Rixton Falls - Secrets - Winter Renshaw - E-Book

Rixton Falls - Secrets E-Book

Winter Renshaw

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Beschreibung

Sie hat einen Prinzen verdient. Doch Royal Lockhart ist alles, nur kein Prinz

Sieben Jahre ist es her, dass Royal ohne ein Wort des Abschieds verschwand und Demis Herz in tausend Scherben zerbrach. Er war ihr erster Kuss, ihre erste Ahnung von der Liebe, alles, was sie jemals wollte. Dabei wussten sie von Anfang an, dass sie nicht zusammen sein können. Denn als Tochter der angesehensten Familie von Rixton Falls hatte Demi einen Prinzen verdient und keinen Jungen aus einfachen Verhältnissen. Seit Royals plötzlichem Verschwinden versucht sie daher ihre erste große Liebe zu vergessen. Doch gerade als sie glaubt, endgültig über ihn hinweg zu sein, ist Royal zurück in Rixton Falls!

"Ein hart verdientes Happy End. Winter Renshaw ist fantastisch!" The Book Hookup

Band 1 der WALL-STREET-JOURNAL-Bestseller-Reihe von Winter Renshaw

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Seitenzahl: 400

Veröffentlichungsjahr: 2020

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INHALT

Titel

Zu diesem Buch

Liebe Leser*innen

Widmung

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Winter Renshaw bei LYX

Triggerwarnung

Impressum

Winter Renshaw

Rixton Falls

SECRETS

Roman

Ins Deutsche übertragen von Silvia Gleißner

ZU DIESEM BUCH

Demi Rosewood und Royal Lockhart, der beste Freund ihres Bruders, lernten von klein auf, dass sie nicht zusammen sein dürfen. Als Tochter einer der angesehensten Familien von Rixton Falls hatten ihre Eltern eine glorreiche Zukunft und vor allem einen reichen Ehemann für Demi vorgesehen – ein Zukunftsplan, in dem Royal, der Junge aus einfachen Verhältnissen, ganz bestimmt nicht vorkam. Und doch konnten sich die beiden nicht voneinander fernhalten. Royal war Demis erstes Date, ihr erster Kuss, ihre erste Ahnung von einer Liebe, die sie in dieser Art nie wiederfinden würde. Doch dann verschwand Royal plötzlich. Von einem Tag auf den anderen. Ohne Erklärung. Ohne Abschied. Seit sieben Jahren versucht Demi nun schon, die Scherben ihres Herzens wieder zusammenzufügen und ihre erste große Liebe zu vergessen. Doch gerade als sie glaubt, endgültig über ihn hinweg zu sein und mit einem anderen Mann glücklich werden zu können, ist Royal zurück in Rixton Falls!

Liebe Leser*innen,

dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.

Deshalb findet ihr auf der letzten Seite eine Triggerwarnung.

Achtung: Diese enthält Spoiler für das gesamte Buch!

Wir wünschen uns für euch alle

das bestmögliche Leseerlebnis.

Euer LYX-Verlag

Für meinen Mann, weil … Liebe eben.

PROLOG

Demi, zehn Jahre alt

(Vor fünfzehn Jahren)

»Was machst du hier drin?« Ich verschränke die Arme und mache ein so finsteres Gesicht, dass es schon wehtut.

Royal Lockhart steckt den Kopf durch die Öffnung im Boden meines Baumhauses.

»Keine Jungs erlaubt. Kannst du nicht lesen?« Ich deute auf das gelbe Blatt Tonpapier, das außen an einem der Fenster festgemacht ist. Eine meiner kleinen Schwestern hat es gemalt und mit roter Kreide hundert Ausrufezeichen draufgemacht.

»Was machst du so, Demi?« Er ignoriert mich. Jungs sind Nervensägen.

»Ich glaube, Derek ruft nach dir.« Den Trick nutzt mein großer Bruder immer, wenn er will, dass ich ihn in Ruhe lasse. Dann sagt er immer, dass Mom etwas von mir will. Ich falle nicht mehr darauf herein, aber Royal vielleicht schon.

»Ich höre nichts.« Er klettert ganz in mein Baumhaus und steuert direkt auf die Kiste mit den Barbies in der Ecke zu. »Spielst du immer noch mit denen?«

Meine Wangen brennen. »Nein.«

Manchmal.

»Sie gehören den Zwillingen«, füge ich hinzu. Ich schiebe alles auf meine kleinen Schwestern, und das glauben jedes Mal auch alle.

Royal hebt eine nackte Skipper auf und betrachtet sie von allen Seiten. Er ist echt komisch.

»Wieso haben deine Barbies nichts an?«, fragt er.

»Keine Ahnung. Frag meine Schwestern. Ich habe dir doch gesagt, dass ich mit denen nicht spiele.«

»Was machst du hier oben?« Er wirft Skipper in die Kiste und lehnt sich aus einem nahen Fenster.

»Das geht dich nichts an.« Ich verdrehe die Augen so sehr ich kann. »Du musst verschwinden. Du darfst hier nicht rein.«

»Warum nicht?« Sein Lächeln macht mich wütend. Seit Derek ihn letzten Monat zum ersten Mal von der Schule mit nach Hause brachte, macht er nichts anderes, als mir auf die Nerven zu gehen. Meinen kleinen Schwestern geht er nicht auf den Keks. Nur mir.

»Fünftklässler sollen nicht mit Viertklässlern herumhängen«, sage ich.

»Sagt wer?«

»Ähm, alle in der Schule.«

»Was ist das?« Er kommt auf mich zu und nimmt mir eine Plastikkrone vom Kopf.

Ich werde rot. Ich hatte ganz vergessen, dass ich die noch aufhatte.

»Du spielst Prinzessin?«, lacht er mich aus, und ich will ihn am liebsten boxen.

»Ich habe sie anprobiert, um zu sehen, ob sie noch passt.« Ich will sie ihm wegnehmen, aber er zieht sie weg.

»Ja, schon klar, Demi.« Er setzt sie sich auf den dunkelbraunen Haarschopf. »Wie sehe ich aus?«

Lächelnd sieht er mich an, die Faust unters Kinn gereckt. Er sieht aus wie ein Prinz. Auf eine gute Art. So wie die Prinzen in Filmen. Aber das sage ich ihm nicht.

»Du siehst doof aus.« Ich schnappe sie mir von seinem doofen Kopf. »Raus hier.«

»Soll der Prinz nicht zuerst die Prinzessin küssen? Wo ich doch diesen Turm bestiegen habe und alles.«

Ich strecke ihm die Zunge heraus. »Eklig.«

Mein Herz hämmert ganz schön, und ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll. Royal ist eine Nervensäge. Er hält sich für voll witzig, aber er ist es nicht. Auf dem Schulhof laufen ihm alle Mädchen hinterher, aber ich halte ihn nicht für etwas Besonderes. Ich würde viel lieber auf das Klettergerüst steigen oder Tetherball spielen, als ihm zuzuhören. Hadley Mayberry hat gestern in der Pause Hochzeit mit ihm gespielt. Ich habe gehört, dass sie sich dabei auch richtig geküsst haben. Und dann hörte ich, dass Mrs Quick ihn zur Strafe dafür an die Mauer gestellt hat. Romeo hat sie ihn genannt. Keine Ahnung, was das heißt.

Royal geht an mir vorbei, und mein Körper will sich nicht vom Fleck rühren. Er schaut zur Leiter und dann zu mir.

»Royal«, ertönt die Stimme meines Bruders unter dem Holzboden. »Bist du da oben?«

»Ja«, ruft er zurück. »Sekunde noch.«

Ich tappe ungeduldig mit dem Fuß auf dem Boden.

»Demi?«

»Was?«

Royal leckt sich über die Lippen und beugt sich vor, um mir einen Schmatz auf die Lippen zu geben.

Eklig!

Ich will ihn von mir wegschubsen, aber er ist größer als ich, sodass er sich kaum rührt. Als er mich auslacht, verpasse ich ihm eine Ohrfeige. Ich habe noch nie jemanden geohrfeigt. Nicht einmal Derek, und Mann, wie sehr ich das schon mindestens ein Dutzend Mal wollte.

»Wieso hast du das gemacht?« Ich wische mir den Mund am Ärmel ab und spucke dann auf den schmutzigen Boden des Baumhauses.

Royal zuckt mit den Schultern. »Weil ich ein Prinz bin. Deshalb heiße ich ja auch Royal. Prinzen küssen Prinzessinnen.«

Ich weiß, dass das nicht stimmt. Mom hat gesagt, dass er ein Pflegekind ist. Ich weiß nicht, was das bedeutet, aber ich weiß, dass er kein Prinz ist. Hier in Rixton Falls gibt es auf jeden Fall keine Prinzen.

Er hört nicht auf, mich anzustarren, und das ist total ungemütlich.

Ich spucke wieder aus, und er lacht. Ich glaube, der Kuss hat ihm gefallen. Er hat noch nicht versucht, ihn abzuwischen.

»Ich bin keine Prinzessin.«

»Aber die meiste Zeit benimmst du dich wie eine. Und du versteckst dich immer hier oben, als wäre das hier ein schicker Turm oder so.«

»Mach das nicht noch mal.« Ich schaue ihn finster an und gehe einen Schritt zurück. »Nächstes Mal sage ich es Derek.«

Royals Gesicht wird ernst. Derek ist sein bester Freund. Sie sind wie Brüder. Manchmal bin ich eifersüchtig, weil Derek inzwischen mehr Zeit mit Royal verbringt als mit mir.

Er klettert die Leiter hinunter und hält noch mal an, um mich anzusehen. »Wir sehen uns beim Abendessen, Prinzessin Demi.«

Bäh.

Er bleibt schon wieder zum Abendessen?

Ich muss sehen, ob ich heute Abend mit Delilah den Platz tauschen kann. Ich will nicht wieder unter dem Tisch mit Royal füßeln. Ich will meinen Shepherd’s Pie essen, dann nach oben gehen, meine Tür zusperren, damit er mir nicht mehr auf die Nerven gehen kann, und dann mein Buch lesen, bis er endlich nach Hause geht.

Er ist echt eine Nervensäge.

Demi, 13 Jahre alt

(Drei Jahre später)

»Oh meine Güte …« Meine Mutter macht einen Mordswirbel unten im Flur. Die Haustür schlägt zu. »Es ist so gut, dich wiederzusehen. Wie geht es dir, mein Lieber?«

Ich nehme die Kopfhörer aus den Ohren und lege den Kopf schief. Klingt wie eine Winterstiefel-Stampede da unten. Ich höre die Stimme eines Jungen, aber sie gehört nicht Derek.

Ich stehe vom Bett auf und spähe aus meinem Fenster auf die Auffahrt unten. Keine Autos zu sehen. Ich mache ein Eselsohr in meine Buchseite und lege das Buch auf ein Kissen, bevor ich auf Zehenspitzen über den Flur schleiche und die Treppe hinunterspähe.

Ein vorsichtiger Schritt. Dann noch einer. Und noch einer. Ich bin schon halb unten, als ich meine Mutter sehe, die jemanden umarmt. Gleich darauf lässt sie wieder los, und ich sehe ihn.

Royal Lockhart.

Ich halte den Atem an, drücke mich flach an die Wand der Treppe und hoffe inständig, dass er mich nicht bemerkt.

»Ich bin so froh, dass du wieder zurück nach Rixton Falls geschickt wurdest«, sagt Mom und streicht ihm über die Wange, als wäre er noch ein kleiner Junge. »Magst du deine neuen Pflegeeltern?«

»Ja, Ma’am.« Er wirkt nicht sehr begeistert. Royal faltet die Hände vor sich und bleibt aufrecht stehen. Ich denke, er ist größer geworden. Sein Haar ist länger. Und er sieht älter aus.

Vor einem Jahr musste er zu einer anderen Familie im Nordosten des Staates ziehen. Derek hat ihn ein paarmal besucht, aber Royals neue Familie konnte ihn aus irgendeinem Grund nie hierherfahren.

»Du verbringst Weihnachten doch bei uns, oder, Royal?«, fragt Mom. »Das Weihnachtsessen ist morgen Abend. Du darfst gern über Nacht bleiben. Derek hat mir gesagt, dass du kommst. Ich hoffe, das ist okay. Ich habe schon ein paar Geschenke für dich unter den Baum gelegt. Nur weil du eine Weile weg warst, heißt das ja nicht, dass du nicht immer noch ein Rosewood ehrenhalber bist.«

Royals Gesicht leuchtet auf, als Mom das sagt. Ich weiß, dass er keine Familie hat wie wir. Ich weiß, dass es ihm viel bedeutet, dass wir ihn in unsere Familie einbeziehen. Ich wünschte nur, er wäre nicht so unerträglich.

Aber er sieht inzwischen ziemlich gut aus. Wie ein Junge, dem ich in der Schule einen Zettel zustecken würde, wenn er jemand anderes als Royal Lockhart wäre.

Ich weiß nicht genau, wie lange ich ihn schon anstarre, aber als sein Blick auf die Treppe fällt, schlägt mir das Herz bis zum Hals.

»Hi, Demi«, sagt er.

Mom und Derek drehen sich um und sehen mich eine Stufe hinunterstolpern.

»Hi, Royal.« Ich drehe mich um und marschiere die Treppe wieder hinauf. Er hat mich nicht mehr gesehen, seit ich eine Spange trage, und ich kämpfe gerade gegen einen Ausbruch von Akne am Kinn. Ich trage Jogginghosen und ein altes T-Shirt aus dem Volleyballkurs der siebten Klasse.

Nicht dass mir wichtig wäre, was er von mir denkt.

Ist es nicht.

Wirklich nicht.

Ich schließe meine Tür ab. Wenn ich muss, werde ich mich den ganzen Abend hier drin verkriechen.

Mir knurrt der Magen, als der Duft vom Weihnachtsessen nach oben weht.

Eine Stunde später klopft es dreimal an meine Tür, und meine Hände werden feucht.

Ich räuspere mich und streiche meinen Pferdeschwanz glatt.

»Wer ist da?«

»Ich bin es.« Delilahs Stimme ist ein Geschenk Gottes.

»Komm rein.«

Meine kleine Schwester, die sich die meiste Zeit über erwachsener als wir alle benimmt, platzt herein.

»Wieso verkriechst du dich hier oben?« Sie streicht sich eine kakaobraune Haarsträhne hinters Ohr. »Du weißt, dass Royal unten ist, ja?«

Ich verdrehe die Augen. »Ja. Und?«

»Du siehst hübsch aus. Hast du dich gerade umgezogen?«, fragt sie.

Erwischt.

»Nein. Das habe ich schon den ganzen Tag an.« Ich zupfe an meinem kuscheligen pinken Pulli und streiche über die Leggings bis an meine dicken Stricksocken. Vor Kurzem habe ich in der Seventeen ein Mädchen in einem ähnlichen Outfit gesehen. Sie war älter als ich, aber ich denke, das kann ich schon bringen.

Aus irgendeinem Grund habe ich das Bedürfnis, älter zu wirken. So wie Royal jetzt.

Delilah sieht mich an und rümpft die perfekte Nase. »Auf jeden Fall, komm nach unten. Wir spielen Mario Kart und brauchen noch einen Spieler.«

Ich starre auf das Buch, das auf mich wartet und ganz offensichtlich nirgendwohin gehen wird, während ich mir den Kopf nach einer Ausrede zerbreche.

»Ich habe noch Hausaufgaben«, sage ich.

»Es sind Weihnachtsferien.«

»Ich hasse Mario Kart.«

»Gar nicht wahr. Du bist besser darin als wir alle.«

»Ich komme später nach unten.«

Delilah runzelt die Stirn. »Es ist wegen Royal, richtig? Wenn er da ist, bist du immer so komisch. Das fällt allen auf.«

»Stimmt gar nicht«, lüge ich.

»Schön. Du kannst auch einfach hier oben bleiben wie die gefangene Prinzessin im Turm. Vielleicht schicke ich Royal hoch, damit er dich rettet.«

Meine Wangen brennen. Bevor ich die Chance habe zu antworten, schlägt Delilah meine Tür hinter sich zu. Die springt wieder auf und ich höre, wie ihre Füße die Stufen hinunterhüpfen.

Ich laufe gute dreißig Minuten lang unruhig in meinem Zimmer hin und her und tupfe mir jedes Mal Concealer aufs Kinn, wenn ich am Spiegel vorbeikomme.

Mom ruft von unten nach mir.

Das Abendessen muss fertig sein. Ich rufe nach unten, dass ich gleich komme, und haste dann zu meiner Kommode, um ein letztes Mal mein Haar zu richten. Ich schaffe es nie, dass diese Haarknoten richtig liegen. Und ich habe einfach so viele Haare, dass ich die Hälfte der Zeit gar nicht weiß, was ich damit machen soll. Wieso kann ich nicht einfach glattes, glänzendes, perfektes Haar haben wie alle anderen?

»Brauchst du Hilfe?« Eine Jungenstimme schreckt mich auf.

Ich wirble herum und sehe Royal in meiner Tür stehen. Ich will mich selbst in den Allerwertesten treten, weil ich die Tür offen gelassen habe.

»Was machst du hier oben?«, frage ich unfreundlich.

»Alle warten unten auf dich. Das Essen ist fertig.«

Na großartig. Jetzt muss ich nach unten gehen, während die ganze Familie mich anstarrt. Sie werden sehen, dass ich mich umgezogen und Make-up aufgetragen habe.

Gott, jetzt fühle ich mich so was von dämlich.

»Ich bin in einer Minute unten«, sage ich.

»Das hast du schon vor zwanzig Minuten gesagt.« Er macht noch einen Schritt in mein Zimmer. Wie unhöflich. »Sie haben gesagt, dass ich raufkommen und dich retten soll. Jetzt komm schon. Ich geleite dich persönlich zur Tafel, Prinzessin.«

Royal nimmt meinen Arm, und in meinem Bauch flattern Schmetterlinge los.

Das. Ist. Unerwartet.

Mir wird schwindlig. Ich glaube, mein Herz pocht viel zu schnell. Ich muss mich hinsetzen. Und er muss weg.

Ich reiße meinen Ellbogen aus seinem Griff und verdrehe die Augen.

»Nicht.« Ich schlucke schwer.

Er grinst spöttisch und mir fällt ein Grübchen an seiner rechten Wange auf. War das schon immer da? Royals Wimpern sind lang und dunkel und umrahmen perfekt seine tiefblauen Augen. Er hat die mädchenhaftesten Augen, die ich je gesehen habe. Wieso fällt mir das alles gerade jetzt auf?

»Kommst du jetzt, oder was?« Jetzt steht er wieder im Flur. »Ich habe dir einen Platz frei gehalten.«

Royal zwinkert. Sobald er mir den Rücken zudreht, lasse ich dem Lächeln freien Lauf, das ich unterdrückt habe.

Er ist eine Nervensäge. Aber niedlich. Irgendwie.

Demi, fünfzehn Jahre alt

(Zwei Jahre später)

»Derek hätte mir die Fahrstunden geben sollen.« Ich sitze vorn in Royals ramponiertem Chevy. Das Ding ist eine Rostlaube mit superlautem Auspuff. Ich habe ihn damit schon durch die Stadt fahren sehen, und er tut so, als wäre er total heiß. Auf dem Parkplatz der Highschool hängen ihm die Mädchen nach der Schule an der Stoßstange, als wäre es eine Art exklusiver Club.

Es hat sich so ergeben, dass meine Eltern beschlossen, ihre Kreuzfahrt nach Jamaika zum Hochzeitstag während meines fünfzehnten Geburtstags zu machen. Mein Lernfahrausweis brennt mir förmlich ein Loch in die Brieftasche. Zwei Wochen sind eine lange Wartezeit, wenn man fünfzehn ist.

»Tja, Derek hat sich die Sommerferien ausgesucht, um Pfeiffersches Drüsenfieber zu kriegen, also kriegst du mich stattdessen.« Royal klimpert mit den Schlüsseln. »Stell den linken Fuß auf die Kupplung und den rechten auf die Bremse.«

»Das ist ein Schalthebel?« Meine Stimme wird brüchig. Ich packe das dünne Lenkrad der alten blauen Schrottmühle.

Er steckt den Schlüssel ins Schloss, dreht ihn nach rechts, nimmt meine rechte Hand und bewegt sie zu dem schwarzen Schalthebel. Ich kann die Buchstaben oder Zahlen nicht lesen, denn sie sind alle abgenutzt. Ich sehe nur einen komisch aussehenden Schalthebel.

Royals Hand umfasst meine, als sein Truck röhrend zum Leben erwacht.

»Das ist der erste Gang«, sagt er, als unsere Hände sich vorwärtsbewegen. Er zieht den Knüppel nach unten, meine Hand gefangen unter seiner, und sein Griff fühlt sich jetzt lockerer an. »Das ist Leerlauf.« Er bewegt den Schaltknüppel hin und her, damit ich es fühlen kann, und zieht dann den Knüppel wieder zu uns hin. »Das ist der zweite Gang.«

Er geht alle Gänge noch zweimal mit mir durch, und lässt es mich dann vormachen.

»Okay, jetzt habe ich es verstanden«, sage ich.

»Schalt in den ersten«, erwidert er. »Nimm vorsichtig den rechten Fuß von der Bremse aufs Gas. Kupplung langsam loslassen …«

Die Kupplung reagiert ruckartig. Kaum lasse ich sie los, schnellt sie ganz raus und sein Truck macht einen Satz nach vorn, kommt ruckartig zum Stehen und der Motor stirbt ab.

»Verdammt.« Ich schlage mit der Faust aufs Lenkrad und verfluche Derek im Stillen. Wieso muss er ausgerechnet jetzt krank werden?

»Demi, es ist okay. Versuchen wir es noch mal. Schalt in den Leerlauf. Linker Fuß auf die Kupplung, rechter Fuß auf die Bremse, und dann lass noch mal an.«

Es braucht nur noch vier weitere Versuche, bis wir über die Nebenstraße fahren, die durch mein Wohngebiet läuft. In der Ferne kommt ein rotes Achteck in Sicht.

»Ich weiß nicht, wie man anhält. Wie halte ich an? Royal? Was muss ich tun?« Ich umklammere das Lenkrad wie verrückt, sodass meine Fingerknöchel ganz weiß werden.

Er lacht. Ich würde ihm gern eine verpassen, aber ich bin damit beschäftigt, mich festzuhalten, als hinge mein Leben davon ab.

»Linker Fuß auf die Kupplung, rechter Fuß sachte auf die Bremse. Lass dir genug Zeit. Komm langsam zum Stehen.«

Er streckt die Hand nach dem Radio aus, und ich lasse kurz das Lenkrad los, um seine Hand wegzuschlagen.

»Ich will noch keine Musik. So weit bin ich noch nicht.« Mir wird klar, dass ich mich wie ein Baby anhöre, aber ich fahre gerade dieses Zwei-Tonnen-Schalthebel-Monster von einem Truck, und ich glaube nicht, dass ich schon in der Lage bin, mich zurückzulehnen und mir Musik anzuhören, als würden wir gerade einen Vergnügungstrip machen.

Royal hebt die Hände. »In Ordnung. Keine Sorge. Ich versuche nur dafür zu sorgen, dass du dich entspannst.«

Ich folge seinen Anweisungen und bringe uns sachte zum Stehen. Wir stehen an einer Kreuzung zum Highway. Von Osten her kommt ein Sattelschlepper angerauscht.

»Wohin soll ich fahren?«, frage ich.

»Wohin du willst.« Er kurbelt das Fenster nach unten, und ein Schwall milder Sommerluft weht herein. Erst jetzt bemerke ich, wie stickig es hier drin ist, also tue ich dasselbe.

Ich hole tief Luft, schalte in den ersten Gang und konzentriere mich darauf, nicht die Kupplung schnalzen zu lassen, damit wir keinen Verkehrstod sterben.

Er ist sehr geduldig mit mir. Und er vertraut mir seinen Truck an. Ich kenne nicht viele Jungs in der Schule, die so cool dabei wären, mich mit ihrem einzigen Transportmittel üben zu lassen.

Jeder an der Highschool in Rixton Falls weiß, dass ein Auto Freiheit bedeutet.

Ich könnte das Ding locker schrotten, und Royal verdient mit seinen saisonalen Gartenarbeiten nicht genug, um ihn zu ersetzen. Seine aktuelle Pflegefamilie hat auch nicht die Mittel dafür – nicht, dass sie dazu verpflichtet wäre.

»Danke, dass du ihn mir anvertraust«, sage ich, lasse die Kupplung kommen und drücke die Zehen aufs Gaspedal. Dies könnte das einzige Mal in den fünfzehn Jahren meines Lebens sein, dass ich Royal Lockhart je für etwas gedankt habe.

Wir fahren langsam weiter, überqueren den vierspurigen Highway und steuern nordwärts.

»Demi, pass auf …« Royal packt das Lenkrad und reißt es zu sich herum, als ein Treibstofftruck so schnell an uns vorbeirast, dass die Fahrerkabine wackelt.

Ich trete hart auf Kupplung und Bremse und bringe den Truck per Vollbremsung in einer Staubwolke am Straßenrand zum Stehen.

»Es tut mir leid. Ich … ich habe ihn nicht kommen sehen.« Meine Worte kommen bebend heraus, und zwei dicke Tränen rollen über meine Wangen. »Ich will das nicht mehr.«

»Demi.«

Ich ignoriere ihn, ziehe am Türhebel und steige aus. Er fängt mich auf halbem Weg an der Stoßstange ab. Ich verschränke die Arme. Er wird versuchen, es mir auszureden, aber mein Entschluss steht fest.

»Ich mag Gangschaltungen nicht«, sage ich. »Ich warte einfach, bis meine Eltern zurückkommen. Mom kann es mir mit dem Suburban beibringen.«

Mein Kinn zittert. Er starrt mich an, und ich frage mich, wie er so ruhig bleiben kann, wo ich uns vor zwei Minuten fast umgebracht hätte.

Ich presse die Augen so fest zu, dass mir die Lider wehtun, und wünschte, ich könnte in ein Loch kriechen und nie wieder rauskommen. Ich wünschte, Royal hätte nie angeboten, mir Fahrstunden zu geben. Ich wünschte …

Die Wärme seiner Hände umfasst meine, und ich hole erschrocken Luft und öffne die Augen.

»Demi, es ist okay. Jeder muss es irgendwie lernen. Wenn du dieses Monster hier bezwingst, kannst du alles fahren. Automatikwagen sind was für Weicheier und Angsthasen. Du bist furchtlos. Das weiß ich. Habe ich gesehen.«

Seine Hände lassen meine los und gleiten meine Arme hoch, die daraufhin zu prickeln anfangen. Ich will schlucken, aber mein Mund ist ganz trocken.

»Weißt du noch, wie wir als Kinder in diesem Bach gespielt haben und Delilah von der Schlange gebissen wurde?«, fragt er.

Ich nicke.

»Alle anderen sind weggelaufen, und was hast du gemacht? Du bist zurückgegangen und hast der Schlange mit einem Stein den Kopf zerdeppert.«

Ich lache durch die Nase und blinzle mit feuchten Augen.

»Das Biest hatte keine Chance, als du damit fertig warst«, fährt er fort.

Es ist schon Jahre her, aber der lebhafteste Teil der Erinnerung ist die Tatsache, dass Royal mir nachlief. Er ließ mich tun, was ich tun musste, und sorgte dafür, dass ich nicht allein war.

»Also sage mir, einstige kindliche Schlangentöterin: Steigst du wieder ein und übst weiter? Oder soll ich dich jetzt nach Hause bringen?«

Ich wische mir die trocknenden Tränen mit dem Handrücken weg und verdränge meinen Stolz ganz tief nach unten.

»Ja. Na gut«, seufze ich. Er lässt mich los, und wir bleiben noch einen Moment lang stehen. »Sieh mich nicht so an. Das ist komisch.«

»Wie habe ich dich denn angesehen?«

»Ich weiß nicht. Als ob …« Als ob du mich hübsch finden würdest.

Derek würde ihn umbringen, wenn er einen Annäherungsversuch machen würde.

Der Himmel hinter ihm wird zu einem tiefen Ton von Sturmblau, und in der Ferne blitzt es, gefolgt von Donnergrollen.

Winzige Wassertröpfchen treffen auf das Metall seines Chevy, und der Regen küsst unsere Gesichter.

»Steig ein«, nickt er zur Fahrerkabine.

Ich gehe auf ihn zu, zur Beifahrerseite, aber er hält mich mit der Hand an der Schulter auf.

»Whoa, whoa, whoa. Du hast doch nicht geglaubt, du kommst ums Fahren herum, nur weil es jetzt ein bisschen regnet, oder?« Royal grinst. »Auf die Weise lernt man. Steig ein. Du fährst nach Hause.«

Auf halbem Weg nach Hause wird mir klar, dass Royal mir heute das Leben gerettet hat.

Vielleicht versuche ich von jetzt an, netter zu ihm zu sein.

Nur ein bisschen.

Demi, siebzehn Jahre alt

(Zwei Jahre später)

»Wieso sitzt du hier im Dunkeln?« Royals Stimme schreckt mich um zwei Uhr morgens an einem Samstag auf.

»Ich dachte, du bist unten bei Derek?« Ich setze mich auf dem Wohnzimmersofa auf, und Royal setzt sich neben mich.

»Derek schläft«, sagt er. »Und ich kann nicht schlafen.«

»Du auch, hm?«

»Ich schlafe nie gut. Ich fühle mich nie wohl genug dafür. Ich komme mir wie Goldlöckchen oder so vor. Jedes Bett ist zu hart oder zu weich. Das richtige habe ich noch nicht gefunden.«

Wenn er je ein eigenes hätte, würde das wahrscheinlich helfen.

»Also, was hast du vor?«, frage ich.

Er zuckt mit den Schultern. »Bin raufgekommen, um im Rosewood-Kühlschrank zu stöbern. Um zu sehen, was Bliss hier so an Resten in Tupperware eingelagert hat.«

Royal rührt sich nicht vom Fleck. Offensichtlich sitzt er jetzt lieber bei mir als zu stöbern.

»Es sollte noch Lasagne da sein«, sage ich.

»Cool. Bliss kocht gut.«

»Stimmt.«

Die Wohnzimmervorhänge hinter uns sind weit aufgezogen, und der Halbmond am Himmel bietet gerade genug Licht, dass ich die Umrisse seines Gesichts im Dunkeln ausmachen kann. Ich kann nicht nur erkennen, dass er mich ansieht, ich spüre es auch.

Ich winde mich innerlich und spiele an einem losen Faden des Dekokissens auf meinem Schoß herum.

»Geh mit mir aus, Demi.« Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, und seine Frage ist ein Schock für mein Herz.

»Und warum sollte ich?«

»Im Mai mache ich den Schulabschluss«, meint er. »Und wir hatten nie ein Date zusammen.«

»Du bist für mich wie ein Bruder. Puh. Das ist eklig. Das würde ich nie tun. Und Derek würde uns umbringen.«

»Pff. Ich kümmere mich nicht um Derek.« Er rutscht näher zu mir. »Tu nicht so, als hättest du nie darüber nachgedacht. Ich schon.«

Mein Körper brennt von Kopf bis Fuß. Ich weiß nicht, wie er so direkt sein kann. Die meisten Jungs in der Schule bleiben vage. Sie spielen Psychospielchen oder sind zu feige, um den ersten Schritt zu machen.

»Ich kann aufrichtig sagen, dass ich dich nicht so sehe.« Ich räuspere mich und wende den Blick ab.

Und Pinocchio würde jetzt eine sehr lange Nase kriegen. Ich komme in die Hölle. Ich komme so was von in die Hölle.

Ich starre geradeaus auf ein Familienporträt mit lächelnden Rosewoods über dem Kamin. Ich dachte immer, dass Royal mit drauf sein sollte. Er ist mehr oder weniger einer von uns – vielleicht nicht vom Blut. Aber Blut macht einen nicht immer zur Familie. In den letzten paar Jahren hat er drei Viertel der Osterferien bei Grandma Rosewood zu Hause verbracht, und ich bin ziemlich sicher, dass sie ihn manchmal lieber mag als Derek. Immer wenn sie zu uns kommt, bringt sie seine Lieblingsplätzchen aus Hafermehl und Rosinen mit, und dann sitzen sie draußen auf der Veranda in den Schaukelstühlen und plaudern, als würden sie sich schon das ganze Leben lang kennen.

Grandma wurde mit neun Jahren zur Waise und mit zwölf adoptiert, daher hat sie eine Schwäche für ihn, denke ich.

Royal kichert. »Komm schon, Demi. Das glaube ich dir keine Sekunde lang.«

Ich verdrehe die Augen. »Ich bin echt nicht interessiert daran, zur Flamme der Woche zu werden.«

Er leckt sich über die Lippen und grinst. »Niedlich, dass du mein Gesellschaftsleben verfolgst.«

Ist ja auch schwer zu übersehen, wenn er, der Baseball-Pitcher, über den Flur stolziert wie ein Pfau, während ihm eine Horde mit Selbstbräuner eingesprühter Cheerleader an den Armen hängt.

»Ein Date«, sagt er. »Pro Woche. Zwei Monate lang.«

Ich verziehe das Gesicht. »Was? Nein. Das ist dumm.«

»Ich versuche nur zu beweisen, dass du keine Flamme der Woche wärst.«

Ich verdrehe die Augen und kämpfe gegen mein Lächeln an, als hinge mein Leben davon ab.

»Na gut. Ein Date«, sagt er. »Pro Woche. Bis du entscheidest, dass du die Nase voll von mir hast.«

»Was wahrscheinlich nach dem ersten Date sein dürfte, wenn ich ehrlich bin«, lüge ich wieder. Der Teufel wird mir ziemlich sicher schon ein ganz besonderes Plätzchen in seinem feurigen Heizkessel reservieren, mit DEMIROSEWOOD in leuchtenden Neonbuchstaben darüber eingeätzt. »Daher ist es ziemlich sinnlos, auch nur über etwas nachzudenken, das dich und mich beinhaltet.«

»Ich finde es ganz und gar nicht sinnlos«, sagt er. Ich sehe ihn an. Tatsächlich grinst er weder noch zieht er mich auf. »Ich bitte dich allen Ernstes um ein Date, Demi.«

Ich atme aus, lasse mich ins Sofa sinken und drehe dabei eine dunkle Haarsträhne von mir immer wieder in den Fingern, um mich von diesem Augenblick abzulenken.

Ein oder zwei Minuten lang sitzen wir schweigend da. Einmal mehr hat Royal die Geduld eines Heiligen, was seinen Lippen, wie geschaffen für die Sünde, direkt zuwiderläuft.

»Derek wird deine edelsten Teile dem Hund vorwerfen. Das ist dir klar, oder?« Ich runzle die Stirn und mache einen Schmollmund, um nicht zu grinsen.

»Nein. Derek ist cool. Er kommt damit klar.«

»Nicht, wenn du mich verletzt. Dann nicht.«

»Wenn hier jemand verletzt wird, dann bin ich das.«

Ich mache ein finsteres Gesicht. »Wieso das denn?«

»Weil ich schon seit Jahren auf ein Date mit Demi Rosewood warte. Es wird ziemlich sicher episch werden. Und ziemlich sicher will ich dich dann nie mehr gehen lassen.«

»Sei nicht so merkwürdig. Das mag ich nicht. Sei wieder … du.«

Gähnend stehe ich auf und werfe das Dekokissen auf den Sitzplatz hinter mir. Dann strecke ich die Hand aus und fahre mit den Fingern durch sein unordentliches schokoladenbraunes Haar. Wenn ich ihn wie einen Hundewelpen behandle, kann ich vielleicht die Tatsache ignorieren, dass mein Herz gerade mit einhundert Meilen pro Stunde dahinrast und meine Lippen beim Gedanken daran, seine zu berühren, prickeln.

»Ich gehe jetzt ins Bett«, sage ich in desinteressiertem Tonfall.

Royal greift mein Handgelenk und zieht meine Finger aus seiner Mähne, während er langsam aufsteht. Unsere Blicke treffen sich im Dunkeln, und ich frage mich, ob er hören kann, wie sehr mein Herz pocht, nun da wir so nahe beisammenstehen.

»Freitagabend«, sagt er. »Ich hole dich um sieben ab. Wir können in die Stadt gehen und alles machen, was du willst.«

»Ich will nicht, dass sich zwischen uns etwas verändert«, erwidere ich, »falls wir zusammen ausgehen.«

»Weißt du, was mir an dir aufgefallen ist?«

»Was denn?«

»Du wartest immer darauf, dass die nächste Hiobsbotschaft kommt. Egal was passiert, du rechnest immer mit dem Schlimmeren. Immer angespannt. Immer in Erwartung, dass etwas Schlimmes passiert.« Er umfasst mein Gesicht mit den Händen, legt den Kopf schief und mustert mich. »Am Ende wird immer alles gut. Und ich darf das sagen, denn ich habe schon so einigen Mist erlebt, obwohl ich kaum achtzehn bin. Du hast ein wundervolles Leben, Demi. Perfekte Freunde, perfekte Familie, perfektes Haus. Menschen wie dir passieren keine schlimmen Dinge.«

»Schlimme Dinge können jedem passieren.« Ich verschränke die Arme. »Und ich bin dankbar für alles, was ich habe, nur damit du es weißt.«

Er schüttelt den Kopf und kaut an seiner Lippe. »Es wird nicht wahr, nur weil du es sagst.«

Ich presse die Lippen zusammen. Ich kann ihm nicht sagen, dass ich schon mein ganzes Leben lang immer dieses schwere Bauchgefühl hatte, dass mir in der Sekunde, wenn ich am allerglücklichsten bin, ohne Vorwarnung alles genommen werden wird.

Ich habe das nie irgendwem erzählt, denn es klingt verrückt. Man würde es als Angststörung abtun. Mom würde mich zu einem Seelenklempner schicken. Aber ich brauche keine Gesprächstherapie. Es ist nur ein Gefühl, das ich schon immer hatte. So als sei ich damit zur Welt gekommen. Das Gefühl war immer da wie eine unsichtbare Wolke aus Finsternis, die über meiner Schulter schwebt.

»Egal, Royal.« Ich gehe einen Schritt von ihm weg und schaue zur Treppe. »Ich gehe jetzt nach oben. Vergiss nicht, meinen Dad zu fragen, ob du mich ausführen darfst. Er ist altmodisch, was das angeht.«

»Schon erledigt.«

Ich bleibe stehen und drehe mich noch einmal zu ihm um. »Wie bitte? Wann?«

»Mach dir darum keine Sorgen. Robert ist damit einverstanden. Er hat ein paar Regeln aufgestellt, aber das ist okay.«

»Was hat er gesagt?« Meine Neugier ist in höchstem Maße geweckt. Als ich aufwuchs, hat Dad immer gesagt, dass wir kein Make-up tragen, fluchen oder ein Date haben dürfen, bis wir ausziehen. Ich bin sicher, dass er übertrieben hat, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er Royal seinen Segen gegeben hat, ohne eine große Sache daraus zu machen.

»Im Grunde genommen hat er mir das Versprechen abgenommen, dich eines Tages zu heiraten.« Royal grinst. »Mehr oder weniger. Vielleicht nicht in so vielen Worten. Aber die Drohung war da. Angedeutet, wirklich.«

Ich verdrehe die Augen und kann sehen, wie mein Dad Royal eine Mordsangst macht.

»Darum wird er sich keine Sorgen machen müssen.« Ich kichere und gehe langsam zum Treppengeländer. Mit der Hand am Geländer werfe ich einen Blick zurück zu Royal, der mitten im dunklen Wohnzimmer steht, gehüllt in Mondlicht. Für den Bruchteil einer Sekunde sieht er älter aus, weiser, irdischer. Ich blinzle, und da ist er wieder.

»Muss er nicht, oder?« Royal blinzelt.

»Nacht, Royal.«

»Nacht, Demi.«

Demi, achtzehn Jahre alt

(Achtzehn Monate später)

Ich liebe ihn.

Ich liebe ihn, ich liebe ihn, ich liebe ihn, ich liebe ihn.

Die Vorhänge in meinem Zimmer sind zugezogen, und ich habe stundenlang auf die Einfahrt gestarrt. Royal hatte in den Norden des Staates fahren müssen, um irgendwelche Familienmitglieder zu besuchen. Ich wusste nicht einmal, dass er Familie hat. Er hat nie wirklich jemanden erwähnt, nie irgendwelche Einzelheiten aus seiner Vergangenheit erzählt. Aber offenbar brauchte ihn jemand, denn gestern am späten Abend ist er eilig aufgebrochen, mit einem Rucksack und einem nur halb aufgeladenen Telefon. Er meinte, bis zum Abendessen am Sonntag wäre er wieder da.

Ich rolle mich auf den Bauch, stütze den Kopf in die Hände und tippe mit den Fingern an meine Wange, im Takt zu dem Lied, das in meinen Ohrstöpseln hämmert.

Jedes Lied erinnert mich an Royal. Ich kann nicht mehr Radio hören ohne alle möglichen Gefühle dabei, und jedes Gefühl ist viel größer, viel intensiver. Niemand hat mich vorgewarnt, dass sich Verliebtsein wie ein ständiger Dopaminrausch anfühlt.

Ich bin süchtig. Besessen. Verzehrt.

Und er auch.

Er gehört mir, und ich gehöre ihm.

Wir werden für immer zusammenbleiben.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mit nicht ganz neunzehn Jahren schon Hals über Kopf in meinen Seelengefährten verliebt bin. Und ich denke, dass ich immer wusste, dass er es sein würde. Ich wollte es nur nicht zugeben.

Die Uhr auf meiner Kommode zeigt acht Uhr. Er hätte schon vor Stunden zurück sein sollen.

Ich versuche wieder, ihn auf dem Handy zu erreichen, aber sofort springt die Mailbox an. Ich schicke ihm eine Nachricht, obwohl ich weiß, dass er sie nie lesen wird, denn sein Handy ist offensichtlich tot. Mir schleicht der irrational optimistische Gedanke durch den Kopf, dass er vielleicht schon zu Hause ist und ich ihn nur verpasst habe, also schleiche ich auf Zehenspitzen in den Keller, wo er wohnt, seit er letztes Jahr, als er achtzehn wurde, aus dem Pflegesystem gefallen ist.

Sein Zimmer ist leer, doch ich bleibe noch einen Moment hier, denn es riecht nach ihm, und ich brauche meine Dosis.

Ich lasse mich auf sein Bett fallen und vergrabe das Gesicht in seinem Kissen. Ein Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus, als ich mich an all die unartigen Dinge erinnere, die wir in seiner privaten kleinen Ecke des Kellers angestellt haben. Gott sei Dank gibt es Türschlösser, denn meine Eltern würden schier ausflippen, wenn sie hier hereinplatzen würden.

Aber wir können nicht anders.

Wir können die Hände nicht voneinander lassen, und wieso sollten wir das auch wollen, wenn es sich so unglaublich toll anfühlt, zusammen zu sein? Das alberne Grinsen in meinem Gesicht ist in den letzten anderthalb Jahren zu einem Dauerzustand geworden, wegen dieses Jungen.

Und ich hoffe, dass es niemals aufhört.

Ich rapple mich von Royals Bett hoch, als ich höre, wie Mom ruft, dass das Abendessen fertig ist. Wir essen spät heute Abend. Offenbar war ich nicht die Einzige, die darauf gewartet hat, dass Royal nach Hause kommt.

Egoistischerweise passt es mir nicht, dass er wegmusste, um jemandem zu helfen. Jede Stunde getrennt ist eine Qual. Wir haben diesen Sommer jeden wachen Moment zusammen verbracht und voll Wehmut die Tage im Kalender gezählt, bis zu dem Wochenende, an dem meine Eltern mich zu meinem Zimmer am Hargrove College bringen.

Wir bleiben zusammen. Royal hat es versprochen. Aber eine Weile werden wir einige Stunden Fahrt voneinander getrennt sein. Er will versuchen, einen Job in meiner Nähe zu finden, doch bis dahin tauchen wir ein in diese sorglosen Sommernächte, als würden sie bald aus der Mode kommen.

Ich steige die Treppe hoch, gehe über den Flur und sehe, wie Mom am Ende des Tisches ein Gedeck wegräumt.

Mir sinkt das Herz, und meine Hände werden schwach. Ich mache noch einen Schritt und halte mich an der Lehne von Delilahs Stuhl fest.

»Wieso machst du das?«, frage ich Mom. »Warum nimmst du Royals Teller weg?«

Sie dreht sich mit düsterer Miene zu mir um. »Er kommt nicht.«

»Er kommt nicht … zum Abendessen?« Ich brauche Klarheit. Ich brauche mehr Infos.

Moms Blick gleitet durchs Zimmer und begegnet dem meines Vaters. Seine Lippen werden schmal, und er atmet einmal schwer ein und aus. Und dann nickt er.

Sie wissen etwas, das ich nicht weiß.

Mein Brustkorb flattert und zugleich dreht sich mir der Magen um.

»Er kommt nicht zurück, Demi.« Moms Schultern sinken herab, und sie wendet sich ab und räumt seinen Teller und eine Handvoll Besteck an seinen Platz in der akribisch ordentlichen Küche.

Ich lache. Das ist ein Witz. Es muss einer sein. Royal veräppelt immer Leute. Gleich kommt er um die Ecke und überrascht mich mit einem Dutzend roter Rosen und zwei Überraschungstickets für die Broadway-Interpretation von Les Miserables in der Stadt. Er ist spontan. Deshalb liebe ich ihn ja so.

»Was meinst du mit: er kommt nicht zurück?« Ich stolpere rückwärts und pralle an eine Wand.

Niemand grinst. Niemand lacht.

Delilah und Derek starren auf ihre leeren Teller. Daphne dreht eine Gabel zwischen zwei Fingern.

»Was ist passiert? Geht es ihm gut? Ist ihm etwas zugestoßen?« Die Worte kommen so schnell heraus, dass meine Lippen sich wie Gelee anfühlen. »Wo ist er?«

Dad räuspert sich und steht auf. »Das mit dir und Royal ist vorbei, Demi. Das ist alles, was du wissen musst. Er darf nicht hierher zurück. Und du darfst ihn nicht wiedersehen. Hast du verstanden?«

»Robert.« Moms Stimme bricht. Von dort wo ich stehe, sehe ich, dass sie sich die Hand aufs Herz drückt und den Kopf schüttelt, obwohl sie uns allen den Rücken zudreht. Ich bin sicher, sie wünschte, dass Dad mir seine Nachricht mit etwas mehr Mitgefühl vermittelt hätte, aber eine Bombe wie diese kann man nicht auf schonende Weise platzen lassen.

»Nein. Nein, nein, nein, nein …« Meine Stimme überschlägt sich. Immer wieder wiederhole ich dasselbe Wort, bis meine Kehle wund ist und das Schlucken schmerzt.

Dicke Tränen rollen über meine Wangen, und ich finde mich eine Minute später auf dem Boden wieder, die Knie an den Oberkörper gedrückt und mein Gesicht vergraben. Jemand hat die Arme um mich gelegt. Delilah vielleicht? Nein, fühlt sich wie Daphne an. Ich blicke nicht auf. Mir fehlt die Kraft dazu.

»Nein …«

Nur eine Sekunde lang schließe ich die Augen, und als ich sie wieder öffne, bin ich allein in meinem dunklen Zimmer. Begraben unter einem Berg Decken.

Allein.

Gebrochen.

Verlassen von dem einzigen Mann, den ich je lieben werde.

1. KAPITEL

Demi

(Heute)

»Du bist eine Heilige, Demi. Wirklich. Brooks hat so ein Glück, dass er dich hat.« Brenda Abbott küsst mich auf die Stirn, als ich am Fußende des Krankenbettes ihres Sohnes sitze und Lotion in seine trockenen, reglosen Beine einmassiere. »Er wird bald aufwachen. Ich weiß es einfach.«

Sie macht einen Schmollmund mit ihren dünnen Lippen, und mir wird klar, dass ich meine künftige Schwiegermutter bisher nie ohne Lippenstift gesehen habe. Aber Brenda trägt Mascara. Ganze Schichten. Dick und wasserfest. Tiefschwarz, das ihre grünen Augen schimmern lässt.

Der protzige, fünfkarätige eingebettete Diamant an meinem linken Ringfinger schimmert im trüben Licht über Brooks’ Bett und zieht meinen Blick auf sich. Ich finde immer noch, dass er unecht aussieht, obwohl ich weiß, dass er überaus echt ist, überaus zertifiziert und überaus versichert. Ich dachte, Brooks sei verrückt, weil er ihn gekauft hat. Ich habe ihm gesagt, dass niemand in Rixton Falls so einen Ring hätte. Ich wäre auch mit einem Edelstein zufrieden gewesen, der nur einen Bruchteil dieser Größe hat, aber er bestand darauf.

Vor achtundvierzig Stunden habe ich diesen Briefbeschwerer abgenommen, in seine blaugrüne Ringschachtel zurückgelegt und diese unten in einer Schublade verstaut. Vor achtundvierzig Stunden habe ich den Catering-Service angerufen, die Band abgesagt und den Fotografen angefleht, uns wenigstens einen Teil unserer Anzahlung zurückzugeben. Vor achtundvierzig Stunden kam das Leben, wie ich es kenne, zum zweiten Mal in sieben kurzen Jahren mit kreischenden Bremsen zum Stehen.

Ich schätze, ich habe eine Neigung, mir immer Typen auszusuchen, die mich lieben und dann verlassen.

Neulich abends hat Brooks mit irgendeiner dämlichen Ausrede, dass er noch nicht so weit wäre, unsere Hochzeit abgesagt und ist mit seinem roten Mercedes C-Klasse aus der Einfahrt gefahren. Mit genau dem, den er geschrottet hat, als er von der Straße abkam und in die Leitplanke krachte. Dem, der jetzt nur noch ein Haufen Altmetall auf einem Autofriedhof außerhalb der Stadt ist.

Es war spät. Ich weiß immer noch nicht, wohin er wollte, aber er hatte es offensichtlich eilig, dorthin zu kommen.

Ich hatte mir ein Glas Wein eingeschenkt, nachdem er weg war und war zu Bett gegangen. Aus reinem Trotz hatte ich ein altes T-Shirt eines Ex-Freundes angezogen. Ich konnte nicht schlafen, sondern lag nur wach und machte mir Vorwürfe, weil ich mehr Erleichterung als Kummer empfand. Ich konnte nicht verstehen, wieso ich nicht aufgebrachter darüber war, dass er mich verließ. Ich versuchte sogar, mich zum Weinen zu zwingen. Doch die Tränen wollten nicht kommen.

»Er kommt wieder in Ordnung«, beteuere ich seiner Mutter, obwohl ich nicht wirklich qualifiziert bin, diese Art Hoffnung zu äußern. Ich bin darin ausgebildet, Vorschulkinder zu unterrichten, nicht um die ungewisse Zukunft von Trauma-Patienten zu diagnostizieren.

Das regelmäßige Zischen einer Maschine, die für Brooks atmet, erfüllt das winzige Zimmer.

Eine Schwester klopft an die Tür. »Es tut mir sehr leid, meine Lieben. Die Besuchszeit ist vorbei. Sie können morgen früh wiederkommen.«

Brenda hängt sich ihre Handtasche von Prada über die Schulter und weigert sich, den Blick von ihrem verquollenen und zerquetschten Sohn zu wenden, als könnte sie sonst das winzigste Zucken verpassen. Ich erinnere sie nicht daran, dass sein Koma medizinisch veranlasst wurde und sie gar nichts verpassen wird, bis sie versuchen, ihn wieder aus dem Koma zu holen.

»Du kommst heute Abend zurecht, Liebes?« Brenda massiert über einen Knoten zwischen meinen Schulterblättern. Kleine hastige Kreisbewegungen. Tröstend, aber distanziert. Ich war seit unserem letzten Jahr am Hargrove mit Brooks zusammen, also kenne ich Brenda schon seit Jahren. Ich hielt sie immer für stark, doch jetzt beginne ich zu verstehen, dass sie einfach nur nicht gut darin ist, Emotionen zu zeigen, die tiefer unter die Oberfläche gehen.

Wie die Mutter, so der Sohn.

In unseren Anfängen brauchte Brooks den Großteil eines Jahres, um mir zu sagen, dass er mich liebt, und danach hat er diese Worte nur für besondere Ereignisse aufgespart. Geburtstage. Karten zum Valentinstag. Die gelegentliche Liebeserklärung nach einem erdbebenartigen Orgasmus.

»Ich komme zurecht«, sage ich. Brenda sollte sich um nichts außer ihren Sohn sorgen müssen. Was mit mir passiert, ist unbedeutend im Vergleich zu allem, womit sie sich beschäftigen muss, wenn er wieder aufwacht.

Falls er wieder aufwacht.

Die Ärzte sagen, dass er vielleicht nie wieder laufen oder sprechen kann. Sie sind unsicher, wie schwer die Hirnschäden sind, mit denen er zu kämpfen haben wird. Jedes Organ und jeder Knochen in seinem Körper sind geschwollen, gebrochen oder massiv geschädigt.

»Wir müssen die Hochzeit verschieben.« Brenda runzelt die Stirn und lässt die Schultern hängen. »Offensichtlich.«

Ich sehe sie an. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, etwas zu sagen, aber ich fühle die Worte genau hier, auf meiner Zungenspitze, die prickelnd drohen, die Wahrheit ins Leben zu bringen.

»An die Hochzeit denke ich im Augenblick gar nicht.« Das ist keine Lüge.

»Das ist nur ein Rückschlag. Er wird aufwachen und wieder auf die Beine kommen. Mein Sohn ist stur wie ein Maultier. Er will dich heiraten, und wenn Brooks sich etwas in den Kopf gesetzt hat, hält ihn nichts auf. Ich wäre nicht überrascht, wenn er morgen aufwacht und hier herausmarschiert, nur um zu beweisen, dass er es kann.«

Ich schnaube durch die Nase. Brooks ist stur. Er hat mir bei vier verschiedenen Anlässen einen Antrag gemacht und wollte kein »Nein« akzeptieren. Die ersten drei Male habe ich abgelehnt, ihm gesagt, dass ich nicht so weit sei, und ihn gebeten, noch sechs Monate zu warten, dann noch mal sechs Monate und danach noch mal sechs Monate. Die Wahrheit war, dass ich immer noch einen anderen liebte, und ich brauchte mehr Zeit, um über ihn hinwegzukommen. Man kann nicht einen Mann lieben und einen anderen heiraten. Es ist nicht richtig.

Und vielleicht …

Vielleicht hat ein klitzekleiner, winziger Teil von mir gehofft, Royal würde …

Nein.

Ich hasse es, darüber nachzudenken, denn ich weiß, wie komplett albern und unrealistisch das klingt.

Bei Brooks viertem Antrag sagte ich dann Ja, weil mir genau klar wurde, warum ich überhaupt mit ihm zusammen war: Er war das genaue Gegenteil von Royal Lockhart. Das Gegenbild zu dem einen Mann, der mein Herz zerschmetterte und meine Fähigkeit zerstörte, auch nur einen Bruchteil des Glücks zu empfinden, das ich einst gekannt hatte.

Brooks Abbott war das Einzige, was mich aus dem obsessiven Liebeskummer retten konnte, mit dem ich geplagt war seit dem Tag, an dem Royal ging und nicht wiederkam.

»Ich sorge dafür, dass er erfährt, dass du ihm nicht von der Seite gewichen bist«, sagt Brenda. »Ich werde ihn jeden einzelnen Tag für den Rest seines Lebens daran erinnern.«

Brooks liegt leblos in seinem Bett, den Rücken an Kissen gelehnt, und sein Brustkorb hebt und senkt sich im Rhythmus der Maschinen. Seine schönen grünen Augen sind zugeschwollen und sein kräftiges, kantiges Kinn ist an vier Stellen gebrochen. Klumpen aus getrocknetem Blut kleben in seiner dichten blonden Mähne.

Verschwunden sind seine gebügelten weißen Poloshirts, die frischen Kakihosen und die dunkelblauen Dinnerjackets. Verschwunden sind seine modischen Uhren, Geldklammern und die Slipper von Gucci. Zieh Brooks Abbott aus bis auf ein Krankenhaushemd, und er ist auch nicht mehr besonderer als jeder andere Mensch in diesem Krankenhaus.

Royal würde Brooks verabscheuen, falls sie sich je begegnen würden. Und vielleicht empfindet ein Teil von mir insgeheim Freude darüber.

Fast wünschte ich, Brooks könnte sich selbst so sehen. Er war immer so besessen davon, dieses perfekte Bild an den Rest der Welt zu vermitteln.

Perfektes Haus.

Perfekte Verlobte.

Perfektes Lächeln, perfekte Autos, perfekte Freunde …

Die Liste ist endlos.

Er hatte das alles, und mit nichts davon war er je lange zufrieden.

Ich wünschte, ich könnte ihn fragen, wohin er an dem Abend wollte. Ganz sicher war er nicht aufgewühlt, weil er die Hochzeit abgeblasen hatte. Der Mann hat nicht eine Träne vergossen. Hat den ganzen Austausch kurz und bündig gehalten. Ich hätte ahnen müssen, dass etwas im Busch war, als ich von der Arbeit nach Hause kam und neben der Haustür eine gepackte Tasche sah. Seine Schlüssel hingen an entschlossenen Händen, und die Schnürsenkel seiner Schuhe waren festgebunden.

Brooks’ Krankenschwester räuspert sich in der Ecke des Zimmers. Ich breite eine weiße Flanelldecke über seine Beine, stelle die Lotion weg und sammle meine Sachen ein. Ich brauche eine Dusche. Ich brauche eine warme Mahlzeit. Ich brauche eine Nacht voll Schlaf. Ich muss meine Gedanken ordnen. Und vielleicht auch kräftig weinen.

Brenda holt ihr Handy aus der Tasche und geht. Das macht sie schon den ganzen Tag, Anrufe annehmen und die Nachricht verbreiten. Eine seiner Tanten hat eine Spendenseite eingerichtet für die »langwierige Genesung und die Arztrechnungen, die ihm bevorstehen werden«, trotz der Tatsache, dass Brooks ein sehr erfolgreicher Finanzplaner ist und die Abbotts eine der reichsten Familien in Rixton County sind.

Und trotz der Tatsache, dass wir nicht einmal wissen, ob er durchkommt.

Ich habe Brenda mindestens viermal dabei beobachtet, wie sie Aufnahmen von Schlagzeilen verschiedener Onlineartikel gemacht hat, in denen es um den Unfall geht. Sie hat behauptet, sie hätte sie an eine Pinnwand auf Pinterest geheftet, um ein »digitales Sammelalbum« für Brooks zu erstellen, damit er es sieht, wenn er aufwacht.

Ich schätze, jeder geht anders mit Dingen um.