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Kommissarin Anna Erlenmeyer und ihr Kollege Yves stehen vor einem scheinbar unlösbaren Fall als sie mit verschiedenen Funden von Leichenteilen entlang eines Wanderweges im Saarland konfrontiert werden. Immer neue Verwirrungen lassen die Kommissare und ihre Kollegen vermuten, dass sie es in diesem Fall mit etwas ganz "Großem" zu tun haben. Ganz nebenbei verändert sich das Leben von Anna Erlenmeyer
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Seitenzahl: 424
Veröffentlichungsjahr: 2019
Monika Maria Schäfer
Ringe des Verbrechens
Kriminalroman
© 2019 Monika Maria Schäfer
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-1445-2
Hardcover:
978-3-7497-1446-9
e-Book:
978-3-7497-1447-6
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„Okay, Lupo, ich bin ja schon da. Wir gehen ja in den Wald“, rief Frau Bauer ihrem Pflegehund „Lupo“ zu. Das Wetter war traumhaft schön an diesem Sommermorgen. Die Kühle der Nacht lag zu dieser frühen Stunde noch über den Wiesen und dem Waldweg. Lupo, der blonde Labrador, den Frau Bauer betreute, während seine Familie in Urlaub war, ging langsam neben ihr her. Lupo war gehorsam und sehr anhänglich. Frau Bauer genoss die Zeit mit ihm und solch frühe Spaziergänge taten auch ihr gut. Lupo kannte den Weg, den sie täglich wählten. Er wusste, dass er gleich zu der Wiese kam, auf der Frau Bauer immer mit ihm Ball spielte und ihn Leckerchen suchen ließ. Er lief einige Schritte vor Frau Bauer her und auf ihr Rufen kam er immer zurück. An der Wiese angekommen, nahm Frau Bauer den Ball aus ihrem Rucksack und rief: „Lupo fang!“ Sie warf den Ball, soweit sie konnte, Lupo sprang dem Ball hinterher und fing ihn mit seinem Mund. Er brachte ihn zu Frau Bauer, damit sie ihn wieder werfen konnte. Nach vielen Wiederholungen dieses Spiels, setzte sich Lupo neben Frau Bauer und zeigte ihr mit seinem treuen Blick, dass er nun Leckerchen suchen wollte. Sie gebot ihm, „Platz“ zu machen und begann, die kleinen Hundekuchen zu verstecken. Frau Bauer gab Lupo den Befehl „Such“ und Lupo ging schnüffelnd am Rand der Wiese vorbei. Frau Bauer setzte sich auf einen Baumstumpf und beobachtete Lupos zufriedenes und geschicktes Suchen. Plötzlich verschwand Lupo im Dickicht der Hecken. Sie rief seinen Namen, doch er kam nicht. Besorgt sprang Frau Bauer auf, und ihr Rufen wurde lauter. Aber erst als sie laut auf den Fingern pfiff, kam Lupo zurück. Frau Bauer wollte gerade beginnen, ihm eine Strafpredigt zu halten, als sie erblickte, dass Lupo etwas in seinem Mund hatte, das kein Hundeplätzchen war. Sie rief ihm zu: „Lupo, Aus! Leg hin, was hast du da?“ Lupo schaute sie mit einem Blick an, in dem Stolz, aber auch etwas Respekt zu erkennen waren. Er legte seinen Fund vor Frau Bauers Füße. Sie schaute sich vorsichtig an, was er wohl angeschleppt hatte. „Oh nein, Lupo, wo hast du das denn gefunden?“ Sie spürte, dass ihr leicht schwindelig wurde bei dem Anblick. Sie atmete tief durch, trank einen Schluck Wasser, nahm einen Plastikbeutel aus ihrer Tasche, und hob den Zeigefinger, der vor ihr lag, vom Boden auf. Sie atmete wieder tief durch und traute sich nun, den Fund genauer zu betrachten. „Oh mein Gott, Lupo, zeig mir, wo das hier lag!“ Sie fühlte, dass der Finger ganz kühl war. Sie hatte also genug Zeit, sich von Lupo zum Fundort bringen zu lassen. Den Finger könnte sowieso niemand mehr retten. Sie legte ihn in der Tüte neben ihren Rucksack auf die kühle Wiese. Lupo hatte den Befehl verstanden und führte sie durchs Dickicht. Plötzlich blieb er stehen, schnüffelte und wedelte mit dem Schwanz. „Dann hast du den Finger hier gefunden?“, fragte Frau Bauer den Hund. Sie hatte das Gefühl, irgendetwas schnüre ihr die Kehle zu. Jedoch war sie neugierig, ob sie noch etwas anderes an dem Punkt finden würde, gleichzeitig fürchtete sie sich davor. Sie schaute nur kurz über den Boden, als ihr einfiel, dass dies eventuell der Tatort eines Verbrechens war. Da sie sich gerne Kriminalfilme im Fernsehen anschaute, wusste sie, dass ein Tatort möglichst nicht mit falschen Spuren verunreinigt werden durfte. Sie ging zum Rucksack, um ihr Handy zu nehmen. Sie hatte sich etwas beruhigt, aber als sie den Finger wiedersah, wurde ihr erneut leicht übel. Sie wählte den Notruf von ihrem Handy aus: „Polizeidienststelle Bereich 6“, hörte sie die nüchterne Ansage. „Frau Bauer hier, ich, besser gesagt Lupo, der Hund, den ich betreue, hat einen Finger gefunden!“ Wieder spürte sie diese Enge in ihrem Hals. Es dauerte einen Augenblick, bis sie Antwort bekam: „Frau Bauer, wie soll ich das verstehen, dass sie einen Finger gefunden haben? Wo sind Sie? Woher kam der Finger?“ Frau Bauer erklärte ihm, wo sie war und erläuterte die genauen Details des grausigen Fundes. „Herr Polizist, könnten Sie mir jetzt bitte sagen, was ich tun soll?“ Sie wartete wieder einen Augenblick auf die Antwort: „Entschuldigung, Frau Bauer ich habe vergessen mich vorzustellen, mein Name ist „Förster“ und ich bin im Grunde genommen kein Polizist, ich habe heute Telefondienst. Ich schicke Ihnen gleich einen Streifenwagen vorbei. Die Kommissare entscheiden dann, wie es weitergeht. Bleiben Sie einfach auf der Wiese und regen Sie sich nicht auf. Sie haben alles richtig gemacht. Können Sie den Finger kühlen?“ Frau Bauer verneinte und erklärte ihm, wie sie den Finger verpackt und gelagert hatte.
Es dauerte nicht sehr lange, bis der Streifenwagen auf dem kleinen Feldweg ankam. Frau Bauer und Lupo standen am Rand ihrer Wiese und winkten den Polizisten zu. Diese parkten den Wagen, stiegen aus und hörten sich Frau Bauers aufgeregte Schilderungen an. Sie legten den Finger nach einer intensiven Betrachtung in eine Kühlbox. „Das ist eindeutig ein Fall für die Kripo“, erklärte der jüngere Polizist. „So wie der Finger aussieht, wurde er gewaltsam abgetrennt.“ Der Ältere sagte lächelnd: „Mit Sicherheit, denn kein Finger fällt einfach so ab!“ Dabei lachten die beiden Polizisten. Frau Bauer konnte diese Heiterkeit nicht verstehen: „Glauben Sie, dass da jemand einem anderen den Finger abgehackt hat? Oder kann es ein Unfall gewesen sein?“ „Darüber können wir keine Informationen geben, wir wissen es nicht. Als erstes schauen wir uns den Fundort an und der Finger kommt in die Gerichtsmedizin. Dort werden die Pathologen untersuchen, was mit dem Finger geschehen ist. Zeigen Sie uns bitte, wo der Finger lag!“ „Lupo, zeig wo der Finger lag“, befahl Frau Bauer dem Hund. Gehorsam führte er die Polizisten zu der Stelle. Dort sammelten sie Blätter und Gras ein. Sie hofften darauf, weiterbringende Spuren zu finden. Sie notierten sich noch Frau Bauers Adresse und Telefonnummer und bedankten sich bei Lupo für seine gute Mitarbeit. Frau Bauer verabschiedete sich von den Polizisten: „Darf ich zwischendurch mal nachfragen, wie die Sache ausging?“ Der jüngere Polizist antwortete: „Nachfragen können Sie, aber ob Sie Informationen bekommen, entscheidet die Kriminalkommissarin. Und die ist nicht besonders redselig! Nun erholen Sie sich von dem Schock und gönnen Sie sich trotz allem einen guten Tag!“ Frau Bauer nahm Lupo, tätschelte seinen Hals und gab ihm einen Hundekeks: „Komm mein lieber Freund, wir gehen heim!“ Lupo trottete neben ihr her.
Im Polizeikommissariat wartete schon die Kommissarin Frau Erlenmeyer auf die Polizisten. Sie war eine mollige Frau, die meist bequem angezogen war. Auch ihre Frisur war eher praktisch als schick. Ihr genaues Alter wusste im Kommissariat niemand. Sie begrüßte die Polizisten: „Wo ist der Finger?“ Der jüngere, der beiden Polizisten stellte ihr die Kühlbox auf den Tisch. Mit kurzen prägnanten Sätzen erklärten sie ihr den Fundort. „Alles Weitere erfahren wir nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung!“, schloss sie das Gespräch ab und wandte sich ihren Arbeiten zu. Ein abgetrennter Finger gab ihr Rätsel auf. Sie telefonierte mit Krankenhäusern und vielen Arztpraxen, ob irgendwo ein solcher Unfall gemeldet oder behandelt wurde. Jeder Anruf blieb ohne Erfolg. Frau Erlenmeyer rieb sich die Stirn. Es konnte doch nicht sein, dass jemand mit einer solch schweren Verletzung nicht versorgt werden musste. Sie grübelte über alle Möglichkeiten, wie es zu einem solchen Unfall kommen könnte, spürte aber auch in ihrem Innern, dass ein Unfall in diesem Fall eher unmöglich sei. Sie konnte nun nichts weiter tun, als abzuwarten, ob ein Arzt sich meldet, der einen Verletzten behandelt hatte oder welche Ergebnisse die Pathologie erzielte. Es vergingen zwei Tage, ohne dass Frau Erlenmeyer in den Ermittlungen um den Finger irgendeinen Erfolg verbuchen konnte.
Mittwochs abends trafen sich immer Adam und Miquel zum gemeinsamen Joggen. Sie liefen jeden Mittwoch die gleiche Runde, die um die Fischweiher führte. Der Tag war sehr heiß und auch in den Abendstunden hatte es nur wenig abgekühlt. An einem der Weiher stand eine Bank, die Wanderer zu einer Ruhepause einlud. Adam lief direkt auf die Bank zu, ließ sich darauf fallen und rief: „Miquel, lass uns eine Pause machen. Ich kann nicht mehr!“ Miquel, der seit einiger Zeit etwas verliebt in Adam war, es ihm aber noch nicht gesagt hatte, freute sich über die Gelegenheit, endlich mit ihm darüber zu reden. Auch er stoppte an der Bank, dehnte sich, nahm seine Wasserflasche und trank einen großen Schluck. Er ließ sich neben Adam nieder. Adam schaute sinnierend auf den Wald. Die einsetzende Dämmerung brachte ganz langsam etwas Kühle. „Adam?“, fragte Miquel, „geht es dir gut?“ Adam schaute in Miquels Augen, der ihn besorgt und so seltsam ansah. „Ja, mir geht es gut. Was ist los? Warum schaust du mich so an?“ Miquel seufzte: „Weil es mir wichtig ist, dass es dir gut geht. Ich mag dich sehr!“ „Miquel, ich mag dich auch und wir sind und bleiben Freunde.“ Miquel gefiel diese Antwort nicht wirklich, aber ändern konnte er daran gerade nichts. Er schaute auch auf den Weiher, die Sonne hatte den Abendhimmel rot gefärbt, Fledermäuse kamen aus ihren Verstecken und der Vollmond erschien am Himmel. Um die Ruhe dieser Stunde nicht zu stören, unterhielten sich die beiden Männer leise. „Lass uns zurücklaufen, es wird dunkel, und wir haben noch ein paar Kilometer bis zum Auto!“, forderte Adam seinen Freund nach einer Weile auf. Miquel sprang von der Bank und mit diesem Schwung fiel ihm seine Wasserflasche aus der Hand und rollte den kleinen Abhang herab, bis zum Ufer des Weihers. Er bückte sich, um sie aufzunehmen und griff ins Schilf. Plötzlich hörte Adam einen Schrei, den er nie vergessen würde, dann vernahm er das dumpfe Geräusch, das erklingt, wenn jemand oder etwas auf den Waldboden fällt. Er rannte zum Ufer, das kaum zehn Meter entfernt lag: „Miquel, Miquel. Was ist los? Antworte!“ Beim letzten Wort war er schon bei seinem Freund angekommen, der in dem gleichen Augenblick seine Augen öffnete. „Miquel, Miquel, hey was ist los, komm zu dir, guck mich an! Rede mit mir!“ Miquel verdrehte die Augen noch einmal und stammelte: „Eine Hand, dort, im Schilf!“ Adam hatte inzwischen Miquels Wasserflasche genommen und goss Miquel einen kleinen Schwall Wasser über die Stirn. „So, mein Freund, bist du wieder da? Was machst du denn für Sachen?“ Miquel setzte sich auf, griff nach Adams Hand und nach der Flasche. Er trank den letzten Schluck Wasser: „Adam, hast du Licht an deinem Handy. Dort im Schilf liegt eine Hand!“ Sofort verdrehte er wieder die Augen. Adam klopfte ihm leicht an die Wange: „Hier geblieben! Nicht wieder in Ohnmacht fallen, atme tief durch. Ich bin ja da. Ich gucke jetzt nach dem, was du als „Hand“ bezeichnest.“ Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Miquel einigermaßen stabil war, schaltete er das Licht an seinem Handy ein und leuchtete ins Schilf. Auch er erschrak, als er wirklich eine Hand erblickte. Er atmete tief durch und wusste nicht, was er tun sollte, als Miquel plötzlich hinter ihm stand und ihm seine Hand auf die Schulter legte. „Adam, kannst du die Hand aus dem Wasser nehmen oder rufen wir die Polizei?“ Adam wählte ohne weitere Worte den Notruf der Polizei. „Polizeidienststelle Bereich 6“, erklang unmittelbar danach vom anderen Ende der Leitung. „Hier ist Adam Smith, mein Freund Miquel hat gerade im Fischweiher am Wanderweg eine Hand im Schilf gefunden!“, stotterte Adam ins Telefon. Ihm war vor Schreck immer noch leicht übel und er schaute immer wieder zu Miquel, weil er befürchtete, dass er wieder umkippen könnte. „Wie? Sie haben eine Hand gefunden? Haben Sie sie aus dem Schilf geborgen oder liegt sie noch dort?“„Wir haben Sie, besser gesagt, entdeckt und wir haben sie nicht angefasst. Sie liegt nach wie vor dort, wo Miquel sie gefunden hat. Was sollen wir tun? Wir sind beide etwas erschrocken!“„Es ist vollkommen richtig, dass Sie die Hand nicht aufgehoben haben. Lassen Sie bitte alles, wie es ist. Gleich kommen zwei Polizisten und nehmen alles in Augenschein. Sollen wir Ihnen einen Arzt schicken?“ Adam antwortete nachdem er Miquel genauer betrachtet hatte: „Wir brauchen keinen Arzt, aber vielleicht eine Flasche Wasser.“ „Gut, dann erklären Sie mir bitte, wo Sie genau sind und warten Sie bitte, bis die Kollegen da sind. Einverstanden?“ Adam erklärte ihm, dass er alles verstanden hatte und schickte dem Polizisten eine genaue Standortbezeichnung als E-Mail. Er hatte sich wieder von dem Schock erholt und leuchtete immer wieder auf die Hand im Schilf. Miquel allerdings konnte sich die Hand nicht mehr anschauen. Er bat Adam: „Lass jetzt bitte die Lampe aus und setze dich hin. Was glaubst du, was das bedeutet? Eine Hand im Schilf? Gruselig!! Wem die wohl gehört? Ich darf gar nicht darüber nachdenken, sonst wird mir wieder übel. Aber ich kann auch nicht aufhören, darüber nachzudenken!“ Adam setzte sich neben ihn: „Miquel, wir werden gleich von den Polizisten hören, was sie vermuten, ich glaub jedenfalls nicht, dass jemand einfach so eine Hand verliert und das nicht merkt!“, dabei lachte er, um seine eigene Angst zu überspielen. Es dauerte gefühlt sehr lange bis endlich der Streifenwagen an dem kleinen Weiher eintraf. Adam war zur Straße gelaufen, damit die Polizisten ihren Standort fanden. Die beiden Polizeibeamten stiegen aus, nahmen eine Transportbox aus dem Kofferraum, schalteten eine große Lampe an und gingen auf Adam und Miquel zu. Einer reichte Miquel die Wasserflasche, blickte in sein Gesicht: „Sicher, dass Sie keinen Arzt brauchen?“ Miguel nickte nur. Der Beamte wandte sich zu Adam: „Zeigen Sie mir bitte, wo die Hand liegt?“ Adam führte die beiden Männer zum Fundort. Die Polizisten fotografierten die Umgebung der Fundstelle, dann zogen sie Handschuhe an und nahmen die Hand aus dem Wasser. Adam stand daneben und beobachtete alles ganz genau. Er wollte nun alles exakt mitverfolgen. Der Polizist drehte die Hand hin und her, sprach leise mit seinem Kollegen, dann erklärte er Adam: „Die Hand wurde mit einem scharfen Gegenstand abgeschlagen. Ist kein schöner Anblick. Wir wissen nicht, was geschehen ist. Unsere Gerichtsmedizin wird alles klären! Nun brauchen wir nur noch ihre Adressen und dann dürfen Sie ihren Abendspaziergang fortsetzen!“ Adam diktierte ihm seine Adresse und die seines Freundes Miquel, der immer noch leicht zitternd auf der Bank saß. Als er sich von den Polizisten verabschieden wollte, fragte der jüngere der beiden: „Haben Sie einen weiten Weg? Ich glaube, dass ihr Freund leicht labil ist und ich bin nicht sicher, ob er zum Joggen in der Lage ist.“ Nachdem Adam ihm den Standort seines Autos erklärt hatte, bot der Polizist ihm an, die beiden mit dem Streifenwagen hinzubringen. Dieses Angebot nahmen die Männer gerne an. Als Adam Miquel später mit seinem eigenen Auto zu Hause abgesetzt hatte, fragte er ihn: „Kommst du zurecht, oder muss ich mir Sorgen um dich machen?“ Miguel antwortete: „Keine Sorge, es geht. Aber ich glaube, wir beide müssen uns eine andere Laufstrecke aussuchen. Dort will ich nicht mehr hin. Nein, allein dieser Gedanke erschaudert mich!“ Adam nickte: „Das ist kein Problem, unser Wald bietet genug Wege. Ich bin gespannt, was da mit dem Besitzer der Hand passiert ist. Glaubst du, dass wir es erfahren werden?“ Miquel schüttelte den Kopf: „Ich will nichts mehr davon hören. Mir reichte dieser Anblick. Ich hasse Gewalt und nach allem, was ich gehört habe, liegt hier ja wohl Gewalt vor. Ich mag einfach nur das Schöne und dazu gehören unsere Laufstunden im Wald. Aber das ist jetzt vorbei. Ich kann nie mehr ohne Gedanken an diesen Anblick in den Wald!“ Dabei stöhnte er theatralisch auf. „Miquel, sei nicht albern, wir laufen seit Jahren durch diesen Wald und heute ist das mal eben passiert. Wir hatten eben Pech, diese Hand zu finden. Hättest ja auf deine Flasche aufpassen können, dann wäre dies alles nicht geschehen. Dann läge die Hand noch immer im Mondenschein im Schilf und du wärst nicht in Ohnmacht gefallen.“ „Ja und du hättest mich leider nicht wieder belebt!“, seufzte Miquel. „Miquel, du machst gerade auf Diva. Ich habe dich nicht wieder belebt, nur etwas Wasser über deinen Dickschädel getropft. Von Lebensgefahr warst du weiter entfernt als die Nordsee zur Karibik. Jetzt lege dich schnell ins Bett und schlafe gut!“ Miquel versuchte zu lächeln. Er umarmte Adam kurz, flüsterte ihm ins Ohr: „Danke.“ Adam fuhr nach Hause, und obwohl er Mut machende Worte zu Miquel gesagt hatte, bekam er beim Gedanken an diese schreckliche Hand eine dicke Gänsehaut. Er musste seine Gedanken neu ordnen, sich noch einen heiteren Film anschauen, sonst wäre in der kommenden Nacht nicht an Schlaf zu denken.
Um Mitternacht klingelte sein Handy und er hörte, nachdem er das Gespräch entgegengenommen hatte, Miquels verzweifelte Stimme: „Adam, es ist so schlimm. Ich sehe immer wieder diese tote Hand vor mir. Mir geht’s schlecht, aber wie soll es wohl dem Besitzer dieser Hand ergehen. Was soll ich nur tun? Sollen wir den hübschen Polizisten beim Suchen nach diesem armen Menschen helfen?“ „Oh Miquel, ich hatte mich gerade einigermaßen erfolgreich von dem gruseligen Gedanken befreit und jetzt erinnerst du mich wieder daran. Leg dich in dein Bett und träume von mir aus von den hübschen Polizisten. Ich schlage vor, wir rufen morgen die Polizei an und erkundigen uns. Heute Nacht machen die auch nix mehr, du hast doch gehört, dass der eine meinte, die Hand sei mindestens seit dreißig Stunden von ihrem Besitzer getrennt. Nun gute Nacht. Schlaf jetzt.“ Adam vernahm von der anderen Seite des Gesprächs ein leises Schluchzen: „Okay, Adam gute Nacht. Oder könnte ich…?“ „Nein, egal was du sagen willst, du kannst es nicht.“ Damit beendete er kopfschüttelnd das Gespräch. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, die Nacht mit dem völlig aufgelösten Miquel zu verbringen. Außerdem war er etwas verwirrt, warum Miquel plötzlich so anhänglich geworden war. Jedoch versuchte er auch diesen Gedanken auf einen Zeitpunkt zu verschieben, in dem er klarer denken konnte. Aus Erfahrung wusste er, dass nachts Probleme eher größer wirkten und Lösungen eher unwahrscheinlich wurden.
Am nächsten Morgen betrat Kommissarin Erlenmeyer früh ihr Büro. Sie rief den Kommissar, der in der Nacht Dienst hatte, zu sich. „War was in der vergangenen Nacht?“, fragte Frau Erlenmeyer. Der Kommissar zog sich einen Stuhl zu Frau Erlenmeyers Schreibtisch. Sie schaute ihn fragend an. Er erklärte ihr: „Frau Erlenmeyer, es wurde eine Hand gefunden! Im Schilf an einem Weiher des Wanderwegs. Wir haben sie in der Gerichtsmedizin abgegeben. Sie sah echt widerlich aus. Sie wurde mit etwas Scharfem abgehackt. Schlimm! Was da wohl geschehen ist?“ „Oh, wie schrecklich, welche Schritte haben Sie in dem Fall schon unternommen? Könnte die Hand irgendwie mit dem gefundenen Finger im Zusammenhang stehen?“ Der junge Kommissar rieb sich am Kinn: „Also ich habe die Krankenhäuser des Landes angerufen. Dort war überall kein Unfall dieser Art bekannt. Chirurgische Arztpraxen erreichte ich in der Nacht nicht, das müsste man heute Morgen noch erledigen. Ob ein Zusammenhang zum gefundenen Finger besteht, glaub ich nicht, die Hand hatte alle fünf Finger!“ „Yves! Mitdenken! Das kann man nicht ausschließen, normalerweise haben Menschen zwei Hände. Haben Sie dem Pathologen gesagt, dass er die DNA der beiden Fundstücke vergleichen soll?“ „Frau Erlenmeyer, der Pathologe wird die DNA bestimmen. Ich bitte ihn aber dennoch, ein Augenmerk auf einen möglichen Zusammenhang zu lenken.“ „In Ordnung, Yves, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Feierabend, schlafen Sie sich aus.“ „Danke, Frau Erlenmeyer, aber da ist noch was, was Sie wissen sollten!“ „Ich höre!“, sie wandte ihm ihren Kopf zu. Yves rieb sich wieder am Kinn: „Einer der beiden Herren, die die Hand gefunden haben, Miquel Lacroix, ruft fast stündlich an, um zu erfahren, was mit der Hand ist. Er scheint mit der Situation nicht klar zukommen. Ich kann ihm ja nichts mehr dazu sagen. Bei seinem letzten Anruf gegen vier Uhr früh war ich etwas ungehalten ihm gegenüber und empfahl ihm einen Psychologen aufzusuchen!“ Dabei verzog er etwas sein Gesicht. „Das ist wohl eine gute Idee! Und dass Sie ungehalten waren, kann ich verstehen, wenn der Herr so oft angerufen hat. Wenn er mich anruft, werde ich ihm kurz erklären, was Sache ist und dann wird er Ruhe geben. Gönnen Sie sich nun Ruhe. Ich halte Sie auf dem Laufenden!“ Yves erzählte noch kurz von dem einen oder anderen Zwischenfall der Nacht. Dann stand er auf, schob den Stuhl wieder auf seinen ursprünglichen Platz, verabschiedete sich von seiner Chefin. Frau Erlenmeyer nahm sich erstmal einen Kaffee. Dann nahm sie die Akte über den Finger aus dem Regal. Sie suchte nach Hinweisen. Es gab keine. Yves hatte zu dem Fall „Hand“ schon eine Akte angelegt. Frau Erlenmeyer war unzufrieden mit sich und ihren Ergebnissen, denn es waren ja keine Ergebnisse zu verzeichnen. Sollte sie vielleicht eine Meldung an die Medien rausgeben, in der sie Menschen aufforderte, nach jemanden zu suchen dem ein Finger, und einen anderen, dem eine Hand fehlte? Oder vielleicht fehlte einer Person beides? Aber warum konnte man diese Person nicht finden? Es gab weder eine Vermisstenmeldung, noch hatte jemand etwas von einer Entführung berichtet. Jedoch wollte sie sich nun Amtshilfe in den benachbarten Bundesländern holen. Mitten in diesen Gedanken klingelte ihr Telefon: „Kommissarin Erlenmeyer!“, meldete sie sich, eher barsch als freundlich. Sie mochte es einfach nicht, während Denkprozessen gestört zu werden. „Guten Morgen, hier ist Miquel Lacroix, wir haben gestern..,“ „Eine Hand gefunden, ja, das weiß ich schon, was möchten Sie wissen? Es gibt immer noch nichts Neues, seit heute Früh um vier Uhr.“ „Aber ich mach mir solche Sorgen um den armen Menschen, dem diese Hand fehlt.“ „Dann sind wir ja schon zu dritt, die sich um die eine Sache Gedanken machen. Glauben Sie, junger Mann, wir suchen diesen Menschen mit Volldampf.“ „Können mein Freund und ich etwas tun für die Polizei, und nach Spuren suchen helfen?“ „Wie stellen Sie sich das denn vor? Wo möchten Sie nach Hinweisen suchen?“ „Ich arbeite im Sozialen Dienst und habe heute Homeoffice. Ich könnte für Sie in Krankenhäusern anrufen oder vielleicht in der Nähe der Fundstelle nach Hinweisen suchen, obwohl ich da wohl eher die Befürchtung habe, etwas Schlimmes zu sehen!“ „Herr Lacroix, ich finde ihren Wunsch, uns zu helfen sehr freundlich, aber was glauben Sie, was Yves, mein Mitarbeiter, letzte Nacht gemacht hat? Alle Krankenhäuser sind informiert und nirgends wurde ein derartiger Unfall gemeldet. Und der Tatort bzw. Fundort wird heute ganz genau von Polizisten begutachtet, die keine Angst haben, etwas zu finden. Daher helfen Sie uns am besten, wenn Sie uns nun in Ruhe ermitteln lassen. Verstanden?“
„Aber jetzt bin ich etwas verunsichert, ob Sie von einem Unfall oder einer Körperverletzung ausgehen? Also ich glaube, dass es nur ein Attentat gewesen sein kann. Und ich würde gern wenigstens einmal am Tag anrufen dürfen, wie es aussieht. Irgendwie sind Adam und ich ja in den Fall involviert.“ „Schluss jetzt, Herr Lacroix, ich habe zu arbeiten, guten Tag!“ Dabei legte sie den Hörer auf, ohne Miquels Antwort abzuwarten. Soweit käme es noch! Wenn sie ihm alles erzählen würde, würde dieser Miquel eines Tages hier sitzen und sich in ihre Ermittlungen einmischen. Sie gab keine Infos nach außen. Aber nun wollte sie erstmal Informationen bekommen. Sie fing an, ihre Arbeitskarten vorzubereiten. Die zwei Karten vom Fall „Finger“ lagen übereinander. Sie nahm neue Karteikarten. Auf eine schrieb sie den Fundort, mit den Angaben der Finder. Hinter Miquels Namen zeichnete sie ein dickes Ausrufzeichnen und ein Emoji, das etwas verzweifelt schaut.
Auf der nächsten Karte befestigte sie das Foto der Hand. Sie hoffte, dass der Gerichtsmediziner ihr inzwischen mitteilen konnte, was er über die Hand wusste. Dazu rief sie ihn an. Er erklärte ihr: „Guten Morgen, Frau Kommissarin, Sie möchten bestimmt etwas über die Hand erfahren. Also erstmal, die Hand wurde vor zwei Tagen vom übrigen Körper abgetrennt. Die Tatwaffe ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine Axt oder ein Beil. Ja, und das Interessanteste ist, dass die Hand und der Finger zu dem gleichen Menschen gehören. Ich gehe davon aus, dass es sich um einen Mann von 30 bis 45 Jahren handelt und vermute Fremdverschulden mit Vorsatz.“ Frau Erlenmeyer seufzte: „Wo, denken Sie, sollen wir weiter nach Informationen suchen? Glauben Sie, dass der Handbesitzer in einer Metzgerei oder Küche gearbeitet hat? Ich dachte gerade daran, dass dort mit derart scharfen Gegenständen gearbeitet wird. Vielleicht ein Arbeitsunfall von jemanden, der im Grunde genommen nicht bei uns arbeiten dürfte?“ „Sie denken an einen illegal Beschäftigten? Aber warum wirft man dann die Körperteile in den Wald und dann auch noch an unterschiedliche Stellen? Ich gehe davon nicht aus. Die Hand, wie auch der Finger zeugen eher von Arbeiten, bei denen Hände nicht die meiste Last des Schaffens tragen. Schreibtischsitzer, Banker, Versicherungsmakler, Arzt. Da gibt es unzählige Möglichkeiten.“ Frau Erlenmeyer stöhnte kurz auf. „Danke, Herr Doktor, Sie haben mir geholfen, zu erkennen, dass es nahezu unmöglich ist, in diesem Fall weiter zu kommen.“ „Sorry, Frau Hauptkommissarin, ich wünsche Ihnen die Portion Glück und der Zufall, der Sie weiterbringt. Haben Sie dennoch einen guten Tag!“ „Herr Doktor, noch eine Frage: im Fall „Hand“ habe ich ein Problem mit dem Mann, der diese gefunden hat.“ „Ich höre? Wie soll ich helfen? Ihn in Formalin Fixationslösung baden?“, dabei lachte er laut. „Herr Doktor! Sie haben einfach zu viel kriminelle Energie um sich herum, natürlich nicht, aber falls er wieder zu viel wissen will und ständig anruft, möchte ich ihn zu Ihnen schicken. Ich glaube, wenn er die Hand nochmal sieht, ist es mit seinem kriminalistischen Spürsinn schnell vorbei!“ „Na ja, normalerweise machen wir es nicht, dass Privatpersonen in meinem Institut rumlaufen. Aber wenn der Zweck die Mittel heiligt, werde ich dem jungen Mann, auch den Finger zeigen und ihm ganz genau erklären, wie beide Körperteile vom Rest abgetrennt wurden!“ „Sie verstehen mich! Danke, guten Tag!“, mit einem zufriedenen Lächeln legte sie den Hörer auf. Wenigstens hatte sie in diesem Bereich eine Möglichkeit gefunden, dass dieser Lacroix Ruhe geben würde. Sie hatte einfach keine Lust, nervige Zeugen zu betreuen. Falls sie irgendwann weitergekommen wäre mit der Lösung des Falls, würde sie ihn informieren, aber bis dahin wollte sie nichts von ihm hören. Sie ergänzte ihre Karteikarten mit all ihren neuen Informationen, legte diese dann in das Regal und arbeitete weiter an anderen Aufgaben. Sie schaute zum Fenster raus und entschied sich an diesem schönen Sommertag früher Feierabend zu machen.
Bauer Weber hatte an diesem Tag früh begonnen seine, schon abgemähten, Felder umzupflügen. Seine Schwester hatte ihm sein Essen in eine Kühltasche eingepackt. Kurz nachdem die Kirchenglocken geläutet hatten, entschied er sich Mittagspause zu machen. Er parkte den Traktor mit dem Pflug am Rand des großen Feldes. Stolz betrachtete er das, was er schon geleistet hatte. Er schaute sich um, sein Maisfeld, das neben dem bearbeiteten Acker lag, bereitete ihm etwas Sorgen. Es hatte lange nicht geregnet und es war sehr heiß, somit war der Mais noch ziemlich klein. Er rieb sich über den Kopf. Daran konnte er jetzt gerade nichts ändern. Vielleicht kam ja bald der versprochene Regen. Bauer Weber gönnte sich jetzt zuerst seine Brotzeit. Dazu setzte er sich auf seinen Traktor und ließ sich sein Brot und den knackigen Salat munden. In Gedanken lobte er seine Schwester Erna, die ihm zu dem guten Essen eine Flasche Bier in die Kühltasche gepackt hatte. Während des Essens blickte er immer wieder zum Maisfeld. Die Größe der Kolben bereitete ihm nun doch Sorgen. Nach dem Essen ging er ins Feld, um einige Kolben abzupflücken, um sie genau zu betrachten. Die Pflanzen am Rand des Feldes waren nahezu eingetrocknet. Diese Pflanzen gaben ihm keinen Grund zur Hoffnung. Er ging ins Feld. Dort sah alles etwas besser aus. Er begutachtete einzelne Maisstauden und ihre Früchte. „Diese könnten sich noch entwickeln“, dachte er sich und bückte sich, um zu testen wie trocken der Boden war. Er legte sich auf die Erde, um zu erkennen, ob schon Risse durch die Trockenheit entstanden waren. Er sah eine Stelle, die aufgewühlt schien. Seine Neugierde führte ihn robbend zu dieser Stelle. Mit bloßen Händen nahm er die lockere staubtrockene Erde auf und grub eine kleine Mulde, bis er auf etwas Weiches stieß. Etwas erschrocken zog er die Hand zurück, setzte sich hin, schnupperte an der Hand und verzog etwas angewidert die Nase. „Oh weh, wenn das eine Hinterlassenschaft von Wildschweinen ist, erwartet mich ein neues Problem“, sagte er sich. Dieser Sache musste er sofort auf den Grund gehen. Seine Zufriedenheit über das Geschaffte trat etwas in den Hintergrund seiner Gefühle. „Kann ja nix ändern, muss ja gucken, was Sache ist. Und wenn Wildschweine hier ihr Domizil finden wollen, muss ich was dagegen tun“, sagte er sich selbst. Nun ging er wieder zu der Stelle und grub mit der Hand in der Kuhle. Er spürte wieder das Weiche und nahm es aus der Erde. Als er sah, was er in den Händen hielt, erschrak er und ließ es fallen. „Mist, so ein Mist“, rief er als er den gefundenen Fuß angewidert in die Hand nahm. Ein Fuß gehörte auf keinen Fall in sein Maisfeld. Da wären ihm die Wildschweine ja lieber gewesen. Aber daran war nun auch nichts zu ändern. Ohne nachzudenken und ohne viel hinzuschauen, nahm er den Fuß, hielt ihn hinter seinen Rücken und trug ihn so zu seinem Traktor. Er packte ihn in das Papier, in dem vorher sein Wurstbrot gewickelt war und in die Plastiktüte. Das Paket legte er in die Kühltasche. Kurz bevor er mit dem Traktor zum Polizeikommissariat fahren wollte, fiel ihm ein, dass die Kommissare wohl wissen wollten, wo genau er den Fuß gefunden hatte. Noch wusste er die Stelle. Er ging ohne Eile dorthin, legte eine Spur aus unbrauchbaren Maispflanzen und Steinen zur Fundstelle. Um etwas mehr Sicherheit zu bekommen, machte er noch ein Foto, denn ein Maisfeld gleicht einem Labyrinth, wenn man darin etwas sucht. Er bedeckte das Loch, das beim Ausbuddeln des Fußes entstanden war, mit Maisblättern. Nun dachte er, dass der Fundort genug gesichert sei und wollte seinen Fund endlich loswerden. Plötzlich spürte er, dass er doch aufgeregt war, auch wenn er dies nach außen nie zeigen würde. Aber man findet ja sonst nie einen Fuß. Der Fuß sah ziemlich schlimm aus, und er roch ziemlich ekelig. Erst wollte er seine Schwester anrufen, verwarf diesen Gedanken jedoch ziemlich schnell. Sie würde sich sonst zu viele Sorgen machen.
Frau Erlenmeyer räumte gerade ihren Schreibtisch auf und wollte ihren Computer ausschalten, als ein Traktor auf den Parkplatz des Präsidiums fuhr. Sie schaute aus dem Fenster, als der Bauer abstieg und mit einer Kühltasche bepackt auf das Gebäude zukam. „Sie können doch nicht hier parken!“, rief sie aus dem Fenster. Bauer Weber rief zurück: „Guten Tag, ich bleibe nicht lange, ich gebe nur etwas ab!“ Sie schüttelte den Kopf. Gleich darauf klopfte es an ihrer Bürotür. Sie öffnete diese und wunderte sich über den Anblick des Bauers mit der Kühltasche. „Der Pförtner hat mich zu Ihnen geschickt, mit dem, was ich dabei habe! Guten Tag, mein Name ist Weber, Otto Weber.“ Er reichte ihr die Hand, die die Kommissarin aber nicht annahm, als sie sah, dass diese doch ziemlich schmutzig war. Verlegen wischte Bauer Weber die Hand an der Hose ab. Nun reichte er sie der Kommissarin wieder. Frau Erlenmeyer nahm sie kurz: „Erlenmeyer, was führt Sie zu mir?“ Unauffällig wischte sie danach ihre Hand ab. Bauer Weber öffnete die Kühlbox und schaute etwas eingeschüchtert. Er nahm ein Päckchen aus der Kühltasche und legte es auf den Schreibtisch. Anna beobachtete die Szene ruhig, leicht irritiert. „Das habe ich gefunden.“ „Hier ist das Kommissariat, das sich um Verbrechen kümmert und nicht das Fundbüro!“, schimpfte Frau Erlenmeyer. „Das weiß ich, aber das was ich gefunden hab, gehört meiner Meinung in Ihren Bereich!“ Bauer Weber packte während des Gesprächs das Paket aus, öffnete die Dose und hielt sie der Kommissarin entgegen. Von dem Anblick und dem Geruch angewidert, sprang sie etwas zurück. „Was ist das denn? Wo haben Sie das her? Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen, mit einem Fuß hier aufzutauchen?“ Bauer Weber kratzte sich am Kopf. „Wo hätte ich ihn denn sonst abgeben sollen? Bei der Gemeinde war Mittagspause und Sie müssen doch bestimmt forschen, wem der gehört? Oder? Also, ich habe ihn in meinem Maisfeld in der Gemarkung 385 gefunden. Eben, kurz nach dem Mittagessen.“ Frau Erlenmeyer schaute angewidert und schloss die Dose und ging zum Telefon. „Herr Doktor, hier wurde gerade etwas für Sie abgegeben. Können Sie bitte einen Boten schicken?“ Bauer Weber hörte noch genauer zu, als die Kommissarin leiser sprach. „Es ist ein Fuß. Ein Bauer hat ihn gefunden und vorbeigebracht.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Natürlich hat er ihn angefasst, er hat ihn ja ausgegraben.“ Otto Weber rief dazwischen: „Ich habe ihn aber gekühlt transportiert.“ Frau Erlenmeyer schmunzelte und hörte den Gerichtsmediziner lachen: „Was heute alles passiert. Sagen Sie dem ehrlichen Finder, er hätte das alles richtig gemacht.“ „Er hat das gemacht, was er für richtig hielt, aber das kläre ich nun mit ihm; kommt jemand vorbei oder soll ich eine Streife schicken?“ Der Gerichtsmediziner erklärte, dass der Fuß abgeholt werde und legte auf. „Nun zu Ihnen“, wandte sich Frau Erlenmeyer Otto Weber zu. Er schaute sie interessiert, aber auch etwas irritiert an. „Wie kamen Sie auf die Idee, den Fuß auszugraben? Haben Sie sich mal darüber Gedanken gemacht, dass der Fundort wichtig für die Polizei sein könnte?“ „Frau Erlenmeyer, ich erkläre Ihnen gern zum zweiten Mal, warum ich den Fuß zu Ihnen gebracht habe, aber das haben Sie ja bestimmt verstanden oder? Hätte ich ihn liegen lassen sollen, damit Wildschweine ihn fressen? Und was den Fundort betrifft, dürfen Sie sich auch auf die Bauernschläue verlassen. Alles ist gekennzeichnet und fotografiert. So!“ Dabei zeigte er ihr das Foto. Anna erkannte, dass Otto Weber wohlüberlegt gehandelt hatte: „Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten. Würden Sie meinem Kollegen den Fundort zeigen?“ „Natürlich, dort ist ja in der Zwischenzeit nichts geschehen, was die Situation verändert hat. Von mir aus können wir gleich starten, denn ich muss heute noch viel tun! Nicht nur die Polizei hat Arbeit. Können wir los?“ „Langsam, langsam junger Mann, ich muss erst noch ihre Daten aufnehmen, ein Protokoll über das Auffinden des Fußes anlegen, und wenn es für Sie in Ordnung ist, hätte ich gern das Foto, das Sie vom Fundort gemacht haben. Ich gebe Ihnen meine E-Mail-Adresse, dann schicken Sie es mir bitte. Einverstanden?“ „Soweit ja, nur bin ich mit der modernen Technik nicht so bewandert. Ich kann das nicht, mit „Bild rüberschicken“. Ich kann mit dem Teil nur telefonieren und Fotos machen. Wissen Sie, ein Junge aus dem Ort wollte es mir beibringen, aber ich habe dazu keine Zeit.“ Dabei kratzte er sich wieder verlegen am Kopf. „Das bekommen wir schon hin, dann macht das Yves für Sie, wenn er gleich kommt. Wir fangen nun erstmal mit dem Schreibkram an.“ Otto schaute sie lächelnd an: „Fragen Sie, ich antworte.“ Nach einer halben Stunde hatte Frau Erlenmeyer alle Informationen, die ihr zu dieser Zeit wichtig waren. Inzwischen war auch Yves ins Büro gekommen und hatte die Fotos von Ottos Handy auf den Computer der Kommissarin übertragen und der Fuß war von einem Boten des gerichtsmedizinischen Instituts abgeholt worden. Otto sagte lachend zu ihm: „Die Dose dürfen Sie behalten.“ Der Polizist, der Otto zum Fundort begleiten sollte, kam gut gelaunt ins Büro und fragte:„Wo geht die Reise hin?“ Otto erklärte ihm den Weg, aber beide waren sich einig, dass es besser wäre, wenn Otto mit dem Traktor vor dem Polizeiauto herfuhr. Er fühlte sich mit einem Mal ziemlich bedeutend, als Frau Erlenmeyer sich freundlich von ihm verabschiedete.
Als Frau Erlenmeyer mit Yves allein im Büro war, stützte sie den Kopf auf die Hände: „Oh mein Gott, was erleben wir für Dinge. Da findet der Bauer einen leicht angefressenen Fuß, packt ihn in die Brotdose und bringt ihn hierher. Am Abend vorher glaubt ein Sensibelchen, durch das Finden einer Hand, in Lebensgefahr geraten zu sein. Ich hoffe nur, dass diese Phase, in der Menschen Leichenteile finden, aufhört. Yves ich bin mir fast sicher, dass auch der Fuß zu der Hand und dem Finger passt.“ Yves nickte: „Obwohl ich es noch nicht mit Gewissheit wusste, dachte ich es mir, dass Finger und Hand eine Verbindung haben! Wie wurde denn der Fuß vom Körper getrennt?“ „Ich weiß es nicht, der Fuß sah so widerlich aus und roch nicht gut, da habe ich ihn nicht so genau angeschaut. Bauer Weber vermutete, dass er abgesägt wurde, aber da warten wir lieber, was uns der Herr Doktor berichten wird. Ich mache nun Feierabend.“„Versuchen Sie sich einen netten Nachmittag zu machen, soweit dies möglich ist. Tschüss!“ „Danke Yves, ich wünsche Ihnen eine gute Schicht mit möglichst wenigen Aufregungen. Wir sehen uns dann morgen wieder.“
Frau Erlenmeyer verließ das Polizeipräsidium, um sich mit ihrer Freundin zu einem Eis zu treffen. Sie freute sich auf diese Zeit, in der sie abschalten konnte. Sie hatte mit ihrer Freundin die Absprache, nie über Fälle zu sprechen, die sie gerade bearbeitete, allerdings hörte sie gern den Geschichten zu, die ihr ihre Freundin, die als Erzieherin in einem Kindergarten arbeitete, erzählte. Beide Frauen lachten dann zusammen über die Kinder und deren Erklärungen über das Leben.
Heute war Anna Erlenmeyer allerdings versucht, von den zwei unterschiedlichen Männern, die sie in diesem Fall kennengelernt hatte, zu erzählen. Aber dann hätte sie auch von den Funden der Leichenteile berichten müssen und bevor sie sich versah, wäre sie mitten im Fall. Daher hielt sie sich an die Absprache, die sich immer gut bewährt hatte.
Während die Freundinnen das Eis genossen und plauderten, bemerkte Sophie, dass ihre Freundin Anna, plötzlich lächelte. „Anna, woran denkst du? Du grinst ja von einem zum anderen Ohr?“ Anna‘s Gesicht wurde sofort ernst: „Ich musste gerade an meinen heutigen „Besuch“ von heute Mittag im Präsidium denken. Du glaubst nicht, was es alles gibt?“ „Na dann wirst du nicht gerade einen Mörder bei dir gehabt haben, so freundlich amüsiert, wie du gerade schaust?“ Nun lachte Frau Erlenmeyer laut und herzlich: „Nein, der war der friedlichste und sympathischste Mensch, der mir in der letzten Zeit im Kommissariat begegnet ist. Ich habe selten so viel Natürlichkeit und einfache, ehrliche Direktheit im Umgang mit Menschen erlebt. Ich überlege gerade wie ich dir erzählen kann, was er getan hat, um mir dieses Grinsen ins Gesicht zu zaubern, ohne etwas von unserem Fall, der alles andere als lustig ist, zu berichten!“ „Du machst mich neugierig, aber du musst natürlich nichts erzählen!“ „Okay, wir ändern einfach das Thema.“ „Gut, es freut mich, dass du einfach mal bei den ganzen Verbrechern und den schlimmen Tatsachen, die du täglich erlebst, auch mal eine Begegnung hattest, die dich Stunden später noch zum Lächeln bringst. Wäre er nicht vielleicht ein Anwärter auf den Mann des Lebens?“ Anna schaute ihre Freundin an und lachte bis ihr Tränen über die Wangen liefen. „Nein, es war ein Bauer, der mit dem Traktor zum Präsidium kam, um etwas abzugeben, seine Schwester gibt ihm Brote mit aufs Feld und so weiter. Nein Sophie, es war toll, zu erleben, dass es solche Menschen noch gibt, aber Mister Right ist es mit Sicherheit für mich nicht.“
Nun lachten die Freundinnen noch lange miteinander und als sie sich trennten, fühlte sich Frau Erlenmeyer gut erholt und gestärkt für ihre anspruchsvolle Arbeit. Bauer Weber ging ihr dabei jedoch nicht aus dem Sinn.
Sie dachte darüber nach, dass wohl jeder Tote, dessen Todesursache sie ständig nachforschen musste, Freunde hatte. Sogleich fiel ihr auch ein, dass auch Mörder Freunde haben können. Weiter dachte sie, wie wohl diese Freunde mit all diesen schlimmen Erlebnissen umgingen.
Am nächsten Morgen erhoffte sie sich, in ihrem aktuellen Fall weiterzukommen. Ihr Assistent, Yves, hatte alles Wissenswerte zusammengetragen und auf eine Tafel aufgezeichnet. Der Gerichtsmediziner hatte bestätigt, was sie befürchtet und vermutet hatte, dass der Fuß zu der Hand und dem Finger gehörte. Er hatte die Fundorte in einen Kartenausschnitt eingetragen, sie lagen alle ziemlich verstreut in einem Umkreis von fast drei Kilometern im Wald und am Waldrand auf dem Feld. Die Fundorte der Hand und des Fußes lagen entlang des Wanderweges an verschiedenen Weihern. Frau Erlenmeyer schaute sich die Zeichnung an: „Hoffentlich werden nicht noch mehr Teile des Menschen gefunden? Ich nehme an, dass ein Mensch einem Verbrechen zum Opfer geworden ist!“ „Mord?“, fragte Yves. Frau Erlenmeyer zuckte mit der Schulter: „Ich gehe fest davon aus, was soll es sonst bedeuten, dass Teile eines Toten gefunden werden? Glauben Sie, wir sollten eine große Suchaktion nach dem Rest des Körpers durchführen?“ „Wo möchten Sie suchen? Selbst wenn man den Weg als Tatort sieht, würde es lange dauern, bis man alles abgesucht hat. Der Wald ist stellenweise ziemlich dicht. Sehen Sie eine Gemeinsamkeit an den Fundorten, die für uns wichtig sein könnte?“ Frau Erlenmeyer schaute wieder auf die Karte: „Yves, wir machen jetzt einen Ausflug. Ralf kommt gleich, er kann hier den Bürodienst übernehmen. Wir fahren zu den Fundorten und suchen nach der Gemeinsamkeit, die uns auf eine Spur bringt. Einverstanden?“ Yves nickte: „So machen wir es. Hat übrigens Miquel Lacroix nochmal angerufen?“ „Nein, das war auch sein Glück, sonst hätte er ein Date in der Pathologie bekommen!“ Nun lachten beide.
Yves notierte sich alle Koordinaten, um die Fundstellen genau zu finden, sie packten ihre Diktiergeräte, Kameras und Zollstöcke ein. Es galt nun, alle wichtigen Fakten zu einer Gemeinsamkeit zu finden, auch um einen Ort einzugrenzen, wo man die Leiche suchen wolle. Zuerst fuhren sie zu der Wiese, auf der der Finger gefunden wurde. Frau Erlenmeyer und Yves schauten sich um. „Yves, hier ist alles friedlich und ruhig. Schauen sie sich um, ob Sie etwas entdecken, was erklären könnte, dass man gerade hier einen Finger abgelegt hatte. Ich fotografiere die Umgebung. Schauen Sie doch bitte, welche Bäume hier so stehen. Jede kleine Auffälligkeit könnte uns weiterhelfen.“ Die beiden Ermittler durchsuchten das Gebiet ganz exakt. Frau Erlenmeyer, diktierte sich alle relevanten Gedanken. Später sollten diese Gedanken zu Fakten auf den Ermittlungskarten geschrieben werden.
Nachdem sie den ersten Fundort bis ins kleinste Detail inspiziert hatten, fuhren sie zum Fundort zwei, zu dem See, wo die Hand gefunden wurde. Yves begann wieder alles Bemerkenswerte zu notieren, auszumessen und zu fotografieren. Anna Erlenmeyer merkte sich ihre Gedanken wieder mit Hilfe ihres Diktiergerätes. Sie setzte sich auf die Bank, die am See steht, schaute auf den See: „Das ist hier so ein schöner Ort. Die Idylle, die hier herrscht, lässt doch überhaupt keinen Raum für Schlimmes?“ Yves schaute sie nachdenklich an: „Und doch geschieht es, das Böse. Ich gehe davon aus, dass hier kein Tatort ist. Lassen Sie uns doch noch ein paar Minuten hier verweilen.“ Er setzte sich neben seine Chefin auf die Bank. Beide schauten sich um, ohne jedoch irgendetwas zu sehen, was erklären könnte, warum dieser Ort zum Ablegen einer Hand gewählt geworden war.
Danach mussten die beiden Ermittler noch zum dritten Fundort, das Feld von Bauer Weber. Insgeheim hoffte Frau Erlenmeyer, Otto Weber dort zu treffen. Dieser Mann hatte sie mit seiner Natürlichkeit völlig beeindruckt. Als sie dort ankamen, schien die Sonne genau auf das Maisfeld. Yves fragte: „Vielleicht liegt eine Gemeinsamkeit in den Fundorten im Sonnenstand?“ Er kratzte sich am Kinn: „Aber dafür müsste man ja wissen, wann genau der Fuß abgelegt wurde. Jedoch werden wir das nicht rauskriegen, das kann auch die Gerichtsmedizin nicht genau bestimmen. Ach, Frau Erlenmeyer es ist zum Verzweifeln. Vor allem belastet mich der Gedanke, dass irgendwo hier in der Nähe noch andere Leichenteile liegen oder dass irgendjemand eine Leiche findet. Haben Sie eine Idee, wo wir mit der Suche beginnen sollten?“ „Haben Sie ihre gemalte Karte dabei, auf der Sie alle Fundorte eingetragen haben?“ „Nein, die hängt im Kommissariat. Warum?“ „Ach, ich dachte zuerst, wenn man die Punkte verbindet, könnte eine Form entstehen, die uns ein Zeichen sein könnte? Aber bis jetzt entsteht ja nur ein Dreieck. Nein, falscher Gedanke, bringt uns auch nicht weiter!“ Die beiden Ermittler inspizierten auch hier alles so genau, wie bei den anderen Fundorten. Zwischendurch schaute Anna Erlenmeyer nach den Maispflanzen, als sie plötzlich die ihr vertraute Stimme des Bauers Weber hörte: „Guten Tag, Frau Kommissarin, gefällt Ihnen was Sie sehen? Der Mais ist leider noch zu klein.“ „Hallo Herr Weber, von „gefallen“ kann keine Rede sein. Wir suchen nach Hinweisen, warum hier ein Fuß hingelegt wurde? Aber Ihr Feld ist schön. Der Mais hat ja noch Zeit zum Wachsen.“ Bauer Otto Weber zog seine Mütze aus und rieb sich über die Stirn: „Ich glaube mein Feld wurde ausgewählt, weil Maisfelder ziemlich undurchsichtig sind. Es war einfach Zufall, dass ich gerade dort die Bodenbeschaffenheit prüfen musste. Ich gehe davon aus, dass der Verbrecher nicht wollte, dass der Fuß gefunden wurde. Darf ich Sie etwas fragen?“ „Nur zu, fragen Sie, was Sie wissen wollen.“ „Wurde außer dem Fuß noch irgendetwas anderes von einem Menschen gefunden? Meine Schwester sagte, dass es doch irgendeinen Hinweis geben muss, wenn jemand einen Fuß verliert.“, dabei schüttelte er den Kopf. Frau Erlenmeyer schaute Yves fragend an, Yves nickte. „Herr Weber, es wurden bis jetzt eine Hand, ein Finger, ja und dieser Fuß gefunden. Kein Krankenhaus hat Verletzte behandelt und auch in keiner Arztpraxis war ein solcher Fall bekannt. Wir ermitteln zurzeit noch ins Uferlose. Jetzt haben wir uns die Fundorte angeschaut und forschen sehr intensiv nach Spuren.“ Otto Weber schüttelte wieder den Kopf und fragte ganz leise: „Glauben Sie, dass ein Mensch verunglückt oder noch schlimmer? …ermordet wurde?“ Bei diesem Gedanken rieb er sich die Arme, auf denen eine Gänsehaut entstanden war. Yves, der zu dem Gespräch gekommen war, nickte: „Ja das befürchten wir!“ Otto Weber rieb sich wieder über die Stirn: „Oh mein Gott, in welcher Welt leben wir? Oh je, wie wird der Mensch geschockt sein, der einen toten Menschen findet. Ich war ja schon geschockt, als ich den Fuß gefunden habe!“ Nun schaute ihn Frau Erlenmeyer erstaunt an: „Dafür wirkten Sie aber recht cool, als Sie ins Präsidium kamen.“ „Ich habe nur meine Pflicht getan, der Fuß war da, wo er nicht hingehörte, ich musste ihn loswerden, das waren einfach die Gründe meines Handelns. Aber der Schock war tief, ich kann den Anblick nicht vergessen. So, nun müssen wir wohl alle weiterarbeiten. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und hoffe inständig, dass das Verbrechen aufgeklärt wird. Falls ich helfen kann, stehe ich zur Verfügung.“ Er lüftete seinen Hut, winkte den beiden Ermittlern zu und ging zu seinem Traktor. Frau Erlenmeyer und Yves riefen ihm: „Auf Wiedersehen“ zu. Yves sagte: „Der ist ja ein origineller Typ. Aber er hat recht, wir müssen arbeiten, auf ins Präsidium!“ Sie gingen zusammen zum Auto.
Patrick, Ben und David hatten sich zu einer Mountainbike-Tour verabredet. Das herrliche Sommerwetter trug zur guten Laune der jungen Radfahrer bei. Die Strecke führte bergauf und bergab durch den Wald, über Wurzeln und Steine. Stellenweise war der Untergrund der Route sandig, wechselte zu einer asphaltierten Straße, um dann wieder durch ein Stück Wald zu führen. Die Männer fuhren schnell und stellenweise etwas übermütig. Patrick führte die Gruppe an. Er war der Radfahrer, der von allen die besten Kenntnisse und Erfahrungen hatte. Er fuhr immer vor den anderen her. An einem steilen Abhang riet er seinen Mitfahrern zur Achtsamkeit, fuhr aber selbst sehr schnell weiter. Ben raste diesen Abhang auch hinunter. David, dem noch etwas Erfahrung beim Mountainbiking fehlte, wollte den anderen nachfahren, trat in die Pedale, raste den Hang hinunter. Kurz vor der Kurve, hinter der die anderen schon verschwunden waren, verlor er den Halt über das Fahrrad und raste in eine Aufhäufung von dörren Ästen und Zweigen. Das Fahrrad überschlug sich und David stürzte in das Dickicht der Äste. Manche Zweige zerkratzten ihm das Gesicht, weil er zwar den Helm aber nicht den Gesichtsschutz trug. Seine Hände hatte er glücklicherweise mit stabilen Handschuhen geschützt. Er versuchte sich aus den Ästen zu befreien. Dazu musste er jedoch die großen Zweige zur Seite schieben. Er rappelte sich auf und bemerkte, dass ihm zum Glück nichts wirklich Schlimmes passiert war. Aber sein Fahrrad war noch ein Stück weiter den Abhang heruntergerutscht. Inzwischen kamen Patrick und Ben zu David: „Oh weh, was hast du denn geschafft? Warst du zu schnell?“ David klopfte sich den Staub von den Beinen: „Zu schnell, zu unerfahren und zu unvernünftig, ich wollte mehr als ich konnte. Aber so richtig schlimm verletzt habe ich mich nicht. Aber mein Fahrrad…“, dabei verzog er etwas schmerzverzerrt das Gesicht, „…liegt da unten. Lass es uns holen!“ Patrick ging schon voran, David ging ihm nach. Ben blieb bei den beiden Rädern. Als die beiden jungen Männer an Davids Rad angekommen waren, nahm Ben das Rad aus dem Gebüsch. David ging zur angrenzenden Hecke, in der er die Radklingel suchen wollte, die vom Lenker abgefallen war. Patrick überprüfte das Fahrrad seines Freundes auf Schäden, als er Davids Schrei hörte: „Patrick, komm schnell! Hast du dein Handy dabei? Komm! Schnell!“ Ben hörte alles und eilte nun auch den Abhang herunter. Er hatte die Räder zur Seite geworfen, denn ihm wurde bewusst, dass sein Freund Hilfe brauchte. Als Ben und Patrick auf David trafen, sahen sie Davids blasses Gesicht. Seine Lippen waren kalkweiß. „Da liegt eine Leiche, hier in der Hecke, unter den alten Ästen“, stammelte er. Die Freunde schauten in die Richtung, in die David mit dem Finger zeigte. Sie schoben die Äste auseinander. Unter den Ästen lag ein toter Mann. Er war in Tücher eingepackt, die ihn aber nicht ganz bedeckten. Ben konnte gar nicht hinschauen, ihm wurde sofort übel. Patrick rief sofort die Polizei. Er erklärte dem Polizisten, wo der Tote lag. Die drei jungen Männer setzten sich auf einen Baumstamm, der am Wegesrand lag. Ben hatte inzwischen die Wasserflaschen und Energieriegel für sich und seine Freunde geholt. Sie schwiegen alle, nur David seufzte immer mal wieder. Es dauerte gefühlt ewig lange, bis endlich der Streifenwagen eintraf. Die freundlichen Polizisten stiegen aus dem Auto, nahmen einen Koffer und alle möglichen Instrumente aus dem Kofferraum. „Frau Erlenmeyer, die Hauptkommissarin kommt auch gleich. Wir sichern jetzt erstmal die Fundstelle ab.Wir haben da einiges zu tun. Der Ort hier ist zwar idyllisch, aber auch ziemlich unwegsam. Zuerst müssen wir alles fotografieren. Herr Müller nimmt nun Ihre Personalien auf, damit wir Sie zu Zeugenaussagen kontaktieren können. Danach dürfen Sie den Ort hier verlassen oder wenn Sie wollen, Ihre Radtour fortsetzen.“ Er schaute David an: „Brauchen Sie einen Arzt, haben Sie sich verletzt?“ David bewegte seine Arme und Beine, ihm war zwar noch etwas schwindelig, schüttelte aber den Kopf: „Nein, Danke, ich brauch keinen Arzt, die paar Schrammen im Gesicht versorge ich mir selbst, und meine Knochen sind wohl heil geblieben. Kümmern Sie sich bitte um das echte Problem hier.“ „Okay, dann machen wir das so. Aber falls es Ihnen am Abend nicht besser geht, suchen Sie bitte einen Arzt oder eine Unfallklinik auf. Nun schreiben wir alles auf, was wir von Ihnen wissen müssen.“ Nachdem die Polizisten ihre Notizen gemacht hatten, verabschiedeten Sie sich von den drei Freunden, David riefen sie zu: „Gute Besserung!“ Die jungen Männer gingen zu Fuß durch den Wald nach Hause. Das Hinterrad an Davids Fahrrad war verbogen und
