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Edgar Guhn geht an einem sonnigen Frühlingsnachmittag einkaufen und als er keine halbe Stunde später wiederkommt, ist seine Frau verschwunden. Ohne erkennbaren Anlass hat sie die Wohnung verlassen und kehrt nicht mehr zurück. Eine Nachricht von ihr gibt es nicht. Zehn Tage später wird in der Nähe eines Sees in Berlin Köpenick eine Frauenleiche gefunden, auf die ihre Beschreibung passt. Edgar Guhn wird von der Kriminalpolizei in die Gerichtsmedizin begleitet, um seine Frau zu identifizieren, aber auf dem Sektionstisch liegt eine ihm Unbekannte. Diese fremde Frau trägt allerdings die Kleidung von Margit Guhn … Nicht die letzte Merkwürdigkeit in diesem Fall, der in seinem Verlauf immer wieder ungeahnte Wendungen nehmen wird und die Kriminalbeamten Hatice Özdekim und Klaus Schirad bei ihren Ermittlungen sogar bis nach Ungarn führt.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Rochade
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Gerald Knopp
Impressum:
Autor: Gerald Knopp, Berlin
Handlung und Figuren in diesem Roman sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen,
oder realen Begebenheiten wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Berlin, März und April 1999
PROLOG
A
n manchen Tagen wünschte sich Edgar Guhn, seine Frau wäre tot. Nicht einfach nur nicht mehr da, sondern für immer weg. Die Möglichkeit, dass sie irgendwann wieder vor der Tür stehen konnte, durfte es nicht geben. Sie sollte sich verabschieden, und zwar gänzlich.
Heute war so ein Tag.
Ihm gegenüber saß eine Frau, die die Eintönigkeit seines Lebens laut werden ließ, obwohl sie nichts sagte. Eine Frau, die er irgendwann aufgehört hatte zu lieben. Und nicht nur das, manchmal schlich sich sogar etwas wie Hass ein, ganz allmählich und auf leisen Sohlen. Er empfand immer öfter eine tiefe Abneigung gegen alles, was sich mit ihr verband. Gegen die Art, wie sie sich bewegte, gegen den Tonfall ihrer Stimme, mit dem sie den lieben langen Tag irgendwelche Gespreiztheiten von sich gab, und ganz allgemein gegen ihre dummstolze Art, die ihm zunehmend auf die Nerven ging. Sein Blick glitt an ihrem engen Hausanzug hinunter, und er konnte sich überhaupt nicht mehr vorstellen, dass der Körper, der darunter steckte, ihm vor vielen Jahren schlaflose Nächte beschert hatte.
Die Zeiger der Wanduhr schlichen in elender Langsamkeit auf die dritte Stunde eines frühen Nachmittages ohne Inhalt zu.
Gerade stellte er sich vor, wie sie beim Lesen in ihrer blöden Frauenzeitschrift mit einem Mal aufjapsen und dann mit verdrehten Augen rückwärts in den Sessel fallen würde.
„Was hältst du von Pot-au-feu?“
„Wie …?“
„Pot-au-feu.“
Herr im Himmel, was war das nur wieder für eine bescheuerte Frage?
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe, was du meinst.“
Sie räusperte sich. Er schloss die Augen und holte tief Luft. Dieses Räuspern hatte sie sich seit kurzem angewöhnt, es kam mitunter im Minutentakt. Wie ein Tic. Es hörte sich so an, als wolle sie ein Haar, das ihr im Hals hing, herauf- oder hinunterwürgen.
Wenn es für dieses Räuspern wenigstens einen Grund gäbe, dachte er mürrisch. Beispielsweise eine große Fischgräte, die ihr im Schlund steckte, oder einen beginnenden anaphylaktischen Schock, der ihr langsam aber sicher die Luftröhre zuschwellen ließ …
„Wir haben es damals in unserem Frankreichurlaub einige Male gegessen. Erinnerst du dich? Hier ist ein Rezept abgedruckt.“ Ihre Finger klopften auf die Innenseite der Illustrierten.
„Aha.“
„Und?“
„Wenn du meinst …“
Sie ließ die Zeitung sinken. „Kann man sich mit dir nicht mehr vernünftig unterhalten?“
„Doch.“ Was sollte man auch darauf antworten?
„Ich glaube, ich werde es heute mal ausprobieren.“
„Hattest du nicht vorgehabt, Hähnchenfiletstreifen in Rahmsoße …“
„Man sollte ab und zu etwas Neues wagen.“
„Hm.“
„Wann wollte Rene mit seiner Freundin eigentlich hier sein?“
Wir reden seit Tagen über nichts anderes mehr, und sie tut so, als wäre ihr die Zeit entfallen, zu der unser Sohn kommen wollte, dachte er.
Dann erhob er sich und trat ans Fenster. „Um Sieben.“
„Es ist ja auch eine Frage der Zeit. Ich müsste vielleicht schon mal anfangen, das Gemüse zu putzen.“
„Tu das.“
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite kurbelte der Besitzer eines kleinen Lebensmittelgeschäftes eine Markise über die Auslagen vor der Tür. Die Nachmittagssonne hatte sich an seine Apfelstiegen herangetastet.
„Wie alt war Rene damals eigentlich?“
„Wann damals?“
„Als wir in Frankreich waren.“
„Zehn oder elf glaube ich.“
„Nicht älter?“
„Warum fragst du, wenn du meine Worte dann doch anzweifelst?“
Sie schälte sich aus dem Sessel hoch. „Hast du schlechte Laune?“
„Nein.“
„Es war nach der Wende das erste Mal, dass wir wieder im Ausland waren …“
„Lange her.“
Ihre Hand streichelte flüchtig über seinen Arm. „Leg dich doch ein Stündchen hin.“
„Jetzt nicht mehr. Ich werde runtergehen und mir eine Zeitung holen.“
„Bring bitte zwei Flaschen Rotwein mit. Französischen.“
Natürlich, welchen auch sonst? Er schlurfte in den Flur, zog sich die Schuhe an und nahm sein Portemonnaie aus der Jacke. Draußen schien es warm zu sein, er brauchte sich also für den kurzen Weg über die Straße nichts überzuziehen.
Als er die Wohnungstür öffnete, hörte er seine Frau in der Küche leise vor sich hinsingen. Irgendeinen albernen Schlager. Ein Topf wurde auf den Herd gestellt.
Vielleicht habe ich Glück, dachte er, und es gibt genau in dem Moment, wo ich drüben im Laden bin, hier im Haus eine Gasexplosion.
Michal Czerwinski war ein breitschultriger Pole, den es nach der Wende mit seiner Frau nach Berlin verschlagen hatte. Durch den Verkauf ihres kleinen Gehöfts in der Nähe von Poznań waren sie zu etwas Geld gekommen und das hatten sie dafür verwendet, in der Rosenthaler Straße einen Lebensmittelladen zu eröffnen. Wie sich im Laufe der Jahre herausstellte, war dies eine gute Investition gewesen. Der Laden lief zunehmend besser, nicht zuletzt wegen der außerordentlichen Freundlichkeit des Ehepaares Czerwinski.
Edgar Guhn betrat das Geschäft und stellte fest, dass sich die Anordnung der Waren in den Regalen verändert hatte.
„Muss man ab und zu machen neu“, lachte Michal ihm entgegen und kam hinter dem Ladentisch hervor. „Wenn Kunden suchen, nehmen vielleicht auch etwas anderes mit.“
„So?“
„Die großen Märkte tun das auch.“
„Was?“
„Umräumen.“
„Wie viel Quadratmeter hat dein Geschäft?“
„Sechsundfünfzig.“
„Aha.“
„Du bist wohl ein Mensch, der findet besser, wenn alles bleibt wie immer?“
Nicht in jeder Beziehung, dachte Edgar Guhn. Und laut sagte er: „In meinem Alter legt man Wert darauf, sich orientieren zu können …“
„Ach komm, wie alt bist du?“
„Sechsundvierzig.“
„Das ist doch jung!“
„Hm.“
„Hast du damit Probleme?“
„Nein, eher nicht.“
„Du schaust heute – wie sagt man? – bekümmert aus.“
„Es ist nichts.“ Guhn lächelte dünn. „Nachher kommt außerdem mein Sohn mit seiner neuen Freundin zu Besuch.“
„Na bitte, dann freu dich.“
„Hast du französischen Rotwein?“
„Sicher. Einen ausgezeichneten Cabernet Sauvignon.“
„Davon nehme ich zwei Flaschen mit. Und eine Zeitung.“
Michal hob die Hand. „Heutige Nachrichten sind nicht gut für dein Gemüt.“
„Ich bin keinesfalls deprimiert.“
„Weißt du was? Wir genehmigen uns zur Tagesfeier …“
„Zur Feier des Tages.“
„Ja, meine ich. Einen kleinen Wodka.“
Die Frau von Michal Czerwinski schmunzelte hinter der Kasse. Das Genießen eines kleinen Wodkas war mittlerweile zum festen Ritual geworden, wenn Herr Guhn zu ihnen in den Laden kam. Nachdem die Männer das erste beschlagene Gläschen geleert hatten, entspann sich meistens eine Diskussion über wichtige Tagesereignisse oder die politische Weltlage insgesamt. Czerwinski neigte dazu, letztere mit der ernsten, geheimnisverkündenden Miene eines Nachrichtensprechers zu kommentieren.
Heute wechselten sie in den folgenden Minuten lediglich ein paar Belanglosigkeiten.
„Noch einen Wodka?“
„Nein, danke. Ich muss wieder los.“
„Schade.“
„Wie gesagt, mein Sohn kommt heute zu Besuch.“
„Na egal. Wir sprechen anderes Mal.“ Der Händler verstaute die Rotweinflaschen in einer Tüte. „Dann wünsche ich euch einen lustigen und gemütlichen Abend.“
„Danke.“
Edgar Guhn trat mit langsamen Schritten aus dem Laden und blieb für einen Moment stehen. Draußen war noch immer ein herrlicher Frühlingstag. Er sog die kraftvolle Wärme der Märzsonne in sich ein.
Das bedeutet Leben, dachte er. Hier unter diesem weitblauen Himmel zu sein.
Dann fiel sein Blick auf die gegenüberliegende offene Haustür.
Mit einem leisen Seufzer betrat er hinter einem vorbeifahrenden Lieferwagen die Straße. Der Nachmittagsverkehr nahm langsam zu. In einiger Entfernung näherte sich eine Straßenbahn, aber er schaffte es ohne Mühe, vor ihr die Fahrbahn zu überqueren. Auf der anderen Seite bog eine dunkle Limousine in die nächste Nebenstraße ein.
Als er zurück in seine Wohnung kam, fiel ihm sofort eine sonderbare Stille auf. Er schaute in die Küche, da lag das Suppengemüse ungeputzt neben dem Schneidebrett und ein Handtuch darüber hingeworfen.
Guhn schüttelte verwundert den Kopf und ging durch die übrigen Räume.
Im Schlafzimmer hing der Hausanzug seiner Frau auf der Stuhllehne.
Wo war sie?
Eine naheliegende Erklärung war, dass sie sich aufgemacht hatte, um für ihr blödes französisches Essen noch irgendeine Zutat zu besorgen.
Beim Abstellen der Weinflaschen im Küchenregal bemerkte er das schnurlose Telefon, das neben dem Gemüse lag. Hatte jemand angerufen? Ihre Freundin Sybille womöglich? Diese Hysterikerin meldete sich regelmäßig, um ihren aktuellen Beziehungsfrust, ihr Leid mit Männern im Allgemeinen oder was auch immer hier abzuladen. Aber dass seine Frau deswegen in trostspendender Mission an einem Tag wie diesem aus dem Haus geeilt war, erschien ihm eher unwahrscheinlich.
Der Zeiger der Uhr fiel auf Viertel nach Vier.
Wir werden wieder viel zu spät essen, dachte Edgar Guhn. Meinem labilen Magen wird das gar nicht gut tun. Er goss sich ein Glas Mineralwasser ein und setzte sich. Ein hereinfallender Sonnenstrahl ließ für einen Moment die silberfarbene Beschichtung der Telefontasten wie Edelsteine glänzen.
Ihm fiel ein, dass die Nummern der Anrufer im Gerät gespeichert wurden. Er nahm das Telefon vom Tisch, drückte die entsprechenden Tasten und schaute interessiert auf das Display.
Keine Teilnehmerinformation, erschien für die letzte Verbindung. Es war nicht nachzuvollziehen, wer irgendwann zwischen 15.00 und 15.30 Uhr angerufen hatte.
Also hieß es: Warten.
Sich zurücklehnen und die Stille genießen. In gewisser Weise ein unerwartetes Geschenk.
Aber mit jeder fortschreitenden Minute wurde Edgar Guhn seltsamerweise ungeduldiger und auch nervöser. Ein beunruhigendes Gefühl breitete sich in ihm aus. Er riss das Fenster auf und schaute hinaus, die Straße hoch, die Straße runter. Unter all den Menschen dort unten war jedoch niemand auszumachen, der seiner Frau auch nur im Entferntesten ähnelte.
Es gibt sicher eine ganz banale Erklärung, dachte er, lief durch die Wohnung und dann wieder zurück ans Fenster.
Eine weitere halbe Stunde später rief er einige wenige Bekannte an und erkundigte sich, ob seine Frau wohl zufällig bei ihnen wäre. Nein, das war sie nicht, wurde ihm versichert.
Nachdem Edgar Guhn resigniert das Telefon weggelegt hatte, ballte er die Fäuste. Was hatte das zu bedeuten? Wo, um alles in der Welt, war diese bescheuerte Kuh nur abgeblieben?
Als es um halb Sieben an der Tür klingelte, öffnete er mit den Worten: „Sie ist weg, verdammt.“
I.
D
as Restaurant `Porto Viro´war wegen seiner ausgezeichneten italienischen Küche und der gemütlichen Atmosphäre an diesem Karfreitagabend vor Ostern – aber auch an jedem anderen Abend der Woche – gut besucht. Hier kümmerte sich der Chef noch selber um die Zubereitung der Speisen und ging gelegentlich auch von Gast zu Gast, um sich nach deren Zufriedenheit zu erkundigen.
Ein junger Mann trat durch die Eingangstür, schaute sich kurz um und steuerte dann rasch auf einen Tisch am Fenster zu, an dem eine Frau saß und ein Weinglas zwischen den Fingern drehte.
„Tut mir leid, dass es etwas später geworden ist“, sagte er und gab ihr einen Kuss. Dabei strich seine Hand durch ihr langes schwarzes Haar.
„Etwas?“, gab sie zurück. „Ich sitze seit einer guten Stunde hier und warte auf dich, mein Lieber.“
„Wir haben einen neuen Fall zugeteilt bekommen und der Chef hat mich gebeten, noch mal mit einem Zeugen zu sprechen. Du weißt ja, wie das ist …“
„Ich? Woher?“
Er schmunzelte. „Danach musste ich noch den Schreibkram erledigen.“
„So etwas hat immer Zeit bis zum nächsten Tag.“ Sie trank einen Schluck Wein und ihre dunklen Augen schauten ihn über den Glasrand hinweg kampflustig an.
„Ein Ante mortem Protokoll sollte schon zeitnah angefertigt werden. Es handelt sich nämlich um eine Frau, die seit voriger Woche vermisst wird. Genauer gesagt, seit acht Tagen.“
„Oh. Heißt das, ihr rechnet damit, dass es auch ein Post mortem Protokoll geben wird?“
„Sie ist jedenfalls unter recht merkwürdigen Umständen verschwunden.“ Er winkte dem Kellner.
„Erzähl.“
„Am vergangenen Donnerstag haben diese Frau und ihr Ehemann einen freien Tag, weil sich der Sohn, der in München wohnt und dort studiert, mit seiner neuen Freundin für einen Wochenendbesuch angemeldet hat. Gegen 15.00 Uhr geht der Mann auf einen Sprung ins Lebensmittelgeschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite, um zwei Flaschen Wein und eine Zeitung zu kaufen. Dort führt er mit dem Besitzer des Ladens, den er seit Jahren kennt, ein Gespräch. Nach eigenen Angaben jedoch nicht länger als etwa zwanzig Minuten. Als der Mann in seine Wohnung zurückkehrt, ist seine Frau nicht mehr da …“
Der Kellner trat an ihren Tisch und sie gaben die Bestellung für das Essen ab.
„Was heißt das: sie war nicht mehr da?“, wollte sie wissen, als sie wieder allein waren.
„Die Frau hatte sich in der Zwischenzeit umgezogen und war gegangen.“
„Sie hat einfach spontan ihren Mann verlassen?“
„Na ja, so sieht es nicht aus.“
Die junge Frau mit den schwarzen Haaren schob ihr Glas beiseite. „Wie sieht es denn dann aus?“
Er zuckte leicht mit den Schultern.
„Paule, lass dir nicht alles aus der Nase ziehen!“
„Ich mag es nicht, wenn du Paule zu mir sagst …“
Sie stupste ihn mit dem Zeigefinger kurz am Kinn und lächelte. „Weiß ich. Und nun rück mit den übrigen Fakten raus!“
Dazu kam er nicht, denn eine Karaffe Rotwein wurde gebracht und die Gläser vollgeschenkt.
Er prostete ihr zu und ließ den ersten Schluck langsam und fast zeremoniell am Gaumen entlangrinnen. „Der ist gut …“
„Deshalb habe ich ihn bestellt.“
„Wirklich gut.“
„Jaaa …“
„Ein fruchtiges Bouquet und trotzdem nicht allzu lieblich im Abgang.“
Ihre Finger klopften einen kurzen ungeduldigen Wirbel. „Übertreibs nicht.“
„Also, du willst wissen, warum ich nicht glaube, dass die Frau ihren Mann einfach so verlassen hat?“
Sie nickte mit spitzem Mund.
„Was wir bislang wissen, ist Folgendes: um 15.12 Uhr nimmt sie in der Küche einen Anruf entgegen. Wer am anderen Ende war, konnte nicht festgestellt werden, denn die Rufnummer wurde nicht angezeigt und ließ sich auch im Nachhinein über die Telefongesellschaft nicht ermitteln. Das Gespräch dauert keine drei Minuten. Aber das, was sie mitgeteilt bekommt, muss offenbar von einer dringlichen Wichtigkeit sein. Nachdem sie aufgelegt hat, geht sie augenblicklich ins Schlafzimmer, zieht sich um und verlässt die Wohnung. Nur wenige Minuten, bevor der Mann zurückkehrt.“
„Hat sie irgendwelche Sachen oder persönliche Dinge mitgenommen?“
„Eben nicht.“
„Und seitdem wurde sie von niemandem mehr gesehen?“
„Nein. Wir haben natürlich die Nachbarn befragt, außerdem die Geschäftsleute aus der näheren Umgebung und uns auch bei sämtlichen Taxizentralen erkundigt. Das ganze Programm. Leider ohne Erfolg.“
„Merkwürdig.“
„Du sagst es …“
Ein anderer Kellner kam und servierte zur Vorspeise zwei Salatteller.
Sie ergriffen ihr Besteck und der Gedankenaustausch wurde für einige Minuten unterbrochen.
Das junge Paar am Fenstertisch waren Hatice Özdekim und ihr Lebensgefährte Paul Kieling. Sie arbeiteten beide bei der Berliner Polizei, genauer gesagt, in Abteilungen des Dezernats, das für „Delikte an Menschen“ – wie es offiziell hieß – zuständig war. Man konnte es auch einfacher sagen: sie versahen ihren Dienst in zwei verschiedenen Mordkommissionen. Als sie sich vor zwei Jahren bei der Fahndung nach einem Frauenmörder nähergekommen waren, hatten sie beschlossen, dass es gut wäre, nicht auch noch auf der Arbeit ständig zusammen zu sein.
`Vierundzwanzig Stunden ohne Pause denselben Kerl an meiner Seite zu haben, würde mich ziemlich rasch wahnsinnig machen´, hatte Hatice damals in ihrer burschikosen Art festgestellt. `Eine Liebe ohne Spannung und Vorfreude muss doch irgendwann einschlafen.´
Er hatte ihr etwas zögerlich zugestimmt, und so lebten sie seit zwei Jahren in einer Beziehung, die jedem noch einen gewissen Freiraum ließ. Die gemeinsamen Stunden verbrachten sie vorwiegend in ihrer Wohnung, die jedoch auf die Dauer für zwei Menschen etwas klein war. Das hatte sie vor ein paar Wochen zu dem Entschluss kommen lassen, endlich zusammenzuziehen und sich nach einem passenderen Zuhause umzusehen. Die Frage, wo diese Wohnung liegen sollte, brachte allerdings leichte Differenzen mit sich. Hatice wollte am liebsten in Kreuzberg bleiben, während Paul für den Ostteil der Stadt votierte, da er dort geboren war. Zurzeit waren sie aber noch dabei, alle Angebote zu studieren und Mietpreise, Nebenkosten und Kautionen zu vergleichen.
„Was macht der Mann für einen Eindruck?“, fragte Hatice unvermittelt.
„Der Ehemann der vermissten Frau?“
„Ja, welcher denn sonst?“ Sie verdrehte für einen Moment die Augen und spießte eine Olive auf ihre Gabel.
„Er wirkte bei unserem Gespräch gefasst und …“
„Hm?“
„Ich überlege, ob man das so sagen kann. Er schien mir vor allem erstaunt.“
„Nun ja, wer ist erst mal nicht überrascht, wenn sich die Frau so mir nichts dir nichts aus dem Staub macht?“
„Vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt. Es war eine Art Erstaunen, welches beispielsweise ein schweres Unwetter hervorruft, das zwar nicht angekündigt war, aber doch im Bereich des Möglichen lag.“
Hatice runzelte die Stirn. „Wenn ich deine mystischen Ausführungen richtig interpretiere, glaubst du, dass er irgendwie mit dem Verschwinden seiner Frau gerechnet hat?“
„Zumindest damit, dass etwas passieren würde.“
„Hast du ihn gefragt, wie es um die Ehe stand?“
Er leckte sich einen Spritzer Salatsoße vom Finger. „Selbstverständlich …“
„Und?“
„Der Mann hat das gesagt, was die meisten auf diese Frage antworten: Wir sind seit vielen Jahren verheiratet, haben etliche Höhen und Tiefen erlebt – das hat uns zusammengeschweißt –, und sicher gibt es auch mal Streit, aber im Großen und Ganzen sind wir glücklich miteinander.“
„Stand zwischen den Zeilen zu lesen: wir haben uns auseinandergelebt?“
Paul zuckte mit den Schultern. „Er brach während unseres Gesprächs jedenfalls nicht in Tränen aus.“
„Was sagt der Sohn?“
„Da er seit zwei Jahren in München lebt, ist der Kontakt zu den Eltern natürlich eher sporadisch. Etwa viermal im Jahr kommt er nach Berlin zu Besuch, ansonsten telefoniert er wöchentlich ein bis zwei Mal mit ihnen. Er beschreibt die Beziehung seiner Eltern als normal.“
„Hat er eine Idee, wo seine Mutter abgeblieben sein könnte?“
„Nein. Das Ganze ist ihm unerklärlich.“
„Vielleicht steckt ein Liebhaber dahinter …“
„Dann gäbe es doch wenigstens einen Abschiedsbrief oder sonst irgendeine Nachricht von ihr! Sie ist seit nunmehr acht Tagen wie vom Erdboden verschluckt.“
Hatice strich langsam über ihre Serviette. „Vielleicht ist es auch ganz anders. Der Mann hat sich seiner Frau … entledigt und die Geschichte ihres plötzlichen Verschwindens inszeniert.“
„Darüber haben wir auch nachgedacht. Es gibt bislang allerdings keinen Anhalt dafür.“
„Lass uns das noch mal durchdenken: Er bringt sie am Abend vorher um, schafft in der Nacht ihre Leiche fort und arrangiert am nächsten Tag in aller Ruhe die beschriebene Situation …“
„Du vergisst das Telefongespräch.“
Hatice zog den Mund schief. „Er könnte jemanden unter irgendeinem Vorwand gebeten haben, kurz nach Drei anzurufen.“
„Es kam eine Verbindung zustande, und zwar genau zu der Zeit, als er im Lebensmittelgeschäft auf der anderen Straßenseite war. Der Ladenbesitzer hat es uns mehrmals glaubhaft bestätigt.“
„Hm. Ein bestechendes Alibi …“
Zu weiteren Spekulationen kam es zunächst nicht mehr, denn das Essen wurde serviert und sie stießen auf einen schönen Abend an.
II.
D
ie kleine Gruppe, die sich an diesem sonnigen Ostersonntagnachmittag Anfang April aufgemacht hatte, um die Köpenicker Müggelberge auf einem eher abseits gelegenen Weg zu besteigen, nannte sich „Theodors Wanderfreunde“ und war im weitesten Sinne ein Freizeitclub, dessen Mitglieder sich zum Ziel gesetzt hatten, Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg nachzuerleben. Soweit dies heutzutage noch möglich war. Zu ihnen gehörten eine Lehrerin für Deutsch und Geschichte, ein Postangestellter, eine Bibliothekarin, ein Kleintierkonservator, eine Diätköchin und ein pensionierter General der Bundeswehr. Letzterer führte die Gruppe, denn er bereitete sich auf alle Ausflüge in die Natur gewissenhaft vor, indem er alte und neue Karten studierte, sich mit den Gegebenheiten des zu erwandernden Geländes vertraut machte, sich die eine oder andere lustige Anekdote zu den Sehenswürdigkeiten rechts und links des Weges parat legte und nicht zuletzt mit den Texten Fontanes außerordentlich vertraut war.
Die Gruppe hatte auf einer Lichtung in der Nähe des Teufelssees für ein paar Minuten Rast gemacht, nachdem der General a. D. seinen Freunden verraten hatte, dass ihnen nun ein steiler Anstieg durch unwegsames Unterholz auf die Müggelberge bevorstand.
„Denn wie Fontane berichtet, hatten er und seine Begleiter den bequemenWeg, der sich hinaufschlängelt, verschmäht und den Berg auf dem geradesten Wegwie imSturm genommen“, rezitierte er nicht ohne militärisches Pathos frei aus dem Gedächtnis.
„Ich glaube, ich bekomme am rechten Fuß eine Blase“, lispelte die Lehrerin.
Der Postangestellte warf einen skeptischen Blick auf ihre neuen Wanderschuhe. „Kein Wunder.“
„Die waren ziemlich teuer …“
„Typische Frauenlogik. Was nützt dir ein Luxusschuh, wenn du dir darin die Füße blutig läufst?“
Sie lockerte seufzend die Schnürsenkel. „Ich darf gar nicht an den Anstieg denken.“
„Vielleicht könnte die Einreibung mit meiner Kamillencreme deine Beschwerden lindern“, bot die Diätköchin an.
Die Bibliothekarin kramte indes in ihrem Rucksack. „Irgendwo hier drinnen habe ich ein Pflaster. Das kleben wir dir einfach auf die wunde Stelle.“
„Oh, danke.“
Der General a. D. stemmte seine Hände in die Hüften. „Nun gut, dann machen wir noch zehn Minuten Pause, bis deine sensible Haut verarztet ist.“ Er warf dem Kleintierkonservator einen unzweideutigen Blick zu. „Wie sieht es aus, wollen wir in der Zwischenzeit einen Abstecher zum Teufelsmoor dort drüben machen?“
„Gerne“, antwortete der, und sie entfernten sich vom Rastplatz der anderen Wanderfreunde.
„Frauen“, zischte der General, als sie außer Hörweite waren. „Man hat nur Ärger mit ihnen. In allen Lebenslagen.“
„Nun, so allumfassend würde ich das nicht bestätigen wollen. Sie werden nicht ohne Grund das zarte Geschlecht genannt …“
„Eben deshalb sollten sie sich von bestimmten Dingen fernhalten.“
„… und sie können unser Leben auch bereichern.“
„So?“
Sie betraten einen schmalen Pfad, der sich durch die Moorlandschaft schlängelte. Rechts und links neben ihnen ragten schwarzkahle Bäume aus dem Tümpelwasser, das schlammige Ufer war mit dem Laub des letzten Herbstes bedeckt. Ein Fischotter sah hinter einer moosbedeckten Wurzel hervor und verschwand dann eilig in einem Gestrüpp.
„Ein kleines Stück Wildnis unweit der großen Wanderwege“, staunte der Konservator und blieb stehen.
„Schön, nicht wahr?“
„Ja.“
„Demnächst will man hier mit Baggern anrücken …“
„Bagger? Weshalb, um Himmels Willen?“
„Unter der Wasseroberfläche tickt eine Zeitbombe. Zu DDR-Zeiten haben hier verantwortungslose Menschen enorme Mengen Bauschutt im Moor versenkt. Einiges an unkontrollierbaren Schadstoffen. Man will den Müll herausholen und abtransportieren, damit sich die Natur wieder erholen kann.“
„Das ist löblich. Es gibt auch Wälder in Berlin, die regelrecht verwahrlosen. Viele Menschen scheinen leider keinen Sinn mehr für das Schöne von Fauna und Flora zu haben.“
„Wo du es gerade sagst“, knurrte der General und bückte sich, um nach einer blauen Kordelschnur zu angeln, die auf einem Grasballen in Ufernähe lag. Er bekam das Ende nach einigen vergeblichen Versuchen schließlich zu fassen. „Verdammt, was hängt denn da dran?“
Die Schnur spannte sich und war offenbar länger als es schien.
„Als ob unten jemand festhält …“
Plötzlich wurde an der Oberfläche des Wassers etwas Helles sichtbar.
Die beiden Männer starrten ungläubig über den Uferrand.
Aus dem Moor tauchte neben der Schnur ein weißer menschlicher Arm auf.
III.
W
ie kommt man darauf, ausgerechnet hier eine Leiche verschwinden zu lassen?“, brummte Hauptkommissar Klaus Schirad mürrisch und sah zu seinem Kollegen Konrad Hofer hinüber.
„Wenn man schon mal an diesem Ort war“, antwortete der. „Es ist keine schlechte Idee. Von der Müggelheimer Straße biegt man in den Wald ab, fährt nur ein kurzes Stück auf dem befestigten Weg und sucht sich dann auf dem großen Parkplatz, wo auch unsere Autos jetzt stehen, eine abgelegene Ecke. Bis hierher sind es keine hundert Meter mehr.“ Er zeigte auf die blaue Kordelschnur. „Hätte nicht irgendein Tier am Knoten genagt und sich das lose Ende dann an dem abgebrochenen Ast verfangen …“
„… wäre das Teufelsmoor zu einem sicheren Grab geworden“, ergänzte Schirad und rieb sich über sein kantiges Kinn. „Das hat sich jemand nicht in der ersten Panik ausgedacht.“
„Nein.“
Hinter ihnen wurden Schritte hörbar. Zwei weitere Mitarbeiter der 9. Mordkommission, Oberkommissarin Hatice Özdekim und Oberkommissar Daniel Kelm – jüngere Kollegen – traten an sie heran.
„Einen schönen Ostersonntag wünsch ich“, legte Hatice zwei Finger an die Schläfe.
„Sehr witzig“, gab Schirad zurück.
„Schlechte Laune? Hat dir niemand ein Geschenk versteckt?“
„Ich brauche kein Pappei mit irgendetwas darin.“
„Jeder freut sich doch über Aufmerksamkeiten …“
„Blöde Feiertage.“
„Was haben wir hier?“, fragte sie lächelnd und zeigte auf eine Gruppe Kriminaltechniker, die hinter einem Absperrband den Rand des Moors nach Spuren absuchten.
„Dem ersten Anschein nach einen neuen Fall. Ein paar Wanderer, die eine Rastpause dazu nutzten, sich dieses kleine Biotop anzuschauen, haben vor etwa zwei Stunden dort drüben eine weibliche Leiche aus dem Wasser gezogen. Spuren am Hals der Frau deuten darauf hin, dass sie erdrosselt wurde. Möglicherweise sogar mit derselben Kordel, mit der man auch die Folie, in die sie eingewickelt war, verschnürt hat.“
„Wie lange lag sie schätzungsweise schon in diesem Teich?“
„Dem Zustand nach zu urteilen vielleicht eine Woche.“
Hatice nickte nachdenklich.
„Habt ihr irgendetwas gefunden, was auf ihre Identität hindeutet?“, fragte Daniel Kelm, nahm seine rotgerandete Brille ab und besah sich die Gläser in der Nachmittagssonne. Er trug trotz des warmen Wetters einen dunklen, gerade sitzenden Anzug.
„Wenn du einen Ausweis oder andere Papiere meinst, Fehlanzeige.“
„War eine dumme Frage.“
Schirad klopfte seinem Kollegen auf die Schulter. „Sagen wir mal, du hast sie der Vollständigkeit halber gestellt, und das ist durchaus okay.“
Kelm sah ihn misstrauisch an. Bis vor kurzem war ihr Verhältnis von einer gewissen Geringschätzung des zweiten Hauptkommissars ihm gegenüber geprägt gewesen. Und noch vor wenigen Jahren hatten Bemerkungen mit einer vernichtenden Arroganz sogar auf der Tagesordnung gestanden. Die Wandlung war dann unerwartet nach einer längeren, krankheitsbedingten Auszeit Schirads eingetreten. Ein latenter Argwohn in Daniel untersuchte aber noch immer jeden Satz und jede Geste.
Ein Mitarbeiter der Kriminaltechnik hob das Absperrband an, schlüpfte darunter hindurch und kam auf sie zu. „Viel gibt es hier nicht zu finden, befürchte ich. Das einzig Verwertbare ist ein Schuhabdruck am Ufer, Größe 43, das Profil lässt sich allerdings nur vage erahnen.“
„Eine richtige Uferbegrenzung gibt es doch hier in diesem Moor gar nicht“, dachte Hatice laut nach.
„Ich hätte auch sagen können, die letzte feste Stelle, an der man stehen kann, bevor das Wasser beginnt …“
„War nicht als Kritik gemeint. Ich stelle mir nur gerade vor, wie der Mörder die Leiche hierher gebracht hat. Er trägt sein verschnürtes Opfer durch das Waldstück, muss aufpassen, dass er nicht danebentritt und selber im Schlamm versinkt, um dabei noch so nah wie möglich bis ans tiefere Wasser heranzukommen. Da ist schon eine gewisse physische Stärke erforderlich. Wie viel wird die Frau etwa wiegen?“
„Ich schätze um die sechzig Kilo“, meinte der Techniker.
„Vielleicht war er nicht allein“, gab Kelm zu bedenken.
„Mag sein. Sicher ist jedoch, dass er schon einmal hier war. Woher sollte er sonst die Gegebenheiten dieser Örtlichkeit kennen?“
„Gewiss. Aber die Feststellung hilft uns kaum weiter. Hier kommen unzählige Naturfreunde vorbei.“
„Und das Gebäude vorne am Parkplatz ist ein Lehrkabinett, so eine Art Waldschule, wenn ich es richtig verstanden habe“, nickte Hofer. „Es wird zurzeit ausgebaut, wie man an den Gerüsten erkennen kann.“
„Der Kreis der Ortskundigen wird also noch um einige Bauarbeiter erweitert …“
„Egal, auf diesem Weg kommen wir sowieso nicht weiter“, unterbrach Schirad die Kollegen und steckte sich eine Zigarette an. „Die eben erwähnten Umstände grenzen allerdings die Zeit ein, an der die Leiche hierher gebracht wurde. Tagsüber, wenn das Lehrkabinett geöffnet ist, wohl kaum. Und nach Einbruch der Dunkelheit ist es aufgrund der dann nicht mehr zu erkennenden Moorlöcher zu gefährlich. Bleiben nur ein paar Stunden am Abend oder früh am Morgen. Wir werden folglich zuerst mit den Leuten von der Waldschule sprechen müssen. Daniel, würdest du das übernehmen?“
„Jetzt?“
„Mir war so, als wenn ich dort bei unserer Ankunft ein offenes Fenster gesehen hätte.“
„Dann werde ich mal schauen, ob jemand da ist.“ Kelm entfernte sich.
„Wo ist eigentlich eure Chefin?“, erkundigte sich der Kriminaltechniker. „Hat sie das Osterwochenende über frei?“
„Nein, Urlaub.“
Schirad trat seine halbaufgerauchte Zigarette aus. „Unsere Perle bereist zusammen mit ihrem Mann die norwegischen Fjorde, sie haben sich eine Kabine auf so einem Postschiff gemietet, das innerhalb von zwei Wochen alle Häfen im hohen Norden abklappert.“
„Ist es da oben nicht noch ziemlich kalt?“
„Und ob!“
„Warst du schon mal dort?“
„Dass es nördlich von Stavanger fast immer Winter ist, weiß ich auch so.“
„Ich werde mich dann mal wieder an meine Arbeit machen“, sagte der Techniker. „Was ich euch eigentlich mitteilen wollte: ihr könnt zwar durchaus warten, bis wir das kleine Areal um den Fundort der Leiche abgesucht haben. Aber so wie es aussieht, werden wir wahrscheinlich nichts Besonderes mehr finden.“
„Eine Frage habe ich noch“, hob Hatice den Finger. „Wie sieht es mit den Kleidungsstücken der Toten aus? Kann man sie noch für eine eventuelle Identifizierung gebrauchen?“
„Gewiss. Die Leiche lag ja noch nicht so lange im Wasser.“
„Was hat die tote Frau an?“
„Eine hellblaue Jeans, grünes T-Shirt, darüber eine Art Strickjacke mit Knöpfen und eine hüftlange Sommerjacke, die weiß oder hellgrau gewesen sein könnte.“
„Ist die Kleidung intakt?“
„Es gibt ein, zwei Löcher in der Rückseite der Jacke, die durch im Wasser liegende spitze Äste entstanden sein könnten. Risse oder andere Anzeichen auf grobe Gewalteinwirkung fanden sich nicht.“
„Schmuck?“
„Außer einem Ring an der rechten Hand habe ich auf den ersten Blick nichts entdecken können …“
„Auf den ersten Blick?“
„Wir haben sie nicht vollständig entkleidet, meine ich.“
Hatice zog ihr Handy aus der Tasche. „Ich telefoniere mal kurz.“ Sie trat ein paar Schritte zur Seite.
„Noch Fragen?“, wollte der Techniker wissen.
„Nein“, schüttelte Konrad Hofer den Kopf. „Danke für deine ersten Erläuterungen. Wir werden dann auch bald abrücken.“
„Ich schicke euch unseren Bericht so schnell es geht.“ Der Mann begab sich wieder an seine Arbeit.
„Tja“, meinte Klaus Schirad gedehnt. „Dann werden wir mal Theodors Wanderfreunde befragen … Vielleicht haben sie ja wider Erwarten doch etwas Interessantes bemerkt.“
„Unwahrscheinlich. Die Leiche lag schließlich schon mehrere Tage im Wasser.“
„Dieser Umstand lässt immerhin darauf hoffen, dass es eine Vermisstenanzeige gibt.“
„Darum kümmere ich mich, wenn wir zurück im Büro sind.“
Hatice kam wieder näher und tippte mit einem Lächeln auf das Display ihres Mobiltelefons. „Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei der toten Frau um Margit Guhn, zweiundvierzig Jahre alt, wohnhaft in Berlin-Mitte, verheiratet und verschwunden seit zehn Tagen.“
IV.
E
s war später Vormittag am Ostermontag, als die Kriminalbeamten Hofer, Schirad, Özdekim und Kieling neben dem Seziertisch in der Gerichtsmedizin standen und stumm abwarteten, bis der Pathologe seine erste Untersuchung der Frauenleiche aus dem Teufelsmoor abgeschlossen hatte.
Schließlich striff er sich die Gummihandschuhe von den Fingern und blickte hoch. „Oberflächlich betrachtet, finden sich zunächst keine Anzeichen für einen sexuellen Missbrauch. Das seht ihr ja selber. Es gibt keine Hämatome, Kratzer oder andere Hinweise auf Gewalteinwirkung …“ Der Arzt schob sich die Brille hoch. „Außer der Strangulation natürlich. Die wurde allerdings mit ziemlicher Heftigkeit ausgeführt. Ihr erwähntet einen Strick?“
Konrad zog ein Foto aus der Tasche. „So wurde die Frau aufgefunden: Sie war in dicke Folie eingewickelt, zusammengehalten von einer blauen Kordelschnur.“
„Könnte als Tatwerkzeug in Frage kommen. Aber das müssen die Kollegen im Labor klären.“
„Was schätzen Sie, wie lange lag die Leiche schon im Wasser?“, fragte Paul Kieling.
„Kaum länger als zwei Wochen.“
„Zwei Wochen?“
„Sehen Sie sich den Zustand des Körpers an. Er ist noch nicht allzu sehr aufgedunsen …“
„Sind Sie sich sicher, Rudolf?“, hakte Hatice nach. Sie kannte den Gerichtsmediziner schon von früheren Besuchen in seinem Institut.
Er setzte ein selbstsicheres Grinsen auf. „Ich arbeite hier nun seit gefühlten hundert Jahren in diesen heiligen Räumen und mir sind schon unzählige Patienten unters Messer gekommen. Wenn ich sage, sie lag länger als eine Woche in dem Waldsee oder wo auch immer, kannst du das glauben. Denk daran, dass sie in Folie eingewickelt war!“
Die Kriminalbeamtin hob die Hand. „Entschuldigung.“ Den vertraulichen Ton war sie gewohnt. „Wie lange ist sie schon tot?“
„Dies wiederum ist eine Frage, die ich ohne genauere Untersuchungen und Laborbefunde nicht beantworten kann …“
„Eine vorsichtige, natürlich vollkommen unverbindliche Schätzung?“ Ihre dunklen Augen blinzelten ihn an.
Rudolf schaute an den wachsweißen Gliedmaßen des nackten Körpers auf dem Seziertisch entlang. „Also, ich vermute, die Frau wurde vor weniger als zwei Wochen ermordet. Aber das ist pure Spekulation!“
„Selbstredend …“
Er stach mit seinem Zeigefinger in die Luft. „Denn, wahrhaftig, wenn es anders wäre, mein Name, er verdiente nicht zu strahlen in dem Buch der Ehre.“
Hatice schmunzelte. „Heinrich Heine?“
„In der Tat. Mein Kind, du solltest den profanen Beruf der Polizistin aufgeben.“
„Ich wüsste nicht, warum …“
In diesem Moment klopfte es an der Tür und Daniel Kelm steckte seinen Kopf herein. „Der Ehemann, Herr Guhn, ist jetzt hier, er sitzt draußen auf dem Gang.“
Konrad nickte. „Danke. Bleib bei ihm, wir rufen euch gleich.“
Die Tür wurde wieder geschlossen.
„Doktor, wir hatten Ihnen ja vorhin angekündigt …“
„Ja ja. Der arme Teufel soll sich diese Wasserleiche ansehen und sagen, ob es seine Frau ist. Solch eine Situation wünscht man seinem ärgsten Feind nicht.“ Er griff sich ein weißes Laken aus dem Regal. „Ich werde den Körper wenigstens bis zum Gesicht hin abdecken.“
Hatice legte eine durchsichtige Tüte mit den Kleidungsstücken der Toten auf einen Seitentisch.
Der Gerichtsmediziner strich den Stoff des Lakens glatt und ordnete die Haare der Frau so gut es ging. Er tat dies mit einer gewissen Art von Zärtlichkeit, allenthalben aber mit Achtung vor der toten Person auf dem kalten Stahltisch. „So, nun ruft ihn meinetwegen herein.“
Konrad holte den Mann und seinen Kollegen.
Edgar Guhn war untersetzt und von schlanker Statur. Sein Jackett hing etwas in den Schultern, was wohl ein Hinweis darauf sein konnte, dass er in den letzten Tagen an Gewicht abgenommen hatte. Die grauen Augen waren mit leichten Schatten unterlegt.
Er näherte sich mit vorsichtigen Schritten der Toten, den Blick auf ihr Gesicht gerichtet. Schließlich blieb er am Sektionstisch stehen und rieb mit Daumen und Zeigefinger an der Außennaht seiner Hose.
Dann schaute er zum Gerichtsmediziner auf. „Darf ich das Laken ein wenig anheben?“
„Bitte.“
Wie einen Bühnenvorhang raffte Edgar Guhn langsam den Stoff zusammen. Darunter wurde ein Oberkörper mit kleinen, schlaffen Brüsten sichtbar. Er atmete hörbar ein und drehte sich zu den Kriminalbeamten. „Das ist nicht meine Frau.“
Konrad kratzte sich an seinem blonden Schnurrbart. „Sind Sie sicher?“
„Ja …“
„Tote Menschen, die einige Zeit im Wasser liegen, verändern ihr Aussehen stärker als man annehmen würde.“
„Margit hat auf der linken Bauchseite ein kleines Muttermal. Etwa zehn Zentimeter über dem Nabel.“
Die Anwesenden starrten auf die schneeweiße Haut der Toten. Im gesamten vorderen Bereich war nicht die geringste Pigmentauffälligkeit zu entdecken.
Der Mann zog das Laken wieder hoch und nickte dabei. „Wie gesagt, sie ist es nicht.“
Paul Kieling fasste sich als Erster und reichte ihm die Hand. „Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie hierhergekommen sind. Es war bestimmt nicht leicht. Noch dazu, wo wir Sie ohne Gewissheit nach Hause entlassen müssen.“
Der Händedruck wurde nur schlaff erwidert. „Das Ganze ist für mich unbegreiflich, ich verstehe ihr Verhalten einfach nicht.“
„Meine Kollegen und ich werden alles dafür tun …“
„Natürlich müssen Sie das sagen.“ Guhn lächelte matt.
„Ihre Situation ist sehr schwierig, und glauben Sie mir, es ist auch für uns von größtem Interesse herauszufinden, warum Ihre Frau nicht auffindbar ist.“
„Danke.“ Der Mann wandte sich zum Gehen, als sein Blick auf die Tüte mit den Kleidungsstücken fiel. Seine rechte Hand fuhr zum Hals. „Hat man diese Sachen bei ihr“, er deutete mit einer leichten Kopfbewegung zum Tisch hin, „also ich meine, bei der Toten gefunden?“
Hatice öffnete die Tüte und ließ Jacke, Hose und Shirt auf einen nebenstehenden, leeren Sektionstisch herausgleiten. „Das hatte sie an.“
Beinahe ein Flüstern. „Wie ist das möglich?“
„Könnten Sie bitte lauter sprechen? Ich habe Ihre letzten Worte nicht richtig verstanden.“
„Jetzt bin ich vollkommen verwirrt.“ Edgar Guhn griff nach der Jeanshose. „Hier über der Seitentasche sind zwei kleine rote Flecken. Eine besondere Sorte Rotwein. Margit hat sie trotz aller Mühen nicht herausbekommen. Da sie genau waagerecht über dem Rand sitzen und es so aussieht, als gehörten sie zu einer Art Muster, hat meine Frau die Hose nicht weggeworfen. Außerdem ist es eine Erinnerung an einen wunderbaren Sommerabend …“
„Moment“, unterbrach ihn Hofer. „Sie erkennen die Kleidungsstücke wieder, aber diejenige, die sie trug, ist nicht Ihre Frau?“
„Richtig.“
„Nehmen Sie sich Zeit und schauen noch einmal genau hin.“
„Die brauche ich nicht. Ich kenne Margits Garderobe und habe nicht den geringsten Zweifel.“
V.
D
ie Mitarbeiter der 9. Mordkommission und ihr Gast Paul Kieling saßen in einem Aufenthaltsraum im Polizeigebäude beim Essen zusammen. Daniel Kelm hatte nach ihrem Besuch in der Gerichtsmedizin den Mann der nunmehr wieder vermissten Frau Guhn nach Hause gefahren und auf dem Rückweg für jeden Kollegen etwas vom thailändischen Restaurant um die Ecke mitgebracht.
Eine Weile aßen sie schweigend, dann richtete Schirad das Wort an Kelm: „Konntest du gestern noch mit jemandem aus dieser Waldschule in der Nähe des Teufelssees sprechen?“
„Ja, eine Mitarbeiterin öffnete und zeigte sich sehr erschrocken, als ich ihr sagte, was diese Wandertruppe im nahen Moor entdeckt hatte. Etwas Verdächtiges in der Umgebung ist ihr allerdings nicht aufgefallen. Irgendwann mal an einem Abend vor etwa zwei Wochen – um welchen genau es sich handelte, wusste sie jedoch nicht – stand eine dunkle Limousine auf dem Parkplatz. Die Frau hatte Schwierigkeiten mit ihrem Fahrrad, deshalb war sie längere Zeit vor dem Haus beschäftigt und versuchte, die abgesprungene Kette …“
„Komm zur Sache!“
„Jedenfalls fiel ihr dabei dieses Auto auf, das in der hintersten Ecke des leeren Parkplatzes stand. Ein Pärchen saß darin.“
„Hm. Könnte etwas bedeuten, könnte aber auch nicht.“
„Mehr war aus der Frau leider nicht herauszubekommen.“
„Schon gut.“ Er wandte sich an Hofer: „Wir gehen nicht wirklich davon aus, dass Margit Guhn noch lebt, oder?“
Konrad wischte sich mit einer Serviette über den Mund. „Es ist immerhin möglich. Mehrere Szenarien wären durchaus denkbar.“
„Welche denn?“
„Zum Beispiel: Frau Guhn ist am Leben und hat selber etwas mit dem Mord an der unbekannten Frau zu tun.“
„Warum sollte sie der Anderen ihre Sachen anziehen?“
„Vielleicht hatte sie gehofft, die Leiche würde erst sehr viel später entdeckt werden, und aufgrund der dann fortgeschrittenen Verwesung nicht mehr zweifelsfrei identifiziert werden können.“
„Du meinst, sie beabsichtigte, ihren eigenen Tod vorzutäuschen?“
„Genau das.“
Schirad tunkte Reis in ein Schüsselchen mit Sojasoße. „Hört sich zwar an wie der Handlungsfaden eines Sonntagabendkrimis, aber ausschließen können wir zurzeit wohl nichts. Allerdings sprechen wir von einer biederen Ehefrau und Mutter, die fünf Tage in der Woche einem Bürojob nachgeht.“ Er sah Paul an. „Wo arbeitet sie?“
„Als Buchhalterin bei Sensmobil, einem mittelständischen Unternehmen, das Autozubehörteile für mehrere große Marken herstellt.“
„Vorbestraft?“
„Nein.“
Hatice spielte mit ihren Stäbchen. „Du sprachst von mehrerenSzenarien?“
„Vorstellbar wäre ebenso, dass die Frau irgendwo festgehalten wird, während wir glauben sollen, sie wäre tot“, antwortete Konrad.
„Hätte ihr Entführer dann solch ein abgelegenes Versteck für die andere Frauenleiche gewählt.“
„Vielleicht war gerade dies inszeniert. Das Ende der Kordelschnur ragte aus dem Wasser, weil man sie eben doch zeitnah entdecken sollte.“
„Zu umständlich …“
„Der Täter ist unter Umständen von schlichterem Gemüt als wir annehmen. Ich meine, wir sollten unser Augenmerk nicht von vornherein nur in eine Richtung lenken.“
„Wenn wir eines in den letzten Jahren gelernt haben, dann ist es, genau dies nicht zu tun“, entgegnete seine Kollegin.
„Ein paar Gedankenspielereien sind zumindest nicht verkehrt“, bestätigte Schirad. „Gutes Essen und ungezwungene Atmosphäre regt zudem meinen Geist an.“
„Aha?“
„Aber ein bescheidener Mensch hält seine Begabungen nicht allerorts ins Licht.“
„Ist das wieder so ein weises Sprichwort unserer gemeinsamen Freundin Thien Thi Duyen?“
„Nein, das entstammt meiner Lebenserfahrung.“
Hatice tippte sich mit einem Stäbchen an die Stirn.
„Im Übrigen glaube ich, dass dieser Guhn etwas mit dem Verschwinden seiner Frau zu tun hat.“
„Woraus schließt du das?“
„Der Mann wirkt fast unberührt, er ist mir zu gelassen …“
„Er hat die Hoffnung, dass es irgendwann doch ein Lebenszeichen von ihr geben könnte. Vielleicht ist es dir vorhin in der Gerichtsmedizin nicht aufgefallen, aber wenn er von seiner Ehefrau redet, geschieht dies nicht in der Vergangenheitsform.“
„Weil er ziemlich intelligent ist.“
„Ich denke nicht, dass er das bewusst tut. Außerdem schien mir der Schock nicht gespielt, als er feststellte, dass die fremde Tote die Sachen seiner Frau anhatte.“
„Paul, du sagtest, ihr habt sein Alibi mehrmals überprüft?“
„Er ist zum Zeitpunkt ihres Verschwindens definitiv nicht in der Wohnung gewesen. Und … wie hätte er sich der Leiche entledigen sollen?“
„Keller, Dachboden?“
„Alles unter die Lupe genommen. Dort fanden sich nicht die geringsten Spuren im Staub.“
„Auto?
„Das stand ungefähr fünfzig Meter entfernt vor einem Schnellimbiss, der rund um die Uhr gut besucht ist.“ Der Kollege hob die Schultern. „Das Problem ist einfach, dass sich eine Leiche an einem Nachmittag oder Abend mitten in der Stadt nicht unbemerkt wegschaffen lässt.“
„Es kann ein Komplize für ihn getan haben. Der hat Frau Guhn unter einem glaubhaften Vorwand aus der Wohnung gelockt, ist mit ihr irgendwohin gefahren und hat sie dort ermordet. Nur ist mir nicht klar, welche Rolle die unbekannte Frau dabei spielt.“
Konrad seufzte. „Wir können wohl mit Fug und Recht sagen, dass es sich um eine verzwickte Sache handelt.“ Er knüllte seine Serviette zusammen und sah zu Kieling hinüber. „Und eine andere Frage stellt sich: Welche Mordkommission soll den Fall weiterhin bearbeiten?“
VI.
P
olizeidirektor Thomas Größer war ein hochgewachsener Mann in mittleren Jahren mit den weichen Gesichtszügen eines Kindes. Er sprach mit näselnder Stimme und seine Mundwinkel waren stets herabgezogen, so als hätte er gerade auf eine Zitronenscheibe gebissen. Seine grauen Augen strahlten eine misanthropische Kälte aus. Und wer jemals mit ihm zu tun gehabt hatte, wusste, dass dieser Eindruck nicht trog.
Größer hatte ein Ingenieursstudium für Bautechnik absolviert und zwei Jahre auf einer mecklenburgischen Werft gearbeitet, bevor in ihm aus irgendeinem Grund der Entschluss gereift war, sich bei der Berliner Polizei zu bewerben. Er war als sogenannter Seiteneinsteiger in den höheren Dienst der Behörde gelangt und hatte rasch Karriere gemacht. Nicht zuletzt deshalb, weil er seinen Vorgesetzten eifrig zum Mund redete und deren Reformvorhaben mit aller Kraft unterstützte. Dabei war es für ihn von Vorteil, dass er von der ganz alltäglichen Polizeiarbeit nur wenig bis gar keine Ahnung hatte und somit tatsächlich vom tieferen Sinn der Strukturveränderungen überzeugt war. Dass es darauf hinauslief, immer mehr einzusparen – zu einem wesentlichen Teil im aktiven Stellenbereich – und damit die Sicherheit der Stadt Berlin allmählich in Gefahr geriet, blendete der Polizeidirektor in den seltenen Augenblicken des Darübernachdenkens einfach aus.
An diesem Dienstagmorgen nach dem Osterwochenende saßen ihm in seinem Büro die Hauptkommissare Konrad Hofer und sein Kollege Kramer – letzterer stellvertretend für die Mordkommission, die den Fall der vermissten Margit Guhn bearbeitete – gegenüber und hatten ihm ihr Material vorgelegt.
„Gibt es labortechnische Beweise dafür, dass die Kleidungsstücke, die Sie bei der Toten aus Köpenick gefunden haben, der vermissten Frau Guhn gehören?“
„Der Leiter des Kriminaltechnischen Instituts hat mir versichert, bis Ende der Woche mit einem Vergleich der DNA-Spuren von Hose und Bluse der Toten und DNA-Materials, das in der Wohnung der Guhns gesichert wurde, eine Aussage treffen zu können“, antwortete Hofer. „Aber wir haben die Bestätigung des Ehemanns …“
„Zeugen können sich irren, insbesondere, wenn sie in einer derartigen Ausnahmesituation sind, wie dieser Guhn.“ Thomas Größer legte die Aktendeckel mit spitzen Fingern übereinander. „Ich halte es beim momentanen Stand der Ermittlungen nicht für angezeigt, beide Fälle zusammenzuführen.“
Kramer streckte den Rücken gerade. „Aber beide Kommissionen haben zurzeit mehr als genug Arbeit …“
„Aus meiner Sicht wäre durch eine intelligentere Aufteilung der personellen Ressourcen eine deutliche Effizienzsteigerung möglich“, fiel ihm der Polizeidirektor ins Wort.
„… und so könnte zumindest eine Truppe entlastet werden, wenn die Verantwortung ab jetzt nur in einer Hand läge“, beendete der Hauptkommissar unbeeindruckt seinen Satz.
„Wenn es sich aber herausstellt, dass es sich doch um zwei Fälle handelt, die nichts miteinander zu tun haben, hätten Sie ein unnötiges Durcheinander. Nein, wir bündeln die Kompetenzen vorerst nicht.“ Größer legte seine Hände ineinander, als wolle er beten. „Gibt es Vermisstenanzeigen, deren Angaben auf die tote Frau zutreffen könnten?“
Konrad schlug einen Schnellhefter auf. „In Berlin ist zurzeit niemand in dem entsprechenden Alter als vermisst gemeldet. Außer Margit Guhn natürlich. Wir haben allerdings deutschlandweit drei Anzeigen, die Frauen zwischen Vierzig und Fünfzig betreffen. Denen gehen meine Mitarbeiter momentan nach.“
„In welchen Bundesländern sind die Frauen verschwunden?“
„Wir haben eine Anfrage aus Leipzig, weiterhin eine aus Dortmund und die Dritte ist seit zwei Wochen in Fürth vermisst.“
„Gut. Also, ich meine, das gibt ja wohl Anlass zur Hoffnung, dass der Fall schnellstmöglich aufgeklärt wird.“
„Die Identität der Toten festzustellen ist die eine Sache“, warf Kramer ein. „Ihren Mörder zu finden, die andere.“
Der Polizeidirektor sah den Hauptkommissar an, als hätte der soeben laut gerülpst. „Mit den Angaben zur Person hätten wir auch ein Umfeld, und dort findet man in aller Regel den Täter.“
„Ich kann nicht so recht glauben, dass der Mörder sein Opfer in Dortmund in Folie einwickelt und das Paket mit einer Kordel verschnürt hat, um dann damit nach Berlin zu fahren und es ausgerechnet in der Nähe der Müggelberge in einem Moorsee zu versenken.“
„Die Tat kann ja sehr wohl hier in Berlin geschehen sein.“
„Ein sehr weit gezogenes Umfeld“, griente Kramer.
„Die Zahl der Touristen, die unsere Stadt besuchen, steigt seit einigen Jahren ständig an. Ein Wochenende in der Metropole lockt viele hierher.“
„Die Auffindesituation spricht eindeutig dafür, dass sich der Täter in dem Waldstück in Köpenick auskennt und demnach aus Berlin stammen muss. Nun mag man ja darüber spekulieren können, ob die Frau aus Fürth oder sonst woher von zu Hause durchgebrannt ist und hier auf ihren Mörder traf, aber ihr heimisches Umfeld tut dann logischerweise nichts zur Sache.“
„Vielleicht gibt es Verbindungen zwischen den Vermisstenfällen. Auch daran sollten unsere ermittelnden Beamten denken.“
Konrad räusperte sich. „Wenn es die geben sollte, wäre es gut, wenn die Ermittlungsarbeit von einer Mordkommission durchgeführt werden würde. Der Informationsfluss …“
„Ich habe Ihnen meine Entscheidung mitgeteilt.“
„Zeugen müssten unter Umständen mehrmals von Kollegen verschiedener Abteilungen befragt werden.“
„Wie auch immer. Alles nur eine Organisationsfrage. Deshalb sollten wir uns nicht länger mit unnützen Diskussionen aufhalten.“
„In diesem letzten Punkt sind wir einer Meinung“, sagte Kramer trocken.
Größer erhob sich hinter seinem Schreibtisch und sah den Hauptkommissar irritiert an. „Meine Herren, ich erwarte von Ihnen, stets zeitnah über den Stand der Fälle informiert zu werden.“
„Selbstverständlich.“
Beim Hinausgehen verdrehte Kramer die Augen und warf Hofer einen Blick zu, der verriet, dass er ihren gemeinsamen Vorgesetzten für einen Idioten hielt.
VII.
I
n den nächsten Tagen kamen die Kriminalbeamten beider Mordkommissionen mit ihren jeweiligen Ermittlungsarbeiten keinen Schritt voran. Margit Guhn tauchte nicht wieder auf und die Identität der Toten aus dem Köpenicker Teufelsmoor blieb im Dunklen. In beiden Fällen war die Öffentlichkeit mit einbezogen worden, bislang jedoch ohne Erfolg.
Klaus, Hatice und Daniel hatten die Vermisstenfälle aus den anderen Bundesländern unter sich aufgeteilt und jeweils den Kontakt zu den dortigen Polizeidienststellen hergestellt. Die vermisste Frau aus Leipzig war mittlerweile wieder nach Hause gekommen, wenn auch nur für eine Stunde. Sie hatte sich bei ihrem Ehemann gemeldet und ihm angekündigt, sich scheiden lassen zu wollen, da sie beabsichtige, nunmehr mit einem Zirkusartisten Bett und Tisch zu teilen. Jenen hatte sie auch in den letzten Tagen zu einem Gastspiel nach Warschau begleitet.
Hatice war für den Fall aus Fürth zuständig. Eine dreiundvierzigjährige alleinstehende Frau galt seit der letzten Märzwoche als vermisst. Sie ging keiner geregelten Arbeit nach und lebte von Sozialhilfe. Da ihr Bekanntenkreis überschaubar war und sie nur alle paar Tage mit ihrer Mutter in Bamberg telefonierte, konnte der Zeitpunkt ihres Verschwindens nicht genau benannt werden. Als wahrscheinlich galt das Wochenende um den 27. und 28.03. herum, denn nach dem Sonntag hatte sie niemand mehr gesehen. Die Kollegen aus Fürth hatten Hatice ein Foto zugefaxt und Haare der Vermissten zu einem DNA-Abgleich nach Berlin geschickt. Allerdings sah man schon bei genauerer Betrachtung des Bildes, dass zwischen den beiden Frauen nicht viel Ähnlichkeit bestand. Die Proportionen der Gesichter stimmten nicht überein. Nun musste die Laboranalyse abgewartet werden.
Daniel hatte Verbindung zu den Kollegen aus Dortmund aufgenommen. Es stellte sich rasch heraus, dass in diesem Fall die Chancen besser standen: Körpergröße, Gewicht, Aussehen und Haarfarbe stimmten in etwa überein. Die Frau aus dem Ruhrgebiet hatte am Freitag, dem 26. März, gegen 15.00 Uhr ihre Arbeitsstelle in einer Bankfiliale im Stadtzentrum verlassen und war nicht zu Hause angekommen. Am späten Abend hatte sie der besorgte Ehemann als vermisst gemeldet. Eine großangelegte Suchaktion führte zu keinerlei Hinweisen, die Mutter zweier kleiner Kinder war seit jenem Freitagnachmittag spurlos verschwunden. Auch von den westfälischen Kollegen war DNA-Material geschickt worden.
Kelm saß mit Hofer zusammen im Büro, als das Faxgerät zu summen begann und sich das Foto der Frau aus Dortmund zwischen den Walzen hervorschob.
„Nun ja, mit etwas Phantasie“, meinte Daniel und reichte seinem Chef das Blatt.
Konrad betrachtete sich die Aufnahme. Es zeigte ein hübsches Frauengesicht mit einem ungekünstelten Lächeln. „Sie sieht glücklich aus. Wie alt ist das Foto?“
„Ziemlich aktuell. Die Kollegen sagten etwas von einem Monat.“
„So eine Frau verschwindet doch nicht einfach und lässt ihre Kinder zurück!“
„Man sieht es keinem an.“
„Nein.“
„Dass jemand sie an einem Nachmittag in der belebten Innenstadt von Dortmund so einfach entführt haben sollte, scheint mir unwahrscheinlich.“
„Wer weiß, ob sie nicht zu einem Bekannten ins Auto gestiegen ist. Aber das herauszubekommen, ist Sache der Dortmunder Kriminalpolizei.“
Die Tür wurde geöffnet und Hatice trat ein. „Ich habe hier den endgültigen Bericht der Gerichtsmedizin. Wollt ihr ihn selber lesen, oder soll ich euch eine kurze Zusammenfassung dessen geben, was mir Rudolf vorhin erzählt hat?“
Hofer lehnte sich zurück. „Die Kurzfassung bitte.“
Seine Kollegin setzte sich. „Also, die Frau aus dem Teufelsmoor wurde mit einer dickeren Schnur oder Kordel oder einem dünneren Strick erdrosselt. Das Zungenbein ist dabei gebrochen. Todeszeitpunkt war die letzte Märzwoche. Genauer konnten sie es nicht bestimmen, da der Körper sich bis zum Auffinden wahrscheinlich im Wasser befand. An beiden Oberarmen wurden leichte Hämatome nachgewiesen, die entstanden sein könnten, als man die Frau vor ihrem Tod mit einem etwas stärkeren Kraftaufwand festgehalten hat. Ansonsten weist der Körper keine Spuren fremder Gewalteinwirkung auf. Nicht ein einziger Kratzer. Es fand keine Vergewaltigung oder sonst irgendeine Art sexuellen Missbrauchs statt. Die Frau hatte in den Stunden vor ihrem Tod keinen Geschlechtsverkehr …“
„Konnte Rudolf sagen, ob sie schon mal Kinder geboren hat?“
„Ja, mindestens eins.“
Konrad und Daniel warfen sich einen flüchtigen Blick zu.
„Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie sich das rechte Sprunggelenk gebrochen. Im oberen Fußbereich wurde Fremdmaterial sichergestellt – übersetzt heißt das, sie hat Schrauben und eine Metallplatte zur Fixierung der Bruchstelle implantiert bekommen.“
„Könnte man anhand dieses Materials feststellen, wo die Operation stattgefunden hat?“
„Rudolf will es versuchen.“ Hatice tippte schmunzelnd auf den Bericht. „Aber eines ist noch interessanter und kann uns vielleicht schneller helfen, sie zu identifizieren: der Zustand ihres Gebisses. Die Frau war nämlich ziemlich oft beim Zahnarzt. Es wurden in ihrem Mund etliche Plomben und Kronen entdeckt …“
„Wer hat die nicht?“, seufzte Konrad und rieb sich über die Wange.
„Aber sämtliche Werkstoffe, aus denen ihr Zahnersatz und die Füllungen bestehen, werden in Deutschland schon seit einigen Jahren nicht mehr verwendet.“ Sie legte die Papiere auf den Tisch.
„Das heißt was?“, fragte Daniel.
„Die Frau stammt aus dem Osten.“
„Du meinst, aus den sogenannten neuen Bundesländern?“
„Ganz genau.“
Konrad hob eine Hand. „Auch bei uns ist mittlerweile der westliche Standard angekommen.“
„Sicher …“
„Vielleicht hat sie eine der immer zahlreicher werdenden Praxen in Polen besucht. Dort ist es sehr viel preiswerter. Das tun viele …“
„Aber die kommen in aller Regel nicht aus Dortmund“, seufzte Daniel und warf einen erneuten Blick auf das Foto. Das Lächeln der Frau zeigte ein gerades, tadelloses Gebiss.
Hatice sah ihren Chef ernst an. „Ich würde vorschlagen, wir erweitern unsere Suche auf ein paar benachbarte Staaten. Polen, Tschechien, die Slowakei …“
„Moment. Wie weit wollen wir den Kreis ziehen? Bis ins Baltikum?“
„Unter Umständen. Du könntest den Kollegen von Europol ein kurzes Dossier mit der Beschreibung unserer unbekannten Toten schicken.“
Konrad erhob sich. „Dazu muss ich mich mit dem Polizeidirektor kurzschließen.“
Am späten Freitagnachmittag klingelte das Telefon im Büro der 9. Mordkommission. Klaus Schirad wölbte missmutig die Lippen, nahm die Beine vom Schreibtisch und hob schließlich ab.
Am anderen Ende meldete sich der Kollege Müller vom Kriminaltechnischen Institut in seiner bekannt mürrischen Art: „Ich dachte schon, von euch ist um diese Zeit niemand mehr da …“
„In diesem Gebäude ist immer jemand erreichbar, falls dir das noch niemand gesagt haben sollte.“
„Ist Konrad bei dir?“
Hofer und Müller waren seit vielen Jahren befreundet, wobei niemand wusste, auf welcher Basis sich diese Freundschaft zwischen den beiden höchst unterschiedlichen Charakteren entwickelt hatte.
„Nein.“
„Hm … Soll ich dir etwas über die Tote aus Köpenick erzählen?“
„Das wäre außerordentlich freundlich“, knurrte Schirad.
„Ich kann es auch faxen …“
„Gibt es etwas Wichtiges?“
Müller lachte heiser. Es hörte sich an, als würde man einen alten Schiffsmotor anlassen. „In der Tat …“
„Dann lass dich nicht länger feiern.“
„Also: die beiden Vermisstenanzeigen aus Fürth und Dortmund könnt ihr in den Papierkorb werfen. Keine Übereinstimmung des DNA-Materials.“
„Mit endgültiger Sicherheit?“
„Wenn aus meinem Institut eine Aussage kommt, kannst du dein Jahresgehalt darauf verwetten!“
„Schon gut …“
„Hier wird schließlich noch mit einer preußischen Sorgfalt gearbeitet, die andernorts schon längst über Bord geworfen wurde.“
Klaus streckte dem Telefonhörer die Zunge heraus.
„Und dann gibt es die Untersuchungsergebnisse der Kleidung dieser vermissten Frau Guhl …“
„Guhn“, verbesserte Schirad.
„Ich hasse es, unterbrochen zu werden!“
„…“
„Bist du noch dran?“
„Ja.“
„Auf ihnen konnte tatsächlich ihr Genmaterial gesichert werden. Und Rotwein …“
„Das mit dem Wein wussten wir schon.“
„Aha. Habt ihr schon irgendwelche Theorien?“
„Im Bezug worauf?“
„Auf die Frau, die in der Kleidung steckte, natürlich.“
„Nein.“
„Ihr solltet schnellstmöglich herausbekommen, wer sie ist. Dann habt ihr vielleicht einen Ansatz.“
„Danke für den Tipp.“
„Gerne.“ Wieder tuckerte ein leises Lachen durch den Hörer. „Zum Schluss noch eines: die Plastikkordel, mit der die Folie umwickelt war, ist auch die Tatwaffe. Sie wurde zum Erdrosseln des Opfers benutzt.“
„Na, dann wissen wir wenigstens das.“
„Der Länge und Beschaffenheit nach könnte die blaue Leine ursprünglich mal zu einem Schlauchboot gehört haben. Solche Badeboote, die es in Sportgeschäften …“
„Ich weiß, was du meinst.“
„Fein. Der komplette Bericht kommt gleich aus dem Faxgerät. Grüße Konrad.“ Mit diesen Worten legte Müller abrupt auf.
„Es gibt ein Problem“, sagte Hofer zu Beginn der Abendbesprechung, die er für die Mitarbeiter seiner Mordkommission einberufen hatte. Dazu gebeten hatte er auch seinen Kollegen Kramer und Paul Kieling. „Europol speichert zurzeit keine Informationen von Staaten, die noch nicht zur Europäischen Union gehören. Eine Osterweiterung ist erst für 2004 geplant, dann werden auch Angaben von Polen oder Tschechien beispielsweise in das sogenannte Sicherheitsinformationssystem aufgenommen.“
„Das bedeutet, wir müssen uns mit den Behörden jedes einzelnen Landes in Verbindung setzen?“, fragte Kramer.
„Es wird wohl eher die Kollegen meiner Kommission betreffen, denn der Mordfall aus Köpenick liegt ja bei uns.“
„Stimmt.“ Ein Schmunzeln begleitete diese Feststellung. „Dann habt ihr die nächsten Monate ordentlich zu tun. Von Estland bis runter nach Bulgarien …“
„Ich werde zunächst nur mit den Landespolizeidienststellen aus den Nachbarstaaten Kontakt aufnehmen.“
„Reicht ja auch. Würde mich nicht wundern, wenn bei den Tschechen die Quote vermisster Frauen ziemlich hoch ist.“
„Milieubezogene Fälle können wir wohl von vornherein ausschließen.“
„Wie eine, die auf der Straße ihr Geld verdient hat, sah sie in der Tat nicht aus“, meinte Schirad. „Die naheliegendste Frage ist – wenn wir annehmen, dass sie aus einem osteuropäischen Land stammt –, ob sie noch gelebt hat, als sie nach Deutschland einreiste. Wir sollten ihre Beschreibung und vielleicht auch ein Foto an alle Zollstellen verteilen. Unter Umständen erinnert sich jemand an die Frau.“
„Und einen eventuellen Begleiter“, fügte Hatice hinzu.
Paul Kieling schüttelte den Kopf. „Wir wollen euch den Mut nicht nehmen, aber das haben wir natürlich auch schon im Fall Margit Guhn getan. Mit einem Foto, das die lebende Frau zeigte.“
„Und?“
„Es gab nur einen einzigen Beamten, der sich bei uns gemeldet hat. Vom Grenzübergang Zinnwald. Er war sich dann allerdings, als wir ihm weitere Aufnahmen zufaxten, nicht mehr sicher, ob es sich um die Frau – an die er sich auch nur vage erinnerte – handeln könnte.“
„War sie allein unterwegs?“
„Das wusste er ebenfalls nicht.“
„Ihr habt die Spur nicht weiter verfolgt?“
„Ich glaube nicht, dass man von einer Spur sprechen kann“, schaltete sich Kramer ein. „Die Aussage des Zollbeamten war einfach zu ungenau und deshalb nichts wert.“
„Wir haben es mit zwei Menschen zu tun: die eine Frau verschwindet und taucht nicht mehr auf, und die andere wird von niemandem vermisst. Das ist doch nicht zu begreifen!“
„Die Suche muss erweitert werden“, sagte Konrad. „Wie eben schon beschlossen. Ich würde jetzt gerne Müllers Bericht verlesen.“
„Die wichtigsten Fakten hat uns Klaus schon weitergegeben …“
„Keine Angst, unser geschätzter Kriminaltechniker hat sich kurz gefasst.“
„Hoffentlich.“
„Hast du heute Abend noch etwas vor?“
„Paul und ich, wir wollen uns eine Wohnung anschauen.“
„Wo?“
„Kiefholzstraße, Treptow.“ Hatice warf einen Blick auf ihre Uhr. „In ziemlich genau einer Stunde.“
„Wenn es so ist, trage ich das Ganze im Zeitraffermodus vor.“
Dem stimmten auch die anderen Kollegen zu.
Das Wesentliche war von Müller tatsächlich schon übermittelt worden. In seinem weiteren Bericht fanden sich unter anderem Ergänzungen zum Material der Kleidung und der Schuhe. Am Auffindungsort der Leiche hatte man nichts sichern können, was für die Ermittlungen von irgendeiner Bedeutung war. Fazit: es gab keine konkreten Spuren.
Konrad legte die Blätter beiseite und schaute in die Runde. „Hat jemand von euch eine Idee, wo man noch ansetzen könnte?“
Die Beamten schüttelten die Köpfe.
„Sind weitere Hinweise aus der Öffentlichkeit hereingekommen?“, fragte Paul.
„Neben den üblichen Spinnern, die sich jedes Mal wichtigmachen wollen, gab es nur sehr wenige Angaben, denen wir nachgehen konnten. Alles in allem waren es zwanzig Anrufer, die glaubten, unsere Frau zu kennen, beziehungsweise gesehen zu haben. Fehlanzeige in allen Fällen.“
„Dann bleibt wohl vorerst nur die Auslandsspur.“
„Sieht so aus.“
„Ihr habt wenigstens etwas, das ihr verfolgen könnt“, meinte Kramer und erhob sich als Erster. „Wir können nur hoffen, dass Margit Guhn irgendwo wieder auftaucht oder jemand zufällig ihre Leiche findet.“
Hofer schüttelte dem Kollegen zum Abschied die Hand. „Vielen Dank, dass du und Paul Zeit hattet. Ich würde mich übrigens gerne mal mit Herrn Guhn unterhalten.“
„Ein Gespräch mit ihm wird euch kaum weiterhelfen. Er kann sich einfach nicht erklären, warum seine Frau abgehauen ist. Demzufolge auch nicht, wohin. Aber versuch es. Du kannst mich ja informieren, falls er wider Erwarten doch den Mord an ihr gestehen sollte. Schönen Abend noch.“
VIII.
I
n den nächsten Tagen zeigte sich der April von seiner unangenehmen Seite. Es gab Sturm, Regen, Hagel und alles, was zum Vorfrühlingswetter dazu gehörte. Teilweise erreichte die Tageshöchsttemperatur nicht mal 10° Celsius.
Als Hatice an diesem Morgen das Büro betrat, wickelte sie sich einen Schal vom Hals und stopfte eine Mütze in die Manteltasche. „Ich hasse dieses Wetter. Das einzig Gute daran ist: man weiß, dass es bald besser werden muss.“
„Ich erinnere mich an Jahre, da hatte ich zu Hause bis weit in den Mai hinein die Heizung an“, sagte Schirad.
„Wenn man sich kaum bewegt, kann man schon mal leicht frieren“, spottete sie.
„Ganz schön vorlaut, Kalle.“
Kalle war der Spitzname von Hatice, von dem niemand wusste, wie sie überhaupt dazu gekommen war. Sie hatte ihn einfach mitgebracht, und die Männer fanden ihn irgendwie witzig.
„Um Zehn habe ich das Gespräch mit Edgar Guhn“, teilte Konrad seinen Kollegen mit.
„Wo?“
„Er kommt hierher. Möchte jemand von euch dabei sein?“
Hatice schlug ihren Terminkalender auf. „Genau um diese Zeit erwarte ich ein Telefongespräch aus Warschau. Der polnische Kollege wollte für mich ihre Vermisstenfälle nach Übereinstimmungen durchsehen. Danach rufe ich in Prag bei Anezka Pivonka an, das ist eine tschechische Kriminalbeamtin, die dort dafür zuständig ist. Ich habe zu tun, tut mir leid.“
Schirad rutschte auf seinem Stuhl nach vorne. „Also, ich würde mir den Mann schon ganz gerne mal näher anschauen.“
„Gut.“ Hofer stand auf. „Wir treffen uns kurz vor Zehn in Sabines Büro.“ Er ging hinaus.
„Wann genau kommt unsere Chefin eigentlich wieder?“, erkundigte sich Hatice.
„Soweit ich weiß, in vierzehn Tagen“, antwortete Klaus und begann, in einer Akte zu blättern. „Falls ihr Schiff nicht gegen einen Eisberg fährt.“
„Ich glaube, die modernen Schiffe sind mit entsprechenden Warn- und Radargeräten ausgestattet.“
Er schaute hoch. „Ich verstehe nicht, was man davon hat, in eisiger Kälte durch die norwegischen Fjorde zu fahren. Womöglich noch bei dickstem Schneetreiben, so dass man so gut wie gar nichts sehen kann.“
„Sabines Mann interessiert sich für alles, was mit Seefahrerei zusammenhängt.“
Die Tür wurde geöffnet und Paul Kieling steckte den Kopf herein. Er schaute Hatice an. „Denkst du daran, heute pünktlich Feierabend zu machen?“
„Punkt 16.00 Uhr ist hier Schluss.“
„Fein. Ich hole dich ab.“
„Habt ihr euch für die Wohnung in Treptow entschieden?“, fragte Schirad.
