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Das Buch handelt von der Geschichte der Münsterländer Privatbrauerei Rolinck in Burgsteinfurt im Münsterland mit ihrer über zweihundertjährigen Geschichte. Es verbindet Brauereigeschichte mit der Wirtschaftsgeschichte und der politischen Geschichte des Münsterlandes seit der Franzosenzeit (Napoleon) bis heute. Gründer der Brauerei war Alexander Rolinck, einst Hofmusikus bei Graf Ludwig von Bentheim Steinfurt, dann Kaufmann, Wirt, Schnapsbrenner und Bierbrauer, in dieser Reihenfolge. Sein Leben spiegelt die schwierige wirtschaftliche und politische Lage in Deutschland Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wider, vor und nach Napoleon. Alexander Rolinck ist wohl der einzige Brauer in Deutschland, der als Klarinettist in einem Hoforchester sein Musikinstrument mit der Braukelle tauschte. Die Grafschaft Steinfurt war nämlich bis zum Ende des Alten Reiches 1803 (Reichsdeputationshauptschluss) eins von 330 souveränen, winzigen Territorien des Reiches. Seit der Öffnung des Familienarchivs vor zwei Jahren, konnten die Privat- und Geschäftspapiere der Familie Rolinck ausgewertet weren. Hinzugekommen sind auch eine Vielzahl von historischen Fotos und Statistiken. Insgesamt handelt es sich um eine einzigartige Brauerei- und Wirtschaftsgeschichte. Sie ist wohl auch eine der umfangreichsten ihrer Art in Deutschland.
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Seitenzahl: 517
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Wo alle Stände billig gegen einander denken; wo niemand gehindert ist, in seiner Art tätig zu sein; wo nützliche Einsichten und Kenntnisse allgemein verbreitet sind; (…) aber aufrührerische Gesinnungen ganzer Nationen werden keinen Einfluß haben. Wir werden in der Stille dankbar sein, daß wir einen heitern Himmel über uns sehen, indes unglückliche Gewitter unermeßliche Fluren verhageln.
Johann Wolfgang Goethe, Der Bürgergeneral, 1793
Die Herausgabe des Buches wurde finanziell gefördert von der Rolinck Brauerei und der Bürgerwindpark Hollich GmbH &Co KG Sellen
Abkürzungsverzeichnis
Vorwort oder „Kurze Voransprach an den großgünstigen Leser“
Von Maßen, Gewichten, Währungen und Meilen
Alexander Rolinck, Geburt und Taufe in Münster
Jugend Alexander Rolincks und erste Stelle in Burgsteinfurt
Rückkehr nach Münster und kaufmännische Tätigkeit
Heirat in Ankum und wieder “Cammer Musicus“ in Burgsteinfurt
Tafeldecker und Mundschenk bei Graf Ludwig
1806: Territoriale Veränderungen im Münsterland durch Napoleon
Die wirtschaftliche Lage Burgsteinfurts um 1810
Alexander folgt der Familientradition und wird Kaufmann und Gastwirt
Alexander handelt mit Wein und Kolonialwaren
“Das Bier ist auch für Verkäufer unangenehm zu trinken“
Der neue Biertyp Keut: “Schlim Bier und dün Bier“
Alexander Rolinck und das Altbier
Bier – ein Mittel gegen den Branntweinteufel
Altbier, Bullenköppe und Bennätzken
Die wirtschaftliche Situation Burgsteinfurts um 1850
Da braut sich was zusammen: Bayrisches Bier in Westfalen
Wirtschaftliche Entwicklung Burgsteinfurts zwischen 1850 und 1900
Rolinck und der Verein “Ressource“
Militärische Prägung der Zivilgesellschaft im Kaiserreich
Hochzeit bei den Rolincks im Jahre 1904
Der Großbetrieb entsteht
Rolincksche Kaufmannsweisheiten von Onkel Atta
Technologieschub im Jahre 1912
Woher kam der Hopfen für das Rolinck-Bier?
Wieviel Geld benötigte ein Haushalt wie der der Rolincks vor dem 1. Weltkrieg und wofür gab man das Geld aus?
Von der Zeichnung zur “Luftbildaufnahme“: Technologiewandel auf der Kunstbildtafel aus Kaufbeuren
Von Ochsen- und Pferdegespannen und Mercedes LKWs
Verzehnfachung des Bierausstoßes zwischen 1919 und 1973
Von Reliefflaschen, Rapidetiketten, Etiketten und Emailleschildern, Bierdeckeln, Segelflugzeugen und Zigarrenbinden: ein Blick auf die Werbung
Die Betriebsordnung der Rolinck Brauerei 1934: Gefolgschaft und Kraft durch Freude (KdF)
Der 2. Weltkrieg kündigt sich an
Kriegsschäden 1945
“Das Pferd hat Zucker“: Molke Bier und Dünnbier in Zeiten der Not
Zeitgeistiges in den Gästebüchern der Brauerei
Eckpunkte der wirtschaftlichen Entwicklung Burgsteinfurts zwischen 1900 und 1950
Arnoldi→
“Das beste Bier der ganzen Welt wird in Burgsteinfurt hergestellt“
Das Entscheidungsjahr 1975: Rede von Alexander Rolinck sen.
Verteidigung des deutschen Reinheitsgebotes in Münster
Brause, Roli und Sportgeist: alkoholfreie Getränke
Rolinck und die Arnoldiner: die Verbindung Fromminia
Wirtschaft Burgsteinfurts in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts
Das Rolinck Quartett
Generationswechsel
2007: Krombacher übernimmt
Betonung der Region
Pensionierungen und Jubiläen bei Rolinck
Entwicklung seit 2007
Das Rolinck-Lied
Giganten der Biergeschichte: Alexander Rolinck
Rolinck Weihnachtstanne, Rolinckmännchen und das ferne Peking
Verzeichnis der benutzten Bücher
Personenregister
BZ Burgsteinfurter Zeitung, Anzeigenblatt für den Kreis Steinfurt
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
MZ Münstersche Zeitung
RFA Rolinck-Familienarchiv
SAS Stadtarchiv Steinfurt
SK Steinfurter Kreisblatt
SRK Sammlung Rolinck/Krombacher
WN Westfälische Nachrichten
WR Westfälische Rundschau
Titelblatt von Alexander Sincerus, Der wohlerfahrene Braumeister 1759 (SRK, Foto Pape)
So nennt Alexander Sincerus das Vorwort zu seinem Buch “Der wohlerfahrene Braumeister“ aus dem Jahre 1759, das man im Besucherzentrum der Rolinck Brauerei entdecken kann. Das hier vorgelegte Buch handelt aber nicht von Braukunst im Allgemeinen, sondern von einem Thema, das die lokale und regionale Wirtschaftsgeschichte zum Inhalt hat. Gegenstand ist die Geschichte der Brauerei Rolinck, heute Krombacher in Steinfurt. Sie existiert mittlerweile über 200 Jahre. Gegründet wurde sie von Alexander Rolinck (1782-1849) in einer Zeit großer politischer und wirtschaftlicher Umbrüche. Deshalb spielen natürlich auch Aspekte der Politik und Gesellschaft eine entscheidende Rolle.
Es geht bei der Untersuchung darum herauszufinden und zu zeigen, „wie es eigentlich gewesen“, so wie einmal der große Historiker Leopold von Ranke im frühen 19. Jahrhundert die Aufgabe der Geschichtsschreibung vielleicht etwas leichthändig, aber schön formuliert hat. Dabei ist nicht nur staatliches Handeln wichtig, sondern auch – zumindest gleichrangig oder vielleicht sogar vorrangig – das Agieren von Menschen, Unternehmern und Arbeitnehmern, Politik und Verwaltung in der Wirtschaft und der Gesellschaft. In allen Feldern bleibt aber das Handeln einzelner Personen von entscheidender Bedeutung.
Es gibt einige, nicht viele Brauereigeschichten, darunter von den berühmten bayrischen Klosterbrauereien und westfälischen Familienbrauereien. Oft handelt es sich um Festschriften oder Aufsätze zu einem Firmenjubiläum. Sie sind nicht so umfassend wie dieses Buch, das sich nicht als eine Festschrift versteht, die sich anlässlich eines Firmenjubiläums in Lob auf ein Familienunternehmen ergeht und mit möglichst vielen Hochglanzfotos den Leser beeindrucken soll, sondern will als lokale und regionale Wirtschaftsgeschichte einen unabhängigen Beitrag zum Verständnis der letzten zwei Jahrhunderte Steinfurter Geschichte leisten. Dabei wird deutlich, dass es nicht nur um Veränderungen in der Brautechnik in diesem Zeitraum geht, sondern auch um kaufmännisches und unternehmerisches Handeln weit über das Brauen von Bier hinaus, hat doch die Familie Rolinck mit allen möglichen Waren gehandelt, wie wir sehen werden. Sie hat darüber hinaus auch wichtige Anstöße für die Textilindustrie im Münsterland geliefert. Unsere Monographie über die Geschichte der Brauerei Rolinck/Krombacher ist nicht nur deshalb insgesamt deutlich umfangreicher als andere Brauereigeschichten, etwa die über die Klosterbrauerei in Weltenburg an der Donau, oder die vielleicht älteste noch existierende Brauerei von Weihenstephan in Freising bei München.
Die Zeitspanne, von der zu reden sein wird, erstreckt sich von der Zeit des Absolutismus über die napoleonische und preußische Zeit bis heute. Der Absolutismus existierte im Münsterland – abgesehen von der Grafschaft Bentheim Steinfurt – in der besonderen Form des geistlichen absolutistischen Staates, den das Fürstbistum Münster darstellte, in das Alexander Rolinck 1782 in Münster hineingeboren wurde. Die relativ kurze Vorherrschaft der Franzosen über Westfalen, die mit dem Namen Napoleon verbunden ist, formte die Wirtschaft und vor allem die Finanzlage des Münsterlandes und Burgsteinfurts. Nach der Niederlage Napoleons und der Übernahme des Münsterlandes durch das Königreich Preußen lag das Land wirtschaftlich und finanziell am Boden. Die Grafschaft Bentheim Steinfurt, eins der über 300 souveränen Territorien im alten Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, hatte schon kurz zuvor ihre Selbständigkeit verloren. Die wirtschaftliche Erholung der Stadt nahm viele Jahrzehnte in Anspruch. Die Schulden der Stadt aus dem Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, die vornehmlich aus Einquartierungskosten und Lösegeldzahlungen herrührten, waren noch nicht getilgt, da kamen noch die Kosten der Kriege Napoleons, z.B. des Russlandfeldzuges und der Befreiungskriege gegen ihn hinzu.
Die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen dieser Situation konnten für den einzelnen Bürger erheblich sein. So verlor Alexander Rolinck seine Stelle als Hofmusikus und Mundschenk des einstmals souveränen Grafen von Bentheim Steinfurt auf dem Schloss in Burgsteinfurt. Die Hofkapelle musste aufgelöst werden. Es gab sie nicht mehr. Alexander Rolinck musste sich beruflich neu orientieren. Er wurde Kaufmann und Bierbrauer. Bekanntlich ist er der einzige Musiker in Deutschland, der sein Musikinstrument mit der Schöpfkelle und der Malzschaufel tauschte. Allerdings in dieser Reihenfolge: Kaufmann und Bierbrauer, genauer gesagt: Kolonialwarenhändler mit angeschlossener Craft-Altbierbrauerei, wie wir vielleicht heute sagen würden.
Das ist umso erstaunlicher, als Napoleon mit seiner Kontinentalsperre das europäische Festland von den überseeischen Kolonien abgeschnitten hatte, um England in die Knie zu zwingen. Erst die Niederlage Napoleons ermöglichte wieder den überseeischen Handel mit Kolonialwaren. Eine Chance, die Alexander Rolinck mit entschlossener Hand ergriff.
Nur langsam besserte sich die wirtschaftliche Situation nach 1815 und in den folgenden Jahrzehnten, unterbrochen von den sozialen Unruhen und der Revolution von 1848. Erst die Gründung des Deutschen Reiches 1871, die ein einheitliches Wirtschaftsgebiet mit einheitlichem Recht und einheitlicher Währung schuf, führte zu einem kräftigen und nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung.
Unabhängig von den jeweiligen politischen Veränderungen fällt in den Zeitraum von zweihundert Jahren der Besitzerwechsel der Privatbrauerei Rolinck, die über Generationen ein Familienbetrieb war und seit 2007 zur Krombacher Brauerei gehört.
Neben den wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Gegebenheiten aus zwei Jahrhunderten werden auch das sich in dieser Zeit entwickelnde Marketing und die immer wichtiger werdende Werbung, wie z.B. Etiketten und Emailleschilder, Gegenstand der Untersuchung sein.
Die Brauerei Rolinck war lange Zeit der größte Steuerzahler der alten Stadt Burgsteinfurt und deshalb spielte sie auch eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben der Stadt. Das mindert nicht die Bedeutung anderer Firmen in Burgsteinfurt, namentlich der „anderen“ Firma Rolinck in Burgsteinfurt, die frühere Spinnerei Franz Rolinck. Franz Rolinck stammte aus der Familie des Brauereigründers Alexander Rolinck und war mit einer Laurenz aus der gleichnamigen Ochtruper Textilindustriellenfamilie verheiratet. Er brachte es sogar zum Königlich Preußischen Kommerzienrat und seine Villa an der Bismarckstraße blieb vielen alten Burgsteinfurtern trotz ihrer Zerstörung im 2. Weltkrieg unvergessen.
Ganz zum Schluss möchte ich Dank sagen an die vielen Steinfurter, die bei der Aufarbeitung des umfangreichen Materials helfend zur Seite standen. Da ist vor allem die Brauerei Krombach, Standort Rolinck in Burgsteinfurt zu nennen. Thomas Bressem hat als Werksleiter die Nutzung der umfangreichen Rolinck Sammlung und der dazugehörigen Archivalien in Burgsteinfurt ermöglicht. Dabei war Frau Ceinorius sehr behilflich. Ohne dieses Kleinod eines Museums mit vielen schriftlichen Archivalien wäre die vorliegende Arbeit nicht möglich gewesen. Marcel ter Steege, seinem Nachfolger, sind wir ebenfalls zu großem Dank verpflichtet. Er hat eine ganze Reihe vor allem historischer Fotos über die Brauerei zu dem Buch beigesteuert (Fotos Brauerei Rolinck).
Auch Frau Wina Hintzen vom Stadtarchiv sei nicht vergessen. Ihre Hilfe hat vieles möglich gemacht. Die Archivalien aus dem Stadtarchiv sind mit SAS (Stadtarchiv Steinfurt) gekennzeichnet. Zu erwähnen sind auch die Westfälischen Nachrichten, bzw. das Steinfurter Kreisblatt, die Münstersche Zeitung, die Westfälische Rundschau (WR) und die Steinfurter Nachrichten, die mit ihren Artikeln und Fotos über Rolinck wichtige Informationen beigesteuert haben. Dank auch an Ingrid König, die mir ihre Sammlung von Materialien über Rolinck zur Verfügung stellte, und auch an Wilhelm Alff, der bei schwierigen Textstellen zum Entziffern der altdeutschen Schrift half, wenn das Portal von Transkribus nicht weiterkam.
Gleiches gilt für den Rolinck-Mitarbeiter Rudi Overesch, der im Februar 2015 verstarb, die Rolinck-Aficionados Hans Köning in Metelen, Karl-Heinz Eissing in Laer und Johann Kolthof. Ersterer hat mir mit seinen Informationen über Molke Bier und Notbier, die er selbst 1945 hergestellt hatte, weitergeholfen; die drei anderen gaben entscheidende Anregungen und Hinweise auf Werbemittel der Brauerei Rolinck. Mein Kollege Heinz Schwarte aus Emsdetten konnte klären, wann Segelflugzeuge des Borghorster Segelflugvereins das Rolinck-Logo am Himmel verbreiteten.
Zu besonders großem Dank bin ich Heribert Frank verpflichtet. Heribert Frank, früherer Braumeister bei Rolinck, hat den Text auf die Richtigkeit der technischen Aspekte hin durchgesehen und dabei auch wertvolle Hinweise auf die Firmengeschichte gegeben. Ohne Hermann-Josef Pape wäre dieses Buch nicht möglich gewesen. Er steuerte die meisten Fotos zu diesem Buch bei. Er hat immer wieder aus seinem umfangreichen Ar-
chiv Fotos hervorgeholt und erforderliche neue erstellt. Die restlichen Fotos, sofern nicht anders vermerkt, stammen von mir, dem Stadtarchiv Steinfurt, der Münsterschen Zeitung,
den Westfälischen Nachrichten, dem Fotoarchiv Kiepker Balzer und auch Wikipedia. Dank auch an den 2017 verstorbenen Dr. Alex Rolinck, dass er Porträts der Familie für die Wiedergabe im Buch zur Verfügung gestellt hat.
Naturgemäß enthält der neuere Teil des Buches wesentlich mehr Fotos und Wiedergaben von Geschäftsunterlagen. Fotografieren war im 19. Jahrhundert zunächst ein unbekanntes, dann ein neues Medium. In der ersten Jahrhunderthälfte gab es noch keine Fotografien, dann gegen Ende tauchten die ersten Fotos der Belegschaftsmitglieder der Rolinckbrauerei und der Gebäude auf, in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts dann die ersten Luftbildaufnahmen, nachdem man um 1910 noch eine fiktive künstlerische Zeichnung der Brauerei aus der Luft angefertigt hatte. Schriftliche Archivalien aus der Frühzeit der Brauerei sind in der Sammlung Rolinck/Krombacher nur noch wenige vorhanden.
Eine ganz entscheidende Verbesserung der Archivlage brachte die Überlassung des Rolinckschen Familienarchivs durch Christian Rolinck. Bei der Räumung der Villa Rolinck 2023 nahm Hans Knöpker vom Heimatverein gerne das Angebot der Familie Rolinck an, das Archiv zu übernehmen, was dann auch im letzten Moment gelang. Bei der Erfassung und Bereitstellung der Akten waren Renate Buntz, Romina El-Hajjah und Guido Lünnemann eine große Hilfe. Nicht zuletzt die Bilanzbücher, die Berichte der Wirtschaftsprüfer aus Münster und die regelmäßigen Betriebsprüfungen durch das Finanzamt Steinfurt ermöglichen einen konkreten Einblick in die wirtschaftliche Entwicklung der Firma, zeigen sie doch die Warenbestände und den umfangreichen Immobilienbesitz und die dazugehörigen damaligen Kosten auf. Ausgewertet wurden die entsprechenden Daten aus den Jahren 1856 (die erste erhaltene Bilanz), 1858, 1871, 1912, 1916, 1917, 1919, 1923, 1928, 1929 und 1930, 19371940, 1945. Daran wird die Entwicklung vom Kleinstbetrieb mit 2 Mitarbeitern (1858) bis zum Großbetrieb (1912) deutlich.
Interessant sind auch immer wieder die Ermahnungen zur Sparsamkeit der „Finanzminister“ der Familie, etwa die von Onkel Atta. Das Familienarchiv der Rolincks stellt eine echte Bereicherung zur Erforschung der Brauerei und ihrer Entwicklung durch zwei Jahrhunderte dar.
Der Zugang zum Familienarchiv war der entscheidende Anlass, eine verbesserte und erweiterte Neuauflage des Buches in Angriff zu nehmen. Allerdings müsste das Rolincksche Familienarchiv in Zukunft aufbereitet und fachgerecht erschlossen werden. Erste Schritte hierfür wurden eingeleitet.
Vielleicht noch ein abschließender Gedanke bei aller Beschäftigung mit Geschichte: Wo das Vergangene vorrangig ist, sollte darüber die Gegenwart und die Zukunft nicht vergessen werden. Sören Kierkegaard (1813 – 1855) bringt das mit folgenden Worten zum Ausdruck:
Verstehen kann man das Leben nur rückwärts. Leben muss man es vorwärts.
„Klarinettenunterteil aus Holz, 36 cm, Klarinettenoberteil 36 cm… wurde vom Gründer der Brauerei im Schloß zu Burgsteinfurt gespielt“, und auch noch von Bernhard Rolinck auf Pensionärstreffen, wie man ergänzen könnte, vorgeführt. Das Original (rechtes Bild) ist noch heute in Familienbesitz und wird sorgsam verwahrt, während die Klarinette (links) seit Jahrzehnten im Besucherraum der Brauerei gezeigt wird, wie Hermann-Josef Pape zum 200. Jubiläum der Brauerei in der WN schrieb.
Das erste Dokument, das auf die Geburt von Alexander Rolinck verweist, ist die Bestätigung seiner Taufe am 25. Januar 1782 in der St. Martin Kirche in Münster. Es gab noch keine Standesämter in der damaligen Zeit. Geburten und Eheschließungen wurden noch nicht von den kommunalen Meldeämtern registriert, wie wir es heute kennen. Dies geschah erst nach der Reichseinigung nach 1871 und dem Bismarck’schen Kirchenkampf, auch “Kulturkampf“ genannt. Genau genommen wurde auch nicht die Eintragung der Geburt von den Pfarrern und Pastoren vorgenommen, sondern der Taufe, wie es seit dem Mittelalter in beiden Kirchen üblich war. Somit kennen wir nicht sein genaues Geburtsdatum, aber es war früher wegen der hohen Kindersterblichkeit üblich, die Kinder kurz nach ihrer Geburt taufen zu lassen.
Die Taufbescheinigung wird von dem ältesten Pfarrer von St. Martin in Münster F. Schleman am 22. Oktober 1803 ausgestellt. Dieser bescheinigt Alexander Rolinck, von den „ehrsamen Eltern“ Joseph Bernd Rolinck und Anna Sophia Kückman aus
„rechtmäßiger Ehe“ geboren zu sein. Wofür Rolinck die Bescheinigung benötigte, kann man nur mutmaßen: vielleicht benötigte er sie – nachdem seine erste Tätigkeit in der Gräflichen Hofkapelle in Burgsteinfurt beendet war - für seine neue Arbeitsstelle in Ankum im Bersenbrücker Land, das seit 1802 zu Kurhannover unter König Georg III. von England gehörte; vielleicht auch für seine dort beabsichtigte Heirat, stammte seine Frau, die er 1804 heiratete, doch aus Ankum.
(SRK)
Nach der Transkription sieht der Text folgendermaßen aus:
„Alexander Franz Maria Rolinck wurde von den ehrsamen Aeltern Joseph Bernd Rolinck und Anna Sophia Kückman aus rechtsmässiger Ehe geboren, und im Jahre ein Tausendsieben-hundertachtzigzwey den fünfundzwanzigsten Januar in unserer
Pfarrkirche getauft unter dem Beystande der Taufpathen Franz Alexander Schaepman und Anna Gertrud Detten.
Solches bescheinige laut Taufbuch mit meiner eigenen Hand und Siegel.
Münster in Westphalen den 22.ten Octobris 1803
F. Schleman ältester Pfarr Kapellan zu St. Martin.“
Das Siegel oben rechts ist ein preußisches. In Vorbereitung des Reichsdeputationshauptschlusses und der Auflösung der geistlichen Fürstentümer war am 22. Mai 1802 das frühere Fürstbistum Münster an das Königreich Preußen gefallen, ganz ähnlich wie das frühere geistliche Fürstentum Osnabrück an Kurhannover und damit an das Königreich England (Personalunion). Das Siegel verweist auf den damaligen preußischen König Friedrich Wilhelm III. Der Stempel oben links gibt die Gebühr an, die für die Ausstellung der Bescheinigung fällig wurde. Diese Stempelsteuer war damals eine wichtige Einnahmequelle des Staates, als es noch keine Lohn- und Einkommenssteuer gab.
Offensichtlich beendet Alexander seine Tätigkeit mit dem Auslaufen des Vertrages. Er geht zurück nach Münster und arbeitet dort als Kaufmann bei dem Händler Johann Heinrich Waldeck, der ihm am 30. September 1804 ein Arbeitszeugnis ausstellt:
Transkribiert:
„Ich bescheinige hirmit, daß der Herr Rolinck meinen Handel mit allem Eifer und Fleiß, wie auch mit aller Redlichkeit und Geschicklichkeit so bedient hat, daß ich ihn sehr gern auf sein Verlangen, da er sonst sein Glück machen kann, des Dienstes entlasse und als einen braven und thätigen Mann bestens empfehlen kann.
Münster, den 30. September 1804.
Joh(ann) Henr(ich)Waldeck“
(Deutsches Geschlechterbuch, 307)
„Handfeuerwaffe - Vorderlader, 39 cm lang – hat der Gründer zu seiner Verteidigung getragen“, und auch den Totschläger. (Foto Pape, SRK)
Sein Arbeitgeber lässt ihn ungern ziehen. Alexander geht nach Ankum ins Bersenbrücker Land im ehemaligen Hochstift Osnabrück, das seit kurzem zu Kurhannover gehört. Er ist jetzt 21 Jahre alt und viel unterwegs. Vielleicht fällt in diese Zeit die Anschaffung einer Pistole und eines Totschlägers (32 cm Länge), die in einer Vitrine des Besucherzentrums zu sehen sind. Beide sind seit langer Zeit im Besitz der Familie und werden dem Firmengründer zugeschrieben. Die napoleonische Zeit ist eine Zeit großer Unruhe und schnell wechselnder staatlicher Autoritäten. Die Kriminalität nahm zu, vor allem auf den holprigen und schwer befahrbaren Landstraßen. Berüchtigt war in unserer Gegend der Räuber Feldlaum mit seinen „Consorten“ aus Borghorst, der in Ostendorf in Borghorst am alten Postweg, nahe am damaligen Hauptweg – der via regia - nach Münster wohnte und für seine zahlreichen Überfälle auf einsame Häuser und Wohnungen bekannt war und erst nach Jahren in der Preußenzeit festgenommen werden konnte.
Die Arbeitsstätte von Cammer Musicus Alexander Rolinck (kl. Bild) über viele Jahre: der Bagno Konzertsaal (Fotos Pape)
Die nächste schriftliche Nachricht, die wir von Alexander Rolinck haben, ist seine Heirat mit Carolina Catharina Elisabeth Wachmann in Ankum, Kreis Bersenbrück am 9. Oktober 1804. Seine Frau stammte aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie und dürfte eine angemessene Aussteuer mit in die Ehe gebracht haben. Nach seiner Tätigkeit als „Cammer Musicus“ hat er Burgsteinfurt verlassen und ist ins Artland nach Ankum umgezogen. Dort wird am 7.12.1804 seine Tochter Lucia Adolfina getauft. Er bleibt hier allerdings nicht lange. Seine weiteren neun Kinder werden alle in Burgsteinfurt geboren, von denen aber nur wenige das Kindesalter überleben, wie es damals fast die Regel war.
Frühes Bildnis von Alexander Rolinck I., 1782-1849, Gründer der Firma Rolinck
Carolina Rolinck, geb. Wachmann, 1786-1826, erste Ehefrau Alexander Rolincks; Carolina folgt mit ihrer Kleidung und Haarmode dem Vorbild der Königin Luise von Preußen (Fotos: Geschlechterbuch)
Grund für seine Rückkehr nach Burgsteinfurt ist ein erneuter Vertrag als „Cammer Musicus“ bei Reichsgraf Ludwig von Bentheim Steinfurt. Der Bestallungsvertrag datiert vom 12. Januar 1805, d.h. kurz nach der Geburt seiner Tochter Lucia finden wir ihn wieder in der „gegenwärtigen Residenz und Burg zu Burgsteinfurt“.
Zweite Bestallung des Alexander Rolinck zum „Cammer Musicus“ vom 12. Januar 1805:
„Wir Ludwig von Gottes Gnaden des Heiligen Römischen Reiches Regierender Graf und Herr der beiden Grafschaften Bentheim und Steinfurt, wie auch Graf zu Tecklenburg und Limburg, Herr zu Rheda, Whevelinghoven, Hoya, Alpen und Helfenstein, Erbvogt zu Cölln pp., des Königlich Dänischen Elephanten- und Churpfalz-Bayerischen Goldenen Löwen Ordens Ritter
Urkunden und bezeugen hierdurch, daß Wir den Clarinettisten, Alexander Roling, aus Münster geburtig, als Cammer-Musicus auf 3 nacheinander folgende Jahre vom 12ten Januar 1805 bis dahin 1808, auf sein wiederholtes Nachsuchen in Unsere Dienste wiederum genädigst angenommen haben. So daß derselbe Uns nicht nur holdt und gewärtig seyn, sondern auch durch Obligat Productionen in Concerten, und Doppel-Concerten auf der Clarinette sich immer mehr vervollkommnen, auch in jedem Concert, oder sonst von Uns befohlenen Music-Proben mit im Orchestro accompagniren, und ordentlich zu erscheinen sich verpflichtet und anheischig macht. Überhaupt durch ein fleissiges Studiren sich zu bemühen, immer vollkommener zu werden, auch sowohl hierdurch, als auch durch eine gute und Tadelfreye Aufführung, immer mehr Unseren Beyfall zu erwerben, sich bestreben will. – Für welche treu fleissigst zu leistende Dienste derselbe zu geniessen hat, eine jährliche Besoldung von 120 Rth., sagen hundert und zwanzig Thaler, welche ihm quartaliter mit 30 Rth aus Unserer Salarianten-Casse ausbezahlt werden sollen.
Gegeben auf Unserer gegenwärtigen Residenz und Burg zu Steinfurt, den 12. Januar 1805.
Ludwig R.G. zu Bentheim“
(Deutsches Geschlechterbuch, 310)
Reichsgraf Ludwig ist immer noch Regierender Graf (R.G.) zu Bentheim. Das Bekenntnis zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation ist keine Leerformel. Die protestantische Familie der Grafen und später Fürsten zu Bentheim Steinfurt hat – trotz der Konfessionsunterschiede - noch bis zum deutschen Bruderkrieg zwischen Österreich und Preußen im Jahre 1866 auf der Seite der katholischen Habsburger gestanden, die über Jahrhunderte die deutschen Kaiser gestellt hatten, d.h. die Söhne kämpften 1866 in der österreichischen Armee gegen Preußen, obwohl Burgsteinfurt und das Münsterland seit 1815 zu Preußen gehörten. Seit 1752 befand sich mit Erlaubnis des Grafen im Hause Markt Nr. 11 neben dem Rathaus ein kaiserliches Werbehaus, das Anwerbungen für den Dienst in der kaiserlich - österreichischen Armee betrieb. Der letzte kaiserlich - österreichische Werbeoffizier war der Baron von Sahlhausen, der 1799 nach Burgsteinfurt gekommen war und beim Einmarsch der Franzosen 1806 die Stadt verließ. Er trat auch als Sänger in der gräflichen Hofkapelle auf (Rübel, 285).
Im Gegensatz zum ersten Anstellungsvertrag werden auch noch die kleineren Herrschaftsgebiete der Bentheimer wie Rheda, Wevelinghoven, Alpen, Hoya und Helfenstein zitiert. Sie fehlen im ersten Arbeitsvertrag des “Cammer Musicus“. Die Nennung der Besitzungen mag rein zufällig sein, möglicherweise ahnt Graf Ludwig aber auch, dass Napoleons Bestrebungen am Rhein und in Westfalen seine Territorien bedrohen, weshalb er diese noch einmal trotzig dokumentiert. In beiden Verträgen erwähnt er auch noch seine Verbindungen zum dänischen Königshaus und zum bayrischen Herrscher. Die Wittelsbacher standen nämlich Napoleon nahe.
Graf Ludwig hat Alexander Rolinck auf dessen „wiederholtes Nachsuchen in unsere Dienste wiederum genädigst angenommen“ und erhält wie zuvor einen befristeten Dreijahresvertrag bis zum 12. Januar 1808. Sein Instrument bleibt natürlich die Klarinette, auf der er sich „immer mehr vervollkommnen“ soll, von Bratsche (Alto) und Violine ist nicht mehr die Rede. Die jährliche Besoldung mit 120 Reichstalern bleibt gleich, wird aber jetzt vierteljährlich und nicht mehr monatlich ausgezahlt.
In dieser Zeit muss Alexander Rolinck schon als Kaufmann tätig geworden sein, und zwar von Münster aus. Diese Tätigkeit als Kaufmann geschieht schon im Jahre 1805, als er den zweiten Vertrag als Cammer Musicus beim Grafen unterschrieben hat, und nicht erst 1808, als er Tafeldecker und Mundschenk beim Grafen wird.
In vier erhaltenen Briefen aus dem Zeitraum von Oktober bis Dezember 1805 an die Gesellschafterin am gräflichen Hof, Gräfin Christine Wilhelmine von Kaufmann, geht es um einen Auftrag, den sie ihm offenbar erteilt hat. Ihre Schreiben liegen nicht vor. Christine Wilhelmine von Kaufmann (1757 bis 1816) war eine gebürtige Schleswigerin und die Tochter des königlich dänischen Oberstern Nikolaus Konrad von Kaufmann und Anna Catharina Witte. Seit 1776 wirkte sie am Steinfurter Hof. Die Herzogin Juliane Wilhelmine, die Tochter des Herzogs Friedrich zu Schleswig-Holstein-Glücksburg hatte sie von ihrem Hof mit nach Steinfurt genommen, als sie Graf Ludwig am 17. Juni 1776 heiratete.
Fräulein von Kaufmann, wie sie genannt wurde, hatte eine Vertrauensstellung am Steinfurter Hof. Während der mehrjährigen Abwesenheit Graf Ludwigs vom Steinfurter Hof war sie es, die ihn über die Entwicklung in Burgsteinfurt auf dem Laufenden hielt. Ihre umfangreiche Korrespondenz ist noch im fürstlichen Archiv erhalten. Aus den Schreiben Rolincks geht hervor, dass sie offensichtlich auch Verwaltungsaufgaben am Hof übernommen hatte. Der Auftrag, der „Befehl“, wie Rolinck es bezeichnet, beinhaltet die Beschaffung von Pech, Teer und auch Harz, das Rolinck noch zusätzlich empfiehlt. Dass sie Pech und Teer anfordert, mag zunächst überraschen. Man muss sich aber vor Augen halten, dass diese Materialien für die Schmierung der hölzernen Wagenachsen der gräflichen Kutschen und Pferdewagen damals absolut notwendig waren und man viel „Schmierstoff“ benötigte. Rolinck verkauft ihr zwei Tonnen Pech und Teer, d.h. zwei alte Tonnen von zusammen 229 Litern, was für Maxhafen eine nicht unerhebliche Menge war. Versenden will er den Teer und das Pech von Münster per Schiff über nach Steinfurt, d.h. der Max-Clemens-Kanal war zu dieser Zeit immer noch die Haupterschließungsachse für das Westmünsterland. Rolinck erwähnt nicht, woher er Teer und Pech bezieht. Nur ist wohl sicher, dass die beiden Stoffe nicht aus Ölprodukten stammen, sondern aus Holz gewonnen wurden. Sie entstammen also der Holzwirtschaft. Übrigens kommt der Begriff des “Schmiergeldes“, der heutzutage negativ besetzt ist, aus dem Bereich des Transports. Die Kutscher mussten die Achsen häufig schmieren und die Reisenden hatten dem Kutscher hierfür „Schmiergeld“ zu bezahlen. Obwohl Rolinck zu dieser Zeit als Musiker an der gräflichen Hofkapelle arbeitet, hält er sich offensichtlich sehr häufig in seiner Heimatstadt Münster auf. Alle vier Briefe haben als Absendeort Münster. Seine Frau Catharina scheint sich währenddessen in Burgsteinfurt auf der Unterburg aufzuhalten und sich um die gemeinsame Tochter zu kümmern, denn er schreibt, dass er die Pflaumen von Catharina noch nicht erhalten hat.
Brief Rolincks an das „Gnädige Frölein“ vom 3. Dezember 1805 (SR)
Fräulein von Kaufmann, das “Gnädige Fräulein“, führt in ihrer Liste der Hofmusikanten von 1805 Alexander Rolinck („Rolling“) unter den 11 Violinisten und 3 Clarinettisten auf. Alexander Rolinck spielt nicht nur die Klarinette, sondern auch die Violine. Der regierende Graf Ludwig spielt selbst die Flöte. Als regierender Graf steht ihm die Anrede “Erlaucht“ zu, woraus im 19. Jahrhundert dann “Durchlaucht“ wird. Die bürgerlichen Spitzen der Gesellschaft Burgsteinfurts: Hof- und Justizrat Iken und Apothker Dr. Houth gehören zum Flöte-Trio. Alexander Rolinck spielt nicht nur die Klarinette, sondern auch die Violine. Aber auch ein aus Hollich bekannter Name wie Hallau spielt Horn und Posaune. Die Temmings aus Wilmsberg scheinen ebenfalls vertreten zu sein (Posaunenbläser und Horn). Der Vater des späteren Bürgermeisters von Borghorst Bechtluft ist bei den Sängern und Sängerinnen zu finden, ebenso die Italiener Lodovico Simonetti und Giuliani und Mitglieder der gräflichen Familie wie die Fürstin von Solms und Gräfin Charlotte. Bei den Sängern findet sich auch der österreichische Hauptmann und kaiserliche Werbeoffizier von Sahlhausen. Ein Nachfahre Simonettis heiratet später in die Familie Rolinck ein. Simonetti selbst stirbt mit zweiundachtzig Jahren 1835 in Burgsteinfurt. Ein anderer Italiener Bonasegla bläst das Horn.
Die beiden Trompeter Baltus und Bettwieser fungieren am Hofe als „Tafelbläser“, d.h. sie müssen den Mittag und Abend “zur Tafel blasen“ (Kruttge, 110). Der Dirigent und Komponist Klöpfer dirigiert nicht nur, sondern spielt auch Kontrabass.
Vielleicht muss man ergänzen, dass der in der Liste aufgeführte “Serpent“ ein zwei Meter langes historisches Blechblasinstrument in der Form einer Schlange ist.
a) Sing Stimmen
1. Fürstin von Solms
2. Gräfin Charlotte
3. Simonetti
4. Hr. von Sahlhausen
5. Giuliani
6. Thyn
7. Bechtlfuft
b) Flöte
1. Sr. Erlaucht
2. Ju. Rath Icken
3. Doctor Houth
c) Bass
1 Benecke
2 Müller
3 Bohlender
d) Contra Bass
1. Klöpfer
2. Bergfeldt
e) Violine
1. Graf Louis (Graf Ludwig)
2. Graf Eugen
3. Con. M. Janitz
4. Bechtluft
5. Scherlitz
6. Thyn
7. Roslaub
8. Bodenberg
9. Roos oblig.
10. Müller
11. Rolling
k) Oboe
1. Böhmer
2. Bodenberg
l) Trompete
1. Baltus
2. Betzwieser
m) Pauke
1. Gurcka
f) Serpent
1.Löhning
g) Alt
1. Puls
2. Rocha
h) Horn
1. Roslaub
2. Bonasegla
3. Hallau
4.Temming
i) Klarinette
1 Bartels
2 Brockhagen
3. Rolling
n)
Posaunenbläser
1. Fritz
2. Hallau
3 Temming
o) Orgel
1. Roslaub
2. v. der Schwaag
p) Bassethorn
1. Böhmer
q) Fagot
1. Fritz
2. Kayser
(Eigel Kruttge, Geschichte der Burgsteinfurter Hofkapelle 1750-1817, Hagen 1973 (1924), 111f.)
In der Zwischenzeit übernahm die politische und territoriale Entwicklung in Westfalen und dem Rheinland eine neue Wendung. Der Rheinbund war auf Napoleons Begehren am 17. Juli 1806 gegründet worden und damit hatten sich 16 deutsche Staaten vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation losgesagt und unter französische Vorherrschaft begeben. Der letzte deutsche Kaiser legte daraufhin am 6. August 1806 die Kaiserkrone nieder. Die Grafschaft Bentheim Steinfurt wurde dem neugegründeten Großherzogtum Berg zugeschlagen. Der Schwager Napoleons, Joachim Murat, übernahm das Großherzogtum Berg. Graf Ludwig war durch diese unerwartete Entwicklung der Dinge völlig überrascht und, um sich nicht persönlichen Demütigungen auszusetzen, verließ er in der Nacht auf den 1. August 1806 Burgsteinfurt in Richtung Paris. Er wird dort knapp elf Jahre verbringen. Sein Bestreben war, durch Antichambrieren und Verhandlungen mit Napoleon und seiner Regierung die Selbständigkeit seiner Grafschaft wiederherzustellen. Einmal gelang es ihm, nachdem er Talleyrand bestochen hatte, zu Napoleon vorzudringen und eine Audienz bei ihm zu erhalten. Doch letztlich war sein hartnäckiger Einsatz erfolglos. Graf Ludwig hat über seine Pariser Zeit ein umfangreiches Tagebuch geführt – und zwar, wie es damals beim deutschen Adel üblich war, auf Französisch (Rübel, Geschichte einer kleinen westfälischen Residenz, 361f.).
Graf Ludwig ist fern von Burgsteinfurt und kann sich um seine geliebte Hofkapelle nicht mehr kümmern. Die Konzerte werden allmählich eingestellt und auch das Amt des Mundschenks am gräflichen Hof ist nicht mehr erforderlich. Außerdem muss die gräfliche Familie sparen. Die neue französische Verwaltung erhöht drastisch die Steuern.
Als Alexander Rolinck seine Selbständigkeit beginnt, sind die wirtschaftlichen Verhältnisse in und um Burgsteinfurt alles andere als rosig. Sie sind in der Tat trostlos. Die Franzosenzeit und die vielen Kriege Napoleons haben große finanzielle Belastungen für Stadt und Bauerschaften gebracht, nicht zuletzt wegen der vielen Einquartierungen von Soldaten. So schreibt selbst der von den Franzosen eingesetzte Provinzialrat Schmitz im September 1806, als es um die Bezahlung der Kosten der letzten französischen Einquartierung geht:
„Die Stadt Steinfurt, die schlechteste und ärmste von allen, würde, weil darin die meisten Truppen lagen, den ihr zur Last fallenden Anteil ohne ganz außerordentliche Maßregeln gar nicht aufbringen können. Dies Städtchen ist jetzt so mit Schulden belastet, daß es die zu frommen Stiftungen bestimmten Einkünfte zur Zahlung der Zinsen verwendet. Die Einwohner sind nichts weniger als reich oder wohlhabend. Sie treiben meistens neben einem kleinen Gewerbe den Ackerbau. Handlung, oder Fabriken sind nicht vorhanden“ (zitiert nach Rübel, Geschichte, 369)
Dieser Brief wurde geschrieben, bevor die Preußische Niederlage gegen Napoleon bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 eintrat. Man muss wissen, dass die „frommen Stiftungen“ seit dem Mittelalter für den Unterhalt der Armen der Stadt verwendet wurden, da es damals noch keine staatliche Armen- oder Sozialhilfe gab. Allerdings waren damals Juden, Katholiken und auch Lutheraner von der Nutznießung der Stiftungen ausgeschlossen. Bis zur Franzosenzeit konnten nur Reformierte in den Genuss von Leistungen aus den Armenstiftungen kommen.
Der wirtschaftliche und finanzielle Notstand wurde noch gesteigert durch den Zusammenbruch des bisherigen Kommunalwesens als Folge der Gründung des französisch dominierten Großherzogtums Berg unter Joachim Murat, einem Schwager Napoleons Anfang August 1806. Hatte die Grafschaft als souveränes Territorium vorher keine Landesschulden gekannt, so musste sie jetzt hohe Beiträge zur sogenannten „Souveränitätskasse“ für den neuen Staat “Großherzogtum Berg“ leisten. Hatte die Stadt bisher ihre Ausgaben hauptsächlich durch Akzisen (z.B. auf Bier) und Zölle decken können (im Jahre 1806 waren es nur 216 Rt.) - zu denen noch sehr geringe Einnahmen aus Zinsen, Mieten, Weiden, Bleichen (alles Linnen musste auf die gräflichen, bzw. städtischen Bleichen gebracht werden) und Stadtwaagegebühren kamen - so musste sie jetzt 1203 Reichstaler an höhere Instanzen außerhalb von Stadt und Bauerschaft abführen. Dieser Verlust musste teils durch höhere und neue Kommunalsteuern, teils durch Einstellung der Zinszahlungen ausgeglichen werden (Rübel, Geschichte, 369). Das Großherzogtum Berg führte zusätzlich mit dem 1. Januar 1807 eine neue Grundsteuer und progressive Vermögenssteuer ein. Alle bisherigen Steuerprivilegien des Adels, der Kirche und auch der Hohen Schule, des Arnoldinums, wurden aufgehoben. Die Familie des Grafen, die Kirchen, die Armen- und Stadtgüter, die Beamten und auch die Professoren der Hohen Schule, die bisher steuerfrei waren, wurden auf Grund einer Aufnahme sämtlicher Grundstücke zur Steuer veranlagt und mussten jetzt an das Großherzogtum zahlen. Als die gräfliche Verwaltung diese Steuerzahlung verweigerte, versuchte man die Steuerzahlung durch Blockade des Schlosses mit Hilfe von Gendarmerie durchzusetzen. Später ging man dazu über, die gräflichen Steuerschulden aus den Pachtgeldern und Mühlen des Grafen zu begleichen.
Allerdings nicht alle Maßnahmen der neuen Regierung trafen auf Widerstand. Als positiv wurde vielfach die Aufhebung aller Binnenzölle, Zollprivilegien von Städten, Korporationen und Privatpersonen, zahlreicher Steuerprivilegien und die politische Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied der Konfession empfunden – Dinge, die uns heute selbstverständlich erscheinen und sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts als segensreich erweisen sollten.
Als schädlich für die wirtschaftliche Lage Burgsteinfurts erwies sich auch der Niedergang des Bagnos. Der Vergnügungspark, der von Graf Karl Paul Ernst 1735 gegründet und von seinem Nachfolger Graf Ludwig erweitert worden war, hatte sehr viele Gäste angezogen. Beherbergten die Gasthäuser 1780 503 Fremde, so waren es 1805 über 4300, also hatten sich die Übernachtungszahlen in diesem Zeitraum verachtfacht. Mit dem Verlust der Selbständigkeit der Grafschaft Steinfurt und dem Weggang des Grafen Ludwig nach Paris, der dort über zehn Jahre für die Wiederherstellung der Selbständigkeit seines Territoriums kämpfte, ging ein Niedergang des Bagnos einher (Hilgemann, Industrielle Entwicklung, 1).
Die Kontinentalsperre, d.h. die Abschottung Kontinentaleuropas und damit Deutschlands vom englisch dominierten Welthandel, die Napoleon zur wirtschaftlichen und politischen Niederringung Englands verfügt hatte, verstießen gegen elementare Grundsätze des Marktes und hatten sehr schädliche Auswirkungen auch auf die Wirtschaft des Münsterlandes. So schreibt Fräulein von Kaufmann an den Grafen Ludwig 1812/13:
„Alles, was nicht im Lande gemacht wird, ist Contrabande (verbotene Handelsware) und wird weggenommen … alles muss geschmuggelt werden. Dies ist auch die Ursache, dass alles so teuer ist. Horrende Steuer muss man bezahlen. Protestiert man dagegen, dann wird Execution (Hinrichtung) gedroht. Nichts ist unter strengerer Überwachung der Polizei als die Druckerei. Denhard (der Steinfurter Drucker) darf nichts, auch nicht die geringste Sache, ohne besondere Erlaubnis drucken, und jeden Monat muß er ein genaues Verzeichnis von dem, was er gedruckt hat, eingeben. Hier wird wieder von einem neuen Posttarif gesprochen, wodurch derselbe um 1/3 erhöht werden soll. Die so lange versprochene Aufhebung der Douanenlinie ist noch immer nicht erfolgt. Vielmehr wachen die Douanen (Zöllner) auf alles mit der größten Strenge, so dass der Handel immer mehr eingeschränkt wird. Alles, was mit Erlaubnis hereingebracht wird, muss solche Abgaben leisten, dass fast kein Kaufen davon mehr ist. Es sollen nur einheimische Produkte gebraucht werden, und die sind so schlecht und so sparsam. Jeder, der Handel führt, muss sich die Visitation seines Ladens gefallen lassen. Da diese Visitation sehr unangenehm ist und schon oft traurige Folgen gehabt hat, so werden die Leute vernünftiger und schränken den Handel ein. Geduld und Hoffnung, dass es anders wird, sind die einzigen Stützen. Die Ausschreibungen und Forderungen, die jetzt gemacht werden, sind unbeschreiblich. Die geringste Äußerung von Unzufriedenheit wird als revoltirend ausgelegt und strengstens bestraft. Es werden schwere Abgaben verlangt, aber es ist nichts dagegen zu machen. Glücklich genug, dass wir hier nichts von den schrecklichen Begebenheiten des Krieges erfahren.“
(zitiert nach Hilgemann, Industrielle Entwicklung, 8f.)
Am 30. Oktober 1807 wurde die Forstverwaltung eingerichtet, die sich vorbildlich der Wiederaufforstung der Wälder im Steinfurter Raum widmete. Die Wälder im Münsterland hatten im Siebenjährigen Krieg (1756 – 63) durch Abholzung furchtbar gelitten. Auch die Schutzpockenimpfung wurde mit Nachdruck betrieben. So lobte der oben schon erwähnte Provinzialrat Schmitz am 15. Februar 1809 in einem Schreiben den Einsatz des “Epidemie Arztes“ Johann Heinrich Gempt in Burgsteinfurt und kritisierte den mangelnden Einsatz der Pastoren und der Kirche bei der Überwindung von Vorurteilen (Rübel, Geschichte, 372).
Was Burgsteinfurt um 1810 wirtschaftlich prägte war das alte Handwerk. So gab es laut Gewerbestatistik aus dem Jahre 1808 50 Weber, 19 Schneider, 16 Bäcker, 12 Zimmerleute, 10 Maurer, 10 Schuhmacher, 9 Metzger, 7 Schreiner, 4 Schmiede, 4 Holzschuhmacher, 4 Niet- und Bürstenmacher, 3 Schlosser, 3 Gerber, 2 Seiler, 2 Kupferschmiede, 2 Passbinder, 2 Wagenbauer, 2 Knopfmacher und 1 Nagelschmied. Bäcker waren allerdings manchmal gleichzeitig auch Branntweinbrenner, Brauer und Kornhändler. Offensichtlich haben alle diese Berufe mit Getreide zu tun. Die Brennerei von Johann Heinrich Sallandt war der älteste Betrieb in Burgsteinfurt und wurde die größte Brennerei. Im Jahre 1812 produzierte sie auf dem Wippert monatlich rund 13 Hektoliter Branntwein, d.h. 1300 Liter. Der Branntweinkonsum in Burgsteinfurt war offenbar sehr hoch. Allerdings ging die Brennerei von Hermann Sallandt auf der Wasserstraße 1817 ein.
Ein Metzger und ein Wirt unterhielten gleichzeitig einen Kattunhandel (Baumwollhandel). Ein Schreiner betrieb nebenbei eine Wirtschaft, ein Schuster und ein Linnenhändler (Leinenhändler) waren auch als Bierbrauer tätig. Zu den 158 Betrieben und ihren Meistern kamen natürlich noch die Gesellen, Altgesellen und Lehrlinge hinzu, und das bei einer Einwohnerzahl von rund 3900 Menschen in der Stadt Burgsteinfurt und den Bauerschaften (Hilgemann, Industrielle Entwicklung, 2).
Die Einfuhr von Kohle aus Ibbenbüren war lange Zeit verboten. Erst nach dem Vergleich von 1800 durfte Ibbenbürener Steinkohle eingeführt werden. Schmiede, Ziegler, Schnapsbrenner und andere Handwerker mussten sich bis dahin mit Holz und Torf begnügen, die einen niedrigeren Heizwert haben. Die Ziegel etwa konnten mit Torf nicht so hart gebrannt werden. Der Graf hatte über mehrere Jahrzehnte seine eigenen Interessen und die seiner Bauern zu wahren gesucht und die Holzpreise hochgehalten. Das Argument des Grafen war offiziell, dass das Geld „nicht auf eine ganz unnötige und schädliche Art“ außer Landes gebracht werden sollte. Ibbenbüren gehörte damals nicht zu Steinfurt (Hilgemann, Industrielle Entwicklung, 3f.)
Graf Ludwig und sein Vorgänger Graf Karl Paul Ernst hatten andererseits seit mehreren Jahrzehnten versucht, durch mehrjährige Steuerfreiheit neue Betriebe nach Burgsteinfurt zu locken. Als Beispiel hierfür kann der Pergamentmacher Dirk Hermann Wieschebrink angeführt werden. Er schrieb einen Bittbrief an den Landesherrn Graf Ludwig, um von Steuern befreit zu werden. Darin heißt es:
„Hochgeborener Reichsgraf, gnädigster Graf und theuerster Landesherr. In tiefster Ehrfurcht und Demuth erkühne ich mich, zu höchst Dero Füßen mich niederzuwerfen und Dero hohe Gnade anzuflehen. Ich bin ein Pergamentmacher-Geselle in dieser Stadt und verstehe meine Profession und habe jetzo die Gnade gehabt, mit auf dem Ball zu spielen. Es reget sich in mir eine Neigung, mich in dieser Stadt zu setzen und mein Handwerk zu treiben, welches mich unter göttlichem Beistand ernähren kann. Allein meine Kräfte, einen Anfang zu machen, sind so schwach, dass ich Dero hohe Gnade mir als eine Stütze meiner künftigen Glückseligkeit unterthänigst ausbitten muss. Ew. Hochreichsgräfl. Gnaden sorgen väterlich für die Vermehrung Dero Unterthanen und haben schon einigen einige freie Jahre zu geben geruhet. Derowegen flehe ich in tiefster Unterthänigkeit, mir 3 bis 4 Jahre eine Freiheit von bürgerlichen Lasten zu geben, damit mir der Anfang nicht unerträglich werde. Werden Ew. Hochreichsgräfl. Gnaden mir diese Gnade gnädigst erweisen, so werde ich alles mögliche thun, ein fleißiger Unterthan zu sein. In dieser Hoffnung ersterbe in Ehrfurcht.“ (zitiert nach Hilgemann, Industrielle Entwicklung, 4)
Wieschebrink hatte Erfolg mit seinem Antrag und wurde für 3 Jahre von Steuern befreit. Als Lohgerber, Pergamentmacher und Wollhändler baute er auf dem Friedhof einen ansehnlichen Betrieb auf. Pergament wurde zu dieser Zeit nicht mehr so sehr als Beschreibstoff verwendet, wie es Im Mittelalter üblich war, sondern für Lampenschirme und Fensterverkleidungen und zur Verstärkung von Holzoberflächen, etwa bei Prothesen. Als Beschreibstoff hatte das günstigere Papier schon längst Pergament abgelöst. Die Dissertationen der Hohen Schule in Burgsteinfurt im 18. Jahrhundert etwa sind auf Papier gedruckt.
Sein Sohn Johann Heinrich dehnte die Handelsbeziehungen der Firma über das ganze Münsterland und bis nach Oldenburg und Holland (Amsterdam) aus. Nach der von Napoleon verfügten Auflösung der Johanniter Kommende kaufte er ein größeres Stück aus ihrem Besitz vor dem Blocktor, vergrößerte seine Pergamentfabrik dort und gründete eine Nesselweberei. Für die Armee Napoleons und ihren Russlandfeldzug lieferte er große Mengen an blauem Uniformstoff und Felle für die Trommeln.
Nicht nur Steuerbefreiung, auch die Gewährung von Monopolen wurde vom Grafen als Mittel zur Ankurbelung der Burgsteinfurter Wirtschaft eingesetzt. Als Beispiel hierfür kann die Grützenfabrik von Wander Franke herangezogen werden. Wander Franke war Holländer und stammte aus Deventer. 1792 hatte er in seinem Haus an der Schulstraße (An der Hohen Schule) eine Grützenmühle mit Pferdeantrieb eingerichtet, in der neben Weizen- und Buchweizenmehl Hafer- und Buchweizengrütze hergestellt wurden. Wenig später führte Franke beim Grafen Klage darüber, dass man in jedem Winkelladen in Burgsteinfurt ausländische Grütze, d.h. aus anderen Städten des Münsterlandes, kaufen könne. Der Graf antwortete dem Bittsteller:
„Da dergleichen Grützewaren ein Landesprodukt sind und vor dergleichen ausländischen Waren jederzeit einen Vorrang haben, so wird denen hiesigen Kaufleuten verboten, hinführo bei Vermeidung namhafter Strafe mit keiner auswärtigen Hafer- und Buchweizengrütze ferner zu handeln, sondern solche Waren als ein Landesprodukt , wenn sie damit ferner zu handeln begonnen, von den hiesigen Grützenmüllern Franke und andern, solange sie Stadt und Land für die besten Preise damit hinreichend versehen können, anzukaufen.“
(zitiert nach Hilgemann, Industrielle Entwicklung, 6)
Die Steinfurter Grützmacher erhalten ein Monopol, das allerdings nicht auf Wander Franke begrenzt wird.
Eine große Veränderung betraf im späten 18. Jahrhundert die Landwirtschaft. Die Einführung des Kartoffelanbaus schuf große Unruhe bei der Bevölkerung in Stadt und Land. Die Kartoffel reduzierte auf Dauer die hergebrachte Dreifelderwirtschaft. Leider fand dieses Thema in der Geschichte Burgsteinfurts so gut wie keine Beachtung. Joachim Nettelbeck gibt in seiner Autobiographie „Des Seefahrers Joachim Nettelbeck höchst erstaunliche Lebensgeschichte“ eine lebhafte Schilderung der Einführung der Kartoffel in seiner Heimatstadt Kolberg, die er als junger Mann erlebte. Leider gibt es keinen entsprechenden Bericht eines Steinfurters oder Münsterländers. 1756 erließ Friedrich der Große den sogenannten Kartoffelbefehl für die preußischen Lande, zuerst 1746 in Pommern, mehrfach wiederholt und dann 1756 in Schlesien. Da viele Bauern skeptisch waren, griff Friedrich zu einem Trick. Er ließ die Kartoffelfelder bewachen, um einen Eindruck vom Wert der Kartoffel zu erzeugen. Die bewachenden Soldaten sollten sich nachts schlafend stellen, damit die Bauern die Kartoffeln stehlen und selbst anbauen konnten.
Mit Hilfe dieses Tricks wurde die Kartoffel langsam akzeptiert und verbreitete sich in Preußen. In Steinfurt und dem Münsterland geschah dies gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Vielleicht waren „Tricks“ zu diesem Zeitpunkt nicht mehr notwendig. Die Kartoffel half jedoch nach den Befreiungskriegen, die Hungersnot nach den Befreiungskriegen, den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts und im ersten Weltkrieg zu lindern, wie Rübel in „Burgsteinfurt. Geschichte einer kleinen westfälischen Residenz“ schreibt.
Nettelbeck beschreibt die Einführung der Kartoffel in seiner Heimatstadt Kolberg:
„Die Herren vom Rat (der Stadt Kolberg) zeigten nunmehr der versammelten Menge die neue Frucht vor, die hier noch nie ein menschliches Auge erblickt hatte. Dabei ward eine umständliche Anweisung verlesen, wie diese Kartoffeln gepflanzt und bewirtschaftet werden sollten. Besser wäre es freilich gewesen, wenn man eine solche Instruktion geschrieben oder gedruckt gleich mit verteilt hätte, denn in dem Getümmel achteten die wenigsten auf jene Vorlesung. Dagegen nahmen die guten Leute die hochgepriesenen Knollen verwundert in die Hände, rochen, schmeckten und leckten daran. Kopfschüttelnd bot sie ein Nachbar dem andern. Man brach sie auseinander und warf sie den anwesenden Hunden vor, die daran schnupperten und sie dann liegen ließen. Nun war ihnen das Urteil gesprochen. „Die Dinger“, hieß es, „riechen und schmecken nicht, nicht einmal die Hunde mögen sie fressen. Was wäre uns damit geholfen?“ - Ganz allgemein glaubte man, daß sie zu Bäumen heranwüchsen, von welchen man zu seiner Zeit ähnliche Früchte herabschüttle. Alles dies ward auf dem Markte, dicht vor meiner Eltern Tür, verhandelt; es gab auch mit genug zu denken und zu verwundern und hat sich darum auch bis aufs Jota in meinem Gedächtnis erhalten.
Inzwischen ward des Königs Wille vollzogen und seine Segensgabe unter die anwesenden Garteneigentümer nach Verhältnis ihrer Besitzungen ausgeteilt, jedoch so, daß auch die Geringeren nach Verhältnis ihrer Besitzungen nicht unter einigen Metzen (Hohlmaß, in Preußen ca. 3,4 Liter) ausgingen. Kaum jemand hatte die erteilte Anweisung zu ihrem Anbau recht begriffen. Wer sie also nicht geradezu enttäuscht auf den Kehrichthaufen warf, ging doch bei der Auspflanzung so verkehrt als möglich zu Werke. Einige steckten sie hie und da einzeln in die Erde, ohne sich weiter um sie zu kümmern: andere – und darunter war auch meine liebe Großmutter – glaubten das Ding noch klüger anzugreifen, wenn sie diese Kartoffeln beisammen auf einen Haufenschütteten und mit etwas Erde bedeckten. Da wuchsen sie nun zu einem dichten Filz ineinander. Noch oft sehe ich in meinem Garten nachdenklich die Stelle an, wo die gute Frau solchergestalt ihr erstes Lehrgeld gab.
Nun mochten aber wohl die Herren vom Rat gar bald in Erfahrung gebracht haben, daß es unter den Empfängern viele lose Verächter gegeben, die ihren Schatz nicht einmal der Erde anvertraut hatten. Darum ward in den Sommermonaten durch den Ratsdienst und Feldwächter eine allgemeine strenge Kartoffelbesichtigung veranstaltet und den Widerspenstigen eine kleine Geldbuße auferlegt. Das gab wiederum ein großes Geschrei und diente nicht gerade dazu, der neuen Frucht unter den Bestraften Freunde zu gewinnen.
Das Jahr nachher erneuerte der König seine wohltätige Spende durch eine ähnliche Ladung. Allein diesmal verfuhr man dabei höheren Orts zweckmäßiger. Es wurde zugleich ein Reiter mitgeschickt, der als geborener Schwabe des Kartoffelbaus kundig war. Er war den Leuten bei der Auspflanzung behilflich und besorgte ihre weitere Pflege. So kam also diese neue Frucht zuerst ins Land und hat durch immer vermehrten Anbau seitdem kräftig dazu beigetragen, daß nie wieder eine Hungersnot so allgemein und drückend bei uns hat um sich greifen können. Dennoch erinnere ich mich gar wohl, daß ich erst volle vierzig Jahre später, also 1785 etwa, bei Stargard zu meiner Verwunderung die ersten Kartoffeln im freien Felde ausgesetzt gefunden habe. (Nettelbeck, 10-13)
Alexander Rolinck muss sich beruflich neu orientieren, zumal seine Frau mehrere Kinder geboren hatte, die alle in Burgsteinfurt zur Welt gekommen waren. Sie kosteten Geld, auch wenn einige von ihnen schon vorzeitig im Kindesalter verstarben. Rolinck kennt durch seine Tätigkeit als Mundschenk das Geschäft mit Wein und Lebensmitteln des gehobenen Bedarfs. Außerdem lässt sich in der Familientradition die Kunst des Branntweinbrennens und des Brauens durch mehrere Generationen nachweisen. Der Stammvater und Ururgroßvater von Alexander Rolinck, Johann Rolinck (1620 – 1700) war Branntweinbrenner und Schenkwirt in Havixbeck im heutigen Kreis Coesfeld gewesen. Nach rund vierzig Jahren Tätigkeit dort verließ er Havixbeck und zog nach Münster, um seinen Söhnen zu folgen, die schon vorher dort ansässig geworden waren. Sie ließen sich alle als Branntweinbrenner und Bierbrauer sorgsam verteilt in den einzelnen „Laischaften“ (Stadtvierteln) der Stadt Münster nieder. So gab es um 1690 sieben Brenner und Brauer mit dem Namen “Rolinck“.
„Die Familie Rolinck konnte daher wegen der großen Zahl ihrer Mitglieder das Brennereigewerbe in Münster zu einem beträchtlichen Teil in ihre Hand bringen. Zu den Einnahmen der Stadt aus der Akzise für die Durchfahrt bzw. Einlagerung von ’gebrannten und anderen süßen Wässern’ trug die Familie Rolinck in erheblichem Umfang bei. Brennerei und Kaufmannschaft blieben auch durch das ganze 18. Jahrhundert für die Tätigkeiten der Nachkommen bestimmend. Die Rolincks waren vorwiegend nicht Angehörige der Gilden oder Ämter, sondern freie Gewerbetreibende, wenn aber doch, so gehörten sie ausnahmslos der Kramergilde an. Da das Braugewerbe meist in den Händen der Bäcker und Herbergsväter war, kann man daraus schließen, daß von der Familie Rolinck das Brauen weniger als der Ausschank, das „Zapfen“ betrieben wurde“ (Deutsches Geschlechterbuch, 261).
