Spur des Bösen - G.M. Ford - E-Book
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Spur des Bösen E-Book

G. M. Ford

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Beschreibung

Unter den morschen Dielen eines alten Hauses verbirgt sich der grausame Tod … Auf der Flucht vor der texanischen Polizei suchen Journalist Frank Corso und Fotografin Meg Dougherty im ländlichen Wisconsin Schutz vor einem gnadenlosen Schneesturm. In dem verlassenen Bauernhaus, das ihnen Zuflucht vor der Nässe und Kälte bietet, lauert jedoch ein abscheuliches Geheimnis: Unter den Dielen verbirgt sich ein Massengrab … Auf der Suche nach Gerechtigkeit, begeben sich Corso und Dougherty auf die Jagd nach dem Mörder. Mit jedem neuen Detail über den grausamen Fall, geraten die beiden tiefer in einen Sog aus Gewalt und Terror. Doch ihre Ermittlungen bleiben nicht unentdeckt und schon bald wird der abgebrühte Journalist selbst zur Zielscheibe eines von Wut getriebenen Wahnsinnigen …  Auf der Flucht vor dem Gesetz macht Frank Corso einen schrecklichen Fund – der dritte Band der Thriller-Reihe um den abgebrühten Journalisten für Fans von Michael Connelly und Jeffery Deaver. Alle Bände der Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Seitenzahl: 401

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

Auf der Flucht vor der texanischen Polizei suchen Journalist Frank Corso und Fotografin Meg Dougherty im ländlichen Wisconsin Schutz vor einem gnadenlosen Schneesturm. In dem verlassenen Bauernhaus, das ihnen Zuflucht vor der Nässe und Kälte bietet, lauert jedoch ein abscheuliches Geheimnis: Unter den Dielen verbirgt sich ein Massengrab … Auf der Suche nach Gerechtigkeit, begeben sich Corso und Dougherty auf die Jagd nach dem Mörder. Mit jedem neuen Detail über den grausamen Fall, geraten die beiden tiefer in einen Sog aus Gewalt und Terror. Doch ihre Ermittlungen bleiben nicht unentdeckt und schon bald wird der abgebrühte Journalist selbst zur Zielscheibe eines von Wut getriebenen Wahnsinnigen …

Über den Autor:

G.M. Ford (1945 – 2021) war ein preisgekrönter amerikanischer Schriftsteller, der mit seinen beiden Krimireihen um den Journalisten Frank Corso und Privatdetektiv Leo Waterman internationale Bekanntheit erreichte. Er wurde u.a. für den Shamus, Anthony und Lefty Award nominiert und lebte an der Westküste, zuletzt in Oregon, wo er an der Universität auch als Dozent für Kreatives Schreiben tätig war.

Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Frank Corso Reihe, bestehend aus »Dunkle Strafe«, »Killer-Trieb«, »Spur des Bösen«, »Rotes Fieber«, »Die Geisel« und »Spur des Blutes«.

***

eBook-Neuausgabe Januar 2025

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2003 unter dem Originaltitel »A Blind Eye« bei William Morrow,

an imprint of Harper-Collins Publishers Inc., N.Y.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Die Spur des Bösen« bei Goldmann.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2003 by G. M. Ford

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2006 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von AdobeStock/unai

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (vh)

ISBN 978-3-98952-641-9

***

dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

***

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***

Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].

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G. M. Ford

Spur des Bösen

Thriller. Frank Corso ermittelt 3

Aus dem Amerikanischen von Helmut Splinter

dotbooks.

Widmung

Für Joe und Donna Bocca – die Menschen,

die mir ewig bleiben.

Für die undankbaren Kinder Nummer eins und zwei.

Für Oakland und Jimmy und Rose und Hugo und Francis,

Schlimmes Auge und Schlimmes Ohr

und Mr. und Mrs. Berkowitz,

wo auch immer sie sind.

Möge es euch allen gut gehen.

G. M. Ford

Motto

Denn Kinder sind unschuldig und lieben Gerech-

tigkeit, während die meisten Erwachsenen böse

sind und sich lieber für die Vergebung entscheiden.

G. K. Chesterton

Prolog

Mama sagt, in jedem von uns schlummert eine fiese Seite, in der wir untertauchen können. Ein Ort, an dem es keine Brüder, Schwestern, Mamas oder Papas gibt, wo sich alles nur um uns allein dreht. Ein Ort, an dem wir unseren Kuchen nicht teilen oder lächeln müssen, wenn uns gar nicht danach ist. Wo wir ausschließlich das zu tun brauchen, wozu wir Lust haben, und wir uns vor niemandem rechtfertigen müssen. Das Einzige, was wir tun müssen: überleben. Weil es nicht jeder schafft. O nein. Nicht jeder findet diesen Ort in seinem Herzen. Und wer es nicht schafft ... na ja ... für den wird’s richtig eng. Das Leben wird ihn verschlingen und wieder ausspucken. Nur die Hülle ohne Kern wird übrigbleiben, bis auch sie verschwindet, weil das Leben dieser Menschen nur aus Lügen bestanden hat, so dass am Ende nichts bleibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Die Hülle braucht’s dann auch nicht mehr, zumindest seh ich das so.

Kapitel 1

»Ich verstehe.« Die Frau seufzte und lächelte verlegen. »Haben Sie mir nicht zugehört, Sir?«

»Ich habe zugehört«, antwortete Corso.

»Dann haben Sie gehört, dass ich ›morgen Mittag‹ gesagt habe.« Sie zögerte. »Frühestens.«

»Ich muss unbedingt von hier weg.«

Sie hörte auf, sich mit dem Stapel-Tickets Luft zuzufächeln, und blickte ihm widerwillig in die Augen.

»Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, sind alle Flüge auf unbestimmte Zeit abgesagt worden.«

»Ich hänge schon zwei Tage in dieser ... dieser ... Einrichtung fest.«

Sie seufzte. »Sir ... bitte. Es ist für uns alle unangenehm, aber ich versichere Ihnen, dass sich an der Situation absolut nichts ändern lässt.« Zum Fenster deutend, schüttelte sie angewidert den Kopf und blätterte mit ihren eckigen, weiß lackierten Fingernägeln durch die Papiere. Corso schob die Hände in die Hosentaschen, wandte sich vom Schalter ab und trat ans Fenster.

Draußen wehte von Westen ein dünner Vorhang aus Schnee und Eis im Dreißiggradwinkel herein. Nichts sonst bewegte sich. Fuß- und Reifenspuren vom Tag lagen schon wieder unter dreißig Zentimeter frischem Schnee begraben, der die Rollbahn in ein dichtes, weißes, vom Wind geriffeltes Tuch verwandelt hatte.

Drinnen erinnerte der O’Hare International Airport an ein Flüchtlingslager. Alle ebenen Flächen wurden entweder von gestrandeten Reisenden oder ihrem Gepäck in Anspruch genommen. Fünfzig Meter weiter, am anderen Ende der Halle, gingen zwei Soldaten mit geschulterten Automatikgewehren im Zickzack zwischen den Wartenden hindurch, um hier und da ein Schloss zu prüfen oder in ein schlafendes Gesicht zu blicken.

Ihre Helme drehten sich gleichzeitig, als Meg Dougherty mit klackernden, hohen Schnürstiefeln um die Ecke bog, den schwarzen Umhang hinter sich aufgebläht wie ein Paar gespreizter Flügel. Was sie zu den beiden Jungs sagte, konnte Corso nicht verstehen. Der Größere der beiden salutierte und boxte seinem Kumpel mit dem Ellbogen in die Rippen. Der andere beugte sich hinüber und flüsterte seinem Kollegen etwas ins Ohr. Lächelnd stießen sie die Schultern aneinander und gingen weiter.

Im grellen Neonlicht sah sie aus wie eine Vampirkönigin. Oder vielleicht ein Todesengel. Reinstes Goth. Alles schwarz. Umhang, Strumpfhose, Stiefel, Nägel, Lippen und Haare. Mindestens eins achtzig. Diese mit Steroiden vollgepumpte Betty Paige durchschnitt die künstliche Luft wie ein Pfeil.

Ein leises Stöhnen zog Corsos Aufmerksamkeit auf den Fenstersims rechts von ihm, wo sich eine ältere Frau im Schlaf bewegte und ihre faltige Wange über den Speichel rieb, der aus ihrem Mund auf die Seite ihres karierten Koffers geflossen war.

Dougherty blieb neben Corso stehen und blickte hinaus in die winterliche Märchenlandschaft, bevor sie sich umdrehte und ihm einen wütenden Blick zu warf. Er zog es vor, sich abzuwenden und mit frisch gewecktem Interesse in die eisige Nacht hinauszuspähen.

»Hat dir dein kleiner Ausflug gefallen?«, fragte er.

»Es geht doch nichts über einen Dauerlauf um einen Flughafen, um die Lungen durchzupusten.«

Er trat drei Schritte näher an die riesige Glasscheibe, die sie vom Schneesturm trennte. Legte seine Hand kurz darauf. Dougherty trat näher an ihn heran.

»Es war sehr informativ. Ehrlich.«

Etwas in ihrer Stimme ließ ihn aufmerken.

»Ach ja?«, hakte er nach.

»Also, zunächst einmal habe ich herausgefunden, dass wir wahrscheinlich nirgendwohin gehen.«

Corso blickte sie an. »Seit wann bist du der Wetterfrosch?«

»Wetterfee.«

»Von mir aus.«

»Seit ich in der Bar einen Meteorologen kennen gelernt habe.«

»Was du nicht sagst.«

»Netter Typ ... heißt Jerry.«

»Jerry?«

»Meint, die Wetterlage nennt sich Inversionswetterlage. Meint, sie hätte Chicago in die Zange genommen.«

»Hmmm.«

»Meint, die Wetterlage hätte sich genau hier über dem Mittleren Westen festgesetzt.«

»Ach ja?«

»M-hm. Laut Jerry hat der Sturm einen Durchmesser von hundertsiebzig Kilometern und wird sich in absehbarer Zukunft keinen Millimeter von der Stelle bewegen.«

»Häh, hundertsiebzig Kilometer?«

»Das hat er gesagt.«

Corso ging wieder zum Schalter. Die Frau blickte ihn mit müden, rot umrandeten Augen an.

»Sie werden doch nicht etwa Probleme machen, Sir, oder?«

»Was für Probleme?«

»Muss ich den Sicherheitsdienst rufen?«

»Warum sollten Sie das tun?«

»Weil Sie, Sir, der Einzige zu sein scheinen, der Probleme hat, die Lage zu begreifen.«

»Ich muss hier weg.«

Ihr Gesichtsausdruck besagte, dass ihr das scheißegal war. »Wie ich Ihnen bereits in den letzten sechs Stunden jede Viertelstunde erklärte habe« – sie zuckte mit den Schultern und hob die Hände – »wird niemand von hier wegkommen.«

Corso machte den Mund auf, doch die Frau kam ihm zuvor. »Es sei denn, Sie möchten die Angelegenheit mit dem Sicherheitsdienst besprechen.«

»Warum reden Sie dauernd vom Sicherheitsdienst?«

»In Anbetracht von Terrorismus, erhöhter Wachsamkeit und dem ganzen Zeug gehe ich davon aus, dass die Sicherheitschecks heutzutage ziemlich langwierig und unangenehm sein können«, meinte sie und nickte zu den sich nähernden Soldaten.

Corso hörte Stiefel knarren – die Soldaten standen hinter ihm.

»Gibt’s Probleme, Annie?«, fragte eine Stimme.

Sie lächelte sarkastisch und schaute Corso erwartungsvoll an.

Corso hob beide Hände, als wolle er sich ergeben. »Keine Probleme.«

Die Frau zog ironisch eine Augenbraue hoch. »Und was kann ich dann für Sie tun, Sir?«

»Ich wollte nur etwas fragen.«

»Und was wollten Sie fragen, Sir?«

»Ich wollte nach dem nächstgelegenen Flughafen fragen, der noch in Betrieb ist.«

Sie legte den Stapel Papiere beiseite und tippte auf der Tastatur. Auf jedem ihrer festen, weiß lackierten Fingernägel prangte ein anderes Weihnachtssymbol. Ein Weihnachtsmann. Ein Weihnachtsbaum. Eine Zuckerstange. Ein Rentier. Und ein Adventskranz.

»Madison«, sagte sie nach einem kurzen Augenblick.

»Wie weit ist das entfernt?«

»’n paar hundert Kilometer«, antwortete sie.

Corso bedankte sich und ging zurück zum Fenster, wo Meg das höllische Nat urschauspiel betrachtete. Die alte Frau auf dem Fenstersims bewegte sich wieder.

»Gehen wir«, sagte Corso.

»Ich hätte da schon ein paar Ideen, wo du hingehen könntest«, erwiderte sie, ohne sich ihm zuzuwenden.

Er überging ihren Spott. »Wir fahren nach Madison.«

»Was gibt’s in Madison?«

»Flugzeuge, die fliegen.«

Die freundliche Annie und die Soldaten hatten flüsternd die Köpfe zusammengesteckt und warfen Corso und Dougherty verstohlene Blicke zu.

Meg ließ ein trockenes, humorloses Lachen hören. »Ein Kerl mit deinen Problemen sollte wirklich nicht versuchen, allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen.«

Corso schaute weiterhin aus dem Fenster, so dass sie um ihn herumgehen musste, um sich vor ihm aufzustellen und ihm direkt ins ausdruckslose Gesicht zu blicken. »Das war eine Gesprächseröffnung, Frank. Du musst mich jetzt fragen, von welchem Problem ich rede.«

Sein Gesicht verzog sich zu gespielter Überraschung. »Ich wusste nicht, dass es ein Drehbuch gibt.«

»Ich auch nicht ... bis vor ungefähr einer halben Stunde. Da saß ich an der Bar und habe einen Irish Coffee getrunken und CNN geschaut.«

Er erwiderte ihren Blick. »Mit Jerry.«

»Gleich auf dem Hocker neben ihm. Hüfte an Hüfte, sozusagen.« Unangenehme Stille machte sich breit.

»Rate mal, wessen Gesicht überall in den Nachrichten zu sehen ist«, meinte sie schließlich.

Er versuchte, gelangweilt zu wirken. »Schätzchen, lass doch diese Spielchen.«

»Es scheint, als hätte man es per Haftbefehl auf den Arsch des zurückgezogen lebenden Autors Frank Corso abgesehen.«

»Ehrlich?«

»Der erfolgreiche Autor Frank Corso. Der wichtige Zeuge Frank Corso auf der Flucht.«

»Wer sagt das?«

»CNN, NBC, ABC, CBS. So ziemlich die ganze Buchstabensuppe glaubt das. Fehlt nur noch Tommy Lee Jones, der sich dir erbarmungslos an die Fersen heftet.«

»Interessant.«

Er zog die Augenbrauen hoch und verschränkte die Arme vor der Brust. »Wieso habe ich den Eindruck, dass du mit mir streiten willst?«

Sie trat näher an ihn heran, verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Natürlich will ich mit dir streiten«, zischte sie. »Du hast mich unter Vortäuschung falscher Tatsachen engagiert ... absolut kurzfristig ... und behauptet, ich müsste noch ein paar Fotos wegen der Manderson-Sache machen. Sooo dringend brauchtest du die ... ich sollte alles stehen und liegen lassen und meinen Arsch zum Flughafen schaffen.«

»Du wirst für deine Zeit bezahlt.«

»Darum geht’s doch gar nicht, Frank«, knurrte sie. »Es geht darum, dass ich Fotografin bin. Das ist mein Beruf. Du brauchst Bilder für dein Buch? Dann arbeite ich gerne mit dir zusammen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wenn du mir zu viel bezahlst – bitte. Ich dachte, du gibst mir mehr Geld, weil wir früher mal eine andere ... eine intimere Beziehung hatten. Aber ... ich bin nicht deine Aufpasserin.« Sie machte eine lange Pause. »Erinnerst du dich? Diese Diskussion hatten wir schon öfter.« Als Corso darauf nichts erwiderte, fuhr sie mit lauterer Stimme fort. »Du wirst mir schon verzeihen müssen, dass ich ein bisschen sauer bin, wenn ich übers Fernsehen erfahre, dass wir unsere Geschäftsreise in dieses beschissene Minnesota nur gemacht haben, um dem Gesetz aus dem Weg zu gehen ... und ich nur zur Tarnung dabei bin.«

Corso wirbelte den Kopf herum und warf einen prüfenden Blick auf die Sitze in der Nähe. »Das war doch alles nur für ein paar Tage geplant«, flüsterte er. »Ich dachte, dass wir danach wieder nach Hause fahren und alles wieder wie vorher ist.«

»Ein paar Tage?«

»Die Frist der Anklagejury läuft nächsten Sonntag ab. Danach ist alles vorbei.«

»Das sind neun Tage.« Sie trat mit dem Fuß auf. »Du dachtest, du könntest mich einmal quer über die Landkarte ziehen, ohne dass ich in den neun Tagen merke, dass du was ganz anderes im Schilde führst?«

Corso zuckte mit den Schultern. »Ich hätte dir eine Woche gegeben, bis du es merkst«, sagte er. »Vielleicht ein bisschen weniger.«

Sie schüttelte angewidert den Kopf. »Ich hätte auf meine innere Stimme hören sollen«, schimpfte sie. »In derselben Minute, in der ich mit dir telefoniert habe, hat mich diese Stimme gefragt, warum in Gottes Namen du noch mehr Bilder aus Justine, Minnesota, brauchst. Sie hat gefragt: ›Himmel, was kann dieser Wahnsinnige noch wollen? Ich habe Bilder von jeder dämlichen Kleinigkeit in diesem armseligen Kaff gemacht. O Mann, ich habe sogar Bilder von den Lungen von diesem Dingsbumstypen gemacht, die an einem Deckenbalken hängen, aber immer noch mit ihm verbunden sind. Ich habe Bilder von ...‹«

»Es sollten doch nur ...«, beharrte er.

»Und deine Haare ...« Sie piekte mit einem langen, schwarzen Fingernagel auf ihn ein. »Deswegen hast du deinen Pferdeschwanz abgeschnitten.« Sie schnaubte verächtlich. »Und ich dachte schon, du wärst endlich erwachsen geworden.«

»Pssst.«

Sie wurde noch lauter. »So ... dann schauen wir doch mal, ob ich das richtig verstanden habe«, fuhr sie fort. »Du musst schon entschuldigen, aber ich bin ein paar Bücher hinterher.«

Corso zuckte zusammen und legte einen Finger auf die Lippen. »Sei doch nicht so laut«, flüsterte er.

»In deinem letzten Buch ... «

»Tod in Dallas.«

»Hast du behauptet, du wüsstest, wo der reiche Kerl ... wie hieß der noch?«

»Harding Coles.«

»Ja, Harding Coles. Du hast behauptet, du wüsstest, wo er die Leiche seiner Exfrau vergraben hat.«

»Das dachte ich, ja.«

»Dachtest?«

»Die Sachlage hat sich geändert.«

»Wie geändert?«

»Abrams«, begann er. »A.J. Abrams. Der Kerl, der geschworen hat, er wüsste, wo Harding seine Frau verbuddelt hat.«

»Ja?«

»Er wird vermisst.«

»Ach ja? Ruf bei der Nummer an, die du anrufst, wenn du dringend nach etwas oder jemandem suchst. Soweit ich weiß, finden die alles.«

Auf einmal wurde er ernst. »Ich habe dir doch schon mal gesagt, dass du das mit der Nummer vergessen musst, um unserer beider willen. Das war ein Notfall. Eine einmalige Sache.«

»Dann hast du es also schon unter der Nummer probiert?«

Er schwieg.

Sie war verblüfft. »Echt? Sogar die haben eine Niete gezogen?«

»Wie es aussieht, habe ich nichts in der Hand.«

»Dann erfinde was, erzähl der Polizei von Texas irgendwas und schaff diesen Wahnsinn aus der Welt.«

»Ich kann nicht.«

»Warum nicht?«

»Denk doch mal nach. Was ist, wenn sie dort nichts finden, wo sie nach meinen Angaben suchen?«

Sie überlegte einen Moment, bevor sie die Lippen schürzte und einen langen, leisen Pfiff ausstieß. »Du hast null Ahnung, wo diese arme Frau vergraben ist, stimmt’s?«

»Stimmt«, gab Corso zu. »Also ... wenn ich nach Texas zurückgehe, verbringe ich entweder sechs Monate im Gefängnis, oder ich erfinde was und lege einen Auftritt hin wie Geraldo Rivera, der nur mit seinem Schwanz in der Hand aus dem Keller von Al Capone kommt.« Sie wollte etwas sagen,

doch er winkte nur mit der Hand ab. »Und wenn das vorbei ist, werde ich wegen der öffentlichen Kosten verklagt und verliere.«

»Wieder einmal«, meinte sie nur.

»Danke, dass du mich daran erinnerst.«

»Daran hättest du denken sollen, bevor du behauptet hast, du wüsstest, wo die Leichen vergraben sind.«

»Ich hatte einen Abgabetermin. Ich dachte, ich wäre auf dem richtigen Weg.« Er verzog sein Gesicht. »Was soll ich sagen?«

»Dann hat deine Horde von Anwälten die Leute in Texas die ganze Zeit über in Schach gehalten. Und dafür gesorgt, dass du in Seattle bleiben konntest.«

»Genau.«

»Und wie, um alles in der Welt, konnte die Sache so schnell aus dem Ruder geraten?«

»Barry hat angerufen«, erzählte Corso und meinte seinen Anwalt Barry Fine. »Anscheinend sind sie in Texas ziemlich sauer. Sie haben beschlossen, jemanden loszuschicken, der mich abholt.«

»Dürfen die das?«

»Nur, wenn die lokalen Behörden mitspielen«, sagte er abwinkend. »Barry meinte, die Verwaltung von King County würde bereits bei der Auslieferung kooperieren. Deswegen sollte ich lieber verschwinden, bis die Frist abgelaufen ist.«

Sie lachte. »Weil du bei den Behörden im King County so beliebt bist.«

»Sie sind immer noch sauer wegen Walter Himes.«

Sie ging langsam um ihn herum. »Also hast du beschlossen, dich zu verstecken, aber du wolltest dabei nicht alleine sein. Also hast du beschlossen, mich mit einem blödsinnigen Auftrag nach Justine in Minnesota zu verschleppen« – sie begann zu zischen – »wo ich bis zum Hals in der Sch ... «

Hinter Corso bemühten sich die freundliche Annie und die beiden Soldaten längst nicht mehr, ihre Neugier zu verbergen. »Ich sollte dich anzeigen«, meinte Dougherty. »Ich sollte einfach da rübergehen und den Soldaten erzählen, wer du bist. Es könnte eine Belohnung oder so was dabei heraus – springen.«

Corso tat, als hörte er nicht zu. »Wir können nach Madison fahren und einen Nachtflug nehmen.«

Sie deutete zum Fenster. »Bei dem Wetter?«

Corso schaute auf die schlafende Frau, dann warf er einen Blick zum Schalter, von wo Annie ihn beobachtete, während sie ins Telefon flüsterte.

»Ich halte es keine Nacht länger hier aus.«

Während Dougherty darüber nachdachte, stöhnte die alte Frau wieder und drehte ihre mit Speichel verschmierte Wange nach oben. Dougherty schauderte bei dem Anblick.

»Fahren?«

»Wir nehmen einen Geländewagen. Mit Allrad. Das wird ein Abenteuer.«

Ihren Blick immer noch auf die Frau geheftet, hob Dougherty unbewusst ihre Hand an die Wange. »Ich sabbere aber nicht, wenn ich schlafe ... oder?«

»Eimerweise«, antwortete Corso.

»Das verzeihe ich dir nie, dass du mich hier reingezogen hast.«

»Tut mir leid.«

»Naja«, feixte sie, »wenigstens darin sind wir uns einig.«

»Willst du zur Autovermietung gehen oder das Gepäck holen?«

»Ich will nach Seattle zurück«, antwortete sie. »Du brauchst keine Spielgefährtin, und ich lasse mich nicht für Fluchthilfe engagieren. Vor der Polizei musst du schon alleine abhauen, Frank. Ich muss mein Leben leben.«

Er wollte etwas sagen, überlegte es sich jedoch anders. Nach einem kurzen Moment flüsterte er: »Sobald wir in Madison sind, setze ich dich ins erste Flugzeug nach Seattle.«

»Wirklich? Kein leeres Gerede? Keine widerliche Szene am Flughafen?«

Er hob zwei Finger. »Ehrenwort.«

»Ich glaube trotzdem, dass es dir ganz recht geschähe, wenn ich dich ausliefern würde.«

»Wagen oder Gepäck?«

»Ich hole den Wagen«, antwortete sie.

Corso zog seinen Geldbeutel aus der Gesäßtasche und nahm eine Kreditkarte heraus.

»Das geht auf mich«, sagte er.

»Ist ja wohl das Mindeste«, erwiderte sie, riss ihm die Karte aus der Hand und marschierte los.

Kapitel 2

»Es wird immer schlimmer.«

Sie hatte Recht. Jetzt waren es keine zarten Schneeflocken mehr, die vom Himmel segelten. Der Ford Explorer wurde im Sturm hin und her geschaukelt, und es war reines Eis, das auf ihn niederprasselte. Das scharfe Schlagen der Scheibenwischer, das vor vier Stunden noch alles übertönt hatte, war mittlerweile nicht mehr zu hören. Trotz der bis zum Anschlag aufgedrehten Heizung sammelte sich der Schnee seitlich auf der Windschutzscheibe, so dass die verwaiste Straße nur noch durch zwei Halbkreise zu erkennen war.

»Wie weit sind wir schon?«, fragte sie.

Corso blickte auf den Kilometerzähler. »Zweihundertfünfzig Kilometer.«

»Wir müssten den Sturm längst hinter uns haben.«

»Falls dein Freund Jerry Recht hatte.«

Sie rutschte auf ihrem Sitz hin und her und bleckte die Zähne. »Jetzt gib auch noch mir die Schuld! Dieses Chaos war deine Idee, oder? Soweit ich mich erinnere ...«

Die Erinnerung blieb ihr im Hals stecken, als eine heftige Windbö den Wagen aus der Spur riss und die Hinterreifen über die eisige Fläche rutschen ließen. Dougherty umklammerte den Griff über der Tür.

»Was war das?«

»Der Wind«, erklärte Corso, als er den Ford wieder im Griff hatte.

Sie tippte mit ihrem langen, schwarzen Fingernagel aufs Armaturenbrett. »Hast du das Außenthermometer gesehen?«

Corso ließ seinen Blick auf die grüne Leuchtanzeige schnellen. In Chicago hatte es noch minus fünf Grad gezeigt, jetzt waren es bereits minus zwanzig.

»Wir hätten genauso umkehren sollen, als der Schneepflug umgekehrt ist.« Es war schätzungsweise das achte Mal, dass sie das sagte.

Er stöhnte. So sehr es ihn auch schmerzte, sie hatte Recht. Schon seit einer Stunde war die Straße verwaist, die Raststätten geschlossen. Zugeschneite Autos und verlassene Lastwagen standen am Straßenrand. Anscheinend hatte ganz Illinois beschlossen, den Sturm vor dem Kaminfeuer auszusitzen.

»Wenn der Schneepflug aufgibt und umdreht ... weißt du ... ich weiß, das hört sich verrückt für dich an, Corso, aber vielleicht hätten wir diesen Hinweis ernst nehmen sollen ... vielleicht hätten wir einen Funken ... nur einen Funken ... «

Corso wischte mit dem Ärmel über die Windschutzscheibe. »Wo genau sind wir?«, unterbrach er sie.

»Mitten in einem beschissenen Schneesturm.«

»Ich meine hier auf dem Planeten«, erwiderte er. »Wo ist die Karte?«

Dougherty tastete auf dem Boden unter ihrem Sitz, während Corso mehrmals auf die Bremse tippte und den Ford zum Stehen brachte.

Ihre dunklen Augenbrauen verschmolzen miteinander, als sie zu Corso aufblickte.

»Was ist?«

Corso beugte sich zur Windschutzscheibe vor. Dougherty richtete sich auf und blickte hinaus. Wem auch immer sie während der vergangenen Stunde gefolgt waren, war verschwunden. Während auf der Gegenfahrbahn die Reifenspuren nach Osten führten, war die Spur vor ihnen von einem unberührten Band aus Schnee überzogen.

»Wohin ist der bloß verschwunden?«

»Keine Ahnung.«

»Was machen wir jetzt?«, fragte Dougherty mehr sich selbst als Corso.

»Kommt darauf an, wo wir sind«, meinte er.

Sie griff zum Boden.

»Ich glaube, du hast sie in die Türablage gesteckt«, sagte Corso.

Sie schnappte sich die Karte und schaltete die Leselampe ein. Mit einer Papiernagelfeile, die sie aus der Tasche ihres Umhangs gezogen hatte und neben die Maßstabsleiste auf der Karte legte, rechnete sie die Strecke von Chicago bis zu ihrem Standort aus. Ihren Daumen benutzte sie als Markierung. »Sofern der Kilometerzähler richtig geht, müssten wir irgendwo an der Grenze Illinois-Wisconsin sein.«

»Wie weit wäre es, wenn wir umdrehen und Richtung Osten nach Milwaukee fahren würden?«

Sie rechnete die Strecke aus. »Ungefähr hundertsechzig Kilometer.«

»Und nach Madison?«

»Ungefähr die Hälfte davon.«

»Der Tank ist nur noch ein Viertel voll.«

Sie blickte wieder auf die Karte. »Irgendwo weiter vorne müsste eine Stadt namens Avalon liegen.« Corso schaltete die Scheinwerfer ein, was die Sicht jedoch nur erschwerte. Wie in einer Schneekugel.

»Das war hirnrissig.«

»Wir nehmen die nächste Ausfahrt«, beschloss Corso. »Und verbringen die Nacht in Avalon.«

»Wann sind wir das letzte Mal jemandem begegnet?«

»Vielleicht vor einer Stunde«, antwortete Corso, der den Fuß von der Bremse nahm, so dass der Wagen langsam weiterkroch.

»Weißt du, warum das so ist?«, wollte sie von ihm wissen.

»Nein ... aber ich habe das Gefühl, dass du es mir gleich erklären wirst.«

»Weil wir die einzigen Idioten auf diesem Planeten sind, die in einer solchen Nacht durch die Gegend fahren ... deswegen.«

Corso presste die Lippen noch fester aufeinander und drückte das Gaspedal etwas weiter durch. Dann nahm er eine Hand vom Lenkrad und massierte sich den Nacken. Etwa fünfzehn Meter vor ihnen verschwanden die beiden Scheinwerferkegel im Nichts, die Laternen über der Straße beleuchteten nur sich selbst.

Das dumpfe Schlagen der Scheibenwischer und das Dröhnen der Klimaanlage erfüllten das Wageninnere. Corso ließ seinen Nacken wieder los und griff zum Radio.

»Biiitte«, flehte Dougherty mit zusammengepressten Zähnen. »Ich glaube nicht, dass ich das ertrage.«

Schweigend fuhren sie weiter. Nach eineinhalb Kilometern kamen sie an drei Fahrzeugen vorbei, die eingeschneit am Straßenrand stehen gelassen worden waren. Dann an zwei weiteren Wagen und einem Bus, bevor Dougherty den Finger ausstreckte und »Stop« rief.

Corso brachte den Wagen zum Stehen. Zwanzig Meter vor ihnen schaukelte ein mit Schnee bedecktes Schild im Wind. Dougherty drückte die Tür auf. Im selben Augenblick wirbelte der Schnee ins Wageninnere. »Bin gleich wieder da«, rief sie und schlug die Tür hinter sich zu.

Corso schaute ihr nach, wie sie vom Wind Richtung Schild getrieben wurde, den Umhang eng um ihren Körper geschlungen. Als sie mit der flachen Hand auf das Schild schlug, rutschte der Schnee herunter und landete neben ihren Stiefeln.

Avalon drei Kilometer. Mit der Hand wischte sie über mehrere kleinere Schilder am Pfosten. Blaue und weiße Symbole. Tankstelle, Essen, Übernachtung.

Auf halbem Weg zurück zum Wagen rutschte sie auf der vereisten Fläche aus, wankte einen Moment und fiel in sich zusammen. Corso schaltete in die Parkposition und fummelte am Sicherheitsgurt herum. In dem Moment, als er ihn geöffnet hatte, war Dougherty wieder auf den Beinen. Mit flatterndem Umhang stemmte sie sich gegen den Wind, stapfte zum Wagen zurück und stieg wieder ein.

Ihre Augenbrauen waren mit Schnee überzogen, ihr Unterkiefer zitterte beim Sprechen.

»Scheiße, ist das k ... k ... kalt da draußen.«

»Alles in Ordnung?«

Als sie nickte, fiel der Schnee aus ihrem Haar auf ihren Schoß.

»Nichts wie weg hier«, verlangte sie und wischte den Schnee auf den Boden.

Corso fuhr an. »Avalon, wir kommen.«

Dougherty erschauderte, wollte die Heizung höher drehen, die aber schon auf Hochtouren lief. Dann lehnte sie sich zurück und schnallte sich an.

»Was bedeutet Avalon eigentlich?«, erkundigte sie sich.

»Es ist eine keltische Legende. Angeblich eine Insel in einem See in England. Ein Paradies, in das König Artus und seine Ritter nach ihrem Tod gebracht wurden. Eine Art Tafelrunde im Himmel.«

»Da ist die Ausfahrt«, unterbrach sie ihn.

Corso tippte mehrmals auf die Bremse, als sie die Ausfahrt hinunterrutschten, bis sie zum Stehen kamen. »Vereist«, erklärte Corso.

Auf der anderen Seite der Straße war das Raststättensymbol durch einen blauweißen Pfeil ergänzt worden, der nach rechts zeigte.

Beide beugten sich vor und spähten auf die von Bäumen gesäumte Straße.

Dougherty wischte mit dem Ärmel über die Windschutzscheibe.

»Ich sehe überhaupt nichts.«

»Die Stadt liegt wahrscheinlich hinter der Kurve«, vermutete Corso.

Fünfzig Meter weiter fiel die Straße ohne Vorwarnung steil ab. Der Ford kam mehrmals in Rutschen, als sich die zweispurige Straße ins Tal hinab wand. Corso schaltete in den ersten Gang, um auch den Motor als Bremse zu nutzen, doch die Reifen fanden immer noch keinen Halt. »Vereist«, wiederholte er.

»Der Ort liegt wohl eher am Fuß des Berges«, meinte sie leise.

»Hoffentlich«, mahnte Corso. »Weil wir diesen Buckel erst wieder hochfahren können, wenn der Schnee geschmolzen ist.«

»Ein Problem, das wir nicht hätten, wenn du einfach ...«

»Jetzt hör endlich auf, ja?«, schnauzte er.

Sie passte ihren Ton dem seinen an. »Spricht da etwa mein Auftraggeber? Ist das ein Befehl, mich nur für meine imaginären Bilder bereitzuhalten und ansonsten den Mund zu halten, damit ich den berühmten Autor nicht verärgere?«

Corso seufzte. »Nein ... das ist dein Freund Frank Corso, der da spricht, und er sagt, dass wir zusammen hier drinstecken. Vielleicht war es nicht gerade die allerbeste Idee, nach Madison zu fahren, aber jetzt sind wir nun mal hier ... also könntest du genauso gut aufhören, dich wie eine ...« Untypischerweise suchte er nach einem Wort, bis er es aufgab-

»Ich verstehe. Du schreibst mir nicht vor, was ich zu sagen habe und was nicht, sondern du sagst mir nur, ich soll aufhören, herumzuzicken.«

Corso suchte nach einer Ausrede, heraus kam jedoch »so ungefähr«.

Ihre Miene sagte, dass sie es hätte wissen müssen. »Wie schnell sie immer vergessen.«

»Was soll das jetzt wieder heißen?«

»Das kannst du verstehen, wie du willst.«

»Ein gutes Gespräch in einer Winternacht ist doch eine wahre Freude, nicht wahr?«

»Ich erinnere mich, dass du früher mal so gedacht hast.«

»Das war früher.« Er nahm eine Hand vom Lenkrad. »Wir waren ... du weißt schon ... damals.« Tat es mit einer Handbewegung ab. »Du weißt, was ich meine. Damals war das anders.«

Sie setzte ein erstauntes Gesicht auf. »Davon weiß ich ganz eindeutig nichts. Warum klärt mich der berühmte, flüchtige Autor von Büchern über wahre Verbrechen nicht auf?«

»Damals, als du ... du weißt schon ...«

»Als ich so frech war?«

»Genau.«

»Weiter.«

»Wenn man ... weißt du ... so direkt betroffen ist ... sind die Regeln anders. Man lässt sich auf etwas mehr Scheiß ein als sonst.«

Einen Augenblick saß sie nur schweigend da, dann ließ sie ein trockenes Lachen hören. »Du sagst mir also, dass man sich, wenn man mit jemandem in die Kiste steigt, viel mehr Scheiße anhört als wenn nicht?«

Er dachte darüber nach. »Klingt doch logisch, oder?«, fragte er schließlich zurück.

Sie blickte ihn lange an. »Verblüffend«, meinte sie. »Männer sind absolut verblüffend.« Als er darauf nichts erwiderte, verschränkte sie die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. »Du wirst mich sicher wissen lassen, wann ich wieder sprechen darf.«

Corso spannte die Kiefermuskeln an. Vor ihnen wies ein Schild auf ein 20-prozentiges Gefälle hin. Corso trat auf die Bremse. Während der Ford um eine Kurve glitt, biss Corso die Zähne zusammen und drehte sich zu Dougherty.

Sie saß einfach nur steif da und starrte mit betont desinteressierter Miene geradeaus.

»Warum tun wir nicht einfach ...«, begann er.

Sie riss die Augen weit auf. »Corso!«, bellte sie.

Er riss den Kopf herum und schaute auf die Straße. Es dauerte einen Moment, bis sein Hirn in der Lage war, wahrzunehmen und einzuordnen, was seine Augen erblickten.

Vor ihnen lag ein zugeschneiter Pickup auf der Seite, die Fahrertür zeigte weit offen zum Himmel. Als Corso auf die Bremse trat, verlor der Ford den letzten Halt und rutschte immer schneller den Hang hinunter.

»Tu was!«, schrie Dougherty. Corso hielt den Fuß auf der Bremse, hatte jedoch den Wagen nicht mehr unter Kontrolle, der sich zu allem Übel auch noch langsam einmal um die eigene Achse drehte, bevor er mit der Schnauze voraus in das Wrack krachte.

Doughertys Gesicht war vor Angst verzerrt. Das Letzte, was sie sah, war Corsos untere Gesichtshälfte, die über und ber mit Blut bedeckt war. Dann wirbelte der Ford am Fahrgestell des Pickups entlang, und der Lärm von aufreißendem Metall durchschnitt die Luft, bevor der Ford die Leitplanke durchbrach und durch die Luft flog.

Kapitel 3

»Corso ... verdammt ... geh runter von mir.«

Stöhnend versuchte sie, Corso zur Seite zu schieben, doch der blieb reglos an ihrer linken Schulter kleben. Die Scheibenwischer kratzten langsamer als vorher über die Windschutzscheibe, die Heizung an Doughertys Fußen war nur noch ein leises Hauchen. Ihr rechtes Ohr, das gegen das Fenster gepresst wurde, begann zu frieren. Sie packte Corso an den Ohren, hob seinen Kopf und blickte in sein Gesicht. Seine Nase war fast plattgedrückt. Im schaurigen Mondlicht schimmerten die beiden Blutspuren auf seinen Lippen pechschwarz. Ihn immer noch an den Ohren haltend, schüttelte sie vorsichtig seinen Kopf, rief seinen Namen. Nichts. Schüttelte ihn noch einmal, bis er hustete. Stöhnte. Plötzlich flatterten seine Augenlider, seine Augäpfel rollten in ihren Höhlen hin und her, dann riss er die Augen weit auf. Er bewegte eine Schulter und führte zögernd eine Hand zu seinem Gesicht. Blinzelnd versuchte er, sich auf seine blutigen Finger zu konzentrieren.

»Corso«, wiederholte sie. Mit leerem Blick schaute er in ihre Richtung. »Ich glaube, deine Nase ist gebrochen«, sagte sie.

Das Blut auf seinen Lippen bildete Blasen, als er sein Gesicht berührte und vor Schmerzen die Luft ausstieß.

»Nase.« Als hätte er das Wort noch nie zuvor gehört.

Ohne Vorwarnung begann der Wagen zu rutschen, und wieder erfüllte das hässliche Quietschen von aneinander schrappendem Metall die Luft. Der Schrei blieb in Doughertys Kehle stecken, als der Wagen zweimal hüpfte und wieder zum Stehen kam. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte sie die raue Rinde eines Baumes, der sich gegen das Beifahrerfenster drückte. »Wir müssen hier raus«, sagte sie. Corso starrte immer noch wie benommen auf seine Hand. »Komm schon, Corso ... beweg dich.« Er blinzelte, um einen klaren Blick zu bekommen, dann drehte er die Schultern nach links, zog sich am Lenkrad hoch und drückte sich waagerecht in seinen Sitz.

Dougherty stöhnte, als sein Gewicht wieder auf ihr lastete, während er nach dem Türgriff tastete. Das Schloss klackte, er versuchte, die Tür aufzudrücken, was ihm jedoch nicht gelang. Auch beim zweiten Versuch blieb die Tür im verzogenen Rahmen stecken. Blut tropfte aus seiner Nase auf ihre Schulter, als er sich weiter nach oben zog und den Schalter drückte, um das Fenster zu öffnen. Dieses aber quietschte nur, ohne sich zu bewegen.

Als er mit der flachen Hand dagegen haute, begann der Wagen, sich um seine eigene Achse zu drehen. Stocksteif verharrten Corso und Dougherty in ihrer Position, bis der Wagen wieder stillstand, dann betätigte Corso erneut den Schalter. Diesmal zog sich die Scheibe mit einem jämmerlichen Stöhnen langsam in die Tür zurück, während die Lämpchen auf dem Armaturenbrett schwächer und die Scheibenwischer langsamer wurden.

Pulverschnee wirbelte herein. Das bisschen Wärme im Wageninnern war im Nu verschwunden, stattdessen breitete sich eisige, betäubende Kälte aus. Corso zog ein Knie an, drückte sich auf dem Lenkrad ab und rutschte durchs Fenster.

Jetzt griff auch Dougherty nach dem Lenkrad und zog zunächst ihre Knie, dann ihre Schuhe auf den Sitz, bis sie sich, die Füße an der Beifahrertür abstützend, nach oben drücken konnte.

Sie blickte durch die pechschwarze Fensteröffnung hinauf. »Corso«, schrie sie. Sie wartete. Nichts. Sie fühlte, wie die Angst ihren Rücken hinaufkroch. War er vom Wagen gefallen und rutschte in die Schlucht unter ihnen? War er in seiner Verwirrung einfach losmarschiert und hatte sie vergessen? Wieder rief sie seinen Namen in die Dunkelheit hinaus. Und wieder wurde er vom Sturm verschluckt. Der eisige Schnee stach auf ihre Wangen ein, als sie eine Träne fortwischte und all ihre Kräfte zusammennahm. Und plötzlich schaukelte der Wagen wieder, und die schwarze Leere über ihr wurde von Corso ausgefüllt.

Er hatte seine Nase mit Schnee eingepackt, um den Blutfluss zu stoppen, schob seine Arme in den Wagen und packte Dougherty grob an den Schultern. An zahllosen Nachmittagen hatte sie seine kräftigen Muskeln beim Rudern beobachtet. In zahllosen Nächten hatte sie in der kontrollierten Kraft seiner Umarmung geschwelgt, als sie in der dunklen Kajüte miteinander geschlafen hatten. Sie wusste, dass er stark war, aber so stark? Er fummelte herum, bis er seine Hände unter ihre Arme geschoben hatte dann hob er sie aus dem Wagen wie ein kleines Kind.

Und auf einmal saß sie seitlich auf dem Ford. Schnee und ihr Haar wirbelten um ihren Kopf, raubten ihr die Sicht. Sie erschauderte, zog den Umhang fest um ihre Schultern und blickte sich um.

Der Ford war etwa zwanzig Meter den Abhang hinuntergerutscht und lehnte gegen einen Baum. Oben war der violette Schimmer der Straßenlaternen zu sehen, unten schien der Abhang noch steiler zu werden, bevor er völlig in der Dunkelheit verschwand. Über dem Dröhnen des Sturms hörte Dougherty Corsos abgehacktes Keuchen, als er ihre Hand ergriff.

»Gehen wir«, war alles, was er sagte, bevor er vom Wagen stieg und, sich an Büschen und Bäumen festklammernd, sie einfach mit sich den Hügel hinauf auf das Licht zu zog. Auf halbem Weg fiel er auf die Knie und rutschte ihr wieder entgegen. Kurz hatte sie Angst, sie würden in der Leere unter ihnen versinken, doch Corso stemmte seine Füße in den Schnee und krabbelte auf allen vieren wieder nach oben, bis er über der Leitplanke verschwand. Dann drehte er sich um und streckte ihr seine Hand entgegen. Sie keuchte, als er mit seiner rauen Hand über ihre Brust strich, bis er ihren Oberarm gefunden hatte und sie neben sich zog. »Mein Gott, Corso ... « Sie schüttelte ihre Schultern und strich sich über den Umhang. »Wenn du Lust zum Fummeln hast, hättest du nur mal zu fragen brauchen.«

»Ich bin blind«, keuchte Corso.

»Was?«

»Irgendwas stimmt mit meinen Augen nicht. Als würde ich schielen oder so.«

Bevor sie etwas erwidern konnte, wurde das Geheul des Sturms vom Lärm zerberstenden Glases übertönt. Unter ihnen prallte der Ford gegen Bäume und Felsbrocken und bahnte sich seinen Weg in die Dunkelheit am Fuße der Schlucht.

Dougherty, die in der Kälte fröstelte, knöpfte Corsos Mantel zu. »Wir müssen einen Unterschlupf finden«, mahnte sie. »Lange halten wir hier draußen nicht durch.«

»Runter«, meinte Corso. »Wir gehen weiter nach unten.« Seine Worte schienen den Sturm zu erzürnen. Über ihren Köpfen wogten die Bäume wie irr gewordene Tänzer. Der Schnee schien dichter geworden zu sein und den umgekippten Pickup vor ihnen unter sich zu begraben. Dougherty nestelte eine Hand unter ihrem Umhang hervor und packte Corso am Arm. Er fummelte an seinem Gesicht, als wollte er einen Schleier beiseiteschieben, schüttelte zweimal den Kopf ihr die Straße hinunter zu dem Geisterwagen.

Sie gingen seitlich um das Wrack herum. Das Fahrgestell war mit einer dicken Eisschicht überzogen, die offene Tür schaukelte leicht im Wind. Dougherty zog Corso nach vorne, beugte sich vor und wischte mit der nackten Hand den Schnee von der Windschutzscheibe, die jedoch auch von innen völlig vereist war. Ob jemand im Pickup saß, ließ sich nicht erkennen. »Ich sehe nichts«, rief Dougherty über den Sturm hinweg.

Corso zog sie auf die andere Seite des Wagens, fummelte am Fahrgestell herum, trat einen Schritt zurück und stieß mit dem Fuß gegen das Eis. Viermal, bis ein schmutziges Stück Eis auf seine Stiefel fiel, das ein rostiges Auspuffrohr mit Topf umhüllte. Corso ließ Doughertys Hand los, packte den Türrahmen und stellte seinen rechten Fuß auf das Auspuffrohr, zog sich nach oben und blickte ins Führerhaus.

Er blinzelte und rieb sich die Augen, versuchte, seinen kaleidoskopischen Blick zu fokussieren. Unten im Führerhaus, eng an das Fenster gequetscht, lag ein alter Mann. Mausetot. Weiß gefroren und teilweise mit Schnee bedeckt. Corso hievte sich hinauf, stützte sich mit dem Bauch auf dem Türrahmen ab. Mit der rechten Hand strich er über den gefrorenen Fahrer, als könne er ihn wieder zum Leben erwecken, indem er ihn vom Schnee befreite. Hinter ihm rief Dougherty mit vor Kälte zitternder Stimme seinen Namen, weil sie wissen wollte, was er im Wagen gefunden hatte.

Corso wollte schon wieder zurückrutschen, als er bemerkte, dass der Tote seinen Arm seltsam angewinkelt hatte. Corso wischte den Schnee von Hand und Arm. Ihm stockte der Atem – der alte Mann hatte seine letzten Augenblicke damit verbracht, sich mit einem gelben Feuerzeug zu wärmen, das er in seinen steifen, toten Fingern hielt. Irgendwo in seinem Innern hörte Corso eine Stimme, die ihn fragte, ob eine solche jämmerliche, sinnlose Geste nicht eine passende Metapher für das Leben an sich war. Kerze im Wind und so was. Dann griff er aus Gründen, die er nicht erklären konnte, nach dem Feuerzeug. Der Mann hielt es fest umklammert. Mithilfe seiner anderen Hand bog Corso einen Finger nach dem anderen auf. Mit dem Geräusch von knisterndem Zellophan gaben sie nach, bis das Feuerzeug in Corsos Hand fiel.

Als er sich wieder aus dem Führerhaus wand, fand Corso mit den Füßen Halt auf dem Fahrgestell und ließ sich geräuschlos auf den Boden fallen. Dougherty hüpfte von einem Fuß auf den anderen und drückte Tasten auf ihrem Handy. Ihr Haar war vollkommen mit Schnee bedeckt.

»Keinen Empfang«, rief sie.

»Da drin sitzt ein alter Mann. Steinhart gefroren.«

Sie steckte das Telefon ein. »Daaas weeerden wir auch baaald sein, weeenn wir hiiier nicht verschwiiinden.«

Als wollte er sie damit trösten, reichte Corso ihr das mit Eis überzogene Feuerzeug. Sie verzog das Gesicht.

»Himmel, Corso«, rief sie. »Bei dir muss sich was im Kopf gelockert haben. Was soll ich damit, verdammt noch mal? Los, komm jetzt.« Sie riss ihm das Feuerzeug aus der Hand und zog ihn den Hügel hinunter.

Ein paar hundert Meter und drei Haarnadelkurven später wurde die Straße wieder etwas flacher. Schulter an Schulter zitterten sie gemeinsam im arktischen Wind. Fast einen Kilometer weiter stolperten sie auf der ebenen Straße unter einem Bogengang aus nackten Bäumen dahin, als Dougherty zu taumeln begann und auf die Knie fiel. Sie blickte zu Corso auf. »Meine Beine«, stotterte sie. »Ich spüre sie nicht mehr.«

Corso zog sie wieder auf die Füße. »Du musst weitergehen«, sagte er. Sie nickte. Machte einen einzigen Schritt und kippte vornüber in den Schnee.

Corso ließ sich auf ein Knie sinken, hob Dougherty auf die Arme und stand mühsam wieder auf. Dann trottete er weiter, einen langsamen Schritt nach dem anderen, kämpfte sich mit hin und her wiegenden Schultern die schmale Straße entlang.

Dougherty zog sich in sich selbst zurück. An einen Ort, wo der Rest des Universums nicht existierte. Eine Welt, in der die Stimme in ihrem Kopf der einzige Klang war und die gesamte Schöpfung nur aus den von ihrer Stimme gezeichneten Bildern erstand.

Sie stellte sich den alten Mann im Pickup vor. Fragte sich, wie lange er mit seiner Hoffnung durchgehalten hatte. Ob es schließlich einen Moment gegeben hatte, in dem er gewusst hatte, dass er sterben würde. Hatte er diesen letzten Moment genutzt, um dem Universum seinen Widerstand entgegenzuschreien? Oder hatte er sich demütig der endlosen Kälte der Nacht ergeben? Sie dachte über Hoffnung nach. Darüber, wie es sein mochte, als Einzige übrig geblieben zu sein, nachdem diese dumme Pandora ihre Büchse geöffnet hatte. Sie dachte darüber nach, wie aus dem unwiderruflich Bösen allein die Hoffnung den Zustand der Gnade ermöglichte, als sich ein anderer Klang in ihr Bewusstsein drängte.

»Siehst du das?«, fragte die Stimme. »Das violette Licht? Da drüben.«

Eine Hand schob ihr Kinn nach links. »Siehst du das?«

»Da ist ein Haus«, sagte sie. »Setz mich ab. Du schaffst es. Dann komm mit jemandem zurück und hol mich.«

Doch er drückte sie mit seinem Knie nach oben und ging die Straße weiter. Kämpfte sich schwer atmend voran. Sie hatten die Einfahrt erreicht. Durch den umherwirbelnden Schnee erkannte Dougherty ein einzelnes Licht und die Umrisse eines Hauses.

»Setz mich ab. Hol die Leute«, flehte sie, doch er hob sie nur noch höher und stapfte durch den kniehohen Schnee. Jeder Schritt war ein Kampf gegen die Todesangst. Sie schlug gegen seine Brust und schrie. Weinte. »O Gott, Corso«, rief sie, »du musst mich runterlassen. In deinem Kopf ist was gebrochen. Du verblutest durch die Nase. Bitte. Ich schaffe es allein. Ehrlich. Wir müssen die Blutung stoppen. Bitte, Corso, bitte.«

Corso ließ ein Geräusch hören. Einen langen, scharfen Ton, fast wie ein Lied, als er sich vorwärts zwang, während sein ohnehin schon getrübter Blick immer mehr verschwamm und die flehende Stimme immer leiser wurde. Als er stolperte und vornüberfiel, stieß Dougherty gegen etwas Hartes.

Kapitel 4

Als Corso zum ersten Mal wieder die Augen aufschlug, sah er nur, wie Flammen über die fleckige Decke tanzten. Das einzige Geräusch, das an seine Ohren drang, war das Stöhnen und Knacken des Feuers. Unfähig, den Kopf zu heben, überkamen ihn Zweifel, ob er vielleicht doch gestorben und in der Hölle gelandet war. Er dachte immer noch über diese Möglichkeit nach und versuchte, seine Gliedmaßen zu bewegen, als sich die schwarzen Flügel wieder über ihn legten und die Welt um ihn herum erneut in Dunkelheit versank.

Als er das zweite Mal zu sich kam, drang das sanfte Licht der Morgendämmerung durch die seitlichen Fenster. Er schaffte es, den Kopf zu heben und sich mit der Hand aufzustützen. Der Kopf fühlte sich an, als würde jemand mit rhythmischen Schlägen einen dicken Nagel zwischen seine Augen treiben. Durch die Nase konnte er nicht atmen, aber er erinnerte sich, wo er war. Das alte Haus mit dem mit Zimmermannsnägeln an der Tür befestigten »Betreten verboten«-Schild. Verlassen. Vorne die Fenster mit Brettern verrammelt. Er erinnerte sich, dass Dougherty die Tür eingetreten hatte. Erinnerte sich, dass sie ihn halb reingezogen und halb reingetragen hatte. Daran, dass er auf dem gefrorenen Boden gelegen hatte, und an eine Kerze in der Dunkelheit. An die einzelne flackernde Kerze und das leere Zimmer. Und dann, wie er die Augen schloss, um das Hämmern in seinem Kopf verschwinden zu lassen. Und dann ...

Das dritte Mal, als er die Augen öffnete, setzte er sich kerzengerade auf, zuckte aber im selben Augenblick zusammen, weil sich die Schmerzen durch seinen Kopf bohrten und ihn wieder nach hinten auf den Boden zu werfen drohten. Der Schnee draußen glitzerte hell wie Halogenlicht, und auf einen Schlag waren alle Erinnerungen wieder da. Daran, wie Dougherty sein Leben gerettet hatte. Er blickte sich um. Sie lag auf der anderen Seite des Kamins, zusammengerollt unter ihrem Umhang. Er erinnerte sich, dass sie mit dem Feuerzeug, das er gefunden hatte, durchs Haus gewandert war, um nach etwas Brennbarem zu suchen. Dass sie in der Küche lange, leere Schubladen gefunden hatte, die immer noch mit Papier ausgeschlagen waren. Dass sie die Schubladen gegen den Kamin gelehnt und mit den Stiefeln zu kleineren Stücken zertreten hatte. Mit heftig zitternden Händen hatte sie das zusammengeknüllte Papier angezündet und gewartet, bis sich die kleineren Holzstücke entzündet hatten. Dann die größeren Teile der Schubladen und schließlich die Türen der Küchenschränke. Und dann war es warm geworden. Und er hatte versucht aufzustehen, es aber nicht geschafft, und sie hatte ihn mit sanfter Stimme gedrängt, liegen zu bleiben. Hatte ihm gesagt, dass alles gut werde. An das, was danach passiert war, erinnerte er sich nur noch bruchstückhaft.

Im Kamin schwelte nur noch eine leichte Glut. Ganz langsam zog sich Corso nach oben, bis er wackelig auf den Füßen stand. Oben war die Luft wärmer. Sein Kopf drehte sich, und einen Augenblick dachte er, er würde ohnmächtig wieder auf dem kalten Boden zusammensinken. Unsicher wankte er zum Kamin und legte eine Hand an die Backsteinmauer. Rechts von der Öffnung lagen mehrere braune Bretter aufeinandergestapelt, die Enden gesplittert und spitz.

Mit langsamen Bewegungen schob Corso das Gitter zur Seite und schichtete kreuz und quer mehrere Bretter über die Glut. Als zuerst nichts passierte, fürchtete er schon, er hätte die Glut erstickt. Das frisch aufgeschichtete Holz rauchte und zischte nur. Dann begann der dichte Rauch, den Kamin hinaufzuziehen, bis nach einem bangen Moment eine einzelne gelbe Flamme zwischen den Brettern hervorzüngelte. Ein paar Mal knisterte es, und – wusch – stand alles in Flammen. Corso schloss das Gitter.

Dougherty neben ihm regte sich, wachte aber nicht auf. Sich an der Wand abstützend, wankte er in die Küche, wo es um einiges kälter war. Sein Atem wirbelte in kleinen Wölkchen um seinen Kopf, als er sich umschaute. Dougherty hatte alles verbrannt, was sie herausreißen und ins Feuer werfen konnte. Übrig geblieben war nur noch das Gestell eines schlichten Küchenschranks an der gegenüberliegenden Wand.