Risse im Eis: Die komplette Serie - N.J. Lysk - E-Book
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Risse im Eis: Die komplette Serie E-Book

N.J. Lysk

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Beschreibung

Hockey war für sie bisher immer das Wichtigste auf der ganzen Welt … bis sich ihre Wege kreuzten. Alles, was Keenan Avali will, ist Eishockey spielen. Dabei ist völlig egal, dass es sich bei ihm um einen Alpha handelt. Sein Ziel ist, auf dem Eis zu dominieren, und sonst nirgendwo. Wenn Cartwright Johnson zu den Hell’s Flames wechselt, wird von ihm erwartet, dass er mehr leistet, als seine Mitspieler, weil er sich als Omega gewagt hat, eine professionelle Eishockeykarriere anzustreben. Nach dem Debakel bei seinem alten Team hat er sich geschworen, nie wieder den Fehler zu begehen, sich mit einem Mannschaftskollegen einzulassen. Er ist sich ganz sicher, dass er dieses Mal nicht die Kontrolle über sein Herz oder seine Hose verlieren wird … bis er Keenan Avali über den Weg läuft. Ein Omega kann einem Alpha nicht vertrauen, schon gar nicht einem, der so heiß ist wie Avali. Doch man müsste blind sein, um nicht zu sehen, dass sie auf dem Eis so perfekt harmonieren, als seien sie dafür geschaffen worden, zusammen zu spielen. Aber wie lange können sie das perfekte Team auf dem Eis bleiben, wenn sie sich sonst überhaupt nicht ausstehen können? Episoden 1-7.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Risse im Eis: Die komplette Serie

Episoden 1-7

N.J. Lysk

***

***

Übersetzt von Hannah Kurz

Editiert und korrigiert von Claudia Lezár

Korrekturleserinnen: Astrid König und Kassandra Sperl

[Copyright 2022 N.J. Lysk]

***

Imprint

Palm Hearts

[email protected]

www.njlysk.com

Gebrochene Regeln:

Kein Schicksal– Thomas und Uriel waren nie dafür bestimmt, zusammen zu sein. Aber können sie dem Schicksal trotzen, wenn sie sich dennoch füreinander entscheiden? Eine Alpha/Beta Romanze.

Risse im Eis – Hockey ist für sie beide das Wichtigste… Bis sie aufeinandertreffen. Eine Alpha/Omega Hockey-Romanze.

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Forget your perfect offerings

There is a crack, a crack in everything That's how the light gets in.

Leonard Cohen

***

Vergiss deine perfekten Darbringungen.

Alle Dinge haben Risse, nur so dringt das Licht ins Innere.

Leonard Cohen

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Keenan Avali, Nr. 5

Synopse

Hockey war für sie bisher immer das Wichtigste auf der ganzen Welt … bis sich ihre Wege kreuzten. Alles, was Keenan Avali will, ist Eishockey spielen. Dabei ist völlig egal, dass es sich bei ihm um einen Alpha handelt. Sein Ziel ist, auf dem Eis zu dominieren, und sonst nirgendwo. Wenn Cartwright Johnson zu den Hell’s Flames wechselt, wird von ihm erwartet, dass er mehr leistet, als seine Mitspieler, weil er sich als Omega gewagt hat, eine professionelle Eishockeykarriere anzustreben. Nach dem Debakel bei seinem alten Team hat er sich geschworen, nie wieder den Fehler zu begehen, sich mit einem Mannschaftskollegen einzulassen. Er ist sich ganz sicher, dass er dieses Mal nicht die Kontrolle über sein Herz oder seine Hose verlieren wird … bis er Keenan Avali über den Weg läuft. Ein Omega kann einem Alpha nicht vertrauen, schon gar nicht einem, der so heiß ist wie Avali. Doch man müsste blind sein, um nicht zu sehen, dass sie auf dem Eis so perfekt harmonieren, als seien sie dafür geschaffen worden, zusammen zu spielen. Aber wie lange können sie das perfekte Team auf dem Eis bleiben, wenn sie sich sonst überhaupt nicht ausstehen können?“Risse im Eis” ist eine revolutionäre Eishockey-Romanze, die beschreibt, wie aus Rivalen Liebende werden.

Episode I: Eis

Prolog: Keenan

Es gibt keinen Sex auf der Welt, der so gut ist wie das Gefühl, wenn du deinen Puck mit voller Kraft in das Netz drischst. Einen Moment lang stand Keenan nur unbeweglich da. Das Blut wurde von seinem heftig klopfenden Herzschlag in rasender Geschwindigkeit durch seine Adern gepumpt und seine Wangen hatten sich gerötet. Es gab nichts Besseres, als sich der schwitzigen Siegesumarmung der Männer hinzugeben, deren Körper so perfekt im Einklang mit dem eigenen harmoniert hatten, als habe es sich bei ihnen um ein und dieselbe Person gehandelt. Und das ganz, ohne einander überhaupt zu berühren.

Im Vergleich dazu konnte Sex dem einfach nicht das Wasser reichen, auch wenn Frauen viel besser rochen. Keenan stellte sich vor, dass der Sex mit einer Omegafrau sich anders anfühlen würde, aber er hatte auf keinen Fall vor, seine Hockeykarriere dafür aufs Spiel setzen. Leider war das jedoch die einzige Chance, wie ein Alpha seinen Weg in das Bett eines Omegas finden konnte.

Sich zu verpaaren war ein schöner Traum, den er sich für den Ruhestand aufhob, denn für einen jungen, erfolgreichen Hockeyspieler war es viel zu gefährlich. Sobald das Band zwischen ihnen geschmiedet war, konnten Omegas es leider oft nicht ertragen, für längere Zeiträume von ihren Alphas getrennt zu sein, und das war bei Hockeyspielern nun mal nicht zu vermeiden. Keenan wollte das niemandem antun, ihnen vorzuenthalten, was sie brauchten, schon gar nicht, wenn er auf spiritueller Ebene mit ihnen verbunden war. Also gewann Hockey, wie es eigentlich immer der Fall war, wenn Keenan sich entscheiden musste. Und wenn er doch einmal in Versuchung kam … Tja, dann würde es sich lohnen, ihr zu widerstehen.

Auch wenn es die Sache für ihn schwerer machen würde, so bedeutete das trotzdem nicht, dass er rational etwas dagegen hatte, einen Omega im Team zu haben. Dies wurde ihm bewusst, als er die Tür zur Box mit der Spielerbank öffnete, um die Bahn zu verlassen, und dabei eine Nase voll von dem süßlichen Karamellgeruch bekam.

Doch als er Cartwright Johnson kennenlernte, wurde er eines Besseren belehrt. Johnson hatte anfänglich wie eine Konditorei geduftet, bis er einen Blick auf Keenan erhascht hatte, dann war aus seinem Geruch plötzlich der von verbranntem Kuchen geworden. Der Omega hatte sich jedoch nichts anmerken lassen, sondern stattdessen ein künstliches Lächeln aufgesetzt und weiterhin die Beta-Trainer und Teamkollegen begrüßt. Dabei hatte er es sogar über sich gebracht, anerkennend über Keenans Geschicklichkeit auf dem Eis zu sprechen. Seine Bewunderung war Keenan zumindest nicht komplett gespielt vorgekommen.

Aber trotzdem konnte der Neue seine Unbehaglichkeit nicht verbergen und Keenan konnte nicht aufhören, sie zu riechen. Er war ein Alpha und es lag in seiner Natur, einen Omega beschützen zu wollen. Die Anwesenheit eines Omegas, der sich so offensichtlich unwohl fühlte, war nicht einfach zu ertragen. Und noch schwieriger war es, jemanden zu mögen, der eine solche Abneigung gegen einen hegte. Das war Grund genug für Keenan, sich von ihm fernhalten zu wollen, auch wenn er nicht glaubte, dass es Grund genug war, es gegenüber den Vereinsvorsitzenden und Trainern zur Sprache zu bringen.

Nachdem sie bereits wochenlang im gleichen Team gespielt hatten, hörte Johnson endlich damit auf, jedes Mal zusammenzuzucken, wenn Keenan das Zimmer betrat. Er schien endlich zu begreifen, dass Keenan nicht versuchen würde, ihn herumzukommandieren. Oder welche Vorurteile er Alphas gegenüber auch immer hatte. Aber trotzdem war die Situation weiterhin nicht sehr entspannt, ganz im Gegenteil.

Mehr als alles andere wünschte Keenan sich, dass die Welle des Verlangens, die er in Johnsons Gegenwart verspürte, nicht länger die Glücksgefühle eines Tores übertrafen. Ihm war klar, dass es an den Pheromonen lag, die offensichtlich zusammenpassten. Diese Art von Chemie hatte Keenan mit einem männlichen Omega noch nie zuvor gehabt, was die Situation nicht nur merkwürdiger, sondern auch unangenehmer machte … Es war zwar kein Gefühl, das extremes Unwohlsein in ihm auslöste, aber es war … beunruhigend. Er fühlte sich nicht sexuell zu Männern hingezogen – so sehr man ihn deswegen auch schon aufgezogen hatte, er war so monosexuell wie nur möglich. Und nun kam dieser Kerl daher, der ihn hasste wie die Pest, und sein treuloser Körper versuchte, ihn davon zu überzeugen, dass es eine exzellente Idee war, ihn zu vernaschen.

Noch schlimmer war die Tatsache, dass sein eigener Geruch Johnson gegenüber preisgeben musste, was er fühlte. Keenan konnte sich nichts Peinlicheres vorstellen, als dass sein Teamkollege, der ihn hasste, glaubte, dass Keenan etwas von ihm wollte … Er schluckte hart und tat so, als existierte die fast greifbare sexuelle Spannung zwischen ihnen gar nicht, auch wenn er dafür fest auf die Bank starren und Santiagos Grinsen ignorieren musste.

Er stellte sie sich als zwei Raubtiere vor, die sich vorsichtig umkreisten, zwar nicht angreifen wollten, sich aber trotzdem darauf vorbereiteten. Sie waren einfach nicht in der Lage, sich in der Gegenwart des anderen zu entspannen.

Und das war extrem anstrengend.

Aber er konnte es einfach nicht zur Sprache bringen. Nicht nur, um Johnson zu schützen, sondern auch, weil er seinen Blick nicht abwenden konnte, sobald sich die Tür zur Eisbahn schloss. Er sah dem Neuen dabei zu, wie er sich gegenüber den Nordischen Stürmen-Spielern in Stellung brachte. Keenan konnte seine Augen nicht von seiner Silhouette nehmen, die fast schneller über das Eis schoss, als sein Blick ihr folgen konnte. Dadurch, dass sich neun andere Spieler auf dem Eis befanden, war es umso schwieriger, sich derart schnell und geschickt zu bewegen. Es wäre schon auf einer leeren Bahn ein beeindruckender Anblick gewesen, aber die Art und Weise, wie Johnson sich mit einer solchen Geschwindigkeit an den anderen Personen auf dem Eis vorbeischlängelte, zog Keenan derart in den Bann, dass er manchmal sogar vergaß, wo sich der Puck gerade befand. So sehr hatte ihn der Anblick des linken Flügelstürmers verzaubert.

Johnson drehte sich um die eigene Achse, täuschte an, und wirbelte dann mit dem Körper in die entgegengesetzte Richtung. Dadurch gelang es ihm, den ihm zugeteilten Verteidiger auszutricksen, auch wenn dieser etwa doppelt so schwer war wie er. So als ob ihn diese Aktion überhaupt nicht aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, lieferte er kurz darauf die perfekte Torvorlage. Patel, der für Keenan eingewechselt worden war, verpatzte jedoch die Annahme, da er sich gerade selbst erst freigespielt hatte. Er schoss den Puck mit einem Knall gegen die Latte.

Auf der Bank waren Laute der Enttäuschung und leises Fluchen zu hören, aber Keenan gab nicht das kleinste Geräusch von sich. Um seinen Ärger zu verbergen, musste er sich viel zu hart auf die Lippen beißen. Er zwang sich, tief durchzuatmen. Er war zutiefst verwirrt. Warum war er bloß so wütend? Er hatte schließlich gepunktet und sie lagen noch immer vorn. Es würde weitere Torchancen geben, wie sonst auch.

Es war bloß so ärgerlich, einen derart perfekten Pass zu verschwenden. Eine Schande, dass Mike ihn nicht in ein Tor hatte verwandeln können, dass dieses Passes würdig gewesen wäre. Johnson schien nicht viel besser damit umzugehen als er. Keenan bemerkte, dass seine Bewegungen nun nicht mehr fließend und geschmeidig waren, sondern steif und starr. So wie Johnson sich in seiner Gegenwart benahm, hätte Keenan schadenfroh sein können, aber Johnson tat ihm in dieser Situation sogar noch mehr leid als Mike, auch wenn dieser den missglückten Torversuch eigentlich verschuldet hatte. Es war nicht fair, dass jemand etwas so Makelloses geleistet hatte, nur um dabei zusehen zu müssen, wie es zerstört wurde.

Kapitel 1: Cartwright

Sobald die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, fühlte Carry sich besser. Die Eisbahn kam ihm fast wie eine andere Welt vor, ein kälteres Universum, in dem die dummen Regeln und Verhaltensweisen, die sein Leben in der Realität beherrschten, nicht existierten. Im Eishockey gab es nur eine einzige Regel: gewinnen. Na ja, theoretisch gab es da auch noch andere, die mit Strafen zu tun hatten. Aber Carry war so klein und schnell, dass die meisten Schiedsrichter entschieden, dass seine Gegner aus Schreck auf den Hintern gefallen waren und nicht, weil er ihnen zu nah gekommen war. Nicht, dass er es mit Absicht tat; manchmal vergaß er einfach, wie langsam sich andere Leute bewegten. Und er brauchte diesen Vorteil viel zu sehr, als dass er sich wegen der Strafen, denen er entkam, schuldig fühlte. Er war ein schmächtiger Kerl, und das war eher untypisch in diesem Sport, bei dem Spieler darauf getrimmt waren, so groß und kräftig wie möglich zu sein, damit sie ihre Gegner besser in die Enge treiben konnten, um sie entweder zum Abspielen zu zwingen oder den Puck zu ergattern.

Aber die Freude am Eisskaten hielt nicht allzu lange an. Kaum eine Minute war vergangen, da hatte sein Mittelstürmer bereits einen perfekt vorgelegten Treffer verpatzt. Carry umklammerte krampfhaft seinen Schläger, um sich davon abzuhalten, ihn gegen den Boden oder den Verteidiger zu schmettern. Oder auf Patels Kopf. Das hier war erst das dritte Spiel mit den Flammen der Hölle und er hatte bisher noch kein Tor geschossen. Er stand unter enormem Druck zu beweisen, dass er etwas drauf hatte, ansonsten würden sie ihn möglicherweise zurück auf die Ersatzbank schicken. Oder ihn eintauschen.

Er würde einen weiteren Transfer nicht verkraften. Er hätte diesen hier schon fast nicht überlebt.

***

Über seine Größe konnte hinweggesehen werden. Das wahre Problem lag darin, dass Carry ein Omega war und dass er deswegen, wie man von ihm im Allgemeinen erwartete, von Babys, Kinderzimmern und Farbzusammenstellungen träumen sollte. Als er den Sprung ins professionelle Eishockey geschafft hatte, gratulierten ihm die Leute dazu, seine klassische Omega-Sturheit dazu verwendet zu haben, ein anderes Ziel zu verfolgen, als eine Familie zu gründen. Als ob das nicht schon dumm genug gewesen wäre, so war dies nur die Spitze des Eisberges flapsiger Kommentare und halb garer Witze gewesen. Zum anderen behaupteten sie nämlich auch, dass er sich als Omega besonders bemüht hatte, weil er so scharf auf den körperlichen Kontakt gewesen war. Auch schienen die Leute gerne darüber zu sprechen, dass die Trinity Titanen ihn angeblich nur genommen hatten, weil sie über einen Alpha-Kapitän verfügten, dem Carry instinktiv jeden Wunsch von den Augen ablesen würde.

Dennoch war Carry durchaus bewusst, dass er sich über den bisherigen Verlauf seiner Karriere nicht beschweren konnte: Der Titanen-Trainer Trójcy Tytanowi hatte sich ein Team aufgebaut, das sich in der Liga gar nicht so schlecht gemacht hatte. Aber noch viel wichtiger war die Tatsache gewesen, dass das Team öffentlich bekannt gegeben hatte, ihn aufgrund seines außergewöhnlichen Tempos zu rekrutieren, und dabei waren sie auch geblieben. Bei Pressekonferenzen waren zwar hin und wieder ein paar dumme Fragen aufgetaucht, aber eskaliert war die Situation zum Glück nie. Wenigstens hatte die Teamführung nicht auf seine Kosten einen Werbegag veranstaltet, wovor ihn einige gewarnt hatten. Die Titanen hatten ihn gewollt, Cartwright Johnson, den schnellsten Stürmer der gesamten Jugendliga. Sobald sich das Trainingslager dem Ende zugeneigt hatte, wurde ihm mitgeteilt, dass er sich einen Platz in der Mannschaft gesichert hatte. Das lag vermutlich daran, dass die Titanen keinen Alpha in der Führungsspitze hatten, obwohl Alphas in einem solch aggressiven Sport wie Hockey normalerweise regelrechte Naturtalente waren. Es gefiel ihnen oftmals sogar so sehr, dass sie nach dem Abschluss ihrer glorreichen Spielerkarriere ins Management wechselten.

Auch wenn Alphas nicht unbedingt eine Seltenheit waren, so waren die meisten Hockeyspieler – wie auch die meisten Leute – eindeutig Betas. Normalerweise nahmen Betas an, dass es sich bei Omegas um ihresgleichen handelte, es sei denn, man klärte sie auf. Alphas – denen man schon von klein auf einbläute, befehlshabend zu sein und sich durchzusetzen – waren schwieriger zu übersehen. Aber Leute, die dazu erzogen worden waren, sich ruhig zu verhalten und keine großen Wellen zu machen, wie Omegas, fielen einem nicht besonders auf, besonders wenn man nicht über die Art von Geruchssinn verfügte, die es möglich machte, die verschiedenen genetischen Variationen zu riechen.

Carry kam gut mit Betas aus. Manchmal fühlte es sich in ihrer Anwesenheit an, als sei man allein. Aber das war ihm gerade recht. Alphas schienen davon auszugehen, dass sie sich um ihn kümmern mussten, und er wollte weder von einer anderen Person beschützt noch bemitleidet werden. Wenn die einzige Alternative dazu darin bestand, allein zu bleiben, dann würde er sich liebend gerne damit arrangieren.

Natürlich war das jedoch nicht lange gut gegangen, weil die Titanen zwei Alphas im Team hatten. Einer davon war der Kapitän, was nicht sehr überraschend war. Sein Name war Jack Lerroux und er war ein fünfunddreißigjähriger Hockey-Veteran. Der Kerl hatte so ein starkes Selbstbewusstsein ausgestrahlt, dass Carry nicht anders konnte, als zusammenzuzucken, als sie einander die Hände geschüttelt hatten. Sich die Hand zu geben, war eine moderne Interpretation der Regeln, bei der er lieber nicht mitgemacht hätte, allerdings musste er das, um nicht Gefahr zu laufen, als prüder Spießer abgestempelt zu werden. Der Kapitän der Titanen hatte sich letztendlich als ein ganz netter Kerl herausgestellt. Vielleicht lag es daran, dass er sich bemühte, sich wie ein Gentleman zu verhalten. Schließlich war er ein wichtiger Hockey-Superstar, für den sein Team, sowie die Fans, einfach alles tun würden. Zudem war er glücklich verpaart und die Familie erwartete ihr drittes Kind. Leute, die das Glück derartig gesegnet hatte, konnten sich wohl nicht beschweren, nahm Carry an. Er hatte noch nie ein Problem mit Lerroux gehabt, aber das konnte auch daran liegen, dass er als verpaarter Alpha einen Omega, der nicht sein Gefährte war, attraktiv finden konnte, ohne von seinen Pheromonen oder seiner Berührung betroffen zu sein.

Nicht, dass Carry glaubte, dass sein ehemaliger Kapitän seiner Existenz außerhalb des Eises irgendeine Bedeutung beigemessen hätte – es war wahrscheinlich, dass er und Lerroux im wirklichen Leben nicht einmal kompatibel gewesen wären, selbst wenn es die Verpaarung des Alphas nicht gegeben hätte. Carry war zu dem Schluss gekommen, dass seine genetische Zusammensetzung ziemlich speziell sein musste, denn es war selten, dass er einen Alpha traf, zu dessen Geruch er sich hingezogen fühlte.

Natürlich hatte er seinen Geruchssinn nicht benötigt, um den anderen Alpha zu bemerken, der ebenfalls bei den Titanen spielte. Ali Puccio …

***

Und nun war er hier gelandet, mit einem Mittelstürmer, der seine Pässe nicht kommen sah, in einer neuen Stadt und –

Ihre Sturmreihe wurde gegen Avalis ausgewechselt. Als er das Spielfeld verließ, hielt Carry seinen Blick starr auf die Bank gerichtet, wo er wenigstens etwas verschnaufen konnte.

Es dauerte einen Moment, bis er registrierte, dass Patel soeben nicht über den Schiedsrichter geflucht hatte, sondern mit ihm sprach.

Carry war so überrascht, dass er seine Aufmerksamkeit für einen Moment lang nicht dem Spiel zuwandte, sondern den anderen Mann anstarrte. „Was?“

„Das war ein fantastischer Pass“, wiederholte Patel reumütig. „Aber verdammt, du bist einfach viel zu schnell, Mann. Manchmal kommt es mir so vor, als ob du dich irgendwo anders hin teleportierst.“

„Danke“, sagte Carry, wobei er sich so fühlte, als habe er Patel soeben enttäuscht, weil er ihn nicht wegen seines Patzers aufzog. Aber schließlich kannte er Patel noch nicht so gut und außerdem war ihm über die vergebene Chance noch nicht zum Scherzen zumute. Wenn ihm doch aufgefallen war, wie gut seine Torvorlage gewesen war, warum hatte er den Pass dann nicht in einen Treffer verwandelt? „Beim nächsten Mal“, fügte er hinzu, wobei er versuchte, freundlich zu klingen.

Patel schien seine ungeschickte Ausdrucksweise so zu interpretieren, wie sie gemeint gewesen war, und sie schauten sich beide gemeinsam den Rest des Spiels an. Die Nordischen Stürme hatten soeben den Puckbesitz verloren, und zwar an keinen anderen als an Keenan Avali, der nun mit dem eroberten Puck übers Eis raste. Die Geschwindigkeit, mit der er sich bewegte, war beeindruckend, auch wenn er nicht so schnell war wie Carry. Dafür aber klebte der Puck an seinem Schläger, als würde er von einem Magneten an Ort und Stelle festgehalten.

Selbst beim Training fiel auf, wie geschickt er mit dem Puck umgehen konnte. Und bei einem Spiel schien es sogar so, als fände sein Schläger den Puck von ganz allein, sogar ohne zu wissen, wo er sich unter ihm auf dem Eis befand. Genauso instinktiv reagierte sein Körper, wenn er sich wie eine schützende Wand zwischen den Puck und seine Rivalen stellte. Die Reporter sprachen pausenlos von Avalis beschützerischer Haltung, aber wenn sie ihn einen typischen Alpha nannten, konnte man erkennen, dass sie versuchten, witzig zu sein, und es cool fanden, dass er seine Instinkte dafür einsetzte, um zu gewinnen.

Und Gewinnen war seine Spezialität. Er schoss ein weiteres Tor, das letzte des Spiels und das vierte, das der Torwart der Nordischen Stürme durchgelassen hatte. Avali hatte zwei Tore zu verantworten und die anderen beiden Mitglieder seiner Sturmreihe hatten ebenfalls jeweils eins geschossen. Carry dagegen kein einziges. Und die beiden anderen Spieler seiner Reihe auch nicht, obwohl Patel und Diego weitaus mehr Erfahrung hatten als er selbst. Es war mehr als offensichtlich, dass die Mitglieder seiner Sturmreihe nicht gut miteinander harmonierten, zumindest nicht auf dem Eis. Aber die Trainer wollten das erfolgreiche Trio Siuf Bauer, Keenan Avali und Thomas Kiau wohl nicht stören.

Carry wusste, dass er nicht in der Position war, irgendwelche Anforderungen an die Flammen der Hölle zu stellen. Er war noch viel zu neu und hatte sich dieses Recht noch nicht verdient. Dennoch trieb es ihn fast in den Wahnsinn – für jemanden wie ihn war es eine Qual, mit einer Sturmreihe zu spielen, die sich nicht auf ihn einstellen konnte. Es war nicht ihre Schuld, sie beide waren gute Spieler, aber sie hatten ihren Mittelstürmer verloren und es war entschieden worden, dass Patel als Ersatz bestens geeignet war.

Carry konnte dem bei allem Respekt jedoch nicht zustimmen.

Er schloss die Tür seines Schließfaches und warf sein Trikot auf den schnell größer werdenden Haufen dreckiger Wäsche, der sich in der Ecke der Umkleidekabine gebildet hatte. Er versuchte fieberhaft zu überlegen, was er sich heute Abend im Fernsehen anschauen sollte, sobald er wieder zurück in seiner Wohnung war. In dem Höllenmonat der Transferverhandlungen waren ihm die Episoden seiner Lieblingssendung Spinning ausgegangen. Er hatte die Ablenkung zu sehr gebraucht, als dass er sich die Folgen hätte besser einteilen können. Offensichtlich konnten die Macher der Sendung mit der traurigen Realität seines Lebens genauso wenig mithalten wie er.

„Hast du Lust, mit uns noch wegzugehen?“, fragte Patel von der anderen Seite der Umkleidekabine her, wo er gerade selbst etwas in seinem Fach verstaute.

Carry drehte sich halb in seine Richtung, bereits den Kopf schüttelnd. „Nee, danke, es ist bloß …“ Er wedelte mit der Hand in der Luft herum, um seiner dürftigen Entschuldigung etwas mehr Nachdruck zu verleihen. „Bin einfach müde, weißt du.“

Patel nickte. „Bald wirst du dich daran gewöhnt haben“, versprach er mit einem mitfühlenden Lächeln.

Carry zuckte die Achseln. Er erwiderte nichts, weil ihm keine passende Antwort einfiel, die weder beleidigend noch herablassend war. Es lag nicht daran, dass er sich ans Hockeyspielen gewöhnen musste. Er hatte sich bereits vor langer Zeit antrainiert, so lange zu spielen, bis sein Körper ihn nicht mehr aufrecht halten konnte. Ein Monat Pause konnte daran nichts ändern. Außerdem hatte er währenddessen sowieso weiter trainiert. Tatsächlich war er nämlich so nervös gewesen, dass er es fast etwas übertrieben hatte. Das war letztendlich sogar so weit gegangen, dass er ein paar Tage hatte aussetzen müssen, weil er befürchtet hatte, sich eine Muskelzerrung im rechten Arm zugezogen zu haben. Wie dem auch sei, es lag nicht daran, dass ihm die Ausdauer fehlte, sondern die Motivation.

Er wollte sich so fühlen, als ob er auf das Eis gehörte, als ob er dafür geschaffen war. Tief in seinem Herzen wusste er bereits, dass es so war, aber er schoss nicht nur keine Tore, sondern war auch noch umgeben von einem Team, von dem er nicht wirklich ein Teil war. Da war es manchmal verdammt schwierig, sich nicht zu verlieren und weiterhin an sich zu glauben.

Patel wünschte ihm einen schönen Abend und ein paar der anderen Männer taten es ihm gleich. Kiau klopfte ihm sanft auf die Schulter, als er an ihm vorbeilief. Carry hasste die Behutsamkeit, mit der man ihn hier behandelte; bei den Titanen war niemand so sanft mit ihm umgegangen, nicht einmal die Alphas. Vergaßen seine neuen Teamkollegen etwa, dass er denselben Sport betrieb wie sie und dass ihm dabei derselbe Körpereinsatz abverlangt wurde? Beim Eishockey zog man sich häufig Gehirnerschütterungen und gebrochene Knochen zu. Spieler waren sogar schon auf dem Eis gestorben; warum zur Hölle also glaubten sie, dass sie Carry sanfte Klapse geben mussten anstelle von Knuffen und Schubsern, die alle anderen Spieler untereinander austauschten?

Er machte daraus natürlich keinen großen Hehl, denn es war ohnehin nicht so, als ob die Leute ihm jemals zuhörten, wenn er ihnen zu verstehen gab, was er brauchte. Wenn er etwas wollte, dann musste er es sich nehmen. Und in diesem Moment wollte er nur allein sein und sich bei einer Sendung im Fernsehen mit einem guten Bier entspannen.

Wenigstens wurde von ihm nicht mehr erwartet, nach dem Spiel mit der Presse zu sprechen.

Kapitel 2: Keenan

Eine Sekunde lang bildete Keenan sich ein, in der vergangenen Nacht zu viel getrunken zu haben. Doch die Situation, in der er sich befand, war keine vom Restalkohol ausgelöste Einbildung, denn selbst nach mehrmaligem Blinzeln stand Coach Hernandez noch immer mit erwartungsvollem Blick vor ihm.

Er nickte, die Augen fest auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, weit weg von der nach süßem Gebäck duftenden Wolke, die den von ihm am wenigsten gemochten Mannschaftskollegen umgab. Dieser war nun auch noch in seiner Sturmreihe. Zumindest bis zum Ende dieses Trainings. Die Coaches waren auf die glorreiche Idee gekommen, diese neue Konstellation einmal auszuprobieren. Als ob sie sich nicht hätten denken können, dass das eine schlechte Idee wäre. Aber schließlich hatten sie Keenan gefragt, ob er damit umgehen könnte, einen Omega im Team zu haben, bevor sie Johnson einen Vertrag angeboten hatten.

Keenan hatte sich damals von seinem verdammten Stolz und seinen Prinzipien dazu verleiten lassen, Ja zu sagen. Er wusste nicht, warum Johnsons vorheriger Verein den Burschen so schnell wieder hatte loswerden wollen, aber jemand, der so jung und talentiert war, durfte nicht einfach so vor die Hunde gehen. Er verdiente eine zweite Chance.

Er war sich durchaus darüber im Klaren, dass es viele Alphas gab, die ihm diese Gelegenheit nicht zugestanden hätten. Aber egal, was Johnson glaubte, nicht alle Alphas waren gleich. Außerdem handelte es sich bei Johnson um einen Mann und Keenan interessierte sich ausschließlich für Frauen, also war es ihm nicht allzu schwer gefallen, großzügig zu sein.

Und nun lachte ihn das Schicksal förmlich aus, denn Johnsons betörender Duft war nicht nur ein Zeichen, dass sie kompatibel miteinander waren, sondern die Trainer hatten sich auch noch dazu entschieden, ihre beste Sturmreihe auseinanderzureißen, damit der neue Kerl zeigen konnte, was er drauf hatte. Klar, es war eine verdammte Schande, dass Mike und Diego die meisten von Johnsons Pässen so kläglich vergaben, aber das hieß noch lange nicht, dass Keenan auf demselben Eis wie Johnson spielen konnte und dabei irgendetwas zustande bringen würde. Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie er trotz der von Johnsons Duft verursachten Ablenkung seinen Job machen und Tore schießen sollte.

Der Geruch des jungen Omegas änderte sich quasi ständig. Wie gerade jetzt, in diesem Augenblick, als er von unangenehm überrascht auf die kalte Entschlossenheit umwechselte, die immer dann einsetzte, wenn seine Kufen das Eis berührten. Die Tatsache, dass er so verdammt unschuldig aussah, machte es sogar noch unglaublicher. Sein blondes Haar fiel ihm unordentlich in die Stirn, und er hielt seinen Kopf leicht zur Seite geneigt, als er den Ausuferungen von Coach Hernandez lauschte. Er sah wie ein rotbackiges Engelchen aus … Aber nur, bis man das kalte Feuer in seinen Augen entdeckte, das dort loderte. Doch schien es, als schauten die meisten Leute nicht so genau hin.

Und dann standen sie zusammen auf dem Eis, um gegen Mike, Diego und Siuf anzutreten. Wenigstens konnte er sich noch immer auf Thomas zu seiner Rechten verlassen. Keenan versuchte links anzutäuschen, aber Mike kannte ihn viel zu gut, um darauf reinzufallen. Er hatte Keenan in null Komma nichts den Ball abgenommen. Außerhalb der Eishalle war der Typ ein echt netter Kerl, aber auf dem Eis erinnerte sein massiger Körper eher an den eines Verteidigers und nicht eines Mittelstürmers. Keenan hatte Mühe, mit dem Mann mitzuhalten, auch wenn er selbst eigentlich schneller war. Doch irgendwie, von irgendwoher, erschien Johnson, der in Lichtgeschwindigkeit an ihnen vorbeizischte und Tyler den Puck wegstahl.

Keenan hatte Bedenken gehabt, dass er dem Puck nicht würde folgen können, wenn er sich instinktiv zu sehr auf Johnson konzentrierte. Das war ihm einige Male passiert, als er den jungen Omega bei einem Spiel beobachtet hatte. Aber auf dem Eis war sein Körper so darauf getrimmt, dem kleinen Gummistück nachzujagen, als hänge sein Leben davon ab, dass er sich keine Sorgen darum machen musste. Hinzu kam, dass Johnson sowieso meistens den Puck hatte, und wenn nicht, dann spielte er ihn an Keenan ab. Seine Pässe waren sicher und exakt und kamen genau aus der Richtung, aus der Keenan sie erwartet hatte. Innerhalb weniger Minuten spielten Johnson und er in perfekter Harmonie zusammen und irgendwie wusste Keenan immer genau, wo er sich befand. So etwas war ihm in seiner bisherigen Karriere noch nicht untergekommen.

Es war fast schon unheimlich.

Er schoss ein zweites Tor. Thomas hatte dieses Mal die Vorlage geliefert, aber es war dennoch Johnsons Verdienst. Ihre Blicke hatten sich für den Bruchteil einer Sekunde gekreuzt und Johnson hatte entschieden, dass Keenans Verteidiger zu sehr an ihm klebte, also hatte er den Ball nahtlos an den dritten Spieler ihrer Sturmreihe abgespielt, ohne dass er auch nur annähernd aus dem Rhythmus gekommen wäre. Das hatte Keenan einige wertvolle Sekunden verschafft, um etwas Abstand zwischen sich und den gegnerischen Verteidiger Bobby Morgan zu bringen, gerade rechtzeitig, um Thomasʼ Vorlagenpass anzunehmen und den Puck ins Netz zu schieben. Es war fast schon zu einfach gewesen.

Die Trainer riefen ihnen einige lobende Worte zu, doch Keenan verstand sie nicht. Das musste er auch gar nicht. Alles klappte wie am Schnürchen, besser hätte es gar nicht sein können. Es gab keine Worte, die hätten beschreiben können, was da gerade mit ihm geschah, beziehungsweise mit ihnen. Er hatte noch nie mit jemandem so perfekt auf dem Eis harmoniert, noch nicht mal mit seinen alten Schulkameraden, mit denen er jahrelang für das Schulteam gespielt hatte.

Im Gegensatz zu ihm hatten die anderen Teammitglieder jedoch viel zu ihrem Erfolg zu sagen: Sie lobten sie überschwänglich und machten einen Vorschlag, auf den Keenan bereits selbst gekommen war. Sie mussten diese neue Konstellation unbedingt beim nächsten Spiel anwenden.

Bevor er das Eis in Richtung Umkleidekabine verließ, zögerte er. Wenn es sich gerade um ein Spiel gehandelt hätte, dann hätte er Johnson gelobt, dass er gut gespielt hätte. Aber wie sollte er den Neuen in dieser Situation ansprechen? Sollte er ihm etwa einfach sagen, dass er in seinem ganzen Leben noch nie mit jemanden in solch perfekter Harmonie zusammengespielt hatte?

Thomas schlug ihm mit der behandschuhten Hand gerade fest genug auf die Schulter, dass er es trotz der gepolsterten Schutzausrüstung spüren konnte. „Wow, Mann. Was war denn das gerade?“

Keenan nickte und bemerkte erst dann, dass er grinste wie ein Schuljunge. „Wow, das kannst du wohl laut sagen.“ Er gab Thomas einen freundlichen Klaps zurück und fügte dann hinzu: „Toller Pass.“

Er bereitete sich mental darauf vor, das Kompliment Johnson gegenüber zu wiederholen. Der kurze Blick, den sie sich während des Spiels zugeworfen hatten, war länger gewesen als jeder andere bisher, dabei kannten sie sich nun schon seit ein paar Monaten. Aber bevor Keenan die Chance bekam, mit dem anderen Spieler zu sprechen, war das Klicken der sich öffnenden Tür der Eisbahn zu hören. Keenan sah auf und beobachtete, wie Johnson das Eis verließ und die Tür hinter sich hart ins Schloss fallen ließ. Härter, als es nötig gewesen wäre. Eine subtile Art ihm mitzuteilen, dass er sich ins Knie ficken sollte, aber dennoch verstand Keenan die Botschaft sehr deutlich.

Thomas zog die Augenbrauen hoch und sah Keenan an. „Ein bisschen empfindlich der Kerl, oder?“

Keenan zuckte mit den Schultern. Er hatte keine Ahnung, was der Typ für ein Problem hatte. Keenan hatte sich bloß einen Moment lang Zeit genommen, um seine Gedanken zu sammeln, dann hätte er ihm schon gratuliert. Hätte er ihm nicht mal eine Minute Zeit geben können, bevor er begann, mit Türen zu schlagen und sich wie ein beleidigter Teenager zu benehmen?

Kapitel 3: Cartwright

Ihr erfolgreiches Zusammenspiel beim Training war nicht nur ein einmaliger Zufall gewesen. Sie schienen dazu geboren zu sein, um gemeinsam auf dem Eis zu stehen.

Das lag nicht nur daran, dass nur ein Spieler mit einer bestimmten Schnelligkeit dazu in der Lage war, Carry bei einem hektischen Spiel zu decken. Oder daran, dass Avali Instinkt und Strategie perfekt vereinte. Carry hatte schon oft mit Leuten gespielt, die über bestimmte Stärken verfügten, und mit ihnen hatte er ebenfalls eine gute Chemie gehabt … Das galt auch für das Zusammenspiel mit Alphas. Sie konnten einander aufgrund des Geruchs auf dem Eis besser folgen. Das half natürlich, was das Abspielen betraf, aber es hieß nicht, dass er jederzeit ganz genau sagen konnte, wo auf der Bahn sie sich befanden. Wie konnte es im Vergleich dazu möglich sein, dass Carry jederzeit Avalis genauen Aufenthaltsort wusste? Oder konnte er es überhaupt so beschreiben? Durfte man es Wissen nennen, wenn er darüber nicht einmal nachdenken musste?

Avali roch gut, das musste er zugeben, aber mit einem Alpha, zu dem er sich hingezogen fühlte, im selben Team zu spielen, hatte ihm noch nie etwas gebracht, außer Probleme. Auf keinen Fall würde er sich wieder mit jemandem aus der eigenen Mannschaft einlassen und davon abgesehen, war es trotzdem kein einleuchtender Grund dafür, warum sie so perfekt aufeinander abgestimmt waren.

Er konnte einfach keine Erklärung finden.

Wenn dafür ein Name existierte, dann hatte Carry sich noch nicht ausführlich genug mit Sportwissenschaften beschäftigt, um ihn zu kennen. Und er hatte nicht nur ein Gefühl dafür, wo auf dem Eis Avali sich gerade befand, sondern auch, wo er sich als Nächstes hinbewegen würde. An Telepathie lag es nicht, das war natürlich Schwachsinn. Sogar verpaarte Gefährten hatten bloß Empathie füreinander, aber … Carry wusste, dass sie das Spiel gewinnen würden, sobald Avali beim Bully den Puck ergatterte und ihn zu ihm hinüberschlitterte, ohne ihn anzusehen.

Er machte sich die Mühe, um den Abwehrspieler der St. Georgs-Drachen herumzufahren, bevor er ihn zu Avali zurückschoss, der soeben den perfekten Winkel für den Torschuss erreicht hatte. Avali nahm den Puck mit fließenden Bewegungen an und schlitterte ihn ins Tor, so als wäre es überhaupt kein Problem, so als existierte die Abwehr der St. Georgs-Drachen gar nicht.

Die Fans waren total aus dem Häuschen und Carrys Herz klopfte wie wild. Er liebte es, auf dem heimischen Eis zu spielen.

Das nächste Tor ließ sich genauso einfach erzielen, mit dem einzigen Unterschied, dass Avali keine Gelegenheit dazu hatte, selbst drauf zu schießen, also gab er den Puck an Thomas weiter. Dieser tat zunächst so, als zielte er auf das Tor, doch dann schob er ihn stattdessen zu Carry hinüber. Carry konnte sich nicht mal daran erinnern, überhaupt gezielt zu haben. Es war fast so, als hätten seine Arme den Schuss ausgeführt, ohne vorher sein Gehirn um Erlaubnis gefragt zu haben. Er liebte es, sich mit einer gut geölten Maschine zu vergleichen, die perfekt funktionierte und wieder und wieder mit der gleichen Präzision dieselbe Aufgabe ausführte.

Er nahm sich die Zeit, zu Thomas hinüberzufahren und ihm aus Dank einen festen Klaps auf den Rücken zu verpassen. Als er an Avali vorbeifuhr, kam ihm der Gedanke, bei ihm das Gleiche zu tun. Es war eigentlich kein Problem, denn bei der ganzen Polsterung bestand keine Gefahr, dass sich ihre Haut berührte. Doch bevor er sich endgültig entscheiden konnte, ging das Spiel bereits weiter.

Bald wurde klar, dass sie die St. Georgs-Drachen ungespitzt in den Boden rammen würden. Sie waren sowieso kein gutes Team, aber das waren die Flammen der Hölle bei aller Liebe auch nicht. Es wurde eigentlich nicht gerne gesehen, dass ein Team einem anderen Team in der gleichen Liga so offensichtlich überlegen war. Selbst als ihre erste Sturmreihe auf der Bank aussaß und auf die nächste Schicht wartete, klappte der Angriff der Flammen der Hölle wie am Schnürchen.

Bald wurden sie wieder eingewechselt und als das Spiel endlich vorüber war, glaubte Carry nur noch stehen zu können, weil seine Gelenke zu starr und steif waren, als dass sie seinem Körper erlaubt hätten, in sich zusammenzufallen. Das war aber nur der eine Grund. Der andere lag darin, dass die fröhliche Gruppenumarmung anlässlich ihres Sieges das Potenzial hatte, sogar noch gefährlicher zu sein, wenn er auch noch der Schwerelosigkeit ihren Willen lassen würde.

Er lehnte sich bei seinen neuen Teamkollegen an, wobei er die Wärme, und umso perverser, die schwitzigen Körper, genoss. Es war lächerlich, aber dieses Gefühl hatte er vermisst.

Und genau das war es, was es so gefährlich machte.

***

Ali Puccio war mit seinen vierundzwanzig Jahren einer der besten Abwehrspieler der Titanen gewesen und hatte auch kein Problem damit gehabt, seine Torvereitelungen aufzuzählen, gefragt oder ungefragt. Nach ihrem ersten Treffen hatte Carry nichts als seine gewöhnliche Abneigung verspürt, aber er hatte nicht damit gerechnet, wie charmant Ali sein konnte.

Natürlich tat er das nicht auf eine Art und Weise, die besonders auffällig gewesen wäre. Das konnte er auch gar nicht, denn die Regeln besagten, dass Carry derjenige sein musste, um jeglichen Kontakt zu initiieren, der über ihre berufliche Zusammenarbeit hinausging. Aber Regeln waren bloß Regeln, keine Gesetze. Der Alpha hatte zunächst gar nicht mit ihm gesprochen, aber es hatte ihm nichts ausgemacht, ihm zu erzählen, dass er aus Neapel stammte, nachdem der Trainer der Truppe gegenüber erwähnt hatte, dass Carry bis vor Kurzem für ein italienisches Team gespielt hatte. Die Tatsache, dass er Carry von diesem Zeitpunkt an stets auf Italienisch begrüßt hatte, war schon etwas wagemutiger gewesen, aber schlussendlich hatte Carry angefangen, den Gruß zu erwidern, auch wenn ihn sein eigener Akzent leicht verunsichert hatte. Zu diesem Zeitpunkt war er sich so sicher gewesen, dass er auf lange Sicht für die Titanen spielen würde, dass er in seiner Freizeit damit begonnen hatte, Polnisch zu lernen. Auch wenn er ohne Probleme dort hätte leben und sich in Zeichensprache verständigen hätte können, wie es die anderen Spieler taten. Aber da er nun sein Italienisch, das er sich in seinen zwei Jahren bei den Vulkanen angeeignet hatte, nicht verlernen wollte, ließ er sich dazu hinreißen, Ali zu antworten.

Ali und er waren ja noch nicht einmal kompatibel und zudem befanden sie sich auch noch in der Öffentlichkeit. Also was sollte schon passieren?

Ali hatte nicht versucht, ihn alleine zu erwischen oder so etwas in der Art, aber er hatte sich bewusst einen ihm gegenüberstehenden Stuhl ausgesucht, als das Team zusammen zum Essen ausgegangen war. Beim Witzeerzählen hatte er dann jedes Mal einen Blick in seine Richtung geworfen, als ob er Carrys Reaktion sehen wollte. Zuerst hatte Carry nur tatenlos dabei zugeschaut, wie er ihm immer wieder schräge Lächeln und neugierige Blicke zugeworfen hatte, obwohl der Geruch des Alphas dabei bereits sein erwachtes Interesse verraten hatte. Eine Tatsache, die Carry ebenfalls versucht hatte zu ignorieren.

Er hätte gar nicht darauf reagieren dürfen. Nicht wenn er keinerlei Absichten gehabt hatte, diesen Weg einzuschlagen. Damit waren formelles Umwerben und eine Verpaarung gemeint, die ihn mit fast absoluter Sicherheit davon abgehalten hätte, weiterhin Eishockey zu spielen. Unter Berücksichtigung dieser Umstände war es eine leichte Wahl für ihn gewesen. Aber es fiel ihm dennoch schwer, nicht zu bemerken, wie dicht und dunkel Alis attraktive Wimpern waren und wie sich das Spiel der Muskeln in seinem Rücken bewegte, wenn er halb nackt durch die Umkleidekabine gelaufen war.

Alis Abwehrkollege Harry Villiers hatte ihnen stets lächelnd dabei zugeschaut, wie sie beim Essen oder bei Videospielabenden miteinander geflirtet hatten, und keiner der anderen hatte jemals ein Wort darüber verloren. Es hatte ja auch eigentlich nichts zu sagen gegeben. Ali war ein Alpha und Carry ein Omega, und sie waren nicht nur Kollegen, sondern nahmen auch noch beide Hormonblocker zu sich. Diese unterdrückten bei Carry den Paarungszwang, selbst in dem Fall, dass ihm ein kompatibler Alpha über den Weg lief. Er musste nur dafür sorgen, dass er sich im Sommer freinahm und seinem Körper erlaubte, sich der unsinnigen Überzeugung hinzugeben, dass er unbedingt Kinder zur Welt bringen musste, weil sie sonst vom Aussterben bedroht wären.

Er hatte sich eingeredet, dass Ali und er bloß etwas Spannung abbauten. Sie riefen sich ins Gedächtnis, dass da mehr zwischen ihnen sein könnte, nicht, weil sie es unbedingt jetzt und gleich wollten, sondern weil es einfach schön war zu wissen, dass die Option existierte, sollten sie eines Tages von Hockey die Schnauze voll haben.

Obwohl er sich das nur eingeredet hatte. Carry war damals gerade mal achtzehn gewesen. Krakau war weit weg von der englischen Kleinstadt, in der er aufgewachsen war, und weit weg von dem italienischen Jugendteam, bei dem er vor zwei Jahren mit seinen bescheidenen sechzehn Jahren untergekommen war. Er war noch immer mehr als verletzt darüber, dass sie ihm nicht angeboten hatten, in ihr professionelles Team aufzusteigen, als er zu alt für die Jugendliga geworden war.

Er wusste, dass er gut genug dafür gewesen wäre, und das war auch den Titanen nicht entgangen.

Das hieß nicht, dass sie ihn mochten, so viel war ihm auch klar, aber …

Er wurde schon seit drei Jahren vom Paarungszwang heimgesucht, aber Sex hatte er noch nie gehabt. Noch nicht einmal mit einem Beta. Und dabei hatte er es durchaus gewollt. Er hatte sich gefragt, wie sich die Hand einer anderen Person auf seiner Hand wohl anfühlen würde, in was sich ein Kuss entwickeln könnte, wenn er es zulassen würde, und ob sich das Gewicht eines Körpers auf seinem eigenen so gut anfühlen würde, wie jeder behauptete.

Puccio hatte sich bloß Villiers anvertraut.

Aber Villiers musste es an jemand anderen weitergetratscht haben.

Einen Monat, nachdem Carry seine Jungfräulichkeit verloren hatte, hatte Carry den Anruf wegen dem Transfer erhalten. Sein Agent hatte sich vage ausgedrückt, aber die Nachricht war klar: Sein Team wollte kein Risiko mit einem Omega eingehen, der es in Kauf nahm, sich in der Öffentlichkeit zu blamieren und damit den guten Ruf des Teams zu zerstören.

Die Titanen hatten ihm noch einen letzten Gefallen getan, und der lag darin, dass sie seinen Ausrutscher nicht an die große Glocke gehängt hatten.

Zumindest ging er stark davon aus, sonst hätten sich die Flammen der Hölle wohl nie auf den Transfer eingelassen und ihn schon gar nicht zusammen mit einem unverpaarten Alpha aufs Eis gestellt.

Kapitel 4: Keenan

Er war zwar total erschöpft, aber nahm das Telefon trotzdem ab, als er den Klingelton seiner Mutter erkannte.

„Hi, mein Schatz, kommst du heute Abend?“, fragte sie. Sie war nicht gerade ein Fan von Small Talk.

Ihm wurde heiß und kalt. Heute Abend …

„Oh nein, das habe ich komplett vergessen“, gab er kleinlaut zu. Schuldgefühle machten sich in ihm breit, als ihn sein Gehirn freundlicherweise an den Anlass der Einladung erinnerte – jedoch leider drei Tage zu spät, als dass er jetzt noch etwas daran ändern konnte. „Ich bin in Frankreich“, fügte er hinzu. Die Ironie der Situation war ihm durchaus bewusst. Tzeera lebte in Toulouse und hatte geplant, die Woche mit ihm und seinen Eltern in London zu verbringen, damit sie alle gemeinsam deren Hochzeitstag feiern konnten. „Das tut mir echt leid! Ich habe in einer Stunde ein Spiel … Ich … Ich kann mir nicht erklären, warum ich nicht gemerkt habe, dass –“

Seine Mutter fiel ihm beschwichtigend ins Wort. „Ist schon gut. Wir wissen, wie wichtig deine Arbeit für dich ist. Tzeera wird … Na ja, sie wird’s schon verstehen.“

Keenan bezweifelte, dass seine Schwester, die arbeitswütige Besserwisserin, jemals seine Entschuldigung dafür akzeptieren würde, dass er das zu diesem besonderen Anlass geplante Abendessen verbummelt hatte. „Ja, ich weiß, aber ich hätte sie gerne gesehen. Und euch natürlich auch!“

„Nächstes Mal müssen wir eben besser planen, mein Schatz“, sagte sie mit gütiger Stimme zu ihm, so als wäre sie diejenige gewesen, die in letzter Sekunde das Datum geändert hatte. „Ist doch nicht so schlimm; wir werden mit deiner Schwester nett zu Abend essen und dann ein schönes Wochenende miteinander verbringen. Nur dein Vater und ich, schließlich ist es unser Hochzeitstag“, fügte sie neckend hinzu. „Du kannst ja bei uns vorbeikommen, wenn du wieder in England bist. Bring uns zur Wiedergutmachung ein paar Brioches mit.“

Keenan lachte schnaufend. „Das müssen aber ganz schön viele Brioches sein …“

Wahrscheinlich hatte sie recht, auch wenn sie normalerweise zu viert ihren Hochzeitstag mit einem gemeinsamen Abendessen feierten. Seine Eltern führten die Art von verpaarter Ehe, die andere Leute die Frage stellen ließ, ob es sich bei ihnen um ein einzig wahrhaftiges Paar handelte. Es war keinesfalls ein weit hergeholter Gedanke, wenn man beobachtete, wie sein Vater manchmal aufblickte, weil er die Gegenwart seiner Mutter spürte, auch wenn sie sich in einem anderen Zimmer des Hauses befand. Oder wie sie oftmals mitten in einer Unterhaltung zu lächeln anfing, weil sie spüren konnte, dass seinem sich nicht in Sichtweite befindlichem Vater irgendwo etwas Erfreuliches widerfahren war.

Anstatt eines Halsbandes trug sein Vater eine Kette mit Anhänger als Symbol ihres Bündnisses. Der Anhänger bestand aus einem Glaszylinder, in dem, sicher vor dem Zahn der Zeit, eine schwarze Locke des Haars seiner Mutter eingeschlossen war. Seine Mutter machte sich nicht die Mühe, die inzwischen grauen Strähnen in ihrem vollen, lockigen Haar zu verstecken, aber das war auch gar nicht nötig. Sie zog alle Augen auf sich, wenn sie einen Raum betrat.

Verpaarte Ehepaare lebten oft in ihrer ganz eigenen Welt, was noch stärker zur Geltung kam, wenn sie sich im selben Zimmer befanden. Aber bei seinen Eltern war dies sogar noch eine Stufe extremer, was Keenan einerseits herzallerliebst fand, wodurch sich in ihm andererseits aber auch die Eifersucht regte. Er hatte kein Problem damit, dies zuzugeben. Zwar wusste er mit allerhöchster Sicherheit, dass sie ihn liebten, aber er stand nicht im Mittelpunkt ihrer Welt. Das wollte er auch gar nicht, nicht wirklich, sondern er wollte ebenfalls – Er wollte das, was er nicht haben konnte.

Er rieb sich die Schläfen, während er sich gegen das Waschbecken des Hotelbadezimmers lehnte. Seine Mutter hatte ihn dabei unterbrochen, wie er sich gerade nach dem Nickerchen vor ihrem Spiel das Gesicht gewaschen hatte. Er entschuldigte sich ein letztes Mal. „Es tut mir echt leid, Mama. Aber ich muss jetzt auflegen, ich habe nur noch ein paar Minuten …“ Er blickte sich suchend nach einer Uhr um, bis ihm einfiel, dass die Franzosen dies im Badezimmer als ein Zeichen des schlechten Geschmacks empfanden.

„Geh schon!“, lautete ihre Antwort. „Ich hab dich lieb, mein Schatz.“

Sie legte auf, ohne seine Antwort abzuwarten, in ihrer typischen Art, es kurz und schmerzlos zu machen, damit er sich nicht länger quälen musste. Keenan wusste, dass es nicht nötig war, seinem Vater eine Entschuldigung zukommen zu lassen, aber er nahm sich ein paar Minuten, um ihm per SMS zum Hochzeitstag zu gratulieren. Auch wenn er die Zeit wahrscheinlich eher dazu gebraucht hätte, um seine Schlittschuhe zu schnüren, schrieb er danach auch noch seiner Schwester und versprach ihr, sie bei ihrem nächsten Besuch in London zum Essen einzuladen.

***

„Stimmt was nicht zwischen dir und Johnson?“, verlangte Sven zu wissen, als sie sich zu zweit auf dem Weg in die Umkleidekabine befanden. Sie waren nach dem Spiel von der Presse aufgehalten worden. Nun waren die anderen vermutlich sogar schon mit der Dusche fertig.

Dies musste Sven bereits seit einer ganzen Weile unter den Nägeln gebrannt haben, denn heute hatte es keinerlei Zwischenfälle mit ihm und Johnson auf dem Eis gegeben. Ganz im Gegenteil, sie hatten soeben mit den Flackernden Glühwürmchen den Boden gewischt.

Keenan zuckte die Achseln. Er wusste, dass er beim Training Mist gebaut hatte, als er die Gelegenheit verpasst hatte, Johnson zu sagen, wie gut er gespielt hatte. Als der ältere, erfahrenere Spieler hätte er derjenige sein müssen, um seine Anerkennung zu zeigen, was er nicht leugnen konnte. Aber Johnson hatte ihm klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass er von Keenan außerhalb der Eisbahn nichts wissen wollte. Auch wenn es in einer solchen Situation keine offiziellen Regeln gab, so bevorzugte Keenan es, die Wünsche anderer Leute zu respektieren.

„Ich habe keine Ahnung, wir haben noch kein einziges Wort miteinander gewechselt“, erklärte er dem Kapitän der Mannschaft.

„Was? Ganz echt jetzt?“ Svens Englisch hörte sich merkwürdig jung an, wenn er genervt war. Er hatte scheinbar nicht gelernt, wie Erwachsene sich in dieser Sprache stritten. Das war nicht ungewöhnlich, denn sein Gefährte stammte ebenfalls aus Schweden und sie machten sowieso nicht den Eindruck, dass sie sich oft stritten. „Er scheint schon relativ schüchtern zu sein, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es an der Alpha-Sache liegt … Mit mir scheint er nämlich kein Problem zu haben.“

Keenan verzog das Gesicht. Wenn es nicht daran lag, dass er Alphas nicht mochte, dann musste es an Keenan persönlich liegen, dass Johnson ihn nicht ausstehen konnte. „Es ist bloß … Er will scheinbar einfach nichts mit mir zu tun haben.“

„Du hast also versucht, mit ihm zu sprechen, und er hat sich geweigert, dir zu antworten?“, fragte Sven mit offensichtlicher Skepsis.

„Tja, also, nein, nicht wirklich … Er hat mir einfach den Eindruck vermittelt, als dass er gar nicht mit mir reden möchte. Du weißt doch, wie das läuft. Ich wollte nicht …“ Er wedelte mit der Hand in der Luft herum, weil es keine Antwort gab, die zum Ausdruck bringen konnte, wie schwierig es war, die Wünsche eines Omegas zu respektieren, ohne die Regeln zu brechen.

In der Schule hatte man ihnen bloß beigebracht, in dieser Angelegenheit Rücksicht auf die Gefühle der Omegas zu nehmen. Wenn man von einem Omega gemieden wurde, war es am besten, denjenigen in Ruhe zu lassen.

Sven gab ein Seufzen von sich, dass sich so anhörte, als sei er zwanzig Jahre älter als er, und nicht bloß acht. „Keenan, das A auf deiner Armbinde hast du nicht erhalten, weil du so viele Tore erzielst. Du bist zum Assistenzkapitän ernannt worden, weil du ein guter Kerl bist. Kannst du dich dem Typen, auf den du stehst, gegenüber vielleicht auch so verhalten?“

„Was?“, fragte Keenan. Seine Stimme klang viel zu laut und viel zu schrill und er presste die Zähne zusammen, sodass die letzten Buchstaben fast wie ein Fauchen klangen. „Bloß weil er ein Omega ist, nimmst du gleich an, dass ich auf ihn fliege? Ich bin monosexuell.“

Da es sich bei Sven ebenfalls um einen Alpha handelte, war es dumm, so etwas zu sagen. Alphas fühlten sich nicht automatisch zu allen Omegas hingezogen und Sven – seit acht Jahren fest verpaart – wusste dies allzu genau. Aber in Keenans Fall bestand durchaus eine Wahrscheinlichkeit, dass er und Johnson kompatibel waren, und genau wie alle anderen nahm Sven ihn nicht für voll, wenn er ihm versuchte weiszumachen, dass er sich nur zu Frauen hingezogen fühlte.

„Umso besser“, sagte Sven und klatschte in die Hände. „Dann hast du ja erst recht keinen Grund, ihn anders zu behandeln.“

„Nein“, räumte Keenan ein.

Es kostete ihn einiges an Überwindung, sich vor einem anderen Alpha so etwas einzugestehen, aber er vertraute Sven und er konnte nicht abstreiten, dass er Johnson anders behandelt hatte als seine anderen Mannschaftskameraden. Vielleicht war es nicht die beste Strategie gewesen einfach anzunehmen, dass sein Omega-Teamkollege sich sicherer fühlen würde, wenn er ihn in Ruhe ließ. Er hätte seine Vorgehensweise zumindest überdenken sollen, als ihm klar geworden war, dass Johnson ihm gegenüber kein bisschen aufgetaut war, selbst nachdem er einen permanenten Platz in Keenans Sturmreihe gefunden hatte.

Sein Alpha-Status hielt ihn nicht davon ab, zuzugeben, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er war ein professioneller Hockeyspieler. Er wusste, dass es harter Arbeit bedurfte, wenn man sich verbessern wollte, aber er hatte kein Problem damit, die Mühe und Zeit dafür zu investieren.

„Das freut mich zu hören“, antwortete Sven mit einem verschmitzten Grinsen. „Dann hüpf mal lieber schnell unter die Dusche, sonst macht er sich nämlich wieder aus dem Staub und wir müssen schon wieder alleine feiern.“

***

„Johnson“, rief er.

Die Umkleidekabine war mit Spielern gefüllt, aber Johnson war immer der Erste, um zu gehen, also durfte Keenan nicht zu lange warten. Die anderen warfen neugierige Blicke in seine Richtung, aber er konnte es ihnen nicht verübeln. Schließlich hatte er soeben durch den halben Raum geschrien.

Er fühlte sich nicht wohl dabei, sich Johnson zu nähern, sofern dieser ihm nicht zuerst signalisierte, dass er damit einverstanden war. Alphas durften Omegas nicht einfach uneingeladen berühren. Sie durften noch nicht einmal so aussehen, als ob sie es gerne getan hätten. Aber näher an ihn heranwagen hätte er sich schon können, ohne die Regeln zu brechen. Wenn er sich wegen Johnsons Geruchssignalen nicht so unsicher gefühlt hätte, dann hätte er das vielleicht sogar getan. Und wenn er selbst nicht diese Gefühle gehabt hätte … Emotionen, die für einen Teamkollegen viel zu stark waren.

Johnson hob den Blick. Seine Augen waren so klar wie Glas und auch genauso schneidend, und durch seine dunklen Wimpern sahen sie sogar noch heller aus. Er schien nicht das Bedürfnis zu haben, den Blick zu senken und sich von seiner unterwürfigen Seite zu zeigen, wie es für Omegas oftmals typisch war.

„Tolle Leistung“, sagte Keenan unbeholfen, dann schluckte er hart. Johnson starrte in seine Richtung, bis die Tür sich hinter jemandem schloss und das Geräusch ihn aus seiner Trance erwachen ließen.

„Ebenso“, war alles, was er entgegnete, wobei er so kurz angebunden war, dass Keenan seinen Tonfall nicht einmal hätte beschreiben können. Und dann ließ Thomas sich neben ihm auf die Bank fallen, als ob es überhaupt keine große Sache wäre. Johnson wandte sich an den rechten Flügelstürmer, dessen plötzliches Auftauchen ihn offensichtlich erschreckt hatte. Keenan ging es nicht anders, auch wenn das dritte Mitglied ihrer Sturmreihe nur halb angezogen war und sich mit Sicherheit nicht absichtlich an sie herangeschlichen hatte. „Meint ihr das etwa ernst? Tolle Leistung? Ebenso? Das war verdammt noch mal einfach unglaublich!“

Er schüttelte den Kopf, dann schlug er Johnson mit seiner mächtigen Pranke auf die Schulter und schüttelte ihn kräftig durch. Johnson, zweifellos ein großartiger Hockeyspieler, wog jedoch mit Sicherheit höchstens halb so viel wie Thomas, also wirkte er wie eine Puppe in den Händen eines aufgeregten Kindes. Zumindest bis er sich zu ihm umdrehte und ihn energisch zurückschubste.

„Lass das, ich will nicht noch mehr Zähne verlieren“, sagte er etwas schroff, aber nicht gemein. Der Schlag hatte vermutlich aufgrund der Schutzausrüstung, die er noch immer trug, nicht allzu wehgetan.

„Oh, willst du mir etwa sagen, dass jemand solch einen hübschen Burschen wie dich ins Gesicht geschlagen hat?“, neckte ihn Thomas.

Johnson wandte ihm das Gesicht zu und öffnete seinen Mund. Er zeigte auf die rechte Seite, bevor er ihn wieder schloss, um zu erklären: „Die Hälfte dieser Reihe besteht aus Porzellan.“

„Du musst sie also immer noch putzen“, hörte Keenan sich selbst sagen und Johnson sah ihn mit solch einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an, dass Keenan keine Ahnung hatte, ob das der Grund war, warum Thomas lauthals loslachte, oder ob es an Keenans dummer Bemerkung lag.

„Was zur Hölle?“, fragte Johnson. „Natürlich musst du falsche Zähne putzen, ist ja nicht so, als ob du plötzlich nicht mehr isst!“

Keenan zuckte mit den Schultern und entgegnete nichts weiter, um zu vermeiden, noch dümmer dazustehen.

„Jetzt hoffe ich erst recht, dass du keine Unechten hast“, fügte Johnson hinzu, noch immer mit einem zutiefst geschockten Ausdruck auf dem Gesicht. Das brachte Keenan zum Schmunzeln.

„Doch, das hat er!“, mischte Siuf sich von hinten ein.

„Nur ein Backenzahn“, winkte Keenan ab.

„Stimmt“, sagte Thomas, wobei er seine Polsterung zu Boden fallen ließ. „Aber putzt du ihn?“

Keenan rollte mit den Augen und trat zurück, wobei er sich das Trikot über den Kopf zog. „Er befindet sich mitten in meinem Mund. Was denkst denn du?“ Es war ein Fehler gewesen, sich vor aller Augen seines Unterhemdes und der Polsterung zu entledigen, denn plötzlich fingen seine Teamkollegen anerkennend an zu pfeifen.

„Du bist ja total blau, Alter“, kommentierte Morgan, der auf der Bank auf der anderen Seite des Raumes neben Johnson saß. Keenan hatte zwar keine andere Wahl, als sich im selben Zimmer umzuziehen wie der Omega, aber er versuchte, es für sie beide möglichst wenig unangenehm zu machen, indem er es mit so viel Abstand wie möglich tat. Aber trotz der Tatsache, dass sie sich auf unterschiedlichen Seiten des Raumes befanden, konnte er Johnsons alarmierte Reaktion wahrnehmen, als in seinem sonst so süßlichen, natürlichen Karamell-Geruch eine leichte saure Note mitschwang. Und dadurch wusste Keenan, dass er hinschaute. Er wedelte mit der Hand in der Luft herum und winkte damit die Kommentare und die unausgesprochene Sorge ab, als wolle er sie wegwischen. „Ich kriege eben leicht blaue Flecken. Zu viel weißes Blut“, erklärte er.

Er vermutete zumindest, dass dies der Wahrheit entsprach, denn eigentlich wusste er offiziell nicht, woher sein Großvater mütterlicherseits stammte. Seine biologische Großmutter hatte seine Mutter im Alter von zwei Jahren zur Adoption freigegeben und ihr Name war der einzige, der auf der Geburtsurkunde stand. Doch es war unschwer zu erkennen, dass seine Familie ein Import aus Südindien war, und das sah man ihm ebenfalls ganz deutlich an.

In seinem Fall lag die mangelnde Sonne wahrscheinlich eher daran, dass er sich bei Unfällen zu viele Hockey-Verletzungen zuzog. Er hatte die Sommerpause letztes Jahr mit einem gebrochenen Arm begonnen, sodass er sich nicht die Mühe gemacht hatte, einen sonnigen Urlaubsort zu wählen. Bereits als Kind hatte er nämlich gelernt, dass Sand im Gips nicht sehr witzig war, und das hatte er danach auch nie wieder vergessen. Aber die fehlenden UV-Strahlen standen jemandem mit seinem Hautton einfach nicht sehr gut. Doch dunkler als Thomas war er allemal noch. Der groß gewachsene Stürmer, mit seinem weißblonden Haar und den fast durchsichtigen Augenlidern, lachte schallend über Keenans Behauptung. „Dann rede dir das mal schön weiter ein …“, sagte Thomas, noch immer glucksend.

„Oh, du solltest ihn wegen seiner empfindlichen Haut nicht so ärgern“, sagte Johnson als nächstes, und Avali nahm an, dass er es ernst meinte, bis er zu ihm hinübersah und seine zu einem schelmischen Lächeln verzogenen roten Lippen bemerkte. Hatte er sich aus Versehen draufgebissen? „Sonst kriegt sein Ego noch einen blauen Fleck.“

Johnson beteiligte sich sonst nie an den Scherzen in der Umkleidekabine, aber der Rest des Teams brach nach einer schockierten Pause in tobendes Gelächter aus. 

Johnsons Lächeln wurde breiter und sein Duft süßer, und Keenan musste sein Gesicht abwenden, damit sein eigener Geruch nicht verriet, was in ihm vorging.

Kapitel 5: Cartwright

Das gemeinsame Lachen fühlte sich fast wie ein Rausch an. Thomas hob seine Augenbrauen und fragte ihn herausfordernd: „Und, machst du dich heute wieder aus dem Staub?“ Carry blinzelte großäugig und möglichst unschuldig, bevor er mit vor Entrüstung triefender Stimme entgegnete: „Wer, ich?“