Tapferkeit zurück. Ich rollte von der Matte und sprang auf die Füße. Nichts geschah. Kein Dolch sauste auf mich nieder, kein Dämon fiel über mich her. Weit und breit niemand, den es zu bekämpfen galt, nur mein eigener Schatten im Licht des Halbmondes und das Huschen eines aufgescheuchten Geckos. Ich kauerte mich zusammen und wartete. Als ich mich nach einer Weile davon überzeugt hatte, dass tatsächlich niemand im Zimmer war, dachte ich mir ein Spiel aus: Räuber und Mörder drangen ins Haus, und ich – ich ganz allein! – jagte sie in die Flucht. Das Einzige, was tatsächlich geschah, war, dass ich mich verschlief. Als ich die Augen aufschlug, war es Morgen. Joseph stieß mich mit dem Fuß in die Rippen. »Los, steh auf«, sagte er. »Steh auf, du fauler Kerl.« Die blau-weiße chinesische Vase auf der dunklen, schwankenden Anrichte zitterte. Ich dachte, sie würde umkippen und zerklirren. Doch ich war es, der zitterte, nicht die Vase. Ich rollte mich matt auf die Seite, all mein nächtlicher Mut hatte mich verlassen. Der Schlaf hatte mich geschwächt.

»Tee! Tee!« Joseph war wütend. »Der Herr wartet auf den Morgentee! Steh auf, du fauler Hund, hol den Tee!«

Ich rappelte mich auf die Füße, verhaspelte mich dabei in meinem Sarong. Ich konnte nicht aufhören, mir die Augen zu reiben, stürzte dann wortlos in die Küche. Amma Lucy hatte den Tee aufgegossen und sogar das Tablett bereitgestellt. Ich wischte mit dem Zipfel meines Sarongs schnell die Tasse sauber und schenkte den Tee ein. Rührte Milch und einen halben Löffel Zucker dazu. Wie jeden Tag: nur gerade so viel Milch, bis sich das helle Braun in sahniges Schlammbraun verwandelt, und einen halben Teelöffel Zucker, um ihn einzudicken. Ich verknotete meinen Sarong nochmals und trug den Tee hinein.

Mister Salgado lag im Bett; er schnarchte leise in der Hitze. Das obere Laken lag zusammengeknüllt auf der einen Seite des Bettes. Der hochgerutschte Sarong bedeckte die schmale Hüfte nur knapp. Unter dem banyan kräuselten sich ein paar Büschel schwarzer Haare auf der mageren, jungenhaften Brust.

Ich trat ein und stellte das Tablett auf den Nachttisch. »Ihr Tee, Sir!«

Er war wach, hielt die Augen aber geschlossen. Er tat so, als ob er schlafe, damit er mich nicht zur Kenntnis nehmen musste. Morgens früh war er immer besonders unzugänglich: seine Einstein-Zeit, wie er es später nannte – in einem anderen Abschnitt seines Lebens. Ich hatte gelernt, ihm den Tee hinzustellen und dann wortlos zu verschwinden. Dann stand er auf, setzte sich in den Sessel am Fenster und schlürfte langsam seinen Tee, als ob ihm sein breites, traumhaft weiches Bett mit den gepolsterten, wattierten, mit Kokosfasern umwickelten Spiralfedern nicht bequem genug sei. An jenem Morgen jedoch rührte ich mich nicht von der Stelle. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich verspätet war. Ich musste etwas tun, um meine Würde vor Josephs Geschimpfe zu verteidigen, das mir unweigerlich bevorstand.

»Sir«, fing ich zu erklären an, »letzte Nacht hat irgendwer einzubrechen versucht. Ich habe sie in die Flucht gejagt, Sir, wirklich …«

Er stöhnte schwach und drehte sich. Das Bett knarrte unter seinem Gewicht. Die kleine Lampe auf dem Regalaufsatz schwankte. Mir war, als drehe sich der ganze Raum mit ihm. Mister Salgado war groß gewachsen, und wenn er lag, schien er endlos lang. Seine nackten Füße ragten über den Bettrand hinaus. Wie Frauenfüße kamen sie mir vor; der hohe Rist zog die Zehen zusammen und verkürzte den Fuß.

»Diebe vielleicht, Sir!«

Ich sah nur die eine Hälfte seines Gesichts; die andere war im Kissen vergraben. Er öffnete ein riesiges braunes Auge und starrte mich an. Die nackte Schulter hob und senkte sich bei jedem warmen Atemzug. Die zwei flachen Impfnarben am Oberarm sahen aus wie zwei runde, zusammengeflickte Schusswunden. Er schwelgte geradezu im Schlaf. Er stieß ein Brummen aus, ein unverbindliches Grunzen vielmehr. Es war keine Frage und auch keine Feststellung, bedeutete jedoch, dass meine Anwesenheit zur Kenntnis genommen worden war und dass ich meinen Vers ordentlich aufgesagt hatte. Das verträumte Auge schloss sich langsam wieder, während sich die dunkle Pupille schnell verengte. Die Audienz war vorbei.

»WASHATERGESAGT?«, fragte Joseph, als ich aus dem Zimmer kam.

»Nichts, ich habe den Tee hingestellt.«

»Schläft er immer noch?«

Ich antwortete absichtlich nicht. Soll er sich doch das Schlimmste denken, das Schlimmste für ihn. Allein schon die Vorstellung, dass er die Welt mit seinem stinkenden Atem verpestete und dass mein Schicksal in seinen Händen lag, brachte mein Blut zum Brodeln. Ich wandte den Kopf ab, als verheimlichte ich etwas, und verschwand in Richtung Küche.

Amma Lucy schnitt Zwiebeln, Bombayzwiebeln. Sie handhabte das Messer wie eine strenge Gottheit – eine devatara –, schnitt makellose, durchscheinende Halbkreise, schob dann die angehäuften Scheiben zur Seite und nahm die nächste Zwiebel in Angriff. Sie war immer am Zwiebelschneiden.

Mir prägte sich dadurch eines ein: die Allgegenwart der Zwiebel; sie war gewissermaßen der Herzschlag unseres Küchenalltags. Ob zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendessen, sie war immer da: in Ringe geschnitten oder gehackt.

Ich lernte vor allem durchs Zuschauen; doch amma Lucy machte mir das Zwiebelschneiden nicht nur vor, sondern sie zog mich auch zur Arbeit heran. Ich wurde zu ihrem Küchengehilfen: zu einem Zwiebelschneidlehrling. Ich war dankbar für diese Rolle, auch wenn ich am Anfang heulte – wahrscheinlich weil ich jung war und noch klein und näher am Schneidebrett. Ich konnte nichts dagegen tun, außer wachsen und älter werden. Erst viel später lernte ich die Tricks, um die Wirkung zu verringern: die Zwiebeln vorher ins Wasser tauchen zum Beispiel, Brot an die Messerspitze stecken, ein dampfendes Tuch um die Hand wickeln. Doch selbst heute tue ich meistens nichts dagegen, ich schneide einfach drauflos und weine mir allen Kummer von der Seele.

Damals hatte meine Faszination für die Zwiebeln allerdings nichts mit meinem Ehrgeiz zu tun, Koch zu werden. Das Zwiebelschneiden war eine Zuflucht – eine Flucht vor Joseph. Er konnte die Ausdünstungen einer ordentlichen Zwiebel nicht ertragen. Wenn wir Zwiebeln schnitten – vor allem, wenn wir sie brieten –, machte er einen weiten Bogen um die Küche und flüchtete sich in die entfernteste Ecke des Gartens. Und so war ich ganz versessen aufs Zwiebelbraten – ganz einfach, um ihm aus dem Weg zu gehen.

An jenem verspätet angefangenen Tag ging ich also zu amma Lucy in die Küche; sie war eben dabei, blitzschnell mit halb geschlossenen Augen Zwiebeln zu schneiden. Sie kochte schon seit je, seit der Jahrhundertwende. Das Dorf, wo sie geboren worden war, hatte sich im Lauf ihrer mehr oder weniger siebzig Jahre in Urwald verwandelt, dann wieder in ein Dorf, dann wieder in Urwald, immer wieder von vorn. Das ganze Land hatte sich von einem Urwald in ein Paradies und wieder in einen Urwald verwandelt, wie ich es in meinem Leben auf noch grausamere Art erleben sollte. Manchmal saß ich abends neben ihr auf dem Fußboden und lauschte den Geschichten aus früheren Zeiten. Sie hatte Mister Salgado bereits gekannt, als er noch ein Kind war und sie ihr eigenes Kind großzog; und sie hatte seinen Vater gekannt, als sie beide noch Kinder waren. Sie hatte während der Ausschreitungen von 1915 Mister Salgados Großvater Whisky und Kaffee serviert. Sie hatte Politiker mit Lenkstangen-Schnauzbart und Schildpatt-Haarknoten gesehen, mit Cutaways und golddurchwirkten Sarongs, barfuß und in Sonntagsschuhen. Sie hatte erlebt, wie die Nehruhemden die Kolonialanzüge verdrängten, wie Kokosnusslöffel das Sheffieldsilber ersetzten. Doch ihre Kochkunst und ihr Holzofen – zwei rußige Steine im Freien vor der Küche – hatten die Zeiten überdauert. Der Reis brauchte immer noch zwanzig Minuten zum Garen, und wenn man den Deckel hob, bevor sich die Bläschen an der Oberfläche bildeten, war der Reis futsch. Man kann nicht wissen, ob eine Kokosnuss frisch ist – erklärte sie mir –, ohne sie geschüttelt zu haben, und man kann kein richtiges pol-sambol zubereiten, ohne die Schoten zu brechen. Sinn für gutes Essen, pflegte sie zu sagen, ist keine Modelaune, und die Art, wie man das Essen schluckt, hat sich, wie das Kindermachen, seit Anbeginn der Menschheit nicht geändert.

»Brauchst du diese hier?«, fragte ich und pickte eine kleine rote Zwiebel heraus. Die papierne Haut knisterte. Amma Lucy antwortete nicht. Sie hielt die Augen halb geschlossen, um sie vor den Dämpfen zu schützen; ihr Messer war ein stählerner Schatten.

Ich nahm die Zwiebel, schnitt sie entzwei, halbierte dann jede Hälfte nochmals. Es war eine kleine Zwiebel, die Viertel passten genau in meine hohle Hand; ich schüttelte sie verstohlen wie Würfel in der Faust eines Spielers. Ich wusste zwar nicht genau, was ich mit den Zwiebelvierteln anfangen wollte, aber ich wusste, dass ich beide – die Zwiebel und Joseph – auf unangenehme Weise miteinander in Berührung bringen wollte.

MISTER SALGADOS HAUSwar der Mittelpunkt des Universums, und alles auf der Welt fand innerhalb der Umzäunung Platz. Sogar die Sonne schien aus der Garage aufzusteigen und nachts hinter dem Brotfruchtbaum zu schlafen. Rotschnäblige Papageien und gelbohrige salaleenas pfiffen in unserem Garten. Ochsenfrösche quakten neben dem Tor. Montags erschien der Gemüsehändler mit seinen Körben voller Okras und Bohnen. Am Dienstag der Fleischer mit Ochsenschwanz und einem Viertel Ziegenfleisch. Am Mittwoch war die Reihe am Fischhändler:

Isso, isso

thora malu

para malu

ku-nis-so-o.

Man hörte ihn von Weitem rufen. Er balancierte eine lange Stange über den Schultern, an der zwei Körbe mit Sprotten und Garnelen baumelten. Und am Donnerstag kreuzte der Kurzwarenhändler auf mit einem Pappkoffer auf dem Kopf. Er hatte keinen Anlass, in unser Haus zu kommen: Er verkaufte nur an Frauen, und die einzige Frau in unserem Haus war amma Lucy, die nie auch nur einen flüchtigen Blick auf sein Warenangebot warf. Doch der Mann war ein Freund Josephs, er kam lediglich zu uns, um über das Neuste zu klatschen. Seine schief gezogenen Lippen waren immer halb offen, als webe er endlos an einem Intrigennetz.

Er pflegte gegen Mitte des Vormittags zu kommen. Ich beschloss, sein Kommen abzuwarten, weil ich wusste, dass Joseph mindestens eine halbe Stunde mit ihm plaudern würde, was mir genügend Zeit ließ, mich mit meiner rohen Zwiebel in sein Zimmer zu schleichen und ihm einen diabolischen Streich zu spielen: nämlich seine Schlafmatte mit Zwiebelsaft einreiben. Inzwischen trieb ich mich geschäftig auf der vorderen Veranda herum, fegte Staub von einer Ecke in die andere und in den Garten hinaus, wirbelte mit meinem Besen eine rote Borstenwolke auf.

Der Kurzwarenhändler kündigte sein Kommen mit einer kleinen Glocke an. Er ging von einer Straßenseite zur anderen, und bei jedem Gebimmel flatterten die Krähen auf der Straße davon. Gekrächze, Flügelflattern und das Gurren der einfältigen Tauben unseres Nachbarn begleiteten ihn, als sei ein Zauberer im Anmarsch.

Vor dem Haus gleich gegenüber – Nummer acht, Mr Pandos Haus – blieb er jeweils stehen. Es war eine geheimnisvolle Festung mit hohen Mauern darum herum. Von der Straße aus sah man nichts von dem Haus, außer einem Stück Giebel. Der Kurzwarenhändler ging immer hinein; ich aber nie, selbst Jahre später nicht, als wir mit Mr Pando ziemlich befreundet waren. Das Bimmeln der Glocke hörte abrupt auf, und Stille trat ein, die nur ab und zu von Mrs Pandos – der nona – schrillen Ausrufen unterbrochen wurde, wenn sie ein Stück Goldbrokat bewunderte oder um den Preis eines falschen Smaragdarmbandes feilschte. Doch an jenem Morgen, als er vor der Gartenmauer stand und das Gebimmel verstummt war, vermisste ich etwas: Das Tor ging nicht auf wie sonst. Die ganze Straße horchte neugierig auf. Dann begann zu meinem Erstaunen die Glocke wieder zu bimmeln. Zuerst zögernd, als ob der Glockenläuter nicht wüsste, was tun. Dann hartnäckiger, als ob er versuchte, mit dem Bimmeln seiner kleinen Glocke das Tor einzudrücken. Es klang so zornig, dass selbst der Tod aufgewacht wäre, doch von Nummer acht kam kein Echo. Er rief badu, badu, badu – gute, schöne Waren –, dann kippte seine Stimme in besorgtes Erstaunen um. Keine Geschäft heute in Nummer acht. Er schwenkte seine Glocke mit gedämpfter Begeisterung und kam über die Straße auf unser Haus zu.

»Soso«, hörte ich Joseph dem Straßenkrämer zurufen; er lehnte sich übers Gartentor und wiegte sich hin und her.

»Die Leute sind wohl ausgegangen.«

»Unmöglich. Ich habe sie am frühen Morgen gehört; klang ziemlich aufgeregt, war wohl irgendetwas los mit dieser nona Pando.«

Ich hatte es ebenfalls gehört, hatte jedoch nicht weiter darauf geachtet. Joseph wischte sein Gesicht mit einem Zipfel seines Sarongs ab und winkte seinen Kumpan herein. Der war ein untersetzter Mann; sein dunkles Gesicht war immer schweißüberströmt. Wenn er sich hinhockte und den Koffer mit einem Schwung auf den Boden stellte, sah er aus wie eine Kröte. Ohne den großen Koffer wirkte sein Kopf flach und entstellt. Das rührte vom gepolsterten Stoffring her, den er auf dem Kopf trug. Er nahm den Ring ebenfalls ab und fächelte sich damit zu, während er sich langsam vorwärts, rückwärts in den Hüften wiegte. »Sie hatte mich doch gebeten, ihr heute Spitzen zu bringen …« Er ließ die Messingschlösser des Koffers aufschnappen und zog ein Stück Stoff heraus. »Schau, Georgette, was?« Er räusperte sich geräuschvoll.

»Wozu braucht die Spitzen?«

»Wozu wohl? Wozu man das Zeug eben braucht.«

Joseph kicherte.

Ich wollte eben in Josephs Zimmer gehen, als sich plötzlich das grauenerregendste Geheul erhob, das ich je gehört habe. Zuerst war es wie ein Grollen in den Eingeweiden der Erde, schwoll dann irgendwo außerhalb des Gartens an, erfüllte die Luft mit Schmerz und hilfloser Wut. Ein bestialischer, ein dämonischer Aufschrei – wie der Todesschrei eines lebend gerösteten Vogels oder das Kreischen eines gestochenen Schweins. Ein markerschütternder, lang gezogener, bohrender Schrei, der die Nerven jedes belämmerten Sulzkopfes in der Nachbarschaft durchsägte. Ein Geheul so laut, dass es alles in den Schatten stellte, was die Geschichte unserer Straße je an Lauten hervorgebracht hatte – vielleicht sogar die ganze Stadt, sogar das ganze Land.

Joseph und sein Freund liefen auf die Straße hinaus. Ich rannte wie der Blitz in den Garten zurück. Wir schauten alle zu Mr Pandos Haus hinüber, woher das Geschrei kam. Jemand – eine Frau – kreischte gellend. Türknallen. Klirrendes Glas. Und noch mehr Geschrei und Gekreische. Ich kletterte bis zum Wipfel des Niaulibaumes im vorderen Teil des Gartens.

Mr Pandos Vorhof war über und über pulvrig-rot, als sei er mit Marsstaub zugedeckt. Die Stufen waren mit kleinen Plastikbeuteln übersät. Eine Frau stürzte heraus und fegte das Pulver von den Stufen. Dann drang erneutes Geheul aus dem Haus, und sie eilte schleunigst wieder hinein. Die gellenden Stimmen im Haus wurden immer lauter. Die Krähen flatterten verstört auf und kreisten krächzend über dem Dach. Der Himmel überzog sich schwarz. Nona Pando tauchte kurz in der Tür auf und blickte zum Himmel, verschwand dann fluchend im Haus. Das Geheul ging in ein unheimliches, lang gezogenes Stöhnen über, das nach einem eigenen Rhythmus an- und abschwoll.

Joseph und sein Freund und alle Nachbarn hatten sich vor dem Haus versammelt. Es war schließlich der Kurzwarenhändler, der hineinging, nachdem die Polizei das Tor gewaltsam geöffnet hatte.

Als er zurückkam, hopste er wie wild herum. »Miris, machang – Chilipfeffer! Die zwei Hexen haben versucht, mahatmaya Pando mit Chili umzubringen. Scharfe, getrocknete rote Chilischoten und Chilipulver. Alles ist damit bestreut.« Schweiß rann über sein Gesicht, seine Augen leuchteten bei jedem Wort auf. »Mahatmaya Pando war im Badezimmer angebunden. Das hättet ihr sehen sollen, appo!