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Was geschah zwischen den verfeindeten Clans der Vatunas und der Ducal? Als Sri Lanka unabhängig wird, kommt für beide die große Stunde. Ihr Konkurrenzkampf um Industrien und Hotelketten ist so gnadenlos wie ihr Stolz, und ihre benachbarten Villen am Strand werden zu Festungen. Als die Macht beider Familien schließlich zerbricht, versuchen die Söhne, Licht in die geheimen Tragödien, Intrigen und Liebschaften zu bringen, durch die die Patriarchen aneinander gekettet waren.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2015
Was geschah zwischen den verfeindeten Clans der Vatunas und der Ducal? Als Sri Lanka unabhängig wird, kommt für beide die große Stunde. Als die Macht beider Familien schließlich zerbricht, versuchen die Söhne, Licht in die geheimen Tragödien, Intrigen und Liebschaften zu bringen, durch die die Patriarchen aneinander gekettet waren.
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Romesh Gunesekera (*1954) wuchs in Sri Lanka und auf den Philippinen auf. 1971 ließ er sich in London nieder, wo er als freier Autor arbeitet. Riff, sein erster Roman, stand auf der Shortlist des Booker Prize.
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Giò Waeckerlin Induni, in einer italienischsprachigen Familie in Zürich aufgewachsen, war Lektorin und Übersetzerin vorwiegend aus dem Italienischen, Spanischen und Englischen.
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Romesh Gunesekera
Sandglas
Roman
Aus dem Englischen von Giovanna Waeckerlin Induni
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1998 unter dem Titel The Sandglas im Verlag Granta Books, London.
Originaltitel: The Sandglass
© by Romesh Gunesekera 1998
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Prisma/TCL
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30670-7
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
SANDGLAS
MorgengrauenI — TagII — Zehn UhrIII — Später VormittagIV — MittagV — Drei UhrVI — Viertel vor fünfVII — ZwielichtVIII — NachtIX — Halb achtX — Neun UhrXI — MitternachtXII — MorgenröteSpäterWorterklärungenMehr über dieses Buch
Über Romesh Gunesekera
Über Giò Waeckerlin Induni
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Nichts kann zum Nichts zurückkehren.
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Ich danke meinen Freunden und meiner Familie, die mir Zeit und Raum zum Schreiben gelassen haben, sowie meinen früheren und meinen jetzigen Verlegern.
Ebenso dankbar bin ich für das Glück, Bücherregale entdeckt zu haben, auf denen sich Die göttliche Komödie den Platz teilte mit Geschichten, die meine Mutter mir nie erzählt hat.
Zwei Monate nach Pearls Tod hatte ich mich am anderen Ende der Welt in ein Chipkarten-Hotelzimmer im fünfundzwanzigsten Stockwerk verkrochen und schaute in die Trostlosigkeit eines grauen Morgens hinaus, der sich wie ein Ascheschleier über alles legte. Tief unten stand eingegittert eine Reihe schmutzigweißer Autos, Lastwagen und Kleinbusse auf einer Überführung, die nirgendwohin führte. Es war, als sei die leichenfahle Stadt von einer Schuttwoge angespült worden.
Ich war beunruhigt; ich konnte mich weder auf meine Umgebung noch auf meine Arbeit konzentrieren. Ich sorgte mich um meinen Freund Prins, Pearls Sohn, den ich seit siebzehn Jahren kannte und der sich nun in Colombo in Luft aufgelöst zu haben schien.
Jedesmal wenn ich darüber nachdachte, was Pearl widerfahren war und was Prins zugestoßen sein könnte, spürte ich das Blut in meinem Kopf hämmern.
Prins hatte mir im April, bevor ich von London geschäftlich nach Tokio reiste, eine rätselhafte Mitteilung geschickt, seither hatte ich vergeblich versucht, ihn zu erreichen. Also beschloß ich, auf dem Rückflug in Colombo zwischenzulanden. Das war das einzige, was ich tun konnte.
Seither fand ich mich offenbar überall auf meiner Reise in einem dämmrigen Hotelzimmer, wie ich mir Prins’ und Pearls Geschichte in Erinnerung rief, die Geschichte der ganzen Familie Ducal – und die der ränkesüchtigen Vatunas, aus deren Umschlingung sie sich anscheinend nie mehr zu befreien vermochte –, und versuchte, die Zettelchen in Pearls verbeulter Keksdose, die Eintragungen in Prins’ wetterfestem Tagebuch, das er mir hatte zukommen lassen, und die verdrängten Fragmente meiner vermasselten Vergangenheit zu entwirren, um die Wahrheit herauszufinden.
Ich hatte Prins zum letzten Mal im Februar jenes traumatischen Jahres – 1993 – gesehen, als er nach London kam, zu Pearls Bestattung.
Tag
Ist sie tatsächlich tot?« Prins starrte mich an, sein Atem kräuselte sich in der eisigen Luft vor meiner Haustür.
Ich drückte seinen Arm und umarmte ihn unbeholfen. »Es tut mir so leid.« Seine blauen Schultern fühlten sich wie mit Eis gepolstert an. Ich bat ihn herein.
Er blinzelte im Licht der Flurlampe.
»Wie gehts dir?« Ich wußte nicht, was sonst sagen.
»Ich habe ein Taxi genommen und bin gleich zum Krematorium gefahren. Es war eisig kalt. Meine Kehle war ausgedorrt. Ich dachte, ich käme zu spät«, erklärte er hastig. »Doch Gott sei Dank, eine ganze Menge Leute warteten darauf, eingelassen zu werden. Ich drängte mich vor und dachte: Wer zum Teufel sind denn die alle? Ich sah kein einziges bekanntes Gesicht.« Prins umklammerte das Treppengeländer. »Wo kommen die alle her mit ihren halbwollenen Polypropylen-Wintermänteln, die den Ort noch düsterer machen? Dieser verdammte Haufen formloser Kaschmirleichentücher? Die Schar hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, doch ich suchte immer noch dich, Chip. Oder sonst jemanden, den ich kannte. Dachte ständig: Was ist in den vergangenen zwölf Jahren passiert? Was hat sich die alte Dame ausgedacht? Sabas Hof wieder aufleben lassen vielleicht?« Er sperrte fragend die Augen auf. »Ein kleiner Kerl mit Goldrandbrille zupfte mich am Ärmel. ›Verzeihen Sie, sind Sie ein Angehöriger oder ein Freund?‹ – ›Angehöriger‹, entgegnete ich. ›Ich bin der Sohn, Prins.‹ Der Kerl wich verblüfft zurück. ›Oh, ach so!‹ Er schaute sich hilfesuchend um, doch die Wartenden waren bereits verschwunden. ›Die anderen Angehörigen sind schon hineingegangen‹, stammelte er, ›niemand hat etwas von Dr. Viswanathans Sohn erwähnt …‹«
Prins streckte seine große Hand in die Höhe. »›Wer zum Teufel ist Dr. Viswanathan?‹ fragte ich. Und der Kerl flüsterte: ›Der Verstorbene.‹
›Was ist mit meiner Mutter?‹
›Ihre Mutter?‹ fragte er.
›Verdammt noch mal! Wo ist meine Mutter? Sie soll hier sein. Tot. Was zum Teufel ist hier los?‹ In der nächsten Sekunde war der Kerl in der Abdankungshalle verschwunden, als hätte jemand einen Knallfrosch in seinem Arsch gezündet.« Prins schüttelte verärgert den Kopf.
»Und ich stand dort, ohne Krawatte, ohne Mantel, steifgefroren im Polarwind, umringt von einem Wald kahler junger Bäume, die ganz London die letzte Ehre erwiesen, nur nicht ihr. Hielt man mich vielleicht zum Narren? Das Ganze kam mir vor wie ein übler Scherz, und ich sagte mir, daß ich vielleicht lieber in Colombo auf den Friedhof in der Nähe des Golfplatzes hätte gehen sollen und dort meditieren. Oder putten. Oder mich schlicht vollaufen lassen …«
»Die Bestattung findet doch erst am Freitag statt«, versuchte ich seinen Redeschwall zu unterbrechen.
»Das habe ich inzwischen auch festgestellt, aber auf Naomis Fax sah die 19 aus wie eine 17. Und das ist heute.« Er blickte mich trotzig an.
»Richtig. Aber die Bestattung findet am 19. statt. Freitag, dem 19. um 9 Uhr morgens«, bestätigte ich.
»Ich weiß. Ich muß noch am gleichen Abend zurückfliegen.«
Prins hatte wiederholt Naomi, seine Nichte, in Pearls Wohnung angerufen, doch niemand hatte geantwortet. Das erste Fax, das sie mit der Nachricht von Pearls Tod geschickt hatte, war unentzifferbar gewesen, und das zweite mit dem Datum der Bestattung war verschmiert und trug keine Absendernummer. Er hatte versucht, mich zu erreichen, doch das Band meines Anrufbeantworters war vollbesprochen. Also hatte er in aller Eile einen Flug gebucht, um rechtzeitig hierzusein. Vom Friedhof aus hatte er nochmals Naomi angerufen, sie aber wiederum nicht erreicht. »Als dann dein Telefon besetzt war, nahm ich an, daß du zu Hause bist.«
Ich sagte, ich hätte zufällig ein paar Tage zwischen zwei Dienstreisen frei. Verschwieg, daß ich mein Büro angerufen und gebeten hatte, meinen Urlaub zu verlängern, weil mir der Gedanke unerträglich war, so kurz nach Pearls Tod zu meiner Arbeit zurückzukehren. »Was soll’s, jetzt bist du ja da.«
Er starrte in den Wandspiegel neben ihm. »Es war eine höllische Reise, alle Direktflüge waren ausgebucht, doch ich schaffte es, bei der letzten Zwischenlandung in eine VIP-Lounge eingelassen zu werden. Dort kann man sich wenigstens anständig zurechtmachen, kacken, rasieren, duschen und so … Aber ich habe die verdammte Krawatte verloren.«
Er zerrte am Hemdkragen unter seinem langen Kinn. Er wirkte immer noch wie ein ungestümer Widder, obwohl er grauer geworden war in den zwei Jahren, seit ich ihn zum letzten Mal gesehen hatte. 1991 war das gewesen, als ich nach all den Jahren in England erstmals wieder nach Sri Lanka fuhr. Prins war fast zehn Jahre früher endgültig nach Hause zurückgekehrt, hatte seine gestreiften Hemden und kitschigen Manschettenknöpfe in einen schwarzen Kehrichtsack für Oxfams gestopft und war aufgebrochen, seine wahre Identität in der Sonne zu finden. »Meine Bestimmung liegt anderswo«, hatte er näselnd Marlon Brando imitiert. Es war einfach, damals, Helden zu haben, die anders waren als wir und – selbst als wir unsere eigenen vernichtet hatten – fremde Ikonen zu entleihen. Jetzt, wo fast jedes zehnte Haar auf seinem Kopf grau geworden war, sah er aus, als lebe er ständig im Mondlicht. Doch in seinem Gabardineblazer und seiner kühl schimmernden Baumwollhose sah er aus, als gehe er zum Segeln ans Mittelmeer anstatt zur Beisetzung seiner Mutter; es war die wärmste Kleidung, die er zu Hause hatte auftreiben können.
»Ich bin ganz durchgefroren und hungrig. Alles ist irgendwie außer Kontrolle geraten. Als hätte ich die Wegweiser falsch gelesen, aber das Rad nicht ganz losgelassen.« Prins bewegte die Hände, als halte er ein imaginäres Lenkrad. »Was würde passieren, wenn ich hirivatuna würde und losließe?« Als er sich streckte und dabei den Kopf nach hinten kippte, wurde er von einem Schauer geschüttelt: eine verkümmerte Kokospalme, die sich der Sonne entgegenreckt.
»Wo ist dein Gepäck? Hast du keinen Koffer oder sonstwas?«
»Wir sind jetzt sehr modern in Colombo, mußt du wissen. Wir tragen bloß Plastik mit uns herum, wie alle unsere arroganten Politicos. Sonst glaubt jeder, du hast eine Bombe versteckt.« Er hatte nichts außer einer schwarzen Schultertasche mit, die ich nicht einmal bemerkt hatte. »Ich wußte, daß ich mich in ein Taxi stürzen und direkt zum Krematorium fahren mußte. Konnte jedenfalls keinen Koffer mitschleppen, oder?«
Ich führte Prins in die Küche und setzte ihm Kleiefloken vor. Mittwochmorgen, zehn Uhr. Simon & Garfunkel im Radio. Ich kochte Kaffee. Prins sagte, er fühle sich in Mutters Küche zurückversetzt, in die guten alten Zeiten: Pearl, die Kaffee einschenkt. Doch die Pearl vor zwölf Jahren, an die er sich erinnerte, war ziemlich anders als die Pearl, die ich in den letzten Jahren kennengelernt hatte.
Ich war etwas befangen. Ich wußte nicht, wie Prins sich jetzt, hier in London, mir gegenüber verhalten würde, denn da war meine Nähe zu Pearl, eine Beziehung, die nur durch seine Abwesenheit hatte entstehen können und weil ich nicht ihr Sohn war. Vielleicht auch, weil ich keine Mutter hatte, um die ich mich kümmern mußte. Ich war der einzige, der bei ihr geblieben und bereit gewesen war, die Wirklichkeit ihrer Worte zu teilen und einen Blick in eine andere Welt zu werfen.
Neben dem Küchenschrank hinter ihm hatte ich mein einziges Foto von Pearl über dem Telefon an die Wand gepinnt. Ein Schnappschuß aus einer Zeit, wo ich noch nicht einmal geboren war. Ich hatte mich nie dazu aufgerafft, das Foto ordentlich zu rahmen. Feiner rötlicher Staub hatte sich in den eingerollten Ecken angesammelt. Ich wischte das Foto mit dem Ärmel ab und schob es in das Schubfach unter dem Stapel Telefonbücher.
Zehn Uhr
Ich begegnete Pearl zum ersten Mal, als ich im Herbst 1975 nach London kam. Ich hatte Sri Lanka schon ein paar Jahre zuvor verlassen, hatte aber immer noch keine feste Bleibe gefunden. Und weil ich keinen Job hatte, borgte ich etwas Geld und fuhr nach London, fest entschlossen, ein Leben nach meiner eigenen Vorstellung zu leben, was vielleicht ein unausgegorener jugendlicher Traum war. Bei Pearl in der Almeida Avenue 52b zu wohnen ermöglichte es mir. Sie hatte ein freies Zimmer, weil Prins, ihr ältester Sohn, nach Oldham gegangen war, um in einem zehnmonatigen Schulungskurs zu lernen, wie man Wollgarn verkauft. Sein jüngerer Bruder Ravi lebte bei Pearl, allerdings zog er es meistens vor, sich im dunkelsten Schlafzimmer der Wohnung einzuschließen.
In jenen ersten kalten Jahren saß ich viele Abende in einem braunen Kunstledersessel Pearl gegenüber, nippte an einem Glas Sherry und hörte ihren Geschichten zu, während sie auf dem Sofa vor dem Fernseher, zwischen alten Schwarzweißfilmen und Kojak-Folgen, Halstücher oder Westen strickte. Selbst damals suchte ich noch nach einem Weg, mein Leben in ihrem sprudelnden Kielwasser zu formen. Pearl, dann Prins wurden die Kardinalpunkte meiner verschwommenen Identität.
»Die Schwierigkeiten fingen an, als er sich die verrückte Idee in den Kopf setzte, ein eigenes Haus zu besitzen.« Pearl legte ihre Stricknadeln nieder und tippte sich leicht an die Lippen, als kokettiere sie mit einem ihrer schalkhaften Sätze, mit denen sie sich über das gezierte Englisch ihrer Kindheit lustig machte. »Wozu einen inchy-pinchy Friedhof besitzen, frage ich dich. Aber der Mann war ganz verrückt nach einem eigenen Misthaufen, daß er an nichts anderes mehr dachte.«
»Er«, das war ihr Mann Jason Ducal.
Pearl erzählte die Geschichte ihrer ersten Ehejahre mit einer solchen Offenheit, daß ich das Gefühl hatte, sie miterlebt zu haben: ein unsichtbarer Lauscher im Zwielicht einer eingemotteten Zeit.
Pearl war sozusagen in Quarantäne aufgewachsen: in Häusern mit unendlich viel leerem Raum, aber es waren nie Häuser, die ihren Eltern gehörten. Ihr Vater, ein Arzt, war von Ort zu Ort gezogen und hatte versucht zu helfen, wo Hilfe gebraucht wurde. Er starb während der Malaria-Epidemie von 1935. Ihre Mutter war der Krankheit früher zum Opfer gefallen, doch Pearl sprach nie von ihr. Sie nannte mir bloß ihren Namen, Sikata, und sagte, ihr Tod sei der Grund gewesen, warum ihr Vater für sein einziges Kind immer ein Haus in sauberer Meeres- oder Bergluft gesucht habe. Pearl wuchs heran, ergötzte sich an Father Browns Rätseln und an englischen Liebesgeschichten unter Mangobäumen in abgeschiedenen Gärten. Andere Menschen betraten ihre Welt nur durch die Praxistür: hilflose, verletzte Menschen, die in ihrem Kampf, von einem Tag auf den anderen zu überleben, etwas Anteilnahme suchten.
Das war es gewesen, was ihr an Jason so faszinierend vorgekommen war, als er bei ihnen auftauchte. Er hatte keine erkennbaren Leiden oder Verletzungen. »Er sah nicht krank aus«, sagte sie, und in ihrer Stimme lag echtes Staunen. Er fuhr auf einem Fahrrad und war wie aus einem russischen Stück. Er kam auf seinem Fahrrad daher, hielt mit einem Finger die Lenkstange und in der anderen Hand eine Blume. Während sich seine Altersgenossen Tag und Nacht für ihre zukünftige Stellung in einem maroden Empire abrackerten, redete Jason bezaubernd über das Bedürfnis nach Schönheit und über die Reinkarnation. »Aber es war nie etwas von einem boru an ihm. Das muß ich zugeben.« Pearl schüttelte den Kopf. Selbst nach so langer Zeit klang Bewunderung in ihrer Stimme. »Nein, nicht in den ersten Jahren. Nie, denke ich. Er war aufrichtig. Er nahm den Mund nie voll wie all die anderen«, seufzte sie. Sie war jung, damals. Sie hatte an Jason und sein funkelndes Fahrrad geglaubt, an seine liebevoll gepflückte Blume, an seine entzückenden, berauschenden Worte. Sie habe ihn aus Schwärmerei geheiratet, sagte sie; doch Jason hatte offenbar schon bald das Gefühl gehabt, er müsse ihre Welt mit den Annehmlichkeiten vervollständigen, die sie im Hause ihres verstorbenen Vaters gehabt hatte – Geschirrschrank, Bücherregale, einem Garten –, statt schlicht mit dem Flair eines guten Arztes.
In den Monaten ihrer jungen Liebe war er äußerst zuvorkommend gewesen. »Er rezitierte Gedichte. Richtige Gedichte! Und manchmal spazierten wir abends am Meer, und er erzählte mir von den Sternen und der Venus: das Auge der Liebe am Himmel.« Sie war beeindruckt gewesen von seiner Art, die Sorgen der Welt beiseite zu schieben, sie einfach anzuschauen, durch ihre Augen fast in sie einzudringen – wie ein Lächeln, das sich irgendwo zwischen ihrem Hals und ihrem Herzen festsetzte. Doch diese Fähigkeit, in ihr zu sein, ohne sie überhaupt zu berühren, verschwand nach der Hochzeit, als ob das physische Eindringen in der ersten Nacht es ihm verunmöglichte, sie auf eine andere Weise zu erreichen. Pearl war besorgt, weil sie nicht gleich schwanger wurde, denn sie glaubte aufgrund der abgekürzten biologischen Unterweisungen ihres Vaters, daß dies so sein müsse. »Es war mein Fehler, ich spürte genau, daß es nicht auf Anhieb passiert war«, kicherte sie, »irgendeine instinktive Technik, die ich noch nicht ganz beherrschte und die beim Herausspritzen seines Spermas, in der exakt gleichen Sekunde – ping! –, ein Ei hätte herausspringen lassen.« Jason schien enttäuscht gewesen zu sein.
Kein Tag verging nach der Hochzeit, an dem er sich nicht den Kopf zerbrochen hätte, um etwas zu finden, was ihr Leben in eine luxuriösere Umlaufbahn geschossen hätte. Mit der Zeit wurde es zu einer Besessenheit. Er spottete über die Zulassungsprüfungen zu öffentlichen Ämtern und klagte über seine verpaßte Chance, einen Beruf zu erlernen. Er war fest entschlossen, den Schimmel wegzukratzen und eine Bresche in Colombos Außenhandelssektor zu schlagen. Alle Zeichen von Leichtsinn verflüchtigten sich. »Man hätte glauben können, unsere Heirat habe einen missionarischen Eifer in ihm ausgelöst.« Sie konnte diese Verwandlung nicht verstehen. »Woher kommt dieser Drang, fragte ich mich. Dieser Drang, ständig wegzugehen? Warum war er nicht die ganze Zeit bei mir, wo ich doch noch nicht über den Tod meines Vaters hinweggekommen war?« Pearl blickte mich an, als ob die Antwort in meinem Kopf säße. Aber sie war es doch, die die ganze Geschichte kannte, nicht ich. Jason Ducal war kein vermögender Mann. Zwar hatte Pearls Vater für sie vorgesorgt, bevor er den Rest seines bescheidenen Vermögens einem Hospiz vermachte; Jason selber besaß jedoch kein eigenes Geld. Und das mußte ihn nach seiner Heirat sehr beschäftigt haben.
Ihr erstes Ehejahr war noch nicht um, und Jason hatte sich – 1936 war das gewesen – bereits eine führende Stellung bei Sanderson Bros. gesichert, einer relativ jungen britischen Firma in Colombo, die mit Tee, Überseetransporten und den üblichen Waren handelte, die das Leben in einem in die Jahre gekommenen Empire angenehm machen. Es war eine Sensation. Kein Ceylonese hatte bisher in diese letzte Bastion des britischen Kolonialkonservativismus eindringen können, nicht auf diese Stufe zumindest. »Die einzigen brownskins vor ihm waren Botenjungen und Bürogehilfen.« Pearl rümpfte die Nase. Die Firma war damals sehr weitblickend; sie hatte erkannt, daß man auf der die Insel überflutenden Nationalismuswelle segeln und lokale Manager ausbilden mußte. Daß man eine einheimische Elite entwickeln und sich vor der unabwendbaren Machtübergabe in ein echtes ceylonesisches Unternehmen verwandeln mußte. Während andere englische Firmen das ganze Gerede von Ceylonisation als Unsinn abtaten, hatten Sanderson Bros. den Gedanken vorsichtig aufgegriffen; sie waren auf das Experiment vorbereitet. Jason überzeugte die Seniorchefs davon, daß er der Mann war, der ihnen den Weg in die Zukunft öffnen würde, und sie beriefen ihn in eine geschäftsführende Position, die die Redaktoren der lokalen jährlichen Firmenverzeichnisse verblüffte. »Wer ist überhaupt diese Großschnauze? Die Plantagenbesitzer im Hill Club waren zutiefst empört«, fügte Pearl glucksend hinzu. Doch weder Jason noch Pearl waren sich wirklich bewußt gewesen, wie sehr diese Ernennung zu einem Wendepunkt in ihrem Leben würde.
»Er grinste übers ganze Gesicht an dem Tag, als er den Job bekam. Ich weiß nicht, wie er es anstellte, ihn zu bekommen, doch er konnte damals jede Menge Charme versprühen, wenn er etwas erreichen wollte.« Pearl sog nachdenklich die Lippen ein. »Ich war glücklich, ihn so glücklich zu sehen, doch als ich ihn küssen wollte, wich er zurück. Er wollte reden. Es war das letzte Mal, daß er wirklich reden wollte. Er war noch nicht einmal ins Büro gegangen, und schon träumte er von seinem Haus. ›Ein hübsches eigenes Haus mit einem Garten.‹«
»Stellten sie ihren Angestellten ein Haus zur Verfügung?«
»Nein, das nicht. Er war ja der erste kaluwa. In diesen Firmen bekamen nur die Briten Häuser. Doch er sah voraus, daß es eines Tages Leuten wie uns möglich sein würde, ein Haus zu kaufen. Sein Gesicht strahlte vor Hoffnung. Er war fest entschlossen, es aus eigener Kraft zu schaffen im Gegensatz zu den anderen dusseligen Knallköpfen in Colombo mit ihren speichelleckerischen Vorfahren und ihrem zwielichtigen Geld.«
Jason bewies, daß er für die Firma ein unschätzbarer Gewinn war. Er stieg schnell in eine Position auf, in der er oft die Insel bereisen mußte. »Er war unschätzbar für die Dussel in der Direktionsetage, die nicht wußten, was mit all den Gewerkschaften und der neuen Politik anfangen. Und während dieser Bracegirdle – ein Roter, weißt du – in dem berühmten Gerichtsfall vor dem Krieg gegen die Deportation nach Australien kämpfte, ersuchte Jason um eine Schiffskarte nach England und bekam sie.« Doch die Reise hatte, wie alles, zwei Seiten. Einerseits würde seine Abwesenheit ihr Heim an einen Abgrund führen; andererseits konnte Pearl ihn ohne weiteres begleiten. Die Reise nach England änderte ihr Leben für immer. Sie liebte es, von jener Reise zu erzählen, als sei sie der eigentliche Höhepunkt ihrer jungen Liebe gewesen.
Es gibt nur ein Foto aus jener Zeit, auf dem sie zusammen sind. Auf der Rückseite steht der Vermerk 1938 und darunter Jason & Pearl. Pearl blickt Jason an, Jason hingegen blickt etwas affektiert direkt in die Linse. Er trägt einen Briefumschlag mit dem gut sichtbaren Vermerk Air Mail in der Hand, wahrscheinlich den Brief mit den definitiven Einzelheiten ihrer Auslandreise. Pearl erwähnte jene Reise das erste Mal, nachdem wir uns im Fernsehen The Thirty-Nine Steps angesehen hatten. Sie war mit Jason im Frühsommer 1938 mit dem Schiff zu einem zweimonatigen Aufenthalt nach England und von dort aus nach Schottland gereist. »Wir nahmen einen Zug, genau wie Hannay, aber Schottland war überhaupt nicht so trostlos, wie sie es im Film zeigen. Es war wunderschön. Iain holte uns drüben ab und führte uns herum.«
»Sie haben in Irland gefilmt und sagen einfach, es sei Schottland, ein bißchen von Hitchcocks künstlerischer Freiheit plus die üblichen finanziellen Gründe«, warf ich entschuldigend ein. »Wer war Iain?«
»Iain Stevenson. Einer der Seniorchefs. Jason war sein Protegé. Er war ebenfalls im Urlaub. Stell dir das vor: im Urlaub. Von zu Hause nach Hause fahren. Doch Iain war ein wunderbarer, ein sehr liebenswürdiger Mann. Er war es, der Jason auf den Geschmack eines richtigen Malzwhiskys brachte. Er führte uns zu seiner bevorzugten Brennerei am Spey. Jason war begeistert von der Vorstellung, ein Connaisseur oder was auch immer zu sein. Und dann das Golfspielen.«
Iain hatte die beiden nach Saint Andrews mitgenommen. »Ich schaffte sogar ein Birdie«, erzählte Pearl stolz. »Am Anfang spielte ich besser als Jason, weißt du. Er war staksiger als ein Hühnerflügel; sein Schlag war flacher als ein Bambalapitiya-Käsekuchen. Doch ich gab das Golfspielen auf. Weil er sich so aufregte. Iain brachte es zuerst ihm bei, mir zeigte er es nur aus Spaß.«
»Du hast aufgegeben?« Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Pearl was auch immer kampflos aufgab.
Sie wandte sich ab und schaute zum Fenster hinaus. Die Außenflügel waren geöffnet. Der sanfte, graue Sommerregen, den sie so mochte, sprenkelte die Scheiben. »Sie wollten die Besten sein, weißt du. Immer die gleichen Bubenwettkämpfe. Später gabs dann Damensektionen und alles Drum und Dran, doch, um ehrlich zu sein, ich fand das Schickimicki-Klubleben zu Hause etwas vulgär. Die ewigen Anzüglichkeiten …« Ich konnte mir das kehlige Gelächter vorstellen, die lauten Witze über die Gewaltsschüsse, die wie Fontänen die Matten bespritzten. »Iain war der einzige echte Gentleman in der angeheiterten Bande.«
Iain Stevenson stammte aus Aberdeen, hatte jedoch mehr als sein halbes Leben in Ceylon verbracht. »Er hatte ein nettes Gesicht«, sagte Pearl. Die Haut um seine Augen war von feinen Fältchen durchzogen, als lächle er ständig: das Resultat von zwanzig Jahren in die Sonne blinzeln, um einen Schatten zu messen, der sich von der Vergangenheit zu lösen drohte. »Er liebte das Golfspiel. Er spielte fast jeden Tag, wo und wann immer sich die Gelegenheit in Schlagweite eines rudimentären Golfplatzes ergab. Eine Handvoll Löcher um eine Mahavamsa-Ruine, verstreute Ameisenhaufen darum herum als Bunker und ein Badeweiher als Hindernis genügten. Manchmal war’s nur gerade der Topfpflanzengarten des GA, des Government Agent. Golf war für ihn wie eine Religion«, erklärte Pearl.
Iain Stevenson hatte Jason seinen Sportwagen zur Verfügung gestellt, so daß sie mehr von seiner Heimat Schottland sehen und anschließend gemächlich nach London zurückfahren konnten. Es war ein Sommer, in dem sich in Europa etwas zusammenbraute, aber für Pearl war es offenbar eine kurze, glückselige Zeit gewesen. »Das Auto hatte eine Hupe«, kicherte Pearl. »Jason liebte jenen Triumph. Wir fuhren oben ohne, ohne Dach, meine ich. Bei Regen und bei Sonnenschein.«
»Was? Sogar bei Regen?«
»Es war ein Triumph, Chip putha.« Pearl pfiff leise durch die Zähne. »Wir fuhren mit dem Wind.«
Zu meinem Geburtstag schenkte sie mir ein Foto von jener Reise im Jahre 1938. Sie löste es sorgfältig aus dem Album. »Hier, nimm, du bist der einzige, der daran Freude hat.« Das Album enthielt ungefähr dreißig Fotos, die sorgfältig mit silbernen Ecken eingeklebt waren. Alle von Jason geknipst. Dasjenige, das Pearl mir schenkte, zeigt sie im offenen Sportwagen, wie sie etwas verdrossen dreinblickte trotz der überschwenglichen Aufmerksamkeit, die ihr Jason hinter seinem Objektiv zu schenken scheint. Pearl sieht aus, als möchte sie lächeln, zurückstrahlen, doch ein leiser Zweifel in ihr hat die Fäden zu ihren Wangen durchschnitten. Vielleicht ist es der Wagen, den Jason bewundert. Man sieht, daß sie etwas sagen will, es aber nicht über die Lippen bringt. »Jason«, scheint sie ihn zu beschwören, »sag mir, daß du mich liebst.« Jason betätigte ständig die Kamera, er bildete sich anscheinend ein, er sei ein Künstler. Von jener Reise gab es kein Foto von ihm, doch er spiegelte sich in dem, was sein Auge festgehalten hatte, dem Rahmen, den er um die Welt seines Triumph drapierte, um seine junge Frau und sein Vergnügen.
»Das war in der Nähe des Hyde Park, glaub ich. Wir hatten uns in der Rotton Row die Pferde angesehen. Ich erinnere mich, daß er mir am Abend Rosen kaufte. Wir aßen bei Simpson’s zu Abend, und ich trug meinen elegantesten Manipuri-Sari.« Pearl genoß es, mir in ihrem gelben Almeida-Avenue-Wohnzimmer ihre exotische Vergangenheit zu schildern, als sei sie – in dieser Form – für jedes Immigrantenleben selbstverständlich. Immer glänzend und überschäumend und ohne jegliche rußige Düsternis, die man bei bitterer Betrachtung jener Zeiten erkennt.
»Das war vor München, weißt du«, fügte sie hinzu, als sei ihre Welt eine unschuldige Welt gewesen. Sie wurde nie mit dem Grauen des Krieges konfrontiert, und dennoch, auch in ihrer Welt nahmen die Sorgen zu. Gab es mehr nüchterne, düstere Erfahrungen. Schwierigere. Härtere. Schlechtere. Traurigere, als sie sich je hätte vorstellen können. Doch wenn sie erzählte, schien es, als spüre sie, daß man das Leben in bestimmte Bahnen leiten kann, egal, durch was für Prüfungen man gehen muß. Als ob das Leben, wenn es abwärts rollt, bloß schneller läuft, um zu einem befreienden Sprung anzusetzen. Einem Leben nach Jason.
Ich fragte sie, was mit Iain Stevenson war. »Blieb er länger?«
»Schottland war der Ort, von dem er träumte. In den fünfziger Jahren verließ er Colombo und kehrte zurück.«
»Ist er immer noch hier?«
»Nein.« Sie schüttelte wehmütig den Kopf. »Er starb bei einem schrecklichen Unfall in der Nähe von Loch Linnhe. Er fuhr seinen wunderschönen brandneuen blauen MG.«
Ich fragte, wann das passiert sei.
»Oh, das ist lange her. 1957 war das. Ein Jahr nach Jason. Du warst damals noch ein kleiner Junge.«
Pearls erstes Kind, Prins’ Schwester Anoja, war zu früh auf die Welt gekommen. Pearl sagte, sie sei sicher, daß das Baby auf dem Schiff gezeugt worden war, in der Nacht, bevor sie in Colombos Hafen glitten. »Genau in dem Moment, als der Kapitän befahl, die Anlegelichter anzuzünden, hatte ich den Kniff heraus.« Pearl betrachtete mich schelmisch aus dem Augenwinkel. Sie hatte ihren Mann in jener letzten Nacht energischer als sonst in sich hineingeschubst, direkt in ihren Schoß. »Für mich war es wichtig, mit dem kostbarsten Hochzeitsgeschenk im Bauch nach Hause zu kommen … Auch wenn es nur ein Geschenk für mich allein war. Eine Leihgabe.« Pearls Gesichtsausdruck veränderte sich, und ein leichtes Zittern zuckte über ihre Unterlippe.
»Doch weißt du, Anoja war nie ein fröhliches Kind. Sogar als Baby war sie so teilnahmslos. Jason beklagte sich, ihre Augen würden einen nicht erkennen. Sie lächle nie.« Trotz seines wachsenden Erfolges schien Jason in der ersten Zeit wegen Anoja irgendwie unglücklich gewesen zu sein. Vielleicht weil er sich hilflos fühlte angesichts der Sorgen dieser Welt, die in ihr junges Leben sickern und dessen Unschuld ertränken würden.
»Er lächelte ja auch nicht«, erinnerte sich Pearl. »Ich sagte manchmal zu ihm, erschrecke doch das Baby nicht mit deinem Gguli-guli-Blick.«
In seinem ersten Lebensjahr war das Baby – Anoja – die meiste Zeit sich selbst und der Obhut einer ganzen Reihe finsterer, runzeliger ayahs überlassen. Und jede brachte die Düsternis ihres eigenen traurigen Daseins in das ungefestigte Leben des Kindes. »Weißt du, Chip putha, ich war damals noch so jung. Ich ließ die Kleine einfach heranwachsen. Sie war so ruhig. Sie war einfach glücklich, dazusein. Und ich war so beschäftigt mit dem, was mit meinem Jason vor sich ging: Der Mann verwandelte sich zusehends.«
Jason verwandte seine ganze Energie auf die Arbeit. Er wurde schnell befördert, um die Lücken zu schließen, die enttäuschte britische Kaderleute, die die Notwendigkeit jeglicher Form von Ceylonisation nicht einsehen wollten, in der Firma zurückließen. Sie kehrten lieber in ein von Finanzkrisen zum Krieg taumelndes England zurück, als den Verlust mit anzusehen, den Pearl »ihre etepetetigen Privilegien« nannte. Wenn Jason von seinen monatlichen Reisen durch die Plantagen im Hochland zurückkehrte, stellte er jedesmal fest, daß man ihm neue Verantwortungen übertragen hatte und er in der Firma eine Stufe weiter aufgestiegen war. »Die buntbemalten Decken, Holzgitter und Wände«, witzelte Pearl, »zerbröckelten angesichts der Notwendigkeit, rasch Lücken stopfen zu müssen, um sich gegen einheimische Konkurrenten zu wehren.« Jede Beförderung brachte für Jason noch mehr Reisen und noch mehr Verpflichtungen mit sich. Mehr Distanz zu Pearl und Anoja. Doch dafür kam er seinem Traum, ein eigenes Haus kaufen zu können, immer näher.
Während der Kriegsjahre wurde die Firma in aller Ruhe auf Vordermann gebracht; als das Land die vollständige Unabhängigkeit erlangte, war Sanderson Bros. von Grund auf umstrukturiert, hatte unter einem Aufsichtsrat anderer Färbung den Gedanken an eine geschäftliche Identität aufgegeben – wie konnte eine Firma auf ihren alten Prinzipien beharren, wenn sich um sie herum praktisch alles veränderte? –, die bisher in der komfortablen merkantilistischen Gesellschaft einer kolonisierten Insel als Norm gegolten hatte.
1948 schließlich, als Ceylon nach heftigem Widerstand gegen die Engländer seine Unabhängigkeit erlangte und während sich die gelehrten pandits über die Farben einer freien Landesflagge stritten, kaufte Jason Ducal ein Haus, und zwar an einem Ort, wo vor ihm noch kein Ducal auch nur davon geträumt hatte, eines zu kaufen. Es stand in einem der begehrtesten Wohnviertel Colombos. »Aber«, Pearl rümpfte die Nase, »das einzige Problem war, daß es an das Grundstück der Familie Vatunas grenzte.«
Das Grundstück der Vatunas war das Resultat einer engen, intensiven Beziehung zwischen der schlummernden Erde und dem Ehrgeiz eines Stammes moderner Dynasten. Und für die Vatunas – vom ersten bis zum letzten – bestimmte Landbesitz alles: die Form ihres Lebens, die Form ihres Körpers, die Form ihres Kopfes und die Form ihrer Träume. Am Anfang war sich Jason darüber nicht im klaren – er erkannte es nicht –, doch durch den Erwerb jenes Hauses kaufte er sich in ein vorgeformtes Schicksal ein, das die Krankheit des Landbesitzenden auf sein Leben und das Leben aller Ducals – Pearls und ihrer Tochter Anoja und ihrer Söhne Ravi und Prins – übertrug.
»Das Paradoxe daran war, daß er das Haus von einem Engländer erwarb. Das Grundstück selbst war ursprünglich ganz im Besitz des alten Vatunas gewesen, doch die eine Parzelle war an einen gewissen Kapitän Melrose verkauft worden, der dann das Haus darauf baute. Er nannte es Arcadia.« Pearl erklärte, Kapitän Melrose habe schon immer als Exzentriker gegolten, sogar bei seinen eigenen Landsleuten, und für ihn sei das Haus eine Art Hommage an einen eiternden Kolonialtraum gewesen: den Traum einer Abenteuerreise. Ihrer Beschreibung nach mußte das Schlafzimmer des Hausherrn an der einen Seite, zur Straße, gelegen haben – wie auf der Back eines abgewrackten, schief ins Meer schlingernden Amphibienfahrzeugs. Darüber war eine Kapitänskajüte errichtet worden mit einem Brükendeck, das als Balkon diente. »Das ganze übrige Haus sickerte von dort aus gluck, gluck, gluck abwärts.« Eine vergrößerte Träne.
»Jason liebte dieses schräge Haus.« Pearl zupfte an einem verirrten Wollfaden in ihrem Schoß. »Er liebte es, am frühen Abend zur Brücke hinaufzusteigen, das Gefühl zu genießen, hoch oben zu sein und noch weiter steigen zu können bis zum Hellegatt, wo er seine regenerierenden Träume versteckt hielt. Ein Ort zum Auftanken. Dort konnte er den Tag hinter sich zurücklassen und zu seinem innersten Selbst finden.« Jason war offenbar ein richtiger Kolonist geworden: ein – geographisch und gesellschaftlich – von Status und Rang besessener Mann. Erst wenn er seines Platzes in der Finsternis des Universums gewiß war, konnte er Ordnung und Form ins Leben um sich herum bringen. Ohne diesen Platz, glaubte er wohl, würde es keine Ordnung geben. Nichts würde funktionieren. Pearl schien diese Ansicht geteilt zu haben. »Die paar Stufen zu seinem Refugium hinaufzuhopsen verschaffte ihm den Kick, den er zur Entfaltung seiner Magie brauchte.«
Anhand ihrer Worte stellte ich mir sein Arbeitszimmer vor: Ein breiter geflochtener Sessel, Empfindungen, die sich wie Staubpartikel in ionisierter Meeresluft setzten. Jason schließt die Augen, um die chemische und molekulare Erregung seines Herzens zu beruhigen. Die Geräusche der Stadt ziehen sich zurück, und seine Ohren füllen sich mit dem Rauschen seines Seins; die Licht-und Substanzebenen schmelzen, und langsam verdichtet sich die Form seines Lebens zum Dunstkreis der Gegenwart. Dann, als er spürte, daß alles in Ordnung war, tauchte Jason erquickt wieder auf.
»Niemand durfte dort oben eindringen.« Bei der Erinnerung runzelte Pearl die Stirn. »Einmal kam ein Cousin von Jason mit einem Jungen, Baresh, der ganz närrisch auf Schiffe war. Er trug eine Matrosenmütze. Der Vater war ganz begeistert von Jasons monströsem Haus, und der kleine Kerl lief die Treppe zur Brücke hinauf. Jason war so wütend, daß er den Kleinen beinahe die Treppe hinuntergeschmissen hätte. Aber weißt du, Baresh tauchte wieder auf, als er älter war, wie ein Korken. Diesmal wegen Anoja.«
Ich sah Pearl als junge Mutter vor mir: Sie sitzt auf der Veranda und bürstet das Haar ihrer erstgeborenen Tochter, betrachtet die Luft, die in der untergehenden Sonne zu Metall gerinnt. Sie verbirgt das Gesicht im Haar ihres Kindes, um die Wärme seines Lebens zu atmen und ihm Glück zu wünschen.
»Es war wirklich sehr eigenartig mit jenem Haus. Ich spürte Jasons Verlangen danach, konnte es aber nicht teilen. Im unheimlichen Garten schien überall etwas Böses in den Hecken zu lauern.«
Sie sagte, es habe ihr widerstrebt, Jasons Zufriedenheit wegen ihres Unbehagens aufs Spiel zu setzen, doch sie habe gewußt, daß sie nicht in jenem Haus – seinem Haus! – sterben wollte. »Ich spürte, daß mich etwas aus seinem Arcadia stieß … oder zerrte. Doch wenn ich Jason anblickte, sah ich, daß er das Gegenteil spürte. Für ihn bedeutete jenes Haus sein ganzes Leben: der Ort, wo er sterben würde.« Diese Unvereinbarkeit bekümmerte sie immer noch.
»Ich weiß nicht, was es genau war. Manchmal denke ich, daß ich oft unbesonnen gehandelt habe. Was soll’s, heute spielt das alles keine Rolle mehr … Wie Jason es schaffte, in der Firma so erfolgreich zu sein, ist für mich ein Rätsel. Ich hätte mir alles andere vorstellen können, nur das nicht. Er hatte früher nur Bücher im Kopf gehabt. Er sprach über Koriolan und die Sisyphos-Sage. Für mich hatte er etwas von Mr. Jeyaratnam, dem einzigen männlichen Lehrer, den ich gehabt habe. Doch der Job bei Sanderson Bros. änderte alles. Kein Fahrrad mehr, keine Bücher mehr … Nur seine Arbeit, die er hinter verschlossenen Türen versteckte. Ständig Türen knallend, Dinge abschließend. Er ging mir ehrlich gestanden langsam auf die Nerven.«
Ich sah die Szene bildhaft vor mir: Ein Freitagabend im heißesten Monat des Jahres. Jason kommt aus dem Bad und macht die Schlafzimmertür hinter sich zu. Pearl sitzt wartend auf der Veranda.
»Warum schlägst du die klapprige Tür zu?« fragt sie ihn.
Jason bleibt stehen und blickt zu ihr hinüber.
»Ständig schließt du Türen. Als wolltest du mich aussperren.«
Jason wendet sich ab. Er reibt bedächtig die Augenbraue. »Es ist heiß«, murmelt er.
»Ja und?«
»Am Abend dringt die Hitze ins Haus. Ich will bloß das Zimmer kühl halten.«
»Sei doch kein solches Dumdum.«
