Rote Sonne - Johanne Lykke Holm - E-Book

Rote Sonne E-Book

Johanne Lykke Holm

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Beschreibung

Ein brütend heißer Sommer in einer schmutzigen, trägen Stadt am Fluss. India arbeitet an der Universität dieser Stadt und lebt gemeinsam mit ihrem Freund Kallas in einem Wohnkomplex mit Parkanlage. Da lädt Desma, eine Freundin aus Kindertagen, das Paar in ihr großes Haus am Meer ein, und die beiden fahren hin. Dort angekommen, legt sich jedoch eine seltsame, unheimliche Stimmung über die scheinbare Urlaubsidylle. Im Radio wird von verschwundenen Kindern berichtet, ein Mann ertrinkt fast beim Baden, Feuer wüten in der näheren Umgebung. Eines Nachts tauchen drei Kinder auf, die allein sind und nirgendwo hin können. Desma bietet den Kindern Unterschlupf für die Nacht, aber als sich der Waldbrand weiter ausbreitet, sind sie gezwungen, länger zu bleiben. Die Dinge verkomplizieren sich, als India und Kallas eine liebevolle und fürsorgliche Beziehung zu den Kindern aufbauen und letztlich vor der Fragen stehen, wem Kinder eigentlich gehören, ob sie überhaupt jemandem gehören. In Rote Sonne erzählt Johanne Lykke Holm von Gemeinschaft und Familie, von Fürsorge und Verantwortung, aber auch von drohender Gewalt und Unheimlichkeiten, von Versehrungen, die Menschen ein Leben lang prägen. Johanne Lykke Holm schafft mit ihrer kraftvollen und einzigartigen Bildsprache eine intensive Atmosphäre und erzählt eine Geschichte, die so glaubhaft wie metaphysisch ist, traumgleich und gleichzeitig hellwach.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Johanne Lykke Holm

Rote Sonne

Aus dem Schwedischen von Hanna Granz

AKI

Für Khashayar

Ich bin nicht Mutter, habe keine Mutter,

bin kein Geschwister, habe kein Geschwister,

lieg vor der Tür und bin doch nicht der Wachhund,

ich red und stehe doch nicht Rede, lebe

und lebe nicht, hab langes Haar und fühle

doch nichts von dem, was Weiber, heißt es, fühlen.

 

Elektra

Hugo von Hofmannsthal

I

India legt die Hand auf die Theke und bittet um ein Pfund Rind-fleisch. Die Verkäuferin nickt kurz, nimmt das Fleisch und legt es vor sich hin. An der Wand hinter ihr hängen die Metzgerwerkzeuge und glänzen im harten Licht der Neonröhre. Die Verkäuferin schneidet und wiegt, wo sie arbeitet, ist Blut auf dem Metall. Ihre Fingernägel unter den Gummihandschuhen sind lackiert, das Korallenrosa des Nagellacks beißt sich mit dem Roten. Sie schnürt ein Paket, schreibt mit dem Permanentmarker den Preis quer darüber. In der Putzmittelabteilung weiter vorn fällt etwas zu Boden, und India dreht sich um. Weißes Pulver auf den blauen Fliesen. Jemand klopft gegen die Scheibe der Theke. India zuckt zusammen, erwidert den Blick der Verkäuferin. Mit beiden Händen nimmt sie das Fleischpaket entgegen und legt es in ihren Korb. Schaut zu Boden. Die Plastiksandalen und das Fußkettchen, das Gitter im Boden, wo das blutige Wasser abläuft. Als sie wieder aufblickt, ist die Verkäuferin bereits mit der nächsten Kundin beschäftigt, kehrt ihr den Rücken zu und hebt eine Aluminiumschale aus einem glänzenden Kühlschrank. India fährt sich mit der Hand über den verschwitzten Nacken und geht weiter durch den Laden.

Sie packt Brot, Tomaten, Rotwein ein. Den letzten Carob-Kuchen aus dem Regal. Greift nach einer großen Rispe fast schwarzer Weintrauben, überlegt es sich dann aber anders. Nimmt stattdessen eine kleine, aber perfekte Wassermelone und eine große Handvoll Kirschen. Bei den Milchprodukten verweilt sie, genießt für einen Moment die kalte Luft aus den Kühlaggregaten. Schließt die Augen, atmet die Feuchtigkeit ein, nimmt sich dann eine Flasche Sahne und Butter, schaut in ihren Einkaufskorb, ob sie an alles gedacht hat. Auf dem Weg zur Kasse packt sie Datteln, Salz und Mineralwasser ein. Sie hebt den Korb und legt die Waren auf das Kassenband, greift nach Kaugummi mit Zimtgeschmack. Nickt der Kassiererin zu, bezahlt schnell und fängt dann an, alles in ihre Netztasche zu packen. Die Weinflaschen passen nicht hinein, India drückt sie an ihre Brust, hängt sich die Tasche in die Armbeuge. Sie schaut zur Seite. Die anderen Frauen sind da. Sie überreichen Scheine und Münzen, rufen einander zu und lachen. An der Tür steht ein Mädchen und schält eine Apfelsine. Lässt die Schalen auf den Boden fallen, wischt sich die Hand verlegen am Kleid ab.

Die Hitze vor dem Geschäft ist unerträglich. Die Sonne ist der Erde näher gerückt, als wolle sie diese verbrennen. India hätte sich gerne eine Zigarette angezündet, geht stattdessen aber über die Straße zum Blumenladen. Der Asphalt unter ihren Plastiksandalen fühlt sich weich an und riecht stark giftig und vulkanisch, wie eine Fabrik, die in Brand geraten ist. India stemmt sich mit der Schulter gegen die Tür, hört es über sich läuten. Drinnen ist die Luft kühl, und es duftet, alles ist frisch und lebendig, Dahlien und Efeu und Sonnenblumen, eine extravagante Pflanzenwelt, die sich zur Decke streckt. Und mitten in all dem Grün die Verkäuferin wie ein Luftgeist, wie zur Hälfte aus Dampf, das Haar unterhalb der Ohren zu zwei weichen Knoten gebunden. Als India eintritt, blickt die Verkäuferin auf, sagt aber nichts, arbeitet weiter an ihrem Gesteck, befestigt eine schwarze Trauerschleife an einer kerzengeraden Lilie.

India lässt ihren Blick durch den Raum wandern, die Plastikeimer mit Eukalyptus und die illuminierten Blumenkühlschränke, in denen alles in kräftigen Farben leuchtet. Lange starrt sie auf eine dunkelviolette Flamingoblume, nimmt dann aber, wie immer, das Billigste: grüne, bereits aufgebrochene Nelken. Die Verkäuferin wickelt die Blumen in Zeitungspapier und bindet sie mit einer Schnur zusammen. Hinter der Theke hängt ein schmutziger Spiegel. Darin sind die Pflanzen und der Nacken der Verkäuferin zu sehen, ins Licht der Armaturen getaucht. Ein Schweißtropfen rinnt India vom Haaransatz über die Stirn und die Nase hinab, er legt sich in das Grübchen über dem Amorbogen, rinnt weiter und verschwindet zwischen ihren Lippen. Der salzige Geschmack erinnert sie ans Meer, man bekommt Wasser in den Mund und schluckt, India fährt sich mit der Zunge über die Zähne, die sich gummiartig anfühlen oder wie Korallen; ein scharfer Geschmack nach Tang. Die Türglocke läutet, und India schaut. Ein junger Mann starrt auf seine Füße. Vor Nervosität wirkt er unscharf, er scheint nicht recht in seinen Körper zu passen. Dann beginnt er rastlos zwischen Kübeln voll roter Rosen umherzugehen. Die Verkäuferin lächelt unmerklich, dann schaut sie wieder auf die hysterisch grünen Nelken, die unterwürfig vor ihr liegen, greift nach der Blumenschere und arbeitet weiter.

Erst als India den Strauß entgegennehmen soll, merkt sie, dass sie die Weinflaschen und die übervolle Netztasche noch immer in den Armen hat. Sie macht eine entschuldigende Kopfbewegung und stellt alles auf der Theke ab. Die Verkäuferin überreicht ihr den Strauß mit einer routinierten Geste. India nimmt die Blumen und zieht ihr Portemonnaie aus dem BH, bezahlt mit einem Geldschein. Die Verkäuferin kommt um die Theke herum. Sie trägt schwarze kniehohe Stiefel, als könne ihr die Hitze vor dem Laden nichts anhaben. Dicht stellt sie sich neben India und hängt ihr die Tüten und die Netztasche um, schiebt ihr die Flaschen unter die Arme, als wäre das alles Teil eines sehr komplizierten Kostüms mit Corsage, bei dem jedes Band mit einem besonderen Knoten befestigt werden muss. Sie steckt India den Strauß unter den Arm. Dann mustert sie sie von Kopf bis Fuß, bewundert ihr Werk. Über die krausen grünen Blüten hinweg sehen sich die Frauen an. India wird verlegen, lacht nervös und senkt den Blick. Sie bedankt sich ein wenig zu laut und drückt die Tür mit der Schulter auf.

Draußen schlägt ihr die Hitze mit voller Wucht entgegen. India bleibt einen Augenblick stehen, um sich wieder an den Staub, das Tageslicht und die trockene Luft zu gewöhnen. Die Kühle des Ladens haftet für einen Moment noch an ihrer Haut, bevor sie endgültig verdunstet. India fühlt sich dem Wetter ausgeliefert, wie gemaßregelt von den hohen Temperaturen. Über ihr hängen die Wolken und spiegeln sich in den Blechdächern. Die Stadt ist groß, aber kompakt und liegt an einem nichtssagenden Fluss, der in ein labyrinthisches Delta mündet, wo die Trauerweiden sacht über der vibrierenden Wasseroberfläche hin und her streichen, um dem Fluss mit ihrem stummen Schauspiel zu huldigen, diesem Fluss, der der Stadt und den umliegenden Bergen seinen Namen gegeben hat, auch wenn man ihn tatsächlich von dort, wo man gerade steht, nie sehen kann, und der sich damit begnügt, sich durch seinen faden Geruch zu erkennen zu geben sowie durch die Stürme, die sich hin und wieder weit draußen sammeln und über die Stadt hinwegrollen, ein starker und schmutziger Wind, der durch die Straßen fegt wie eine rastlose, blutrünstige Jugendgang und die Einwohner aus ihrem Schlummer reißt. Die Menschen hier sind müde, aber beflissen. Jeder Tag ist eine Wiederholung des vorangegangenen, und ohne die Stürme würde die Stadt immer tiefer in einen kollektiven Schlaf sinken, der am ehesten dem Tode gleicht. Hier, in der Stadt am Fluss, herrscht eine Erschöpfung, die sich von Generation zu Generation weitervererbt, weil niemand je Erholung findet, selbst wenn er sich tatsächlich einmal ausruht. Hier ist der Urlaub nur weitere Arbeit, etwas, das ertragen werden muss, genau wie die Katastrophen und die glücklichen Wendungen, Geburten und Beerdigungen, alles ist dasselbe, weil alles gleich ermüdend ist. Das Einzige, was belebend auf die Leute wirkt, ist dieser Wind, der jeweils mit dem Frühlingsende und dem Herbstanfang kommt und in seltenen Fällen auch an einem klebrigen Sommertag wie diesem, an dem India mit ihrer Netztasche auf der Hüfte und den Nelken, die bereits die Köpfe hängen lassen, unter dem schwitzenden Arm durch die Straßen geht.

India streckt sich, bleibt stehen und atmet durch, es brennt in der Lunge und in den Handflächen, sie wird hässliche Blasen bekommen, feuerrote Beulen, die aufplatzen und eine durchsichtige Flüssigkeit absondern werden. Sie blickt auf die weißen Gebäude, die einen Ring um den Marktplatz bilden. Über allen Fassaden liegt ein Grauschleier, der, wenn man nah genug herangeht, stark nach Rauch und Abgasen riecht. Um sie herum tost der Verkehr, und über den Bergen hängt der Smog dicht und gelb. India geht langsam und bleibt oft stehen, lässt ein paarmal beinahe die Flaschen und die Tomaten fallen, die Netztasche droht ihr zu entgleiten. Sie gelangt zum Park, an dem ein Aushang darüber informiert, dass das öffentliche Schwimmbad noch den ganzen Monat geöffnet sein wird. Auf einer Schiefertafel hat der Parkwächter in großen hellblauen Kreidebuchstaben die Tagestemperatur notiert, siebenunddreißig Grad im Schatten.

Mit dem Fuß stößt India das Tor auf und geht quer über den Rasen, an einer Reihe von Mastixsträuchern vorbei, die nach grünem Terpentin und Zuckerwatte riechen. Ihre Sandalen klappern beim Gehen, ein rhythmisches, beruhigendes Geräusch, das mit dem Sommer zu tun hat: verlassene Straßen entlangzugehen, wenn alle anderen im Urlaub sind, zu hören, wie die Schritte endlos widerhallen, weil man allein in der Hitze ist und die Stadt einem deshalb anheimfällt, einfach, weil niemand anderes da ist. Um sie herum ragen getrimmte Sträucher auf, grüne Würfel und große Kugeln. India kommt an einer Zypresse vorbei und an einem Kiosk, wo man Limonade und Chips kaufen kann. Auf einem Hügel steht eine Skulpturengruppe, die auf ein Schwimmbecken herabschaut, und auf dem kleinen Pfad, den sie zwischen dem hellgrünen Wasser und den weißen Plastikliegestühlen entlanggeht, riecht es nach Chlor und nassem Stein. Im flachen Teil des Beckens treibt eine Frau zwischen den Kleinkindern auf dem Rücken. Sie schwimmt zum Beckenrand und greift nach einer Zigarettenschachtel, raucht, die Arme auf den Steinbelag gestützt. Ihre Wangen glänzen vom Wasser und leuchten in der grellen Sonne. Auf einem Stein sitzt ein Kind und trinkt Melonensaft aus einem pyramidenförmigen Pappkarton. India grüßt, und das Kind grüßt zurück. Sie geht weiter, schweißnass unter den Brüsten und zwischen den Oberschenkeln.

Als sie endlich in ihre Straße einbiegt, wird sie automatisch schneller, als müsse sie sich beeilen, als müsse sie einen vollbesetzten Zug nach Süden erwischen, man rennt durch den Bahnhof, das Herz sprengt einem fast die Brust, man hat panische Angst, den Zug zu verpassen, der einen aus der Hitzeglocke befreien und ans Meer bringen wird, wo, wie es heißt, abends eine Brise durch die Straßen weht und man am Kiosk auf der Strandpromenade gekühlte Getränke und Vanillekrapfen kaufen kann. India schiebt das Tor auf, hebt den Blick zum Himmel, wo ein Militärflugzeug schneller fliegt als sein Schall, eine weiße Wolke hinter sich herziehend wie einen Schweif, dann geht sie über den Innenhof.

Sie wohnen im siebten Stock, im ersten von einer Reihe identischer Hochhäuser, uneinnehmbaren Betonklötzen, die inmitten einer üppigen Grünanlage errichtet worden sind. Die Laubengänge sind voller Topfpflanzen und Satellitenschüsseln, hier und da hat jemand eine Fahne über sein Geländer gehängt. An der Fassade stehen verschiedene Parolen in roter Schrift, an manchen Stellen hinter Werbeplakaten und handgeschriebenen Aushängen verborgen. Für India ist es der glücklichste Ort der Welt, denn es ist ihrer und der all der anderen Menschen, die unmittelbar neben ihnen wohnen. Das Rauschen in den Leitungen und der Fahrstuhl und das Treppenhaus, das wackelt, wenn die Jugendlichen abends rauf- und runterrennen.

Plötzlich fällt India ein Ball ins Auge, der einen Plattenweg durch die Wiese entlangrollt, er rollt und rollt wie aus eigener Kraft, um am Ende in einem rechteckigen Wasserbecken zu landen, wo vor langer Zeit jemand goldene Fische und kleine Frösche zwischen den Seerosen hineingesetzt hat. Der Ball gehört den Nachbarskindern, sie erkennt den Namen, den sie mit Permanentmarker auf den orangen Untergrund geschrieben haben. India will ihn aus dem Wasser retten, kann ihre Einkäufe aber nirgends abstellen. Da entdeckt sie einen jungen Mann, der etwas entfernt die Wege abspritzt, sie will rufen, lässt es aber sein, sie weiß nicht, warum, vielleicht, weil ihr plötzlich ein goldener Sonnenstrahl ins Gesicht fällt, etwas Sakrales, als halte ihr jemand eine Hand vor den Mund. Sie pfeift einen tiefen Ton, und der Mann schaut zu ihr. Sie macht eine Kopfbewegung, und er erblickt den Ball. Nickt und legt den Schlauch beiseite, geht zum Becken.

India hat den Schlüssel vergessen, drückt mit dem Ellenbogen den Klingelknopf, auf dem der Name, der früher nur seiner war, den sie jetzt aber beide tragen, in Schwarz von hinten beleuchtet, steht. Ihr kommt es so vor, als könne sie durch die offene Balkontür oben die Klingel hören. Sie sieht ihn vor sich, wie er die Wohnung durchquert, barfuß und stark in dem zerknitterten weißen Hemd, das sie ihm vor ein paar Stunden herausgelegt hat. Er sagt kurz Hallo. Sie antwortet.

»Ich bin’s.«

Sie betritt den Flur, und Sonnenlicht fällt auf sie. An den Nachmittagen ist die Wohnung in helles Licht getaucht, man geht darin umher wie über den Grund eines tiefen Sees, in dem die Sonne ein Bad nimmt. Ein paar Stunden später, wenn es Abend wird, scheint dagegen alles blau und wie gefroren, das Atmen fällt plötzlich schwer, es ist die blaue Stunde, und man bewegt sich langsamer. Spricht wenig, wartet auf den Moment, in dem sich die Nacht herabsenkt und man sich in den Zimmern wieder rühren und in der warmen Dunkelheit laut und unbeschwert reden kann.

India streift sich die Sandalen ab und schlüpft in ihre Pantoffeln, sie sind aus Satin und glänzen beim Laufen. Sie ruft Kallas, und er antwortet aus der Küche. Im Spiegel neben der Garderobe erblickt India kurz sich selbst. Ein Gesicht wie so viele andere, sie ist sonnengebräunt und verschwitzt, ein Sommermensch. Die Netztasche hängt über ihrem Arm, hat schmerzende Striemen in der Haut hinterlassen. India pustet in ihre Armbeuge und spürt den Schweiß ihren Rücken hinabsickern. Am liebsten würde sie in ein Eisloch eintauchen und dort bleiben, bis alles erstarrt. Ihre Hände fühlen sich glitschig an, sie fürchtet plötzlich, dass ihr die Weinflaschen entgleiten könnten, und durchquert rasch die Wohnung. Drei Zimmer haben sie, grün, rot und lila gestrichen. Der abgewetzte Fußboden ist dunkel gebeizt, und an den Wänden stapeln sich Bücher. Alles ist voller Pflanzen. Überall dringen sie ein und halten sich nicht an die Schwerkraft, kriechen über und unter ihre Sachen. Im Flur, der zur Küche führt, hängt ein hellrosa Trockenstrauß. India hat ihn dort aufgehängt, um sich an den Abend zu erinnern, an dem sie ihn bekommen hat. Kalt war es da und dunkel, Kallas kam von der Metro auf sie zu, und es fühlte sich an, als würde ihr das Herz in den Mund kriechen.

Kallas steht über den Abwasch gebeugt, spült zügig die Wassergläser ab. Er ist schön, ätherisch wie ein Gott und gleichzeitig erdverbunden, der irdischste Mensch, den sie kennt, ein warmherziger Herrscher. Sein Haar ist schwarz, schimmert aber rötlich, wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel darauf fällt. Über der Stirn liegt ein ernster Zug, der in permanentem Konflikt mit dem Mund steht. Diesem fällt es schwer, nicht ständig alle und alles anzulächeln. Wenn Kallas lacht, lacht er laut, und seine Augen funkeln mit den Zähnen um die Wette, und wenn er sich mit der Zunge über die Lücke fährt, die wie ein Strich durch seinen Mund verläuft, denkt India immer an den Jungen, der er einmal gewesen sein muss, zuckersüß und mit genau derselben Zahnlücke. Und dann die Augen, wie soll man die beschreiben? Eine Schwärze, von der India manchmal schwindlig wird und die sie manchmal auch erschreckt. In deiner Nähe sollte man immer eine Sonnenbrille tragen, sagt sie oft und schirmt ihre Augen mit der Hand ab.

Mit einem lauten Knall stellt India ihre Einkäufe ab, und Kallas dreht sich zu ihr um. Sie küsst ihn, er ist warm vom Tag, hat nicht geduscht, legt ihr die Hände in den Nacken, die kalt vom Wasser sind. India schaudert. Sein Mund schmeckt süß und tief, und die Erinnerung an das erste Mal blitzt in ihr auf:

Sie sind nachts durch die Straßen gegangen, es war Winter, und der Fluss war gefroren. Auf einer steinernen Brücke haben sie sich geküsst, die Straßenbeleuchtung funktionierte dort nicht, deshalb geschah es in vollkommener Dunkelheit, in ihrer Erinnerung aber sieht sie alles. Kallas fasste sie um den Nacken, und so standen sie da, bis er sie schließlich küsste. Sein einzigartiger Mund, der nur ihrem eigenen gleicht. Den ganzen Abend schon hatte sie ihn angestarrt, während Kallas redete und redete und auf seine ganz bestimmte Weise gestikulierte, ohne auf einen einzigen ihrer bewährten Tricks hereinzufallen, ihre Verführungskünste, das glaube ich dir keine Sekunde, sagte er nur, lakonisch und glücklich.

In seiner Version ihres gemeinsamen Mythos ist dagegen sie diejenige, die sich auf die Zehenspitzen stellte, die Hände um seinen Nacken legte und ihn küsste. Die Verhandlungen darüber, wie es wirklich war, dauern seit sieben Jahren an, obwohl India ihn mehrfach dazu zu bringen versucht hat, eine diplomatische Geschichtsschreibung zu akzeptieren, nach der es tatsächlich er war, der sie geküsst hat, während sie ihn anschließend mit zu sich nach Hause gezerrt hat. Du hattest rosa Bettwäsche, sagt er dann immer und hebt den Zeigefinger, als würde das irgendetwas beweisen.

Wie dem auch sei, von dem Abend an ist alles gewesen, wie es sein soll. Es stellte sich heraus, dass Kallas von Anbeginn an all ihre Geheimnisse kannte und über vertrauliche Informationen bezüglich der entlegensten und verborgensten Bereiche ihres Inneren verfügte. Es war, als würde er sie längst kennen. Als wüsste er bereits alles über sie. Jedes Mal, wenn sie dazu ansetzte, ihm mit pochendem Herzen etwas Schmerzliches über sich zu gestehen, das sie noch keiner Menschenseele anvertraut hatte, nickte er nur, als würde sie ihm etwas aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit erzählen. Dann zuckte er die Achseln, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und legte den Kopf schief. Keine Angst, Liebste, das macht doch nichts.

Sie selbst liebte Kallas über alles, denn er war alles, eine Art mystischer Raum, zu dem nur sie allein Zugang hatte, ein Ort, an dem alles von behutsamen Händen und nach heiligen Prinzipien, die nur er selbst kannte, geordnet war. Er sagte, Gott, wie ich dich liebe!, und legte sich ihr zu Füßen. Sie legte sich neben ihn und sagte dasselbe. Wo bist du nur gewesen, sagte er. Warum hast du so lange gebraucht, sagte sie. Und die Jahre vergingen, und alles Tiefe wurde noch tiefer. India weiß, dass es albern klingt. Und leitet alles, was sie über Kallas erzählt, mit dieser Vorbemerkung ein: Ich weiß, es klingt albern. Dann streckt sie die Hand aus und schließt sie wieder. Aber deshalb ist es nicht weniger wahr. Und dann erzählt sie ganz offen und mit großem Ernst, es gebe ein Vor und ein Nach Kallas. Alles, was davor war, könne im besten Fall als eine Art Halbschlaf beschrieben werden, ein lebenslängliches Koma, das durch wer weiß was verursacht worden sei, eine Unfähigkeit, wirklich zu leben. India weiß, dass ihr Glück die Art introvertiertes Glück ist, die alles in Zeichen verwandelt und die Welt aus einem bestimmten Winkel beleuchtet. Ein Wind fährt durch den Raum, und er tut es ihretwegen. Ein Veilchen erblüht über Nacht. Die Ampel wird im selben Augenblick grün, in dem sie auf die Straße treten. Ein Paar schöner Schuhe sind im Laden nur noch in ihrer Größe vorhanden, und er hält sie triumphierend hoch.

Jetzt lässt sie Kallas los, und er wendet sich wieder dem Abwasch zu, wischt sich mit der Hand über die verschwitzte Stirn. India setzt sich auf die Arbeitsplatte, um seinen Händen, der Hausarbeit zuzuschauen. Von unten brandet Verkehrslärm herauf.

»Ich habe alles bekommen, bis auf das Rosenwasser.«

Kallas nickt und dreht den Wasserhahn auf, deutet auf einen kümmerlichen Salatkopf, den er wahrscheinlich ganz hinten im Kühlschrank gefunden hat. India bricht ein Blatt nach dem anderen ab und reicht es ihm. Sieht zu, wie er den Salat wäscht und alle Blätter neben der Spüle auf einen Haufen legt. Der goldene Ring, die angebissenen Nagelbette. Die kindliche Rastlosigkeit seines Körpers, die archaische Ruhe seiner Seele. Die Schlüsselbeine und die Kette mit dem kleinen Jadestein, der in seiner Halsgrube ruht. Dann fasst er die Blätter zu einem Strauß zusammen und schlägt damit in die Luft, das Wasser spritzt. India weicht aus, springt von der Arbeitsplatte, damit ihr Kleid nicht nass wird. Ärgerlich blitzt sie ihn an, und er lacht.

Sie stellt sich ans Fenster und beugt sich hinaus. Eine Frau geht über den Hof, einen Wäschekorb auf den Bauch gestützt. Die Frau bewegt sich langsam, bleibt stehen und schaut in eins der Becken, anscheinend treibt dort ein toter Fisch an der Oberfläche. Die Frau setzt ihren Weg zu den Wäscheleinen ganz hinten im Innenhof fort, an denen Wäscheklammern in langen Reihen klemmen, ausgeblichen und längst nicht mehr rot. Sie bückt sich und hebt schwarze Stoffe aus dem Korb, die auf den Steinbelag tropfen, hängt sorgfältig alles auf und streicht glättend mit der Hand darüber. Neben ihr spielen die Nachbarskinder. Sie rollen sich den orangefarbenen Ball nach Regeln zu, die India nicht kennt. Drumherum glitzern das Wasser und die Steine. Der junge Mann hat seine Arbeit unterbrochen, liegt im Gras, die Augen geschlossen und das Gesicht zum Himmel, um ihn herum ringelt sich der Wasserschlauch wie eine schläfrige Schlange.

India steckt sich eine von Kallas’ Zigaretten an und raucht langsam. Sie blinzelt in die untergehende Sonne. Dächer und Parks, was man vom siebten Stock alles sehen kann. Jenseits der Stadt, am diesigen Horizont, erheben sich die hohen Berge. Zu ihren Füßen liegt untertänig das Meer. India schließt die Augen, raucht. Kallas ruft, und sie dreht sich um. Er reicht ihr eine Tasse Kaffee, und sie nimmt sie vorsichtig entgegen, streckt die Hand nach dem Zucker aus und gibt zwei Löffel hinein, rührt um. Kallas nimmt ihr die Zigarette aus dem Mund und zieht, ganz leicht nur, als würde er den Rauch seine Lunge nur streifen lassen. Dann steckt er die Zigarette wieder zwischen ihre Lippen und zwinkert ihr zu, spielt den Charmeur. Sie zwinkert zurück, behält die Zigarette im Mund und zieht den Rauch tief ein, bis es in der Lunge brennt. Lange schaut sie ihm in die Augen, sie könnte darin ertrinken. Sieht den Rauch wie eine lebendige Säule zwischen ihnen aufsteigen.

Kallas dreht sich um und stellt die Nelken ins Wasser, die er zuvor diagonal angeschnitten hat, das Obstmesser glänzt im Licht des Küchenfensters. Dann schaltet er das Radio ein und singt mit, es ist ein Song aus seiner Jugend, den er auswendig kann. India löst sich vom Fenster, streicht im Vorbeigehen mit der Hand über seinen Rücken. Langsam geht sie durchs Wohnzimmer und tut so, als sähe sie die Stapel ungefalteter Wäsche nicht, die staubigen Fensterbänke, all das Häusliche, geht geradewegs auf den Balkon. Hier oben ist die Hitze eine andere, weicher und offener und nicht so drückend. Sie stellt ihre Tasse auf das Geländer, versucht die Kühle des lauen Winds einzufangen. Hinter ihr bauscht sich ein dünner Vorhang, und aus der Küche ist das Plätschern des Wasserhahns zu hören.

Von hier aus kann man tatsächlich den Fluss sehen. Wie ein schmutziger Streifen liegt er zwischen den Hochhäusern und zieht alle besorgten Blicke auf sich, stumm und verkümmert nach der langen Trockenheit. Wenn die Sommerabende am wärmsten sind, stehen alle Nachbarn auf den Balkonen und starren zu ihm hinunter, als hätte eine Vorahnung sie gerufen oder ein kaum zu hörendes Flüstern aus den Baumkronen, eine körperliche Unruhe oder ein kollektiver Impuls, nach dem Fluss zu schauen, wie man nach einem kränklichen Kind schauen würde. Oder wie wenn einem plötzlich einfällt, eine alte Freundin zu besuchen, und man findet sie auf dem Totenbett. Im Flur stehen schon die Frommen für die letzte Ölung bereit. Man harrt neben ihr aus und bereut, dass man nicht viel früher gekommen ist, ihr so vieles nie gesagt hat. Man benetzt die gelber werdende Stirn der Sterbenden, kämmt behutsam ihr Haar. Bis das Blatt sich plötzlich wendet. Die Sterbende erwacht, ihre Augen werden klar, und sie bittet einen um Dinge: fette Milch, gebratenes Fleisch, diese Kekse, die sie als Kind immer gegessen hat. Und man atmet auf und dankt seinen Göttern, verspricht, von nun an immer zu kommen, sobald sie nach einem ruft. Genau wie die Nachbarn, die Abend für Abend auf ihre Balkone zurückkehren, bis zu dem Tag, an dem der erste Spätsommerregen fällt, es ist jedes Jahr dasselbe, man sitzt Totenwache am Fluss, und der Fluss überlebt; gerettet, wie immer, vom Wasser aus den Bergen.

In der Wohnung klingelt ein Handy, und India zuckt zusammen. Es ist nicht ihr Klingelton, sondern der gellende, vorinstallierte, den niemand außer Kallas benutzt. Sie dreht sich um und ruft:

»Kallas! Telefon!«

Er antwortet nicht. Es klingelt und klingelt, und dann hört es wieder auf. India stürzt den kalt gewordenen Kaffee hinunter und stellt die Tasse auf dem Fensterbrett hinter der Balkontür ab. Dort steht bereits eine ganze Sammlung, sonnenwarm, klebrig und mit Kaffeesatz am Boden. Auf jeder einzelnen ihr Markenzeichen: ein roter Mundabdruck, der am Porzellan klebt. Eines Tages wird sie sie alle in die Küche tragen. Eines Tages, wenn sie aufwacht und ein anderer Mensch ist.

An einem der Fenster bauscht sich die Gardine nach innen, bewegt sich wie ein rosa Gespenst. Ein Sturm kündigt sich an. Rasch läuft India dorthin und legt den kleinen Haken vor. Stellt fest, dass das Licht, das auf die Wände fällt, nahezu blau geworden ist. An einer Wand hängt ein großer ovaler Spiegel, in dem sich das Zimmer einen Moment lang spiegelt und wie die billige Replik eines Barockgemäldes wirkt. Ein Barockgemälde, in dem keiner aufgeräumt hat, denkt India und bückt sich, um die Wäsche aufzuheben. Überall liegen Textilien und Bücher herum. Räucherstäbchenhalter und Aschenbecher sowie Kristalle in kleinen Formationen. Auf dem großen Tisch in der Mitte des Raums Kopien und Notizblöcke sowie vergessene leere Teller. Und neben einem fünfarmigen Kerzenhalter aus dunkelgrünem Glas ihr großes Referenzlexikon über Symbole.

Mit der Wäsche über dem Arm geht India ins Schlafzimmer. Ein riesiges Foto hängt an der Wand, mit Reißnägeln befestigt. Darauf das Meer, aber nicht ihr Meer, an dem sie aufgewachsen ist, sondern ein anderes, größeres und gefährlicheres. Es war Kallas’ Idee, es aufzuhängen. Nach wie vor zuckt India jedes Mal zusammen, wenn sie die Tür öffnet und das Foto erblickt. Es sieht aus, als wäre es im Sturm aufgenommen worden, Wasser ist auf die Kameralinse gespritzt. Als sie es zum ersten Mal gesehen hat, hat sie gedacht, der, der es aufgenommen hatte, müsse tot sein, es sei das einzig verbliebene Zeugnis der waghalsigen letzten Aktion eines Menschen. Sie sah vor sich, wie dieser Mensch den Blitz eingestellt und das Foto geschossen hatte, um sich dann von der Klippe fallen zu lassen und zügig, aber friedlich auf den Meeresgrund zu sinken, wo zwischen den Korallen bereits eine Grube in Menschenform auf ihn wartete. Natürlich stellte sich heraus, dass es Kallas war, der das Foto gemacht hatte. Er, der sich immer wieder hinausstürzt und immer überlebt. Das Foto erinnert sie an etwas, das sie am liebsten verdrängt, es hängt dort als Bestätigung, dass es etwas Nachlässiges in ihm gibt, eine gewisse Todesverachtung. Und jetzt schläft sie jeden Abend unter diesem Meer ein, das Nacht für Nacht über ihnen tobt, während sie durch den Schlaf dahintreiben wie zwei Schiffbrüchige auf einem Floß.

India lässt die Wäsche fallen und legt sich auf das Bett, blickt sich um in ihrem gemeinsamen Chaos. Sie beide gehören zu den Menschen, die sich ausziehen und ihre Sachen einfach fallen lassen, zu den unordentlichen Menschen, die nie daraus lernen, obwohl sie es sich vornehmen und es jeden Tag wieder versuchen. Überall liegen Klamotten herum wie schwarze gebirgige Inseln. Auf einem Tisch neben dem Bett liegen Indias Schmuck, ihre Haarbänder und Kallas’ Ringe. An den Wänden hängen große Stoffbahnen, und auf dem Boden liegt ein dicker schöner Teppich, den sie von Kallas’ Mutter geerbt haben. Wenn Kallas ihr Tee ans Bett bringt, tut er es langsam, weil er Angst hat, er könnte sonst kleckern, er lässt die Jalousien herunter, sobald die Sonne stark scheint, und jedes Mal, wenn sie länger als einen Tag verreisen, deckt er den Teppich mit einem Laken ab. Es sind rituelle Handlungen, die seine Mutter nicht mehr mitbekommt, eine Art Trauergesang, den er mit den Händen singt.

India greift nach der Tube neben dem Bett und cremt sich die Hände ein, die Nagelbette und die Handgelenke, es duftet nach Wachs und Milch. Ein altes Plakat hängt neben dem Fenster, Die Revolution ist kein Rosenbett steht in ihrer eigenen Handschrift darauf, rot auf rosa Hintergrund. India steht wieder auf und tritt ans Fenster, schaut auf das weiße Haus gegenüber und hinunter auf die belebte Straße. Wenn man sich vorbeugt, kann man bis zum Kreisverkehr sehen, wo eine riesige vergoldete Venusstatue dem allmählichen Verfall preisgegeben ist. Mädchen werfen Münzen in das Becken, in dem sie steht, und wünschen sich dabei etwas. Dahinter ragen nebeneinander die Moschee und die Kirche auf, zwei königliche Gestalten auf ihrem jeweiligen Thron. Und dann das Meer und die Berge natürlich, die irdischen Giganten, die sich bis zum Himmel erheben.

India greift nach dem Kleidersack an der Schranktür und zieht den Reißverschluss herunter. Es fühlt sich an wie einen Kokon zu öffnen, um an den Schatz darin zu gelangen, ein seltenes Insekt. Das Kleid, das sie herausholt, glänzt, es ist beinahe unwirklich schwarz und mit einem kleinen runden Kragen versehen, der mit weißen Blumen handbestickt ist. India hat es im Schlussverkauf erstanden, dennoch war es sehr teuer, sie hat den Atem angehalten, als sie die Karte durchs Lesegerät gezogen hat. Sie schlüpft aus ihrem verschwitzten Baumwollkleid und lässt es zu Boden fallen. Fährt mit der Hand behutsam über den Stoff des neuen. Es fühlt sich an wie Süßwasser an den Fingerspitzen, als sie das Kleid vom Bügel nimmt. Sie zieht es sich über den Kopf und schaudert, als der Stoff über ihr Rückgrat gleitet. Als würde man mit einer Feder gekitzelt, kindlich und einfach und doch ein wenig verderbt, als wäre der Kleiderstoff selbst von einem lasterhaften Bewusstsein durchdrungen, das ihren Körper zu korrumpieren versucht. Sie hat plötzlich Lust, klaren Alkohol zu trinken, Kette zu rauchen und im Schneidersitz auf einer Fensterbank zu sitzen und nichts zu tun.

India kehrt zu Kallas in die Küche zurück und bittet ihn, die Knöpfe in ihrem Rücken zu schließen.

»Du bist schön wie die Nacht«, sagt er.

»Du bist schön wie die Morgendämmerung«, erwidert sie, so wie sie es immer tut. »Wer hat denn vorhin angerufen?«

»Keine Ahnung, ich bin nicht drangegangen.«

»Solltest du aber.« Sie zieht die Augenbrauen hoch. »Vielleicht war es wichtig, Kallas.«

»Es ist niemals wichtig, Liebste.« Er gibt ihr einen Kuss auf die Wange. »Es ist immer nur jemand, der etwas will.«

»Und wenn jemand was will, dann gibst du es ihm.«

»Genau.«

»Genau.«

Er sieht sie an. Lächelt, dass seine Zähne funkeln.

»Geh dran, wenn jemand anruft, Kallas.«

Er zuckt die Achseln und kehrt zu seinen Essensvorbereitungen zurück. Es riecht rot. India schaut zu, wie er den Reis abspült, siebenmal und mit nirgendwo anders zu beobachtendem, feierlichem Ernst. Auf der Arbeitsplatte liegt der Salat zum Trocknen auf einem Geschirrtuch. Kallas’ Nacken ist sonnengebräunt, und sein Haar kräuselt sich in der Hitze. India lehnt sich an seinen Rücken. Er dreht sich um, drückt seine Zähne an ihren Hals. Sie tut bei ihm dasselbe. So verharren sie wie Vampire. Das Radio rauscht und verstummt. India lehnt sich zurück und betrachtet Kallas, den Mund und die Augen, die winzige Narbe auf dem einen Wangenknochen. Sie küsst ihn, und er schließt die Augen. Dann lassen sie einander los. India dreht am Radioknopf, findet irgendwann einen Sender. Sie blickt aus dem Fenster. Im Hof haben die Kinder sich zu einer Traube versammelt, schwarz gekleidet und abgewandt. Ob sie sich wohl umgezogen haben?

Ein Uniformierter nähert sich zielstrebig, schreitet zwischen den Wasserbecken hindurch. Die schwarze Wäsche bauscht sich im Wind, und aus der Wohnung unter ihnen riecht es nach Bratfett. Der Uniformierte bleibt stehen und wendet sich den Kindern zu, scheint einen der Jungen zum Mitkommen aufzufordern. Der weigert sich, schüttelt verstockt den Kopf, so entschieden, dass es beinahe theatralisch wirkt, und dadurch nur noch echter. Schließlich bückt sich der Mann und hebt das Kind hoch, legt es sich einfach über die Schulter, wie einen strampelnden Baumstamm oder einen Sack Kartoffeln, der plötzlich zum Leben erwacht ist.

India reißt sich vom Fenster los und nimmt die Weingläser aus dem obersten Regal. Mit einem Geschirrtuch reibt sie sie blank und stellt sie ordentlich auf einem Tablett nebeneinander. Dann holt sie den Eisbehälter aus dem Gefrierfach und kühlt ihre Hände an den bereits schmelzenden Würfeln, lässt diese in die Karaffe gleiten. Sie presst eine Zitrone aus und füllt mit Wasser auf, rührt mit einem silbernen Löffel um. Dann holt sie eine Weinflasche aus der Kammer, mit romantischem, zierlich beschriftetem Etikett. Ein pummliger Cherub balanciert auf einer Weinranke. India hält die Flasche gegen das Licht. Pflaumenrot und beinahe ölig. Ein dunkles Elixier.

Im Radio kommen die Abendnachrichten. Meldungen über die Hitze und über vermisste Kinder. India hört das Klappern des Bestecks auf den Tellern, die Kallas auf die Arbeitsplatte stellt. Sie dreht sich zu ihm um. Das Handy klingelt. Sie blickt ihn an, er schüttelt nur den Kopf.

India lehnt sich auf dem Stuhl zurück und wirft einen Blick RichtungKüche. Am Tisch steht Kallas und schneidet etwas mit einem großen Messer. Das letzte glühende Sonnenlicht fällt durchs Küchenfenster auf die Goldkette um seinen Hals, die aufblitzt und für einen Moment fast zu phosphoreszieren scheint, als wäre sie mit einer zähen Goldflüssigkeit gefüllt. India kann sie förmlich schmecken, Bernstein und Honig und warmes Harz. Dann verschwindet die Sonne hinter den Dächern, es wird dunkel, India sieht es geschehen. Wie in den Katakomben, denkt sie und streckt die Hand nach der Streichholzschachtel aus. Sie reißt ein Hölzchen an. Es flammt auf und erlischt im selben Moment. Das liegt an der Luftfeuchtigkeit vom Fluss oder am Sturm, der sich ihnen nähert. Die Scheiben sind schon ganz beschlagen, und Indias Kleid fühlt sich an wie in Tau getunkt. Sie streicht ein weiteres Hölzchen über die Schachtel und beeilt sich, es an die Kerzen zu halten, an eine nach der anderen, bis alle fünf sanft flackern. Ihr Licht fällt auf das dicke Symbolbuch. Auf die Rose, die für fleischliche, aber auch göttliche Liebe steht. Draußen gehen die Straßenlaternen an, ebenfalls eine nach der anderen, bis die Dunkelheit vertrieben ist und die ganze Stadt hell leuchtet. India legt die Hände aufs Tischtuch und streicht über den rauen Stoff. Auf Augenhöhe prangen die Nelken. Sie sehen noch grüner aus als vorhin, als India sie gekauft hat, als hätten sie aus einer verzauberten Quelle am Grund der Vase getrunken.

Kallas kommt herein, er trägt ein großes Tablett. India schiebt den Kerzenständer beiseite, um Platz dafür zu machen, schaut zu, wie Kallas mit den Schüsseln hantiert. Er setzt sich ihr gegenüber und streckt beide Hände aus. Sie drückt die Lippen auf seine Ringe und schließt kurz die Augen, dankt ihren Göttern für die Gaben, das Essen und die Liebe sowie die eindeutig verzauberten Nelken. Kallas schließt ebenfalls die Augen, aber eher aus Höflichkeit. Sie weiß, dass er nachsichtig lächelt, sie sieht es, ohne es zu sehen. Dann öffnet sie die Augen wieder, schenkt Wein in die Gläser und reicht ihm eins davon. Hebt ihr eigenes an und benetzt ihre Lippen. Keiner von ihnen sagt etwas. In der Wohnung nebenan schlägt eine Uhr. Kallas beginnt das Essen zu verteilen. Seine Bewegungen sind hektisch, aber genau. Sie essen schnell und trinken langsam. India träufelt Zitronensaft auf das Fleisch, schenkt sich Wein nach. Erneut hebt sie das Glas, und ein Tropfen läuft über ihren Handrücken, ein perfektes kleines Rinnsal, sie fängt es mit der Zunge auf.

»Es wird Sturm geben«, sagt sie, und Kallas nickt. »Was wollte Desma denn?«

Zum Fenster weht ein Duft nach Beton und Grün herein. India wiederholt ihre Frage.

»Was wollte Desma?«

Als das Handy zum dritten Mal klingelte, hat India es geholt und Kallas streng überreicht, sie ist seinem Blick nicht ausgewichen, bis er sich die Hände abgetrocknet, laut geseufzt und mit einem kurzen Ja? das Gespräch endlich angenommen hat. Sie sah die Metamorphose geschehen, wie die vertraute Stimme am anderen Ende ihn wie durch Zauberhand verwandelte. Desma!, rief er glücklich, und ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er schien alles um sich herum zu vergessen, India, das Essen auf dem Herd, setzte sich auf die Fensterbank und legte den Kopf in den Nacken, wirkte plötzlich wie ein Junge, der zum ersten Mal zum Fest auf dem Marktplatz darf, sprudelnde Springbrunnen und laufende Motoren, lachende Frauen und gestohlene Flaschen mit viel zu süßem Likör, gelbes Licht, das sich übers Kopfsteinpflaster ergießt, während man sich so lässig wie möglich an die Wand lehnt, zuschaut, wie jemand mit geübter Hand Zigaretten dreht und sie dann mit geschlossenen Augen raucht, als wäre er erwachsen.

Es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der Kallas wieder in einen Jungen verwandeln kann. India erkannte Desmas Stimme sofort, rhythmisch und warm, voller kindlicher Tristesse, die India manchmal an die tödlichen, aber auch spielerischen Septemberstürme erinnert. Diese lauen Stürme, die ohne jedes Zögern übers Land fegen, Repräsentanten sowohl des Chaos als auch der Ordnung, weil sie Zerstörung bringen, aber dabei berechenbar sind, denn sie kehren zu immer derselben Zeit im Jahr wieder. Genauso fegt Desma jedes Jahr zur selben Zeit als völlig Unberechenbares durch Kallas’ Leben und verleiht diesem dadurch trotz allem Kontur. Es ist September, also ruft sie an, seine Kindheitsfreundin, Beschützerin. Eine große Schwester.

Kallas lächelt India über den Tisch hinweg an.

»Sie fragt, ob wir ans Meer kommen wollen. Wir beide.«

»Welches Meer?«

»Na, Desmas. In ihr großes Haus, du weißt schon.«

Einen Moment ist es still. India überschlägt ihre Möglichkeiten.

»Ist Lafayette auch da?«

Kallas nickt.

»Okay«, sagt India und schaut zur Balkontür. In der Wohnung gegenüber sind alle Fenster geöffnet, über dem Balkongeländer hängt eine weiße Decke. India stellt sich vor, wie sie riecht, nach Daunen und abendlicher Kühle, die Süße eines schlafenden Körpers hängt sicher auch noch darin. Noch nie ist India in Desmas großem Haus gewesen. Kallas aber war jeden Spätsommer dort, während India dann für ein paar Tage zu ihrer Freundin Nadja zog, sie schlief unterm Baldachin auf dem Balkon und telefonierte abends mit Kallas, im Hintergrund die immer gleichen Geräusche von klapperndem Geschirr und dem Meer. India stellt sich die Strandpromenade vor und das Haus. Desmas Hände, die Badelaken austeilen und Snacks. Kallas, der glücklich im Garten sitzt und einem ihrer Lügenmärchen lauscht.

»Okay, wir fahren.« Sie lächelt ihn an, beinahe verwegen, als wäre es eine radikale Entscheidung, etwas Umwälzendes, das sie beide mit einem Schlag aus ihrer gewohnten Umlaufbahn katapultiert.

»Im Ernst?«, fragt Kallas misstrauisch.

»Ja«, bestätigt India. »Wir fahren.«

Kallas strahlt. Er beugt sich über den Tisch und umfasst ihr Gesicht mit beiden Händen, küsst sie hastig.

»Ich rufe sie sofort an.« Seine Stimme überschlägt sich. Darauf hat er so lange gewartet, jedes Jahr hat er sie bekniet. »Ich habe gesagt, ich muss es noch mit dir besprechen.«

India nickt. Weiß gar nicht mehr, wieso sie sich bisher davor gedrückt hat, mitzukommen. Vor dem Meer. Vor dem großen Haus und dem Überfluss, der in ihm herrscht. Nur ein Idiot sagt zu so etwas Nein. Kallas verschwindet mit dem Weinglas in der Hand. India nickt noch einmal ins Leere. Schließt dann für einen Moment die Augen und tut so, als stehe sie auf dem Meeresgrund, Strömungen zerren an ihrem Haar, es ist kalt an ihren Wangen. Sie öffnet die Augen wieder und erhebt sich in derselben Bewegung. Nimmt die schmutzigen Teller und Schüsseln mit. Sammelt sogar die schimmelnden Kaffeetassen in den Fensternischen ein. Im Flur kommt es ihr plötzlich so vor, als hätte jemand ein Kreuz an die Wand gemalt, ein Schattenbild, das im Moment ihres Hinschauens verschwindet, wie von der Tapete verschluckt. In der Küche steht der Carob-Kuchen und wartet auf einem Glasteller. India nimmt Tassen und Löffel heraus und kocht einen starken Tee. Trägt dann alles auf einem Silbertablett durch den Flur. Im Wohnzimmer ist Kallas an den Tisch zurückgekehrt. Er starrt vor sich hin, versunken in etwas, zu dem sie keinen Zugang hat. Auf dem Tisch liegen seine Hände, breit und empfindsam. Sie sieht ihn an. Die dicht behaarten Arme, das weiße Hemd. India stellt das Tablett auf das Tagesbett am Fenster und zündet weitere Kerzen an. Sie zündet Räucherstäbchen an. Geht zu Kallas und setzt sich auf seinen Schoß, presst die Lippen an seinen Nacken.

»Wir haben vereinbart, dass sie uns am Bahnhof abholt«, sagt Kallas leise und steckt die Nase in ihr Haar. »Der Zug fährt morgen Abend gegen sieben.«

India nickt und streicht mit dem Finger über seine Brauen.

»Vielleicht wird es Zeit, dass du mal ihre Nummer speicherst?«

Kallas schüttelt den Kopf.

»Ich brauche keine Nummern zu speichern. Ist alles hier drinnen.« Mit dem Zeigefinger klopft er sich an die Schläfen. India verdreht die Augen und lächelt.

»Ich freue mich so, dass du mitkommst«, sagt Kallas. »Endlich.«

»Ich freue mich auch«, sagt India.

»Ich werde dir alles zeigen, das Haus und das Meer.«