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Er will schreiben. Er will in die Geschichte eingehen als weltbester Autor aller Zeiten. Er ist fest entschlossen, sein großes Ziel um jeden Preis in die Tat umzusetzen. Selbst wenn er dafür im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen muss, ist das für ihn kein Hindernis auf seinem Weg an die Spitze! Ein packendes Psycho-Drama über einen jungen Mann, der bis aufs Blut um Anerkennung kämpft.
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Seitenzahl: 344
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Aennie Rupp
Ron Hellfuns
Was dich verhindert-vernichte
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Impressum neobooks
AeNNiE
Ron Hellfuns
<<Was dich verhindert –
vernichte>>
<< Das Leben ist ein Traumfänger,
ein Fänger der Träume
Es behält sie allesamt für sich
und nimmt dich vollends in Anspruch.
Was dir bleibt ist entweder die Flucht
oder dich ihm zu widersetzen;
es zu vernichten! >>
Ron Hellfun, 07. Februar
Ich widme dieses Buch meinem tollen Mann und unseren wunderbaren Kindern und möchte mich gleichzeitig bei ihnen für das große Verständnis, die Ruhe, und die Unmengen an Kaffee (!!!!) während der Zeit des Schreibens bedanken!
Ihr seid die Besten! Danke!
-Eine Kindheit zum Wegwerfen-
„Eines Tages werde ich ein Buch schreiben, das sich öfter verkaufen wird als die Bibel!“, rief der kleine, pummelige Junge mit den blass blonden Kringelhaaren, der dicken runden Brille und den roten Pausbäckchen durch die Klasse. Doch im Gelächter der anderen Kinder ging sein zartes, vor Wut zitterndes Stimmchen gänzlich unter. Mit Papierkügelchen bewarfen sie ihn und lachten hämisch, während die Lehrerin verzweifelt versuchte, ihre Drittklässler wieder zu bändigen. „Ronald“, sprach sie, „das war wirklich eine schöne Geschichte. Aber das nächste Mal, wenn wir eine Buchpräsentation vorführen, bitte ich dich, endlich mal eines auszusuchen, das nicht du geschrieben hast, sondern ein BEKANNTER Autor.“ Sie lächelte beinahe bettelnd zu dem kleinen, dicken Jungen herunter, in der Hoffnung, er würde verstehen, dass die anderen Kinder ihn weniger auslachten, wenn er endlich aufhören würde, sich als bisher unentdeckter Schriftsteller aufzuspielen und sich seinem Schicksal zu fügen versuchte, dass er wie alle anderen auch in der Klasse ein ganz gewöhnliches neun jähriges Kind war. Nicht mehr und nicht weniger.
Ronalds Unterlippe zitterte vor Zorn. Er war ein echter Autor! Vielleicht etwas kleiner und wesentlich jünger als seine bekannten Mitstreiter, aber seine Werke waren zweifelsohne mit denen eines Thomas Mann gleichzusetzten. Fand er zumindest. Die bekanntesten Autoren kannte Ronald allesamt beim Namen, man muss schließlich seine Konkurrenz kennen, wenn man mit ihr konfrontiert wird, begründete er sein Wissen. Zudem kam es immer äußerst intellektuell daher, wenn ein kleiner Wonneproppen, wie er es nun mal war, die großen Schriftsteller chronologisch aufzählen konnte. Man ging sofort davon aus, er interessiere sich ebenfalls für deren Bücher, was zahlreiche Erwachsene unheimlich zu begeistern schien, lesen die meisten Kinder in Ronalds Alter wenn überhaupt die Texte ihrer Apps. Ronald wurde seiner Rolle als der kleine übergewichtige Klugscheißer mehr als gerecht. Er beherrschte perfekt das nasale Gerede über den Rand seiner Brille hinwegblickend. Wenn es um Autoren ging, war er stets interessiert. Was aber keiner wusste war, Ronald ging es nicht um die Bücher als solche. Im Gegenteil, er hasste lesen! Geschichten, die spannend begannen und dann von den Schriftstellern versaut wurden mit schlechten Enden, langweiligen Passagen, dummen Charakteren. Es machte Ronald zornig, wenn er mitlesen musste, wie aus einem tollen Einstieg in eine Geschichte ein dummes Kinderbuch wurde. Nichts mit blutrünstigen Intrigen. Nichts mit Mord aus Eifersucht oder Hass. Gleiches galt natürlich auch für die Literatur der Erwachsenen. Keine Grausamkeit ging nicht einher mit einer schnulzigen Liebelei zwischendurch. Das alles waren Dinge, die Ronald kalt ließen. Er wollte Kämpfe und Scheusale. Keine doofen Mädchen, die am Ende doch nur alle wieder knutschen wollen. Deshalb schrieb er seine Geschichten lieber stets selbst, denn er wusste als Einziger, was er wirklich lesen wollte.
Seine Lehrerin hatte ihn zwar schon des Öfteren darum gebeten, ein bekannteres Exemplar für den Deutschunterricht auszuwählen, aber Ronald dachte nicht im Traum daran. Das würde ja bedeuten, er müsse sich einem anderen Werk als dem seinen widmen. Dafür war ihm seine Zeit einfach viel zu kostbar. Er würde sich ohnehin nur wieder über die Fehlbarkeiten des anderen Schriftstellers aufregen. Unnötige Energieverschwendung. Genauso gut wusste Ronald, dass die Kinder seiner Klasse nicht den Hauch einer Ahnung besaßen, was wirklich gute Literatur ausmache. Geschichten über kleine Mädchen, die ganze Kerle hochheben konnten, über Jungen, die plötzlich gegen Drachen kämpfen müssen und als tapferer Held die Prinzessin zur Belohnung bekamen. Für Ronald alles Schwachsinn. Dass niemand von ihnen merkte, dass die Welt da draußen eine andere war. Voller Hass und Gewalt, Intrigen und Heucheleien. Vollgestopft mit Dealern und Abhängigen auf den Straßen. Gut, vielleicht nicht gerade hier bei der Grundschule und auch nicht in seiner Wohngegend, aber irgendwo bestimmt. Da hebt kein kleines Kind einen 100 Kilo Mann hoch, es sei denn, man sieht derartige Dinge, weil man gerade auf einem Trip ist.
Während die anderen Kinder sich langsam wieder einbekamen und ruhiger wurden, vergrub Ronald sein Gesicht hinter seinem Rucksack, den er auf dem Schoß hatte. Er biss heimlich in seinen Schokoriegel und schmiedete finsterere Rachepläne gegen all jene, die bis eben noch so über ihn lachten. All diese Banausen, die sich schon in die Hose pieseln, wenn draußen ein einziger Blitz am Himmel zuckt. Wie würden sie dann erst reagieren, wenn man sie eines Tages in die kalte Realität wirft? Wenn sie plötzlich nicht mehr behütet in ihrem bunt gestrichenen Kinderzimmern sitzen und sich von Mami die Brote hoch bringen lassen, sondern alles selbst machen müssen, für sich selbst sorgen müssen und erkennen, dass das Leben gar nicht so schön und einfach ist wie ihre unbeschwerte Kindheit es ihnen vorgegaukelt hat!
Dann würden sie sich an Ronalds Stories erinnern, da war sich der kleine Pummel ganz sicher. Sie würden feststellen müssen, dass alle seine Geschichten das pure, das wahre Leben widerspiegelten und sie würden ihn als erwachsene Menschen aufsuchen und um Verzeihung bitten, dass sie als Kinder so töricht gewesen waren, ihn für seine frühen Werke auszulachen. Sie würden ihm Kuchen backen und um Autogramme betteln, am besten noch signiert mit einem netten, kleinen Spruch unter Ronalds Kürzel im Buchdeckel. Sie würden allen aus ihrem Bekanntenkreis sagen: „Kennst du Ronald Hollewitz, den berühmten Schriftsteller? Mit ihm war ich in einer Klasse. Er war schon immer ein kluger und weiser Mann!“ Damit würden sie sich brüsten und so tun, als seien sie wegen ihrem Verhältnis zu Ronald allein etwas Besonderes, da sie als Kinder neben ihm gesessen oder ihn regelmäßig verprügelten, was ihnen ja im Nachhinein leid tue. Sie würden ihr armseliges Leben fortsetzen, möglicherweise das Haus der Eltern erben, weil das Geld für ein eigenes bei Weitem nicht reichte. Aber eines stand für Ronald von Anfang an fest: Während sie trist vor sich hin vegetieren und von Ruhm, Reichtum und Anerkennung träumen, wird Ronald diesen Traum leben. Er wird ein Buch nach dem anderen veröffentlichen und der Nachwelt somit wertvolle Informationen seiner Epoche hinterlassen. Seine Werke werden Bestandteile des Unterrichts werden. Die Kinder seiner Klassenkameraden werden mit leuchtenden Augen vor ihren Eltern stehen und sagen: „Guck mal, das neue Buch von Ronald Hollewitz dürfen wir jetzt in der Schule lesen! Ist das nicht toll?“ Ja, eines Tages wird man sein Talent erkennen, da war Ronald sich sicher. Und solange würde er die Häme der anderen einfach weiterhin über sich ergehen lassen, schließlich war seine Haut dick genug, dass nichts davon bis in sein Herz durchdrang.
„Ronald, ich muss mit dir sprechen.“, kam seine Lehrerin auf ihn zu, als es zur Pause läutete und alle anderen schlagartig lautstark aus der Klasse rannten. Er blieb gemütlich auf seinem Platz sitzen. Immerhin kannte er diese Prozedur bereits. Sie macht sich Sorgen um ihn, weiß nicht, ob sie nicht doch einmal mit seinen Eltern reden soll. „Ich weiß langsam nicht mehr weiter mit dir. Du sprudelst so vor Energie und Schreibeifer. Du bist kreativ, keine Frage. Auch dass du deine eigenen Geschichten hier präsentierst, finde ich toll, das kann nicht jeder. Aber die Art, wie du deine Kreativität umsetzt...Warum muss alles bei dir immer so grausam sein? Hast du Probleme zu Hause oder hier in der Schule?“ Sie hockte sich neben sein Pult. Würde er jetzt hinfallen, könnte er ihr genau in den kurzen Jeansrock reinstarren, schoss es dem dicken Jungen durch den Kopf. Aber alte Frauen in knappen Schlübbern will kein neun Jähriger sehen. Der Gedanke ließ ihn kurz erschaudern und wurde ganz schnell wieder aus seinem Kopf verbannt. Selbst ein dramatischer, gequälter Charakter wie Ronald kannte eine gewisse Grenze zwischen dem Absurden und dem einfach nur Abartigem. Also blieb er lieber sitzen und lugte ein Stück weit über seinen Rucksack hervor. Er blickte in das besorgte Gesicht der Frau neben ihm, die versuchte, bei aller Sorge um ihren Klassenquerolanten freundlich zu lächeln, damit er ein Gefühl der Sicherheit verspüre und sich ihr anvertraue. Ronald studierte ihre Visage genauestens, jede einzelne Falte. Sie war eine gute Inspirationsquelle, falls er mal eine Geschichte über Frauen schreiben wolle, die verprügelt werden. Dann könnte ihr derzeitiger Gesichtsausdruck durchaus hilfreich sein.
Sie nahm vorsichtig seinen Ranzen zur Seite und stellte ihn auf den Boden. Dass Ronald während des Unterrichts gegessen hatte, sah sie nun anhand des leeren Papiers in seiner rechten. Aber sie schimpfte nicht und deutete seine Naschattacke als Frustfresserei, damit er bald einen noch dickeren Panzer bekommen würde. „Ist bei dir wirklich alles in Ordnung?“, fragte sie abermals. Ronald seufzte. Nicht, weil er etwas auf dem Herzen gehabt hätte, nein, es ging ihm eigentlich sehr gut. Aber er wusste, seufzen hilft, damit dicke Kinder, zu denen er zweifelsohne dazu gehörte, von anderen noch mehr Mitgefühl erhaschen konnten. Übergewicht in Kombination mit einer gequälten Seele verschaffte fast jedem fettleibigem Heranwachsenden quasi Narrenfreiheit.
Ronald sah sie mit rehbraunen Kulleraugen an. Der Blick funktionierte bei seiner Mutter super, warum also nicht auch bei seiner Lehrerin, schließlich waren es beides Frauen, beide also dumm, sie würde demnach garantiert genauso auf die hilfsbedürftige Masche reinfallen wie seine Erzeugerin. „Zu Hause ist alles in Ordnung.“, begann er zaghaft. „Es ist nur...“ Seine Lehrerin blickte ihn erwartungsvoll an. „Ich fühle mich so unverstanden.“ Das Gesicht der Lehrerin erschlaffte. Aus dem besorgten Ausdruck wurde ein typischer Blick, den alle Erwachsenen perfekt beherrschen, wenn sie ausholten zu langen Erklärungen und Vorträgen. Innerlich verdrehte Ronald schon die Augen. „Sieh mal, mein Kleiner. Du bist anders als die anderen. Wenn jeder ein Buch mitbringt, das von einem Verlag veröffentlicht wurde, kommst du mit deinem eigenen an. Erzählen andere von ihren Lieblingsfilmen, sagst du, du magst Filme nicht, weil es von dir noch keinen gibt. Du bist einfach zu sehr nur auf dich fixiert und gibst nichts und niemand anderem auch nur den Hauch einer Chance, an dich heran zu treten oder dich für etwas anderes als für dich zu begeistern.“ „Sie verstehen mich auch nicht!“, schrie Ronald auf und rannte zur Tür. „Ich will doch nur Anerkennung!“ Er rannte den Flur entlang, zum Ausgang, über die Straße in den Park. Hinter einer Mauer setzte er sich, um nach Luft zu schnappen. Warum er als fetter Junge keine Ausdauer haben konnte, verstand er nicht. Er konnte ja auch auf Kommando losheulen, was er eben erst wieder zweifelsfrei unter Beweis gestellt hatte.
Mit dem rechten schokoverschmierten Ärmel wischte er sich die letzten Tränen aus dem Gesicht und wartete noch einen Moment. Er hörte seine Lehrerin am Schuleingang seinen Namen rufen. Dreimal, dann gab sie auf und ging zurück. Für Ronald war das das Zeichen, nach Hause zu gehen. Er bog einige Male ab und stand schließlich vor seiner Haustür. Wild drückte er mehrmals hintereinander auf die Klingel, damit seine Mutter schon wusste, dass etwas nicht stimmte, noch bevor sie öffnete. Und natürlich bevor die Lehrerin bei ihr anrief, um zu erzählen, dass Ronald weggelaufen sei-wieder einmal. „Was ist passiert?“, fragte seine Mutter bestürzt, als sie ihrem kleinen Schatz die Tür öffnete. Er begann erneut zu schluchzten. Seine Mutter legte behutsam ihren Arm um ihn: „Komm rein und setz dich erst einmal auf das Sofa. Willst du fernsehen oder was essen?“ „Beides!“, befahl Ronald und warf die hässlichen Zierkissen von der Couch, die er noch nie ausstehen konnte. Immer dieser Weiberkram überall. Die Füße mit den dreckigen weißen Socken knallte er auf den Beistelltisch und ließ sich gerade eine große Schüssel „Trostchips“ bringen, als das Telefon klingelte. Natürlich war die dumme Kuh von Lehrerin am Apparat und das Gespräch dauerte auch nicht lange. Seine Mutter setzte sich nach dem Einhängen des Hörers zu ihrem Sohn. „Was ist schon wieder vorgefallen?“, wollte sie wissen. Aber Ronald verwies nur schmatzend auf den Fernseher. „Sie kommt nachher vorbei, um sich mit deinem Vater und mir zu unterhalten.“ Ronald nickte. „Hoffentlich denkt sie an meinen Schulranzen!“, antwortete er, denn den hatte er natürlich in der Klasse gelassen, um ihn nicht den Weg nach Hause zu schleppen und um keine Hausaufgaben machen zu müssen.
Den Rest des Tages verbrachte Ronald in seinem Zimmer. Das machte er jeden Tag ab vierzehn Uhr, denn dann kam seine ältere Schwester nach Hause. Ronald hasste diese aufgekratzte Furie eigentlich, denn sie durchschaute ihn immer. Sie wusste, dass vieles von ihm nur Show war, der reinen Bequemlichkeit halber. Sie wusste auch, dass er Mamis Liebling war, weshalb sie immer noch gemeiner zu ihm war, als Schwestern es üblicherweise zu ihren kleinen Brüdern sind. Sie nutzte jede Gelegenheit, ihm eins rein zu würgen. Oft musste sie auf ihren Bruder aufpassen, wenn die Mutter mal eben einkaufen oder zu der Nachbarin wollte. Dann sperrte Barbara den kleinen Kerl in den Keller ein, da konnte er wenigstens keinen Unfug machen und keinem auf die Nerven gehen. Vor allem aber konnte er dann nicht alles aus der Küche leer fressen. Denn wegen ihm hatte sie schon genug Ärger. Nicht nur, dass sich zu Hause alles immer nur um ihn, den armen kleinen Jungen drehte. Auch in der Schule wurde sie ständig damit aufgezogen, was für ein verzogenes fettes Schwein ihr Bruder doch sei. Und dass es kein Wunder sei, dass sie so mager ist, wenn er ihr immer alles weg frisst. Tatsächlich wollte sie gar nichts essen. Zum einen aus Angst, sie sähe eines Tages genauso aus wie Ronald, zum anderen kümmerte es auch keinen, wie viel oder in ihrem Fall wenig sie auf die Waage brachte. Schließlich ging es jeden Tag nur um den kleinen Ronald, da blieb für Barbara einfach keine Zeit mehr für Aufmerksamkeit.
Obwohl sie immer so fies zu ihm war, liebte Ronald seine Schwester insgeheim abgöttisch. Sie war die Einzige, der er nichts vormachen konnte. Außerdem war Barbara auch die Einzige, die ihm in Sachen Gemeinheiten in nichts nach stand. Es verletzte ihn zwar, dass sie kaum etwas Nettes für ihn übrig hatte. Aber andererseits war er froh darüber, dass wenigstens eine den Mut hatte, ihm die Meinung zu geigen und nicht mit dieser „Ich will dir doch nur helfen“ - Nummer daher kam. Trotzdem wich er ihr lieber so oft es ging aus, denn manchmal bekam er es auch ohne jeglichen Grund von ihr drüber. Sie schlug ihn gern grün und blau, wenn er auf leisen Sohlen versuchte, an ihrer Zimmertür vorbei zu schleichen und sie es mit bekam. Denn sie hatte überhaupt keine Skrupel, ihn zu vermöbeln, er hatte es in ihren Augen nicht anders verdient, es schadete ihm nicht und sie schlug auch nur auf die Körperstellen, für die sich ihr kleiner Bruder zu sehr schämte, als dass er sie für irgendjemanden frei machen würde, um all die blauen Flecke und Kratzer begutachten zu können. Ronald hatte sich mit seiner Rolle als so etwas wie ihr Wutablass-Ventil abgefunden. Wann immer Barbara einen beschissenen Tag hatte, musste Ronald her halten und die Schläge aushalten, anderenfalls würden sie noch heftiger und noch mehr werden. Es kümmerte Ronald nicht weiter, denn er kannte es nicht anders als so und konnte das Verhalten seiner Schwester sogar noch ein Stück weit verstehen, denn jeder ging hin und wieder nicht vorbildlich mit seinem Ärger im Bauch um. Das Einzige, was Ronald Bauchschmerzen beim Gedanken an die Schläge seiner Schwester bereitete war die Tatsache, dass sie eigentlich immer wütend oder schlecht gelaunt war. Und genau das war wohl auch das Einzige, was die beiden miteinander gemeinsam hatten, eine ungeheure Wut, die unbedingt aus den Tiefen ihres Bewusstseins heraus gelassen werden wollte.
Am Abend stand die Lehrerin auf der Matte, um mit Ronalds Eltern über ihn, seine Geschichten und sein Verhalten in der Klasse zu sprechen. Den Rucksack hatte sie mitgebracht und schon beim Eintreten erwähnt, dass er seine Hausaufgaben ausnahmsweise nicht zu erledigen brauche. Während die beiden Frauen bei einer Tasse Tee am Küchentisch saßen, hockte Ronald auf der Treppe, um zu lauschen. Er wollte um jeden Preis gewappnet sein, wenn es nachher heißen würde, er möge doch bitte einmal herunter kommen, damit sie sich auch mit ihm unterhalten können. Ronald hasste diese Gespräche. Aber was tat man nicht alles für ein verfrühtes schulfrei und keine Hausaufgaben.
Seine Mutter klang besorgt und hörte sich in aller Ruhe an, was die Lehrerin ihr mit Bestürzen erklärte. Ronalds Vater saß am PC und zockte. Ihn interessierte das Weibergewäsch nicht. Er hatte einen harten Arbeitstag und wollte Ruhe haben. Der Junge war seines Erachtens einfach nur zu fett und stelle sich an. Das wären seine einzigen Probleme. Schuld dafür gab er natürlich ausschließlich seiner Frau, die ihren Sohn stets mit Samthandschuhen anfasste. Er selbst entzog sich jeder Verantwortung. Schließlich sei er den ganzen Tag nicht da und nach Feierabend wolle er nur essen und seine Ruhe haben, das sei doch nicht zu viel verlangt.
Ronald war verwundert, als er beide Frauen im Flur stehen sah. Sie redeten immer noch, als hätte einer vergessen, ihren Sprechmotor auszuschalten. Die Lehrerin zog ihren Mantel über und verschwand durch die Haustür ins Dunkle nach draußen. Seine Mutter hatte die Hände übereinander geschlagen und sah ihn auf der Treppe sitzen. Langsam ging sie auf ihn zu. Warum wurde er diesmal nicht zum Gespräch dazu geholt? Warum musste er sich nicht rechtfertigen? Er hatte sich doch bereits so gute Ausreden einfallen lassen, sie wieder alle um den Finger zu wickeln! Erst wollte niemand seine Geschichte hören und jetzt besteht nicht mal mehr Interesse an seinen Ausflüchten? Das darf doch nicht wahr sein! Anstatt froh darüber zu sein, dass er aus der Nummer raus war, stieg wieder der Zorn in ihm auf. Seine Mutter nahm ihn an die Hand, stellte ihn auf die Beine und ging mit ihm in sein Zimmer. Sie sagte, er solle seinen Schlafanzug anziehen und dann legte er sich ins Bett, während sie ihn zudeckte. Auf seiner Bettkante nahm sie Platz. „Ronald, mein Junge. Du musst damit aufhören. Du musst aufhören, dich immer über alles hinwegzusetzen. Du musst aufhören, immer alles anders zu machen als die anderen. Vor allem aber musst du aufhören, vor deinen Problemen weg zu laufen, oder dich hinter ihnen zu verstecken. Du bist ein kleiner Junge von neun Jahren. Du bist ein Schüler. Du gehörst nicht zu den großen Schriftstellern, die die Welt verändert haben. Vielleicht bist du das eines Tages, da glaube ich ganz fest dran, aber jetzt bist du nur ein kleiner Junge. Also versuch nicht länger jemand zu sein, der du nicht bist.“ Sie drückte ihm einen saftigen Kuss auf die Stirn, der brannte wie Feuer. Dann verließ sie den Raum. Die hinterhältige Hexe war endlich weg. Nun hatte sie ihm auch den Rücken gekehrt und sich gegen ihn verschworen. Warum wollte nur niemand glauben, dass er bereits jetzt zu den Großen gehörte? Ronald musste es allen beweisen, er musste eine Geschichte schreiben, nein, er musste DIE Geschichte schreiben. Es musste etwas Einzigartiges sein, etwas, dass sich bereits in den ersten Wochen verkaufen würde wie warme Semmeln. Etwas, aus dem in ferner Zukunft eine eigene Religion entstehen könnte. Etwas, das noch nie zuvor dagewesen war.
Dann würde er sich eben mehr anpassen. Als Tarnung für sein großes Vorhaben war das sogar gar keine schlechte Idee. Am Tag würde er allen den bekehrten Ronald vorgaukeln und am Abend würde er bis tief in die Nacht an seinem Werk arbeiten. Keiner würde es merken. Und am Ende bekäme er gleich die doppelte Anerkennung, denn er hat sich der Gesellschaft angepasst, trotzdem etwas Eigenes kreiert und damit wesentlich zur Historie beigetragen. Er würde in die Geschichtsbücher dieser Welt eingehen. Dieser Ansporn reichte aus, um künftig Bücher in der Klasse von seiner verhassten Konkurrenz so zu präsentieren, als würde er sie für gut befinden.
Also begann er voller Feuereifer zu schreiben...
-Die neue Identität-
Die Jahre vergingen ohne merklichen Unterschied in Ronalds Leben und auch mit Beginn der Pubertät wurde es für den mittlerweile dreizehn jährigen Jungen nicht leichter, denn er hatte nach wie vor an seinem starken Übergewicht zu nagen und zu allem Überfluss richtete sich eine ausgeprägte Akne an seinem Körper häuslich ein. Sein verfetteter Körper war der ideale Nährboden für all diese fiesen, kleinen Eiterpickel, sodass sie sich nicht nur schlagartig in seiner gesamten Visage ausbreiteten und damit seinem mühsam angezüchteten Flaum über der Oberlippe die Schau stahlen, nein, die Akne erstreckte sich zu allem Übel auch noch von den Schultern über die gesamte Rückenpartie bis hin zum Steiß. Nun war er nicht nur fett, sondern auch noch gänzlich entstellt in den Augen seiner Mitschüler. Dafür mied man ihn, wer wollte sich schon mit dem Loser der Schule abgeben und somit zwangsläufig selbst einer werden. Er hatte also die lang ersehnte Ruhe vor den anderen, wovon er in der Grundschulzeit lange nur träumen konnte. Niemand wollte sich mit einem hässlichen Versager abgeben, das war allen, die immer nur darauf achteten, zu den Coolen oder wenigstens nicht zu Ronald zu gehören, viel zu peinlich. Keiner von ihnen hätte das Mobben lange ausgehalten, das ihnen Ronalds Gesellschaft eingebracht hätte. Doch es störte ihn nicht, nur so konnte er unbesorgt tun und lassen, was er wollte. Meistens zumindest. Denn Ronalds Körper brachte ihm in der Pubertät einen weiteren zweifelhaften Segen. Zwar machte man sich nicht mehr über ihn lustig, weil er sich selbst seit jeher als großartiger Schriftsteller feierte, das hatte er nun gekonnt verbergen können und so getan, als habe er sich den anderen seines Alters angepasst. Schließlich würden alle noch früh genug erkennen, dass er der Schriftsteller des Jahrtausends ist, wenn sie erst sein Buch ehrfürchtig in den Händen halten und sich dafür schämen, ihn als Kind zur Anpassung an die Normen der Gesellschaft gezwungen haben. Dafür galt er nun in den Pausen als Versuchsobjekt der anderen Jungs. Denn Ronalds Fettleibigkeit sorgte für eine gute handvoll Oberweite, eine pralle Brust, wie sie viele Mädchen in seinem Alter gern hätten vorweisen können. Der Streuselkuchen mit den Männertittchen, wie er liebevoll von seinen Mitschülern genannt wurde, erkannte schnell, dass sich mit seinem Busen schnelles Geld verdienen ließ. Geld, das er für seine Arbeit dringend brauchte. So ließ Ronald es Pause um Pause über sich ergehen, dass die Jungen seiner Schule mit Ronalds Brüsten „Trockenübungen“ betreiben konnten. Sie durften die Dinger anfassen, kneten, heben oder was ihnen sonst noch so damit einfiel. Für sie war es die optimale Gelegenheit zu üben, schließlich war es für sie bis dato die einzige Gelegenheit, das wohlgeformte Stück Körperfett in den Händen halten zu dürfen, ohne gleich als Lüstling oder Perverser abgestempelt zu werden, für Ronald eine gute Einnahmequelle. Zwar ließ er das Gegrapsche nur widerwillig zu, doch trotzdem stand Ronald in jeder großen Pause in der Ecke hinter den Toiletten am Ende des Schulhofes und machte obenrum blank, wenn das Geld stimmte, das man ihm hinhielt. Es war auf eine Art erniedrigend, sich den gierigen Händen ausliefern lassen zu müssen und auch ganz bestimmt nicht die Art, die Ronald sich als erste sexuelle Erfahrungen hätte wünschen können. Doch angesichts der Tatsache, dass es nur ein paar kurze Augenblicke waren, die jeder seinen fetten Körper berühren durfte, war es durchaus erträglich. Im Hinterkopf manifestierte sich der Gedanke, wie schlecht es dann wohl den Mädels gehen muss, die tagtäglich so betatscht werden und die Jungs auch noch denken, sie machten alles richtig. Ronald hielt sich an die Weisheit, dass Papier geduldig sei, also würde er es ihm gleich tun, während die anderen seines Alters ihre ersten Knetversuche an ihm übten. Es gewährte ihm zudem auch einen Freibrief, der garantierte, dass man ihn wirklich in Ruhe ließ, also selbst das Mobben hielt sich stark in Grenzen, denn anderenfalls lief man Gefahr, dass Ronald seine Dienste verweigerte und das galt es auf jeden Fall zu verhindern.
Man hätte annehmen können, mit der Pubertät sei bei Ronald auch das Interesse am weiblichen Geschlecht erwacht, doch weit gefehlt. Da er ohnehin schon mit einem halben Frauenkörper von Mutter Natur gestraft worden war, interessierte ihn auch der Rest an Mädchen nicht. Sie waren in seinen Augen nichts Besonderes, nichts, das man anhimmeln oder verehren konnte. Er empfand sie vielmehr als ungemein lästig und nervig. Ständig dieses dämliche Gekichere für jeden Mist, Getuschel über Belanglosigkeiten und Zickenkrieg, weil eine die gleiche hässliche Hose trug wie die andere. Als sei Ronald nicht schon gestraft genug damit gewesen, sich sein zu Hause mit einer anstrengenden Mutter und einer bösartigen Schwester teilen zu müssen. Nein, selbst in seiner Klasse gab es mehr Mädchen als Jungen, was zur Folge hatte, dass die Mädchen immer wieder ihre Dinge durchbringen konnten. Klassenfahrten gingen nicht zu Paintball-Schießanlagen, sondern zum Pferdehof, weil da gerade irgend so ein Gaul geworfen hatte. Wen interessierte das denn? Und auf seine Frage hin, in welchem Pferdealter das Fleisch besonders zart und saftig für Gulasch wäre, wurde er geradewegs von einer mehr als empörten Lehrerin nach Hause geschickt, während die heulenden Mädchen sich aufgrund dieser grausamen Gedanken erst einmal gegenseitig trösten mussten.
Doch nicht nur die Tatsache, dass sein reales Leben ihn von Frauen umgab und von ihnen dominiert wurde, ärgerte Ronald über alle Maßen. Selbst die Literatur bediente sich ständig der Illusion, das weibliche Geschlecht sei etwas hoch Umworbenes, Einzigartiges, Tolles, auf das man im Leben nicht verzichten konnte. Ständig wurden sie als die krönende Belohnung dargestellt, für die ein Mann tapfer sein Leben opfern musste, um die unfähige Frau, die scheinbar nie im Stande war, auf sich selbst Acht zu geben, aus den Fängen des Bösen zu retten. Und was war am Ende der Preis für all die Strapazen? Der arme Held der Geschichte bekam diese verblödete Trulla noch als Ehegattin für den Rest seines Lebens ans Bein gebunden! Hätte er sie mal besser sterben lassen, verbrennen lassen, vom Drachen auffressen lassen! Es wäre ihm besser ergangen. Aber nein, in den meisten Geschichten ging es um das bloße Verlangen nach Befriedigung. Ronald fragte sich immerzu, was der Lohn für all die Tapferkeit gewesen war, wenn nicht Anerkennung? Es konnte ja wohl kaum ein Blowjob von der hübschen Jungfrau gewesen sein! Das wäre viel zu plump. Ronald begriff nicht, wie hoch gefeierte Autoren für derartig lahme Stories, auf dieses kleine Detail der Wollust reduzierte Legenden und Sagen, über Jahrhunderte umjubelt werden konnten. Oder hatte Ronald einfach noch nicht die nötige Reife erlangt, um sich vorstellen zu können, dass es für einen erwachsenen, gestandenen Mann nichts Besseres auf der Welt gab, als sein Gesicht in das pralle Dekolleté einer hübschen Frau versinken zu lassen? Es war ihm einfach zu wider. Allein die Vorstellung rief Übelkeit bei ihm aus. All diese Körperflüssigkeiten und Säfte, über die alle Welt schwärmte, es war so ekelhaft! Ronald wusste nur zu gut, wozu ein Mann mit seinem besten Stück außer pinkeln noch im Stande gewesen war, er hatte es selbst erfahren müssen eines Nachts. Er hatte sich nie zuvor in seinem ganzen Leben selbst angewidert und beschmutzt gefühlt wie in dem Augenblick seines Erwachens im eigenen Körpersaft. Und die Vorstellung, edle Ritter oder großartige Superhelden waren nur bereit, die größten Strapazen auf sich zu nehmen und die waghalsigsten Situationen zu meistern, nur wegen eines Abspritzens, verursacht durch eine junge Schönheit? Das waren keine Helden, es waren Idioten sondergleichen! Und dann konnte angesichts dieser Tatsachen niemand verstehen, warum Ronald nicht gern las?
Aber eigentlich kümmerte es Ronald auch nicht weiter, was andere miteinander trieben oder wie die großen, bekannten Autoren mit ihren Sexgeschichten die eigentliche Handlung ihrer Story zerstörten. Zwar hatte er in Kindertagen die Werke anderer Schriftsteller verabscheut und gemieden, doch nun hatte er ihren Nutzen für sich selbst entdeckt. Er filterte aus jedem Bestseller einfach die Teile heraus, die sich nur um das Eine drehten und verschlang den des Handlungsablaufes förmlich. Dabei versuchte er, sich jede Eigenart der Schreiber einzuprägen, um sie später allesamt auf sein Schriftstück zu projizieren. Doch das reichte Ronald bei Weitem nicht aus. Sein Interesse an den Biographien der einzelnen Autoren war in ihm geweckt. Denn er wusste, bevor eine gute Geschichte entstehen kann, müssen erst die perfekten Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden. Jeder von ihnen, den Großen der Literatur, hatte eine Inspirationsquelle. Nur Ronald fehlte sie noch. Also begann er, die Gepflogenheiten der anderen zu kopieren. Sein stilvoll eingerichtetes und sorgsam babyblau gestrichenes Kinderzimmer verwandelte sich mehr und mehr in eine Art Messibude. Über die Tapeten klebte er wahllos Zeitungsartikel, die er aus dem regionalen Morgenblättchen gerissen oder geschnitten hatte. Sie waren allesamt völlig zusammenhanglos und wild durcheinander, ohne jegliche Bedeutung oder tieferen Sinn hinter dem Ganzen. Doch es schaffte eine bestimmte Atmosphäre in dem kleinen Raum, die Ronald gern mit der von Massenmördern aus Horrorfilmen verglich, die ihre spärlichen Behausungen ebenfalls mit Fotos und Berichten über ihre Opfer tapezierten. Nur hatten diese Leute dabei eben System dahinter, Ronald nicht.
Über einen Autor hatte Ronald erfahren, dass dieser sich gern auf Mülldeponien aufhielt, um sich dort inspirieren zu lassen. Da die nächste Halde aber zu weit entfernt für seine verfetteten Füße war, beschloss Ronald, die Idee einer Deponie einfach in seinem Zimmer entstehen zu lassen. Also lagerte der ganze Verpackungsmüll, den er täglich produzierte, fortan auf seinem blauen Teppichboden. Weil Goethe, der ja zu den bekanntesten Schriftstellern aller Zeiten zählt-zumindest, bis man Ronalds Talent entdeckte-, seine Ideen angeblich verdorbenen Äpfeln in seiner Schreibtischschublade zu verdanken hatte, ließ Ronald auch diese Möglichkeit der Inspirationsquelle nicht aus und warf seinen gesamten Biomüll hinter die Heizung neben seinem Schreibtisch. Doch anstelle von gesunden Äpfeln gammelten dort alte Pizzareste und Pommes vor sich hin. Ronald war sich sicher, es würde für den gleichen Effekt sorgen können.
Zugegeben, wohl fühlte er sich in seinem Kinderzimmer nun nicht wirklich, aber was tat er nicht alles für die hohe Kunst des Schreibens. Allerdings verzichtete er bald wieder auf die Sache mit dem verdorbenen Essen, nachdem er sich mehrmals hintereinander deswegen übergeben musste.
Lange fiel der Zustand seines Zimmers niemandem auf, denn Besuch bekam Ronald nicht und seine Schwester wagte keinen Schritt in das feindliche Gebiet. Ihr war es also völlig egal, ob ihr kleiner, verhasster Bruder in seinem eigenen Dreck hauste. Er war ihr sowieso gleichgültig geworden. Anstatt ihn bei jeder Gelegenheit, die sich ihr bot, zu schikanieren, bediente sie sich nun einer neuen Taktik. Sie bevorzugte die gänzliche Ignoranz ihm gegenüber. Das verletzte ihn noch mehr, als die zahlreichen körperlichen und psychischen Misshandlungen, denen er zuvor ihrer Willkür hilflos ausgeliefert war. Jedes Mal, wenn sie ihn quälte, um sich selbst ein bisschen besser zu fühlen, dachte Ronald, es könne wohl kaum noch schlimmer kommen. Aber nun wurde er eines Besseren belehrt. Wann immer er an ihrer Zimmertür vorbei ging, mit besonders lauten Schritten, damit sie wusste, dass er sich nicht in seinen vier Wänden verbarrikadiert hatte, hoffte er sehnlichst, sie würde ihren langen, dürren Arm heraus strecken, ihre Fingernägel in seinen bloßen Nacken festkrallen, die Treppe zum Keller hinab zerren und ihn dort im Dunkeln einsperren, wenn auch nur kurz. Nur ein paar Minuten würden ausreichen, Hauptsache sie zeigte ihm, dass er für sie noch existierte, in irgendeiner Form, wenn auch in ihren Augen unberechtigt. Doch das Gefühl, ihr gleichgültig zu sein, war für ihn ein Zustand tiefster Leere, die er immer wieder verzweifelt mit Essen versuchte zu füllen. Er hasste sich selbst dafür. Für alles. Für seine Fressattacken, für seine ganze Art und nicht zuletzt auch für das nicht zustande bringen seines Werkes.
Ronald hatte alles getan, was die großen Schriftsteller vergangener Tage auch taten, nur half es bei ihm rein gar nichts. Es brachte ihm weder die erhofften Ideen, noch die gewünschte Kreativität ein und erst recht nicht den regen Schreibfluss, den seine wurstigen Finger so dringend brauchten, um ihm das Gefühl innerer Ruhe zu verschaffen. Als Ronald eines Nachmittags völlig erledigt von der Schule nach Hause kam, traf ihn beim Betreten seines Zimmers der Schlag. Seine ganzen Sammlungen waren weg! Das Zimmer erstrahlte dafür in neuem Glanz, roch noch frisch nach Allzweckreiniger und bis auf ein paar Klebefilmreste an den Wänden und einigen Fettflecken hinter der Heizung sah alles aus, als sei es nie zugemüllt gewesen. Panisch rannte Ronald im Kreis seines zehn Quadratmeter großen Traums in blau, das sein Zimmer wieder zierte. Die Zeitungsausschnitte, die Bilder, der Papierkram auf dem Boden, alles weg! Auch seine Notizen? Sein Herz raste, das Blut schoss ihm in den Kopf. Hektisch rannte er auf seinen Schreibtisch zu, auf dem die Stifte sich nun der Farbe nach sortiert ordentlich in Reihe hingelegt präsentierten. Er suchte alles ab, sah unter den Schreibtisch, in die Schubladen. Tatsache, alles weg! Seine ganze Arbeit bis hierher war verschwunden! Ronald verlor den Boden unter den Füßen, ihm wurde heiß, dann wieder kalt. Ein kühler Schwall Schweiß lief ihm wie die Niagarafälle über den gesamten Körper, er zitterte, glühte aber innerlich. Hass, Wut, Zorn, Enttäuschung und dieses ohnmachtsähnliche Gefühl der Hilflosigkeit tat sich in ihm auf. Alles begann sich zu drehen, das beruhigende Blau schien sich bedrohlich über ihm aufzubäumen und jeden Moment über ihm zusammen zu brechen. Gedanken kreisten ihm durch den Kopf, wirr und wild durcheinander sprachen Stimmen, seine eigene, Geräusche, piepsen...Ronald wurde schlecht. Er suchte Halt bei seinem Stuhl und konnte nur noch eines tun: „Maaaaaamaaaaaa!“ Er brüllte aus voller Kehle, mit einer Stimme, so gequält und gedemütigt, wie er es selbst nach Barbaras Attacken nicht heraus bringen konnte. Die Frequenz seiner Stimmlage dröhnte durch das Haus, der quietschende Schall seines Stimmbruches sei Dank hätte Gläser zum zerschellen bringen können. Ronald rang nach Luft. Allmählich fasste er sich wieder, auch wenn man es seinem bleichen Gesicht und den völlig verschwitzen Klamotten noch nicht ansehen konnte. Er hörte, wie seine Mutter sich langsam von dem knarrenden Küchenstuhl erhob und mit ihren Latschen Richtung Treppe schlurfte. Sie stützte sich mit einer Hand am Geländer und blickte nach oben. „Was ist denn, mein Junge?“, rief sie zurück und atmete schwer. „Wo sind meine Sachen?“, quietschte Ronald aufgebracht zurück. Seine Panik war dem blanken Zorn gewichen. Zorn gegen seine Mutter, die sich in seiner Abwesenheit einfach in seinem Zimmer zu schaffen gemacht hatte. Aber auch Zorn gegen sich selbst. Wie konnte man nur so blöd sein und seine wichtigen Unterlagen einfach irgendwo liegen lassen? Doch für solche Gedanken war jetzt keine Zeit, er musste seine Mutter zur Rechenschaft ziehen. Sie stand noch immer am Geländer und hielt sich die schmerzende Brust. Da war es wieder, dieses unbehagliche Gefühl im Herzen, wenn sie etwas richtig machen wollte und es sich im Nachhinein als großer Fehler heraus stellte. Dieses Ziehen kam nicht oft, aber wenn, dann wurde es mit jedem Mal schlimmer. Der erste Schmerz trat damals auf, als sie kurz davor war, ihr Leben weg zu schmeißen und in die Ehe mit einem sturen, desinteressierten Tyrann einwilligte. Dann, als sie mit Barbara schwanger war und es zu spät bemerkte, denn sonst hätte es Ronalds Schwester wohl nie gegeben. Bei Ronald hatte sie noch nie die Schmerzen verspürt, er war ihr Sonnenschein, ihr ein und alles, das Kind, das sie sich immer gewünscht hatte. Wenn man sie fragte, was ihn so anders machte als seine Schwester, antwortete die Mutter immer, er sei das Geschenk des Himmels gewesen, die Tochter das des Teufels. So recht verstehen konnte sie wohl keiner, denn es war eindeutig Ronald, der als Satansbrut hätte durchgehen können. Doch in ihren Augen war er ihr kleiner Engel, ein heiliges Kind, das behutsam durch diese schreckliche Welt getragen werden müsse. Es war wohl die Angst, mit ihrem Sohn stimmte etwas nicht, die ihr Stechen in der Brust auslöste. Aber ahnungslos über den schweren Fehler, den sie in seinem Zimmer begangen hatte, rief sie zurück: „Deine Sachen sind weg!“ Ronald verdrehte die Augen und blickte von dem Türrahmen aus zum Schreibtisch. Ach was, wirklich? Das wäre ihm jetzt gar nicht aufgefallen! Wie gut, dass sie es ihm sagte. Womöglich forderte sie nun sogar noch seine Dankbarkeit ein, dass sie ihn darüber überhaupt in Kenntnis gesetzt hatte! In ihm brodelte es, das Blut kochte, sein Gesicht lief purpurrot an, die Wangen wurden dick wie zwei Luftballons, die kurz vorm Platzen standen. „Warum hast du das getan? Bist du eigentlich völlig bescheuert? Du kannst doch nicht einfach so in mein Zimmer platzen und machen, was du willst! Das hier ist MEIN Zimmer! Du hast hier gefälligst nichts zu suchen und schon gar nicht, ohne mich vorher zu fragen! Ist das klar?“ Er hätte heulen können vor Wut, doch er unterdrückte die Tränen, die schließlich einen dicken Kloß in seinem Hals verursachten. Das Schlucken brannte fürchterlich und sein speckiger Körper zitterte noch immer wie Espenlaub. Er war schon vielen Boshaftigkeiten ausgesetzt von allen möglichen Leuten, aber das hier toppte alles. Was sonst mit ihm veranstaltet wurde, war ihm egal, es prallte an ihm ab, doch die Aktion seiner Mutter traf und zwar mitten in sein kleines, dickes Herz.
Sie stand noch immer unten und wartete auf eine weitere Reaktion. Er hatte Recht, musste sie sich eingestehen. So sehr sein Zimmer auch nach einer Grundreinigung flehte, sie hätte ihn vorher fragen müssen. Schließlich vernahm sie Ronalds Schritte auf den hölzernen Stufen. Sein Gesicht wirkte schwer, die Augen hingen tief. Seine verzweifelten und hilfesuchenden Blicke trafen ihre mit Selbstvorwürfen geplagten Augen. „Warum hast du das getan?“, fragte er leise und zitternd. Sie wollte ihn in den Arm nehmen und trösten, ihm sagen, wie leid es ihr tat und sie es nicht böse gemeint hatte, doch er verweigerte es. Ihren kleinen Goldschatz so leiden zu sehen brach ihr das Herz in tausend Splitter, die sich unter ihre Haut brannten. Ronald sackte auf der ersten Stufe mit einem lauten „Plumps“ zusammen und vergrub sein Gesicht in den Händen. Nun konnte er es nicht länger zurück halten, die ersten heißen Tränen rannen ihm über die Wangen und ließen eine salzige Spur bis zur Nase zurück. Immer wieder schüttelte Ronald den Kopf. „Warum hast du das getan? Es ist alles weg!“ Sie sah ihn an. Plötzlich schreckte sie euphorisch aus ihrer Demütigung. Ungeduldig zog sie ihren Sohn am Sweatshirt. „Es ist nicht alles weg!“, tröstete sie ihn mit aufgeregter Stimme. „Komm mit in die Küche. Da lag so ein Stapel Papiere auf deinem Schreibtisch, den habe ich in die Küche gelegt, weil es wichtig aussah. Keine Sorge, ich habe nichts davon gelesen!“ Schlagartig wich Ronalds Verzweiflung. Er wischte sich die peinlichen Tränen weg und hastete in die Küche. Da lagen seine Notizen sauber zusammen gelegt auf einen Stapel und warteten nur darauf, wieder von ihm mitgenommen zu werden. Seine jahrelange Arbeit und Recherche war nicht dem Altpapier oder Kaminfeuer zum Opfer gefallen, er würde nicht wieder von vorn mit allem beginnen müssen! Als sei eine riesige Fettschicht von seinem Herzen gefallen, ging er auf den Küchentisch, wo seine Unterlagen bereit lagen, zu. Doch plötzlich hörte er, wie seine Schwester durch die andere Tür vom Flur aus die Küche betrat. Ronald erstarrte vor Schreck und Angst. Wäre er ein Tier, er würde sich schlagartig tot stellen und warten, bis der Feind vorbei gezogen war. Doch das half ihm jetzt nichts. Er stand da wie angewurzelt und lauschte. Drei Schritte würde sie von der Tür bis zum Tisch brauchen. Er hörte sie gehen. Einen Schritt, noch einen Schritt. Er lauschte weiter, doch sie schien stehen geblieben zu sein. Warum ging sie nicht weiter? „Geh weiter!“, versuchte Ronald über seine Gedanken ihr ins Gewissen zu reden. Auch seine Mutter bemerkte, dass irgendetwas nicht stimmte und blickte ebenfalls erwartungsvoll in Richtung Küchentür. Einen Moment lang war das ganze Haus in eine unerträgliche Spannung gehüllt. Alles war still. Ronald und seine Mutter lauschten gespannt, bewegten sich nicht, atmeten ruhig. Ronald betete innerlich. Doch seine Gebete wurden nicht erhört. Das Schweigen wurde durch ein lautes Gelächter gebrochen. Es erfüllte den Raum, stieg die Treppe hinauf und verursachte in Ronald ein so gewaltiges Gefühl der Scham, dass er am liebsten auf der Stelle gestorben wäre, um die nächsten Minuten nicht miterleben zu müssen. Er ahnte, was ihm nun bevorstand und jetzt noch zu versuchen, weg zu rennen, war zwecklos. Barbara hat seine Notizen gelesen! Gerade in diesem Augenblick stand sie am Küchentisch und hielt sich den Bauch vor Lachen. Man musste kein Hellseher sein, um das zu wissen. Selbst durch die geschlossene Tür konnte Ronald sehen, dass es so war. All seine Zeichnungen und Buchanfänge, die er durch die Müllberge so gut zu verstecken versucht hatte, befanden sich nun in den Händen des Feindes! Jetzt hatte sie ihn endgültig am Sack und er wollte sich nicht ausmalen, zu welchen Grausamkeiten seine Schwester nun gegen ihn im Stande war.
