9,99 €
Johanna gilt als einsamer Wolf. Sie lässt niemanden an sich heran, denn so kann sie jedenfalls nicht verletzt werden. Ihr Plan hat bis jetzt auch ganz gut funktioniert. Doch als sie der mysteriösen Neuen begegnet, weiß sie, dass sie, dass Mädchen unbedingt näher kennenlernen möchte. Dieser Wunsch ist für Johanna gleichzeitig ein Fluch und ein Segen. Wird sie es schaffen, ihrem Herzen zu folgen und diesen Schritt zu gehen?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 355
Veröffentlichungsjahr: 2022
Romy und Johanna
Weitere Titel:
Mutig ins Glück
Softcover (ISBN): 978-3-347-26278-2
Hardcover (ISBN): 978-3-347-26279-9
E-Book (ISBN): 978-3-347-26280-5
Romy und Johanna
Unverhofft
Chiara Boner
© 2022 Chiara Boner
Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer
ISBN Softcover: 978-3-347-66084-7
ISBN Hardcover: 978-3-347-66085-4
ISBN E-Book: 978-3-347-66093-9
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Für meine Großeltern
1. Kapitel
Ich schloss mein Fahrrad ab und stieg die Stufen zur Schule hoch. Normalerweise fuhr ich gemeinsam mit meiner besten Freundin, aber die Glückliche hatte erst zur Zweiten. Wir gingen zwar in dieselbe Klasse, aber wir hatten unterschiedliche Fremdsprachen gewählt. Während ich mich damals für Spanisch entschied, wählte sie Französisch.
Während ich so in meinen Gedanken versunken war, hatte Jesko es sich neben mir auf dem Boden des Schulflures gemütlich gemacht. Jesko war seit Kindergartentagen mein bester Freund und dass wir in einer Klasse waren, hielten wir für eine glückliche Schicksalsfügung. Erst als er mir auf meine Schulter tippte, schreckte ich hoch und blickte direkt in seine blauen Augen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Seine Haare waren ordentlich zur Seite gekämmt, sein Hemd trug er mit einem T-Shirt darunter offen, dazu eine enganliegende schwarze Hose. Seine Füße steckten in schwarzen Chucks. Wir waren unzertrennlich und somit war er auch immer dabei, wenn ich mit Laura unterwegs war, zumindest in der Schulzeit. Außerhalb trafen wir uns auch oft, aber eher, um eine Runde Sport zu machen.
Egal ob Laufen gehen, Kraftübungen oder nur Radfahren: Er war der ideale Trainingspartner. Und ich wusste nur zu gut, was ich an ihm hatte.
„Hey, du warst ja ganz woanders. Worüber hast du denn diesmal nachgedacht? Davon abgesehen, dass ich noch nicht ganz begreifen kann, dass du wirklich denken kannst.“
„Danke. Heute mal wieder ganz freundlich unterwegs?“
„Immer doch, das müsstest du doch wissen. Nett sein liegt in meiner Natur, im Gegensatz zu dir, Jojo.“
Jojo war mein Spitzname. Mein voller Name war Johanna, doch ich bevorzugte lieber die Abkürzung.
„Da scheint ja jemand richtig gut geschlafen zu haben. Gibt es irgendetwas, was ich wissen sollte?“
„Nein, eigentlich nicht. Mein Leben ist genauso langweilig wie vorher. Wo ist eigentlich Laura?“
„Sie hat erst zur Zweiten. Das wirst du wohl nie auf dem Schirm haben.“
„Da könntest du Recht haben.“
Ich ließ meinen Blick über meine Mitschüler schweifen, die sich inzwischen vor dem Klassenraum angesammelt hatten. Die meisten hörten nach diesem Jahr zum Glück auf, sodass ich nur mit den wenigsten noch etwas zu tun haben würde und ich müsste lügen, wenn ich sagte, dass ich sie vermissen würde.
„Und freust du dich schon, wenn alle weg sind?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort nur zu gut kannte.
„Oh ja. Ich mag diese Klasse nun wirklich nicht, aber wir müssen noch ein paar Monate aushalten, bis die Hälfte weg ist.“
Ich winkte ab und erwiderte: „So schlimm ist es auch wieder nicht. Viele sind ein bisschen oberflächlich, aber man muss sie nur zu nehmen wissen, es sei denn, du willst dich mit denen unterhalten, das wird nichts werden, so wenig, wie die meisten hier im Kopf haben.“
„Sagt die Richtige“, antwortete Jesko grinsend.
„Womit habe ich das heute nur verdient?“
„Ich baue dich doch gerne auf und Laura ist leider nicht da, um das zu übernehmen. Apropos Laura, ich würde auch am liebsten noch weiterschlafen.“
„Das können Sie gerne in den Ferien machen, aber erst einmal wollen wir mit Spanisch loslegen, oder haben Sie da etwas gegen?“, meinte unser Lehrer mit einem Augenzwinkern.
„Solange wir keinen Test schreiben, bin ich dabei.“
Ich musste mir ein Lachen verkneifen. Im Gegensatz zu unserer Klassenlehrerin war unser Spanischlehrer eine Art Vertrauensperson für uns. Er hatte immer ein offenes Ohr für uns und nahm sich alle Zeit der Welt, um uns zuzuhören, wenn wir etwas auf der Seele hatten. Jesko hatte immer eine freche Antwort parat, nur war er im Gegensatz zu Laura nicht unverschämt, sondern witzig.
Ich nahm meinen Rucksack vom Boden und erhob mich, um meinem Lehrer in die Klasse zu folgen.
Aber auch in der Stunde waren meine Gedanken ganz woanders. Mein Bruder würde am Freitag zu Besuch kommen und uns endlich seine neue Freundin vorstellen. Seitdem er ausgezogen war, sahen wir uns so gut wie gar nicht. Und ich war wirklich auf seine Freundin gespannt, bei ihm wusste man nie, mit welchem Typus er ankommen würde.
Jesko stupste mich mit seinem Ellenbogen an. „Kommst du?“
Verwirrt schaute ich auf und musste feststellen, dass ich die Einzige in der Klasse war. Der Rest war schon gegangen, ebenfalls mein Lehrer. Oh, wie peinlich. Ich hatte absolut nichts mitbekommen, weder vom Unterricht noch von seinem Ende. Schnell packte ich meine Sachen zusammen und folgte Jesko aus dem Raum. Als nächstes hatten wir Physik, das konnte heiter werden. Wenn es ein Fach gab, in dem ich noch schlechter war als in Mathe, dann war das Physik. Darin war ich wirklich mit Abstand die Schlechteste aus der Klasse. Mein Physiklehrer, gleichzeitig auch mein Mathelehrer, war dementsprechend kein sonderlich großer Fan von mir. Das war aber auch kaum verwunderlich.
Jesko und ich setzten uns in die letzte Reihe unseres Klassenraums zu Laura, die uns schon erwartete. Da der Physikraum immer besetzt war, hatten wir immer im Klassenraum Unterricht. Laura umarmte mich und seufzte theatralisch.
„Ich dachte schon, ihr kommt nicht mehr, dann hätte ich die Stunden mit unserer Klassenlehrerin allein überstehen müssen.“
„Wir haben sie doch heute nur einmal?“, wandte Jesko ein.
„Physik fällt aus, habt ihr nicht auf den Plan geschaut? Wir haben unsere Klassenlehrerin dafür.“
„Oh Gott, soll das erst einmal jemand überleben“, murmelte ich.
„Das wird schwer, aber jetzt seid ihr zumindest da.“
„Wir lassen dich doch nicht im Stich, außerdem wird es ohne uns nur halb so lustig“, meldete sich Jesko mal wieder zu Wort.
Die Klasse wurde still und alle Blicke wanderten nach vorne. Irritiert tat ich es meiner Klasse gleich und musste feststellen, dass unsere Klassenlehrerin schon da war. Man übersah sie fast, so klein wie sie war. Sie trug zwar immer hochhackige Schuhe, aber dadurch wurde sie auch nicht unbedingt größer. Sie maß vielleicht gerade mal die eins sechzig mitsamt Schuhen und Dutt.
„Schön, dass ihr erholt aus euren Ferien zurückgekommen seid“, begrüßte sie uns.
„Als wenn wir eine Wahl gehabt hätten“, erwiderte Laura. Ich verdrehte die Augen und versuchte Laura weitestgehend auszublenden. In der ersten Stunde nach den Ferien wollte ich nicht schon aus der Klasse verwiesen werden. Jesko tat es mir gleich und versuchte sich auf unsere Lehrerin zu konzentrieren. Doch als Laura die Stimme unserer Klassenlehrerin nachäffte, musste ich einfach lachen. Sofort tauchte die besagte Lehrerin auf und musterte uns mit zusammengekniffenen Augen.
„Was gibt es hier zu lachen? Ist euch mein Unterricht zu langweilig?“
„Ach, nichts. Alles gut, Sie können gerne weitermachen“, antwortete ich und setzte ein ernstes Gesicht auf.
„Seid gefälligst leise. Ich habe echt die Schnauze voll davon.“
„Wird gemacht, Captain“, erwiderte Laura.
„Raus mit euch beiden. Ich lass das nicht länger mit mir machen.“
„Na danke“, raunte ich Laura zu. Und mal wieder saßen wir auf dem Flur. Langsam war das nichts Neues mehr und doch hatte ich einen Neustart gewollt, ohne das hier. Aber dafür war es einfach ein zu schlechter Ort, neben Laura zu sitzen. Ich mochte mich selbst nicht dafür, dass ich immer mitgezogen wurde, denn ich allein hätte mich niemals getraut, das Wort zu erheben, aber ernst bleiben lag mir leider nicht so und das musste ich schnell ändern. So konnte es nicht weitergehen.
„Was war das denn eben?“, fragte ich meine beste Freundin und warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Ist mir nun mal so eingefallen, du kennst mich doch. Ich habe immer einen guten Spruch auf Lager.“
„Auch wenn wir hier draußen wahrscheinlich nicht so viel verpassen werden von ihrem Unterricht, wäre ich trotzdem gerne drinnen geblieben. Ich habe keine Lust, immer rauszufliegen.“
„Was ist denn mit dir los? Seit wann bist du so eine Spielverderberin?“
„Du übertreibst es einfach, okay? Du kannst meinetwegen gerne weiterhin rausfliegen, aber lass mich da raus.“
„Das ist doch nicht meine Schuld, wenn du lachen musst.“
„Und wer legt es darauf an, dass ich lache?“
„Okay, vielleicht hast du Recht, tut mir leid. Ich höre auf.“
Ich schaute auf meine Uhr, wir waren seit etwas mehr als zehn Minuten draußen und konnten eigentlich schon wieder in die Klasse gehen. Rausgeschmissen zu werden bedeutete bei ihr nicht, die ganze Stunde draußen zu verbringen, sondern nur so lange, bis man sich wieder im Griff hatte. Laura blieb dennoch des Öfteren die ganze Stunde draußen, um die Stunde zu schwänzen. Unsere Lehrerin hatte damit kein Problem, dann gab es für sie einen Störfaktor weniger in der Klasse. Dass Laura sonst wo war, aber nicht auf dem Schulgelände, war ihr ebenso egal. Gut für sie, dass noch nie etwas passiert war.
„Vielleicht sollten wir wieder reingehen“, schlug ich vor, obwohl ich genau wusste, dass die Idee, die ja eigentlich naheliegend war, ihr missfallen würde.
„Wenn es sein muss.“
Mit Laura im Schlepptau betrat ich wieder die Klasse und setzte mich auf meinen Platz. Jesko hatte eifrig mitgeschrieben und gab mir sein Heft, damit ich das verpasste, übertragen konnte.
„Sind die Damen wieder zur Vernunft gekommen?“
Ich nickte und machte mich eifrig daran, abzuschreiben. Laura hingegen ignorierte unsere Lehrerin und quatschte einfach mit ihrem anderen Sitznachbarn. Bevor sie mit dem Unterricht weitermachte, warf sie uns noch einen prüfenden Blick zu und entschied wohl, dass Lauras Gerede ihren Unterricht nicht beeinträchtigen würde.
Nach der Schule war ich mit Laura unterwegs zu mir nach Hause. Das war schon fast zu einem Ritual geworden.
„Nachher wollten noch ein paar etwas trinken gehen, bist du dabei?“, fragte sie mich gerade.
Schockiert schaute ich sie an. Heute war der erste Schultag und sie dachte nur schon wieder daran, feiern zu gehen. Unglaublich.
„Es ist Schule! Heute war der erste Schultag und du willst schon wieder feiern gehen? Ohne mich.“
„Warum nicht? Schließlich sind da ganz süße Jungs dabei und für dich finden wir bestimmt auch endlich mal jemanden.“
Ich schüttelte den Kopf und antwortete: „Ich bin raus. Vielleicht mal am Wochenende.“
„Kommt da nicht dein Bruder?“
„Oh, stimmt. Dann halt eben erst, wenn er wieder weg ist. Ich genieße lieber die Zeit mit ihm, als feiern zu gehen.“
„Ich werde dich wohl nie verstehen. Aber komm schon, Johanna. Es wird bestimmt lustig.“
„Meistens wenn du das sagst, wird es eine Katastrophe.“
„Stell dich nicht so an. Ein bisschen Spaß schadet doch niemanden.“
„Kenne ich da überhaupt jemanden?“
„Auf jeden Fall. Es kommen nur welche aus unserem Jahrgang.“
„Na gut, ich bin dabei.“
Freudestrahlend umarmte sie mich, wobei sie ihr Rad beinahe umgeworfen hätte. Ich wusste weder, was ich da zu suchen hatte, noch warum ich überhaupt eingewilligt hatte. Und ich könnte wetten, dass ich dort niemanden kannte, geschweige denn, dass überhaupt welche aus unserem Jahrgang dort waren. Aber vielleicht würde es ja doch ganz nett werden.
Bei mir zuhause schmissen wir unsere Rucksäcke in die Ecke und legten uns auf mein Bett.
Ich hatte leise Musik angemacht und lauschte dieser. Laura erzählte mir, wer alles genau kommen würde, aber ich hörte nicht wirklich zu. Es interessierte mich auch einfach nicht. Ob ich da jetzt Leute kannte oder nicht, ich würde trotzdem als Erste gehen. Und mich zu unterhalten, lag mir nicht so. Die meisten Mädchen interessierten sich nun mal für Jungs, das war bei mir nicht der Fall. Ich interessierte mich auch nicht für die nächsten Partys oder Mode. Mich mit Jungs zu unterhalten hatte ich recht schnell aufgegeben, da sie oftmals Höflichkeit mit Interesse verwechselten und mich das einfach nur nervte. Meine Mutter war ziemlich enttäuscht. Aber das war sie eigentlich immer von mir. Ich war ihr nie gut genug. Dass sie mich überhaupt liebte, bezweifelte ich. Ich hatte schon mal irgendwo gelesen, dass es solche Fälle geben konnte und je mehr ich darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher fand ich es. Das würde auf jeden Fall ihr Verhalten erklären. Meinem Bruder gegenüber war sie immer die beste Mutter, die man sich vorstellen konnte. Früher war ich immer froh gewesen, wenn sie mich mal beachtet hatte, mittlerweile war ihre Strategie, um mich zu verletzten, mich runterzumachen. Obwohl man meinen müsste, dass man sich mit der Zeit daran gewöhnen würde, war dem bei mir nicht so.
„Erde an Johanna!“
Laura fuchtelte mit ihrer manikürten Hand vor meinem Gesicht herum und schien ein bisschen verärgert zu sein. Scheinbar hatte sie mittlerweile gemerkt, dass ich ihr nicht zugehört hatte.
„Was ist denn?“
„Du hast mir gar nicht zugehört, oder? Na ja egal. Was willst du anziehen?“
„Ich bleibe so.“
Laura warf mir einen kritischen Blick zu und stand auf, um meinen Kleiderschrank zu inspizieren.
„So kannst du eindeutig nicht herumlaufen. Was sollen denn die Jungs denken?“
„Mir ist ziemlich egal, was die über mich denken, außerdem ist es immer noch meine Entscheidung, wie ich herumlaufe. Ich komme nur mit, weil du es so wolltest, vergiss das nicht.“
„Ist ja gut. Du meine Güte, bist du heute schlecht gelaunt.“
„Wann sollen wir denn da sein?“, fragte ich in der Hoffnung, dass es mir zu spät sein würde.
„Gegen fünf kommen die ersten, glaube ich. Wir wollen ja nicht, dass es zu spät wird, nicht wahr?“
„Dann sollten wir mal los. Es ist schon kurz vor fünf.“
„Was? Wo ist denn die Zeit geblieben?“
In Windeseile schnappte sich Laura ein schwarzes Top aus meinem Kleiderschrank und einen kurzen Rock, was sie beides mal bei mir vergessen hatte und verschwand im Badezimmer, um sich frisch zu machen. Ich verstand nicht, wie sich Laura nur so viele Gedanken darum machen konnte, wie sie herumlief. Meiner Meinung konnte man keinen Menschen anhand seiner Kleidung beurteilen. Es waren die inneren Werte, die zählten, aber da war ich wohl einer der wenigen, die das so sahen. Aber Laura war da nun mal ganz anders. Sie musste auch immer im Mittelpunkt stehen und wollte, dass jeder sie mochte. Letzteres war so gut wie unmöglich. Man wird es nie schaffen, dass einen jeder gut findet, aber Lauras Wahrnehmung war eben etwas anders. An manchen Tagen ertappte ich mich dabei, wie ich darüber nachdachte, wie lange Laura und ich wohl noch befreundet wären. Wir waren komplett unterschiedlich und ihre Lebensweise ging mir gewaltig gegen den Strich, aber es war ihre Entscheidung, so zu leben. Jeden Tag feiern gehen, Schule schwänzen, jede Woche etwas mit einem neuen Jungen anfangen. So war ich nicht. Ich war das komplette Gegenteil. Und ich hatte auch nicht vor, so zu werden. Ich ging zwar mal mit auf eine Party, aber mögen tat ich es nicht sonderlich. Ich unternahm lieber etwas mit meiner Familie oder mit Freunden, als mich auf einer Party zu betrinken.
Laura kam gerade aus dem Badezimmer wieder, sie hatte sich neu geschminkt und ihren Zopf gelöst, sodass ihre langen Haare auf ihre Schultern herabfielen. Ich nahm meine Jacke und zog die Tür hinter uns zu.
Nach einer Viertelstunde parkten wir die Räder vor der Haustür des Bekannten von Laura. Selbst hier draußen konnte man das Dröhnen der Bässe von der Musik hören. Wenn sich da nicht die Nachbarn beschweren werden, aber war ja auch nicht meine Sache. Laura klingelte und uns wurde von einem Mann Mitte zwanzig geöffnet. Seine langen Haare fielen ihm ins Gesicht und seine Wangen waren vom Alkohol schon ganz gerötet. Er zog mich in eine Umarmung und führte uns dann ins Wohnzimmer.
„Schön, dass ihr gekommen seid. Wir haben uns schon gefragt, ob ihr kommen würdet.“
Eine Handvoll junger Männer saß um den Couchtisch herum verteilt und starrte uns an. Am liebsten wäre ich wieder gegangen, aber das konnte ich schlecht. Wir setzten uns mit aufs Sofa und sofort wurde uns ein Bier in die Hand gedrückt. Ich stellte meins wieder ab und warf einen kurzen Blick in die Runde. Laura war schon in ein Gespräch vertieft mit dem, der uns die Tür geöffnet hatte.
„Und Laura meinte, dass du eigentlich keine Lust gehabt hattest?“, fragte mich einer. Er saß mir gegenüber, hatte schwarzes gelocktes Haar und blaue Augen.
„Nicht wirklich, nein. Ich meide Partys eigentlich lieber, ist nicht so mein Ding.“
„Und was machst du dann gerne?“
Ich zog eine Augenbraue hoch und antwortete: „Das interessiert dich doch gar nicht.“
„Vielleicht ja schon, also?“, erwiderte er grinsend.
„Ich bin lieber draußen an der frischen Luft, mach Sport oder verbringe meine Zeit gerne mit der Familie. Also total langweilig.“
„Es geht nun mal nicht jeder gerne feiern, ist doch vollkommen in Ordnung.“
„Finde ich auch, jeder Mensch ist anders.“
Ich hielt es nicht für nötig, ihn zu fragen, was er gerne so machte, außer feiern zu gehen, denn es interessierte mich so rein gar nicht. Doch er schien gefallen daran gefunden zu haben, sich mit mir zu unterhalten.
„Woher kennst du Laura denn?“, kam nun eine andere Frage.
„Aus der Schule. Wir gehen in eine Klasse.“
„Oh Gott, ich bin so froh, dass ich aus der Schule raus bin. Das war gar nichts für mich.“
Und genauso sah er auch aus, aber den Gedanken behielt ich lieber für mich.
„Mensch, Felix, merkst du nicht, dass sie keine Lust auf dich hat?“, vernahm ich die Stimme eines Kumpels von ihm. Dieser lächelte mir freundlich zu und hielt mir die Hand hin. „Hey, ich bin Justus. Und du bist Johanna, wenn ich das recht mitbekommen habe?“
„Äh ja, freut mich“, brachte ich zustande.
„Ich hoffe, Felix hat dich nicht zu sehr ausgequetscht. Das macht er gerne.“
„Nein, alles gut. Und woher kennst du Laura?“
„Wer kennt sie nicht?“, erwiderte er lachend. „Nein. Wir haben gemeinsame Freunde, wie du hier siehst. Conrad, der euch die Tür geöffnet hat, ist ein enger Freund von uns beiden.“
„Ach so.“
„Und ihr geht in eine Klasse, wenn ich richtig informiert bin?“
„Jep, und was machst du so? Du gehst ja wohl kaum noch in die Schule.“
„Stimmt, ich arbeite bei meinem Vater in der Firma. Ist relativ langweilig, aber bis ich weiß, was ich werden möchte, war das ein ganz guter Deal.“
„Kann ich mir vorstellen.“
„Und was möchtest du mal werden? Weißt du das schon?“
„Ich könnte mir gut vorstellen, Grundschullehrerin zu werden.“
„Hast wohl nicht genug von Schule bekommen, was?“
„Sieht wohl so aus.“
Oh man, wo war ich hier nur? Er war zwar ganz nett, aber irgendwie war er mir unsympathisch, was ich aber auch von Felix behaupten konnte. Das hier war einfach nicht meine Welt.
„Und schon jemanden gefunden, der dir gefällt?“, flüsterte mir Laura zu. Ich schüttelte den Kopf und schaute sie lange an.
„Worauf habe ich mich hier nur eingelassen? Einer unsympathischer als der andere.“
„Du hast bis jetzt erst mit zwei geredet. Komm schon, gib den anderen mal eine Chance.“
„Aber nur dir zuliebe, denn ich möchte von keinem der Jungs etwas, okay?“
„Ist ja gut, dann hättest du auch zuhause bleiben können.“
„Wäre ich ja auch lieber.“
Wir schauten uns kurz sauer an, bis sich ihr Gesichtsausdruck legte und sie ein Lächeln aufsetzte.
„Ich will nicht streiten. Hab einfach ein bisschen Spaß, das wird dir guttun.“
„Ich bin gleich wieder da“, entschuldigte ich mich und trat aus der Terrassentür. Ein kühler Luftzug ließ mich frösteln, aber ich würde nicht wieder reingehen. Erst einmal jedenfalls nicht. Ich setzte mich auf die Bank und zog die Beine an. Der Himmel war noch so wolkenlos wie den ganzen Tag schon. Die Temperaturen waren heute ziemlich angestiegen, hatten aber die 20-Grad-Marke nicht geknackt. Trotzdem war es mal ganz angenehm gewesen, nicht mit Pulli herumlaufen zu müssen wie die letzten Wochen.
„Hey, darf ich mich zu dir setzen? Ich denke nicht, dass du großartig Lust hast, wieder reinzugehen, oder?“
Ich drehte mich langsam um und nahm einen Jungen in meinem Alter wahr, der etwas schüchtern in der Tür stand. Wahrscheinlich hatte Laura ihm vorgeschlagen, mich hier draußen zu bespaßen. „Okay, von mir aus.“
„Ich bin übrigens Jaron.“
Er ließ sich neben mir auf der Bank nieder und verschränkte seine Arme hinter dem Kopf, um den Himmel zu betrachten. Seine Haare waren raspelkurz geschnitten, doch ihm stand das eigentlich sehr gut, wie ich zugeben musste.
„Warum bist du überhaupt gekommen, wenn du lieber hier draußen sitzt?“
„Ich wollte Laura einen Gefallen tun, nur war das wohl eher ein Eigentor.“
„Warum das? So schlimm hier?“
„Diese aufgezwungenen Gespräche finde ich nervig.“
„Kann ich verstehen, ergeht mir auch so. Ich bin selten auf Partys zu finden, da kannst du Jesko ruhig fragen.“
„Woher kennst du ihn?“
„Wir spielen zusammen Fußball. Nur heute dachte ich mal, dass ich kommen könnte. War wohl ein Fehler. Es ist echt lahm. Ich hatte gedacht, dass das hier eine richtige Party wird und nicht so ein Zusammensitzen mit sogenannten Freunden.“
„Diese Ansicht überrascht mich sehr.“
„Echt?“
„Ja, du wirktest irgendwie so, als wenn du dich wohlfühlen würdest.“
„Glaub mir, das tue ich ganz bestimmt nicht. Ich wäre auch lieber zuhause wie du.“
„Hat Laura dich geschickt?“
„Nein, warum sollte sie? Sie hat da drinnen genug zu tun.“
„Wie meinst du das?“
„Sie ist mit Justus zusammen abgezogen, wer weiß, was die machen.“
„Oh Gott. Das ging ja schnell bei ihr heute.“
Jaron warf mir einen amüsierten Blick zu und drehte sich zu mir um. Sein Blick ruhte auf mir und irgendwie machte mich das nervös.
„Bekomme ich deine Nummer?“
Etwas perplex starrte ich ihn an und zuckte schließlich mit den Schultern.
„Von mir aus.“
„Oh echt? Ich hätte mit einer Abfuhr gerechnet.“
„Warum?“
„Na ja dein Ruf und so …“, stammelte er verlegen.
„Ach so meintest du das, dann muss ich dich wohl doch enttäuschen. Ich möchte im Moment keine Beziehung, Freundschaft gerne.“
„Das habe ich mir schon fast gedacht, aber ich dachte, ich versuche mal mein Glück.“
„Tut mir leid.“
„Kein Problem. Wenn man schon damit rechnet, dass man einen Korb kassiert, tut es weniger weh.“
Ich zuckte mit den Schultern und wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Aber es muss ja auch keiner wissen, oder?“
„Mach dir mal keine Sorgen, von mir wird keiner etwas erfahren, aber was sich Laura zusammenreimen wird, da kann ich nichts für garantieren.“
„Ist nur fair, danke.“
„Ich werde wohl langsam mal gehen, wir sehen uns bestimmt in der Schule mal“, verabschiedete ich mich.
„Ja, das wäre schön.“
„Bestimmt.“
Er folgte mir ein paar Schritte und legte mir seine Hand auf die Schulter. Was wollte er denn noch? Langsam drehte ich mich um und schaute ihn abwartend an.
„Bekomme ich nun deine Nummer?“, fragte er schüchtern. Ich holte mein Handy aus meiner Hosentasche hervor und hielt ihm meinen Kontakt hin. Meine Lust hielt sich in Grenzen mit ihm zu schreiben, aber vielleicht sollte ich ihm einfach mal eine Chance geben. Er war schließlich ganz nett… für einen Jungen.
„Danke. Was dagegen, wenn ich dir später schreibe oder dich anrufe?“
„Nein, kein Problem. Ich würde mich freuen.“
Okay, diesen Satz hätte ich mir sparen können. Aber gut. Hoffentlich machte er sich keine Hoffnungen. Im Enttäuschen war ich echt gut, aber einen zweiten Korb hatte er echt nicht verdient. Er nickte mir kurz zu und steckte sein Handy ein.
„Soll ich dich nach Hause begleiten?“, fragte er, als könnte er mich nicht gehen lassen.
„Nein, alles gut. Ich habe es nicht weit. Aber danke für das Angebot.“
„Okay, wenn du meinst. Dann hören wir uns bestimmt später. Komm gut nach Hause.“
Ich setzte ein Lächeln auf, bevor ich mich wieder umdrehte und zu meinem Fahrrad ging. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich ihn so schnell los würde, lag nicht gerade hoch. Vielleicht hätte ich ihm doch nicht meine Nummer geben sollen. Aber aus Fehlern lernte man nun mal.
2. Kapitel
Am nächsten Morgen kam ich so gut wie gar nicht aus dem Bett. Ich war übermüdet und schlecht gelaunt. Gestern Abend hatte mich Jaron noch angerufen und wir hatten bis kurz vor halb drei geredet. Mit ihm zu reden war schön gewesen, aber ich könnte mir niemals eine Beziehung mit ihm vorstellen und dafür hatte ich meinen Schlaf vernachlässigt, denn den brauchte ich, wenn ich um sechs Uhr aufstehen wollte. Ich hatte ihm wahrscheinlich auch unnötig Hoffnung gemacht. Vielleicht sollte ich ihm erst einmal aus dem Weg gehen …? Oder ihn ignorieren? Ich hatte gestern einen Fehler gemacht und ihn auch direkt wieder begradigt, aber es war nicht zu übersehen gewesen, dass es ihn verletzet hatte. Eigentlich könnte es mir egal sein, was er über mich dachte, aber dennoch war es das nicht. Und es lag nicht daran, dass ich etwas für ihn empfand, denn das war nicht der Fall. Viel mehr lag es daran, dass ich nicht wollte, dass sich mein Ruf festigte. Ich hatte selbst keine Ahnung, wer ich war und ich wollte nicht in eine Schublade gesteckt werden. Nur wurde man das leider schnell. Aber es war doch meistens so, dass die anderen besser über dein Leben und über dich Bescheid wussten als man selbst. Zumindest glaubten das die meisten. Es war egal, wie man sich verhielt, es gab immer einen Grund, über dich zu reden. Verschlafen stand ich auf und zog mich an. Ich hatte schon genug Zeit vertrödelt. Meine Haare wusch ich einfach schnell über dem Waschbecken. Genug Zeit, richtig zu duschen, hatte ich nicht. Trotzdem sollte man auf sein Äußeres achten. Mit noch nassen Haaren, da ich keine Zeit gefunden hatte, diese auch noch zu trocknen, setzte ich mich an den Küchentisch. Dass ich mir einen Kommentar von meiner Mutter damit einbrachte, war mir sehr wohl bewusst.
„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nicht mit nassen Haaren an den Tisch kommen sollst? Wozu haben wir denn einen Föhn, wenn du den nicht benutzt?“
„Damit du ihn benutzt? Nein, tut mir leid. Ich werde nächstes Mal daran denken.“
„Das will ich hoffen, sonst gibt es nächstes Mal kein Frühstück. Es gibt bestimmte Regeln bei uns, das weißt du, also halte sie auch ein.“
„Die wahrscheinlich nicht für Paul gelten, oder?“
„Er hat immer viel zu tun, natürlich mache ich da mal eine Ausnahme.“
„Ich hab schon verstanden.“
„Was erwartest du denn von mir? Dass ich ihn wegen so albernen Regeln aufhalte?“
„Schön wäre es, wenn du auch mal bei mir ein Auge zudrücken würdest. Aber dass ich heute verschlafen habe, ist dir ja egal und ob ich zu spät komme oder Stress in der Schule habe.“
„Da hast du ausnahmsweise mal Recht. Mit wem hast du gestern eigentlich die ganze Zeit telefoniert?“
„Kennst du nicht. Ist nur ein Freund aus der Schule.“
„Stellst du uns den auch mal vor?“
„So weit wird es ganz bestimmt nicht kommen. Wir sind nur Freunde. Ich möchte nichts von ihm.“
„Du musst auch mal jemanden an dich heranlassen, Johanna.“
„Das kann warten.“
„Wie lange willst du denn noch warten?“
„Nicht schon wieder die Diskussion“, antwortete ich genervt.
„Jeder aus deiner Klasse oder besser gesagt jeder in deinem Alter hat einen Freund. Das ist nun mal normal. Schau deinen Bruder an, der hat schon wieder eine Neue und diesmal ist es ihm ziemlich ernst.“
Wortlos verließ ich den Raum. Ich hasste Diskussionen, warum ich noch keinen Freund hatte, warum ich keinen an mich heranließ, warum ich mich nicht öffnete, dabei machte das doch jeder und mein großer Bruder sowieso. Gerade als ich das Haus verlassen wollte, kam mir mein Vater hinterher.
„Deine Mutter meint es nicht so.“
„Weißt du, was ich gerne verstehen würde? Was habe ich getan, damit so mich so behandelt?“
„Ich weiß es nicht. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir nichts ausmacht, diese Spannungen hier, aber es wird immer unerträglicher und ich habe keine Ahnung, was ich tun kann.“
„Ich habe kein Problem damit, dass Paul ihr Lieblingskind ist, aber sie überschreitet oftmals Grenzen.“
„Ich weiß. Ich weiß nicht, warum sie dich nicht so ins Herz schließen kann, wie Paul und es tut mir ehrlich leid, denn das liegt sicher nicht an dir. Du bist toll, so wie du bist. Zweifle nicht an dir oder frag dich, was du falsch gemacht haben könntest, du machst alles richtig. Es liegt einfach nicht an dir.“
„Aber wie soll man damit leben, wenn es immer schlimmer wird?“
„Ich weiß es leider nicht.“
„Jedenfalls bist du ehrlich, danke. Ich muss los. Ich komme wahrscheinlich eh schon zu spät.“
Vor der Schule warteten Laura und Jaron auf mich. Bevor ich überhaupt mein Rad abgestellt hatte, kam Jaron auf mich zu, um mich zu begrüßen. Ich blendete ihn aus und ging an ihm vorbei, ohne ihn zu grüßen. Sofort griff er nach meinem Handgelenk und zwang mich, stehen zu bleiben.
„Was ist los?“, fragte er mich sauer.
„Was soll schon los sein?“, gab ich zurück.
„Du hast auf keine meiner Nachrichten mehr geantwortet und jetzt gehst du an mir vorbei, als wäre ich Luft.“
„Keine Zeit und keine Lust.“
„Aber gestern Abend …“
„Gestern Abend war ein Fehler. Ich wollte dir keine Hoffnungen machen, das war nicht fair von mir.“
„Warum gibst du mir keine Chance, dich näher kennenzulernen?“
„Liegt das nicht auf der Hand?“, fragte Laura kühl und warf mir einen vernichtenden Blick zu. Was hatte ich ihr denn angetan? Okay, vielleicht hätte ich mich doch gestern von ihr verabschieden sollen, aber das war doch kein Grund sauer zu sein. Vor allem, da sie ja eh nicht mehr aufzufinden gewesen wäre. Ich war mir keiner Schuld bewusst. Auch wenn Laura gerne mal wegen einer Kleinigkeit tagelang sauer war, schien das hier etwas anderes zu sein.
„Sie will keine Beziehung mit dir, weil sie auf Mädchen steht. Du solltest lieber aufpassen, dass sie dir deine Freundin nicht später ausspannt“, merkte Laura an.
„Können wir reden?“, fragte ich sie und zog sie mit, um möglichst weit weg von Jaron zu sein.
„Ich wüsste nicht, was wir noch zu bereden hätten.“
„Kannst du mir mal sagen, was los ist? Gestern waren wir noch die besten Freunde und heute?“
„Eine beste Freundin schmeißt sich nicht an den Hals von dem Schwarm ihrer besten Freundin.“
„Du willst etwas von Jaron?“
„Verdammt, ja. Schon echt lange und was machst du? Du flirtest mit ihm auf der Party und dann telefoniert ihr auch noch die halbe Nacht. Macht das wirklich eine Freundin? Nein, das tut sie nicht, deswegen will ich nichts mehr mit dir zu tun haben.“
Was war denn heute nur los? Heute ging wohl alles den Bach runter. Das konnte ja noch heiter werden. Seit wann Jaron wohl mal wieder mit dabei war? Laura hatte immer wieder über verschiedene Typen geschwärmt, aber von Jaron hatte sie noch nie etwas berichtet.
„Woher soll ich das denn wissen, wenn du es mir nicht erzählst? Sollten sich nicht beste Freunde alles erzählen? Also suche den Fehler nicht bei mir. Außerdem kannst du ihn gerne haben.“
„Jetzt bin ich etwa Schuld? Ich habe nicht mit ihm etwas angefangen.“
„Jetzt fahr mal wieder runter, man ist das nervig. Ich habe nichts mit ihm angefangen und habe es auch nicht vor.“
„Ich bin fertig mit dir, Johanna. Ziemlich armselig von dir, wie du dich verhältst.“
„Dass ich nicht lache, aber okay. Deine Entscheidung. Ich komme gut ohne dich klar.“
Ich ließ die beiden stehen und betrat die Schule. Es war mittlerweile kurz nach acht und mein Lehrer wäre wohl alles andere als begeistert, dass ich zu spät war. Ich lief gerade um die Ecke, als ich mit Leon zusammenstieß. Ich kannte ihn flüchtig von gestern.
„Hey, schön dich zu sehen. Ist alles gut bei dir?“, fragte er besorgt.
„Klar, es ging mir nie besser. Ich muss leider weiter. Wir sehen uns dann bestimmt.“
„Äh klar …“
Ich ließ den verwirrten Leon stehen und machte mich auf den Weg in meine Klasse, um zumindest noch etwas von der Stunde mitzubekommen. Und Jesko würde mich wohl am liebsten einen Kopf kürzer machen, wenn ich ihn ganz im Stich ließe, und das konnte ich nicht auch noch gebrauchen.
In der Pause versuchte ich, jedem aus dem Weg zu gehen, den ich kannte. Meine Laune war dezent im Keller und das würde sich wohl auch kaum noch ändern, denn schlechter konnte der Tag nicht mehr werden. Erst meine Eltern und dann auch noch Laura und Jaron; beide konnten mir gestohlen bleiben. Am liebsten würde ich den gestrigen Tag einfach rückgängig machen. In den restlichen Stunden wurde ich nach vorne gesetzt, auf meinen Wunsch hin, damit ich so Laura nicht weiter ertragen musste. Ich war nicht traurig darüber, dass Laura und ich ab jetzt getrennte Wege gingen, aber auf das ganze Drama und die Lästerattacken konnte ich gut verzichten. Manchmal fragte ich mich, wer von uns die war, die angeblich schon so erwachsen war. Ich war es noch lange nicht, aber wer erwartete das auch schon? Außer vielleicht meine Mutter. Aber laut ihr machte ich ja eh immer alles falsch.
Nach Schulschluss war ich die Erste, die draußen war. Jesko und ich hatten verabredet, dass wir telefonieren würden, wenn ich zuhause wäre. Er hatte später noch Fußballtraining, sodass er nicht sonderlich viel Zeit hatte, dennoch wollte er unbedingt wissen, was los war.
Zuhause angekommen, schmiss ich meinen Rucksack in die Ecke und legte mich aufs Bett. Meine Eltern waren noch arbeiten und würden mal wieder nicht vor heute Abend wiederkommen. Mein Handy vibrierte und zeigte mir eine neue Nachricht an. Jaron. Ich seufzte und öffnete den Chat. Ich las mir seine Nachricht gar nicht erst durch, sondern schrieb gleich drauf los. Ohne darüber nachzudenken, schickte ich den Text ab, bereute es aber im gleichen Moment wieder. Meine Wortwahl war vielleicht ein bisschen zu kühl und direkt. Jetzt war daran auch nichts mehr zu ändern. Warum hatte Laura mir nie erzählt, dass sie ihn gut fand? Scheinbar hatte ich mich in Laura getäuscht. Wie hatte ich sie beste Freundin nennen können, wenn sie mir so etwas nicht anvertraute und dann so eine Show abzog? Nein, unsere Freundschaft war nicht die, für die ich sie gehalten hatte. So jemanden wie Laura brauchte ich wirklich nicht. Ich hatte Jesko und das reichte mir. Jesko war der Einzige, der mich nie enttäuschen würde und der immer hinter mir stand. Das hätte ich nicht von meiner ehemaligen besten Freundin behaupten können. Es war also ganz gut so, wie es gekommen war.
Ich legte mein Handy zur Seite und machte Musik an. Ohne Musik war mein Leben nur halb komplett. Ohne Musik gab es mich eigentlich nicht. Ich war auch so eine Person, die ein neues Lied Dauerschleife hören konnte, ohne genug davon zu bekommen. Als mein Handy schließlich klingelte, schreckte ich zusammen und nahm das Gespräch an.
„Hey, störe ich gerade?“, fragte Jesko mich mit schwerem Atem.
Im Hintergrund hörte ich hupende Autos und Geschrei. Wahrscheinlich war sein Bus mal wieder ausgefallen und er musste laufen.
„Nein, alles gut. Was ist denn bei dir los? Ist der Bus mal wieder ausgefallen?“
„Jip. Du kennst es ja. Auf den Bus hier ist genauso wenig Verlass wie auf Laura, dass sie mal pünktlich kommt.“
„Der Vergleich war ziemlich stimmig. Sag mal, wusstest du, dass Laura auf Jaron steht?“
„Der aus meiner Mannschaft?“
„Ja, genau. Er war gestern auch auf der Party.“
„Nein. Ich wusste nur, dass er dich immer ganz gut fand.“
„Das habe ich mittlerweile auch mitbekommen und auch dass er keinen Korb akzeptiert.“
„Autsch. Der Arme. Er ist wirklich ein Netter.“
Ich seufzte und schloss die Augen, bevor ich antwortete: „Das kann gut sein, aber ich möchte nun mal keine Beziehung.“
„Ich weiß, so war das nicht gemeint. Was ist denn nun mit Laura?“
„Wir haben uns gestritten und unsere Freundschaft liegt auf Eis. Woher hätte ich den wissen sollen, dass sie ihn mag, wenn sie es mir nicht erzählt?“
„Du hast nichts falsch gemacht, Jojo. Aber du kennst Laura.“
„Ich weiß und doch fühle ich mich schuldig.“
„Du wirst dich wohl nie ändern, oder? Lass Laura links liegen. So eine Freundin brauchst du nicht.“
„Das könntest du wohl auch über mich sagen.“
„Nun hör aber mal auf. Du hast nichts falsch gemacht, also hör auf, dir selbst Vorwürfe zu machen.“
„Ist ja gut. Vielleicht hast du Recht. Vielleicht sollte ich wohl eher froh sein, dass sie mir die Augen geöffnet hat.“
„Endlich mal. Ich mag Laura, das weißt du, aber sie ist nun mal nicht unbedingt ein guter Umgang.“
„Ich weiß. Das bekomme ich oft zu hören.“
„Es ist deine Entscheidung, mit wem du befreundet sein möchtest, aber so wie Laura dich manchmal behandelt hat, hättest du sie schon viel früher in den Wind schießen können.“
„So bin ich nun mal nicht.“
„Leider, aber es ist dein Leben und ich möchte dir keine Vorschriften machen, das steht mir nicht zu.“
„Wenn sich Jaron dir gegenüber jetzt anders verhalten sollte, tut es mir leid.“
„Wird er nicht, keine Sorge. Er wird so tun, als wenn nichts gewesen wäre.“
„Ist vielleicht auch besser so für ihn.“
„Ich muss mich leider fertig machen und dann los zum Training. Wir sehen uns dann morgen.“
„Viel Spaß.“
Ich beendete das Telefonat und starrte nachdenklich aus dem Fenster. War es das wirklich wert, eine Freundschaft einfach so wegzuschmeißen? Jeder Mensch hatte seine Fehler. Auch wenn Jesko es für die richtige Entscheidung hielt, war ich mir gerade plötzlich nicht mehr sicher. Obwohl er mich nur darin bestätigt hatte, fühlte es sich plötzlich falsch an, einfach eine Freundschaft wegzuschmeißen.
Laura hatte auch ihre guten Seiten und die sollte man zu schätzen wissen und mit ihren schlechten umzugehen. Ich war auch nicht perfekt. Und ich würde es auch nicht gerne sein.
Am nächsten Morgen saßen meine Eltern mal wieder vor mir in der Küche und frühstückten. Mein Vater war nebenbei in seine Zeitung vertieft und nahm mich ebenfalls kaum wahr, gleiches galt meist für meine Mutter. Ich setzte mich hin und versuchte meine Mutter zu verdrängen, die kritisch meine Klamotten beäugte.
„In den Klamotten möchtest du zur Schule? Zieh dich doch mal hübsch an und nicht so einfach, wenn du einen Jungen abhaben möchtest. So wie du herumläufst, ist deine Auswahl wohl ziemlich begrenzt. Du könntest so hübsch aussehen. Zieh doch mal ein Kleid oder einen Rock an. Und trage deine Haare mal offen und nicht immer zu einem Dutt hochgebunden. Und deine Hemden kannst du gerne im Schrank lassen.“
„Ist es nicht meine Entscheidung, was ich anziehe? Außerdem möchte ich keine Beziehung, wie oft soll ich es noch sagen?“
„Als ich in deinem Alter war, konnte ich mich gar nicht mehr retten vor Verehrern, aber schlussendlich hat mich dein Vater abbekommen.“
„Der Arme“, rutschte es aus mir heraus. Sofort bereute ich es und stand schnell auf. Meine Mutter schien der Spruch jedoch nichts auszumachen. Stimmt. Wie konnte man jemanden verletzten, der keine Gefühle für einen hegte und dem man egal war? Ich ließ meine Eltern allein und verschwand in mein Zimmer. Wann würde ich mich mal für jemanden interessieren? Ich hatte das Gefühl, als wenn ich ein Roboter wäre, der keine Gefühle empfinden konnte. Wann würde ich mal jemanden an mich heranlassen? Konnte ich das überhaupt? War ich so anders als die meisten? Dass meine Mutter mich als komisch ansah, tat weh, hatte aber nicht so viel Aussagekraft. Ich ließ jeden immer abblitzen, vielleicht sollte ich einfach mal jemanden bessere kennenlernen und nicht sofort Reißaus nehmen. Vielleicht kamen die Gefühle erst nach und nach. Aber sollte man nicht jemanden zumindest interessant finden? Vielleicht sollte ich meine Mauern einreißen und schauen, was passiert? Nein, lieber nicht. So wie es jetzt war, war es gut. Wie wohl die Freundin meines Bruders war? Er hatte sich nie auf einen Typus festlegen können. Seine Frauen waren alle so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Meine Mutter war natürlich von allen begeistert, die er mitgebracht hatte. Bisher hatte ich keine so richtig nett gefunden, aber ich sollte die Person auch nicht nett finden, sondern mein Bruder und solange er glücklich war, war ich es auch. Seitdem er ausgezogen war, hatten wir uns kaum gesehen. Er studierte in Hamburg und das war nicht gerade um die Ecke. Wie oft hatten wir abgemacht, dass wir uns sehen würden, aber einer von uns hatte immer abgesagt. Ich war wirklich gespannt darauf, wie seine neue Freundin war. Und dass es ihm wirklich ernst schien, hatte auch etwas auszusagen. Seine Freundinnen wechselte er ständig, konnte niemanden an sich heranlassen. Seine längste Beziehung hatte ein halbes Jahr gedauert, dann war es auch schon wieder vorbei gewesen. Aber immerhin länger als meine Beziehung.
Ich warf einen Blick auf die Uhr und erschrak. Normalerweise hätte ich schon längst losgemusst. Den zweiten Tag in Folge zu spät kommen, würde mich vermutlich nicht so gut dastehen lassen. Ich schnappte mir meinen Schulrucksack und verließ das Haus. Meine Eltern saßen noch in der Küche und unterhielten sich leise. Wahrscheinlich war ich mal wieder das Thema, denn ansonsten flüsterten meine Eltern nie.
„Du hast Glück, Laura ist heute nicht da“, begrüßte mich Jesko, als ich zur Klasse stieß. Von unserem Lehrer war noch weit und breit nichts zu sehen, obwohl es schon zehn nach acht war. Da hatte ich mich wohl umsonst beeilt.
„Das ist ja tragisch und ich werde wohl kaum die Einzige sein, die das so empfindet.“
„Jeder Lehrer wird sich mit dir freuen, das ist schon mal klar.“
