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Das zwischen ihnen darf nicht sein. Doch warum fühlt es sich dann so richtig an?
Wenn sich Anwalt Derek Rosewood eins geschworen hat, dann nie wieder eine Beziehung einzugehen. Seit der Trennung von seiner Jugendliebe gibt es nur noch drei Dinge in seinem Leben, die für ihn zählen: seine kleine Tochter, seine Karriere und seine Freiheit. Drama erlebt er allenfalls im Gerichtssaal und Frauen, die mehr als eine Nacht von ihm erwarten, hält er gekonnt auf Abstand. Es ist besser so - vor allem für sein Herz. Bis seine neue Klientin Serena Randall vom ersten Augenblick an all seine Regeln über Bord wirft, als hätte es sie nie gegeben ...
"Sexy und bittersüß! Ich liebe dieses Buch." BAMBI UNBRIDLED
Band 2 der WALL-STREET-JOURNAL-Bestseller-Reihe von Winter Renshaw
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2021
Titel
Zu diesem Buch
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
Epilog
Die Autorin
Die Romane von Winter Renshaw bei LYX
Leseprobe
Impressum
Winter Renshaw
Rixton Falls
RULES
Roman
Ins Deutsche übertragen von Silvia Gleißner
Wenn sich Anwalt Derek Rosewood eins geschworen hat, dann nie wieder eine Beziehung einzugehen. Seit der hässlichen Scheidung von seiner Jugendliebe gibt es nur noch drei Dinge in seinem Leben, die für ihn zählen: die Wochenenden mit seiner kleinen Tochter Haven, seine Karriere und seine Freiheit. Drama erlebt er allenfalls im Gerichtssaal, und Frauen, die mehr als eine Nacht von ihm erwarten, hält er gekonnt auf Abstand. So ist es am besten – vor allem für sein Herz. Doch als Derek als Finanzverwalter in einem heiklen Vermögensfall eingesetzt wird, merkt er bald, wie schnell die feine Grenze zwischen Job und Privatleben verwischen kann. Denn Serena Randall, die junge Erbin, deren Vermögen er verwalten soll, wirft vom ersten Augenblick an all seine Regeln über Bord, als hätte es sie nie gegeben. Je näher er Serena kennenlernt, desto mehr beschleicht ihn der Verdacht, dass sie keinen Vormund braucht und sehr wohl in der Lage ist selbst für sich zu entscheiden. Entgegen aller Vernunft will er das Komplott ihrer Familie aufdecken und Serena zu ihrem Recht verhelfen, auch wenn er damit alles aufs Spiel setzt, was er sich aufgebaut hat …
Ich, Derek Rosewood, werde niemals heiraten.
Nie. Wieder.
Gerade raus aus einer bitteren Scheidung, gibt es nur drei Dinge, die mir noch wichtig sind: meine Tochter, meine Karriere und mein Junggesellendasein.
Als Anwalt von Beruf und glücklich verheiratet mit meinem Job hebe ich mir das Drama für den Gerichtssaal auf und halte mir Frauen vom Leib. Ist sicherer für ihre zerbrechlichen, paillettenbesetzten Herzchen. Und außerdem bin ich in keinerlei Verfassung, ihnen die Liebe und Aufmerksamkeit zu bieten, die sie so töricht bei mir suchen.
Glaubt mir, ich bin nicht das, was sie brauchen. Nicht nach allem, was ich hinter mir habe.
Erst als ich als Finanzverwalter für das Vermögen einer unnahbaren, mysteriösen Erbin eingesetzt werde, muss ich erkennen, dass meine professionellen – und persönlichen – Grenzen beiseitegeschoben werden. Wir sind beide die Falschen füreinander. Emotional unerreichbar. Verbittert. Erschöpft. Und ich soll ihre Interessen vertreten. Sie schützen.
Aber das hätte nie passieren sollen. Und aus diesem Grund verweigere ich die Aussage.
Derek
»Sie empfängt heute keine Besucher.« Die Frau mit den dünnen roten Lippen und dem rabenschwarzen Dutt streicht ihr Kleid glatt und drückt den Rücken durch. »Sie werden zu einem anderen Zeitpunkt wiederkommen müssen.«
Sie will die Tür wieder schließen, bevor ich protestieren kann, aber ich stelle die polierte Spitze meines schwarzen Oxfordschuhs in den Spalt.
»Ich bin ihr vom Gericht bestellter Vermögensverwalter.« Ich hole eine Visitenkarte aus der inneren Brusttasche, weiß mit dem Logo von Rosewood & Rosewood oben drauf. »Derek Rosewood, Anwalt. Sie erwartet mich.«
Die Frau verzieht die Lippen und nimmt vorsichtig die Karte entgegen. Ihr scharfer Blick huscht zwischen dem aufgeprägten Logo und meinem Gesicht hin und her.
»Sie ist indisponiert.« Die Frau gibt mir die Karte zurück, als wäre ich irgendein Staubsaugervertreter. »Bitte melden Sie sich telefonisch an, bevor Sie das nächste Mal vorbeikommen.«
»Meine Sekretärin hat angerufen. Gestern. Sie hat mit einem Hauswirtschafter namens Thomas Gambrel gesprochen.« Ich blicke zu der Monstrosität von Gutshaus auf. Der Vordereingang wirkt wie ein großes Maul, das mich komplett zu verschlucken droht. »Man hat mir gesagt, ich solle um zwei Uhr hier sein.«
Ich hebe das Handgelenk und ziehe meinen Anzugärmel etwas zurück, um ihr meine Uhr zu zeigen.
»Drei Minuten zu früh«, sage ich. »Aber ich bin mehr als willens zu warten, falls Ms Randall mehr Zeit benötigt, um sich vorzeigbar zu machen.«
Ich behalte eine neutrale Miene und eine selbstsichere Haltung bei sowie meine Meinung für mich. Niemand weiß, wie lange dieses Mandat dauern wird, aber wenn ich regelmäßigen Kontakt zu Serena Randall pflegen soll, ist es unerlässlich, dass ich mich gut mit ihrem Personal stelle. Das Letzte, was Rosewood & Rosewood LLP gebrauchen kann, sind alberne Gerüchte, die unseren guten Namen beschmutzen. Zu viele Anwälte haben ihre Karriere schon im Winde verwehen sehen, weil sie in schwierigen Momenten ihr Ego nicht im Griff hatten.
Ich suche mir meine Schlachten selbst aus. Schon immer. Und werde es auch immer so halten.
»Verzeihen Sie, ich glaube, Ihren Namen kenne ich noch nicht.« Ich lasse ein wenig Leichtigkeit in meinen Tonfall einfließen, in der Hoffnung, ihre törichte Abwehrhaltung zu überwinden. Ich bin ja nur hier, um Ms Randall und ihr Vermögen zu schützen.
Die Frau zögert, holt kurz Luft und stößt dann den ganzen angehaltenen Atem aus. »Eudora Darcy.«
Sie tritt einen Schritt zurück und hebt das Kinn.
»Also gut. Kommen Sie herein und warten Sie im Salon. Ich werde sehen, was ich tun kann.« Eudora schwingt die schwere Tür weit auf und bedeutet mir einzutreten. Sie versucht nicht, ihr Missfallen zu verbergen, aber davon lasse ich mich nicht stören. Außerdem braucht es mehr als eine selbstgefällige Miene in einem sauren, faltigen Gesicht, um mir die Laune zu verderben.
Ich lege meinen Hut ab und warte, bis meine Augen sich an die trübe Beleuchtung gewöhnt haben. Draußen ist ein Apriltag wie für ein Postkartenmotiv. Eichen knospen, Rotkehlchen zwitschern, Tulpen blühen. Wie ein gottverdammter Disneyfilm.
Aber hier drin kann ich kaum weiter als meine ausgestreckte Hand sehen.
Staub und feuchte Kälte füllen meine Lungen, kitzeln mich in der Nase, und ich unterdrücke ein Husten. Soweit ich erfahren konnte, ist dieses Familienanwesen Jahrhunderte alt, und Serenas Eltern fordern, dass sie für die Dauer der finanziellen Sachwaltung hier ihren Wohnsitz hat.
»Warten Sie bitte dort drin.« Eudora zeigt auf ein Zimmer mit schattenhaften Umrissen von Möbeln, bevor sie ein paar Schritte geht und eine kleine Lampe einschaltet. »Ich werde mein Bestes tun, um Ms Randall in Kürze zu Ihnen zu schicken.«
Mit gefalteten Händen entschwebt sie, und ihre Schuhe tappen fast lautlos über den Marmorboden.
Also warte ich.
Eine Minute vergeht, noch eine, und dann noch zehn. Ich hole mein Handy heraus und blicke blinzelnd auf den hellen Bildschirm in dem finsteren Zimmer. Nur ein einziger armseliger Netzbalken. Ich versuche es und schicke meiner Sekretärin in der Kanzlei eine Nachricht zu einem Stapel Akten, den ich heute Morgen auf meinem Tisch liegen gelassen habe. Zweimal klappt es nicht, aber beim dritten Versuch geht die Nachricht raus.
Mein Handy pingt, und eingehende Nachrichten füllen augenblicklich den Bildschirm. Innerhalb von Sekunden schwebt mein Daumen über zwei Selfies ohne Kopf von irgendeiner Frau, die ich vor einer Woche aufgerissen hatte. Wieso denken Frauen immer, dass ein Selfie ohne Kopf alles in Ordnung bringt? Ich habe sie aus gutem Grund nicht angerufen. Und der Grund ist, dass mir unser kleines Rendezvous nichts bedeutet hat. Wir hatten Spaß, aber jetzt liegt das hinter mir. Ich hätte schwören können, dass ich mich absolut deutlich ausgedrückt habe, als sie in jener Nacht zum dritten Mal an meinem Schwanz gelutscht hat. Wiederholungen gibt es bei mir nicht. Beziehungen auch nicht. Und das ganze Ding von wegen Freunde sein auch nicht.
Verdammt, hab doch ein wenig Selbstachtung, Amanda.
Ich lösche ihre Fotos und sehe auf dem Beistelltisch eine Ausgabe von Great Expectations von Charles Dickens liegen. Dem Buchdeckel nach zu urteilen möchte ich wetten, dass es eine Erstausgabe ist. Das Ding ist wahrscheinlich einhundertfünfzig Jahre alt, und die Randalls haben es hier auf einem Beistelltisch liegen wie ein x-beliebiges Buch, das sie bei Barnes and Noble bestellt haben.
Belcourt Manor liegt mitten im Nirgendwo, irgendwo zwischen Rixton Falls und Manhattan und eindeutig abseits ausgetretener Pfade. Umgeben von üppigem, grünem Dickicht und Hainen aus majestätischen Eichen liegen seine wilden Tage auf jeden Fall in der Vergangenheit.
Obwohl es aussieht wie ein Ort, an dem Jay Gatsby eine geradezu lachhaft unglaubliche Party geschmissen hätte, kann ich mir nicht vorstellen, dass dies ein Ort ist, an dem eine zwanzigirgendwasjährige Erbin ihre Tage verbringen möchte. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen.
»Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen, Mr Rosewood?«, fragt Eudora, als sie zurückkommt. »Ms Randall hat ihre Meinung geändert. Sie wird in Kürze hier sein.«
»Was trinkt denn die Dame des Hauses?« Ich stecke mein Handy in die Tasche und räuspere mich.
Eudoras Lippen verziehen sich kurz zu einem Lächeln, bevor ihre Miene wieder leer wird. »Ich schätze, das hängt von der Tageszeit ab. Zu dieser Stunde nimmt sie ihren Tee ein. Möchten Sie Ihren heiß oder mit Eis?«
»Mit Eis. Vielen Dank.«
Sie verschwindet wieder, und ich blicke mich prüfend im Salon um. Das schwache Licht der Lampe genügt, um die dicken Wandbehänge zu betonen, die das zweistöckige Fenster hinter dem Sofa verdecken, sowie einen vergoldeten Spiegel an der Wand hinter mir. Ich streiche mit der Hand über das Sofa unter meinen Beinen. Knautschsamt. Weich wie Pelz.
Der Versuch, in all der Dunkelheit etwas zu erkennen, langweilt mich nicht nur langsam, es nervt mich, also stehe ich auf, gehe zum Fenster und ziehe den Wandbehang zur Seite. Licht und Staubflecken fluten das Zimmer, und mir brennen kurz die Augen. Ich blinzele, schirme die Augen mit der Hand ab und drehe mich wieder zur Tür.
Und das Erste, was ich dann sehe, ist ihr Haar.
Goldrot. Üppig.
»Dieser Wandbehang ist ein Auclair. Sechzehntes Jahrhundert. Er heißt Die Jagd des Pegasus. Aber bitte, fassen Sie ihn unbedingt überall an.« Ihre Stimme schneidet durch die dicke Luft.
Und dann sehe ich ihre Augen.
Blauestes Blau. Von innen leuchtend.
»Serena.« Ich gehe auf sie zu, die Hand ausgestreckt, und ringe bei ihrem Anblick um Atem. »Derek Rosewood. Ihr Verwalter. Sehr erfreut, Sie kennenzulernen.«
»Mein Finanz-Verwalter«, korrigiert sie mich. Wir geben uns die Hände, und ihre sind zart und nicht an harte Arbeit gewöhnt. »Ich brauche keinen Aufpasser. Tatsächlich brauche ich auch keinen finanziellen Aufpasser, aber offenbar trifft man ein paar schlechte Entscheidungen, und das Nächste, was man weiß, ist, dass der Vater einem den Geldhahn zudreht und einen zu einem Leben in diesem Verlies verurteilt und die Stiefmutter per Kurzwahl ihren Anwalt kontaktiert.«
»Wollen wir?« Ich zeige auf das Sofa und lasse sie zuerst Platz nehmen.
Eudora kommt um die Ecke und stellt ein kleines Tablett auf den Beistelltisch vor uns. Auf einer Seite stehen eine dampfende Teekanne aus Porzellan und ein Aufgussbeutel mit Tee, und auf der anderen Seite ein Glas Tee mit Eis in einer Kelchhalterung aus Kristall.
»Zucker?« Serena begegnet meinem Blick.
»Ja bitte.«
Sie nimmt mit einem winzigen Löffel ein Zuckerstück auf, gibt es in mein Glas und rührt kurz um. Als sie fertig ist, klopft sie mit dem Löffel dreimal an den Rand des Glases und legt ihn zur Seite, bevor sie mir das Glas reicht.
Ich sehe zu, wie sie sich ihr Getränk mit langsamen und bedächtigen Handgriffen bereitet, als hätte sie alle Zeit der Welt.
Und ich nehme an, genau die hat sie.
»Hm.« Sie hebt die Teetasse an den Mund, nippt vorsichtig, und mir wird klar, dass ich noch gar nicht getrunken habe. »Dieses Sofa gehörte einst Wallis Simpson, der Herzogin von Windsor. Sie war eine Familienfreundin meiner Urgroßeltern. Wissen Sie, König Edward hat für sie seinen Thron aufgegeben. Was irrsinnig ist. Und romantisch.«
»Ich denke, davon habe ich einmal gehört. Ja«, lüge ich. Ich habe keine Ahnung von der Geschichte des britischen Königshauses, aber ich kann auch den Besten noch Blödsinn erzählen.
»Die Königinmutter hasste Wallis. Drama kennt keinen sozialen Status.«
»Oder manche Menschen fühlen sich davon angezogen. Wie Motten vom Licht. Sie können nicht anders.«
Serena verdreht die Augen.
»Wissen Sie eigentlich, warum ich Ihnen das alles erzähle, Derek?«, fragt sie, mit wachsamem Blick und hochgezogenen Brauen.
Ihre rosa Lippen sind zu einem halben Lächeln verzogen, und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie mir zwei Schritte voraus ist und mich auf die Probe stellt, mir regelrecht auf den Zahn fühlt. Ich kann mir nicht vorstellen, mit dieser Art von Reichtum und Privilegien aufzuwachsen, aber ich kann mir vorstellen, was das mit einem Menschen machen kann.
Nichtsdestotrotz kann ich diese junge Frau nicht durchschauen, und wenn es um mein Leben ginge. Sie webt ein Netz aus Faszination, und ich bin vollkommen darin gefangen. Meistens kann ich andere in weniger als zwei Minuten durchschauen. Ein paar Worte, ein wenig Beobachtung der Körpersprache, und man kann Absichten oder einen Modus Operandi entdecken.
Aber Serena ist nicht so einfach.
»Ich habe keine Ahnung, Serena.« Ich ahme sie in Tonfall und Haltung nach. Sie ist ganz besonders wachsam, und ich muss sie besänftigen, wenn ich kann.
»Weil ich mich langweile.« Sie steht auf, atmet aus und streicht die Vorderseite ihres seidigen, lavendelfarbenen Bademantels glatt, der ihren schlanken Körper umhüllt. »Wenn man in sozialer Isolation in einem verdammten Museum lebt, wird man zu einer Quelle unnützen Wissens.«
Und offenbar überaus verbittert.
»Und Sie helfen dabei überhaupt nicht.« Ihre blauen Augen richten sich auf mich.
»Ich?« Ich versuche, nicht zu lachen. Stattdessen mahne ich mich, dass sie nicht ganz richtig im Kopf ist. Wäre sie es, wäre ich nicht hier.
»Allein wie Sie mich anstarren.« Sie rümpft die perfekte Nase und gibt ein kaum zu vernehmendes Seufzen von sich, bevor sie wieder an ihrem Tee nippt. »Starren ist unhöflich, Derek Rosewood.«
»Ich starre nicht.«
»Doch, tun sie. Sie hätten sehen sollen, wie Ihnen der Mund offen stehen blieb, als sie mich hier vor einer Minute stehen sahen.«
Sie ist eine schöne Frau. Ungemein attraktiv. Blendend. Sie anzusehen ist, wie in die Sonne zu starren. Wenn ich zu lange hineinblicke, werde ich nichts anderes mehr sehen können. Sie ist exquisit, von Kopf bis Fuß. Das muss ich ihr lassen. Aber diese Arroganz hängt alles ein paar Ebenen tiefer. Eitelkeit sieht an niemandem gut aus.
»Wovon reden Sie?« Ich stehe auf, gehe aber nicht zu ihr.
»Sie haben mich angestarrt, als wäre ich jemand … Verrücktes.« Serenas Blick fällt auf den dicken Teppich zu unseren Füßen.
Und da verstehe ich.
Hier geht es ganz und gar nicht um ihre Schönheit.
Sie streicht sich eine glatte, rote Strähne hinters Ohr. Doch der untere Teil der abgeteilten Partie liegt weiter schwer auf ihrer Schulter. Das helle Kupferrot hebt sich vom Lavendel ihres Bademantels ab, und die warme Nachmittagssonne lässt ihren milchweißen Teint schimmern.
»Serena.« Ich räuspere mich und mache zwei Schritte auf sie zu. »Ich denke nicht, dass Sie verrückt sind. Ich kenne Sie nicht. Noch nicht jedenfalls. Ich bin nur hier, um meinen Job zu machen. Ich bin hier, um Ihr Vermögen zu schützen und dafür zu sorgen, dass Ihre Finanzmittel angemessen zugewiesen werden, bis die Sachwaltung beendet ist. Das ist alles. Ich bin nicht hier, um über Sie zu urteilen. Ich bin nicht als Störer oder Eindringling hier. Ich möchte, dass Sie es angenehm haben. Sie sind meine Priorität.«
Ihre blauen Augen sehen in meine, und ihre Miene wird sanfter. Serenas herzförmige Lippen entspannen sich, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde.
»Verzeihen Sie mir, wenn ich … das alles Unsinn nenne.« Die Frau hat ein freches Mundwerk und keine Angst, es zu gebrauchen. Das kann ich absolut respektieren. Sie steckt die eine Hand unter den anderen Ellbogen und blickt aus dem Fenster. Sie sieht aus, als könnte sie einen Drink und eine Zigarette gebrauchen. »Sie stehen auf der Gehaltsliste meines Vaters. Und Sie arbeiten für sie.«
»Sie?«
»Meine böse Stiefmutter.« Sie verdreht erneut die hübschen blauen Augen, und in ihrer Stimme liegt unverhohlene Verärgerung. »Die unvergleichliche Veronica Kensington-Randall.«
Der Name kommt mir bekannt vor, und ich bin sicher, dass ich ihn flüchtig gelesen habe, als mein Vater mir heute früh das Mandat als Finanzverwalter in den Schoß hat fallen lassen, aber dass ich für irgendjemanden arbeiten würde, das stimmt nicht.
»Die Person kenne ich nicht«, sage ich. »Serena, ich arbeite für Sie. Für Sie und niemand anderen. Der Richter hat einen Finanzverwalter für Ihr Vermögen bestimmt. Rosewood & Rosewood wurden als unparteiische Lösung gewählt. Und hier bin ich.«
»Sie halten mich für paranoid, nicht wahr?«
»Ganz und gar nicht.« Ich lüge. Irgendwie. Ich habe keine Ahnung, was ich von dieser Frau halten soll, aber ich bin vollkommen gefangen von allem an ihr. Von ihrer Art zu sprechen. Ihren fließenden Bewegungen. Ihrem Talent für dramatisch hochgezogene Augenbrauen und der Art, wie sie ganz ungeniert voreilige Schlüsse zieht und sich weigert, sich dafür zu entschuldigen.
Sie hat meine volle Aufmerksamkeit, im Guten wie im Schlechten.
»Veronica hat die ganze Welt davon überzeugt, dass ich verrückt bin. Ich kann keinen Fuß mehr nach Manhattan setzen. Kein einziger meiner Freunde hat bisher auch nur einen Genesungswunsch geschickt. Nicht dass ich krank wäre, aber Sie wissen schon.«
»Mit solchen Freunden …«
Sie sieht mich an und lässt den Blick an mein Revers gleiten, langsam wie Honig, bevor sie ihn wieder hebt. »Sind Sie sicher, dass Sie noch nie von Veronica gehört haben?«
»Nie.«
Serena atmet leise aus, und ihre rosigen Mundwinkel gehen hoch, als wäre sie amüsiert. »Unter welchem Stein haben Sie denn gelebt?«
Sie gleitet zurück auf das Sofa, das einst einer Frau gehörte, deren Name mir gerade entfallen ist, setzt sich und umfasst die Teetasse mit beiden Händen. Ich nehme neben ihr Platz, langsam und vorsichtig.
»Meine Prioritäten beinhalten nicht, dass ich mich über das Who’s who auf dem Laufenden halte. Das Leben der Reichen und Berühmten interessiert mich nicht. Nichts für ungut.«
»Kein Problem. Und warum auch?« Sie lächelt flüchtig, und in ihrem Tonfall liegt ein unerwarteter Anflug von Mitgefühl. »Glitzer und Glamour sind lediglich eine Fassade. Unser Leben ist unglaublich banal, und wir wenden eine tragische Menge an Geld für den Versuch auf zu beweisen, dass wir etwas Besonderes wären.«
Sie lacht. Einmal.
»Halten Sie sich für etwas Besonderes, Mr Rosewood?«, fragt sie.
»Ich halte mich für nicht qualifiziert, ein solches Urteil zu fällen.« Ich streiche meine schmale, schwarze Krawatte glatt. »Ich kann Ihnen sagen, wer für mich etwas Besonderes ist, aber ich kann Ihnen nicht sagen, ob ich, ich selbst, etwas Besonderes bin. Das zu entscheiden ist nicht an mir.«
»Weiser Mann.« Sie nippt an ihrem Tee und starrt geradeaus.
Ein Gärtner mit einer großen Gartenschere schneidet den wuchernden Buchsbaum vor dem Panoramafenster des Salons in Form und widmet sich dabei besonders sorgfältig den Rändern. Wir sehen schweigend zu, bis er die Pflanze zu einem makellosen Rechteck getrimmt hat und weiterzieht.
»Ihr Zuhause ist reizend«, sage ich. »Die Anlage, die Gärten. Makellos. Sie haben großes Glück, dass Sie sich an einem so wundervollen Ort erholen können.«
»Dieses Anwesen ist eine verkappte Gefängnisfestung. Hier sollte niemand unter siebzig Jahren leben müssen.« Sie schnaubt, und ihr Tonfall mir gegenüber wird schärfer. »Kein Internet. Unregelmäßiger Handyempfang an den besten Tagen. Ich bin vollständig von der Außenwelt abgeschnitten.«
Ich räuspere mich und wende den Blick ab.
»Es tut mir leid.« Sie wendet sich mir zu. »Die Medikamente, die ich nehme, machen mich gereizt und bringen meine Gedanken durcheinander. Ich kann nicht einen Gedanken zu Ende verfolgen, bevor er mir entgleitet. Ich schwöre, meine Stimmung ist völlig chaotisch, und ich bin nicht ich selbst.«
Jetzt ist ihre Stimme sanft wie ein Kissen, und ihr Gesicht sieht erschrocken aus.
»Und dann diese Kopfschmerzen. Gott, die sind schrecklich. Deshalb halte ich das ganze Haus so dunkel.« Ihre Stimme wird zu einem entschuldigenden Flüstern.
Ich stehe sofort auf und ziehe den jahrhundertealten Wandbehang wieder zu. »Besser?«
»Danke.« Ihre dramatisch schönen Züge sind nun zu Schatten in der Dunkelheit reduziert, aber das verbirgt ihre Schönheit nur wenig. »Ich entschuldige mich dafür, dass ich so schroff zu Ihnen war, Derek. Sie sind der erste Mensch, mit dem ich seit über fünfundvierzig Tagen gesprochen habe, der seinen Gehaltsscheck nicht persönlich von Veronica unterzeichnet bekommt.«
»Ist das so?«
Sie nickt, schlägt elegant die Beine übereinander und legt die Hand aufs Knie. Ihr Blick ist fixiert auf eine vergoldete Uhr auf einem Marmorkamin. Das Ziffernblatt der Uhr schimmert weiß im dämmrigen Zimmer. Ich wage zu vermuten, dass die Minuten hier ein wenig langsamer vergehen, und das allein kann jeden normalen Menschen ein wenig verrückt machen, alles andere mal beiseitegelassen.
»Früher hatte ich ein Leben«, sagt Serena. Ihre Lippen verziehen sich zu einem lauwarmen Lächeln, als sie auf ihre reglosen Hände starrt. »Ein wundervolles, beglückendes, erfüllendes Leben. Ich hatte Freunde. Und einen Verlobten. Und eine Wohltätigkeitsorganisation. Menschen, die von mir abhängig waren. Einen Lebenszweck. Ich hatte ein gutes Leben, Derek. Und dann habe ich es verloren. Ich habe es bis zum letzten bisschen verloren, und ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Dann hieß es, ich sei verrückt, und jetzt sind Sie hier, und ich weiß nur noch, dass nichts mehr einen Sinn ergibt.«
»Warum erzählen Sie mir nicht, was passiert ist? Ihre Version von allem. Ganz von Anfang an.«
Sie wirft mir einen Blick aus den Augenwinkeln zu, schürzt die Lippen und schüttelt den Kopf.
»Bei allem gebührenden Respekt, aber das möchte ich lieber nicht«, antwortet sie. »Ich durchlebe diese Momente jeden einzelnen Tag wieder. Außerdem sollte sich alles, was Sie wissen müssen, in der gerichtlichen Anordnung befinden. Ich habe mich vor einigen Monaten leichtsinnig verhalten, was völlig untypisch für mich ist. Der Psychiater meiner Stiefmutter hält mich für instabil genug, um mir selbst Schaden zuzufügen. Und der Zukunft meines Vermögens. Also hat Richter Harcourt angeordnet, dass ich derzeit nicht in der Lage bin, meine Finanzen zu regeln, und nun sind wir hier.«
»Ich bin nicht daran interessiert, was die denken.« Meine Feststellung weckt ihre Aufmerksamkeit, und sie wendet sich mir zu. »Ich will Ihre Version des Ganzen erfahren. Ich stehe in Ihrer Ecke des Rings, Serena. Alles, was Sie mir sagen, bleibt unter uns. Ich kann meinen Job nicht angemessen machen, wenn ich nicht alle Fakten habe.«
Serena ist still, und ich erkenne Nachdenklichkeit in ihren leuchtend blauen Augen. »Sie müssen nur mein Vermögen managen, Finanzverwalter. Sie brauchen keine Fakten. Sie brauchen ein Budget.«
Bevor ich ihre Aussage widerlegen kann, gähnt sie, steht auf und zieht den lavendelfarbenen Bademantel eng um sich.
»Es tut mir leid, Derek. Ich bin erschöpft.« Serena zwingt sich zu einem höflichen Lächeln. »Ich nehme an, Sie wollten sich heute nur vorstellen? Vielleicht können Sie ein andermal wiederkommen und wir können uns eingehender über meine Finanzen unterhalten. In der Zwischenzeit lassen Sie Eudora oder Thomas wissen, was sie brauchen, und ich bin sicher, dass sie es an Ihr Büro weitergeben.«
Eudora huscht heran aus der Ecke, in der sie gelauert hat, und hakt Serena am Ellbogen unter, um sie wegzugeleiten.
»Kommen Sie, Ms Randall. Bringen wir Sie zurück zu Bett, wo Sie hingehören.« Eudora flüstert, aber laut genug, sodass ich sie hören kann.
Eine Schwere macht sich in meinem Bauch breit, als ich zusehe, wie die beiden gehen.
»Serena«, rufe ich.
Sie bleibt stehen und dreht sich zu mir um. »Ja?«
»Ich komme morgen wieder. Werden Sie hier sein?«
»Morgen ist Samstag. Sie arbeiten samstags?« Sie zieht die linke Augenbraue hoch.
»Nicht üblicherweise.«
»Ich möchte nicht, dass Sie meinen Fonds mit Rechnungen für belanglose Wochenendstunden belasten.« Sie steht kerzengerade.
»Das geht aufs Haus«, antworte ich.
Sie zieht die Nase kraus. »Ich verstehe nicht.«
»Ich mache Sie zur Priorität«, erkläre ich mit einem Blick auf Eudora. »Meiner Priorität Nummer eins.«
Eudora zupft an Serenas Arm, und sie gehen einen Schritt weiter.
»Ich möchte sicherstellen, dass Sie alles, was Sie vielleicht benötigen könnten, so bald wie möglich haben«, fahre ich fort, bevor sie zu weit weg ist.
Mein Blick geht zwischen ihrem neugierigen Blick und Eudoras missbilligender Miene hin und her.
»Ich komme morgen Vormittag wieder. Zehn Uhr«, sage ich.
Unsere Blicke begegnen sich im Dunkeln, und ich schwöre, dass ich ihre Lippen beim Aufflackern eines halben Lächelns zucken sehe. Oder vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
»Ich werde Sie erwarten.«
Serena
»Er war ein hübscher Anblick, nicht wahr?« Ich lege mich in mein Himmelbett, und Eudora schüttelt hinter mir die Kissen auf. Es ist nicht so, dass ich sie dafür brauchen würde. Ich bin nicht hilflos. Aber sie umsorgt mich gern und besteht immer darauf. »Ich meine, er trägt das Wort Anwalt schon recht arrogant im Gesicht geschrieben, und ich denke, er ist allergisch gegen Lächeln, aber er war ganz nett.«
Eudoras Miene ist verkniffen. Sie teilt mir ihre Meinung nicht mit.
»Komm schon«, sage ich und ziehe die Decke auf meinen Schoß. Ich ziehe sie gern ein wenig auf, denn sie kann so unglaublich verkrampft sein. »Sei ehrlich.«
»Dass er gut aussieht, lässt sich nicht leugnen. Aber wenn ich ehrlich sein soll, halte ich nicht allzu viel von ihm.« Ihre Worte sind hastig, und sie meidet meinen Blick. Dann zeigt sie auf die Lampe auf meinem Nachttisch, und ich nicke. Sie macht sie aus und sieht sich im Zimmer um.
»Irgendein spezieller Grund?«, ködere ich sie.
Eudora hört auf herumzuwuseln, lässt die Hände sinken und atmet zwischen ihren dünnen roten Lippen aus. Ihre grauen Augen finden meine in der Dunkelheit, und ihr rundes Gesicht neigt sich zur Seite.
»Ich will Sie nur beschützen. Das ist alles.« Sie schnalzt mit der Zunge. »Ein großer, dunkler und gut aussehender Anwalt im schicken Anzug stolziert hier herein, und Sie sind einsam, haben ein gebrochenes Herz und ein großes Vermögen. Für mich ist das schlichtweg ein Rezept für das Unaussprechliche. Sie sind nicht wie andere Mädchen, Serena. Das sage ich Ihnen schon Ihr ganzes Leben. Sie können gar nicht vorsichtig genug sein. Sie müssen sich vor Männern wie ihm schützen.«
Männern wie ihm.
Wir wissen beide, dass sie damit meinen Ex-Verlobten meint. Ich kenne Mr Rosewood noch nicht, aber ich weiß genug, um ihr zu beteuern, dass er keinerlei Ähnlichkeit mit Keir Montgomery hat.
»Süß, dass du dir solche Sorgen machst.« Ich lasse mich in die sorgfältig arrangierten Federkissen hinter mir sinken. Eudora ist schon bei unserer Familie, seit ich acht Jahre alt war, dem Jahr, in dem meine Mutter starb. »Aber ich habe nur sein gutes Aussehen gewürdigt, nicht ihn als potenziellen Ehemann taxiert.«
Manchmal war Eudora für mich das, was einer Mutter am nächsten kam. Und deshalb tut es mir weh, ihr in die Augen zu sehen und ihr auch das geringste Vertrauen zu verweigern. Veronica hat sie auf Kurzwahl, und ich bin absolut überzeugt, dass Eudora Buch führt über alles, was ich täglich so tue, und ihr berichtet. Sie ist nicht mehr als ein zusätzliches Paar Augen und Ohren – ein pflichtbewusster bezahlter Lakai.
Aber das kann ich ihr nicht vorwerfen. Sie braucht diesen Job, und Veronica bezahlt sie großzügig.
Mein Vater geht auf Ende achtzig zu und wird zusehends dement. An dem Tag vor drei Jahren, als er Veronica heiratete, übernahm sie das Management seines Personals und gab allen eine großzügige Gehaltserhöhung, mehr Urlaub und Urlaubsgeld.
Seitdem fressen sie ihr aus der Hand wie Vogelküken.
Eudora tut nur, was man ihr sagt. Aber das ist wirklich bedauerlich, denn bis Veronica auftauchte, habe ich Eudora geliebt wie ein Mitglied der Familie.
Sie war meine Familie.
»Denkst du, ich war zu hart mit ihm? Gott, wahrscheinlich hat er jetzt die schillerndsten Gedanken über mich.« Ich kichere amüsiert.
»Sie machen es niemandem bei der ersten Begegnung leicht.« Eudora zuckt mit den Schultern. »So sind Sie nun einmal, Serena. Sie stellen Menschen auf die Probe. Sehen, wie weit Sie gehen können. Das haben Sie schon als kleines Mädchen gemacht. Glauben Sie mir. Ich spreche aus Erfahrung.«
Eudora streicht mir über die Stirn, als sei mein angeblicher Zustand physisch und nicht psychisch.
»Gute Nacht.« Ich ziehe mir die Decke bis an den Hals.
Sie kichert belustigt. »Es ist erst vier Uhr, Liebes.«
»Gute Nacht, vorerst.«
»Ich wecke Sie gegen sieben Uhr. Dann ist es Zeit für Ihre Medikamente.«
Ich schließe die Augen und tue, als würde ich schlafen, bis ich die Tür zugehen höre. Rasch fahre ich mit der Hand unter mein Kissen und finde die Tabletten von früher. Ich wollte sie die Toilette hinunterspülen, aber als Eudora hereinplatzte, um mir zu sagen, dass mein neuer Anwalt hier sei, um mich kennenzulernen, hatte ich keine Chance, es zu tun.
Ich bin noch ganz durcheinander von meinem Treffen mit Mr Rosewood, aber es war nicht seine Schuld. Diese Medikamente machen mich manchmal vergesslich.
Eudora hat darauf bestanden, ihn wegzuschicken, aber das wollte ich nicht zulassen. Jemand von »draußen« ist in diesen Tagen ein Geschenk Gottes.
Ich warte noch eine Minute zur Sicherheit, bevor ich mit den Pillen in der Hand auf Zehenspitzen in mein Bad schleiche und sie in die tadellos saubere Toilette werfe. Rasch abziehen, und sie sind für immer verschwunden, verloren in den antiken Gedärmen dieses uralten Anwesens.
Die letzte Dosis nicht einzunehmen gab mir das Gefühl, wieder etwas zusammenhängender denken zu können, als würde mein Verstand Stück für Stück zurückkehren. Und ich will meinen Verstand zurück. Ich brauche meinen Verstand. Ich kann nicht länger wie irgendeine Kriminelle hinter diesen Steinmauern gefangen bleiben.
Ich muss hier raus. Ich muss meine finanzielle Freiheit zurückgewinnen. Meine Unabhängigkeit. Meinen guten Namen. Und dafür tue ich alles, was nötig ist.
Derek
»Bleiben Sie nicht zu lange.« Gladys, meine Sekretärin, steht in der Tür, die gebeugte Schulter hängt tief unter der schweren Handtasche. »Soll ich Ihnen etwas zum Abendessen holen?«
Sie blickt prüfend auf ihre Uhr und ich auf meine.
Freitagabend, sieben Uhr.
Wäre es mein Wochenende mit Haven, wäre ich schon längst weg, würde mich mit meiner Lieblingsvierjährigen auf dem Wohnzimmerboden wälzen und mit ihr Barbies oder ihr Lieblingsmemory von Doc McStuffins spielen, während wir auf unsere Pizza, halb Käse, halb Supreme, warten. Das ist unsere Tradition am Freitagabend.
Also, jeden zweiten Freitagabend.
Ich lebe für meine Wochenenden mit Haven.
Wahrscheinlich arbeite ich deshalb so viel. Mich in der Kanzlei zu verkriechen und in meine Karriere zu vertiefen lässt mich den Klang der Stille vergessen, die an den meisten Abenden der Woche zu Hause auf mich wartet.
»Ich mache nur noch hier fertig.« Ich nicke ihr mit schmalen Lippen zu, und sie winkt kurz.
»Als hätte ich das nicht schon unzählige Male gehört.« Sie klimpert mit ihren Autoschlüsseln und schlendert über den Fliesenboden des Flurs davon. Einen Moment später hallen das Klappern der Tür und das Klicken des Schlosses durch das leere Gebäude.
Vor mir liegt Serena Randalls gerichtliche Anordnung, zusammen mit dem Rest ihrer Akte. Über den Details brüte ich schon, seit ich heute Nachmittag von Belcourt Manor zurückgekehrt bin.
Auf den ersten Blick wirkt sie gesund. Etwas müde. Ein wenig schnippisch. Aber das ist verständlich. Die meisten Fälle, in denen ein Finanzverwalter bestellt wird, sind etwas extremer als ihrer. So was brauchen im Allgemeinen Menschen, die mental oder physisch beeinträchtigt sind, nicht eine steife Erbin mit Hang zu dramatischem Augenbrauenhochziehen und schonungsloser Aufrichtigkeit.
Ich reibe mir die müden Augen und lasse die Papiere auf meinen Schreibtisch fallen, bevor ich meinen Laptop zu mir heranziehe. Bewaffnet mit nichts als Zeit und Google, plane ich, tief zu graben und diese ganze Sache zusammenzupuzzeln. Ich habe das Gefühl, Informationen von ihr zu bekommen wird wie Zähne ziehen. Aber das ist nichts, was sich nicht mit ein wenig gutem, altmodischem Cyberstalking beheben lässt.
Ich beginne mit einer Suche zu ihrer Stiefmutter, Veronica Kensington-Randall – und dann trifft mich die Erkenntnis. Ich habe schon einmal von ihr gehört. Sie spielte in irgendeiner Justizdramaserie in den Neunzigerjahren mit. Mein Vater war besessen von der Sendung. Er nahm sie immer auf Videokassetten auf, schaute sich die Episoden wieder und wieder an und zitierte die Figuren bei jeder Gelegenheit.
In ihren besten Jahren war sie eine Schönheit. Lange, wohlgeformte Beine. Kalifornische Sonnenbräune. Glänzende, blond gebleichte Locken. Ein Lächeln wie für einen Schönheitswettbewerb.
Laut Wikipedia war sie viermal verheiratet und ist dreimal geschieden. Anscheinend mag sie die Männer alt und kränkelnd.
Ich klicke auf »Bilder« und rufe eine Menge neuerer auf. Anscheinend kämpft sie derzeit mit Spachtelmasse und Shapewear von Spanx gegen ihren fünfzigsten Geburtstag an. Und es sieht so aus, als sei sie – bis vor Kurzem – nur selten gesehen worden ohne ihren liebenden Ehemann, Harold Randall, der locker alt genug ist, um ihr Vater zu sein.
Der Klassiker.
Das ist nicht ungewöhnlich, vor allem nicht entlang der blaublütigen Küste des Geldadels der Neu-England-Staaten.
Älterer Mann heiratet jüngere Trophy-Wife. Kinder fühlen sich bedroht. Ehefrau will ihren Anteil am Familienvermögen sichern. Und schon folgt das Justizdrama.
Ich grinse.
Das wird leicht.
Sobald Serena sich zu einhundert Prozent gut fühlt, müssen wir nur beweisen, dass sie bei klarem Verstand ist, und dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass ihr Anteil am Familienvermögen intakt bleibt, all ihre finanziellen Mittel wieder vollständig unter ihre Kontrolle gestellt werden, und dann bin ich wieder weg. Vermögensrecht ist sowieso ein kleines Hobby von mir. Nichts macht mir mehr Freude, als dafür zu sorgen, dass gierige, egoistische Ärsche am Ende nicht am längeren Hebel sitzen.
Geld – oder die Angst, keines zu haben – kann schlimme Dinge mit guten Menschen anstellen. Das konnte ich schon bei vielen Gelegenheiten aus erster Hand mitansehen.
Mein Handy in der Tasche pingt, und ich hole es heraus und lese eine Nachricht von einer meiner Schwestern.
DEMI: Hey, komm doch heute Abend rüber zu uns. Royal will dich in Schiffe versenken schlagen. Er sagt, du schuldest ihm noch ein Spiel.
ICH: Ja, das war vor fünfzehn Jahren. Sag ihm, er soll es gut sein lassen. Das ist Vergangenheit.
DEMI: Er sagt, du hast nur Angst zu verlieren.
ICH: Ich verliere nie.
DEMI: Er will wissen, ob du aufgibst.
ICH: Niemals. Gib mir eine Stunde.
Ich lege das Handy weg und klicke mich durch die Fülle an Bildern von Veronica, die meinen Bildschirm überfluten. Sie sind alle gleich – aufreizende Körperhaltung, die Hand an einer knochigen Hüfte und die Lippen zu einem durchtriebenen Lächeln verzogen.
Als ich davon genug habe, schließe ich diesen Tab und starte eine Googlesuche nach Serena. Aber auf die Schlagzeilen, die auf meinem Bildschirm erscheinen, bin ich nicht vorbereitet.
SALONLÖWIN FÄLLT IN UNGNADE
DIE WAHRHEIT ÜBER ERBIN SERENA RANDALL
WAS HAT SERENA RANDALLS NERVENZUSAMMENBRUCH VERURSACHT?
CHRONIK VON SERENA RANDALLS ÖFFENTLICHEM ZUSAMMENBRUCH
IN UNGNADE GEFALLENE ERBIN IN BITTERE TRENNUNG INVOLVIERT – GEFAHR FÜR EIGENES LEBEN
»Scheiße, Serena.« Ich brumme die Worte in meine Handfläche, mit der ich über meinen Bartschatten reibe. Ich klicke sofort alles an, öffne mindestens ein halbes Dutzend Tabs und mache mich bereit, alles zu inhalieren.
Laut diesen Artikeln von vor etwa zehn Wochen hat Serena ihren Verlobten mit nicht nur einer, sondern gleich zwei anderen Frauen im Bett erwischt. Freundinnen von ihr, auch das noch. Später in jener Woche nahm sie eine Handvoll Tabletten, schluckte sie mit einer Flasche Rotwein und ließ sich von ihrem Chauffeur am Flughafen JFK absetzen. Dort wollte sie ein Erste-Klasse-Ticket für den nächsten Flug nach London, Heathrow, bekam aber keines, da sie sich nicht ausweisen konnte. Und offensichtlich betrunken war.
Die Flughafensecurity wurde gerufen, und Serena leistete körperlichen Widerstand. Sie schrie Obszönitäten, machte eine Riesenszene und riss sich ihre Extensions aus. Kurz danach wurde sie verhaftet und gegen ihren Willen in psychiatrische Haft genommen, nachdem sie gedroht hatte, sich selbst und ihre Stiefmutter, die offenbar an ihre Seite geeilt war, zu verletzen.
Ein Gutachten über ihren Geisteszustand wurde angeordnet, und Serena wurde für acht Tage eingewiesen. Zwei Tage nach ihrer Entlassung fuhr sie mit ihrem Wagen in einer kleinen Stadt nördlich des Anwesens Belcourt von einer jahrhundertealten Brücke. Offenbar war das Wasser unter der Brücke nicht tief genug, um sie mitzureißen, aber der Aufprall war doch so heftig, dass sie sich den Kopf ans Lenkrad schlug und das Bewusstsein verlor.
Ein einheimischer Farmer, der gerade vorbeikam, fand und rettete sie.
Nach einem einwöchigen Aufenthalt in einer geheim gehaltenen privaten psychiatrischen Einrichtung in einem entlegenen Teil des Staates New York wurde sie entlassen und zum Familienanwesen Belcourt geschickt, um dort zu leben. Sie tätigte fortlaufend eine Menge teure Einkäufe. Italienische Luxusautos. Diamanten. Mode. Angebote für unbesehene Immobilienkäufe. Innerhalb von vier Tagen gab sie über elf Millionen Dollar aus.
Ihre Stiefmutter beantragte eine Notfallvormundschaft. Sie wollte Serenas Vormund werden, wurde aber abgelehnt, aufgrund nicht näher bezeichneter Anschuldigungen, die in Serenas Namen von ihrem damaligen Anwalt ausgesprochen wurden.
Der Richter bestimmte, dass ein Finanzverwalter für Serenas Vermögen ihren Treuhandfonds und die Zuweisung von Geldern für die Instandsetzung und Pflege von Belcourt Manor während ihres Aufenthalts dort verwalten solle. Rosewood & Rosewood LLP wurde von einem Richter empfohlen, der mit meinem Vater Jura studiert hatte, und die Randalls stimmten zu.
Ich klappe meinen Laptop zu und blättere den Stapel Dokumente auf meinem Schreibtisch durch, auf der Suche nach dem Gutachten über ihren Geisteszustand. Die Notizen des Arztes erwähnen ihre Selbstmordgedanken und beziehen sich auf ihr »manisches und leichtsinniges« Verhalten, aber eine Diagnose bipolarer Störung wird nicht erwähnt. Es gibt eine Notiz, die sich auf akute Angstzustände und die Möglichkeit einer kurzzeitigen, situationsbedingten Depression bezieht, aber die besagt eindeutig, dass Serena keine Vergangenheit mit Problemen geistiger Gesundheit hat. Es sieht auch so aus, als hätte der Arzt ihr ein paar Allerwelts-Antidepressiva, verschreibungspflichtige Schlafmittel und Benzos nach Bedarf verschrieben.
Kein Wunder, dass sie sich derzeit nicht wie sie selbst fühlt.
Mein Handy in der Tasche pingt wieder, und ich sehe noch eine Nachricht von Demi.
DEMI: Kommst du jetzt oder was? Eine Stunde ist schon lange vorbei.
Ich hole tief Luft, atme wieder aus und schaue auf die Uhr. Mist. Sie hat recht. Es ist schon über eine Stunde vergangen, und ich war so in diese Artikel über Serena vertieft, dass ich es gar nicht bemerkt habe.
Ich schreibe zurück, dass ich unterwegs bin, und mache die Banker-Lampe hinter meinem Laptop aus.
Eine Minute später fahre ich in den Osten der Stadt, wo meine Schwester und ihr Freund wohnen, bis er sein Jurastudium beendet hat. Zwanzig Minuten später fahre ich in ihre Einfahrt.
Demi begrüßt mich an der Tür, noch bevor ich klingeln kann, legt mir die Arme um die Schultern und zieht mich hinein.
»Du tust ja so, als hättest du mich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.« Ich ziehe die Schuhe aus, als ich drin bin.
»Ich bin einfach nur sehr, sehr froh, wenn wir alle mal wieder Zeit verbringen. Es ist wie in alten Zeiten.« Sie macht einen kleinen Freudensprung, und ich folge ihr ins Wohnzimmer, wo mein bester Freund aus Kindertagen schon zwei Plastiksets Schiffe versenken aufgestellt hat und bereit ist, loszulegen.
»Was ist in letzter Zeit los bei dir?« Demi lässt sich auf das Sofa fallen und winkelt die Beine an. »Irgendwelche aufregenden Prozesse, von denen ich wissen sollte?«
Ich setze ein künstliches Lächeln auf. »Wenn es irgendwelche laufenden Fälle gäbe, könnte ich dir gar nichts erzählen, aber heutzutage wird alles außerhalb des Gerichtssaales geregelt. Ist weniger kostspielig. Ob du es glaubst oder nicht, aber es gibt keinen großen Bedarf an Strafverteidigern in Rixton County.«
Früher einmal war unser Vater Bezirksstaatsanwalt, aber die aufreibenden Arbeitsstunden hielten ihn von seiner Familie fern, also baute er mit den Jahren Rosewood LLP auf, und ich stieg nach dem Jurastudium ein. Jetzt machen wir ein bisschen von allem, aber sein Ruf aus seinen Tagen im Gerichtssaal hat seinen Ruf als einen der begehrtesten Strafverteidiger des Staates gefestigt. Ich bekomme häufig die Fälle, die nach unten durchsickern, mit denen er sich nicht befassen kann. Und ich akzeptiere sie mit einem Lächeln, denn so läuft es bei Robert Rosewood. Du nimmst, was du bekommst, und du beschwerst dich nicht, bis du dir das Privileg dazu verdient hast.
So ist Serenas Akte auf meinem Schoß gelandet.
»Also, womit vertreibst du dir die Zeit?«, fragt Demi.
»Ich nehme ein paar Nebenprojekte an. Vermögensrecht. Familienrecht. Nichts übermäßig Aufregendes.« Ich setze mich Royal gegenüber.
»Bereit, dich in den Arsch treten zu lassen?« Royal schiebt meine Hälfte von Schiffe versenken über den Tisch.
»Ich kann dir versprechen, dass das heute Abend nicht passieren wird.« Ich setze mich ihm gegenüber auf den Boden.
Demi springt auf, läuft in die Küche und kommt mit zwei Heineken und ihrer US Weekly zurück.
»Liest du immer noch diesen Schund?«, ziehe ich sie auf.
Sie stellt unsere Flaschen auf den Tisch, rollt sich wieder auf dem Sofa zusammen und blättert in die Mitte ihres Magazins, denn Gott bewahre, dass sie ein Mal im Leben mit irgendetwas am Anfang anfängt.
»Nur Gott kann mich verurteilen.« Ihr Gesicht verschwindet hinter dem aufgeschlagenen Cover, und da fällt mir ein Foto in der Ecke ins Auge.
»Hey, lass mich das mal sehen«, sage ich.
Demi lässt das Hochglanzrevolverblatt sinken und zieht eine Augenbraue hoch. »Das?«
»Ja.« Ich nehme es ihr aus der Hand und sehe mir die Schlagzeile an.
SERENA RANDALLS VERZWEIFELTE ZEITEN
»Kennst du sie?« Ich deute auf das Titelbild einer in Tränen aufgelösten Serena, ziemlich wahrscheinlich der am traurigsten aussehenden Frau, die ich je gesehen habe.
»Ob ich sie kenne? Hm, nein«, zieht Demi mich auf. »Ob ich etwas über sie weiß? Ja. Wer nicht?«
»Ich«, meint Royal. »Nie von ihr gehört.«
»Was weißt du über sie?«, frage ich.
Demi legt die Zeitschrift weg und setzt sich anders hin. Sie beugt sich vor und grinst, als würden wir ein Fachgespräch führen. Tagsüber erzieht sie Kindergartenkinder. Abends ist sie eine Liebhaberin von Klatsch und Tratsch über die Reichen und Schönen. An breit gefächerten Interessen ist wohl nichts auszusetzen, schätze ich.
