Romantische Bibliothek - Folge 28 - Luise Hoffmann - E-Book

Romantische Bibliothek - Folge 28 E-Book

Luise Hoffmann

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Beschreibung

Hetty Bertram ist in ihrem Leben nie auf Rosen gebettet gewesen. Doch mit Kraft und unermüdlichem Fleiß hat sie es geschafft, Geschäftsführerin des Hotels "Fernblick" zu werden. Für die Liebe ist jedenfalls kein Platz in ihrem Leben.

Doch dann beginnt ein neuer Kellner seinen Dienst im Hotelrestaurant. Volker ist nicht nur atemberaubend tüchtig, er sieht auch blendend aus. Alle Frauenherzen fliegen ihm zu. Auch Hettys Herz schlägt jedes Mal schneller in seiner Nähe. Warum nur lässt sie kein gutes Haar an ihrem neuen Mitarbeiter?

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Seitenzahl: 167

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Cover

Impressum

Meine tapfere Hetty

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock/Svyatoslava Vladzimirska

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-2842-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Meine tapfere Hetty

Eine junge Frau kämpft um ihr Glück

Von Luise Hoffmann

Hetty Bertram ist in ihrem Leben nie auf Rosen gebettet gewesen. Doch mit Kraft und unermüdlichem Fleiß hat sie es geschafft, Geschäftsführerin des Hotels „Fernblick“ zu werden. Für die Liebe ist jedenfalls kein Platz in ihrem Leben.

Doch dann beginnt ein neuer Kellner seinen Dienst im Hotelrestaurant. Volker ist nicht nur atemberaubend tüchtig, er sieht auch blendend aus. Alle Frauenherzen fliegen ihm zu. Auch Hettys Herz schlägt jedes Mal schneller in seiner Nähe. Warum nur lässt sie kein gutes Haar an ihrem neuen Mitarbeiter?

„Die Post, Fräulein Bertram.“ Das Zimmermädchen Liesel blieb neugierig neben der Chefin des Hotels stehen. „Ist etwas Besonderes dabei?“, fragte sie.

Hetty drehte sich um. „Wann endlich werden Sie begreifen, dass der Posteingang Sie nichts angeht?“

Liesel war derartige Vorwürfe gewohnt und behielt ihren Gleichmut.

„Ich dachte nur, weil diesmal ein schwarz geränderter Brief dabei ist“, sagte sie ungerührt. „Sieht aus wie eine Todesanzeige. Haben Sie denn noch Verwandte, die Ihnen wegsterben können?“

„Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit, Liesel, verschwinden Sie endlich.“

„Und wer ist da nun gestorben?“ Den Türgriff in der Hand, blieb die untersetzte Liesel noch einmal stehen. „Ich bin ja nicht neugierig“, versicherte sie, „aber so etwas interessiert einen doch.“

„Der Kaiser von China ist gestorben!“

Liesel schlug die Hände zusammen.

„Das muss ich gleich Alfred erzählen.“

Endlich ging sie, und Hetty seufzte. Es war nicht leicht, mit Mädchen wie Liesel fertig zu werden. Zwar waren die Leute in der Regel recht willig, aber ihnen fehlte die gute Schulung, die die Gäste in einem erstklassigen Hotel vom Personal verlangen können. Doch heutzutage war es schwer, überhaupt noch Mädchen zu finden!

Sie schaute flüchtig die Post durch, meistens waren es Prospekte, die sie erst einmal ungeöffnet zur Seite legte. Den schwarz geränderten Brief öffnete sie wie zum Trotz erst ganz zum Schluss. Es war, als wolle sie sich selbst beweisen, dass sie nicht neugierig war.

Als sie die gedruckte Karte überflog, erblasste sie. Leopold Landgraf war verstorben, ein Mann, den sie persönlich nur zwei- oder dreimal gesehen hatte und der für sie doch so wichtig war. Ihm gehörte das Hotel „Fernblick“. Es war eines seiner Hotels, und sie arbeitete hier in Nachfolge ihres Vaters als Geschäftsführerin.

Was wird nun aus meinem Haus werden?, fragte sie sich. Wer wird „Fernblick“ erben? Werden die Erben überhaupt Interesse daran haben, das Hotel zu behalten? Viel warf es nicht ab, die Unkosten waren einfach zu hoch.

Sie war im Hotel „Fernblick“ geboren worden, ihr Vater hatte das Haus dreißig Jahre lang geleitet; für sie war es Heimat und der schönste Ort, den sie sich auf der Welt vorstellen konnte. Ihr war niemals der Gedanke gekommen, dass sie das Hotel einmal verlassen müsste.

Es ist Unsinn, dass ich mir jetzt schon Sorgen mache, hielt sie sich vor. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte Landgraf keine Kinder. Irgendjemand würde die Hotels jedenfalls erben. Für mich wird sich wohl nichts ändern, tröstete sie sich, aber ein Restchen Unsicherheit blieb zurück.

Vor dem kleinen Spiegel über dem Waschbecken in ihrem Büro blieb sie stehen und betrachtete flüchtig ihr Gesicht. Sie legte Wert darauf, stets adrett auszusehen, um den Leuten auch darin ein Vorbild zu sein.

Eitel war sie nicht, obwohl sie Grund genug gehabt hätte, mit ihrem Aussehen mehr als zufrieden zu sein. Silberblondes Haar von seltener Schönheit und Dichte umgab kurz geschnitten ihr schmales, rassiges Gesicht. Ihre tiefblauen Augen hatten schon so manchen Mann zum Träumen veranlasst, aber bisher konnte sich keiner rühmen, der Verwirklichung seiner Träume nahe gekommen zu sein.

Hetty hatte ihre Arbeit, und die genügte ihr. Von früh bis spät war sie auf den Beinen, kümmerte sich um die geringsten Kleinigkeiten und gönnte sich keinen Augenblick Ruhe. Ein Hotel mit achtzig Betten lief nicht von allein, und es war kein Wunder, dass sie abends todmüde ins Bett sank und tief und traumlos schlief.

Sie nickte ihrem Spiegelbild kurz zu und verließ dann ihr altmodisch eingerichtetes Büro. Sie hing an diesen Möbeln, obwohl sie nicht in die heutige Zeit passten. Ihr Vater hatte sie angeschafft, als er als junger Mann die Leitung des Hotels übernahm.

Damals war „Fernblick“ ein Grandhotel gewesen – pompös und etwas überladen eingerichtet, wie es dem Geschmack der damaligen Zeit entsprach. Inzwischen wurde es hauptsächlich von kleinen Angestellten und Beamten aufgesucht, die sich den Aufenthalt in einem der großen Neubauten des Ortes nicht erlauben konnten.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie in der Küche.

Wanda, die alte Köchin, bog die Mundwinkel verbissen herab.

„Herta ist heute Morgen nicht gekommen. Und Gesine fehlt schon eine Woche. Ich weiß nicht, wie ich die ganze Arbeit schaffen soll. Ich habe schließlich auch bloß zwei Hände. Die Kartoffeln müssen noch geschält werden, und ich weiß nicht, wer das tun soll.“

„Was fehlt der Herta?“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich war sie gestern wieder mit ihrem Freund tanzen und muss heute ausschlafen. Diese jungen Dinger haben doch alle nur ihr Vergnügen im Kopf. Vom Arbeiten halten sie nicht viel. Ich weiß nicht, wie ich das Essen heute pünktlich fertig bekommen soll.“

„Ich schicke Ihnen Liesel runter, die kann mithelfen. Sie macht die Zimmer eben nicht so gründlich sauber wie sonst, dann wird es schon gehen.“

„Uns fehlen Leute, Fräulein Bertram. Hier klappt überhaupt nichts mehr. Manchmal bin ich drauf und dran, den ganzen Kram hinzuwerfen und mir etwas anderes zu suchen.“

„Aber Wanda!“ Entsetzt schlug Hetty die Hände zusammen. „Was soll ich ohne Sie tun?“

Die Köchin lächelte über das ganze runzelige Gesicht.

„Ich weiß, deshalb bleibe ich ja auch noch. Ihretwegen, Fräulein Bertram. Weil ich Sie gekannt habe, als Sie noch so klein waren.“ Mit der Hand zeigte sie die Größe vom Fußboden aus. „Wie oft sind Sie in die Küche gekommen und haben mich angebettelt, wissen Sie das noch?“

„Ja. Und Sie hatten auch immer etwas für mich.“

„Sie taten mir leid. Wo Ihr Vater niemals Zeit für Sie hatte, und dann so ohne Mutter … Da in der Ecke haben Sie immer mit Ihren Puppen gespielt. Wer hätte gedacht, dass Sie einmal das Hotel leiten würden. Aber Kinder werden schnell groß, daran merkt man erst, dass man selbst alt wird. Es waren schöne Zeiten früher, als wir noch Mädchen genug hatten.“

„Sie werden es schon irgendwie schaffen, Wanda. Sie haben es ja immer geschafft. Übrigens … Herr Landgraf ist tot.“

„Der, dem das Hotel gehört? Na ja, seinetwegen werden wir nicht Schwarz anziehen, nicht? Wir haben ihn ja kaum gekannt. Der hat nur immer die dicken Gelder eingestrichen und sich sonst um nichts gekümmert.“

„Hoffentlich verkaufen die Erben das Hotel nicht.“

Wanda schüttelte heftig den Kopf.

„Meinen Sie, dass jemand das fertigbrächte? Unser schönes ‚Fernblick‘ einfach zu verkaufen? Das glaube ich nicht!“

„Es wirft nicht viel ab. Wollen wir also hoffen, dass die neuen Besitzer vernünftige Menschen sind, mit denen man reden kann.“

„Was sollte dann aus uns werden?“, seufzte Wanda. Sie hatte ganz vergessen, dass sie noch Minuten vorher mit ihrer Kündigung gedroht hatte. „Schließlich gehören wir doch hierher. Die dürfen einfach nicht verkaufen. Haben die denn etwas geschrieben, dass sie so etwas vorhaben?“

„Nein, das nicht. Aber es ist immerhin möglich. Ich schicke Ihnen gleich Liesel zum Kartoffelschälen.“

„Lassen Sie nur, ich mache das schon.“ Wanda setzte sich auf einen Stuhl und begann zu schälen. „So alt bin ich noch nicht, dass ich die Arbeit nicht schaffen könnte.“

Sie hat Angst, ihre Stellung zu verlieren, dachte Hetty, als sie die Küche verließ. Ihr geht es genauso wie mir. Wer kaufmännisch rechnet, der wird daran denken, „Fernblick“ abzustoßen. Es wirft nicht genug ab. Aber andererseits …

„Ist Ihnen nicht gut, Fräulein Bertram?“, fragte Liesel, die ihr auf dem Flur entgegenkam. „Sie sind so blass um die Nasenspitze.“

„Machen Sie sich mal um mich keine Sorgen. Alfred soll mir eine Kanne Kaffee bringen, aber besonders stark. Ich muss nämlich noch viel arbeiten – im Gegensatz zu anderen, die herumstehen und klatschen.“

„Ich sag ja immer, dass heutzutage nicht mehr genug getan wird“, stimmte Liesel ihr zu, ohne zu merken, dass Fräulein Bertrams Worte auf sie gemünzt gewesen waren.

Ich werde meinen Monatsbericht schreiben, als wäre nichts gewesen, beschloss Hetty. Irgendjemand wird schon für seine Annahme und Prüfung zuständig sein. Es war nur dumm, dass der Gewinn ausgerechnet in diesem Monat niedriger lag als gewöhnlich.

***

Die nächsten Tage vergingen, ohne dass sich die von Hetty Bertram gefürchteten Erben meldeten. Und je mehr Zeit verging, desto gelassener schaute sie in die Zukunft. Sie fand tausend Gründe, weshalb vernünftige Menschen das Hotel „Fernblick“ behielten, und die anderen, sehr gewichtigen Gründe, es zu verkaufen, schob sie zurück.

Hetty Bertram wusste, dass sie als Geschäftsführerin nicht zu ersetzen sein würde. In ihrer Hand liefen alle Fäden zusammen, das Personal hing an ihr und blieb zum Teil nur ihretwegen im Dienst. Weshalb, sagte sie sich, soll ich mir also Sorgen machen?

Vierzehn Tage später kam der Brief des Rechtsanwalts, ein großes, gewichtiges Schreiben, das Hetty lange betrachtete, bevor sie den Mut fand, den Umschlag aufzuschlitzen.

Dr. Schacht teilte ihr trocken mit, dass ein Herr V. Landgraf den gesamten Besitz des Verstorbenen geerbt habe und sich in den nächsten Tagen mit ihr in Verbindung setzen würde. Er ging noch auf die letzte Abrechnung ein und stellte ein paar unwichtige Fragen.

Wie wird er sein? Das war das Problem, das Hetty brennend interessierte. Landgraf hieß er. Vielleicht war er ein Bruder des Verstorbenen? Hetty wusste es nicht, und die Unruhe machte es ihr unmöglich, noch länger im Hause zu bleiben.

Eine Stunde musste es auch einmal ohne sie gehen. Sie verließ das Hotel durch einen Hintereingang, überquerte eine Wiese und stieg den schmalen, vielfach gewundenen Pfad empor, der zum höher gelegenen Teil des Ortes gehörte. Vor den ersten Häusern bog sie rechts ab. Hier begann der Nadelwald, den sie so liebte. Sie setzte sich auf einen Baumstumpf und schaute über das Land hinweg. Der See lag fast zu ihren Füßen, ein riesiges, tiefblaues Oval, an dessen Ufer einige berühmte Ferienorte lagen.

Hetty sah auch ihr Haus, ihr geliebtes „Fernblick“. Allerdings war es nicht so weiß gestrichen, wie sie es sich gewünscht hätte. Auch der Zaun, der das Hotel gegen die Nachbargrundstücke abgrenzte, hätte unbedingt erneuert werden müssen. Doch hätte man alle notwendigen Arbeiten ausführen lassen, bliebe am Jahresschluss kein Gewinn übrig. Und Hetty wirtschaftete ja nicht für sich selbst, sie musste einen Überschuss haben, um ihren Chef zufriedenzustellen.

„Da hat jemand angerufen“, empfing Liesel sie bei ihrer Rückkehr. „Und wissen Sie, wer das war?“

„Ich bin keine Hellseherin.“ Die Umständlichkeit des Mädchens machte Hetty ganz kribbelig.

„Stimmt, eine Hellseherin sind Sie nicht. Und ich dachte ja auch erst, ich höre nicht recht, als er seinen Namen nannte. Alfred hatte gerade zu tun und mich deshalb ans Telefon geschickt.“

„Wer wollte mich denn sprechen?“, herrschte Hetty Liesel an.

„Das will ich Ihnen ja gerade sagen. Ich komme also in Ihr Büro und denke an nichts Besonderes, und wie ich den Hörer abnehme und mich melde, da denke ich, mich trifft der Schlag. Aber er war es gar nicht, das hätte ja auch nicht sein können.“

„Wer denn?“, fragte Hetty nervös.

„Herr Landgraf. Also er hat tatsächlich gesagt: ‚Hier spricht Landgraf.‘ Und dabei wusste ich doch genau, dass er tot ist. Aber es war nicht der alte Herr Landgraf, sondern einer, der nur genauso heißt. Muss wohl ein Verwandter von ihm sein.“

„Was wollte Herr Landgraf von mir?“

„Sie sprechen. Und da habe ich gesagt, das ginge nicht, weil Sie spazieren gegangen wären und ich nicht wüsste, wann Sie zurückkommen. Was sollte ich denn sonst auch schon sagen?“, verteidigte sie sich gegen nicht erhobene Vorwürfe. „Und da hat er gesagt, das fände er merkwürdig, dass Sie so einfach spazieren gehen, und da habe ich gesagt, das wäre wohl Ihre Sache, und er sollte sich man nicht so haben. Und da hat er eingehängt.“

„Mein Gott, Liesel, konnten Sie denn nicht etwas diplomatischer sein!“

„Wieso? Ich habe doch nur die Wahrheit gesagt. Ich glaube, der neue Herr Landgraf, das ist kein Guter. Wie dessen Stimme geklungen hat. So … ungeduldig und gereizt. Hoffentlich taucht er nicht hier auf. Ich spür das schon, dass mit dem kein Auskommen ist.“

„Will Herr Landgraf noch einmal anrufen?“

„Nein, davon hat er nichts gesagt. Sollte er das denn? Wollen Sie vielleicht was von ihm?“

„Schon gut.“ Hetty ließ Liesel stehen. Es kam sehr, sehr selten vor, dass sie das Hotel am Vormittag verließ, und ausgerechnet dann musste dieser Landgraf anrufen. Warum hatte Liesel nicht gesagt, dass sie sich gerade um die Einkäufe kümmerte? Die Geschäftsführerin geht spazieren! Dieser Herr Landgraf musste einen feinen Eindruck von ihr bekommen haben. Aber jetzt war daran nichts mehr zu ändern.

Schon am nächsten Tag erhielt sie einen Brief des neuen Besitzers des Hotels „Fernblick“. Hettys Herz schlug schneller, als sie den Umschlag aufriss, ohne sich die Zeit zu nehmen, ihn ordentlich aufzuschlitzen.

Sehr geehrtes Fräulein Bertram, schrieb Herr Landgraf. Wie Sie wahrscheinlich bereits wissen, habe ich unter anderem das Hotel „Fernblick“ geerbt. Ich werde mich gelegentlich bei Ihnen sehen lassen und die Bücher prüfen.

„Misstrauischer Kerl“, murmelte Hetty beim Lesen. „Dr. Schacht überprüft doch schon die Abrechnungen jeden Monat. Was will er seine Nase noch in meine Bücher stecken?“

Morgen wird sich ein Herr Volker bei Ihnen vorstellen, las sie weiter. Ich wünsche, dass Sie ihn als Oberkellner einstellen. Er genießt mein volles Vertrauen. Gehaltszahlungen usw. gehen über mich. – Hochachtungsvoll – und eine unleserliche Unterschrift.

„Aha, ein Protektionskind will er mir vor die Nase setzen“, knirschte Hetty. Anscheinend hatte dieser Landgraf die Absicht, seine Freunde zu versorgen. Wahrscheinlich hatte Landgraf keine Ahnung, dass ein Oberkellner eine gediegene Ausbildung brauchte. Man konnte nicht den Erstbesten nehmen.

Und dabei brauchte sie tatsächlich jemanden. Im letzten Brief an Dr. Schacht hatte sie darauf hingewiesen, dass sie sich um einen weiteren Kellner bemühen würde. Ihre Anzeigen in den Tageszeitungen waren bisher erfolglos geblieben.

Dass dieser Landgraf ihr jetzt einfach einen Menschen aufzwang, der ihr vielleicht gar nicht gefiel, das erbitterte sie. Hetty war es nicht gewohnt, dass man ihr in die Betriebsführung des Hotels hineinredete. Der verstorbene Herr Landgraf hatte vollstes Vertrauen zu ihr gehabt.

Sie überflog den Brief noch einmal und fand den Ton empörend. Dieser Mensch schien überhaupt keine Bildung und kein Taktgefühl zu besitzen. Nicht ein freundliches Wort hatte er für sie gefunden. Ich muss versuchen, mit ihm auszukommen, sagte sich Hetty. Etwas anderes bleibt mir ja nicht übrig. Also werde ich diesen Herrn Volker freundlich empfangen, wenn ich ihn auch zum Teufel wünsche.

„Schön, dass Sie jemanden gefunden haben“, sagte der Kellner Alfred, als sie ihm das Kommen seines neuen Kollegen ankündigte. „Vielleicht können wir dann abends die Bar in der Halle aufmachen, wenn er etwas vom Mixen versteht. Viele Gäste gehen abends fort, weil wir keine Bar haben.“

„Abwarten. Vielleicht ist dieser Volker eine Niete.“

„Ein gelernter Oberkellner eine Niete?“ Alfred war in seiner Berufsehre getroffen. „Wo hat er denn gelernt? Und wo war er zuletzt beschäftigt?“

„Keine Ahnung. Ich … ich habe seine Papiere noch nicht bekommen.“

„Ach so. Sie haben ihn auf gut Glück eingestellt?“

„Sozusagen.“ In Hetty wuchs die Erbitterung auf diesen unverschämten Landgraf immer mehr. Was musste das Personal nur von ihr denken, wenn es herausbekam, dass sie nicht mehr einstellen konnte, wen sie wollte. Und dieser Herr Volker würde sicherlich an die große Glocke hängen, dass Landgraf sein persönlicher Freund war. Protektionskinder beriefen sich immer auf ihre Gönner, weil sie durch eigene Arbeit keine Anerkennung fanden. Aber er soll sich in mir getäuscht haben, schwor sie sich. Wenn er eine Niete ist, fliegt er, ob es Landgraf passt oder nicht.

Den Brief zerriss sie in kleine Fetzen und warf sie in den Papierkorb. Am liebsten hätte sie das Gleiche auch mit dem Erben vom „Fernblick“ getan. So lange Jahre hindurch hatte sie hier in Ruhe arbeiten können, und nun auf einmal mischte sich dieser Erbe ein. Dabei hielt er es nicht einmal für nötig, sich persönlich vorzustellen.

***

„Er ist da!“ Liesel stolperte in Hettys Zimmer, nachdem sie nur flüchtig angeklopft hatte. „Und wie er aussieht … einfach toll, sag ich Ihnen. Wie einer vom Film. Ich glaube, mit dem haben wir einen guten Fang gemacht. Hoffentlich bleibt er. Er sieht gar nicht aus wie einer, der in unser ‚Fernblick‘ passt“, fügte sie noch mit entwaffnender Aufrichtigkeit hinzu.

„Haben Sie vielleicht die Güte, mir zu erklären, wer angekommen ist?“, fragte Fräulein Bertram ahnungsvoll.

„Der Neue natürlich. Also erst haben wir gedacht, dass er ein Gast ist, und seine Koffer … teuerstes Leder, und einen todschicken Mantel hat er, und überhaupt … was der trägt, das hat er nicht im Ramsch gekauft.“

„Schicken Sie ihn mal zu mir rauf.“

„Ja. Aber ich glaube, er ist gerade dabei, seine Sachen auszupacken.“

„Und dabei darf ich ihn nicht stören?“, fragte Hetty ironisch. „Ich möchte diesen Herrn Volker sofort sprechen, verstanden? Er soll sich gefälligst etwas beeilen!“

„Wie Sie meinen, Fräulein Bertram.“ Liesel war mit dem Ton der Chefin offensichtlich nicht einverstanden. „Das kann ich Ihnen jetzt schon flüstern, der lässt sich nicht viel sagen. Das hat er bestimmt nicht nötig.“

„Sie sind eine Landplage, Liesel.“ Hetty schlug ergrimmt mit der flachen Hand auf den Tisch. „Wann werden Sie endlich lernen, dass Sie nur etwas zu sagen haben, wenn Sie gefragt werden?“

„Bin ja nicht mehr in der Schule“, warf sie Hetty an den Kopf. „Und wenn ich Ihnen nicht mehr passe, dann brauchen Sie es nur zu sagen, ich kann überall unterkommen. Im ‚International‘ sind die Mädchenzimmer viel moderner als hier.“

„Holen Sie endlich diesen Herrn Volker“, knirschte Hetty. Was für Zeiten sind es nur, dachte sie, dass man sich vom Personal solch frechen Antworten bieten lassen muss!

Dieser Volker hatte Liesel anscheinend gegen sie aufgebracht. Wahrscheinlich tritt er auf wie ein Graf. So etwas erlebte man bei Kellnern in Zivil häufig. Wer weiß, ob er überhaupt seinen eigenen Namen schreiben konnte.

Ungeduldig trommelte Hetty mit den Fingerspitzen auf die Schreibtischplatte. Seitdem sie den Brief von Herrn Landgraf bekommen hatte, war sie nervös und gereizt. Wie gut, dass sie einen langjährigen Vertrag hatte, den auch Landgraf nicht so ohne Weiteres kündigen konnte. Wahrscheinlich hatte er ihr seinen Spitzel auf den Hals geschickt, damit der ihr irgendwelche Verfehlungen nachwies.

„Herein!“, rief sie, als jemand an die Tür klopfte. Das musste er sein, dieser aufgeblasene Affe, den sie in die Hölle wünschte. Sie kniff die Augen zusammen, als Herr Volker über die Schwelle trat.

Wer lange im Hotelfach arbeitet, erwirbt sich automatisch eine gewisse Menschenkenntnis, und Hetty musste widerwillig zugeben, dass dieser Mensch einen ausgezeichneten Eindruck machte. Selbstverständlich war ihr klar, dass dieser Eindruck trog. Wäre er so tüchtig, wie er aussah, hätte er es nicht nötig, sich durch einen Freund eine Stellung besorgen zu lassen.

Volker verneigte sich höflich und blieb abwartend stehen. Sein gebräuntes Gesicht blieb unbewegt und verriet nichts von seinen Gedanken. Er war sehr groß, und auf den ersten Blick erkannte Hetty, dass sein Anzug von einem ausgezeichneten Schneider gearbeitet sein musste.

Ich mag Männer nicht, die übertrieben viel Wert auf ihr Äußeres legen, dachte sie. Ihr Vater hatte sich niemals Maßanzüge machen lassen, dazu war er viel zu bescheiden gewesen, und doch hatte er immer ausgesehen wie ein Herr.

Sie ließ sich Zeit mit ihrer Musterung. Die Haltung dieses Menschen empörte sie. Er stand mit einer lässigen Sicherheit da, die auf großes Selbstbewusstsein schließen ließ. Und so sehr Hetty Selbstbewusstsein an und für sich schätzte, bei diesem Kellner brachte es sie auf.

„Wer sind Sie?“, fragte sie schließlich kurz angebunden.

„Volker.“ Der Mann deutete eine Verneigung an, und dabei blitzte es in seinen Augen sekundenlang spöttisch auf. „Sie haben mich sicher erwartet, Fräulein Bertram. Herr Landgraf hat Ihnen mein Kommen schriftlich angekündigt.“

„Wie heißen Sie mit Vornamen?“

„Volker.“

Hetty zog die Brauen zusammen. Wollte dieser unverschämte Kerl sie auf den Arm nehmen? Das fehlte ihr gerade noch.

„Wie heißen Sie vollständig?“