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Was bedeutet Schönheit? Über dieses Wort zerbrach ich mir den Kopf, seitdem ich im Krankenhaus mühsam die Augen geöffnet hatte. Ich war nicht mehr schön, das wusste ich. Der Unfall hatte seine Spuren nicht nur unter, sondern auch deutlich sichtbar auf meiner Haut hinterlassen. Und ich hatte keine Ahnung, wie ich je wieder zu der lebendigen Rosie werden sollte, die alle – und vor allem ich – so sehr geliebt hatten. Doch dann schlichen sich immer öfter Leiks Worte zu den düsteren Gedanken: Wahre Schönheit kann man nicht fassen, Rosie. Nur du kannst sie zum Leben erwecken – tief in dir.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Vera Schaub
Rosie
Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen.
Rosie
Copyright
© 2024 VAJONA Verlag
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags
wiedergegeben werden.
Lektorat: Vanessa Lipinksi
Korrektorat: Aileen Dawe-Henning
Umschlaggestaltung: VAJONA Verlag unter Verwendung von Motiven von rawpixel
Satz: VAJONA Verlag, Oelsnitz
VAJONA Verlag
Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3
08606 Oelsnitz
»Niemand rettet uns, außer wir selbst. Niemand kann und darf das. Wir müssen selbst den Weg gehen.«
- Buddha -
Wohl kaum ein Zitat könnte dieses Buch besser beschreiben. Denn was bedeutet es, für sich selbst kämpfen zu müssen, wenn nichts aussichtsloser erscheint als die Situation, in der ihr Euch befindet?
Rosie soll die Verzweiflung, Hilflosigkeit, aber auch die Stärke sein, die jeder von uns in seinem Inneren trägt. Denn egal, wie aussichtslos eine Situation erscheint, wir selbst sind immer im Stande dazu, sie zu ändern.
Doch dieser Weg kann und wird nicht immer gerade verlaufen, wie selbst ich auf der Reise durch dieses Buch an Rosies Seite lernen musste. Er ist geprägt von vielen Kurven, tiefen Schlaglöchern und schlechten Zeiten, die wir gewillt sein müssen, zu überstehen. Denn für wen, wenn nicht für uns selbst, lohnt sich dies am meisten?
Auch wenn viele dieser Kämpfe in uns ausgetragen werden, soll Rosie euch zeigen, dass ihr immer stark genug dafür sein werdet. Denn irgendwann kommt der eine, fast unscheinbare Moment, in dem alles nicht mehr ganz so schlimm erscheint. Genau dann denkt daran, dass nur ihr alleine diesen Weg für euch eingeschlagen habt, und seid stolz!
Denn wenn nicht hier, wo sonst sollte euch bewusst werden, dass aus einer verwelkten Rose immer wieder neue blühende Knospen sprießen werden ...
Hinweis
In diesem Roman werden Themen wie physische und psychische Verletzungen, suizidale Gedanken und Depressionen behandelt.
Teil 1
Rosie
»Um mit einem neuen Anfang beginnen zu können, musst du Abschied nehmen von dem Abend, der dein Leben verändert hat, Rosie. Du musst dich daran erinnern, darfst dich aber niemals fürchten. Ein Neuanfang ist wie eine Rose – sobald die alten Blätter verwelkt und abgefallen sind, können darunter neue, bunte Knospen sprießen.«
»Rosie!« Ich sah über die Schulter und lachte ein weiteres tiefes Lachen, das meinen ganzen Körper mit Freude erfüllte. »Fang!«
Ehe ich mich versah, warf Jess den Ball über den geteerten Hinterhof der High School zu mir hinüber. Als ich ihn tatsächlich zu fangen bekam, jubelten die anderen unserer Freunde laut auf.
»Nicht schlecht, Rosie«, stichelte Bryan neben mir, ehe er mich verschwörerisch anfunkelte und mir einen raschen Kuss auf die Lippen drückte. Mein Herz begann sofort schneller zu schlagen und ich spürte das Kribbeln bis in die Zehenspitzen, die ich vor dem Spiel aus den hohen Schuhen befreit hatte. Wir hatten uns aus der Turnhalle, in der wir unseren High-School-Abschlussball feierten, hier hinaus zum Spielen begeben und es lief tatsächlich nicht schlecht für uns. Ich lächelte ihn sanft an und konnte noch immer kaum glauben, dass wir seit einigen Monaten ein Paar waren. Die ganze High-School-Zeit über war ich eher das zurückhaltende Mädchen gewesen, das mit seinen wenigen guten Freunden nur am Rande des Geschehens teilgenommen hatte. Doch am Homecoming Ball letzten Winter hatte ich Bryan zum ersten Mal außerhalb seiner lauten Freundesgruppe wahrgenommen, die ich sonst nur mit Football, dummen Streichen und grölenden Typen in Verbindung gebracht hatte.
Bei dem Gedanken an den Abend, an dem wir begonnen hatten, miteinander zu sprechen, huschte ein spürbares Grinsen über mein Gesicht. Ich hatte versehentlich meinen Punsch über seinen Anzug gekippt bei dem Versuch, mit dem Getränk und meinen Freundinnen auf der Tanzfläche Macarena zu tanzen. Entgegen meiner Erwartung brach Bryan nicht in eine empörte Schimpftirade aus, sondern fing an, mit mir zu scherzen. Und in dem Moment, als ich beim Klang seiner Stimme zum ersten Mal eine Gänsehaut bekam, wusste ich, dass ich mich hoffnungslos in ihn verlieben würde. Aber ich hätte nie gedacht, dass er sich auch nur einen Tag nach diesem Abend für mich interessieren würde. Bryan – der, an den jedes Mädchen irgendwann ihr Herz verlor.
Ich drehte den Ball in meinen Händen und warf die langen, gelockten Haare über meine freien Schultern, während die anderen aus meinem Team darauf warteten, dass ich meinen Zug spielte. Also richtete ich meine Augen wieder auf die Flasche, die einige Meter zwischen uns und dem anderen Team auf dem Boden aufgestellt war. Ich zielte, holte aus und warf den Ball durch die dunkle Nacht, die lediglich durch die Lichter an der Außenwand unserer Schule erhellt wurde. Als der Ball tatsächlich kurz vor der Flasche auf dem Boden aufprallte, sie traf und zum Kippen brachte, jubelten wir noch einmal kurz euphorisch, bevor wir die Flaschen vor uns an die Lippen setzten, um sie schnell zu leeren. Das gegnerische Team bemühte sich lautstark, die Flasche wieder aufzustellen, um uns vom Trinken abzuhalten. Obwohl ich wusste, dass es gegen die Spielregeln verstieß, trank ich noch einen Moment länger. Als ich die Bierflasche anschließend etwas gegen das Licht hielt, stellte ich zufrieden fest, dass ich nur noch einen Zug brauchen würde, bis ich sie leer abstellen und das Spiel verlassen konnte.
»Ich wusste gar nicht, dass du so ein Talent hast. Zwei Treffer in Folge.« Ehe ich mich versah, hatten sich zwei kräftige Arme um meine Taille geschlungen, und der dünne Stoff meines Abschlussballkleids ließ die Berührung noch intensiver erscheinen. Ich wusste, dass wir wahrscheinlich für die anderen unseres Jahrgangs kaum auszustehen waren. Doch ich konnte nicht verhindern, wie meine Blicke oder Hände Bryan suchten, sobald ich wusste, dass er in der Nähe war. Seit unserem ersten Date in einem kleinen Café in der Innenstadt Berlins hatten die Schmetterlinge in meinem Bauch nicht aufhört mit ihren zarten Flügeln zu schlagen.
»Tja«, entgegnete ich und drehte meinen Kopf, sodass ich ihm in die eisblauen Augen sehen konnte, in denen ich mich schon so oft verloren hatte. »Vielleicht habe ich heimlich geübt.«
Sichtlich überrascht von meinem Kontern zog Bryan die Augenbrauen in die Höhe und lachte tief. Dann hob er entwaffnet die Hände und begab sich rückwärts laufend wieder auf seine Spielposition neben mir. »Da will ich mich nicht beschweren.«
Ich kicherte leise und wurde gleich wieder von den anderen abgelenkt, die ihren nächsten Wurf ankündigten. Ehe ich mich versah, hatten sie die Flasche getroffen und wir waren damit an der Reihe, sie wieder aufzustellen und den Ball einzufangen. Diesen Vorgang wiederholten wir noch einige Male, ehe das erste Team – unseres natürlich – all seine Getränke geleert und gewonnen hatte.
Ich sah mich nicht zum ersten Mal an diesem Abend in der kleinen Runde um und konnte die Dankbarkeit in meinem Herzen kaum in Worte fassen. Ich hatte die gesamte Schulzeit über die besten Freunde der Welt gehabt. Denn wenn ich an die Jahre zurückdachte, erinnerte ich mich an unzählige witzige Mittagessen und Ausflüge nach dem Unterricht in Berlin mit Jess, Mike und Stella. Sie hatten mit mir gelacht, geweint und mein Leben verbracht, seit ich denken konnte. Und wenn ich ehrlich war, liebte ich sie sogar noch ein wenig mehr als Bryan.
Doch sie jetzt am Abend unseres letzten Balls an der Stephen Decatur High School so ausgelassen zusammen mit Bryans vielen Freunden reden und lachen zu sehen, erfüllte mein Herz mit noch mehr Dankbarkeit. Ich hatte nicht nur das beste letzte Schuljahr mit unzähligen Partys, Ausflügen und ausgelassenen Momenten wie unserem Abschlussstreich letzte Woche gehabt. Nein, auch meine Freunde waren dabei in jeder Sekunde an meiner Seite gewesen und in Bryans Freundesgruppe genauso herzlich aufgenommen worden wie ich.
»Worüber grübelst du nach, Rosie?«, ertönte Jess’ helle Stimme neben mir und riss mich aus meinen Überlegungen. Ich wandte den Kopf von den anderen ab, die bereits wieder in kleinen Grüppchen miteinander anstießen und lachten. Als ich in die grünen Augen sah, die perfekt von der dunklen Haut und den schwarzen Locken umrahmt waren, konnte ich nicht anders, als Jess in eine kurze Umarmung zu ziehen. »Habe ich dir gesagt, wie verdammt gut du heute eigentlich aussiehst, Jess?«
Ich sah den verlegenen Ausdruck auf ihrem Gesicht und hätte wetten können, dass ihre Wangen in der Dunkelheit gerade leicht rosa wurden. Wir hatten uns heute Abend bei mir zu Hause zusammen für den Ball hergerichtet, ehe mein Bruder uns zur Schule gefahren hatte. Und bereits da hatte ich Jess ungefähr hundert Mal sagen müssen, wie genial sie in dem hellblauen, glitzernden Kleid aussah. »Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Ryan das ganz ähnlich sieht«, schob ich raunend hinterher und kicherte leise, als sie mich mit großen Augen ansah. Yep, jetzt waren ihre Wangen mit Sicherheit rot.
Jess sah sich für einen Moment über ihre Schulter zu den Jungs um, die etwas entfernt bereits wieder begonnen hatten, ein weiteres Trinkspiel zu spielen. Mittendrin entdeckte ich Bryan und musste mein Herz erneut zügeln, damit es mir bei seinem Anblick in dem perfekt sitzenden Anzug nicht aus der Brust hüpfte. Dann schüttelte Jess nur energisch den Kopf. »Und wenn schon, ich ziehe übernächsten Monat mit dir nach Boston. Da bleibt keine Zeit für Ryan oder sonst wen.«
Ich zuckte amüsiert mit den Schultern und sah über den Hof, der voller Lebensfreude und Menschen war, die ich lieb gewonnen hatte.
»Ich bin so froh, dass wir noch ein schönes Abschlussjahr hatten«, kam es mir seufzend über die Lippen und die Wehmut in meiner Stimme war kaum zu überhören. Denn so schön es auch gewesen war, heute feierten wir das Ende von alldem. Der Schulzeit, unserer gemeinsamen Zeit hier in Maryland. In nur zwei Monaten würden wir unsere Prüfungen ablegen und uns über den ganzen Staat verteilen, auf die verschiedenen Colleges, an denen wir uns beworben hatten. Glücklicherweise hatte Bryan einen Platz an einer privaten Universität in der Nähe der Boston University ergattert, wo er sich für das Sportprogramm einschreiben konnte.
So würden wir uns zwar nicht jeden Tag, aber wenigstens am Wochenende sehen. Für mich gab es nur einen Plan. Jess und ich hatten schon als Kinder davon geträumt, Biomedizin in Boston zu studieren. Es war also keine große Frage, dass wir uns dort bewerben würden. Egal, ob Bryan mitkommen würde oder nicht.
Unsere Freunde Stella und Mike dagegen blieben erst einmal für ein Jahr hier in Maryland, um etwas zu arbeiten und dann durch Europa zu reisen. Insgeheim beneidete ich sie sogar ein wenig darum, aber ich war schon immer ein viel zu pflichtbewusster Mensch, um nicht sofort mit dem Studium anzufangen. Bei dem Gedanken an Mom wurde mir mulmig und die gute Laune verschwand für einen Moment aus meinem Herzen. Sie hatte mir nur schnippisch entgegnet, dass ich froh sein sollte, weil sie mir überhaupt einen Teil meines Collegekredits finanzierte, statt mit solch albernen Träumereien wie einer Weltreise zu spielen. Doch ich beschloss, meine verkorksten Familienverhältnisse nicht auch noch diesen wundervollen Abend ruinieren zu lassen, und sperrte die brodelnde Wut in ein kleines Kästchen ganz hinten in meinem Kopf. So, wie auch alle anderen negativen Gefühle. Gesund war das nicht, das wusste ich. Doch ändern konnte ich meine Mutter sowieso nicht, die nach dem Verschwinden von Dad meinen Bruder und mich immer öfter hier in Berlin für einen Urlaub oder eine Geschäftsreise alleine gelassen hatte.
»Lass uns noch mal zu den anderen gehen«, riss mich Jess aus meinen negativen Gefühlen und ich sah abrupt auf. Ihr leises Grinsen sagte mir, dass sie wohl bemerkt haben musste, dass ich wieder in die dunkle Ecke meiner Gedanken abgeschweift war. Also nickte ich rasch und strich mir durch die schwarzen Haare. »Gerne, lass uns noch eine Runde mitspielen. Was meinst du?«
Ehe wir uns versahen, hatten wir noch zwei weitere Runden Flunky Ball mit den anderen gespielt und die letzten Selfies zusammen geschossen, bevor uns der Schulleiter aus dem Hinterhof vertrieb, da die Veranstaltung schon seit einer halben Stunde vorbei war. In meinen Augen brannten Tränen, die ich versuchte zurückzuhalten, als wir zurück durch die Turnhalle liefen, die mit all ihrer Deko, den Stehtischen und Luftballons ohne Menschen plötzlich viel zu leer wirkte. Ich wusste zwar, dass wir noch einige Schultage hier zusammen hatten, doch trotzdem fühlte es sich an wie ein Abschied. Meine Finger klammerten sich um die Riemen meiner High Heels und die kleine schwarze Tasche, in der sich mein Handy und der Haustürschlüssel befanden. Die anderen waren bereits durch den Vorderausgang hinaus auf den Parkplatz verschwunden, als ich mich noch einmal über die Schulter hinweg umsah.
»Rosie, kommst du?«, hallte Jess’ Stimme durch die leere Halle und ich lief einige Schritte rückwärts. »Die anderen sind schon mit Tracys Mom los. Bryan meinte, er könne fahren. Dann musst du Declan nicht anrufen.«
Bei Jess’ Aussage runzelte ich skeptisch die Stirn und drehte mich zu ihr, ehe auch ich aus der breiten Tür hinaus in die kühle Sommernacht lief. »Bryan? Hat er nicht gerade noch getrunken?«
Meine Augen suchten den Parkplatz vor der Halle ab, auf dem kaum noch ein Auto stand. Im hinteren Teil erkannte ich tatsächlich Bryan, der mit einem unserer Freunde an der Motorhaube seines Autos lehnte. Sie schienen sich angeregt zu unterhalten und die Scheinwerfer seines Wagens erhellten bereits den Asphalt vor ihnen. Jess hakte sich bei mir unter und wir schlenderten zu den beiden hinüber. »Er meinte, er hätte seit zwei Stunden nichts mehr getrunken und fühle sich gut. Außerdem wäre es so viel lustiger, als Declan zu rufen.« Sie bedachte mich kurz mit einem Schmollmund. »Nichts gegen deinen Bruder, aber ich glaube kaum, dass er gute Laune haben wird, wenn er uns betrunken erlebt.«
Ihr Versuch, mich von dem Plan zu überzeugen, Bryan die zehn Minuten nach Hause fahren zu lassen, weckte in mir ein flaues Gefühl in der Magengegend. Aber es hätte auch der letzte Wodka-Orange-Mix sein können ...
»Hey! Rosie!«, rief Bryan uns entgegen, als er uns entdeckte. Auch Mike winkte uns freudestrahlend zu und mein Bauch verkrampfte sich noch etwas mehr. Ich wusste natürlich, dass die Heimfahrt mit meinem großen Bruder nicht das Allerspaßigste werden würde. Aber Bryan hatte den ganzen Abend über getrunken und ...
»Alles gut?« Bryans helle Augen musterten mich eindringlich, denn auch wenn wir uns erst einige Monate kannten, konnte er mir meine Gedanken bereits an jeder Mimik ablesen.
Jess begann mit Mike zu plaudern und ich senkte meine Stimme, ehe ich ein vorsichtiges Lächeln aufsetzte. »Jess meinte, du willst fahren? Hast du nicht noch getrunken?«
Bryan strich mir eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn und legte seine Hand liebevoll an meiner Wange ab, ehe er mir tief in die Augen sah und meine Knie schwach wurden. »Ich habe schon ewig keine Flasche mehr angerührt und fühle mich gut, glaub mir. Außerdem wäre es doch mehr als unnötig, deinen Bruder jetzt mitten in der Nacht durch halb Berlin fahren zu lassen, oder nicht?«
Wieder sah er mich sanft an und ich haderte. Die Stimme meines Bruders hallte in meinen Ohren wider, als er mir schon vor Jahren immer eingebläut hatte, mich niemals zu jemandem ins Auto zu setzen, der getrunken hatte. Egal, wie wenig es auch gewesen war.
Doch Bryan ließ nicht locker, drückte mir einen Kuss auf die Lippen und legte mir anschließend einen schweren Arm über die Schultern. »Könnt ihr Rosie bitte sagen, dass ich uns sicher nach Hause bringen werde?«, fragte er belustigt in die Runde und die beiden anderen sahen zu uns.
Auch Mike entfuhr ein raues Lachen, ehe er eine knappe Handbewegung machte. »Bryan fährt besser als wir alle. Steig einfach ein!«
Meine Augen sahen unsicher zu Jess, die Mike jedoch kichernd zustimmte. War ich die Einzige, die hierin ein Problem sah?
»Komm schon, Rosie«, versuchte sie mich erneut vor den anderen beiden zu überzeugen. »Sei keine Spielverderberin.«
Ich biss mir auf die geschminkte Unterlippe und meine Augen huschten zwischen meinen Freunden hin und her. War ich wirklich ein Spielverderber, wenn ich nicht mit einstieg. »Komm schon, in zehn Minuten sind wir zu Hause und alles ist gut«, rief Bryan mir nach, eher er die Fahrertür seines Pick-ups öffnete und bereits am Einsteigen war. Die anderen zwei taten es ihm gleich und öffneten die beiden Hintertüren, bis ich allein unschlüssig in der kühlen Sommernacht stand. Dann gab ich mir schließlich einen Ruck und löste mich aus meiner festgefrorenen Position, um zum Auto zu laufen. Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte es nicht getan.
Als ich mich auf den Beifahrersitz fallen ließ, startete Bryan mit einem Knopfdruck den Motor und fuhr vom Parkplatz. Jess und Mike duellierten sich in ihrer gemeinsamen Spotify-Playlist, wer das nächste Lied in dröhnender Lautstärke abspielen durfte, als wir auf die Schnellstraße fuhren, die uns den Weg durch die Berliner Innenstadt zu der Siedlung ersparte, in der wir aufgewachsen waren. Zu meiner Verwunderung waren noch etliche Trucks und LKWs unterwegs, die mit Sicherheit ihre Ware bis morgen früh an ihr Ziel bringen mussten. So zogen ihre hellen Scheinwerfer in regelmäßigen Abständen an uns vorbei.
Ich musste schmunzeln, als Jess’ Lieblingssong aus den Lautsprechern dröhnte und die beiden Jungs angesichts des neuesten Lieds von Taylor Swift aufstöhnten. Ich wandte mich zu Jess um, um sie breit anzugrinsen, und entdeckte, wie sie aus voller Brust den Text mitsang und Mike zum Mitmachen zu animieren versuchte. Als sie mich wahrnahm, wurde das Funkeln in ihren Augen noch stärker und ich stimmte in das Grölen mit ein. Nur damit die beiden Jungs noch lauter stöhnten.
»Verdammt, hört endlich auf!«, jammerte Mike und hielt sich die Ohren zu, während ich Bryan neben mir ebenfalls jammern hörte. Auch er drehte sich kurz mit mir zu Jess um, um ihr ein aufziehendes Zwinkern zuzuwerfen. »Jess, bitte. Ich hasse nicht nur Taylor Swift, sondern du singst ...«
Bryan brach seinen Satz abrupt ab und riss den Kopf wieder nach vorn. Es ging alles so schnell, dass ich nicht einmal mehr Zeit gehabt hatte, in Panik zu verfallen. »Scheiße, Bryan!«, schrie Mike plötzlich so ernst, dass Jess und ich augenblicklich verstummten. Ich sah in ihr Gesicht. Ihre Sicht glitt an mir vorbei durch die Windschutzscheibe und pures Entsetzen breitete sich in ihren Augen aus.
Noch während ein panischer Schrei ihre Kehle verließ, drehte ich mich blitzschnell nach vorne in meine eigentliche Sitzposition und merkte, wie der Wagen gefährlich zu schlingern begann.
»Shit!«, fluchte Bryan, der hektisch das Lenkrad herumriss, während wir auf der Gegenfahrbahn genau auf zwei helle Scheinwerferkreise zurasten.
Noch während sich mein und Jess’ Schreien vermischten und ich mich so fest an den Türgriff klammerte, dass ich schwören könnte, meine Fingerabdrücke würden für ewig dort zu sehen bleiben, ertönte ein atemberaubendes Knallen und alles wurde schwarz. Ich spürte noch, wie mein Kopf hart an die Seitenwand des Wagens prallte und ein stechender Schmerz meinen Rücken hinabrauschte, als alles um mich herum verstummte. Beinahe, als hätte man den Ton einer Serie ausgeschaltet.
Mein Sichtfeld verschwamm und gerade als ich mich nach meinen Freunden umsehen wollte, knallte der Wagen erneut mit voller Wucht auf einen Widerstand. Die Welt vor meinen Augen wurde immer verschwommener, bis sie sich schließlich in ein schwarzes Nichts verwandelte. Stille.
Damals ahnte ich noch nicht, wie anders die Welt aussehen würde, wenn ich meine Augen wieder öffnen würde.
Rosie
»Ich kann das nicht. Nein, ich kann das einfach nicht.«
Ein seltsames Rauschen mischte sich unter die Stimme, die mich geweckt hatte. Doch egal, wie sehr ich mich bemühte, ich schaffte es nicht, meine Augen zu öffnen. Es fühlte sich an, als würden schwere Säcke voller Zement auf jedem meiner Körperteile liegen und mich mit erdrückendem Gefühl in die Matratze pressen, die sich unter meinem Rücken befand. Doch da war sie wieder – ja, das musste Mom sein!
»Wie konnte das passieren?«, rief sie aufgeregt und ich konnte ein leises Schluchzen wahrnehmen, das mich noch mehr alarmierte. Wieso weinte sie?
Wieder startete ich einen Versuch, meine Augen zu öffnen oder wenigstens einen meiner Finger zu bewegen. Doch erneut scheiterte ich und geriet selbst in Aufruhr. Wieso konnte ich mich nicht mehr bewegen?
Ein Piepen um mich herum wurde kräftiger, drängte sich mit immer schnellerer Wiederholung in meine Wahrnehmung. Ich hatte keine Ahnung, wieso ich hier lag, aber ein ungutes Gefühl schlich sich in meine Magengegend. Angestrengt versuchte ich mir zusammenzureimen, wie ich hier hergekommen war und wo ich mich überhaupt befand. Doch es war, als hätte sich mein Gehirn in eine klebrige Masse verwandelt, die es mir nicht ermöglichte, mich länger als wenige Sekunden zu konzentrieren.
»Mom«, ertönte eine weitere, tiefe Stimme. »Bitte versuch, dich zu beruhigen.« Mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich wollte mich bemerkbar machen, ihnen sagen, dass ich sie hörte.
»Was?«, ertönte wieder die aufgeregte Stimme meiner Mom und ich konnte mir vorstellen, wie entgeistert sie meinen Bruder dabei ansehen musste. »Wie soll ich mich beruhigen? Ich bekomme mitten in der Nacht einen Anruf von dir, setze mich sofort in den Flieger, und als ich hier ankomme, muss ich sie so sehen?«
Hätte ich gekonnt, hätte ich meine Stirn gerunzelt. Wieso war Mom so außer sich? Und was sah sie, das sie so in Panik versetzte?
»Mom«, ertönte wieder Declans Stimme, der beruhigend auf sie einredete. Erst jetzt fiel mir auf, wie ungewöhnlich es überhaupt war, die beiden in einem Raum miteinander sprechen zu hören.
Das letzte Mal war vergangenes Thanksgiving gewesen, als ich sie alle in das Haus in Berlin eingeladen hatte, in dem wir unsere Kindheit mit Mom und Dad verbracht hatten. Zwar hatte ich die angespannte Lage zwischen Dec und Mom dabei keineswegs übersehen, aber ich musste danach immer vor Glück schmunzeln, wenn ich an diesen ausgelassenen Abend zurückdachte. Ich hatte mich nicht erinnern können, wann wir das letzte Mal so viel gelacht und Zeit zusammen verbracht hatten.
Denn Dec studierte seit einigen Semestern in der nahe gelegenen Stadt Salisbury und war unter der Woche eigentlich immer am Campus. Und Mom? Sie hatte sich schon, seit Dad uns verlassen hatte, als ich gerade einmal in den Kindergarten gegangen war, immer mehr zurückgezogen. Mittlerweile hatte ich noch nicht einmal mehr einen Überblick, auf welcher Geschäftsreise sie sich gerade befand oder ob sie wieder Urlaub mit ihrem neuen Freund machte. Mein Herz schmerzte jedes Mal, wenn ich daran dachte, wie skrupellos sie uns einfach zu Hause zurückgelassen hatte. Als ob es genügte, jeden Monat etwas Geld auf unsere Konten zu überweisen, um eine gute Mom zu sein. Dass sie dabei unser ganzes Leben verpasste, schien ihr völlig egal zu sein. Und genau deshalb hasste Declan sie. Er ließ kein gutes Haar an der Frau, die uns zur Welt gebracht hatte – und ich hatte ihn nicht nur einmal bettelnd darum bitten müssen, ein einziges Thanksgiving mit mir und ihr in Berlin zu verbringen. So wie früher, als sie uns noch freudestrahlend mit warmem Mittagessen nach der Schule zu Hause begrüßt hatte.
»Mom, bitte.« Der Raum verstummte für wenige Augenblicke bis auf das lästige Piepen und Rauschen. Wo waren wir? »Du weißt nicht, ob sie dich hören kann.«
Das Erstaunen in mir vermischte sich mit der Anspannung durch Declans und Moms Gespräch und der Tatsache, dass ich mich immer noch nicht bewegen konnte, zu einem gefährlichen Cocktail. Ich geriet in Panik. Wollte aufstehen, die beiden fragen, was hier vor sich ging. Über wen sie sprachen und was so Schreckliches passiert war. Doch alles, was geschah, war wieder dieses Piepen, das sich unaufhörlich schneller mit schiefem Ton in meine Welt bohrte.
»Ich hole eine Schwester«, hörte ich Dec wieder sagen und ich wollte nach seinem Arm greifen, um ihn aufzuhalten. Um nach Hilfe zu rufen. Um ihn lediglich ansehen zu können.
Ich hörte einige Türen auf- und zugehen und weitere Stimmen, die sich auf einem Flur außerhalb dieses Raumes zu bewegen schienen. Dann spürte ich, wie Declan zurückkam. Sofort erwärmte sich mein Inneres und ich fühlte mich etwas sicherer, als ich seinen Duft neben mir wahrnahm. »Ich wusste nicht, wieso das Gerät schneller zu piepen begann. Deshalb habe ich Sie geholt.« Plötzlich ertönte eine mir fremde Stimme auf der anderen Seite des Betts, in dem ich zu liegen schien. Und endlich schien jemand außer mir auch dieses atemberaubend laute Geräusch wahrzunehmen. »Das liegt an ihren Venen. Durch die Verletzungen haben wir nur wenig Haut, an der wir die Narkoseinfusion einleiten können. Ich werde ihr einen anderen Zugang legen, dann sollte der Tropf wieder optimal arbeiten. Wir wollen sie schließlich ja noch nicht aufwecken, nicht?«
Und ehe ich mich versah, darüber nachdenken konnte, wieso jemand – geschweige denn ich selbst – nicht wach sein sollte, übermannte mich mit einem Mal eine schwere Welle der Müdigkeit. Und obwohl ich krampfhaft versuchte, wach zu bleiben, um Decs Stimme wenigstens noch hören zu können und nicht alleine zu sein, zog es mich hinab in eine schwarze Tiefe.
Das Erste, das ich wahrnahm, war ein höllischer Schmerz. Mit feurigen Stößen verbreitete sich das Brennen über meinen ganzen Körper und ein panischer Schrei blieb inmitten meiner Kehle stecken. Wie tausend heiße Stiche bohrte sich etwas in meine Nervenenden und ich drohte vor Schmerz wieder in die Tiefe zu fallen, aus der ich gerade geweckt worden war. Ich wollte um mich schlagen, um Hilfe rufen, doch nichts regte sich. Sofort erinnerte ich mich an den letzten Moment, in dem ich Mom und Dec hier im Zimmer gehört hatte. Doch dieses Mal vernahm ich keine Stimmen, die mir bekannt waren und mir hätten helfen können. Selbst das nervige Piepsen war verstummt und alles, was ich wahrnahm, war mein in sich tobendes Ich, das verzweifelt alles dafür getan hätte, diesen Schmerz zu stoppen. Aber ich konnte nicht ausmachen, an welcher Körperstelle er begann oder aufhörte.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich geschlafen haben musste, doch Declan konnte mich doch unmöglich mit Fremden hier alleine gelassen haben. Erst recht nicht, wenn ich nicht einmal genau wusste, wo ich war. Ich vermutete mittlerweile stark, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, konnte mir meinen Zustand jedoch noch immer nicht erklären.
Bitte, hört auf. Bitte, wimmerte eine Stimme in meinem Inneren und ich betete, dass mich irgendjemand hörte.
»Wartet, ich glaube, sie wird wach«, vernahm ich eine weibliche Stimme, die so klang, als wäre ihre Besitzerin kaum älter als ich. »Soll ich einen Arzt holen?«
In dem Moment, als sie ihre Frage vollendet hatte, verstummte mit einem Mal jeglicher neu aufstechende Schmerz, und was übrig blieb, war lediglich das Nachbeben der brennenden Stellen. Jedoch wuchs sofort die rasende Angst in mir, dass die Verschnaufpause nur von kurzer Dauer gewesen sein könnte.
Wieder ertönten einige verschwommenen Worte und ich bemerkte, wie jemand den Raum verließ, auch wenn weiterhin alles dunkel um mich blieb. Und dann geschah etwas, das mich innerlich zusammenschrecken ließ.
»Es wird alles gut, Rosie«, sprach mich dieselbe junge Frauenstimme an, obwohl ich sie nicht sah. Ich spürte zum ersten Mal eine dumpfe Berührung an meinem Arm, die sich anfühlte, als hätte man diesen in dicke Watte gepackt. »Wir versuchen alles, damit es Ihnen bald besser geht. Und ... mhm, was kann ich Ihnen noch erzählen? Heute scheint sogar mal etwas die Sonne. Und Ihr Bruder war gestern hier, um Ihnen Blumen mitzubringen. Das macht er jede Woche, süß, nicht?«
Jede Woche? Wie viele Wochen hatte ich denn bereits hier verbracht? Mein Erinnerungsvermögen reichte kaum weiter als auf wenige Tage zurück.
Irgendetwas war gehörig schiefgelaufen, aber ich konnte ... Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich hätte am liebsten entsetzt nach Luft geschnappt, wäre mein ganzer Körper nicht wie gelähmt. Natürlich, der Abschlussball. Die Autofahrt ... die viel zu schnell entgegenkommenden Lichter. Jess’ Schreie. Mir wurde schlecht. O Gott, das alles war wirklich passiert. Befanden sich die anderen auch hier mit mir? Ging es ihnen gut?
Doch noch bevor ich mich in meinen Erinnerungen und umherfliegenden Gedanken verfangen konnte, spürte ich, wie die dumpfe Dunkelheit erneut ihre Fänge nach mir ausstreckte. Ich versuchte, mich zu wehren, wollte endlich meine gottverdammten Augen öffnen, um nachzusehen, wo ich mich befand. Doch die Tiefe war zu stark, als dass ich mich gegen ihre Anziehung wehren konnte. Und ich hoffte inständig, dass es Jess und Bryan nicht genauso ging.
Ich hatte noch nie so viel Zeit mit mir selbst verbracht und war dabei so einsam gewesen. Ich fühlte mich wie eine Gefangene meines Körpers, die nicht dazu in der Lage war, sich ihrer Umwelt mitzuteilen.
Jedes Mal, wenn ich für wenige Augenblicke etwas zu mir gekommen war, hatte ich Angst davor, wieder alleine ins dunkle Nichts abzudriften. In den Momenten, in denen ich anscheinend schlief, konnte ich mich an kein negatives oder positives Gefühl erinnern. Ich träumte nicht oder befand mich an einem anderen Ort. Doch wenn ich wieder Stimmen um mich herum wahrnahm, die sich um mich sorgten, oder Declan zwar zum Greifen nah erschien, ich jedoch nicht einmal die Kraft hatte, meine Augen zu öffnen, verfiel ich in Angst. Ich hatte noch immer keine Ahnung, wo ich mich befand, war mir aber ziemlich sicher, dass es ein Krankenhaus sein musste. Seitdem die Frau mit mir gesprochen hatte, schnappte ich immer wieder kleine Gesprächsfetzen auf, in denen es unzweifelhaft um medizinische Dinge ging wie etwa eine weitere Operation oder Heilungsmaßnahmen. Dabei konnte ich nicht verstehen, was so schlimm sein konnte, dass sie mich noch immer nicht ganz aufwachen ließen.
Doch am liebsten hatte ich die Momente mit meinem Bruder. Genau wie die Krankenschwester gesagt hatte, besuchte er mich oft. Denn viele meiner kurzen halb wachen Momente geschahen in seiner Anwesenheit. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass mein Unterbewusstsein dabei keine kleine Rolle spielte.
Und auch jetzt war Dec da. Ich wunderte mich, dass ich trotz meines halbschläfrigen Zustands so etwas wie ein Erinnerungs- und Bewusstseinsvermögen aufgebaut hatte. Welches ich wohl so ähnlich beschreiben würde wie die ersten Minuten nach dem Aufwachen am Morgen, an die man sich meistens nur noch verschwommen erinnern konnte, sobald man wieder hellwach war.
Dec sprach nie über etwas, das mir Aufschluss über das gab, was mit mir passiert war. Ich konnte mich in meinem verschwommenen Zustand zwar an den High-School-Abschlussball und dessen Abend erinnern, doch es fehlten mir die notwendigen Zusammenhänge und die Konzentration, um mich länger daran festzuhalten. Stattdessen berichtete er mir von seinem Studium in Salisbury oder seinen Freunden. Doch leider konnte ich mir auch davon kaum etwas merken, da die Gedanken und Informationen in meinem Kopf genauso schnell verflogen, wie sie gekommen waren.
»Jaden wartet heute wieder draußen«, raunte er und seine Worte drangen gedämpft zu mir durch. Ich wollte nichts sehnlicher, als meine Hand nach seiner auszustrecken und ihn wieder einmal anzusehen.
Jaden war der beste Freund meines Bruders, in dessen Book-&-Coffee-Shop wir schon unzählige Nachmittage bei einem Stück Apple Pie und heißem Kakao verbracht hatten. »Er lenkt mich ganz gut von alldem hier ab.«
Es dauerte einige Momente, von denen ich nicht abschätzen konnte, ob es sich um Sekunden oder Minuten handelte, bis ich die Stimme meines Bruders wieder hörte. »Ich ... ich hätte da sein sollen, Rosie. Das tut mir alles so verdammt leid und ich weiß nicht ...«
Wieder verstummte er und ich wusste nicht, ob er seinen Satz wirklich abgebrochen hatte oder ich ihm lediglich nicht mehr folgen konnte. Mit aller Macht versuchte ich mich weiterhin zu konzentrieren und nicht wieder in meinen Schlaf abzudriften, denn ich hatte das ungute Gefühl, dass es meinem Bruder nicht gut ging.
Was tut dir leid, Dec? Du hast nichts getan. Was ist hier los?
Doch auch wenn ich mir vornahm, diese Fragen direkt an ihn zu richten, hallten sie nur als leere Worte in meinem Kopf umher. Verdammt! Was zur Hölle war nur los mit mir?
Dec!
»Ach, keine Ahnung.« Mein Herz machte einen Satz, als mir klar wurde, dass er noch immer da war. »Ich weiß nicht einmal, ob du mich hören kannst. Ich ... Es tut mir leid. Ich werde mich darum kümmern, dass du hier schnellstmöglich rauskommst, das verspreche ich.«
Ja, ich kann dich hören! Was tut dir leid, Dec? Bitte geh nicht!
Und dann war er wieder weg. Ich rief noch einige Male nach meinem Bruder, doch die Worte verließen meinen Kopf nicht. Ich wollte weinen, schreien und tobend, doch alles, was sich regte, war die zähe Masse in meinem Gehirn. Zorn stieg in mir auf, da ich mir meine Hilflosigkeit nicht erklären konnte.
Ich hatte ja keine Ahnung, was mich erwarten würde, sobald ich aus meiner Welt wieder erwachen und mir die Möglichkeit zurückwünschen würde, einfach nur die Augen zu schließen und von dort zu verschwinden.
Rosie
»Rosie?« Eine Stimme schob sich in mein Bewusstsein und ich vermutete, dass es erneut einer dieser halb wachen Momente sein musste, die ich in letzter Zeit so oft erlebt hatte. »Ms. Evans, können Sie mich hören?«
Ein seltsam dumpfes Gefühl stellte sich bei mir ein und Enttäuschung setzte sich in meiner Brust fest. Ich fühlte mich in einem schier endlosen Kreislauf gefangen, aus dem ich mich nicht befreien konnte. »Rosie, versuchen Sie doch einmal, meine Hand zu drücken.« Ihre Hand?
Verwunderung machte sich in mir breit, da mich in der Vergangenheit niemand so direkt angesprochen hatte. Viel mehr schnappte ich hier und da einige Gesprächsfetzen auf oder hatte Declan bei einigen seiner Monologe belauscht. Die zudem meistens sterbenslangweilig gewesen waren. Aber bei keinem Mal, an das ich mich noch verschwommen erinnerte, hatte jemand eine direkte Frage an mich gestellt.
Doch tatsächlich, wenn ich mich mit aller Mühe darauf konzentrierte, verzog sich der Nebel mit seinen dicken Schwaden etwas aus meinem Kopf und ich konnte ein Gefühl in meiner linken Hand ansteuern. Sofort begann mein Herz deutlich fester in meiner Brust zu pochen und ein nervöses Kribbeln durchfuhr meinen sonst erschlafften Körper. Egal, worin ich mich die letzte Zeit befand, hatte dies endlich ein Ende?
»Ja!«, ertönte die junge Frauenstimme erneut und sie klang genauso erfreut, wie ich mich fühlte. »Genau so, Rosie. Versuchen Sie es noch einmal.«
Wieder kämpften sich die Impulse von meinem Gehirn hinab durch die Nerven bis in meine Hand, die sich plötzlich wohlig warm anfühlte. Und tatsächlich, dieses Mal bemerkte ich selbst, wie sie sich um etwas Weiches schloss. Auch wenn ich es nur für einen kurzen Augenblick schaffte, diese Berührung zu steuern, gab sie mir dennoch unendlich viel Hoffnung.
Auch die junge Frau, deren Stimme ich bereits von meinen wenigen halb wachen Erinnerungen wiedererkannte, schien sich über diesen Fortschritt zu freuen. »Sehr gut! Es wird noch eine Weile dauern, bis Sie wieder ganz zu sich kommen, aber willkommen zurück, Rosie. Ich kann es kaum erwarten, Sie endlich kennenzulernen.«
Auch wenn ich nicht wusste, wer diese Frau war oder warum sie ständig bei mir auftauchte, erwärmte sich mein Herz. Ich hatte in den einsamen Momenten der letzten Zeit eine ganz spezielle Bindung zu ihr aufgebaut und ihre Worte beruhigten mich seltsamerweise. Doch dann schien sie zu verschwinden und die leise Panik durchströmte meinen schlappen Körper. Ich wollte nicht wieder dort hinunter in die Dunkelheit. Dennoch machte ich mich darauf gefasst und hoffte, das nächste Mal, wenn ich zu mir kam, endlich meine Augen öffnen zu können.
Doch die Zeit verstrich, ohne dass mich das ohnmächtige Gefühl wieder einholte. Stattdessen hatte ich endlich genug Zeit, auf die Kleinigkeiten in meiner Umgebung zu achten. Da war wieder dieses stetige Piepsen, ich hörte vereinzelt Schritte oder Türen, die auf einem Gang draußen ins Schloss fallen mussten. Zwar erwartete ich mit jeder Sekunde, dass es mich erneut aus diesem Moment reißen würde, aber nichts geschah. Und als ich das seltsame Kribbeln, das ich vorhin in meiner Hand empfunden hatte, plötzlich auch in meinem rechten Fuß spürte, wollte mein Herz vor Freude explodieren.
Nach und nach breitete sich das Lebenszeichen in meinem kompletten Körper aus. Meine Sensorik kehrte zwar sehr langsam zurück, aber mit einem Mal konnte ich ebenfalls etwas auf meinem Unterkörper ausmachen, das sich vom Gewicht so anfühlte, als läge eine Decke auf mir. Ich konnte spüren, wie meine Hände auf einer weichen Unterlage ruhten. Konnte mir zum ersten Mal ausmalen, dass ich wohl tatsächlich in einem Bett lag.
Bei der Euphorie, endlich wieder mehr als nur den schweren Nebel in mir auszumachen, ignorierte ich das Ziehen dort an meinem Bein oder das leichte Brennen in meinem Rücken. Alles, was ich wollte, war endlich Declan wiederzusehen. Und zu wissen, dass es allen gut ging. Auch Bryan und Jess, die ich zuletzt im Auto auf dem Heimweg vom Ball gesehen hatte.
Zwar ahnte ich, dass ich mich in Geduld üben musste, doch mit viel Konzentration schaffte ich es schließlich zum ersten Mal wieder, meine Nase zu rümpfen. Meine Lider kamen mir noch immer viel zu schwer vor, um sie zu öffnen, und ich hatte Bedenken, dass mich das Licht blenden würde, da ich sie so lange geschlossen hatte. Doch dann ertönte die Stimme, die mich all dies vergessen ließ.
Zuerst vernahm ich etwas, das sich anhörte, als hätte man einen Stuhl über den Boden geschoben. Dann erklang das tiefe Brummen, das sich wie zu Hause anfühlte. Dec. Er war wieder hier.
»Hi, Rosie.«
Dec. Er griff wie die Frau vorhin nach meiner Hand und ich spürte zum ersten Mal wieder klar und deutlich, wie sich meine Finger in seine schmiegten. Ganz so wie früher, wenn er mich jeden Morgen zur Schule gebracht hatte und mich festhalten musste, da ich sonst wahrscheinlich alle zwei Minuten aus Blödsinn auf die Straße gesprungen wäre.
»Sie haben mich vorhin angerufen und gemeint, sie wecken dich endlich auf«, sprach er weiter und ich konnte zum ersten Mal zumindest erahnen, wo sich meine Lippen befanden, die ihm unbedingt eine Antwort formen wollten. »Also bin ich natürlich sofort losgefahren.«
In meiner Vorstellung sah ich ihn verschmitzt an, wie ich es immer getan hatte, wenn ich ihm genau angesehen hatte, dass er alles stehen und liegen lassen würde, um mir zu helfen. Er war eben der beste große Bruder, den man sich wünschen konnte, und ich liebte ihn mit jeder Faser meines Herzens. Auch wenn er mich gleichermaßen zur Weißglut bringen konnte, wenn er mich wieder mit irgendeinem albernen Spaß aufzog.
»Rosie ... hast du«, ertönte seine Stimme erneut und ich spürte, wie sich der Griff um meine Hand versteifte. »O mein Gott, hast du gerade gelächelt? Du hörst mich?« Seine Worte trafen mich direkt ins Herz und ich konnte nicht beschreiben, wie sehr mich dieser Moment zu Tränen rührte. Ja! Natürlich höre ich dich!
Es war fast so, als würden schwere Bleigewichte von meinen Schultern fallen, als ich feststellte, dass meine Kommunikation nicht weiter nur in mir stattfand. Er konnte sehen, dass ich jedes seiner Worte verstand. Dass ich hier drin feststeckte, weshalb auch immer.
»Oh, Rosie.« Das Kratzen in seiner sonst so gefestigten Stimme verriet mir deutlich, wie sehr auch ihn dieser Moment rührte. »Ich habe dich so vermisst. Ich hoffe so sehr, dass das alles wieder in Ordnung kommt.«
Auch wenn ich nicht genau wusste, was er damit meinte, wollte ich nichts anderes.
»Dec ...« Ich erschrak selbst, wie fremd sich die Stimme anhörte, die schwach und eingerostet aus meinem Mund kam.
»Rosie?« Sofort wurde der Griff um meine Hand wieder fester und ich nahm den ersten Spalt beißend helles Licht durch meine Lider wahr. »Ich bin hier.« »Dec ...«, versuchte ich mich erneut daran, ein Gespräch – das erste seit einer gefühlten Ewigkeit – aufzubauen. Doch das Licht brannte sich so unangenehm durch den Spalt meiner Augen, die ich mühsam zu öffnen versuchte. Es fühlte sich an, als würde man mir mit einem Baustellenstrahler direkt ins Gesicht leuchten und ich brauchte einige Anläufe, bis ich wenigstens ein Auge so weit aufbrachte, dass sich eine verschwommene Umgebung in mein Sichtfeld schob.
»Wo ... wo bin ich?«
Langsam klärte sich meine Sicht und ich gewöhnte mich an das Licht, das in Strahlen durch ein Fenster zu meiner Rechten fiel. In einen Raum ... der kahl und unberührt wirkte. Weiße Wände, helle Schränke, ein hässlich blauer, glatter Boden, der die quietschenden Geräusche erklären musste, die ich zuvor immer wahrgenommen hatte. Ich war in einem ...
»Du bist im Georgetown Hospital«, vollendete Declan den Gedanken, der mir sofort durch den Kopf schoss. Ich war tatsächlich die gesamte Zeit im Krankenhaus gewesen. Und das bedeutete nichts Gutes, oder nicht?
Meine Augen wanderten noch etwas orientierungslos über die Bettdecke, die über meinen Beinen lag, vorbei an meinen Armen, um die weiße Mullbinden gewickelt waren. Instinktiv wollte ich mir durch meine langen dunklen Haare streichen, wie ich es immer tat, wenn ich nervös wurde. Doch ein stechender Schmerz ließ mich zusammenfahren und ich sah mit aufgewühltem Blick zum ersten Mal wieder in das Gesicht meines Bruders. Das ebenfalls nichts Gutes verhieß.
Seine sonst so strahlende Haut war aschfahl und unter seinen Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet. Zusammen mit den eingefallenen Wangen und den platt hinabhängenden schwarzen Haaren machte er einen miserablen Eindruck auf mich. »Dec ... was?« Ich sah feuchte Tränen in seinen Augen schimmern und er rückte noch ein Stück näher mit dem Stuhl an die Seite meines Betts, nur um seine Stirn mit einem leisen Schluchzen auf meinen Handrücken sinken zu lassen, der als Einziges mit den Fingern aus dem weißen Verband hervorlugte und in Decs Händen lag.
Dass mein Bruder so vor mir zusammenbrach, schürte die Panik in mir und mein Herz raste. Ich versuchte, meine andere Hand auf Decs Hinterkopf zu legen, um ihn damit dazu zu bringen, zu mir aufzusehen. Doch wieder durchschoss meinen Arm ein atemberaubender Schmerz, der mich zischend einatmen ließ. »Verdammt!«
Meine Augen huschten hinüber zu der Stelle, an der ich das Brennen ausmachte, doch wieder nur weiße Mullbinden. Wieder entdeckte ich nur meine Hand, die darunter hervorsah.
Mein Ziel hatte ich dennoch erreicht, denn Declan hob seinen Kopf und folgte meinem irritierten Ausdruck. »Ich bin so froh, dass du aufgewacht bist, Rosie. Die letzten Wochen ... Ich …«
Verwundert sah ich wieder zu ihm und atmete tief ein. Der Geruch von Desinfektionsmittel stieg mir dabei unangenehm in die Nase. »Was … Wie? Wochen?«
Ich fühlte mich noch immer etwas benommen und hatte Schwierigkeiten, Declan länger fokussiert anzusehen. Doch er schien dennoch zu verstehen, an welchem Punkt ich wohl ausgestiegen war. Seine Augen wanderten unsicher im Raum umher, bevor er genug Mut angesammelt hatte, um weiterzusprechen. Dabei hielt er meine Hand erneut fest umschlossen in seinen.
»Du hast acht Wochen im künstlichen Koma gelegen«, sprach er die Wahrheit so schonend wie möglich aus, dennoch fühlte es sich an, als hätte mir jemand mit der Faust in den Magen geschlagen. Was zur ...
»Kannst ... Kannst du dich an gar nichts mehr erinnern?«
Ich runzelte sofort die Stirn und versuchte angestrengt zu verstehen, was er von mir wollte. Zwar funktionierte mein Gedächtnis schon um einiges besser als in den wenigen hellen Momenten, in denen ich noch geschlafen hatte. Trotzdem kostete es mich unbändige Mühe, mich auf etwas länger als wenige Momente zu konzentrieren. »Ich ... Wir waren auf dem Ball und … sind zurückgefahren. Und dann«, wieder stoppte mich die zähe Masse in meinem Kopf und ich musste die Situation vor dem Auto auf dem Parkplatz der High School noch einige Male durchgehen, bis ich Anschluss daran fand. »Bryan ist gefahren. Da … waren helle Lichter und dann ...«
Declan schien meine Erzählung so zuzusetzen, dass er schmerzverzogen das Gesicht von mir abwandte. »Ich bringe dieses Arschloch noch um, das schwöre ich dir.«
Alarmglocken schrillten laut in meinem Kopf auf, denn so etwas kannte ich von meinem Bruder nicht. Diese Wut hatte er lediglich auf unsere Mom, die uns seit Jahren mit nichts außer Geld und Kälte in Berlin alleine ließ, um auf Weltreise zu gehen. »Was … ist er auch hier? Und … und Jess?« Meine Stimme klang noch immer seltsam belegt und ich räusperte mich.
Plötzlich fielen mir auch all meine Gedanken wieder ein, die mich aufgrund der aufgeschnappten Gesprächsfetzen die letzten Wochen über in Alarmbereitschaft versetzt hatten. »Dec«, sprach ich meinen Bruder direkt an, und als er seinen Blick wieder auf mich richtete, loderten ungezügelte Flammen in seinen Augen. »Was ist passiert? Geht es ... geht es den anderen gut?«
Wieder zeichneten Ungerechtigkeit und Wut Declans Gesichtszüge, ehe er nur kraftlos den Kopf schüttelte und ihn nach vorne sinken ließ. »Ja, den anderen geht es gut. Sie waren auch einige Tage unter Beobachtung im Krankenhaus in Berlin, aber nichts Schlimmes. Einige Brüche oder eine Gehirnerschütterung. Aber niemand hat ...« Er stoppte abrupt, als hätte er sich an den Worten verbrannt. Unsicher sah er mich an, als wollte er die hässliche Wahrheit nicht aussprechen. Aber natürlich, wieso sollte ich wochenlang in einem Krankenhaus sein, das fast zwei Stunden von unserer Heimatstadt an der Küste Marylands entfernt lag. Ich ahnte, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte, doch ich musste die Wahrheit hören.
Auch wenn ich erneut den Schmerz von hunderten stechenden Nadeln entlang meines Arms verspürte, drückte ich die Hand meines Bruders etwas. Ich versuchte mich an einem tapferen Gesichtsausdruck, obwohl mein Herz bereits in Panik versank. Sagte er mir, was passiert war, gäbe es kein Zurück mehr. Danach folgte lediglich Gewissheit über eine Situation, die bereits Realität war.
»Dec«, krächzte ich mit brüchiger Stimme, die angesichts der acht Wochen, die ich geschlafen hatte, wohl nicht ungewöhnlich war. »Was ist passiert?«
Die Tränen, die in Declans Augen stiegen, ließen mich die Luft anhalten. Ich sah, dass er es mir nicht sagen wollte. »Ihr ... ihr seid auf dem Heimweg in einen Unfall geraten, Rosie. Bryan hatte getrunken und ist auf die Gegenfahrbahn ...« Seine Stimme brach angesichts des Schmerzes, der ihn durchfuhr, ab und er ließ die Stirn wieder kraftlos auf meinen Handrücken fallen. Ein leises Schluchzen erschütterte seinen Körper, und obwohl ich noch immer keine Idee vom Ausmaß der Folgen hatte, brannten auch in meinen Augen plötzlich Tränen.
»Ich … Ist es wirklich okay, wenn du das schon hörst? Ich will dich nicht überfordern und …«
Doch ich unterbrach Dec, indem ich den Kopf schüttelte und die Träne ignorierte, die über meine Wange lief. »Bitte«, krächzte ich wieder und verlieh meinem Ausdruck die nötige Überzeugungskraft, dass er mich nicht vor der Wahrheit schützen sollte. Ich musste sie erfahren.
»Na gut. Das Auto hat sich einige Male überschlagen und letztendlich Feuer gefangen. Als die Rettungskräfte ankamen, war es wohl schon so fortgeschritten, dass sie noch auf die Feuerwehr warten mussten. Bryan hat es geschafft, sich selbst aus dem Wagen zu befreien, aber der Rest von euch musste aus dem Auto geschnitten werden. Ich werde den Moment nie vergessen, als ich an der Unfallstelle angekommen bin. Das sah aus wie mein größter Albtraum, Rosie. Dich dort liegen zu sehen.«
Ich schluckte schwer. Trotz seiner Erzählung kehrten keine Bilder in meinen Kopf zurück und insgeheim ahnte ich, dass dies vielleicht auch besser so war. Ich konnte mich daran erinnern, dass ich noch geäußert hatte, Bryan sollte nicht mehr fahren, weil er getrunken hatte ..., und dennoch war ich ins Auto gestiegen. Verdammt!
Ich zog die Stirn in tiefe Furchen und schüttelte langsam den Kopf. Dabei merkte ich deutlich, wie die Haut an meinem Rücken so sehr spannte, dass ich wieder dieses stechende Gefühl verspürte. »Ich ... ich habe gewusst, dass er getrunken hat. Ich wollte nicht mit ihm fahren und dich anrufen. Aber die anderen ...«
Wieder schüttelte Declan nur kraftlos den Kopf. »Das Einzige, was zählt, ist, dass du jetzt hier am Leben bist, okay?« Ich wusste, dass seine Worte der Wahrheit entsprachen, und dennoch sah ich den kleinen Funken Enttäuschung in seinen Augen. Er hatte mich vor so etwas wie dem Unfall unzählige Male gewarnt, das wusste ich. Also nickte ich und presste die Lippen fest aufeinander.
»Soll ich eine der Schwestern holen?
