Weil ich dich brauche, Wren - Vera Schaub - E-Book

Weil ich dich brauche, Wren E-Book

Vera Schaub

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Beschreibung

»Manchmal gibt es Menschen, um die lohnt es sich, zu kämpfen. Und dann gibt es diejenigen, die man in Ruhe lässt, weil sie noch viel wichtiger sind.« Wren Feliway machte ihrem vorlauten ersten Eindruck alle Ehre: Sie war der Inbegriff einer chronischen Gründlichkeit, und konnte mich offensichtlich nicht leiden – und das störte mich gewaltig. Hätte ich meine Schulden nicht im Security-Unternehmen meines alten Freundes abbezahlen müssen, wäre ich keine Stunde in ihrer Wohnung in Long Beach geblieben. Aber ich brauchte sie und genau deshalb wurde sie Teil meines verkorksten Lebens, das ohne sie plötzlich nur noch halb so hell erschien. Als mir bewusst wurde, dass mir nichts anderes übrig blieb, als den sarkastischen Rune McCain bei mir einziehen zu lassen, hatte ich keine Ahnung, wie ich ein Zusammenleben mit ihm überstehen sollte. Um meinen Traum vom Zeichenkurs endlich zu verwirklichen und die Rechnungen meiner frisch diagnostizierten Krankheit bezahlen zu können, die ein Loch in meine Rücklagen fraßen, ließ ich es dennoch zu.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Vera Schaub

 

Weil ich dich brauche, Wren

Weil ich

dich brauche,

Wren ...

 

Weil ich dich brauche, Wren

 

 

 

 

 

 

 

© 2025 VAJONA Verlag GmbH

 

 

Lektorat: Madlen Müller

Korrektorat: Lara Gathmann und Michelle Markau

Umschlaggestaltung: VAJONA Verlag GmbH

unter Verwendung von 123rf

Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz

 

 

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

 

ISBN: 978-3-9871836-1-4

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Manchmal gibt es Menschen, um die lohnt es sich, zu kämpfen. Und dann gibt es diejenigen, die man in Ruhe lässt, weil sie noch viel wichtiger sind.

 

– Rune –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich trommelte nervös mit meinen Fingern auf den Oberschenkeln. Wie lange saß ich nun schon hier? Eine Stunde, zwei? Ich wusste es schlichtweg nicht mehr. Zu schnell drehten sich meine Gedanken um die Diagnose, die nach der ersten Vermutung der Ärztin nun genauer untersucht wurde.

Ich hatte ewig gebraucht, bis ich eine Arztpraxis hier in Long Beach gefunden hatte, die mich aufgenommen hatte. Die meine andauernde Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und die Heißhungerattacken nicht auf eine schwierige Lebensphase oder gar Schwangerschaft schob. Obwohl ich ihnen mehrfach beteuert hatte, dass ich nicht ein einziges Mal Sex in den vergangenen Monaten gehabt hatte. So viel zum Thema.

Zwar hatte ich mein Erspartes in die Hand genommen, um meine Blutwerte bereits vor einiger Zeit kontrollieren zu lassen. Aber was die Schwangerschaft zumindest deutlich ausschloss, hatte nur weitere Fragezeichen aufgeworfen. Ich wusste seitdem, dass ich dringend einen Spezialisten sehen musste, fand aber keine Praxis, die neue Patienten – und dazu welche, die keine Versicherung für ihre Behandlungspläne besaßen – aufnahm.

Die Erschöpfung hatte sich mittlerweile deutlich sichtbar in dunklen Ringen unter meinen Augen auf der blassen Haut abgesetzt. Selbst Ruby, Blaire und den Leuten auf der Arbeit war aufgefallen, dass mein sonst von der kalifornischen Sonne gebräuntes Gesicht im letzten Jahr eingefallen und aschfahl geworden war.

Aber in hoffentlich wenigen Minuten würde ich endlich wissen, was mit mir nicht stimmte. Sollte die freundliche Ärztin mir jedoch wieder lediglich eröffnen, dass sie mir nicht weiterhelfen konnte, musste ich meine letzte Karte ziehen. Doch bevor ich meine Eltern um Hilfe bitten würde, klammerte sich meine Hoffnung noch mit letzter Kraft an diesen Termin hier. Er musste einfach etwas bewirken.

»Miss Feliway?«, ertönte schließlich die helle Stimme der Arzthelferin und ich fuhr so erschrocken zusammen, dass sich die anderen wartenden Patienten zu mir umsahen.

Sofort begann sich mein Herzschlag zu beschleunigen und ich schluckte trocken, ehe ich mir ein nervöses Lächeln auf die Lippen zwang und aufstand. »Ja, hier.«

Das freundliche Gesicht der Frau, die kaum älter sein durfte als ich, nickte und sie winkte mich zu sich. »Folgen Sie mir bitte.«

Was vor einigen Monaten noch problemlos funktioniert hatte, war heute von einem angestrengten Schnaufen begleitet, als ich mich in Bewegung setzte.

Blaire, eine der letzten Freundinnen, die ich noch von der Highschool hatte, hatte zu Beginn gescherzt, ich würde mich verhalten wie eine alte Frau. Doch genau so fühlte ich mich langsam und dieser Fakt ließ die Sorgenfalten auf meiner Stirn immer tiefer werden.

Ich folgte der Arzthelferin schweigend hinaus aus dem kleinen Wartezimmer der Praxis, vorbei am Empfangstresen und in einen schmalen Flur hinab. Ich war nur auf eine Empfehlung meiner Arbeitskollegin Ruby aus dem Open-Air-Kino hier untergekommen und kannte mich in diesem Teil Long Beachs noch nicht einmal sonderlich gut aus. Dabei wohnte ich schon seit meinem Highschool-Abschluss und dem Rausschmiss bei meinen Eltern hier.

Ruby hatte mir von der Diagnose ihres Dads berichtet, der dafür bei diesem Arzt gewesen war. Zuerst hatte ich lachend den Kopf geschüttelt und ihre Vermutung, ich hätte Diabetes, nur abgetan. Denn wer bekam so etwas schon mit Mitte zwanzig? War das nicht eine Alte-Leute-Krankheit?

Aber nachdem ich auch mit Blaire über Rubys Vorschlag geredet hatte, war der Gedanke nicht mehr aus meinem Kopf gewichen. Diese Vermutung würde zumindest bestätigen, was auch die anderen Ärzte über mein Blutbild und Krankheitsbild erzählten.

Natürlich hatte mir Google nicht gerade dabei geholfen, Ruhe zu bewahren. Denn laut der Interneteinträge, auf die ich gestoßen war, hätte ich schon seit gestern tot sein müssen.

Die Arzthelferin blieb schließlich vor einer geöffneten, weißen Tür stehen und ich lief bei dem Chaos in meinem Kopf beinahe in sie hinein. »Sie können Platz nehmen. Dr. Stevens wird gleich bei Ihnen sein.«

Mit mulmigem Gefühl nickte ich einmal und wollte mich gerade bei ihr bedanken, da war sie bereits wieder in geschäftigem Schritt den Gang hinunter verschwunden. Meine Hände kneteten nervös den Henkel der Handtasche, in der sich die Knusperriegel befanden, die ich seit einigen Wochen zuhauf aß. Was meinem schmalen Geldbeutel nicht wirklich zugutekam.

Zögerlich trat ich in den kleinen Raum, der zu meiner Erleichterung ein Fenster besaß, durch das die warme Sonne ins Innere fiel. Ich fühlte mich wie ein Eindringling dabei, mich ohne eine weitere Person in dem Zimmer voller Bücher, medizinischer Unterlagen und der Liege an der Wand zu bewegen. Doch ich straffte die Schultern und steuerte den Plastikstuhl an, der vor einem Schreibtisch stand. Erleichtert ließ ich mich darauf nieder.

Ich hatte diese Art von Ärztezimmer hassen gelernt, seit ich nach der Arbeit im Aquarium of the Pacific oder vor den Schichten im Open-Air-Kino am Strand ständig hier drin saß. Jedes Mal vergeudete ich einfach nur meine Zeit, wenn mir die netten Ärzte wieder einmal sagten, dass ich mich an einen Spezialisten wenden sollte, der mich ohne Versicherung jedoch nur zähneknirschend aufnehmen würde. Also blieb nur Plan B: Mich zu schonen und zu hoffen, dass sich die Blutwerte von alleine wieder regulieren würden.

Und das hatte ich auch bestmöglich versucht. Ich war weder weiter mit Blaire durch den Bixby Park in der Nähe meiner Wohnung gejoggt, noch hatte ich die Extraschichten im Aquarium angenommen, um mir etwas Geld dazuzuverdienen. Ich ging zu vernünftigen Zeiten ins Bett und trank Unmengen an Wasser, die mich eigentlich schon davonschwimmen lassen sollten. Auch noch einen meiner Jobs aufzugeben, kam nicht infrage.

Einige Stimmen aus dem Flur hinter mir rissen mich wieder aus den Gedanken. Was ich tun würde, wenn Dr. Stevens mir gleich eröffnete, dass der Verdacht auf Diabetes stimmte, hatte ich mir noch nicht überlegt. Doch ich schätzte, meine erste Emotion wäre Erleichterung. Dann würden sie mir etwas Insulin dagegen verschreiben und meine Welt könnte sich endlich wieder normal weiterdrehen.

»Miss Feliway!« Die herbe Stimme der Ärztin, mit der ich vor wenigen Tagen telefoniert hatte, durchdrang den sonst stillen Raum und ich hielt die Luft an, als sie die Tür öffnete und eintrat. »Schön, Sie kennenzulernen.«

Während ich mich im Stuhl umdrehte, kam sie bereits in dem langen, weißen Kittel und mit dem fast bilderbuchmäßigen Stethoskop um den Hals ins Zimmer. Mit breitem Lächeln schloss sie die Tür, desinfizierte sich die Hände am Spender neben einem Regal und trat zu mir.

Ich hatte es geschafft, mich zu erheben, und rang mir ein Lächeln ab, obwohl mir vor Aufregung übel war. »Danke, dass Sie es mir so schnell ermöglicht haben, vorbeizukommen.«

Ich erwiderte ihren Händedruck und sie winkte nur ab, ehe sie um den Schreibtisch herumlief und sich auf ihrer Seite niederließ. »Nach all den Vorfällen, die Sie mir geschildert haben, schätze ich, dass Ihnen wohl schnellstmöglich jemand helfen sollte, nicht?«

Und wie.

Sie klickte ein paar Sachen auf ihrem Computer an, die ich aus meinem Winkel nicht erkennen konnte. Ihre Haare hatte sie zu einem sportlichen Zopf zusammengebunden und sie wirkte so gar nicht, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ich wusste zwar nicht, weshalb, doch irgendwie hatte ich eine ältere, viel weniger modern aussehende Frau erwartet, die mir hoffentlich eröffnen würde, wie wir mein Problem angingen.

»Wir können den Zuckertest gleich hier durchführen«, schlug sie schließlich vor, als sie sich wieder mir zuwandte und die Hände auf der Tischplatte faltete. So, wie sie es sagte, schien all das hier keine große Sache zu sein. Doch ich nahm an, dass das wohl üblich war, wenn man eine Praxis betrieb, die sich auf Zuckerkrankheiten spezialisiert hatte. Und bei der meine dürftige Krankenversicherung natürlich keinen Besuch übernahm.

Würde ich gleich also ohne Diagnose den Raum verlassen, hätte ich nicht nur meine Zeit, sondern auch gute hundertfünfzig Dollar verschwendet.

»Gerne«, brachte ich schließlich über die Lippen und strich mir einige meiner langen Haare hinter die Schulter. Das kupferne Rot schimmerte im Sommer eigentlich, doch dieses Jahr fiel es nur stumpf an mir hinab.

Die Ärztin nickte und verfiel in Nachfragen über meine vorherigen Arztbesuche, wie ich meine Freizeit gestaltete und ob ich Unverträglichkeiten hatte. Währenddessen kramte sie nach etwas und als sie das kleine Gerät schließlich hervorzog, erkannte ich es sofort von meinen Recherchen. Es war dieses Messgerät, das man sich an den Finger hielt und das einem einen kleinen Pieks versetzte, um mithilfe eines Tropfens Blut den Blutzuckerspiegel zu messen.

»Es wird nur einige Minuten dauern. Sollte der Befund positiv sein, können wir einen weiteren Termin für die Überprüfung der Diagnose vereinbaren. Doch anhand Ihrer Symptome ist Diabetes eine nicht unwahrscheinliche Krankheit.«

Ich schluckte und nickte, während ich beobachtete, wie sie noch einen kleinen Tupfer und ein Pflaster aus einer Schublade hervorzog. »Ich hoffe, Sie haben keine Angst vor Nadeln? Die könnten ihr stetiger Begleiter werden.«

Auch wenn sie versuchte, die angespannte Situation mit ihrem Witz aufzulockern, hatte sie keine Ahnung, dass ich mich nur noch mehr versteifte. Wenn ich nur daran dachte, dass sich im Inneren des Geräts eine kleine Nadel befand, wurde mir bereits schwummrig.

Sie streckte mir ihre Hände über den Tisch entgegen und ich sah für einen Moment ratlos auf sie hinab. »Wenn ich ehrlich bin, kann ich Nadeln absolut nicht ausstehen.«

Mein Geständnis spiegelte sich in einer verständnisvollen Miene in ihrem Gesicht wider, ehe sie mir zuzwinkerte, als wären wir Freunde. »Ich verspreche Ihnen, dass Sie kaum etwas davon spüren werden. Die Lanzette – die Nadel, die Ihren Blutzuckerwert misst – ist kaum so groß, dass man sie wirklich erkennen kann.«

Auch wenn ich ihr nicht glaubte, da ich wusste, dass Ärzte dies immer sagten und es trotzdem jedes Mal wehtat, nickte ich und streckte ihr meine linke Hand entgegen. Ich war überrascht, dass sich ihre Hand angenehm warm anfühlte, als sie meine ergriff und das Gerät an meinem ausgestreckten Ringfinger positionierte.

Sie begann gerade weiter zu plappern, als ich den schmerzhaften Stich spürte und das Gesicht verzog. Die Ärztin lachte entschuldigend, während sie mit routinierten Griffen ein weißes Plättchen an die Stelle hielt, aus der ein winziger Tropfen roten Bluts quoll.

»Tut mir leid, aber ich dachte, es ist sicherlich einfacher für Sie, wenn ich den Stich nicht ankündige.«

Ich zwang mich, von meinem Finger hochzusehen und vermutete, dass ich noch blasser aussehen musste als zuvor. »Ja, das war es.«

Sie machte einen zufriedenen Eindruck, als sie von meinem Gesicht absah und sich wieder dem Messgerät widmete. »So, das sollte reichen.«

Sie legte das weiße, längliche Plättchen beiseite, nachdem sie es in einen schmalen Spalt des Geräts geschoben hatte, und griff nach Tupfer und Pflaster. Routiniert säuberte sie die Einstichstelle, die schon nicht mehr zu erkennen war und klebte das Pflaster darauf.

»Wenn Sie das in Zukunft öfter tun, wird sich immer mehr Hornhaut auf ihren Fingerkuppen bilden. Oder wir überlegen uns, gleich ein externes Infusionsset anzubringen. Aber warten wir erst einmal, was Ihre Messung sagt.«

Die Art, wie sicher sie bereits davon sprach, zu wissen, was mir fehlte, ließ mich stutzen. Sonst sah ich meistens in ratlose und gelangweilte Gesichter.

Ich wusste nicht so recht, was ich auf all ihre Informationen erwidern sollte, und so stimmte ich lediglich zu. Bis vor einigen Tagen hatte ich noch nicht einmal genauer darüber nachgedacht, was es bedeutete, mit Diabetes zu leben. Jetzt also die Entscheidung über irgendwelche Nadeln und Infusionen zu treffen, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Es stellten sich einige Momente der Stille ein, die immer erdrückender wurden, je länger wir beide auf die ladende Anzeige auf dem Gerät sahen. Doch gerade, als ich eine belanglose Frage über eine mögliche Diagnose stellen wollte, um die Ruhe zu durchbrechen, erschienen Zahlen auf dem Display.

Beinahe erschrocken fuhr ich in die Höhe und mein Puls beschleunigte sich sofort. Ich konnte die Anzeige nur über Kopf lesen und saß etwas zu weit davon entfernt, um mir sicher zu sein. Aber ich hätte mit der Zahl sowieso nichts anzufangen gewusst.

Die Ärztin hingegen sah nickend auf das Gerät und notierte sich rasch etwas im Computer. Die Zeit, die sie brauchte, bis sie sich schließlich wieder lächelnd mir zuwandte, fühlte sich so lang an wie all meine Arztbesuche der vergangenen Monate zusammen.

Als sie ihren Mund öffnete und das Messgerät herumdrehte, sodass ich jetzt einen genaueren Blick darauf werfen konnte, rauschte das Blut so laut in meinen Ohren, dass ich sie beinahe nicht verstand.

»Ich wünschte, ich könnte Ihnen sagen, dass Sie kerngesund sind«, begann sie und mein Herz blieb mit einem Mal stehen. Ich sah von der Anzeige auf, die eine Zahl über zweihundert anzeigte, und klammerte mich an dem freundlichen und selbstbewussten Ausdruck ihrer Augen fest. »Aber Sie werden sicherlich auch froh sein, endlich einen Anhaltspunkt zu haben für das, was Sie so auslaugt.«

Stolpernd kam mein Herz wieder in Gang und ich begriff ihre Worte nur langsam. Doch ich musste anscheinend so entsetzt aussehen, dass sie mir ein aufmunterndes Lächeln zuwarf.

»Ihr Blutzucker weist einen sehr hohen Wert auf. Unbehandelte Diabetespatienten haben meistens einen Wert über zweihundert. Das, ihr Alter und ihre sportliche Figur deuten stark darauf hin, dass Sie Diabetes Typ I haben, Miss Feliway. Aber keine Sorge, viele Menschen leben heutzutage mit dieser Krankheit ohne große Einschränkungen. Ich würde also einen Folgetermin ausmachen, um den Wert auch nüchtern zu messen.«

Ich konnte im ersten Moment nichts anderes tun, als wie festgefroren im Stuhl zu sitzen und sie wahrscheinlich anzustarren, als würde sie plötzlich eine fremde Sprache sprechen. Nach und nach sickerten ihre Erklärungen zu mir durch und mein Verstand war zwischen der erwarteten Erleichterung und der Sorge darüber, was diese Diagnose zu bedeuten hatte, hin- und hergerissen.

Immer wieder sah ich von der Anzeige, die tatsächlich eine Zahl über der anscheinend magischen Diabetesgrenze anzeigte, zu der Ärztin. Sie gab mir den Moment, um das Gesagte zu verarbeiten, ehe sie mich wieder aus den rasenden Gedanken riss und plötzlich alles so real wurde.

»Diabetes würde bedeuten, dass Ihre Bauchspeicheldrüse nicht korrekt arbeitet«, erklärte sie mir das, was ich die vergangenen Nächte vor dem Einschlafen in meinem Bett bereits zur Genüge gegoogelt hatte. Doch die Tatsache, dass sie es mir nochmal eröffnete, verlieh dem Wissen schließlich die Ernsthaftigkeit, an die ich bisher noch nicht geglaubt hatte.

»Diese Fehlbildung können wir ganz einfach mit Insulindosen ausgleichen. Ich werde nach der genauen Diagnosefeststellung einen Termin mit Ihnen vereinbaren, um Ihnen genau zu erklären, welche Dosis in welchem Verhältnis zu den Kohlenhydraten steht, die Sie essen. Zu Beginn ist das meistens etwas überfordernd, aber ich verspreche, dass es Ihnen in nur wenigen Wochen deutlich besser gehen wird.«

Völlig überrumpelt nickte ich und versuchte zu vertuschen, wie sehr mich ihre Worte aus dem Konzept brachten. Es würde mir besser gehen.

Ich versuchte der Hoffnung in mir genügend Raum zu geben, um die plötzlich heran schwappende Angst hinfort zu spülen.

Es würde mir wieder besser gehen und ich konnte weiterhin an meinem Traum festhalten, für den ich meine zwei Jobs benötigte. Musste nicht nach beinahe acht Jahren bei meinen Eltern anrufen und sie darum bitten, mir zu helfen, herauszufinden, was mit mir nicht stimmte. Ich war frei und eingesperrt zugleich und hatte keine Ahnung, was ich dabei fühlen sollte. Verdammt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wren

Sechs Monate später

 

»Warte, was soll das heißen, du bist pleite, Wrenny?«

Die ungläubig aufgerissenen Augen meiner Arbeitskollegin sahen mich an, während ich gerade das Geld einsortierte, das ich den Kunden des Open-Air-Kinos für die Eintrittskarten abkassiert hatte.

Mit verzogenem Gesicht wandte ich mich ihr zu und seufzte so tief, dass ich mich am Tresen vor mir abstützte. »Dass mir mein Vermieter angekündigt hat, mich aus der Wohnung zu schmeißen, sollte ich die drei Mieten im Rückstand nicht nachzahlen.«

Rubys dunkle Locken flogen um ihren Kopf, als sie wild zu gestikulieren anfing. »Aber wie kannst du pleite sein? Du arbeitest jeden Tag der Woche hier und im Aquarium.«

Die Sorgen, die seit meiner Diagnose vor einem halben Jahr auf mir lasteten, hatten es mir anfangs unmöglich gemacht, mich Ruby oder Blaire zu öffnen. Aber kurz nach der Diagnose war das Chaos schließlich über mir zusammengebrochen und ich hatte begonnen, den beiden davon zu erzählen. Ich wollte das hinbekommen.

Schließlich hatte mir die Ärztin damals gesagt, dass viele Leute heutzutage mit Diabetes lebten. Dass es kein großes Problem sei und ich lediglich meine Angst vor Nadeln überwinden musste. Doch da war uns beiden leider noch nicht klar gewesen, dass mir meine dürftige Krankenversicherung einen Strich durch die Rechnung machen würde.

Ich wandte mich kurz einem Pärchen zu, das gut gelaunt und mit breitem Grinsen vor den Verkaufsstand trat. Heute Abend wurde eine kitschige Kleinstadtromanze auf der Leinwand direkt am Wasser ausgestrahlt. An solch warmen Sommernächten kamen die Paare oder Freundinnen in Scharen hierher, um sich unter dem Sternenhimmel auf einen der Sitzsäcke zu verziehen und sich den Film bei Meeresrauschen anzusehen. Mike – der Inhaber und Gründer des Open-Air-Kinos – verdiente sich mittlerweile eine goldene Nase mit seiner Idee. Ich selbst hatte den Aufbau von meiner Wohnung aus beobachtet, die in einem alten Mehrparteienhaus nur wenige Gehminuten von hier entfernt lag.

»Hallo?«, riss mich Ruby erneut aus meinen Gedanken und ich hatte gar nicht richtig bemerkt, dass das Pärchen bereits verschwunden war. »Du kannst sowas nicht einfach sagen und dann wieder in deine Gedankenwelt abtauchen, Wren. Was heißt das, du bist pleite? Das ist man doch nie wirklich, oder?«

Ich wünschte, sie hätte Recht. Doch ich schüttelte nur angestrengt den Kopf und sah hinauf in die untergehende Sonne. Ich hasste es, sie mit meinen Sorgen belasten zu müssen, doch ich wusste keinen Ausweg mehr. »Ich bin am Verzweifeln, Ruby.«

Meine Offenheit schockierte sie sichtlich, denn nun schlich sich dieser besorgte und mitfühlende Ausdruck in ihre Augen, den ich so hasste. Ich wollte kein Mitleid dafür, dass ich nun mal beschissen krank war.

»Geht es um die Diagnose?«

Natürlich hatte sie als meine Kollegin und mittlerweile auch Freundin mitbekommen, dass meine Krankheit keine Kleinigkeit war, wie ich es anfangs dargestellt hatte. Dass mir die Rechnungen der Ärzte und Apotheken dabei die Haare vom Kopf fraßen, erwähnte ich normalerweise jedoch nicht.

Doch jetzt nickte ich nur und ließ seufzend die angestaute Luft aus meinen Lungen. Irgendwie fühlte es sich seltsam befreiend an, endlich darüber zu sprechen, was mich seit Monaten verfolgte.

»Aber ich dachte, dir geht es besser?«, fragte sie nun mit zusammengezogenen Brauen und schien nicht ganz zu verstehen, worauf ich anspielte. »Geht es dir wieder schlechter? Brauchst du Unterstützung? Ich kann dir helfen und –«

Doch ich schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. »Kommt nicht infrage. Ich danke dir zwar – ganz ehrlich. Aber das kann ich nicht annehmen.«

Ich hielt einen Moment inne, als wieder einige Gäste vor die Kasse traten und bei mir Tickets und bei Ruby zwei Schalen Nachos mit Guacamole bestellten.

Als sie gut gelaunt den hölzernen Steg auf dem Sand hinunter zu den Sitzplätzen spazierten, fasste ich mir wieder ein Herz und machte den Mund auf.

»Und nein, ich bin nicht noch kränker, als ich es vor einem halben Jahr war«, begann ich und konnte Ruby bei meinen Worten kaum ansehen. »Es ist nur … Als ich herausgefunden habe, dass ich Diabetes habe, dachte ich, meine Sorgen würden endlich aufhören. Ich würde mir immer etwas Insulin spritzen und mein Leben könnte endlich wieder das Alte sein. Ich würde den Sommer über arbeiten und im Herbst den Zeichenkurs belegen, auf den ich das ganze Jahr gespart habe.«

Angesichts meiner wenig zuversichtlich klingenden Aussage runzelte Ruby die dunklen Brauen. »Ist es denn nicht so? Der Kurs müsste doch in wenigen Wochen starten, oder nicht?«

Ich seufzte wieder tief auf und wischte mit der Hand über die Arbeitsfläche vor uns, um die hereingewehten Sandkörner zu vertreiben.

»Der Zeichenkurs fängt in neun Wochen an. Aber ich habe meine ganzen Ersparnisse von diesem Jahr bereits ausgegeben. Es geht um meine Krankenversicherung, Ruby. Ich habe die erste und billigste abgeschlossen, nachdem mich meine Eltern nach der Highschool rausgeworfen haben und ich nach Long Beach gezogen bin. Ich meine, wer in unserem Alter rechnet schon damit, ein paar Jahre später mit Diabetes dazustehen?« Die Ironie meines Lebens trieb ein heißeres Lachen meine Kehle hinauf und ich schüttelte entkräftet den Kopf, ehe ich mir übers Gesicht fuhr und wieder hinab auf die Kasse sah. »Jedenfalls habe ich schnell herausgefunden, dass sie lediglich einen Bruchteil des Insulins und der Arztbesuche übernehmen, die jetzt zu meinem Alltag gehören.«

Und deshalb war ich pleite. Bis auf den letzten Cent. »Also entscheide ich mich entweder für meine Gesundheit oder die Miete, schätze ich.«

Jetzt, wo ich die Wahrheit das erste Mal ausgesprochen hatte, fühlte sie sich seltsam belegt auf meiner Zunge an. Zwar ging es mir seit der Diagnose wieder deutlich besser. Ich schlief gut und konnte sogar wieder mit Blaire joggen gehen. Doch dafür hatten sich ganz andere Sorgen vor mir aufgetan.

Rubys mitfühlender Blick breitete sich wie eine Gänsehaut über mir aus. Ich wollte kein Mitleid. Davon würde ich wahrscheinlich selbst in ein tiefes Loch fallen.

»Scheiße, Wrenny«, kam es schließlich entsetzt aus ihrem Mund und sie schien sogar das Popcorn vergessen zu haben, das zischend und poppend aus dem metallenen Topf hüpfte, ohne dass sie es auffing, um es den Besuchern in kleinen Tüten zu verkaufen. »Wieso hast du nichts gesagt?«

Ich verdrehte die Augen und machte eine beschwichtigende Handbewegung. Aber nicht, weil meine Lage nicht brenzlich war, sondern, weil ich nicht wollte, dass sich Ruby mehr Sorgen machte als ohnehin schon.

»Ich wollte dich damit nicht belasten«, platzte es schließlich aus mir heraus und ich lächelte entschuldigend, während ich mir die kupferfarbenen Haare zu einem Zopf zusammenfasste. Dabei fielen die kürzeren Strähnen, die ich mir vor einigen Wochen selbst geschnitten hatte, heraus und umrahmten mein Gesicht. »Ich kriege das schon irgendwie hin. Es ist nur … Ich habe mich gefragt, ob du nicht Interesse an der Wohnung hast? Ich meine, nur, wenn ich wirklich ausziehen muss.«

Ruby studierte Biochemie, stand kurz vor ihrem Bachelorabschluss am Long Beach City College und wohnte noch im Studentenwohnheim auf dem Pacific Coast Campus. Ihr Nebenjob hier im Open-Air-Kino reichte für die Zimmermiete aus, aber sie hatte schon einige Male erwähnt, dass sie nach dem Abschluss in eine größere Wohnung in Strandnähe ziehen wollte.

Sie sah mich mit großen Augen an und klappte den Mund auf, doch es kam nichts heraus. Ihr Blick auf mir brachte mich in Verlegenheit und ich plapperte weiter, ehe ich wusste, was ich sagte.

»Die Wohnung ist wirklich perfekt«, versuchte ich sie zu überzeugen. Ruby hatte mich einige Male vor der Arbeit dort abgeholt und bereits einen Blick in den obersten Stock des Hauses geworfen, von dem aus man bis hier zum Strand sehen konnte. Doch das alles hatte ebenfalls seinen Preis, den ich vor meiner Diagnose mit den beiden Jobs hatte stemmen können.

»Wren, das meinst du doch nicht ernst«, rief sie entgeistert aus und schüttelte den Kopf so heftig, dass die Locken wieder zu wippen begannen. »Du liebst deine Wohnung!«

Bei ihren Worten schmerzte mein Herz kurz und ich presste die Lippen fest aufeinander. Das tat ich, denn sie war das Zuhause, das ich nie hatte. Mein eigener Raum, meiner Kreativität freien Lauf zu lassen und dabei mit einem Kaffee auf dem kleinen Balkon an der Südseite des Hauses zu sitzen und die Wellen bis dort hinaufzuhören.

»Glaub mir«, fuhr ich jetzt leiser fort und gestattete es mir zum ersten Mal in Rubys Anwesenheit, die Schultern entkräftet nach vorn fallen zu lassen. »Ich habe jeden Cent umgedreht. Wenn ich nicht müsste, würde ich dich nicht fragen.« Wieder verkrampfte sich mein ganzer Körper, als ich bitter lächelnd zu ihr sah. »Ich meine, wenn du sie nimmst, kann ich mich wenigstens an den Wochenenden dort einquartieren und dir auf den Keks gehen.«

Mein Scherz sollte die ernste Situation etwas aufheitern, doch Rubys Gesicht sah mir noch immer entsetzt in der untergehenden Sonne Floridas entgegen.

»Versteh mich nicht falsch, Wrenny«, begann sie in einem Tonfall, der jegliche Hoffnung in mir zerplatzen ließ. »Es ist nicht so, dass ich nicht unglaublich neidisch auf deine kleine Wohnung dort oben bin.«

Ich zog seufzend die Brauen in die Höhe. »Aber?«

»Aber das kann ich nicht«, gestand sie mir und ich wollte verzweifelt den Kopf sinken lassen.

»Was ist aus deinem Traum geworden, dort oben die Entwürfe für deinen Zeichenkurs zu erstellen? Ich kann mich unmöglich dazwischen drängen und eine Spießerwohnung aus deinem kreativen Chaos machen. Wir finden schon einen Weg, wie du die Miete zahlen kannst.«

Mit einem heiseren Lachen unterbrach ich meine Freundin. »In meiner Wohnung gibt es nicht mehr das Chaos, das du erwartest, Ruby.«

Sie hatte Recht damit, dass ich vor den Monaten, in denen ich immer abgeschlagener geworden war, jede freie Stelle an den Wänden mit Skizzen und Ideen vollgehängt hatte. Aber mit den zunehmenden Sorgen war die Kreativität verschwunden und neulich Abend hatte ich aus lauter Wut und Verzweiflung auch die letzten Entwürfe von der Wand gerissen und in eine Zeichenmappe gestopft. Ich hasste es, dass ich nicht mehr zeichnete. Aber die Sorgen sogen all das aus mir heraus, was mich einmal ausgemacht hatte. Eigentlich hastete ich nur noch zwischen der Arbeit und den Arztbesuchen umher und versuchte das einstürzende Kartenhaus irgendwie noch aufrechtzuerhalten.

»Es ist quasi eine Spießerwohnung, in die du nur noch einziehen müsstest.«

Ich wusste, dass Ruby es mir nicht übelnahm, wenn ich so über sie scherzte. Sie war schließlich die Erste, die feststellte, wie geordnet und konservativ ihr Leben verlief. Sie lernte neben ihrem Job hier im Kino so oft für ihre Klausuren, dass sie beinahe Jahrgangsbeste in ihrem Studienfach war. Ruby fuhr jedes zweite Wochenende zu ihren Eltern, die etwas außerhalb der Stadt wohnten und traf sich mit keinen Männern, weil diese sie vom Studium ablenken könnten. Sie war eine echte Spießerin. Und eine genauso liebenswerte und witzige Person, wenn man genauer hinsah.

Aber Ruby blieb hartnäckig und sammelte endlich das Popcorn auf, das auf die Arbeitsplatte und den Boden gefallen war. Als sie die Reste im Mülleimer entsorgt hatte und sich die klebrigen Krümel von den Händen klopfte, sah sie mich wieder eindringlich an.

»Brauchst du Hilfe, Wren?«

Mein erster Impuls war es, vehement den Kopf zu schütteln und ihr zu widersprechen. Aber ihre nächste Nachfrage ließ die Lüge in meinem Hals stecken bleiben, wie ein viel zu großes Stück der Pizza, die wir uns meistens nach einer Schicht im Kino auf dem Heimweg teilten.

»Ganz ehrlich?«

Nervös spielte ich an dem ausgefransten Ende der Ticketrolle herum. Ich dachte daran, wie groß meine Pläne vor noch einem Jahr gewesen waren, als ich vom Zeichenkurs am Liberal Arts Campus hier in Long Beach erfahren hatte. Nach meinem Highschool-Abschluss hatte ich mich von Gelegenheitsjobs in Restaurants oder Bekleidungsgeschäften treiben lassen, ohne zu wissen, was ich wirklich vom Leben wollte. Doch dann hatte ich schließlich den Zeichenkurs entdeckt und es war mir wie Schuppen von den Augen gefallen, was ich aus meinem Leben machen wollte. Dieser Kurs war zu einem Ziel geworden, das ich jetzt irgendwie aus den Augen zu verlieren schien.

»Gerade sieht es nicht sonderlich gut aus«, gestand ich mir und auch Ruby schließlich ein und beobachtete zwei junge Männer dabei, wie sie sich zum dritten Mal an diesem Abend an der gegenüberliegenden Bar zwei Cocktails bei unserem Kollegen Ben bestellten. Es wäre nicht das erste Mal, dass Ben mit seiner Mischung aus Alkohol und Saft die Gäste hier dazu animierte, die ganze Nacht zu bleiben.

Eine angenehm kühle Windbrise fuhr in das kleine Kassen- und Snackhäuschen, in dem Ruby und ich standen. »Aber ich habe es schon einmal geschafft, mich aus dem finanziellen Nichts zu kämpfen. Ich denke, mir fehlt gerade nur etwas die Perspektive.«

Das ließ sich meine Freundin nicht zweimal sagen und fing direkt an, zu überlegen, wobei sich ihre gebräunte Stirn in nachdenkliche Falten legte. Es wäre nicht das erste Mal, dass Ruby mir mit ihrer ausgefuchsten Art aus einer Sackgasse helfen würde. Auch wenn es sich bei den vergangenen Malen eher um banal vorkommende Dinge wie Männer oder meine viel zu lauten Nachbarn gehandelt hatte.

Ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, wie ich mit Ruby und Blaire in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen Krisenstab einberufen hatte, um zu diskutieren, wie ich mit dem süßen Typen verfahren sollte, der an der Ecke meiner Straße neuerdings in dem kleinen Café arbeitete, hellte sich Rubys Blick auf.

»Ich hab’s!«

Verwundert darüber, wie ihr nach nur wenigen Minuten eine Lösung für etwas hatte einfallen können, über das ich mir seit Wochen den Kopf zerbrach, zuckte ich mit den Schultern. »Schieß los.«

Die Vorstellung hatte mittlerweile begonnen und ich konnte von Weitem sehen, wie das Intro auf der großen Leinwand am Strand erschien. Die Sitzsäcke und freien Flächen im Sand waren übersät mit Menschen.

Als wäre ihr Einfall die beste Idee, die sie je gehabt hatte, klatschte sie euphorisch in die Hände. »Wieso schaltest du keine Mitbewohneranzeige? Dein Abstellzimmer mit den Leinwänden und Kleidern kannst du freiräumen und dir so für eine Zeit aushelfen lassen. Und so schlimm, wie man denkt, sind Mitbewohner wirklich nicht. Ich spreche aus Erfahrung.«

Im ersten Moment wollte ich laut auflachen und ihren Vorschlag als Witz einstufen. Ich hatte die ersten Wochen in Long Beach gehasst, die ich in einer WG in Downtown verbracht hatte. Zu lebendig waren die Erinnerungen daran, wie ich einen meiner Mitbewohner mit seiner neuesten Bekanntschaft nach einer Party in meinem Bett erwischt hatte. Die Bettwäsche hatte ich noch in der Nacht in die hinterste Ecke des Schranks gestopft und beim Auszug dort gelassen.

Schüttelnd warf ich die Gedanken ab und wollte Ruby gerade widersprechen. Doch es kamen keine Ausreden über meine Lippen, als ich den Mund aufklappte. Einen Mitbewohner würde ich mir nach der letzten Erfahrung sicherlich nicht zulegen. Aber eine zweite Ruby oder Blaire? Zumindest würde ich dann etwas ruhiger schlafen und sich die Mahnung, die auf dem Esstisch lag, nicht mehr ganz so sehr in meine Träume brennen.

»Ich denke darüber nach. Wenn du nicht selbst den Platz als Mitbewohnerin haben willst?«, erwiderte ich, als mich die lästige Pflicht mit einem schrillen Weckerklingeln aus den Gedanken riss.

»Keine schlechte Idee«, gestand sie, doch der zerknirschte Ausdruck auf ihrem Gesicht ließ meine Hoffnung schwinden. »Aber ich denke, dass ich so kurz vor den Prüfungen keine Zeit für einen Umzug haben werde.«

»Schon gut, ich verstehe dich. War nur eine alberne Idee«, versuchte ich meine Idee einfach abzutun, damit Ruby kein schlechtes Gewissen bekam. »Ich muss kurz nach hinten und mir Insulin spritzen. Kommst du ein paar Minuten alleine klar?«

Ruby nickte und sah sichtlich erleichtert aus, dass ich ihr nicht übel nahm, mir so nicht unter die Arme zu greifen.

Als ich nach hinten kam und nach der Lanzette und dem Insulin in meiner Handtasche kramte, schüttelte ich noch einmal verwundert den Kopf. Eine Mitbewohnerin war eigentlich keine schlechte Idee. Aber da hatte ich noch keine Ahnung, was hiermit auf mich zukommen würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rune

 

»Das ist nicht dein Ernst, Mann.«

Ich raufte mir die kurzen Haare und sah wieder zu meinem alten Freund, den ich nach meinem letzten Highschool-Wechsel kurz vor dem Abschluss in Irvine kennengelernt hatte. Und der sich zu meiner größten Sorge entwickelt hatte.

»Ich zahle dir die Schulden zurück. Wieso die Eile?«

Aber Cole schien sich nicht von seinem Vorhaben abbringen zu lassen, während er sich kopfschüttelnd die Sonnenbrille auf die Nase schob. »Nichts für ungut, Rune. Aber wie lange sind wir jetzt schon nicht mehr in der Highschool? Fast zehn Jahre? Und du schuldest mir immer noch einige Riesen.«

Verdammt! Fluchend riss ich die Hände in die Höhe. Ich hatte mir gerade erst ein neues Leben hier in Irvine aufgebaut, nachdem ich einige Jahre ziellos im Bundesstaat umhergewandert war. Es stimmte. Obwohl ich die letzten zehn Jahre einen Großteil meiner Schulden bei ihm abbezahlt hatte, fehlten noch immer über zehn Riesen. Er hatte mir, nachdem ich sein Auto high gegen eine Laterne gesetzt hatte, eine Aufstellung über Reparaturkosten und die übrigen Geldschulden zukommen lassen.

»Bitte, Cole«, flehte ich ihn jetzt an, obwohl sich mir dabei alle Nackenhaare aufstellten. Er ließ mich noch immer für das büßen, in was er mich vor beinahe einem Jahrzehnt reingeritten hatte.

»Du bekommst jeden Monat einen Teil des Geldes, das ich verdiene. Ich meine, was willst du noch? Wie stellst du dir das vor, dass ich bis Ende des Sommers alles zurückzahle?«

Entgeistert riss ich die Hände in die Höhe und hätte wahrscheinlich gelacht, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre. Ich war mir ziemlich sicher, dass er sich das Hipstercafé inmitten der Innenstadt Irvines bewusst hierfür ausgesucht hatte. So würde ich ihm zumindest nicht hier an die Gurgel springen.

»Deshalb will ich ja mit dir reden.« Seine Stimme klang beinahe desinteressiert und machte mich nur noch rasender. Seit der Highschool verband uns nur noch eines: Meine Schulden bei ihm, die ich in nur einem grandios schlechten Schuljahr gemacht hatte. Für was alles, wusste ich schon nicht mehr. Drogen, Party. Eine Sache war definitiv sein neues Auto gewesen.

Ein Knurren stieg in meiner Kehle auf, als ich das überhebliche Grinsen auf seinen Lippen entdeckte. »Dann rück verdammt nochmal endlich mit der Sprache heraus!«

Meine Worte waren leise, aber scharf und machten Cole klar, dass ich hierbei keinen Spaß verstand. Ich konnte ihm das Geld nicht so einfach zurückzahlen, wenn ich selbst kaum Erspartes besaß.

Er rührte einmal in seiner Kaffeetasse, ehe er den Löffel an der Kante abstrich und ihn auf die Untertasse legte. Mir war es an diesem heißen Sommertag viel zu warm für Kaffee, weshalb nur eine Cola vor mir auf dem kleinen Cafétisch stand.

Mürrisch verschränkte ich die Arme vor der Brust, als sein Blick darauf fiel. »Die haben sicherlich ein Vermögen gekostet. Das hättest du auch in mich investieren können.«

Der Spott war auf seinem makellosen Gesicht deutlich zu erkennen, das aus einem weißen Ralph Lauren-Hemd ragte. Er nickte in Richtung meiner tätowierten Unterarme, auf denen ich all meine Gedanken der letzten Jahre in Symbolen, Bildern und Sprüchen verewigt hatte. Wirr und rau, so wie es auch lange Zeit tief in mir ausgesehen hatte.

Ich wusste, dass ich mich trotzig und keinesfalls wie ein siebenundzwanzigjähriger Mann benahm, als ich das Kinn vorstreckte. »Du kannst gerne auch all die anderen sehen. Besonders das auf meinem Arsch.«

Ich würde ihm nicht verraten, dass dies wohl die einzige Stelle an meinem Körper war, auf der kein schwarzes Kunstwerk prangte.

Doch Cole schien sich nicht aufziehen zu lassen und schlug lachend ein Bein über das andere, ehe er sich im Stuhl zurückfallen ließ und das Gesicht kurz der Sonne zuwandte. »Dein Humor ist immer noch derselbe, McCain.«

Bei der Art, wie er mich bei meinem Nachnamen nannte, als wären wir noch zusammen in der Schule und zum Rauchen vom Gelände geschlichen, lief mir ein eisiger Schauer den Rücken hinunter. Nachdem mich Cole an die Polizei und meine Mom verraten hatte, hatte ich mir geschworen, nie mehr Kontakt zu ihm zu haben.

Er hatte mich verpfiffen und mir somit eine Menge Ärger eingehandelt. Zwar summierten sich die kleineren Diebstähle und der Besitz von Drogen auf keine riesige Summe, doch das Jahr nach dem Highschool-Abschluss war dennoch geprägt gewesen von Sozialstunden, Schuldenbegleichung und Bewährung. Ich hatte all diesen Mist jetzt schon jahrelang hinter mir gelassen, doch meine privaten Schulden bei Cole existierten noch immer.

Der Dauerauftrag auf meinem Konto, der monatlich an ihn ging, war die einzige übriggebliebene Verbindung zwischen uns. Aber da hatte ich die Rechnung ohne sein plötzliches Auftauchen gemacht.

»Wie auch immer, ich habe Besseres zu tun, als meinen Nachmittag hier mit dir in einem Café zu verschwenden«, lenkte ich ab und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. »Eine Sache hat sich nämlich auch nach dem Entzug und den ganzen Lektionen nicht geändert: meine Geduld. Also komm verdammt nochmal zum Punkt.«

Cole pfiff anerkennend durch seine perfekten Zähne und nickte schließlich. »Ich sehe, dein knallhartes Auftreten und die Wortgewandtheit haben ja sogar noch zugenommen, nicht schlecht. Umso besser, wenn ich ehrlich bin.«

Auch wenn ich es nicht wollte, weckten seine kryptischen Worte die Neugier in mir. Was zur Hölle hatte er mit mir vor? Ich hasste es, dass ich wohl oder übel dabei mitspielen musste.

»Es geht um meine Firma«, spannte mich Cole unnötig auf die Folter und ich tat so, als hätte ich keinen blassen Schimmer von dem, was er die letzten Jahre so getrieben hatte. Dabei wusste ich genau, dass er mit dem Vermögen, das Daddy ihm spendiert hatte, eine Securityfirma in der nahegelegenen Küstenstadt Long Beach eröffnet hatte. Mittlerweile bewachte er damit nicht gerade unangesehene Anwesen der Schönen und Reichen in der glitzernden Vorstadt von Los Angeles.

»Einer meiner Mitarbeiter ist abgesprungen und ich habe keine Zeit, lange nach einem guten Nachfolger zu suchen. Und da bist du mir eingefallen.«

Ein ungläubiges, raues Lachen entfuhr mir und ich sah ihn entgeistert an. Er wollte was? Dass ich den Babysitter für die Anwesen seiner Kunden spielte? Sicherlich nicht.

»In welcher Welt lebst du, dass du glaubst, dass ich das tun würde?« Ich ließ die verschränkten Arme sinken und lehnte mich etwas zu ihm vor, sodass ich ihm tief in die hellen Augen blicken konnte. »Sehe ich etwa so aus, als ob du mir deine schnöseligen Kunden anvertrauen könntest? Vielleicht brenne ich die Villen auch einfach ab oder genehmige mir selbst ein nettes Bad in den Pools.«

Ich wollte ihn provozieren. Ihn davon überzeugen, wie schlecht seine Wahl war. Denn eines wollte ich auf keinen Fall: Irvine, Mom und meinen gerade erst begonnenen Job für solch einen Schwachsinn zurücklassen.

»So dämlich bist du nicht«, stellte er trocken fest. »Garry hat die Nachtschichten im East Village übernommen. Meist vor einem Anwesen eines Zitronenplantagenbesitzers. Deine Aufgabe ist es schlichtweg, nachts vor dem Anwesen zu sitzen und aufzupassen, dass dort niemand einsteigt.«

Ich sollte also wirklich den Babysitter spielen.

»Ich werde Irvine nicht verlassen, Cole«, widersprach ich ihm und konnte sofort sehen, dass er davon nicht sonderlich begeistert war. »Ob du es glaubst oder nicht, ich habe hier Verpflichtungen, die ich nicht einfach hinter mir lassen kann.«

Doch er zeigte sich unbeeindruckt. »Bis du deine Schulden zurückgezahlt hast, hast du keine anderweitigen Verpflichtungen, Rune. Wir zahlen dir pro Nachtschicht eine ordentliche Summe. Du solltest also nach ein paar Wochen wieder zurück sein.« Er ließ den Blick skeptisch über die anderen Gäste im Café und auf dem Bürgersteig wandern, auf dem einige Palmen Schatten spendeten. »Sofern du wirklich in dieser Kleinstadt verschimmeln willst.«

Es machte mich rasend, wie einfach er zu bestimmen schien, was ich tun würde. Doch noch während sich meine Hände unter der Tischplatte erneut zu Fäusten ballten, klingelte Coles Handy. Mit erhobener Hand bedeutete er mir, mit meiner Schimpftirade zu warten, und nahm ab.

Sofort verfiel er in sein geschäftsmäßiges Plaudern und ich konnte nichts mehr von dem alten, manipulativen Freund erkennen, der mich gerade zwang, am besten heute noch mit ihm nach Long Beach zu kommen. Cole bedankte sich nach wenigen Minuten noch einmal für den Anruf, ehe er auflegte und mich ein letztes Mal mit einem scharfen Blick bedachte.

»Ich muss zurück nach Long Beach. Ich erwarte dich Anfang nächster Woche dort. Verstanden?«

Ohne mich ein weiteres Mal loswettern zu lassen, stand Cole auf, strich sich die gebügelte Anzughose glatt und warf beinahe überheblich einen Fünfzigdollarschein vor mich auf den Tisch. »Das sollte passen. Bis dann, Rune.«

Und damit ging er davon. Ehe ich begreifen konnte, was er wirklich hier gewollt hatte, war er im Getümmel auf der Straße verschwunden und in das brandneue Auto gestiegen, auf dessen Seite der Werbezug Security Kelter – Long Beach prangte.

Mein Mund klappte noch einmal auf, obwohl mir niemand mehr gegenübersaß, der meine Flüche hätte hören können. Verdammte Scheiße!

Wie konnte er nach all den Jahren, in denen ich mich mit meiner monatlichen Abzahlung in Sicherheit gewogen hatte, plötzlich hierherkommen und mein Leben erneut komplett über den Haufen werfen?

Ich fuhr mir durch die kurzen Haare und stand so ruckartig auf, dass der Stuhl scharrend ein ganzes Stück von mir wich. Verwundert drehten sich die anderen Gäste zu mir um und ich spürte die prüfenden Blicke, mit denen mich die meisten Leute bedachten. Ich hatte schließlich auch einiges dafür getan, dass die Dunkelheit, die ich noch immer zum Teil in mir trug, auch für jeden anderen deutlich sichtbar war.

»Scheiße«, murmelte ich und schnappte mir mein Handy vom Tisch, ehe ich mir ebenfalls einen Weg über die vollgepackte Terrasse des Cafés bahnte und unsere nicht einmal ansatzweise ausgetrunkenen Getränke mit einem viel zu großen Geldschein einfach zurückließ.

 

Zehn Jahre zuvor

 

»Rune!«, rief eine mir nur allzu gut bekannte Stimme nach mir. »Alter, komm schon, nur ein Zug!«

Ich wusste, dass ich bereits zu viel getrunken hatte. Aber ich ahnte ebenfalls, dass Cole und der Rest meiner Freunde nicht lockerlassen würden. Wir trafen uns beinahe jedes Wochenende hier in dem protzigen Anwesen von Coles Familie, um uns abzuschießen und den ganzen Abend lustige Videospiele zu spielen. Es war eine gelungene Ablenkung zum Stress des Abschlussjahres, der nach dem Umzug von Mom und mir nach Irvine vor gerade einmal drei Monaten besonders auf meinen Schultern lastete.

Ich sah auf den brennenden Joint. Wusste, dass ich Mom versprochen hatte, heute früher nachhause zu kommen, entschied mich aber dennoch dafür. Ein bisschen Spaß konnte sie mir schließlich nicht verbieten, nachdem sie mich in den letzten siebzehn Jahren durch beinahe zehn Bundesstaaten geschleppt hatte. Immer in der Hoffnung, ihr jetziger Lover würde sie nicht irgendwann verlassen und uns wieder vor die Tür setzen. Ich konnte das ganze Schauspiel schon nicht mehr ernst nehmen, weshalb ich auch fest damit rechnete, vor meinem Abschluss bereits wieder aus Irvine verschwunden zu sein und das letzte Highschool-Jahr woanders wiederholen zu müssen.

Ich zog einige Male an dem brennenden Joint, ehe ich ihn wieder Tommy reichte. Aus der Ferne hörte ich den Rest der Gruppe grölend und jubelnd vor dem Fernseher im Inneren des Hauses sitzen. Aber das Lagerfeuer mitten auf der riesigen Terrasse, die in einen schier unendlichen Garten hinabführte, hatte mich schon bei meinem ersten Besuch hier für sich eingenommen.

High waren die züngelnden, bunten Flammen und das Knistern des verbrennenden Holzes in einer Sommernacht besonders faszinierend.

»Ich stehe drauf«, riss mich Tommys raue Stimme schließlich aus meinen Gedanken, als Cole gerade nach drinnen verschwand und ich sah überrascht auf. Dabei strich ich mir eine der langen Strähnen aus dem Gesicht. Ich war schon viel zu lange nicht mehr beim Friseur gewesen, doch irgendwie fand ich die Zeit nie, meine blonde Mähne einmal kürzen zu lassen.

»Was meinst du?« Irritiert sah ich in das Gesicht meines neuen Freundes, mit dem ich in einem Englisch- und Biologiekurs in der Highschool saß.

Tommy nickte schmunzelnd hinab auf meinen Arm. »Das Tattoo, Alter. Wusste gar nicht, dass du eins hast.«

Mit neutralem Gesichtsausdruck sah ich hinab auf die Außenseite meines linken Unterarms. Die Tinte stach mir noch frisch und dunkel entgegen und ich runzelte die Stirn. »Danke. Ist neu.«

Cole und ich waren letzte Woche nach einem Abend in einer kleinen Bar auf die irrsinnige Idee gekommen, auf dem Heimweg bei einem x-beliebigen Tätowierer Halt zu machen. Am Ende hatte nur ich mir ein Motiv stechen lassen und es am nächsten Morgen bitter bereut. Ich war schlichtweg nicht der Typ für mystische Tattoos an irgendwelchen viel zu offensichtlichen Stellen.

»Cool, gefällt mir«, stimmte Tommy mir erneut zu und ich rang mir höflicherweise ein Lächeln ab. »Hat es etwas zu bedeuten?«

Ich wunderte mich, dass ihn noch mehr als die oberflächliche Information zu interessieren schien, dass ich es mir hatte stechen lassen. So war es nämlich ziemlich oft hier in Irvine. Die Leute waren freundlich, doch man merkte deutlich, dass sich die Oberflächlichkeit L.A.s bis hierher ausgebreitet hatte.

Ich schüttelte den Kopf, obwohl es eine Lüge war. »Nein, es war eine dumme Idee. Wir waren betrunken und dann habe ich es mir einfach stechen lassen.«

Ich musste daran denken, wie Mom ausgeflippt war, als sie es am nächsten Morgen beim Frühstück, noch in Frischhaltefolie eingewickelt, entdeckt hatte. Doch jetzt war es zu spät und ich musste mich wohl oder übel damit anfreunden.

Behutsam strich ich über die Vögel, die sich in einem kleinen Schwarm um meinen Arm wickelten. Noch immer in der Erwartung, dass sie davonfliegen und verschwinden könnten, wenn ich es fester berührte.

Dad hatte sie mir gezeigt, bevor er mich und Mom verlassen hatte. Die Erinnerung war verschwommen, ich musste gerade einmal vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Aber ich konnte mich deutlich an einen Moment erinnern, in dem er mit mir auf der kleinen Veranda unseres Hauses in Michigan gesessen und die Raben im Garten beobachtet hatte.

Ich dachte trotz des Stichs in meinem Herzen gern an die Zeit zurück, in der Dad noch bei uns gewesen war. Doch darauf folgten unzählige Umzüge, Mom, die nachts heimlich weinte und ein Loch, das Freunde und Familie zurückgelassen hatten, die mir unglaublich fehlten.

Also drehte ich den Arm so, dass das Tattoo kaum noch im Schein des Feuers zu erkennen war, und biss die Zähne zusammen. Wenn ich nicht wüsste, dass ich in wenigen Wochen eh wieder von hier verschwinden würde, hätte ich mir diese Freunde nicht ausgesucht. Sie passten nicht zu mir, sondern viel eher zu der rebellischen Fassade, mit der ich Mom eins auswischen wollte. Aber ich wusste auch, dass mir der Party- und Drogenlifestyle auf Dauer nicht guttun würde.

»Ich wette, Cole hat es dir spendiert, oder?« Tommys erwartungsvoller Blick lag auf mir und er wackelte belustigt mit den Brauen.

Ich war überrascht, woher er das wusste. »Wieso fragst du?«

Tommy war einer von den ruhigeren Typen dieser Freundesgruppe. Auch seine Eltern besaßen genügend Geld, sodass er beinahe jeden Tag in einem anderen Markenshirt und mit dicker Uhr am Handgelenk im Unterricht auftauchte. Ich fühlte mich nie so wirklich wohl in ihrer Gegenwart, da ich so völlig anders war.

Er zuckte mit den Schultern und führte die Dose Bier an seine Lippen, ehe er sich in die Kissen des Loungesofas zurückfallen ließ und aufs knisternde Feuer starrte. »Das macht er gern. Aber pass auf. Ehe du dich versiehst, hat er schon eine Idee, wie du dich bei ihm dafür revanchieren kannst.«

Was spaßig gemeint war, hinterließ sofort einen fahlen Beigeschmack auf meiner Zunge. Cole hatte mir versichert, dass er mir die zweihundert Dollar für die Schnapsidee gesponsort hatte. Was sollte ich ihm also schulden?

Doch da hatte ich noch keine Ahnung, wie ernst ich Tommys Aussage hätte nehmen sollen. Und wie viele von Coles nächsten großzügigen Taten ich lieber hätte ausschlagen sollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wren

 

Die Sonne fiel in wärmenden Strahlen auf meinen Körper und das Lebensgefühl, das bei einem ganzen Tag hinter geschlossenen Türen oder auf der Arbeit aus mir wich, kehrte sofort prickelnd zurück.

Ich liebte es, meine freien Tage am Strand direkt unterhalb meiner Wohnung zu verbringen. Und noch mehr liebte ich es, wenn mir eine meiner Freundinnen dabei Gesellschaft leistete.

Ich drehte den Kopf zur Seite, den ich auf einer dünnen Matte auf dem Sand abgelegt hatte und beobachtete Blaire dabei, wie sie ein bereits vergilbtes Buch so über ihr Gesicht hielt, dass es sie genau von der Sonne abschirmte.

»Was liest du da?«, fragte ich sie schließlich, wobei meine Stimme beinahe vom Rauschen der anbrausenden Wellen und dem Stimmengewirr der ganzen anderen Badegäste verschluckt wurde.

Es dauerte einen Moment, bis Blaire ihren Blick von den Zeilen losriss und sich mir zuwandte. Sie hatte sich eine Cap tief über die blonden Haare ins Gesicht gezogen und sah dabei so unfreiwillig komisch aus, dass ich grinsen musste.

»Jane Austen«, erklärte sie mir, als müsste ich wissen, wer das sei. Als ich nur fragend die Brauen hob und mich auf den Ellenbogen abstützte, um mich etwas aufzurichten, verdrehte sie lediglich die Augen und legte das Buch beiseite.

»Die britische Schriftstellerin aus dem neunzehnten Jahrhundert? Die, die die Gesellschaft damals ziemlich kritisch hinterfragt und die Hierarchien in ihren Geschichten aufgebrochen hat?«

Blaire hob das Cover an, sodass ich einen Blick darauf werfen konnte. Stolz und Vorurteil. Doch wieder musste ich nur grinsend passen, denn ich hatte keinen blassen Schimmer, worüber sie sprach.

Blaire lachte und zog sich die Cap von den vom Meereswind zerzausten Haaren. »Wie auch immer, es wurde mir auf Bookstagram hunderte Male vorgeschlagen und da musste ich es mir einfach kaufen. Seitdem habe ich auch noch eine Biografie von ihr angeschaut. Sie war eine wirklich inspirierende Person.«

Ich rümpfte amüsiert die Nase. Blaire war so ziemlich das Gegenteil davon, wie ich mir die Menschen vorstellte, die einen Teil von Instagram extra mit einem buchigen Namen versahen und eine eigene Unterwelt voller Bücher erschufen. Doch ich hatte mir ihren Buchbloggeraccount dort einmal angesehen und nicht schlecht gestaunt, wie viele Follower tatsächlich daran interessiert waren, was Blaire las.

»Wie auch immer«, lenkte sie geschickt vom Thema ab, da sie genauso gut wie ich wusste, dass ich kaum etwas mit den Geschichten anfangen konnte, die sie verschlang. »Hast du schon etwas von der Anzeige gehört?«

Seit meinem Gespräch mit Ruby auf der Arbeit war beinahe eine Woche vergangen und ich hatte mich schließlich dazu durchgerungen, tatsächlich eine Mitbewohneranzeige aufzugeben. Doch die Ergebnisse waren ernüchternd.

Ich blies die Luft stöhnend aus und verdrehte die Augen, während ich die Füße tiefer in den heißen Sand bohrte. »Gehört ja, die Qualität ist etwas anderes.«

Wir sahen beide für einen Moment dabei zu, wie einer Frau, die kaum älter sein musste als wir, von einer Windböe der große Sonnenhut vom Kopf geblasen wurde.

»Hast du denn mal jemanden eingeladen?« Blaires tiefblaue Augen lagen interessiert und etwas mitleidig auf mir. Ich hatte auch ihr kurz nach meinem Gespräch mit Ruby von meiner misslichen Lage erzählt und sie hatte ihr zugestimmt, dass es keine schlechte Idee war, mir vorübergehend jemanden in die Wohnung zu holen.

Denn als ich am Abend vom Kino zurück nachhause gekommen war, hatte bereits die nächste Mahnung in meiner Tür geklemmt, die sich sofort mit einem klebrigen Gefühl über mich gelegt hatte. Ich musste handeln, sonst war ich bald obdachlos.

»Nein«, gestand ich meiner Freundin jedoch, die tief seufzte. Doch ich hatte meine Rechtfertigung sofort parat. »Ich fühle mich ehrlich gesagt, als hätte ich mich auf einer Partnervermittlungs- oder Sugar-Daddy-Website angemeldet. Sobald jemand Ich-suche-nicht-nur-Wohnung-sondern-auch-nette-Gesellschaft in seiner Beschreibung stehen hat, bin ich leider raus.«

Angesichts meines entsetzten Blicks überkam Blaire ein herzhaftes Lachen. Mit einem Ruck setzte sie sich auf und kreuzte die Beine. »Ach, Wren. Du musst den Leuten auch eine Chance geben. Nicht jeder, der so etwas schreibt, hat es gleich auf eine schleimige Affäre abgesehen.«

Ich rümpfte dennoch die Nase. War es zu viel verlangt, einen stinknormalen und langweiligen Menschen zu finden, den ich in meine Wohnung lassen konnte?

»Zeig mal her«, forderte mich Blaire schließlich auf und ich rückte nur sehr widerwillig mein Handy heraus.

Sie entsperrte es in wenigen Sekunden mit ihrem Gesicht, das sie vor einigen Wochen in der Erkennung eingespeichert hatte. »Nur für alle Fälle«, hatte sie damals augenzwinkernd gesagt, aber es machte mir nichts aus. Sie war seit der Highschool eine meiner besten Freundinnen und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich diese Tatsache noch einmal ändern würde.

Es dauerte also nicht lange, bis sie auf dem Wohnungsportal angelangt war, das ich mir heruntergeladen und mit Bildern von meiner Wohnung ausgestattet hatte.

»Der hier hört sich doch ganz gut an«, gab sie zu und pfiff anerkennend durch die Zähne, als sie auf das Profilbild des Typen klickte, das ich zugegebenermaßen vorgestern Abend auch einen Moment zu lange angesehen hatte. »Der ist hot!«

Ich verdrehte die Augen und streckte mein Gesicht der Sonne entgegen, während ich sprach und das Stimmengewirr um uns herum ausblendete. »Wie gesagt, ich suche niemanden, mit dem ich ins Bett steigen kann. Sondern jemanden, den ich mit gutem Gewissen in meiner Wohnung alleinlassen kann.«

Ohne hinzusehen, erkannte ich das Schmunzeln in Blaires nächsten Worten. »Und was spricht dagegen, dass du beides haben kannst?

---ENDE DER LESEPROBE---