Roter Faden - Ute Rautenberg - E-Book

Roter Faden E-Book

Ute Rautenberg

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Beschreibung

Immer so weiter, Wie im Traum, Brüche oder Nur zu Gast. Beim 'Speed-Writing' entstehen gleichzeitig und in kurzer Zeit ohne jede Absprache unterschiedliche Texte zum gleichen Thema. Kleine Geschichten, vergnügliche Begebenheiten, nachdenkliche Erinnerungen, überraschende Situationen treffen aufeinander. Im RAU-WIE-BLOG erscheinen seit Anfang 2022 wöchentlich Doppeltexte zu einem Thema. Für diesen dritten Band wurden 60 kurzweilige Texte ausgewählt, die vom Alltäglichen, vom Einfachen und Komplizierten, von Vertrautem und Besonderem erzählen. Neu illustriert mit Zeichnungen und Collagen von Jan Wiegand.

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Seitenzahl: 130

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Marken

Fußgängerzone

Vorsicht, zerbrechlich

Experten

Dreck

Immer so weiter

Nachmittags

Früchtchen

Brüche

Zuckerschlecken

Mittendrin

Hello – Goodbye

Genau

Märchen

Zeit im Badezimmer

Mann am Meer

Wie im Traum

Einfach zu Fuß

Was hinter dir liegt

Ruhe

Heiße Luft

Durch die Nacht

Geplänkel

Morgen vielleicht

Sitzen

Schwingung

Mal andersherum

Nur zu Gast

Roter Faden

Geschafft

Nachwort

Vorwort

Wir sind im selben Ort am Niederrhein groß geworden, gemeinsam zur Schule gegangen und leben schon lange in verschiedenen Städten.

Seit Ende 2021 veröffentlichen wir auf unserem RAU-WIE-BLOG jeden Freitag zwei Texte zum Alltäglichen. Ein sich spontan ergebendes Thema, ein Wort oder ein Foto dient beim Speed-Writing als gemeinsamer Impuls. Zwei Erzählungen, zwei Erinnerungen, zwei Meinungen zum gleichen Thema im gleichen Zeitraum geschrieben. Beim Vorlesen zeigen sich nicht selten parallele oder konträre Assoziationspfade, treten häufig überraschende Übereinstimmungen und Unterschiedlichkeiten auf. Mittlerweile hat sich unsere Freude fest im Alltäglichen etabliert, auf diese Weise spontan Texte zu schreiben und Geschichten zu erzählen.

Nach der großen Resonanz auf unsere letzten beiden Bücher haben wir nun dreißig Impulse aus dem vergangenen Jahr samt neuen Illustrationen zusammengestellt. Wir wünschen viel Freude beim neuen Blick aufs Alltägliche.

Wenn Sie Lust haben, uns auf unserem wöchentlichen BLOG zu besuchen: www.rau-wie.de

Ute Rautenberg und Jan Wiegand Berlin und Bonn im Dezember 2025

Marken

Rau

Wenn ich‘s recht überlege, bin ich mit Marken aufgewachsen. In meiner Kindheit gehörten sie in meiner Familie einfach dazu und zeigten wohl unseren wachsenden Wohlstand, wobei dies ehrlicherweise besonders meinem Vater wichtig war. Aber das habe ich erst später begriffen.

Für mich begann es wohl mit Nivea, die tiefblaue Dose mit dem weißen Schriftzug ist mir wie eine liebe Schwester, Tante oder Oma vertraut und heute noch in meinem Badezimmer zu finden und auch in dem meines Bruders.

Dann natürlich die schicke ‚weiße Dame‘ auf grünem Hintergrund auf dem Pappkarton genauso wie auf der Emaildose, noch heute nehme ich Persil, obwohl es teurer ist. Als meine Söhne auszogen und begannen selber zu waschen, riefen sie nach relativ kurzer Zeit an und wollten wissen, welches Waschmittel ich benutze, ihre Sachen würden jetzt so anders riechen.

Als Kind bin ich beim Schuhkauf mit großer Freude mit zu Salamander gegangen, welch ein Erlebnis! Nicht nur weil es dort im Geschäft im hinteren Bereich eine richtige Rutsche gab, die ich sonst nur von Spielplätzen kannte, sondern natürlich auch wegen der bunten Lurchi-Hefte, meinen ersten Comics. Ich hätte alle paar Wochen neue Schuhe haben wollen, ehrlich.

Meine Eltern tranken Tchibo und niemals Eduscho, Cola und nie Pepsi, fuhren VW und Daimler, niemals BMW oder gar einen Fiat oder Renault. Waschmaschine von Miele, alle elektrischen Geräte vom Toaster, Rasierer, Kaffeemühle über Wecker, Radio, Stereoanlage und Tischventilator waren von Braun, das Design von Dieter Rams hat meinen Geschmack bis heute nachhaltig geprägt.

Als Tennisspielerin immer Fred Perry und niemals Lacoste, als Studentin Levis und nie Wrangler, immer Esprit und nie Marco Polo. Mit Birkenstock habe ich mich bis zum Riss meiner Achillessehne vor ein paar Jahren schwergetan, heute trage ich sie im Sommer ohne schlechtes Gewissen und reibe mir die Augen, dass die Firma mittlerweile weltweit erfolgreich und sogar an der Börse ist.

Natürlich Ikea, gerne mehrmals im Jahr, und selbst wenn ich nichts brauchte, kam ich immer mit irgendetwas zurück. Zum Abschluss dann ein Krabben-oder Lachsbrot oder Sköttbullar mit Preiselbeeren oder ein Stück Mandeltorte zum Kaffee. Fast ein Ort Heimat. Heute zieht es mich noch manchmal aus Sentimentalität dorthin, aber mir gefallen die farblichen Designs kaum noch und in der großen Halle wird mir schlecht von der Luft.

Die letzten großen Markenentscheidungen gingen dann um Handys, Smartphones und Laptops, ich benutzte die Welt von Medion und Nokia, Siemens und Samsung und bin nun doch seit Jahren schon eine überzeugte Apple-Userin. Die Geräte sind leicht zu handhaben und erinnern mich optisch an früher, Braun-Design eben.

Marken begleiten mich mein ganzes Leben, bin sozusagen ein Markenkind, war mir gar nicht so bewusst. Habe immer gedacht, dass ich sie ablehne, erinnere ich mich doch noch an endlos lange Diskussionen mit den Söhnen, wenn sie nur Puma und auf keinen Fall Adidas haben wollten, oder war es umgekehrt? Was habe ich die Welt des Kapitalismus ihnen gegenüber verdammt und über all diesen Markenunsinn geschimpft.

Habe ich irgendwas vergessen? Gehe in Gedanken schnell nochmal meine Wohnung, meine Schränke und Schubladen durch, nein bis auf diese drei Apple-Teile und drei Miele-Geräte sind mir Marken heute wirklich herzlich egal. Qualität ist wichtig, sonst nichts. Wie herrlich frei fühlt sich das denn an!

Marken

WIE

„Mensch, Tobi, dass du eine echte Doordrecht trägst, affenstark, das hätte ich nicht gedacht.“ Tobi ist sichtlich überrascht. Er schaut zuerst außen, dann ins Revers seiner Jacke, ob sich dort ein Markenzeichen versteckt.

„Sag jetzt nicht, du weißt nicht, woran man eine Doordrecht erkennt. Ich glaub’s nicht, Tobi. Hier, dieses kleine eingewebte rote Band am Kragen, das reicht, das sagt alles, das ist der Beweis.“

„Ja?“, fragt er erstaunt. „Echt? Ich hab‘ mir schon überlegt, ob ich dieses blöde kleine rote Etwas nicht mit einer Rasierklinge heraustrennen soll.“ „Mach das bloß nicht, dann ist ja der ganze Reiz weg.“

Greta schüttelt den Kopf. Tobi ist immer noch der Alte. Früher waren sie ein Paar; heute sind sie gut befreundet. Sie weiß, dass Tobi Marken wenig Bedeutung beimisst. „Jacke ist Jacke, Tasche ist Tasche. Hauptsache, sie passen, sind robust und sehen nicht total beknackt aus“, lautete meist seine Devise.

Trotzdem hat Tobi ein gutes Auge für Stil. Früher gingen sie oft gemeinsam einkaufen; er bemerkte schnell, welche Farben und Formen zusammenpassen. Bei teuren Marken jedoch bleibt sein Urteil nüchtern. Über hochwertige Handtaschen sagt er gern: „Diese Dinger sehen aus wie aus billigem Plastik, mit Logos von oben bis unten, wie Werbegeschenke vom Messestand.“

Greta hat über die Jahre öfter versucht, ihn von der Bedeutung einer Marke zu überzeugen. „Bestimmte Dinge halten einfach länger, und das erkennt man oft an der Marke. Außerdem zeigt es in manchen Kreisen, dass man sich so etwas leisten kann. Man kann Rückschlüsse auf Beruf, Einkommen, Lebensstil ziehen, das ist manchmal praktisch.“

Für Tobi spielen solche Rückschlüsse kaum eine Rolle. Ob er arm oder wohlhabend ist, welchen Beruf er hat oder welchen Lebensstil er pflegt, darauf will er sich sowieso nicht festlegen lassen. „Weißt du, dieser Markenkult ist vor allem für den Onlinehandel gemacht. Früher hast du im Laden angezogen, dich im Spiegel angesehen und dich gefragt: Steht mir das? Passt das? Fühle ich mich wohl? Das geht beim Onlinekauf nicht. Da zählt nur: Welche Marke hat welches Prestige, welches Image und identifizierst dich mit deinen Marken. Dann gibst du Farbe und Größe an, bestellst, fertig. Aussehen? Was ist das? Marken sind wie geschaffen für den Onlinehandel.“

Greta fällt so schnell nichts ein, was sie einwenden könnte.

Tobi fährt fort: „Ich habe schon erlebt, wie jemand sagte: ‚Sieht total beknackt aus.‘ Dann kam der Satz: ‚Sag nicht so etwas, das ist eine echte So-und-so!‘ Plötzlich gilt: ‚Das muss so aussehen, die echten Soundso sehen so aus, das ist beabsichtigt.‘ Und schon ist es stylisch, der Hype, egal wie unförmig es wirkt. Aber nur für die, die die Marke kennen, für alle anderen bleibt es einfach seltsam.“

Fußgängerzone

RAU

Immerhin fahren keine Autos, nur in den Morgenstunden gibt es Lieferverkehr. Und sonst? Nicht so einfach. Früher war es ein Segen, ein kolossaler Fortschritt, wenn eine ehemals belebte und befahrene Einkaufsstraße umgewandelt wurde. Versprach es endlich Ruhe vor Verkehr, Abgasen und Hektik, ermöglichte ein entspannteres Einkaufen in interessanten Geschäften, kleine Pausen in Cafés und netten Lokalen oder auf Sitzbänken umgeben von Blumenkübeln, am besten noch unter Schatten spendenden Bäumen. Wohlgefühl und Entspannung inmitten der hektischen Stadt, fast wie im Urlaub, eine kleine Erholungsoase. War es wirklich mal so? Doch, auf jeden Fall, sie kann sich noch gut daran erinnern, man traf sich dort und fühlte sich pudelwohl.

Der Lieferverkehr weckt mich, egal. Der jüngere Fahrer vom roten Wagen steckt mir wieder was zu. Ob er auch mal hier lag? Hätte ich noch einen Führerschein, wer weiß? Wieder eine Nacht geschafft. Schlecht geträumt. Hab‘ letzte Woche endlich den überdachten Platz ergattert, weil Maurice weg ist. Keine Ahnung, wo der hin ist. Hat sich nicht verabschiedet. Schade. Hoffentlich geht’s ihm gut, wo er ist. Aber jetzt kann ich nicht mehr nass werden, ein Segen.

Heute strahlen diese Fußgängerzonen etwas ganz anderes aus, zumindest in ihrer Stadt, in der sie täglich eine queren muss. Fast nur noch Filialen billiger Ladenketten sind hier, jede Menge Handyläden, viel Leerstand, rücksichtloser Fahrrad- und E-Scooter-Verkehr, Treffpunkte für Alkoholiker und Drogenabhängige, BettlerInnen und Obdachlose mit ihrem wenigen Hab und Gut. Städtische Flaneure, interessante Gesichter oder gut angezogene Personen? Fehlanzeige.

Die meisten laufen achtlos vorbei, ein paar schauen mitleidig, die kann ich gar nicht ab. Aber die, die laut schimpfen, sind die Schlimmsten. ‚Nutzloses Pack‘, ‚geh‘ endlich arbeiten‘ sind noch die freundlicheren Kommentare. Ich höre einfach nicht mehr hin, stelle die Ohren auf Durchzug. Wenn die wüssten. Zwei alte Frauen legen mir auch immer was hin, Obst und belegte Brote, sehen aus wie selbstgemacht, auch mal eine Kekspackung. Wir nicken uns kurz zu. Sprechen traue ich mich nicht.

Was ehemals städtischer Fortschritt war ist heute sichtbarer Ausdruck eines rasanten Abstieges. Die Schließung der großen Warenhäuser setzt noch den traurigen Schlussakkord unter eine zutiefst urdemokratische Idee. Eine für alle. Gemeinsames Erleben. Doch die, die es früher genossen haben, rümpfen heute ihre Nasen. Jetzt ist Platz für die, die sonst niemand möchte und die augenscheinlich mehr werden, viel mehr.

Irgendwie muss da recht bald in viele Richtungen neu gedacht werden, aber wer macht‘s?

Fußgängerzone

WIE

Auf Fotos aus den 50er und 60er Jahren stelle ich immer wieder mit Erstaunen fest, tatsächlich war in dieser Stadt in jeder Straße, Gasse und auf Plätzen Autoverkehr, überall wurde geparkt.

Was für ein Fortschritt zur heutigen verkehrsfreien Innenstadt, essen und trinken draußen an Tischen, sitzen auf Bänken. Kinder spielen zwischen hohen Bäumen, während die Mütter mit Einkaufstüten beladen auf den Bänken daneben die Zeit genießen und ihre Handys checken. An besonders schönen Stellen finden sich schöne Menschen, die sich gegenseitig fotografieren, ein paar Umwelt-Natur- oder Flüchtlingsschützer nutzen die friedliche Atmosphäre, um auch an die anderen Seiten dieses Leben und dieser Welt zu erinnern. Doch je nachdem, wo und wie ich mich durch die Fußgängerzone bewege, schieben sich andere Probleme in den Vordergrund. Leerstehende Ladenlokale, Geschäfte, die es früher mal gab und die es heute schwer machen, die einfachsten Dinge zu bekommen, einen bestimmten Kugelschreiber, schwarzen Zwirn oder ein Uhrenarmband, das nicht doppelt so teuer ist wie meine Uhr. Dieses Loblied auf alles Hochpreisige passt allerdings nicht dazu, dass sich immer mehr Müll ansammelt, weil Grundstücke, Baustellen schon lange brach liegen, und man die halbe Zeit in der Stadt über Provisorien unterwegs ist. Typisch Fußgängerzonenstimmung, denke ich.

Dieses Nebeneinander von geschlossenen und offenen Geschäften, das Nebeneinander von Menschen, die einkaufen können und anderen, die kein Geld dafür haben. Genauso wie das Nebeneinander von Restauranttischen, an denen teure Speisen serviert werden, und daneben sitzen Menschen breitbeinig auf Bänken, die bemüht sind, sich nicht selber beim Imbiss zu bekleckern. Das Nebeneinander der Architektur auf Augenhöhe, immer gleich, viel Glas, Schaufenster, Firmenlogos und alles vereinnahmende Farbdesigns. Darüber hingegen ganz unterschiedliche Häusergiebel, viel älter als alles, was unten erscheint, schöner und abwechslungsreicher, als es beim Einkaufen auffällt.

Fußgängerzonen sind immer präsent, da sich selbst kleinste Kreisstädte und Gemeinden damit schmücken. Doch ich merke auch, wie zwar die Skepsis gegenüber dieser gewollten Einkaufsidyllen bleibt, aber an einzelnen Tagen mein Empfinden stark wechselt. Fußgängerzone, ein Wimmelbild von Figuren, Stimmungen und Schicksalen. Zu viel, um alles gleichberechtigt zu sehen. Also bleibt es eine Frage, wie und wann mir vor allem das eine oder eher das andere auffällt. Z.B. die Überalterung der Gesellschaft oder die Leichtlebigkeit bis Rücksichtslosigkeit der jungen Generation, das bunte Treiben vieler Menschen aus aller Herren Länder oder die müden Gesichter alteingesessener Bürger, die sich ärgern, dass nichts mehr so ist, wie es mal war.

Oder wenn ich auch unter einer dieser riesigen Kastanie sitze, einen hervorragenden doppelten Espresso trinke und den Blick auf wunderschöne alte Häuserfassaden richte. Die Kellnerin ist nett, die chinesischen Touristen sind lustig, aber nicht unsympathisch. Neben mir steht eine Einkaufstüte mit einer Kleinigkeit, von der ich nicht erwartet hätte, dass ich in dieser Stadt mit dieser Fußgängerzone doch so schnell fündig werde. Ich froh bin, ohne Parkplatzsorgen oder Bahnsteigrummel bequem mit dem Fahrrad wieder nach Hause fahren zu können.

Vielleicht sollte ich mich besser fragen, mal gucken, was morgen meine eigene Verfassung so mit der Fußgängerzone anstellt.

Vorsicht, zerbrechlich

RAU

Aufpassen, einfach aufpassen mit Allem, was zu schwer ist und zu hart, zu spitz und zu gewaltig und in der Summe von Allem zu viel. Du weißt doch, dass du vorsichtig sein musst.

Hast dich noch nicht so wirklich daran gewöhnt, ok. Klar ist es ärgerlich und nervtötend, manchmal möchtest du das auch alles einfach vergessen, diese ständige Rücksichtnahme, dieses Aufpassen, und einfach wieder nur leben in vollen Zügen. Volle Kanne Leben, wie gerne wäre dies dein Lebensmotto. Aber nein, das geht eben nicht mehr, und das weißt du auch.

Dabei kannst du froh und stolz sein, dass du relativ schnell gelernt hast, auf dich aufzupassen. Und auch akzeptierst, dass es anders nicht mehr gehen wird. Brauchst einfach nur die richtige Umgebung und Lebensumstände, sonst, ja sonst zerbricht wieder ganz viel in dir, und das will niemand, als allerletzte du. Das weißt du doch noch vom letzten Mal.

Ich weiß, dass Du nicht gerne an diese Zeiten davor erinnert werden möchtest, als jeden Abend mindestens fünfundsiebzig Tabs noch geöffnet und unbearbeitet in deinem Hirn umhergeschwirrt sind, und dein Körper oder deine Seele lautstark Halt gerufen haben. Burnout heißt es heute, drei Monate warst du in der Klinik und über ein halbes Jahr konntest du nicht mehr in deinen Job zurück. „Vorsicht, zerbrechlich, steht bei mir jetzt drauf“, hast du scherzhaft gemeint, als Franz dich aus der Klinik abgeholt hat und auf einmal nicht so recht wusste, wie fest er dich in den Arm nehmen soll.

Etwas über ein Jahr ist das jetzt her, und du machst es doch gut seither. Franz und die drei Jungs passen auch mit auf dich auf, was dir gar nicht immer recht ist. Aber der Schock von damals sitzt noch bei allen tief, als sie dich vollkommen apathisch auf dem Küchenboden haben liegen sehen und sofort den Notarzt gerufen haben.

Jetzt ist alles soweit wieder gut, du musst nur ein bisschen auf dich aufpassen. Und denke daran, Dir ein neues Rezept zu besorgen, so viele Tabletten sind nicht mehr in der Schachtel, und ohne die geht es leider nicht. Es war nicht deine Schuld, wirklich nicht, aber wann fragt das Schicksal schon, ob es zuschlagen darf?

Ich verstehe, dass es dir nicht leicht fällt auf so manches zu verzichten, was jetzt vielleicht gerade angesagt wäre. In deinem Alter sowieso und mit deinen Interessen, Fähigkeiten und Begabungen. Aber du weißt ja, was dann passieren kann. Schön langsam, eins nach dem anderen und auf keinen Fall zu viel. Bitte sei geduldig und lieb zu dir und nimm dich endlich ernst. Und meinst du nicht, dass es viel Schlimmeres gibt? Nicht mehr sehen zu können zum Beispiel oder nicht sprechen oder gehen zu können? Da hast du es doch noch verhältnismäßig gut, wirfst