Romantische Bibliothek - Folge 38 - Luise Hoffmann - E-Book

Romantische Bibliothek - Folge 38 E-Book

Luise Hoffmann

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Beschreibung

Hete Ortmann und ihr Bruder Ralf führen ein ruhiges und zufriedenes Leben, bis ein schrecklicher Arbeitsunfall den jungen Ingenieur aus dem Leben reißt. Hete, die Zeugin des schrecklichen Geschehens ist, gibt Kurt Vollborn, dem Besitzer des Bauunternehmens, die Schuld am Tod ihres Bruders.

Von diesem Moment an sinnt sie auf Rache. Doch Kurt Vollborn hat sich in die hübsche Schwester des Ingenieurs verliebt und ganz andere Pläne. Als Hete einwilligt, seine Frau zu werden, ist er überglücklich - bis der Tag der Hochzeit kommt ...

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Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Cover

Impressum

Ein Mädchen im Sturm

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock/Bojan Dzodan

E-Book-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-3584-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Ein Mädchen im Sturm

Wer nimmt die Schuld von ihrer Seele?

Von Luise Hoffmann

Hete Ortmann und ihr Bruder Ralf führen ein ruhiges und zufriedenes Leben, bis ein schrecklicher Arbeitsunfall den jungen Ingenieur aus dem Leben reißt. Hete, die Zeugin des schrecklichen Geschehens ist, gibt Kurt Vollborn, dem Besitzer des Bauunternehmens, die Schuld am Tod ihres Bruders.

Von diesem Moment an sinnt sie auf Rache. Doch Kurt Vollborn hat sich in die hübsche Schwester des Ingenieurs verliebt und ganz andere Pläne. Als Hete einwilligt, seine Frau zu werden, ist er überglücklich – bis der Tag der Hochzeit kommt …

Vielleicht wäre alles anders gekommen, hätte Hete Ortmann noch Eltern gehabt. Aber sie hatte nur noch einen Bruder, einen großen Bruder, der für sie alles war. Ralf war ein Mann, der etwas darstellte, er hatte es aus eigener Kraft und Tüchtigkeit zu einer gut bezahlten Stellung und Ansehen gebracht.

Sie führte ihren gemeinsamen kleinen Haushalt, weil Ralf auf gar keinen Fall wollte, dass sie einen Beruf ergriff.

Hetes Wünsche kreisten um den großen Bruder, und sie war manchmal traurig, dass sie nichts weiter tun konnte, als ihm nur seine Anzüge zu bürsten, die dazu passenden Krawatten herauszulegen und seine Lieblingsgerichte zu kochen.

„Manchmal möchte ich fast, dass du krank wärest, nur für eine Woche, damit ich dich pflegen und verwöhnen könnte“, sagte sie am Frühstückstisch. Ihre Augen leuchteten hell und unbekümmert in die Morgensonne hinein. Und strahlten auf, als sie das geliebte Gesicht des Bruders umfassten. „Ich möchte dir zeigen, wie gern ich dich habe, Ralf.“

Der Mann mit dem gebräunten Gesicht und dem weizenblonden Haar lachte auf.

„Du hast fromme Wünsche. Ich hatte immer gedacht, du seiest um mein Wohl besorgt, und dabei wünschst du mir eine Krankheit! Ich muss sagen, du enttäuschst mich, Kleines.“

Hete hatte eine reizende Art, zu erröten, und es machte Ralf Spaß, sie häufig zu necken.

„Es wundert mich nur“, äußerte er nachdenklich, als seine Schwester den Blick gesenkt hatte, „dass sich noch keiner gefunden hat, der dich vom Fleck weg heiraten wollte. Es tut mir manchmal direkt leid, dass du meine Schwester bist“, behauptete er übermütig.

„Dich hätte ich auch sofort genommen“, versicherte Hete, noch immer befangen. „Aber du hast keinen Doppelgänger, einen Mann wie dich gibt es nicht ein zweites Mal.“

„Was für ein Kompliment“, spottete Ralf gutmütig, aber er musste sich vorher räuspern, um seine tiefe Bewegung zu verbergen.

„Es wird Zeit, dass du losfährst, Ralf“, erinnerte das Mädchen mit einem bezeichnenden Blick auf die Uhr. „Und pass gut auf. Ich habe immer Angst um dich, du fährst so wild …“

Der Mann lachte. „Das denkst du nur, weil du ein Hasenfuß bist, Kleines. Sei unbesorgt, mir passiert schon nichts.“

„Du lachst über mich.“ Hete schluckte. „Aber ich habe den ganzen Tag Zeit, und dann denke ich oft an dich.“

Sie hatte ihn ab und zu auf den Baustellen besucht und sie fand die Arbeit ihres Bruders – er war Brückenbauingenieur – verwirrend und gefährlich.

„Es wird aber wirklich Zeit.“ Ralf zog Hete einen flüchtigen Moment an sich und strich ihr leicht über ihr helles Haar, das seinem verblüffend glich, nur, dass es in natürlichen Wellen ihr stilles, ebenmäßiges Gesicht umrahmte.

Hete nickte nur, wandte sich dann hastig ab und schlug die Wohnungstür fest hinter sich zu. Sie lehnte sich schweratmend mit dem Rücken gegen das Holz. Jeden Tag war es dasselbe mit ihr: Sie hatte Angst um Ralf, weil sie glaubte, er sei zu unbekümmert und verwegen.

Sie ging in das Wohnzimmer, um den Frühstückstisch abzuräumen. Wahrscheinlich war er jetzt an der Kreuzung …

Eine halbe Stunde später kaufte sie alles Notwendige zum Mittagessen ein. Die Geschäfte lagen in der Nähe, die Besorgungen waren deshalb schnell erledigt.

Um dreizehn Uhr kam er zurück. Es war neun, als Hete die Kartoffeln schälte, und um zehn Uhr hatte sie die Wohnung geputzt.

„Lies oder geh spazieren oder schau dir die Geschäfte an, vielleicht möchtest du dir etwas kaufen“, hatte Ralf ihr oft geraten und nicht verstehen können, dass ihr solch ein Leben nicht genügte.

Es war zehn Uhr dreißig, als sie beschloss, einen Spaziergang zu machen.

Die Straßenbahnhaltestelle war in der Nähe. Sie hatte gar nicht die Absicht, mit der Straßenbahn zu fahren, aber diese Linie passierte die Baustelle, auf der Ralf beschäftigt war.

Ihre Gedanken waren schon wieder bei Ralf, und als sie sich dabei ertappte, beschloss sie, ihnen nicht mehr feige davonzulaufen. Sie gestand sich ein, Ralf sehen zu wollen, und beschloss gleichzeitig, es unbemerkt zu tun. Es war nicht nötig, dass er über sie lachte.

***

Kurt Vollborn steckte beide Hände in die Taschen seines Trenchcoats, als er seinen Mercedes auf dem Materiallagerplatz abgestellt hatte. Er sah selbstsicher und fast ein wenig arrogant aus, obwohl dieser Eindruck täuschte.

Der Chef der Brückenbaufirma Vollborn & Co. kannte zwar seinen Wert, aber er überschätzte ihn nicht. Trotz seiner überragenden Erfolge glaubte er nicht, unersetzlich zu sein. Er lachte zwar selten, aber er hatte es nicht verlernt.

Die Arbeiter machten sich gegenseitig auf ihn aufmerksam, denn er war ein gefürchteter Chef, streng und gerecht, aber ein Mann mit einem unbestechlichen Blick für Nachlässigkeiten.

Aber heute schien alles in Ordnung zu sein, der große Schwimmkran, der mitten im Fluss verankert lag, beförderte einen riesigen Träger vom Ufer zum Pfeiler, auf dem Männer ihn erwarteten, um ihn millimetergenau zu platzieren.

Kurt Vollborn sah, dass man ihn auch dort erkannt hatte. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und hob dann grüßend die Rechte, als der leitende Montageingenieur ihm zuwinkte.

Irgendjemand trat neben ihn, er wandte kurz den Blick zur Seite, vermutete einen Arbeiter oder Angestellten – und sah ein junges, anscheinend recht nettes Mädchen, das an ihm vorbei auf die Menschen starrte, die auf dem Pfeiler standen.

„Entschuldigen Sie …“, sprach ihn das Mädchen an.

Kurt krauste die Stirn, und sein Blick war nicht sonderlich freundlich, als er sie kurz von der Seite anschaute.

„Was wollen Sie?“, fragte er unfreundlich und kurz.

„Sie … Sie sind doch sicherlich ein Ingenieur oder so etwas Ähnliches und verstehen etwas von der Arbeit …“ Hete fand es schwer, im Angesicht dieser kühl prüfenden Augen zusammenhängend zu sprechen, und die Frage, die ihr auf den Lippen lag, schien ihr töricht, bevor sie sie noch artikuliert hatte.

„Was wollen Sie?“ Kurt schob das Kinn ein wenig vor. „Das Betreten der Baustelle ist Unbefugten verboten. Haben Sie das Schild dort hinten nicht gelesen?“

„Doch … Ich dachte nur … ich bin nämlich Ralf Ortmanns Schwester. Ich habe Angst um ihn.“

„Wer sind Sie?“, fragte der Mann, aber eigentlich nur, um Zeit zu gewinnen. Er hatte nicht gewusst, dass sein Ingenieur eine Schwester hatte – die Privatangelegenheiten seiner Leute interessierten ihn nicht – und hätte er es gewusst, würde er sich die Schwester des bärenstarken Ingenieurs anders vorgestellt haben.

Nicht so zart und zierlich, zerbrechlich wie eine Meißener Porzellanfigur. Und ebenso hübsch.

Er wusste nicht, dass er sie schon unhöflich lange anstarrte, und ebenso unbewusst war sein Lächeln.

„Sie haben Angst um ihn?“, fragte er dann, und Hete zweifelte allmählich, dass sie sich an den richtigen Mann gewandt hatte. Sie verzichtete deshalb auf eine Antwort, trat wie zufällig einen Schritt zur Seite und stützte sich auf das hölzerne Geländer, wie es vorher Kurt getan hatte.

„Kann ich etwas für Sie tun?“, fragte er sehr viel höflicher als noch eine Minute zuvor. „Vollborn ist mein Name, entschuldigen Sie, dass ich mich erst jetzt vorstelle.“

Hete nickte ihm nur zu, sein Name sagte ihr nichts. Sie interessierte sich nur für Ralf, der sich mit beiden Händen das Kreuz rieb und einem Arbeiter etwas zurief.

Seine Schwester verstand die Worte nicht, es schien ein Scherz gewesen zu sein, denn die Leute lachten. Setzten sich anschließend auf den Träger, um zu frühstücken. Ralf zündete sich eine Zigarette an.

„Bleiben Sie hier stehen!“, befahl Kurt Vollborn, als er die dünne, schwankende Brücke betrat, auf der man den Pfeiler erreichen konnte. Dann ließ er sie stehen und ging auf die Bohlen.

Ungefähr in der Mitte geschah es: Kurt verlor plötzlich den Boden unter den Füßen, tastete einen Moment hilflos mit beiden Armen durch die Luft und packte dann im letzten Moment das ein Geländer ersetzende Drahtseil. Nur an seinen Händen hing er über dem trägen Fluss, und noch immer schwankte das Seil wild hin und her.

Unwillkürlich stieß Hete einen Schrei aus, den der Mann nur schwach vernahm. Er verzog den Mund zu einem belustigten Lächeln. Was könnte ihm schon Schlimmes passieren als ein kaltes Bad im schmutzigen Fluss? Er hangelte vorsichtig nach den Bohlen und stand eine Minute später wieder einigermaßen bequem. Bevor er weiterging, wandte er den Kopf zurück.

Hete stand vorgebeugt und starrte ihm nach, und selbst in dieser Entfernung konnte Kurt ihr erleichtertes Lächeln sehen. Ein ungewohntes, warmes Gefühl stieg in ihm empor, als er es in sich aufnahm.

Hete ahnte nichts von seinen Gedanken, als sie die weit entfernte Begrüßung der beiden Männer auf dem Brückenpfeiler beobachtete.

Offensichtlich sprach dieser Fremde von ihr, denn Ralf wandte den Kopf, winkte ihr dann übermütig zu, aber sein Ruf wurde vom Winde verweht. Die Arbeiter hinter seinem Rücken grinsten und rissen wahrscheinlich Witze, dem wiehernden Lachen nach zu urteilen, das zu Hete herüberschallte.

„Affen“, murmelte das Mädchen deutlich und drehte ihnen gekränkt den Rücken zu.

„Ihr Bruder lässt fragen, ob er etwas für Sie tun kann“, richtete Kurt Vollborn ihr aus, als er wenig später auf gleichem Wege zurückgekommen war. Er hatte das bequeme Ruderboot verschmäht, weil der Weg über die Bohlen schneller war.

Und außerdem mündete er dort, wo dieses nette Mädchen stand. Er schaute sie erwartungsvoll an, aber sein aufforderndes Lächeln wurde von Hete nicht erwidert.

„Nein, danke“, sagte sie, und die Kälte, die aus ihren Augen kam, traf Kurt wie eine Ohrfeige. Er wusste nicht, was er falsch gemacht hatte, um solch ein kühles Benehmen zu rechtfertigen. Als ein Mann, der allen Dingen gern auf den Grund ging, fragte er sie.

Mit dem Erfolg, dass Ralfs Schwester errötete.

„Entschuldigen Sie bitte, aber … ich habe natürlich nichts gegen Sie … Entschuldigen Sie“, sagte sie noch einmal, nickte ihm zu und hastete davon.

Hete war auf sich selbst wütend. Sie konnte sich vorstellen, wie Ralf gelacht haben musste, als dieser selbstsichere Mann ihm erzählt hatte, dass sie wie ein dummes Mädchen am Ufer stand und sich um ihn sorgte.

***

Hinnerk Stelling war an der Nordseeküste geboren, und man sah es ihm an. Blond, blauäugig, hochgewachsen und hager repräsentierte er den Typ des dickköpfigen Friesen.

Er sprach nur wenig, fast konnte man sagen, er sprach gar nicht, und als er Hetes Hand bei der Vorstellung drückte, presste er sie so stark, dass Ralfs Schwester ihren Schmerzensschrei beim besten Willen nicht unterdrücken konnte.

„Aber, Hinnerk“, mahnte seine Schwester Antje vorwurfsvoll. Sie schickte ein um Entschuldigung bittendes Lächeln an Hetes Adresse. „Er ist so stark, dass er ganz vergisst, wie schwach wir armen Frauen sind.“

Der Schalk blitzte aus ihren Augen, und Hete schloss sie auf den ersten Blick ins Herz.

Antje Stelling war keine Schönheit, dazu hatte sie viel zu scharfe Züge, und auch ihr Haar sah aus, als sei es von der Sonne gebleicht worden; ihm fehlte der seidige Glanz der Hetes Haar auszeichnete.

„Wir danken Ihnen für Ihre freundliche Einladung“, fuhr Antje fort. Sie gab ihrem Bruder einen auffordernden Stoß in die Seite, und Hinnerk löste unbeholfen das Seidenpapier vom Blumenstrauß und hielt ihn Hete schüchtern hin.

„Mein Bruder bittet Sie, diese Blumen als Zeichen unseres Dankes entgegenzunehmen“, dolmetschte seine Schwester, und man sah ihr an, dass sie ein wenig böse wurde.

Ralf schmunzelte breit; er hatte die beiden in seinem Wagen hierher gefahren und gehört, wie viele Ratschläge und Ermahnungen Antje ihrem Bruder gegeben hatte. „Mach das Papier von den Blumen und bedanke dich für die Einladung!“, hatte sie ihm zugeflüstert. Aber so laut, dass Ralf sie noch verstehen konnte.

„Hinnerk ist keineswegs stumm, sondern nur ein Feind unnötiger Worte“, teilte er seiner Schwester augenzwinkernd mit. „Er beschränkt sich in der Regel auf die Zeichensprache.“

Der Verspottete gab ein Grunzen von sich, das einen Widerspruch ausdrücken sollte, ohne dass ein gutmütiges Lächeln von seinen hageren Zügen schwand. Hete fand ihn sehr sympathisch.

„Sie haben es hier sehr nett, Herr Ortmann“, plauderte Antje. Sie hatte den Ingenieur erst heute Nachmittag kennengelernt und bemühte sich, ihre Befangenheit hinter einem leichten Gespräch zu verbergen.

Auch sie arbeitete in der Vollbornschen Firma, allerdings in der Buchhaltung, und bisher war Ralf Ortmann für sie nur ein Name auf einer Karteikarte gewesen. Und das, was ihr Bruder in seiner wortkargen Art von ihm erzählte.

„Ein feiner Kerl, der Ralf“, hatte er, zum Beispiel, gesagt. Aus seinem Mund war es das höchste Lob überhaupt, und Antje war deshalb sehr gespannt gewesen, dieses Wundertier kennenzulernen.

Ralf hatte sie nicht enttäuscht, im Gegenteil, ihre hoch gegriffenen Erwartungen noch übertroffen. Sie verglich ihn unwillkürlich mit Kurt Vollborn und stellte fest, dass die beiden Männer einander ähnelten; nicht in ihrem Äußeren, aber in ihrer Art, sich zu geben und sich zu bewegen.

Und in der gelassenen Ruhe, die sie ausstrahlten. Sie verehrte Kurt Vollborn, wie es alle Mädchen und auch die Frauen ihrer Abteilung taten. Sie verehrte ihn wie ein höheres Wesen, das unerreichbar war.

Ralf hatte Kurt eines voraus: er war erreichbar. Kein Wunder, dass Antjes Plaudermund stiller wurde, je länger sie mit dem Gastgeber zusammensaß. Sie errötete, wenn sie ihn anschaute und ihre Blicke sich zufällig begegneten, als habe der Mann sie bei etwas Verbotenem ertappt.

„Wird die Arbeit an der Brücke noch lange dauern?“, brach Antje schließlich das Schweigen. Sie wandte sich an Ralf, und als sie sah, dass der Mann die Augenbrauen erstaunt in die Höhe zog, beeilte sie sich, ihre Fragen zu begründen. „Hinnerk sagt nämlich freiwillig kein Wort, und ich möchte doch gern wissen, wie lange wir noch hierbleiben werden. Wir führen das reinste Nomadenleben.“

„Noch etwa ein Jahr“, sagte Ralf. „Und dann geht es weiter. Vielleicht ins Ausland. Der Chef hat Angebote aus Thailand und Indien. Ich würde furchtbar gern einmal Thailand kennenlernen.“

„Und dich mit den Tanzmädchen amüsieren, nicht wahr?“, drohte ihm Hete mit dem Zeigefinger. Ihre Munterkeit war nur gespielt, Antje sah es deutlich.

Die Stellung bei Vollborn war Ralfs erster Posten nach seinem Examen, und sie hatte sich noch nicht recht klargemacht, dass sein Beruf ihn unstet durch die Welt führen würde.

„Dich nehme ich mit, Schwesterherz, als Aufpasserin“, verkündete Ralf, der, wie so oft, ihre Gedanken erraten hatte.

„Wird Vollborn auch mit ins Ausland gehen und die Baustellen leiten?“, fragte Antje mit schlecht gespielter Gleichgültigkeit.

Sogar ihr Bruder stutzte bei dem gepressten Ton ihrer Frage und warf ihr einen verdutzten Blick zu.

„Ich meinte nur so“, entschuldigte sich Antje sofort, und sie errötete tief. „Er ist doch immerhin der Chef, und ich finde, so abwegig ist meine Frage gar nicht.“

Sie tat Ralf leid. „Vollborn bleibt in der Regel hier, am Stammsitz der Firma, denn schließlich bauen wir nicht nur eine Brücke. Er ist sozusagen der Kopf und wir nur die Hände. Wir arbeiten alle gern für ihn. Er ist wirklich ein feiner Kerl und man kann viel von ihm lernen.“

Hinnerk nickte bekräftigend. Er brummte wieder, und diesmal hatte Antje es nicht nötig, den unartikulierten Laut zu dolmetschen.

„Bei uns finden sie ihn auch alle sehr nett“, gestand sie leise. „Sie haben ihn noch nicht kennengelernt, Fräulein Ortmann? Er ist ein Mann, der auffällt. Man kann schlecht sagen, wodurch, denn er drängt sich nicht in den Vordergrund, im Gegenteil, meine Kolleginnen finden, er sei sogar zu bescheiden.“

Hinnerk grinste, denn er glaubte zu wissen, was die Kolleginnen seiner Schwester meinten: er war ein Mann, der sich auf kein flüchtiges Abenteuer einließ. Und weil viele von ihnen hübsch waren, fanden sie sein Benehmen anfangs merkwürdig und später faszinierend.

„Ich kenne ihn“, sagte Hete leise. Sie spielte mit ihren Fingerspitzen. „Ich fand ihn auch ganz nett“, sagte sie gleichgültig eine Spur zu gleichgültig. „Der Kaffee wird kalt“, fiel es der Schwester des Gastgebers ein. Sie sprang auf und lief hinaus. um ihn hereinzuholen, und Hinnerk klopfte mit bedauernder Miene seine Pfeife aus und verstaute sie anschließend mit liebevoller Umständlichkeit in der Innentasche seine Jacketts.

Dieser etwas improvisierte Abend wurde für die Ortmanns ein voller Erfolg, obwohl Hinnerk bestimmt nicht mehr als ein Dutzend Sätze gesagt hatte. Hete war es nicht gewohnt, Gäste in ihrer Wohnung zu sehen, und stolz auf das Lob, das Antje ihr spendete.

Sie nahm die Einladung der Geschwister, sie mit Ralf zusammen am kommenden Sonntag zu besuchen, gern an. Und Hinnerk presste ihre Hand, als wolle er sie zerquetschen.

„Er ist und bleibt eben ein Bär, daran kann man nichts mehr ändern“, entschuldigte Antje ihn lachend. Ein helles Lieht leuchtete in ihren Augen. Sie kannte Hinnerk und wusste, dass ihr stiller Bruder dieses reizende Mädchen gernhatte, obwohl er es nicht zeigte.

***

Hete freute sich auf den Sonntag, vielleicht auch deshalb, weil Ralf sich so besonders freute. Es versprach, gutes Wetter zu werden, und an solchen Sommertagen gab es für ihren Bruder nichts Schöneres, als mit seinem Volkswagen ins Grüne zu fahren, möglichst dorthin, wo keine anderen Menschen waren, und er konnte dann stundenlang gehen oder auf dem Rücken liegen und in den blassblauen Himmel starren.

„Werden die Stellings dich nicht stören?“, fragte er besorgt, und Hetes spontane Verneinung beruhigte ihn. „An Hinnerks Art muss man sich erst gewöhnen“, fuhr er unbefangen fort, „aber du kannst mir glauben, Mädchen, er ist ein prächtiger Kerl. Ich arbeite ausgesprochen gern mit ihm zusammen, er versteht seinen Kram fast so gut wie der Chef.“

„Und ich verstehe nicht, weshalb du dich für diesen Vollborn so erwärmen kannst“, wandte Hete mit blitzenden Augen ein. „Er ist doch ein Mann wie alle anderen, oder etwa nicht?“

„Oder etwa nicht!“, versicherte Ralf ungerührt, „Du kennst ihn zu wenig, um mein Urteil verstehen zu können, Hete, aber glaube mir, Vollborn steht weit über dem Durchschnitt.“

„Du schließlich auch!“ Hete schwieg verwirrt, als es in den Augen des Bruders belustigt aufblitzte. Ralf verstand sofort, was sie bewegte, es war eine Abart der Eifersucht, und er fand es nett von Hete, dass sie keinen Gott neben ihm dulden wollte.

„Du wirst wenig Gelegenheit haben, ihn kennenzulernen“, äußerte er nachdenklich, „aber ich bin auch der Meinung, dass wir besser täten, von wichtigeren Dingen zu sprechen. Was nehmen wir zu essen mit? Machst du Kartoffelsalat mit Koteletts? Niemand kann den Kartoffelsalat so gut machen wie du“, schmeichelte er.

„Du wolltest mir sicherlich noch sagen, dass ich genug für vier Personen machen soll, nicht wahr? Soweit ich dich kenne, willst du mit meinem Kartoffelsalat angeben.“

„Ich fürchte, du kennst mich sehr gut“, gestand der Bruder ein und fuhr sich durch seinen wirren Haarschopf. „Was für ein Glück, dass du meine Schwester und nicht zufällig meine Frau bist. Es wäre gar nicht auszudenken. Hätte ich einmal eine schwache Stunde gehabt, du würdest es bestimmt merken.“

„Du und eine schwache Stunde?“ Hete lachte übermütig auf.

„Ich wünschte, ich könnte deine Zuversicht teilen“, murmelte Ralf. Er mied ihren Blick und rieb sich verlegen sein Kinn.

„Wieso? Hast du irgendetwas angestellt?“, erkundigte sich Hete misstrauisch.

„Nein“, sagte er, „ich habe keine Dummheit gemacht.“ Noch nicht, setzte er in Gedanken hinzu. Die kleine Kosmetikerin, die er gestern zufällig im Kino kennengelernt hatte, konnte man schließlich nicht als Dummheit betrachten. Auch wenn sie sich für den nächsten Mittwochnachmittag verabredet hatten.

„Woran denkst du?“ Hetes Zeigefinger stieß inquisitorisch gegen seine Brust. „Du verbirgst mir doch etwas? Hängt es mit einem Mädchen zusammen?“

„Den Kaffee nehmen wir am besten in einer Thermosflasche mit. Oder was hältst du von Tee? Tee löscht besser den Durst, wenn du vielleicht noch eine Zitrone …“