Rotes Fieber - G.M. Ford - E-Book
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Rotes Fieber E-Book

G. M. Ford

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Beschreibung

Ein tödlicher Virus kennt kein Erbarmen …  Es beginnt mit einem leichten Kratzen im Hals, dann kommt die Atemnot und Sekunden später folgt der schmerzhafte Tod … Ein Virus unbekannter Herkunft hält Seattle im Griff. Jeden Tag fallen ihm mehr Menschen zum Opfer – und das rätselhafte Sterben scheint kein Ende zu nehmen. Trotz offiziellen Vorgaben, das Ausmaß der Katastrophe zu verschweigen, weigert sich der abgebrühte Journalist Frank Corso, untätig zu bleiben. Handelt es sich um einen natürlichen Virus oder um einen menschlich gezüchteten? In einem Wettlauf gegen die Zeit versucht er, dem Rätsel des unsichtbaren Killers auf die Spur zu kommen – und gerät dabei selbst in Lebensgefahr… »Dieser Thriller wird mit jeder Seite rasanter – man kann nicht abspringen, bis die wilde Fahrt vorüber ist.« The Washington Post Eine tödliche Epidemie verlangt Frank Corso alles ab … Der vierte Band der Thriller-Reihe um den abgebrühten Journalisten für Fans von Michael Connelly und Jeffery Deaver. Alle Bände der Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

Es beginnt mit einem leichten Kratzen im Hals, dann kommt die Atemnot und Sekunden später folgt der schmerzhafte Tod …

Ein Virus unbekannter Herkunft hält Seattle im Griff. Jeden Tag fallen ihm mehr Menschen zum Opfer – und das rätselhafte Sterben scheint kein Ende zu nehmen. Trotz offiziellen Vorgaben, das Ausmaß der Katastrophe zu verschweigen, weigert sich der abgebrühte Journalist Frank Corso, untätig zu bleiben. Handelt es sich um einen natürlichen Virus oder um einen menschlich gezüchteten? In einem Wettlauf gegen die Zeit versucht er, dem Rätsel des unsichtbaren Killers auf die Spur zu kommen – und gerät dabei selbst in Lebensgefahr….

Über den Autor:

G.M. Ford (1945 – 2021) war ein preisgekrönter amerikanischer Schriftsteller, der mit seinen beiden Krimireihen um den Journalisten Frank Corso und Privatdetektiv Leo Waterman internationale Bekanntheit erreichte. Er wurde u.a. für den Shamus, Anthony und Lefty Award nominiert und lebte an der Westküste, zuletzt in Oregon, wo er an der Universität auch als Dozent für Kreatives Schreiben tätig war.

G.M. Ford veröffentlichte bei dotbooks bereits seine Frank Corso Reihe, bestehend aus »Dunkle Strafe«, »Killer-Trieb«, »Spur des Bösen«, »Die Geisel« und »Spur des Blutes«.

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eBook-Neuausgabe November 2024

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2004 unter dem Originaltitel »Red Tide« bei William Morrow, New York, an imprint of HarperCollins Publishers Inc. Die deutsche Erstausgabe erschien 2007 Goldmann Verlag.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2004 by G.M. Ford

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2007 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/CK-Foto

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fe)

ISBN 978-3-98952-287-9

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].

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G.M. Ford

Rotes Fieber

Thriller. Frank Corso ermittelt 4

Aus dem Amerikanischen von Sigrun Zühlke

dotbooks.

Widmung

Für Kathy Ann

und diese kleinen weißen Schuhe.

Jetzt und immer.

GMF

Kapitel 1

»Der Einheimische ist abgängig.«

»Wie ›abgängig‹?«

»Hat seine Sachen gepackt und ist mit dem Lieferwagen abgehauen.«

Dreißig Sekunden lang war nur statisches Rauschen in der Leitung zu hören.

»Er war von Anfang an die Schwachstelle.«

»Eine Schwachstelle, die persönlich betroffen ist.«

»Sie sind alle persönlich betroffen. Aus diesem Grund wurden sie ausgewählt.«

»Wir hatten gehofft, seine Ortskenntnisse würden uns nutzen.«

»Haben sie ja auch. Das Haus ist perfekt.«

»Er war von Anfang an ein unsicherer Kandidat.«

»Wir wussten, worauf wir uns einlassen.«

»Ja, stimmt.«

»Sollen wir abbrechen?«

Er dachte darüber nach. »Er wird sich auf keinen Fall an die Behörden wenden.«

»Ihm geht es nicht um die Behörden.«

Irgendetwas in seiner Stimme klang alarmierend. »Gibt’s ein Problem?«

»Er hat den Rest des beschleunigten Materials mitgehen lassen.«

Ein längeres Schweigen folgte.

»Hätte schlimmer kommen können, nehme ich an.«

»Ja, er hätte das andere mitnehmen können.«

»Und wir würden jetzt Flüge auf die Falklands buchen.«

Ein trockenes Husten durchkratzte die Stille.

»Können Sie ihn ausfindig machen?«

»Ich habe einen Peilsender unter dem Fahrersitz angebracht.«

»In weiser Voraussicht.«

»Ich bin ein misstrauischer Mensch.«

»Also, dann finden Sie ihn und sorgen Sie dafür, dass er nicht zum Problem wird.«

»Die anderen sagen, er wäre allmählich durchgedreht. Wollte das Ganze jetzt sofort ins Rollen bringen. Wollte nicht länger warten.«

»Finden Sie ihn, bevor er irgendwas Dummes anstellt.«

Kapitel 2

Die letzten Augenblicke in Carson Moodys Leben waren still. Sicher, andere Gespräche müssen in diesen letzten Sekunden um ihn herumgewirbelt sein. Immerhin war es Hauptverkehrszeit, und der Bus war voll, doch Carson Moody hatte das alles ausgeblendet, wie so oft in der Öffentlichkeit. Seine vollen Lippen bewegten sich, als er seiner inneren Stimme lauschte, wie sie die Spalte mit den Desserts auf der Speisekarte des Zimmerservice im Alexis Hotel durchging. Er hatte sich schon für die Kalbfleisch-Piccata als Vorspeise entschieden und überlegte gerade, ob es klug wäre, eine nette Crème Brûlée zum Abschluss zu nehmen, als die verzerrte Stimme durch die Lautsprecher an der Decke klirrte. »Pioneer Square Station«, krächzte der Busfahrer.

Aus seinen gastronomischen Grübeleien gerissen, griff Moody zwischen seine Beine, legte die Finger um den Griff seiner Aktentasche und hob sie auf seinen Schoß. Als der Bus lautlos an den weiß gekachelten Wänden vorbeiglitt, blickte er zum Fenster. Geistesabwesend wanderten seine Augen über Menschenmassen, die dicht gedrängt entlang des nördlichen Endes des unterirdischen Busbahnhofs standen. Er starrte immer noch auf diese wahllose Ansammlung menschlicher Wesen, als er, wie so oft in seinen nachdenklichen Momenten, die Stimme seiner Mutter einen ihrer zahllosen Sinnsprüche rezitieren hörte, derentwegen er sich vor allem an sie erinnerte.

»Wenn du schon nach Rom fährst, kannst du auch den Papst besuchen«, hörte er sie sagen und lächelte. Da war es entschieden. Definitiv die Crème Brûlée. Er unterdrückte ein innerliches Glucksen. Wendy durfte er natürlich nichts davon erzählen. Oh nein. Seit letztem Mai, als man Diabetes bei ihm festgestellt hatte, war sie zur Essenspolizei geworden. Stets wachsam. Keine Ausreden. Nein ... die Crème Brûlée war auf jeden Fall dazu bestimmt, sein kleines Geheimnis zu bleiben.

Carson Moody stand auf, als der Bus die Mitte der Station erreichte. Mit der freien Hand strich er seinen Mantel glatt. Zufrieden mit seinem Erscheinungsbild, straffte er die Schultern und richtete seine Aufmerksamkeit auf die automatischen Türen auf der anderen Seite des Gangs direkt gegenüber seinem Sitzplatz. Als er durch die Plastikovale der Türen starrte, blieb sein Blick an einem älteren Paar in schwarz-gelben Skijacken hängen. Er beobachtete, wie sie über den Bussteig zum offenen Maul des Aufzugs eilten. Der alte Mann hob eine Hand, seine Lippen formten eine Bitte an den Mittdreißiger, der schon drinstand.

Moody sah zu, wie der jüngere Mann den Arm ausstreckte und einen Knopf drückte. Er nahm an, der junge Mann wolle die Türen für das ältere Paar aufhalten, was ja ziemlich nahe lag. Ein Irrtum, der vielleicht erklärte, dass ihm der Mund offen stehen blieb, als die Gleittüren zuschnappten und das grüne Licht hinaufzusteigen begann.

Während der Bus vorbeiglitt, musste Moody den Kopf drehen, um durch das schmutzige Rückfenster des Busses zu verfolgen, wie sich die Geschichte weiterentwickelte. Zu sehen, wie die beiden Alten schlurfend stehen blieben. Wie die Frau entrüstet die Hände in die Hüften stemmte und etwas zu dem Mann sagte. Lind dann wie der alte Mann in entrüstetem Unglauben den zerzausten Kopf schüttelte.

Er schaute noch immer zu dem Paar hinüber, als er eine Rauchwolke wahrnahm. Nicht direkt Rauch. Irgendetwas Dickeres. Substanzielleres. In dem künstlichen Licht sah es einen Moment lang aus wie in seiner Kindheit in Iowa, wenn die Nachmittagsbrise die spätsommerlichen Löwenzahnsamen loslöste und die Luft mit Heerscharen winziger weißer Fallschirme erfüllte.

Auch wenn Moody selbst kein Geräusch hörte, war ihm klar, dass das, was immer diesen Rauch ausgestoßen hatte, irgendein Geräusch gemacht haben musste. Alle auf dem Bahnsteig erstarrten für einen Augenblick und drehten sich dann zu der sich spiralförmig drehenden weißen Wolke um. Hände fuhren an Kehlen. Menschen zeigten dorthin. Vierzig Meter den Bussteig hinunter schien der alte Mann zu schwanken. »Irgendein verdammter Idiot mit einem Feuerwerkskörper«, dachte Carson Moody.

Der Bus kam zischend zum Stehen. Moody sammelte sich, stieg vorsichtig die drei Stufen hinunter und trat auf den Bussteig hinaus. Zu seiner Rechten wogte die Menge hin und her, starrte nach oben, zu der sich rasch verflüchtigenden Wolke. Das ältere Paar konnte er hinter einer unruhigen Wand aus Menschen nicht mehr sehen. Carson Moody ließ seinen Blick eine volle Minute lang über die Szenerie schweifen, bevor er in entgegengesetzter Richtung davonging und auf die lange Rolltreppe am südlichen Ende des Busbahnhofs und dem Zwischengeschoss darüber zustrebte.

Er war kaum zehn Meter weit gekommen, als er plötzlich eine trockene Stelle im hinteren Teil seines Rachens spürte. Fast als hätte jemand eine Briefmarke auf seine Mandeln geklebt. Er räusperte sich ein paar Mal und versuchte zu schlucken. Als das nicht ging ... als sich plötzlich sein ganzer Hals eng und entzündet anfühlte, begann er, ernsthaftere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Zuerst fragte er sich, ob er vielleicht eine Erkältung bekam oder sogar noch etwas Schlimmeres ... die Grippe ... oder sogar ... Gott bewahre ... er würde sich doch nichts von der jüngsten Grippewelle eingefangen haben, die, wenn man den Medien Glauben schenken konnte, derzeit das Land heimsuchte.

Er riss sich zusammen und schaffte ein weiteres halbes Dutzend Schritte auf die Rolltreppe zu, bevor er erneut stehen blieb. Seine Zahnwurzeln hatten begonnen zu pochen, als ob sie sich plötzlich gelockert hätten und kurz davor wären, aus seinem Kiefer zu fallen. Er führte eine Hand an die Lippen. Zumindest war es das, was er vorhatte. Statt ihr Ziel zu erreichen, schnellte seine Hand gegen seine Stirn und flappte von dort wieder an seinem Körper herunter, wie ein sterbender Fisch auf einer Sandbank.

Seine Muskeln fühlten sich wabbelig und kaum kontrollierbar an. Überzeugt, dass sein Unwohlsein seinen Mitreisenden aufgefallen sein musste, drehte er sich zum Bahnhof um, nur um festzustellen, dass niemand in seine Richtung schaute. Ja, dass alle anderen in Sichtweite unter ziemlich ähnlichen Beschwerden zu leiden schienen wie er. Er blinzelte mehrere Male und schüttelte dann den Kopf, doch die Szene blieb unverändert.

Einige Leute waren hingefallen und wanden sich auf dem weißen Marmorboden, ihre Beine fuhren wie Scherenblätter hin und her, ihre Arme wedelten wie Windmühlen, Muskelkontraktionen trieben sie in kleinen Kreisen über den glatten Steinboden. Unmittelbar in seiner Nähe hatte sich eine Latina mit feuerrotem Gesicht auf ein Knie gehockt und versuchte, ihrer sich in Krämpfen windenden Tochter zu helfen. Ein halbes Fußballfeld entfernt lagen still und reglos die beiden schwarz-gelben Jacken. Etwas näher saß der Fahrer seines Busses ... den Kopf in den Nacken geworfen ... den Mund weit aufgerissen ... und starrte an den Himmel seines Busses. Ein Blutstrom ergoss sich aus dem Mund des Mannes, über sein Kinn, hinunter auf sein faltenfreies blaues Hemd.

Carson Moody hustete schwer. Er fühlte etwas Dickes, Warmes in seinem Mund ... er dachte, danach greifen zu müssen, und besann sich dann eines Besseren, drehte sich stattdessen um und taumelte unsicheren Schrittes auf die Rolltreppe zu, auf die silberne Insel der Rettung und das Licht am oberen Ende der Treppe.

Als er sich in Bewegung setzte, war ihm, als schwappte eine Flüssigkeit in seinem Körper, als hätte er literweise Wasser in seinem Brustkorb, das bei jedem seiner wackeligen Schritte vor und zurück wogte, während seine Füße die letzten Meter schlurften, bis er endlich den Handlauf ergriff und sich von dem schwarzen Kunststoff nach vorn auf die Rolltreppe ziehen ließ. Er geriet ins Schwanken, konnte jedoch das Gleichgewicht halten, als die Maschinerie ihn lautlos nach oben beförderte, hoch über den Bussteig hinaus. Sein Blick zurück nahm da unten keinerlei Bewegung mehr wahr, nur stille Reglosigkeit, hier und da mit unregelmäßigen roten Flecken gesprenkelt. Carson Moody wandte sich ab. Schaute nach oben.

Er versuchte, das Licht auf seinem Gesicht zu spüren, und wunderte sich über die roten Flecken, als der wogende Ozean in seinem Brustkorb ihn in die Knie zwang. Seine zitternden Finger lösten sich von der Aktentasche, die sich mehrfach überschlug, als sie die aufwärtslaufende Treppe hinunterpurzelte, auf die Mutter und das Kind zu, die reglos und still in dem unruhigen roten Scheinwerferlicht lagen.

Er zwang seinen Blick erneut nach oben, über den Bustunnel hinaus. Nichts bewegte sich, nur seine Augen, die aus unerfindlichen Gründen unfähig waren, auf irgendeinem einzelnen Ausschnitt der Szenerie zu verweilen, und stattdessen erbarmungslos von Körper zu Körper rollten, die Wände hinauf und über die Decke wieder zu den beiden Bussen hinunter, die im Leerlauf an der Haltestelle standen. Sie rollten von einem grässlichen Bild zum nächsten, als ob sein Gehirn durch die konstante Bewegung vermeiden wollte, die Details des Blutbades zu verarbeiten.

Sein Arm gab nach. Er spürte den geriffelten Stahl der Treppen an seiner Wange, spürte jetzt die Maschinerie in seinen Eingeweiden, als sie ihn zu dem hellen Licht am Ende der Rolltreppe hinauftransportierte. Er wollte sich zwingen, nach dem Leuchten zu greifen, konnte jedoch die nötige Kraft nicht aufbringen. Er hatte das Bedürfnis, etwas zu sagen, aber sein Mund war voll Suppe.

Sein Körper lag in einem so ungünstigen Winkel auf den elektrisch angetriebenen Stufen, dass die Rolltreppe ihn nicht auf den festen Boden befördern konnte, als er das obere Ende erreicht hatte. Stattdessen lag er wie gelähmt da, und sein zu keiner Bewegung fähiger Körper wellte sich im Rhythmus der stählernen Stufen, die eine nach der anderen in sich zusammensanken und unter ihm verschwanden. Was blieb, war ein wiederholtes, helles Klicken, das sein Hinscheiden begleitete, als jede Stufe die Unterseite seines Kinns traf und seine Zähne aufeinanderschlagen ließ ... eine nach der anderen ... Klick auf Klick auf Klick ... wie das rhythmische Rollen von Knochen. Er schloss die Augen, holte ein letztes Mal zitternd Luft, und mit einem Geräusch, nicht unähnlich einer Kinderrassel, starb er auf der laufenden, stählernen Rolltreppe.

Kapitel 3

Als die Hand ihren Ellbogen packte, zuckte sie unter der Berührung zusammen, hielt die Luft an und schickte einen eisigen Blick ihren Arm entlang. Sie hatte ihn schon oft gesehen, konnte sich aber nie an seinen Namen erinnern. Immer bei irgendwelchen albernen Kunstveranstaltungen oder anderen gesellschaftlichen Ereignissen. Unweigerlich kam er an, um zu plaudern, als wären sie langjährige Freunde oder so etwas. Schlimmer noch, er erinnerte sich nicht nur an ihren Namen, sondern auch noch daran, worüber sie das letzte Mal gesprochen hatten, fast als wäre der bedeutungslose Smalltalk der vorigen Begegnungen Teil eines fortlaufenden Dialogs, an dem nur sie beide teilhatten. Eine Welle eines moschusartigen Duftes traf sie einen Augenblick später, als wäre sein Eau de Cologne ihm durch den Raum gefolgt wie eine streunende Katze. Er drückte einmal kurz und leicht ihren Ellbogen und redete dabei auf sie ein wie auf einen Säugling: »Das ist toll, Liebes. Einfach absolut toll.« Er schob seine Hand zu ihrer Schulter hinauf und knetete zart ihre Muskulatur.

»Ich hab’s Ihnen doch gesagt«, sagte er wissend. »Wissen Sie noch ... ich hab’s Ihnen gesagt.«

Sie wusste nicht mehr und hatte keinen blassen Schimmer, wovon er redete.

Er war Ende vierzig und hatte sich unübersehbar deutlich mehr Mühe gegeben, sich für das abendliche Ereignis herzurichten, als sie. Grauer Anzug und Haar saßen perfekt. Maßgeschneidertes Hemd. Manschettenknöpfe, selbstverständlich. Wahrscheinlich hatte er sogar seine Füße in den exklusiven Bally-Mokassins mit Troddelchen pedikürt. Sehr glanzvoll. Sehr viel Geld. Sehr nervig.

Meg Dougherty zwang sich zu einem dünnlippigen Lächeln. »Danke«, sagte sie. Zum wohl hundertsten Mal in den vergangenen Stunden rutschte ihr ein Seufzer heraus. Sie riss sich zusammen. Machte ein reuiges Gesicht. »Schätze, ich bin ein bisschen nervös«, bot sie als Entschuldigung an.

Er tadelte sie spöttisch: »Seien Sie nicht albern. Sie sind der Star, meine Liebe.« Er drohte ihr mit dem Zeigefinger und verkündete: »Wie ich es vorausgesagt habe.« Nach dieser schwerwiegenden Aussage zeigte er mit seinem Finger an der nächstliegenden Wand entlang. »Sehen Sie nur all die roten Punkte. Sieht fast aus, als hätte die Ausstellung Masern oder so was.« Er ließ ein weiteres, vollendet gebleichtes Grinsen aufblitzen und lachte leise über seinen eigenen kleinen Scherz.

Er meinte die kleinen roten Aufkleber, mit denen die Cecil Taylor Galerie Ausstellungsstücke kennzeichnete, die bereits verkauft waren. »Wieheißternochgleich« hatte Recht. Auf gut zwei Dritteln ihrer Fotografien prangten in der Ecke rechts unten kleine rote Punkte. Aus irgendeinem Grund konnte sie dieser Anblick nicht aufmuntern.

Sie warf einen Blick über die Schulter des Mannes. Zum anderen Ende des Raums, wo Corso stand, allein ... und zu ihr herüberschaute. Er konnte ihr Unbehagen spüren und fand es amüsant ... auf frischer Tat ertappt, schluckte er ein Lächeln hinunter und blickte nach unten in sein Weinglas.

Sie hörte, wie ihr Name gerufen wurde: »Meg. Meg«, wiederholte die drängende Stimme. Suchend spähte sie über das Meer aus Köpfen hinweg. Da gab es kein Vertun, Cecil Taylor in einem prächtigen Kaftan aus Goldbrokat, bahnte sich seinen Weg durch die Menge, mit einer Affektiertheit, die sich nur die schmerzfreiesten Drag Queens erlaubten. Wenn er sich bewegte, schien sein birnenförmiger Körper ein Eigenleben zu führen, waberte und wogte unter den fließenden Falten des Gewandes hin und her und kam erst mit ein oder zwei Sekunden Verspätung zur Ruhe, nachdem die Füße bereits an ihrer Seite zum Stehen gekommen waren. Er roch nach Cognac und Babypuder.

»Ich habe ein paar Mäzene, die sich danach verzehren, dich kennen zu lernen«, verkündete er.

Bevor sie antworten konnte, bemerkt er den Mann, der seine Hand immer noch auf Doughertys Schulter hatte. »Ah ... Michael. Es tut mir leid, dass ich sie dir entreißen muss, aber ...«

Widerstrebend ließ die Hand ihre Schulter los. »Kein Problem, Cecil«, sagte der Typ. »Ich habe vollstes Verständnis. Das Geschäft geht immer vor.«

Cecil Taylor ordnete seine beweglichen Gesichtszüge zu einer verständnisvollen Miene. »Eine wahrlich bedauerliche Begleiterscheinung.«

Indem er ihren anderen Arm als Hebel benutzte, begann Taylor, Dougherty zur Nordseite des Raumes zu steuern, wo die Ansammlung Kunstbegeisterter etwas weniger dicht und das Getöse der Konversation etwas gedämpfter waren. Nachdem die Menge sich wieder hinter ihnen geschlossen hatte, blieben sie stehen und beobachteten, wie der andere Mann sich zur Weinbar am Fenster durchdrängte.

»Du hast ausgesehen, als bräuchtest du Hilfe«, sagte Taylor.

Sie nickte matt. »Vielen Dank.«

»Das Mindeste, was ich tun konnte«, gab er zurück. »Michael kann einem ziemlich auf die Nerven gehen.«

»Ich kann mir den Namen von dem Typen einfach nicht merken.«

»Michael Marton.«

»Ist er Mitglied des Kunstvereins oder so was? Ich sehe ihn auf fast jeder Vernissage, zu der ich gehe.«

»Wenn du zu noch mehr Vernissagen gehen würdest, würdest du ihn noch öfter sehen. Michael lässt nichts aus.« Taylors Lippen verzogen sich spöttisch. »Kauft aber auch nie was.« Er wedelte abfällig mit der Hand. »Bloß wieder so ein kleiner Mann mit zu viel Geld und zu viel Zeit.« Er nahm ihre nächste Frage vorweg. »Sein Großpapa hat unten in Portland einen Haufen Geld mit Sand und Kies gemacht, und soweit ich gehört habe, hat keiner von der Familie jemals wieder irgendwas Nützliches getan, seit das Vermögen angefangen hat, Zinsen abzuwerfen.« Er sah durch den Raum zu Corso hinüber. »So ziemlich das genaue Gegenteil von deinem berühmten Freund Mr. Corso da drüben.«

Dougherty warf einen Blick auf Corso, der jetzt dem Raum den Rücken zukehrte und durch den Nieselregen auf die First Avenue starrte.

»Beeindruckend, wie er einen Raum beherrschen kann, indem er ihn ignoriert«, bemerkte Cecil Taylor. Der Klang seiner eigenen Worte ließ ihn leise zusammenzucken. Er schaute auf seine Sandalen hinunter. Als er wieder aufsah, bedachte Dougherty ihn mit einem amüsierten Blick. Er gluckste entschuldigend. »Das sind diese großen, starken, schweigenden Typen. Die, die ihren ganzen Schmerz in sich verschlossen tragen. Machen mich immer ganz geil.«

Dougherty seufzte wieder einmal. »Ich hätte ihn nicht überreden sollen mitzukommen«, sagte sie. »Er hasst solche Veranstaltungen.«

Wie auf ein Stichwort drehte Corso sich wieder um. Seine Augen fanden Doughertys. Sie fröstelte, als etwas wie ein elektrischer Finger ihre Wirbelsäule herunterstrich. Noch aus dieser Entfernung konnte sie die eisige Stille in seinem Innern spüren und wunderte sich wieder einmal über seine Fähigkeit, in einem Raum voller Menschen allein zu sein. Sein Bedürfnis, sich von seinen Mitmenschen abzukoppeln, war genauso intensiv wie deren Streben, miteinander in Verbindung zu treten. Sie wandte den Blick ab und fröstelte erneut.

Cecil Taylor räusperte sich und wechselte das Thema. »Also, meine Liebe ... jetzt ist es offiziell. Du bist ein Volltreffer. Sobald morgen früh die Zeitungen raus sind, bist du wieder mal der Liebling der Kunstszene des Nordwestens.«

Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu.

»Ich bitte dich«, insistierte er. »Schau dich doch um. Diese Leute sind wegen dir hier, wegen deines Talents. Die Ausstellung ist bis zum Wochenende garantiert komplett ausverkauft.« Er tätschelte ihren Arm. »Es kann gar nicht besser laufen, meine Liebe. Genieß es, solange du kannst.« Er zwinkerte ihr zu. »Denn wie du, und ganz besonders du, ja nur zu gut weißt ... Ruhm ist ein flüchtig Ding.«

Irgendetwas hinter ihrem Rücken lenkte ihn ab. Sie drehte sich um. Cecils Partner Maury Caulkin winkte zaghaft. »Sieht aus, als würde ich gebraucht«, entschuldigte sich Cecil lächelnd und machte sich zur anderen Seite des Raums auf. Überschwänglich nach allen Richtungen grüßend, ließ er keine Hand ungeschüttelt, keinen Ellbogen ungetätschelt, kein Lächeln unerwidert.

Dougherty sah einen Moment zu und ging dann quer durch den Raum auf Corso zu. Sie sah, wie eine Frau im roten Pulli etwas zu ihm sagte. Sah Corso beiseitetreten, um sie an ein paar Mäntel heranzulassen, die an einer altmodischen Garderobe hinter der Tür hingen. Der Mann, der sie begleitete, legte sich seinen schwarzen Regenmantel über den Arm und half ihr dann in ihren grauen Wollmantel. »Echt gute Sachen«, hörte sie den Mann sagen.

»Wunderbar.«

»Sie sieht ein Leben in Dingen, ... weißt Du, das man normalerweise ... nicht sehen würde.«

Die Frau rollte die Schultern, um ganz in den Mantel zu schlüpfen. »Manche Leute haben einfach einen Blick dafür.«

»Mir ist, als hätte ich sie schon mal irgendwo anders gesehen.« Er wedelte mit seinen Schlüsseln. »Vielleicht auf einer von Todds Poolpartys oder so.«

»In der Zeitung, du Dummkopf«, wies ihn seine Begleiterin zurecht.

Da bemerkte der Mann plötzlich, dass Dougherty näherkam, klappte den Mund zu und nahm Haltung an. Er räusperte sich einmal, dann noch einmal ... lauter.

Vollauf beschäftigt mit Handtasche und Handschuhen, überhörte seine Gefährtin alle Warnsignale. »Ihr Freund hat sie unter Drogen gesetzt und sie über und über tätowiert. Erinnerst du dich?«

Der Mann antwortete nicht.

»Der Typ sah aus wie Billy Idol«, fuhr sie fort.

»Hm-hm«, murmelte er.

»Es heißt, sie hätte richtig bizarres Zeug überall eintätowiert. Weißt du, was ich gehört habe? Ich habe gehört ..., dass sie ...«

Endlich sah sie zu seinem Gesicht hoch und begriff. Sie schaute sich um; Doughertys Anblick in unmittelbarer Nähe ließ ihr den Atem stocken. »Oh«, setzte sie an. »Ich hab gar nicht gemerkt ... Ich ...« Ein Paar roter Flecken erschien auf ihren Wangen. »Ich meine ...«, stammelte sie. Die Luft war plötzlich zum Schneiden dick.

Der Mann fing sich als Erster, nickte ein paar Mal peinlich berührt, drückte die Tür auf und schob seine steifbeinige Gefährtin hinaus. Dougherty sah ihnen nach, wie sie davonhasteten, heftige Worte miteinander wechselten und ängstliche Blicke über die Schulter zurückwarfen, während sie den Bürgersteig entlangeilten. »Feind hört mit«, bemerkte Corso.

Dougherty machte die letzten drei Schritte an seine Seite, hakte sich bei ihm unter und legte ihren Kopf an seine Schulter.

»Vielleicht hätte ich versuchen sollen, es ihnen leichter zu machen«, sagte sie.

»Warum solltest du?«

»Weil man das so macht, wenn man andere Leute in Verlegenheit gebracht hat.«

»Komisch. Ich dachte immer, man freut sich diebisch und dankt seinen Sternen, dass man nicht selber voll ins Fettnäpfchen getreten ist.«

»Du erwartest immer nur das Schlechteste von den Leuten.«

»Und sie enttäuschen mich nie.«

Sie trat einen Schritt zurück und sah ihm in die kalten blauen Augen. »Du kannst ruhig gehen«, sagte sie. »Ich weiß, dass dich so was wahnsinnig macht.«

»Und den Augenblick deines Triumphes verpassen? Du musst verrückt sein.«

Sie schnaubte verächtlich.

Seine Miene wurde ernst. »Such nicht nach der Niederlage im Angesicht des Sieges«, sagte er. »Du haust die Leute hier heute Abend glatt um. Du hast so lange darauf gewartet. Wirklich hart dafür gearbeitet. Genieß es, so lange du kannst.«

Ein weiterer Seufzer entfuhr ihr. »Das hat Cecil auch gesagt.«

»Cecil hat Recht.«

Sie ließ seinen Arm los. Zuckte die Achseln. »Es fühlt sich einfach nicht so an, wie ich erwartete habe.«

»Das tut es nie.«

Bevor Dougherty antworten konnte, lenkte ein Klingeln Corsos Aufmerksamkeit auf die Tür. Er legte die Hand auf Doughertys Taille und zog sie beiseite, als zwei Officer der Polizei von Seattle in den Raum drängten. Während er an seinem Wein nippte, beobachtete er, wie die Polizisten sich vorbeugten und eine Frau in einem grünen, mit Pailletten besetzten Kleid ansprachen, die zufällig an der Tür stand. Sie nahm ihr Weinglas von der rechten in die linke Hand und zeigte mit einem langen, manikürten Zeigefinger über die Leute hinweg auf Cecil Taylor, der jetzt die Menschenmenge an der hinteren Wand unterhielt. Die Frau sagte noch etwas, doch da hatten die Cops längst begonnen, sich durch die Menge zu boxen. Dabei legten sie deutlich weniger Feingefühl an den Tag, als es normalerweise bei Galerie-Eröffnungen üblich war, und ließen demzufolge hochgezogene Augenbrauen und verschüttete Drinks in ihrem Kielwasser zurück, während sie sich ihren Weg zum anderen Ende des Saals bahnten.

Irgendetwas an der Art, wie sie sich bewegten, ließ Corso erstarren.

Dougherty fühlte die plötzliche Anspannung in seinem Arm. »Was ist?«, fragte sie.

Er nickte zum hinteren Teil des Raums hinüber, wo der größere der beiden Polizisten sich gerade zu Cecil vorbeugte und ihm etwas ins Ohr flüsterte. Uber dem lärmenden Summen der Gespräche konnte Corso nicht hören, was er sagte, doch was immer es war, es machte Taylor offensichtlich sauer. Seine ausladenden Gesichtszüge zogen sich in der Mitte seines runden Gesichts zusammen, noch bevor der Officer fertig war. Sein Unterkiefer schob sich vor wie bei einem Barsch. Er schnappte eine kurze Antwort. Dann noch eine, bevor er mit der Handkante durch die Luft fuhr und einen Schlussstrich unter das Gespräch setzte. Der Polizist hob seinerseits die Hand ... mit ausgestreckten Fingern, als wolle er fünf anzeigen.

Eine ältere Frau in einem schimmernden schwarzen Kleid rauschte an Doughertys Seite.

»Das sind wundervolle Arbeiten, meine Liebe.«

»Vielen Dank«, erwiderte Dougherty.

»Sie können so stolz auf sich sein. Ich habe noch nie ...«

Ding. Ding. Ding. Cecil Taylor klopfte mit einem Löffel an den Rand seines Glases. Die Frau zog ein finsteres Gesicht und schaute sich suchend nach der Lärmquelle um.

»Leute ... Leute«, rief Cecil Taylor. Ding. Ding. Ding.

Langsam, Schritt für Schritt, verebbte der allgemeine Lärm. Ding. Ding. Ding. »Leute. Bitte.«

Der Raum wurde still. »Anscheinend hat es irgendeinen ...«, er sah zu dem Polizisten herüber, »ist irgendein Gift hier in der Nähe ausgelaufen. Es sieht so aus, als müssten wir das Gebäude sofort räumen.« Sein Ton legte nahe, dass dies das Lächerlichste war, was er jemals gehört hatte. »Diese Herren hier ...«, er bedachte die beiden Polizisten mit einem wütenden Blick, »bestehen darauf, dass wir innerhalb der nächsten fünf Minuten hier verschwinden.« Er setzte das Glas ab, legte den Löffel weg und hob entschuldigend die Hände. Jetzt übernahm der Polizist, der eben geflüstert hatte, das Kommando.

»Wenn Sie das Gebäude verlassen, verlassen Sie es bitte Richtung Süden. In Richtung der Stadien. Alles zwischen Cherry und King ist abgeriegelt worden. In Safeco Field stehen öffentliche Transportmittel bereit.«

»Mein Auto –«, begann jemand in der Menge. Der Polizist schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. »Wenn Ihr Auto zwischen Cherry und King geparkt ist ... oder auf der Strecke bis zur Fourth Avenue, dann müssen Sie heute Abend eine andere Möglichkeit finden, um nach Hause zu kommen.«

Protest und Fragen schwirrten durch die Luft. Der Polizist brüllte sie nieder. »Bewegung, Leute«, brüllte er. »Gehen wir. LOS JETZT!«

Widerstrebend begann die

Menge, sich nach und nach in Richtung Tür zu bewegen.

Cecil Taylor stand am Ausgang und erging sich abwechselnd in schmerzlichen Entschuldigungen und bösen Blicken auf die Polizisten, die weiterhin nur die Köpfe schüttelten, wenn ihnen Fragen zugerufen wurden, während sie die verärgerten Kunstfreunde wie Schafe zusammentrieben.

Als der letzte Gast in der Dunkelheit verschwand, drehte Taylor sich zu den Polizisten um. »Ich kenne Chief Dobson persönlich«, drohte er. »Ich rufe ihn an, gleich als Erstes morgen früh. Es wäre verdammt gut für Sie, wenn das hier keine bescheuerte Übung wäre ... Das kann ich Ihnen jetzt schon sagen ...«

Der Polizist schnitt ihm das Wort ab. »Bitte gehen Sie weiter, Sir«, blieb er hartnäckig. »Wir würden es begrüßen, wenn Sie das Licht anlassen würden.«

Bevor Taylor weiteren Widerstand leisten konnte, erschien Maury Caulkin mit einem Arm voll Mäntel. Er reichte Corso zwei und behielt ein Paar. Cecil Taylor zwängte sich in seinen langen schwarzen Kaschmirmantel und wandte sich dann an Dougherty. »Es tut mir so leid, meine Liebe. Ich kann mir vorstellen, wie du dich jetzt fühlst, ... in dieser Nacht aller Nächte, ... dass ausgerechnet da so was passieren muss.«

»Gehen Sie weiter, Leute«, rief der kleinere Polizist. »Bewegung.«

Kapitel 4

»Lass es gut sein, ja?«

Corso stand auf der Straße und sah einem Pärchen abgerissener Obdachloser nach, die um eine Ecke torkelten und dann verschwanden. »Was?«, fragte er.

»Du hast jeden gelöchert, der uns begegnet ist. Jetzt bist du schon so weit, die Alkis zu fragen. Wenn wir so weiter machen, kommt keiner von uns heute noch nach Hause.« Sie wedelte mit dem Arm. »Komm schon.«

»Ich bin einfach nur neugierig.«

»Dann sei im Gehen neugierig.«

»Ich hab da so ein Gefühl.«

»Du hast immer so ein Gefühl.«

Ursprünglich hatten sie zu den Stadien gehen und dort ein Taxi nehmen wollen. Eine Sache von fünfzehn Minuten ... toller Plan. Es war jetzt eine Stunde her, dass Corso angefangen hatte, jeden anzuhalten, den sie trafen. Fragen über Fragen zu stellen. Jedermanns Hirn zu löchern. Und absolut nichts kam dabei heraus, rein gar nichts. Niemand wusste irgendwas.

Die Nachtluft war nebelschwer. Feucht und grau legte sie sich auf ihre Wangen, als sie dahingingen. Hinter ihnen kennzeichnete ein einzelnes gelbes Absperrband der Polizei den südlichen Rand des Occidental Park. Hinter der gelben Plastikbegrenzung lag der Park, sonst nachts um diese Zeit überfüllt von Crackdealern, vollkommen ausgestorben da. Seine gepflegten Bäume und die extra als Touristenmagnet aufgestellten Totempfähle waren von der feuchten Nacht verschluckt worden. Das Geräusch von Hufen auf Stein kündigte berittene Polizei an. Corso sah sich gerade rechtzeitig um, um noch die weißen Helme der Officer im scharfen Trab entlang der Demarkationslinie auf- und abwippen zu sehen.

Dougherty trat nach einer fliehenden Taube und verfehlte sic. »Ich kann’s verdammt noch mal einfach nicht glauben«, sagte sie. »Das muss doch ein Witz sein.«

Corso grunzte lediglich. Es war der erste Donnerstag im Monat– die »Art Walk Night«–, und der Occidental Square sah aus wie in einem Science-Fiction-Film. So ein Weltuntergangs-Katastrophenstreifen, in denen am Ende die Stadt nach der Invasion vom Mars verlassen daliegt.

In den hell erleuchteten Galerien warteten Weinflaschen und Tabletts voller Häppchen wie sitzen gelassene Geliebte. Vor der Parker-Holmes-Gallery qualmte noch eine weggeworfene Zigarette auf den rauen Steinen und sandte ein dünnes Rauchfähnchen in den dunklen Nachthimmel hinauf.

»Mach dir nichts draus«, tröstete Corso sie.

»Was meinst du mit ›nichts draus machen‹? Der wichtigste Abend meines Lebens geht den Bach runter, und du sagst, ich soll mir nichts draus machen?«

»Wir können nichts dran ändern.«

Ihr Stiefel machte einen erneuten Ausfall in Richtung der Taube und verfehlte sie erneut. »Du hast gut reden. Du bist der berühmte Spitzenautor, nicht der Stadtfreak.«

»Hör auf damit.«

Sie machte den Mund auf, um etwas zu sagen, doch Corso kam ihr zuvor. »Ich kann mir nicht vorstellen, was irgendwer verschüttet haben sollte, das die Evakuierung von acht ganzen Blocks einer Großstadt erforderlich machen würde.«

»Das machen die doch immer: die Stadt evakuieren.«

»Nur im Kino. Jeder im Katastrophenschutz wird dir sagen –«

»Ist doch auch egal«, schnappte sie. »Fakt ist, dass meine große Ausstellung jetzt sang- und klanglos untergehen wird, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen. Ich werde so schnell wieder zur Kuriosität werden, dass keiner –«

»Es muss irgendwas Hochtoxisches sein.«

»Vier Jahre Arbeit, und morgen wird in den Zeitungen nichts anderes stehen als diese verdammte Katastrophe oder was immer da hinten passiert ist.« Bevor Corso antworten konnte, fuhr sie fort: »Du weißt, wie die Medien Katastrophen lieben. Die haben inzwischen bestimmt schon ein Logo und einen Trailer dafür.« Sie senkte ihre Stimme. Wedelte mit dem Arm. »Terroranschlag«, intonierte sie. »Die warten doch das ganze Jahr auf so was wie das hier. Einen Sturm. Eine Massenkarambolage ... irgendwas, das sie eine Woche lang ausschlachten können. Das ist wie ...«

Sie hielt plötzlich an und stemmte die Hände in die Hüften. Corso war stehen geblieben und hatte sich umgedreht. Er schaute in die wabernden Nebelschwaden und schüttelte den Kopf. »Wo sind eigentlich die Sirenen und Blaulichter?«, wollte er wissen. »Der ganze Bezirk müsste doch eigentlich blinken wie ein Weihnachtsbaum.«

»Ich schwör’s dir ... auf mir liegt ein Fluch.«

»Hör auf.«

»Ist doch wahr!«

Als sie weitergingen, füllte plötzlich ein Summen die Stille zwischen ihren Schritten. Was war gleich die Melodie? »Time after Time«, dachte Corso. Er blieb stehen und sah einen Mann mittleren Alters in einem grünen Segeltuchmantel die Occidental Street diagonal überqueren und auf sie zukommen. »Sieht ganz so aus, als wären wir die Letzten hier draußen«, sagte der Mann und schaute sich in den verlassenen Straßen um.

»Sag ich ihm doch die ganze Zeit schon«, stöhnte Dougherty.

»Wo waren Sie?«

»Smith Tower«, antwortete der Mann. »Ich bin technischer Leiter da. Zwei Jungs hatten sich krankgemeldet, also musste ich selber die Stellung halten ... und auf einmal wimmelte es überall nur so von Cops und Feuerwehrmännern.«

»Haben die gesagt, was los ist?«, fragte Corso.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Nur dass ich raus müsste. Und zwar sofort. Haben mir fünf Minuten gegeben.« Er schüttelte den knubbeligen Kopf. »Verdammt ... ich komm nicht mal an mein Auto.«

»Ich hab gehört, alle Taxis und Busse der Stadt sind unten bei den Stadien«, sagte Corso.

»Das hat mir der Cop auch gesagt.«

Corso drehte sich zu Dougherty um. Breitete die Arme aus. »Was soll der ganze Scheiß? Wieso halten die so dicht? Wenn was ausläuft, läuft was aus. Man schickt ein Katastrophenschutz-Team rein, und die machen alles wieder sauber. Na und? Ist doch keine so verdammt große Sache!«

»Es ist auf der Yesler Street. Das weiß ich ganz sicher«, berichtete der Mann.

»Das haben die Ihnen gesagt?«

»Ist direkt hinter dem Gebäude. Ich war da, als es losging«

»Wann war das?«

»Vor ein paar Stunden. ’Ne Menge Krankenwagen. Löschzüge. Die ganze Palette.«

»Wo auf der Yesler Street?«

Corso hörte Dougherty husten. Konnte ihre Ungeduld spüren.

»Unten im Bustunnel. Alle Eingänge sind versiegelt worden. Alle hatten Gasmasken auf. Die Cops haben ihr kleines Roboterding rausgeholt.«

»Haben Sie das gesehen?«

»Ganz genau.« Der Mann schüttelte wieder den Kopf. »Braucht echt kein Mensch, so ’ne verdammte Scheiße.«

»Lass uns gehen«, zischte Dougherty zwischen den Zähnen hervor.

Sie drehte sich um und ging weg; ihr schwarzer Umhang flatterte hinter ihr her wie ein Paar ebenholzfarbener Flügel. Corso und der Mann holten sie ein, sie schritten jetzt weiter aus, als sie auf die King Street traten. Im Osten versperrten zwei Einsatzwagen des Seattle Police Department die Straße. Zwei weitere standen unten zum Wasser hin.

»Gibt ’ne Menge Überstunden heute Nacht«, stellte Corso fest.

»Glauben Sie, das hat vielleicht was mit diesem Terrorismus-Ding zu tun, das die da im Weston abhalten?«, fragte der Mann, während sie weitergingen.

Corso blieb abrupt stehen. Schaute nach Norden. Zum Stadtzentrum, wo derzeit im Weston-Hotel das Internationale Symposium über Chemische und Biologische Waffen stattfand. Experten aus fünfzig Ländern waren in den Zwillingstürmen des Weston zusammengepfercht und taten dort, was immer Experten tun, wenn sie zusammenkommen. Wie vorauszusehen gewesen war, hatte die Veranstaltung alle möglichen Verrückten aus ihren Verstecken gelockt. Jede politische, umweltschützerische oder sozial engagierte Gruppe, die irgendwie nach Seattle hatte fahren, gehen oder trampen können, demonstrierte in den Straßen für oder gegen irgendwas, angefangen vom Heuschreckenkapitalismus über die Dritte Welt bis hin zur bedauerlichen Lage der Seeschildkröten, was zu einer ganzen Reihe von tagelangen Demonstrationen geführt hatte, die in den letzten beiden Tagen das Stadtzentrum so gut wie unpassierbar gemacht hatten.

»Himmel ... ich hoffe nicht«, sagte Corso.

Ein Schrei hallte durch die stillen Straßen. Das Schlurfen unzähliger Füße füllte die Luft wie statisches Rauschen. Vor ihnen ragte das Scahawk-Stadion auf, seine metallenen Brauen bogen sich fragend in die dunstige Nachtluft hoch. Sie überquerten die King Street, bogen links in den abgetrennten Teil der Occidental ein und waren auf einmal nicht mehr allein.

Zwei Blocks weiter bewegten sich ein paar Dutzend anderer Nachzügler südwärts auf die hellen Lichter der Royal Brougham Street zu. Anscheinend hatte jeder ein Handy am Ohr kleben.

Auf halbem Weg den Block hinunter kam Safeco Field in Sicht; die Stadionbeleuchtung war eingeschaltet worden und tauchte die Heerscharen von Bussen und Taxis, die die Straßen verstopften, in einen schaurigen Halogenschimmer. Das Heulen einer Zugsirene schien von überall gleichzeitig zu kommen. Einmal ... zweimal, und dann, nach einer Pause, ein drittes Mal. In einiger Entfernung schien das gigantische Lokomotivenrad, das das ausfahrbare Dach des Stadions öffnete und schloss, Trost in dem ihm verwandten Ton zu finden.

»Was kann denn in einem Tunnel auslaufen?«, grübelte Corso laut. Die langen Schatten der anderen Zufluchtssuchenden wirbelten um ihre Beine. »Da gibt’s keine Lkws, keine Tanker, keine Güterwaggons. Da ist nichts drin außer Bussen. Wie kriegt man einen Gefahrgutunfall mit einem Autobus hin? Ich kapier’s einfach nicht.«

Sie hatten noch einen halben Block vor sich. Die Masse der Flüchtenden begann sich auszudünnen. Corso konnte hören, wie die Leute einander alles Gute wünschten, während sie in alle Richtungen gleichzeitig davongingen.

Die Cops hatten Recht gehabt. Eine Horde Metrobusse, in Zweierreihen entlang der Nordfront des Stadions aufgereiht. Corso las im Gehen die Schilder: Montlake-Terrace. Kent via Southcenter. Northgate. Bellevue. Die meisten waren zu zwei Dritteln voll. Der beißende Geruch des Diesels vermischte sich jetzt mit dem Nebel und legte sich als öliger, schmuddeliger Film auf die Haut. Die Menschen in den Bussen schienen lebhafter als sonst. Es sah aus, als redeten alle gleich zeitig, statt sich hinter Zeitungen und Walkmen zu verstecken. »Unglaublich, was so nötig ist, um die Leute zusammenzubringen«, dachte Corso, als sie weitereilten.

»Man sieht sich.« Der Mann im grünen Mantel winkte ihnen zum Abschied und hielt schnurgerade auf den 38er-Bus und das Universitätsviertel zu.

Corso und Dougherty überquerten direkt vor den Bussen die First Avenue und hielten auf die Taxischlange am Straßenrand zu. Als sie dort ankamen, lösten sich hier und da einzelne Wagen wie kleine gelbe Blätter aus der Schlange, die durch den Wind nach Süden getrieben wurden, weg von der Stadt, zur nächsten Auffahrt auf den Freeway, fünf Blocks die Straße hinunter.

Die drei nächsten Taxis fuhren mit quietschenden Reifen an, bevor Corso und Dougherty sie erreichten. Das vierte war leer. Corso legte seine Hände an die Seite des Wagens und beugte sich herunter. Das Fenster glitt einen Spalt breit auf. Der Fahrer schien den Atem anzuhalten. »Wir müssen den Hügel hoch und dann runter zum Eastlake«, sagte Corso.

Der Spalt im Fenster verschwand. Die Schlösser klickten. Corso zog die Tür auf und ließ Dougherty einsteigen. Er wartete, während sie rüberrutschte, und stellte dann ein Bein in den Wagen. Da hörte er die Stimme. Von der gegenüberliegenden Seite der Straße. Sofort wusste Corso, wer es war. Er unterdrückte ein Frösteln und richtete sich wieder auf.

Die Stimme war zögerlich. »Mr. Corso?«, rief es noch einmal. Corso schaute sich um.

»Machen Sie die Tür zu«, sagte der Taxifahrer. Corso gehorchte.

Seine Augen fanden die Silhouette. Allein stand er vor dem ersten Paar Busse. Slobodan Nisovic. Schwarzer Regenmantel. Langer roter Schal um den Hals geschlungen, sah aus wie handgestrickt. Corso ging über die Straße.

Vor seinem geistigen Auge sah er sie beide. Walter Lee Himes und Albert Defeo. Zwei der ekelhaftesten menschlichen Wesen, die Corso je getroffen hatte. Corso war Walter Lee zum ersten Mal persönlich in der Woche begegnet, bevor Himes für eine Reihe von Vergewaltigungen und Morden hingerichtet werden sollte, die unter dem Titel »die Müllmannmorde« bekannt geworden waren. Zehn junge Frauen, überfallen und in Müllcontainern überall in der Stadt leblos liegen gelassen. Walter Lee Himes war der Verbrechen für schuldig befunden und dazu verurteilt worden, durch die Todesspritze zu sterben, als Corso Wind von einem anderen Mordfall bekam, derselbe Modus operandi ... dieselbe erniedrigende Plastikmarke im Ohr des Opfers. Zum Verdruss beinah aller Beteiligten stellte sich heraus, dass Walter Lee doch nicht schuldig war. Zumindest nicht an den Morden, für die er angeklagt worden war. Ein kleiner, magerer, schießwütiger Irrer rächte sich an seiner lieben, entschlafenen Mutter, indem er junge Frauen wie Analie Nisovic vergewaltigte und ermordete. Sagte, er fühlte sich dadurch besser.

Slobodan Nisovic war dünner, als Corso ihn in Erinnerung hatte.

»Sie sehen gut aus«, begrüßte ihn Nisovic.

»Sie auch«, log Corso.

»Anna ...«, begann er mit dem Namen seiner Frau, »wollte, dass ich Sie von ihr grüße.« Er sah auf seine Schuhe herunter. »Wir schulden Ihnen etwas, was wir nie ...«

Corso schnitt ihm das Wort ab. »Wie geht’s den Jungs?«

»Nicholas ist gerade auf die Highschool gekommen, dieses Jahr. Serge ...«, er lächelte ein wenig. »Serge ist in diesem schwierigen Alter.«

Ein Moment verging. »Sie haben bestimmt die Nachrichten über Albert Defeo gesehen«, sagte Corso.

Nisovic nickte. Trat von einem Fuß auf den anderen.

Vor etwas weniger als einem Jahr. McNeil Island Penitentiary. Ein anderer Insasse hatte Albert Defeo mit einem Besenstiel erschlagen, ein Streit um einen Stapel Spielkarten.

Obwohl das nicht viel änderte für Slobodan Nisovic. So oder so, seine einzige Tochter war tot, und egal was auch geschah, das Leben würde niemals wieder jene gleißende Verheißung bereithalten, die er sich einst erträumt hatte. Als Flüchtling aus Kroatien gekommen, ein Zahnarzt, dessen ausländische Approbation es ihm in den USA nicht erlaubte, seinen Beruf auszuüben, hatte er sich im Doc Maynard’s hochgearbeitet, vom Fußbodenwischen zum Besitzer der Bar. Er organisierte die Seattle Underground Tours von einem kleinen Büro in seiner Bar aus. Eine halbe Million Touristen zahlte Slobodan Nisovic sechs Dollar pro Nase, um durch das Gewirr nasskalter Gänge unter dem Pioneer Square stolpern zu dürfen. Dass dieses Geschäft eine Goldmine war ... dass er vom Scheißhaus ins Penthouse aufgestiegen war ... dass er die Verkörperung des Amerikanischen Traums lebte ... nichts von alledem zählte mehr. Er hätte es alles getauscht für eine Stunde ... ach was, eine Minute ... mit seiner wunderschönen Tochter Analie, deren vergewaltigten und geschändeten Leichnam Albert Defeo auf einem Haufen welker Blumen in einem Müllcontainer an der Straße hinter Freddy’s Flowers drapiert hatte.

Wie Corso war auch Slobodan Nisovic auf eine Art und Weise berühmt geworden, die er selbst lieber vergessen würde. Vor seiner Frau, seiner Mutter, etwa fünfhundert Menschen, die zur Pressekonferenz im Ballsaal des Hotels zusammengepfercht waren, und einem landesweiten Fernsehpublikum, das in die Millionen ging, hatte Nisovic vier Kugeln in Walter Lee Himes hineingepumpt, als der gerade erklärte, dass, so wie er die Dinge sah, »diese Scheißzicken, die dieser Defeo-Typ kaltgemacht hatte« es wahrscheinlich sowieso verdient hätten zu sterben. Einfach, weil sie Zicken waren. Wenn man verstand, was er meinte.

Glücklicher- oder unglücklicherweise, je nachdem, wie man es betrachtete, hatte Himes nicht nur seine Verletzungen überlebt, sondern als Justizopfer auch noch vier Millionen Dollar Schadensersatz vom King County erstritten, eine fürstliche Summe, mit der er sich ins angestammte Heim seiner Familie nach Husk in North Carolina zurückgezogen hatte, von wo aus er kürzlich in einem Interview hatte verlauten lassen, dass er »sich’s gut geh’n ließ wie die Made im Speck«.

Nach einer Anstandspause beschlossen die Autoritäten des King County, es nicht zulassen zu können, dass die Leute das Recht in ihre eigenen Hände nahmen, und erhoben Anklage gegen Nisovic, wegen versuchten Mordes in einem besonders schweren Fall und fahrlässiger Gefährdung der allgemeinen Sicherheit. Das Problem war nur, dass es sich als unmöglich herausstellte, eine Jury zu finden, die das genauso sah. Die ersten beiden Verfahren endeten damit, dass sich die Geschworenen nicht einigen konnten. In der Überzeugung, dass das allgemeine emotionale Klima Seattles einen andernfalls längst geklärten Fall verdorben hatte, verlangte die Staatsanwaltschaft einen Ortswechsel und bekam ihn auch.

Das dritte Verfahren wurde zwanzig Meilen nordwärts nach Everett verlegt. Eine Jury aus einfachen Arbeitern, sieben Männern und fünf Frauen– nach umfassender, eindringlicher Ermahnung durch den Richter ... nachdem man ihnen gesagt hatte, dass eine weitere Verhandlung ohne Ergebnis durchaus dazu führen könnte, dass jede und jeder Einzelne von ihnen wegen Missachtung des Gerichtes angeklagt würde ... berieten sie, solchermaßen ermahnt, ganze neunzehn Minuten lang, bevor sie Slobodan Nisovic einstimmig in allen Punkten der Anklage für nicht schuldig befanden.

»Was für ein Chaos«, bemerkte Corso.

Nisovic nickte zustimmend. Der Wind um wirbelte sie, hob die Schöße von Nisovics Mantel und veranlasste Corso, den Kragen hochzuschlagen.

Corso räusperte sich und sagte: »Hm, hey ... Ich muss los ... Dougherty ist ...«, er nickte zur Taxireihe herüber.

»Bitte richten Sie Ms. Dougherty meine besten Empfehlungen aus«, sagte Nisovic. »Und die meiner Familie.«

Corso versicherte ihm, er würde es ausrichten. Nisovic drehte sich um und ging zum Bus. Corso blieb auf dem Bürgersteig stehen und sah Nisovic stirnrunzelnd nach.

»Mr. Nisovic!«, rief er ihm hinterher.

Der kleine Mann hatte bereits einen Fuß auf die Stufen des Busses gesetzt. Er hielt inne und trat dann beiseite, damit die Chinesin hinter ihm einsteigen konnte.

Corso rannte zu ihm. »Haben Sie den Schlüssel dabei?«, fragte er.

»Den Schlüssel?«

»Zum Underground.« Slobodan Nisovic musterte Corso von oben bis unten, als probierte er eine neue Brille aus. »Es heißt, es wäre hochgefährliches Material«, sagte er schließlich.

»Ich weiß.«

»Ist es wirklich so wichtig, das zu wissen?«, fragte er.

»Ich bin halt so«, antwortete Corso.

Nisovic dachte lange nach und ging dann in die Hocke. Er stellte seinen Aktenkoffer auf den Boden, ließ die Schlösser aufspringen und zog einen riesigen Schlüsselring hervor. Äußerst bedachtsam wählte er einen aus und löste ihn von den anderen. Er schaute zu Corso auf. Hielt ihm den Schlüssel hin. »Nehmen Sie den Hauptschlüssel. Ich habe noch einen zu Hause.«

Er schickte sich an, seine Aktentasche zu schließen. Hielt inne und griff noch einmal hinein. Dann zog er etwas hervor, das wie eine Broschüre aussah. »Wollen Sie einen Plan?« Er stand auf. »Wir geben die den Touristen mit.« Er zuckte die Achseln. »Ist eigentlich fast überall zu dunkel zum Lesen.«

»Kommt mir irgendwie vor wie ein Witz von Groucho Marx.«

»Bitte?«

»Ich nehme an, Sie haben nicht zufällig eine Taschenlampe dabei«, fragte Corso mit einem schiefen Grinsen.

»Wir lassen immer Licht an«, sagte Nisovic ein wenig verdrossen. »Die Versicherung besteht darauf.«

»Danke«, sagte Corso.

Nisovic deutete steif eine Verbeugung an, bevor er den Bürgersteig überquerte und in den Bus einstieg. Corso sah zu, wie er ganz vorn am Fenster einen Platz fand, und schlenderte dann zum Taxi zurück. Er zog die Tür auf, beugte sich hinein und sagte etwas zu Dougherty. Ihr Gesicht verriet ihm, dass sie wusste, was jetzt kommen würde.

»Ich hab noch was zu tun.«

Sie verdrehte die Augen und packte den Türgriff. Corso riss gerade noch rechtzeitig den Kopf zurück, um zu verhindern, dass sein Gesicht von der zuschlagenden Tür zerschmettert wurde. Er ging zum Fenster des Fahrers herum, blätterte einen Hundertdollar schein heraus und winkte dem Mann damit. Das Fenster glitt gerade so weit auf, dass das Geld hindurchpasste. Corso sagte: »Fahren Sie sie, wohin sie will.«

Kapitel 5

»Ihr neuer Freund spielt Saxophon in einer von diesen Shows in Las Vegas«, sagte der Taxifahrer. »Ich hab meine Kinder schon seit Juli nicht mehr gesehen.«

»Muss hart sein«, war alles, was Dougherty dazu einfiel.

»Ganz besonders in den Ferien«, sagte der Fahrer. »War fast schlimmer, nur am Telefon mit ihnen zu sprechen, als überhaupt nichts von ihnen zu hören.« Er nahm eine Hand vom Lenkrad und wedelte damit in der Luft herum. »Sie erzählen mir, was sie alles zu Weihnachten bekommen ... sind ganz aufgeregt, wissen Sie ... und ich bin wie .. .«Traurig schüttelte er den Kopf. Blickte in den Rückspiegel. »Haben Sie Kinder?«

Sie stieß ein kurzes, raues Lachen aus: »Ich? Kinder? Nein ... ich nicht.«

Ihr Ton ließ ihn aufhorchen. »Ist nie zu spät«, meinte er. »Eine so hübsche junge Lady wie Sie. Ich wette, Sie haben ’ne Menge–« Der Blick in ihren Augen im Spiegel erstickte die Worte in seiner Kehle und ließ seine Aufmerksamkeit wieder zurück über die Motorhaube huschen.

Sie schaute aus dem Seitenfenster. Der Nebel hatte sich gelichtet. Der Verkehr wurde weniger dicht, als sie sich die steile Cherry Street hinaufkämpften.

Der Taxifahrer tippte auf den Einschaltknopf des Radios. Die Band »War« mit »Lowrider«.

»Wo auf dem Hügel?«, fragte er über die Bässe hinweg.

»Ecke Thirteenth Avenue East und Republican.«

»Schöne Gegend«, startete er einen neuen Versuch.

Sie ließ ihren Blick auf die laminierte Plastikkarte fallen, die von der Lehne des Rücksitzes herunterhing. Sein Name war Steveland Gerkey. Er hatte sein drahtiges Haar wachsen lassen, seit das Foto gemacht worden war. »Steveland, hm?«, murmelte sie.

»Meine Mutter hat mich nach Stevie Wonder benannt«, erklärte der Fahrer. »Sie hat uns alle nach Berühmtheiten benannt. Ich habe einen Bruder Marvin und eine Schwester Diana ... nach Marvin Gaye und Diana Ross. Mom war wirklich ein großer Motown-Fan.«

Dougherty ließ sich tiefer in den Sitz sinken. Immer nur ein paar Autos kamen gleichzeitig über die Kreuzungen. Fünf Minuten lang saß sie schweigend da, während sie vorankrochen, dann plötzlich beugte sie sich vor. Legte die Hände auf die Lehne des Vordersitzes.

»Sind Sie glücklich mit dem, was Sie machen, Steveland?«, fragte sie.

Seine Augen richteten sich wieder auf den Rückspiegel. Versuchten herauszufinden, ob sie es ernst meinte. »Stevie«, sagte er. »Alle nennen mich Stevie.«

»Sind Sie glücklich mit dem, was Sie machen, Stevie?«

»Meinen Sie Taxifahren?«

»Ich meine mit Ihrem Leben.«

Er dachte darüber nach. »Wie man’s nimmt«, sagte er eine Minute später. »Wissen Sie ... es ist nicht gerade so, wie ich es mir als Kind vorgestellt habe oder so.«

»Was wollten Sie denn werden, als Sie klein waren?«, fragte sie.

»Cowboy«, antwortete er. »Ich wollte wirklich Cowboy werden.«

»Und später? Als Sie groß waren?«

Er zuckte die Achseln, sagte jedoch nichts. Seine Zukunftsträume waren nichts, worüber er sich erlaubte, lange nachzugrübeln. Nicht weil sie irgendwie schlecht oder bizarr gewesen wären, sondern weil ihm klar geworden war, dass er keine hatte. Nichts Besonderes zumindest. Er hatte sich nie als etwas Besonderes gesehen. Einfach nur, irgendwann genug Geld zu haben, um etwas machen zu können ... irgendetwas ... genug, um zu bekommen, was er wollte. Ein hübscher Dodge Pickup. Ein Boot oder vielleicht irgendwo ein kleines Haus. Sachen, wie sie sich viele Leute wünschten.

Er schaute wieder in den Spiegel. »Was ist mit Ihnen?«

»Ballerina.«

»Ich wollte aufs College gehen. Es gibt in South Seattle ein wirklich gutes Programm für Kochkunst«, setzte er an. »Aber dann ... wissen Sie, dann habe ich Janie kennen gelernt ... Am Ende haben wir geheiratet.« Er schien in seinem Sitz ein wenig kleiner zu werden. »Und schon hatten wir zwei Kinder, und danach kann man nicht wieder auf die Schule zurück.«

»Wie lange fahren Sie schon Taxi?«

»Die letzten paar Jahre. Seit sie mich bei Boeing rausgeschmissen haben.«

»Was haben Sie bei Boeing gemacht?«

»Im Werkzeuglager gearbeitet ... oben in Everett. Janies Vater ... Harvey ... der hatte mich da reingebracht. Harvey war zweiundreißig Jahre bei ›Busy B‹. Er kannte den Vorarbeiter.«

Er ließ den Wagen drei Autolängen vorrollen. Jetzt war nur noch ein Wagen vor ihnen, um den Broadway zu überqueren. »Ich hab meine Papiere gleich bei der ersten Entlassungswelle bekommen.« Er schaute wieder in den Spiegel, um zu sehen, ob sie noch zuhörte. »Ab da fing’s an, dass das mit mir und Janie auseinanderging. Wenn ich mir das jetzt überlege ... Sie wissen schon, im Nachhinein betrachtet ... es ging vor allem ums Geld, aber, wissen Sie ... damals ... sah es irgendwie aus, als könnten wir uns über gar nichts mehr einig werden.« Er merkte, dass er abschweifte, und wechselte das Thema.

»Was machen Sie denn?«, fragte er.

»Ich bin Fotografin.«

»Sie meinen, so für ’ne Zeitung oder so was?«

»Freelancer«, erwiderte sie. »Ich arbeite selbständig.« Sie las die Frage in seinen Augen. »Manchmal arbeite ich für einen bekannten Schriftsteller. Ich mache die Bilder für seine Bücher.«

»Für wen denn?«

»Frank Corso. Er schreibt–«

»Die Bücher über wahre Verbrechen«, fiel er ihr ins Wort. Zum ersten Mal lächelte er und knipste das Leselicht an. Machte das Handschuhfach auf. Wühlte darin herum. Zog eine zerfledderte Taschenbuchausgabe von Die Spur des Bösen heraus, die er hochhielt wie eine Jagdtrophäe. »Ich les die alle«, verkündete er. »Sobald sie raus sind, hole ich sie mir.«

Die Ampel sprang um. Er hielt das Taxi ungefähr zehn Zentimeter hinter dem vorausfahrenden blauen Volvo, während sie über die Kreuzung krochen und dann bergab zu rollen begannen, die Nordseite der Seattle University entlang. Ein blinkendes, gelbes Licht markierte den Fußgängerüberweg, der vom Parkhaus der Universität zum Campus führte. Sie hielten und warteten darauf, während ein Strom plaudernder Studenten vor dem Taxi vorbeiging. Während sie warteten, blätterte er mit dem Daumen in die Mitte des Buches, fand die Fotos und drehte das Buch auf die Seite.

»Margaret Dougherty«, las er.

»Meg.«

Da fiel es ihm schlagartig ein. Eine Sekunde lang sah er hoch und vergrub seinen Blick dann wieder im Buch. Sie hatte diesen Ausdruck schon so oft gesehen, dass sie ihn nicht missverstehen konnte. Diese Mischung aus spürbarem Mitleid und lüsterner Neugierde, die ihre Geschichte zu wecken schien. Vor allem bei Männern. Sie schienen immer hin und her gerissen, ob sie ihr Beileid aussprechen oder fragen sollten, ob sie mal gucken dürften.

»Haben sie den Typen jemals gekriegt?«, fragte er. »Ich meine, den, der ...«

Sie hatte die Antwort parat. Wie eine Rolle in einem Theaterstück, das schon ewig lief. Eine Rolle, deren Text sie niemals vergaß. »Er hat das Land verlassen. Frankreich wahrscheinlich.«

Er machte den Mund auf, um etwas zu sagen, überlegte es sich jedoch glücklicherweise anders. Der letzte Student ging vor dem Taxi vorbei. Er nahm den Fuß von der Bremse und ließ das Taxi bergab rollen, wo sie die Ampel passierten und nach Norden auf die Twelfth Avenue abbogen. Das Taxameter zeigte $ 6,99. Eine Idee brachte sie beinah zum Lächeln. Sie würde Steveland den ganzen Rest von Corsos hundert Dollar als Trinkgeld geben. Seinen ganzen verdammten Tag retten. Weil Corso so ein gottverdammter Idiot war und weil Steveland einen gut entwickelten Sinn dafür hatte, wann er besser den Mund hielt. Ein neues Lied begann. Norah Jones, »Don’t know why I didn’t call« ... Dougherty lehnte sich im Sitz zurück und schloss die Augen. Die raue Stimme der Sängerin kitzelte ihr Inneres.

Sie hielt die Augen geschlossen, gab sich der Musik hin, bis sie sich durch die steile Steigung des East Republican Boulevard in den Sitz gedrückt fühlte.

»Oben links«, sagte sie.

Er fuhr den Wagen sachte halb auf den Bürgersteig und hielt an. »Welches Haus?«, wollte er wissen.

Sie rutschte auf dem Sitz nach vorn und zeigte über seine Schulter hinweg. »Das kleine Haus mit dem Tor.«

Er nahm den Fuß von der Bremse, und das Taxi rollte an. »Welches Tor?«

»Zwischen den Apartmenthäusern«, sagte sie und zeigte erneut. »Sehen Sie das weiße Schild über dem Tor?« Er blinzelte ins Halbdunkel hinaus. Graven Images, stand auf dem Schild. M. Dougherty, Fotografin. Termine nur nach Vereinbarung und eine Telefonnummer.

»Mein Gott«, sagte er. »Immer fahr ich diese Straße entlang und hab noch nie dieses kleine Haus dahinten gesehen.«

»Tun die meisten Leute nicht«, sagte sie. »Das gefällt mir ja so gut daran.«

»Mit den Bäumen und Büschen und dem Ganzen kann man’s echt kaum sehen.«

Er nahm erneut den Fuß von der Bremse. Als der Wagen sich in Bewegung setzte, öffnete sich das Tor zur Straße, und eine nur schemenhaft zu erkennende Gestalt trat hindurch auf den Bürgersteig.

Ohne nachzudenken legte Dougherty dem Fahrer die Hand auf die Schulter. Er hielt wieder an. Der Schatten bemerkte das Aufleuchten der Bremslichter. Sein Kopf fuhr herum. Er starrte das Taxi an, rührte sich jedoch nicht.

»Erwarten Sie Besuch?«, fragte Stevie.

»Nein.«

»Kennen Sie ihn?«, fragte er und schaltete die Innenraumbeleuchtung aus.

Sie wollte gerade nein sagen, als die Erscheinung einen Schritt nach vorn machte und sich ihre Umrisse deutlich vor der Sicherheitsbeleuchtung des Apartmenthauses nebenan abzeichneten.

Ihr Atem ging schneller. Sie hörte es, konnte aber nichts dagegen tun.

»Das kann nicht sein.«

»Was kann nicht sein?«

Sie schüttelte ungläubig den Kopf, als könnte die Bewegung ihren Blick schärfen oder, besser noch, die Erscheinung verschwinden lassen. Der Schemen blieb auf dem Bürgersteig stehen, zog ein Päckchen Zigaretten aus der Jackentasche und zündete sich eine an. Jetzt war sie sicher. Das altmodische Zippo-Feuerzeug. Wie er sich einen Augenblick in Positur warf, bevor er die Flamme löschte. Nur für den Fall, dass er Publikum hatte. Er war es. Kein Zweifel.

»Heilige Scheiße«, rutschte es ihr heraus. »Ich glaub’s einfach nicht.«

Der Besucher warf einen weiteren, langen Blick auf das verdunkelte Taxi und ging dann die Straße hinauf. Richtung Norden, die Thirteenth Avenue entlang. Sie wartete einen Augenblick, dann drückte sie den Türgriff, stieg aus und kickte die Tür mit der Hüfte wieder zu.

»Stimmt irgendwas nicht?«, wollte der Fahrer wissen.

Sie antwortete nicht. Stand einfach nur auf der Straße und starrte dem davongehenden Schemen hinterher. »Ich glaub’s einfach nicht«, murmelte sie vor sich hin.

»Alles in Ordnung?«, fragte der Fahrer.

Bevor ihr eine Antwort einfiel, ließ eine Bewegung am Rand ihres Blickfeldes ihren Kopf herumfahren. Jemand kam lautlos den Bürgersteig entlang. Gerade als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, glitt die Erscheinung hinter die dicke Eiche und verschwand. Sie wartete ... blinzelte in die Dämmerung auf die Stelle, wo er wieder hinter dem Baum hervortreten musste. Nichts. Der stille Spaziergänger war stehen geblieben. Versteckte er sich? Sie sah Stevie an, der ausgestiegen war und jetzt neben ihr stand; er starrte sie unverwandt an.

»Hören Sie, Lady«, fing er an. »Ich muss weiter. Ich muss ...«

Sie riss den Blick vom Bürgersteig los. Stieß mit dem Zeigefinger mehrmals in die Richtung des sich entfernenden Schemens. »Das ist der Typ«, zischte sie. »Das ist Brian.« Mit der anderen Hand zog sie den Ausschnitt ihres Kleides herunter, enthüllte die Spalte zwischen ihren mit Tattoos bedeckten Brüsten. Er blinzelte in der Dunkelheit, bis er die Bilder erkennen konnte und die Worte, die sich um ihren Brustkorb schlängelten. Seine Lippen bewegten sich, als er die tätowierte Schrift las, bis ihn die Worte beschämt das Gesicht abwenden ließen.

»Das ist der Typ, der mir das angetan hat. Brian Bohannon. Das da vorne ist er.«

»Sicher?«

»Wie könnte ich das je vergessen?«

»Ich dachte, Sie hätten gesagt, er wäre nach Frankreich gezogen.«

»Ist er auch.«

»Großer Gott.« Er zögerte und nahm dann ein Handy vom Armaturenbrett. »Vielleicht sollten wir die Polizei rufen.«

Sie dachte nach. Schüttelte den Kopf. Setzte sich wieder ins Taxi. »Die sind alle im Zentrum am Weston oder dahinter auf dem Square. Die kommen nicht wegen ’ner sexuellen Belästigung hier hoch, die fünf Jahre zurückliegt und die sie sowieso nie ernst genommen haben.«

»Wie meinen Sie das, die hätten das nie ernst genommen?«