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Rot Leben, Feuer, Mut, Leidenschaft? Oder einfach nur Warnfarbe? Ist es für manche der Inbegriff von Gefahr, steht es in einigen Kulturkreisen direkt für das reine Glück. In jedem Fall ist es eine Farbe, die man schwer übersehen kann. Lassen Sie sich überraschen, auf welche Weise Sie die Autoren des Büchleins in den Bann der wunderreichen Farbe ziehen werden.
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Seitenzahl: 67
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Mohnblume
Wie das Rot in die Welt kam
Gedanken
Gladiatorenschicksal
Ausgeplaudert
Rote Vielfalt
Die Rose
Am Kamin
Schulweg mit Vulkan bei Leipzig
oder: Eine Mohnblume auf Asphalt
Herbstlicher Konjunktiv
Rosenrot
Stroh zu roter Seide spinnen
Der rote Teufel
(
Morgenröte) Ozeane
Büroromanze
Verstoßen
Erkenntnis
1988
Bordeaux
Miriam, lass dein rotes Haar herunter
Fazit
Anfang und Ende
Sommerabend
Vitae
Blüte des Mohns,
Sinnbild der Vergänglichkeit,
so nennt man Dich gern.
Nicht für die Vase geeignet,
das weiß man doch.
Doch lehren sollte man uns in jungen Jahren schon die Fähigkeit,
etwas zu bewundern, sich erfreuen daran,
ohne den Drang, Besitz zu ergreifen,
zu konservieren,
zu imponieren anderen,
mit dem Besitz der Schönheit,
aufgebahrt in einer Vase.
So sag ich Dir, geh hin zu der Schönen,
breite ein Tuch auf die Wiese,
wo sie steht im Kreis ihrer Schwestern.
Setzt Dich daneben,
den Blick zu ihr.
Lab Dich an Mitgebrachtem,
denn allemal schmeckt es im Grünen am besten.
Und fragt man Dich, ob Deiner Abwesenheit,
ob Du ausreichend versorgt warst über den Tag,
so sage:
„Ja, ich habe Schönheit getrunken“.
Gott mag an sich unfehlbar und allwissend sein, und dennoch: Er denkt nicht immer gleich an das Naheliegende. Das wird niemand bestreiten, der die Bibel – insbesondere die Genesis – kennt. Da sagte Gott zum Beispiel zu sich selbst, nachdem er Adam aus dem Lehm gepolkt und ihm Leben eingehaucht hatte: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“
Sämtlichen Tieren, die er für diesen Zweck erschuf, gab Adam zwar in Gottes Auftrag Namen, doch eine Hilfe im eigentlichen Sinne waren sie ihm nicht. Das Rhinozeros war zu ungestüm, der Löwe zu wild, der Vielfraß zu gefräßig, der Elefant zu groß, die Maus zu klein, die Vögel zu flatterhaft, die Faultiere zu schläfrig, die Gazellen zu scheu und die Affen zu launisch. Verstehen konnte Adam deren Grunzen, Gezwitscher und Gebrüll ebenfalls nicht.
Gott grübelte und grübelte. Wieviel Zeit er darüber verstreichen ließ, ist nicht überliefert – in der Bibel liest sich die Erkenntnis, zu der er schließlich kam, in einem Atemzug. Heureka hat er wohl nicht geschrien, das war erst Archimedes von Syrakus um etwa 250 vor unserer Zeitrechnung vorbehalten, doch vor den Kopf wird er sich geschlagen und ausgerufen haben: „Was bin ich doch für ein ...“ Halt! Keine Gotteslästerung, obwohl – wenn der Herr gegen sich selbst Kritik übt, ist es wohl keine Blasphemie.
Und warum schlug er sich nun vor den Kopf? Einfach deshalb, weil er ja gesagt hatte: „... eine Hilfe machen, die IHM entspricht“. Dem Menschen nämlich. Und das kann nun mal kein Tier sein, wäre es auch der treueste Hund, intelligenteste Krake oder anhänglichste Grottenolm.
So betrat nun Eva die Bühne der Welt und steuerte ihren Teil zum Dilemma bei, doch das ist ein Kapitel für sich. Ich sollte jetzt bald auf meine Überschrift dieser Geschichte kommen, denn was Adam und Eva mit der Farbe Rot in Verbindung bringt, dürfte sich den Lesern bis hierher wohl nicht erschlossen haben. Ist auch gar nicht nötig – ich wollte lediglich darauf hinaus, dass Gott auch nicht alles gleichzeitig bedenken kann. Die Erschaffung von etwas so Komplexem, wie der Welt, und das in nur ein paar Tagen, ist eine Mammutaufgabe. Die natürlich nur der Herr, zu bewerkstelligen imstande ist, und doch gab es für ihn hier und da immer mal wieder etwas nachzubessern.
Jetzt denkt man sofort an die Sintflut, die – außer Noah und dessen Familie – das erste, mit Fehlern behaftete Menschengeschlecht in die Gosse der Geschichte spülte. Oder an den Turm zu Babel, deren Erbauern der Herr die Sprachen verwirrte, sodass der Turm nie vollendet werden konnte, weil keiner mehr den anderen verstand. Ja, das waren Nachbesserungen oder Korrekturen, die man im Buch der Bücher lesen kann. Aber etwas steht nicht in der Bibel, nämlich wie es Gott während der Genesis mit den Farben hielt. Und wie schließlich das Rot in die Welt kam.
Zunächst war die Erde grau. Dessen wurde der Herr ansichtig, als er den Schalter umlegte und das Licht von der Finsternis schied, um sich bei seinen weiteren Schöpfungen besser orientieren zu können. Gut, dachte er, da werden jetzt nur Farben helfen. Gelb nahm er für die Strände und Sonnenblumen, Blau für das Meer und den Himmel. Grün, welches er aus diesen beiden Farben mischte, für die Pflanzen und Polarlichter. Und Gott sah, dass es gut war. Aber es war noch nicht gut genug. Irgendwas fehlte. Die Berge waren noch immer grau in grau. Die Stämme der Bäume auch. Die Rehe, Hasen, das Herbstlaub, sogar Schokolade – alles grau. Die Sonnenaufgänge dagegen blassgrüngelb.
Gott experimentierte munter drauflos. Er vermischte, verdünnte, mixte, rührte, tropfte, spritzte und pinselte – umsonst.
„Oh Gott“, sprach er zu sich selbst. „Da hast du nun Schwarz und Weiß, Blau und Gelb erfunden, und es hat dir keine Mühe gemacht. Streng dich gefälligst ein wenig an!“
Doch es wollte ihm nicht gelingen, eine Farbe zu kreieren, die die Wärme in die Welt brachte. Ja, genau das war es: die Wärme fehlte. Und obgleich die Sonne vom Firmament herunterbrannte, blieb der Anblick der Welt kalt.
Der Herr wäre nicht der Herr, wenn er klein beigegeben hätte. Verbissen experimentierte er weiter; die Farbe indes, die er suchte, fand er nicht. Und dabei gab es sie bereits. Man konnte sie nur nicht sehen.
Um sich ungestört anderen Dingen widmen zu können, hatte der Herr die Aufgaben unter seinen himmlischen Mitarbeitern verteilt. Einigen von ihnen war gar die Evolution anvertraut worden, die sie überwachen sollten, damit nichts aus dem Ruder lief. Nun lobte der Herr einen Wettbewerb aus. Wer ihm innerhalb einer gewissen Frist – ich glaube, es handelte sich dabei um dreißig Jahre, drei Monate, zwei Wochen und eine Stunde – einen neuen Farbton präsentieren könne, der sich von allen anderen bislang existierenden Farbtönen unterschied, sollte einen zwanzigjährigen Kurzurlaub im neu erschaffenen Paradies auf dem Planeten Luxurius im Sternbild Alpha Centauri als Preis erhalten. Natürlich all inclusive und im noblen Achtzehn-Sterne-Hotel in unmittelbarer Strandnähe des Smaragdmeeres.
Die Mitarbeiter ließen alles stehen und liegen, um sich der Herausforderung zu stellen. Dabei blieb manches auf der Strecke und geriet zeitweilig in Vergessenheit, wie beispielsweise die Geburt Jesu Christi und die langfristige Planung der Apokalypse bis ins Detail. Tja, hätte Gott nicht die fehlende Farbe gesucht oder sie beizeiten gefunden, befänden wir uns nun schon im Jahre Dreitausendneunundsechzig und wären unterdessen zu vollkommenen Wesen herangereift – oder hätten den Weltuntergang längst hinter uns; wie auch immer …
Die Lösung für das Farbproblem des Herrn kam – wie so vieles in der Forschung – völlig unerwartet und wenig spektakulär daher. Gott ist groß, also denkt er auch in diesen Dimensionen. Und damit zu kompliziert. Der kleine Mitarbeiter seiner himmlischen Fakultäten denkt in weitaus winzigeren Maßstäben, vor allem dann, wenn es sich um Insektenforscher handelt.
Während der Insektenforscher von heute die Lebensweise der Tierchen untersucht, ging es seinem göttlichen Kollegen zu Zeiten der Genesis darum, diese vom Herrn sozusagen grob geschaffenen Lebewesen zu vervollkommnen. Bei seinen Experimenten widmete er sich der Fortpflanzungsfähigkeit genauso wie dem weiteren Nutzen der winzigen Exemplare auf Erden.
Quintinius Carminium, welcher sich im Fünften Göttlichen Labor mit den kaum noch mit bloßem Auge wahrzunehmenden Insektenwinzlingen befasste, hatte eines Tages mit Schildläusen experimentiert und entgegen seiner Gewohnheit seinen Labortisch zum Feierabend nicht aufgeräumt. Dass ein spontaner Umtrunk mit seinen Forscherkollegen anlässlich seines fünfhundertsten Betriebsjubiläums dafür verantwortlich zeichnete, soll hier nicht näher ausgeführt werden. Als er am nächsten Morgen an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte, war da ein hässlicher, handtellergroßer, grauer Fleck: Eine eingetrocknete Essigpfütze mit darin verendeten Schildläusen.
