Dunkle Strafe - oder: Erbarmungslos - G.M. Ford - E-Book
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Dunkle Strafe - oder: Erbarmungslos E-Book

G. M. Ford

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Beschreibung

Ein Geständnis, das alles verändert … Frank Corso ist in Seattle ein Ausgestoßener – ein Star-Journalist, der einst in Verruf geriet, weil er bei einer großen Kriminalgeschichte »Fakten« erfunden hatte. Doch ausgerechnet ihm vertraut die Hauptzeugin in einem aufsehenerregenden Prozess gegen einen Serienkiller nun an, gelogen zu haben. Ihre Aussage brachte Walter Leroy Himes in die Todeszelle, weil er acht Frauen brutale ermordet haben soll. Nun – sechs Tage vor Himes Hinrichtung – liegt es an Frank Corso und der Fotografin Meg Dougherty, die Wahrheit über die Verbrechen ans Licht zu bringen. Ein Wettlauf gegen die Zeit, denn ganz Seattle will Himes um jeden Preis tot sehen – und der wahre Mörder hat schon sein nächstes Opfer im Visier …  »›Dunkle Strafe‹ ist ein Volltreffer – so spannend wie eine tickende Zeitbombe, außerordentlich atmosphärisch, brillant geschrieben, glaubhafte Charaktere und ein unverwechselbarer Protagonist. Dieser Roman ist ein Muss.« Bestsellerautor Harlan Coben

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Seitenzahl: 450

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

Frank Corso ist in Seattle ein Ausgestoßener – ein Star-Journalist, der einst in Verruf geriet, weil er bei einer großen Kriminalgeschichte »Fakten« erfunden hatte. Doch ausgerechnet ihm vertraut die Hauptzeugin in einem aufsehenerregenden Prozess gegen einen Serienkiller nun an, gelogen zu haben. Ihre Aussage brachte Walter Leroy Himes in die Todeszelle, weil er acht Frauen brutale ermordet haben soll. Nun – sechs Tage vor Himes Hinrichtung – liegt es an Frank Corso und der Fotografin Meg Dougherty, die Wahrheit über die Verbrechen ans Licht zu bringen. Ein Wettlauf gegen die Zeit, denn ganz Seattle will Himes um jeden Preis tot sehen – und der wahre Mörder hat schon sein nächstes Opfer im Visier …

»›Dunkle Strafe‹ ist ein Volltreffer – so spannend wie eine tickende Zeitbombe, außerordentlich atmosphärisch, brillant geschrieben, glaubhafte Charaktere und ein unverwechselbarer Protagonist. Dieser Roman ist ein Muss.« Bestsellerautor Harlan Coben

Über den Autor:

G.M. Ford (1945 – 2021) war ein preisgekrönter amerikanischer Schriftsteller, der mit seinen beiden Krimireihen um den Journalisten Frank Corso und Privatdetektiv Leo Waterman internationale Bekanntheit erreichte. Er wurde u.a. für den Shamus, Anthony und Lefty Award nominiert und lebte an der Westküste, zuletzt in Oregon, wo er an der Universität auch als Dozent für Kreatives Schreiben tätig war.

Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Frank Corso Reihe, bestehend aus »Dunkle Strafe«, »Killer-Trieb«, »Spur des Bösen«, »Spur des Bösen«, »Die Geisel« und »Spur des Blutes«.

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eBook-Neuausgabe Oktober 2024

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2001 unter dem Originaltitel »Fury« bei William Morrow, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Erbarmungslos« bei Goldmann.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2001 by G. M. Ford

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2005 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von AdobeStock/Hasanul

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (lj)

ISBN 978-3-98952-266-4

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].

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G.M. Ford

Dunkle Strafe

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Marie-Luise Bezzenberger

dotbooks.

Zitat

In dieser öden, trostlosen Gegend war es ein nicht

unerheblicher Glücksfall, eine kleine Bucht zu finden,

 in der wir Schutz suchen, sowie ein kleines

 Stückchen ebenen Bodens, auf dem wir unser Zelt

 errichten konnten ...

Aus den Tagebüchern von Captain George Vancouver

Prolog

Blutzoll

Gott allein mochte wissen, wo er einen Anzug mit orangefarbenem Karomuster aufgetrieben hatte. Wahrscheinlich in irgendeinem Retro-Laden oben am Broadway. Das Jackett zwei Nummern zu klein, die Schultern standen hoch wie Epauletten. Die Hose war 15 Zentimeter zu kurz, als rechne er mit Hochwasser. Breite Hosenaufschläge ... derbe Lederschuhe ... keine Socken ...

Sein Anwalt Myron Mendenhal dagegen war geradezu der Inbegriff der Eleganz. Schicker anthrazitgrauer Dreiteiler. Ein Ring am kleinen Finger mit einem Diamanten, so groß wie das Ritz. Zog aus reiner Gewohnheit andauernd seine Manschetten herunter und sorgte so mit viel Geschmack dafür, dass die Rolex Double Diamond stets zu sehen war.

Mendenhal hatte seinen Standpunkt bereits dargelegt. Zwei- oder dreimal sogar. Im Namen seines Mandanten verklagte er sowohl die Stadt Seattle als auch den Bundesstaat Washington. Widerrechtliche Strafverfolgung. Drei Millionen Schadenersatz. Zehn Millionen Schmerzensgeld. Von jeder der beklagten Parteien. Zivilrechtsklagen würden folgen.

Der einzige Grund, weshalb er immer noch redete, war, um zu verhindern, dass sein Mandant es tat. Als der Blödmann das letzte Mal den Mund aufgemacht hatte, hatte es einen Riesenaufruhr gegeben. Ein Mann in der vordersten Reihe hatte die Fassung verloren und hatte versucht, über den Tisch hinwegzuklettern und auf sie loszugehen. Er hatte es zur Hälfte durch den Wald aus Mikrofonen geschafft, ehe eine Polizistin ihn am Gürtel gepackt und zu Boden gerissen hatte. Vier Polizeibeamte waren nötig gewesen, um ihn aus dem Raum zu bugsieren, und es hatte zehn Minuten gedauert, bis die Elektronik wieder funktionierte. Der Widerhall der gequälten Schreie des Mannes ließ noch immer die Vorhänge beben, und ein Geruch nach verschossenen Hormonen hing wie Pulverdampf in der Luft. Kein Zweifel, Myron Mendenhal war bereit, so lange weiterzuquasseln, wie es notwendig war.

»Wie entschädigt man einen Mann für drei Jahre seines Lebens?«, fragte er. »Gibt es einen Betrag, der das Herz eines Menschen wiederherstellen kann, der jahrelang mit dem Schreckgespenst seines unmittelbar bevorstehenden Todes gelebt hat? Der auf dem Tisch des Todes gelegen hat? Ich glaube nicht. Können wir –«

Der Mandant beugte sich zu den Mikrofonen vor. »Wenn nich’ er oder ich, dann isses eben wer anders, klar?«

»Bitte?«, fragte jemand aus der Reihe der an der Wand stehenden Reporter.

Mendenhal hielt den Arm vor die am nächsten stehenden Mikrofone und flüsterte seinem Mandanten etwas zu. Zuerst flehend. Dann heftig. Das Publikum hielt kollektiv den Atem an, als Himes den Arm ausstreckte und die Hand über Mendenhals Mund und Nase legte. Während sich der Anwalt noch mit hervorquellenden Augen hinter seiner quadratmetergroßen Pranke wand, verzog der Mandant seine gummiartigen Lippen und rutschte mit seinem Stuhl näher an das an Buchstabensuppe gemahnende Mikrofondickicht heran.

»Hab gesagt, irgendwer wird da draußen immer irgendwelche Scheißzicken kaltmachen. Weiber un’ noch mehr Weiber wer’n ins Gras beißen, überall, bis ihr alle bis zum verdammten Arsch in toten Bräuten steckt.«

Sieben verschiedene Kameras hielten den Anfang dessen fest, was als Nächstes geschah. Der Mann in der vordersten Reihe erhob sich langsam. Er fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, als wische er Spinnweben fort. Drehte Mendenhal und seinem Mandanten den Rücken zu. Beugte sich herab und schien der Frau, die neben ihm saß, etwas ins Ohr zu flüstern. Inzwischen eilte das halbe Dutzend extra angeheuerter Sicherheitsleute, die im Festsaal des Hotels stationiert waren, schon auf ihn zu, doch es war zu spät.

Als sich der Mann wieder aufrichtete, hielt er einen 45er Colt Automatik aus dem Zweiten Weltkrieg in beiden Händen. Mit Tränen in den Augen schaute er durch den voll besetzten Saal und stieß eine einzige Silbe hervor. Und dann drehte er sich zur Stirnseite des Raumes um, hob die Waffe und begann abzudrücken.

Wenn man sich die NBC-Aufnahmen ansieht, kann man sehen, wie der Mandant vier Volltreffer in die Brust abbekommt. Jedes Mal lässt der Einschlag seinen Stuhl nach hinten kippen, so dass die vorderen Beine abheben; dann krachen sie unter seinem Gewicht wieder auf den Boden. Wenn man das Band in Zeitlupe ablaufen lässt, sieht man die Kugel einschlagen und durch den grellorangefarbenen Stoff seines Anzugs fetzen. Man kann zusehen, wie die zweite Kugel höher trifft, ein Stück der Schulter wegreißt und die eine Seite von Mendenhals Gesicht unter Hochdruck mit Blut und Knochensplittern bespritzt. Jetzt sollte man das Band anhalten, gleich nachdem der dritte Treffer sich in den Anzug beult, und ein paar Einzelbilder weiter schalten. Und dann, genau da, anscheinend ganz plötzlich, verfärbt sich das Orange zu Rot, und der Mandant kippt langsam von seinem Stuhl, während jenes seltsame, geheimnisvolle Lächeln noch immer auf seinen Lippen verharrt.

Mittlerweile herrscht im Festsaal absolute Panik. Als sich der Mann mit der Waffe zum Publikum umdreht, filmt nur der abgebrühte NBC-Kameramann weiter. Alle anderen gehen in Deckung. Der Rest der Aufnahmen wirkt wie aus The Blair Witch Project.

Leute, die dort gewesen sind – und weiß Gott, die halbe Stadt behauptet, damals dabei gewesen zu sein –, sagen, alle Luft sei schlagartig aus dem Raum verschwunden und habe trockene, zerkratzte Lungen zurückgelassen, in jenem schrecklichen, schweigenden Moment, als der Mann sich die Waffe in den Mund steckte und abdrückte.

Kapitel 1

Montag, 17. September 10.07 Uhr Tag 1 von 6

In dem Jahr, als der Sommer ausfiel, zog sich der Frühlingsregen den ganzen Juli über hin und dann weiter in den August und September hinein, bis sich die Menschen schließlich, während die Blätter an den Bäumen noch grün waren, in das Unvermeidliche schickten und ihre Erinnerungen an die Sonne aufgaben.

Mehr aus Gewohnheit denn aus Pflichtgefühl warf Bill Post einen Blick zur Straße hinaus. Gerade rechtzeitig, um sie aus dem 30er-Bus steigen und unbeholfen in den grauen, windgepeitschten Regen treten zu sehen. Er sah zu, wie sie sich die Kapuze weit über den Kopf zog und in ihren großen braunen Schuhen über den Bürgersteig auf die Eingangstür zuplatschte. Als sie drinnen war, zog sie ihren grünen Regenmantel aus und schüttelte ihn über dem schwarzen Gummiläufer aus. Er konnte sich nicht erinnern, schon einmal erlebt zu haben, dass sich jemand derart viel Mühe gab, den Boden nicht voll zu tropfen. Als würde jemand von ihr verlangen, dass sie das Wasser aufwischte oder so.

In einem anderen Jahr hätte er vielleicht etwas über den Regen gesagt, und sie hätten jenes Band geknüpft, das zwischen Menschen entsteht, die gemeinsam leiden. Aber nicht dieses Jahr. Dieses Jahr waren Frühling und Sommer gekommen und gegangen wie Wünsche, hatten jegliche Hoffnung auf Erlösung so weit den Fluss hinuntergespült, dass es nicht mehr als höfliches Geplauder galt, übers Wetter zu reden.

Von seinem Platz hinter dem Aufsichtstisch aus erkundigte er sich: »Kann ich Ihnen helfen?«

Der Klang seiner Stimme schien sie zu erschrecken. »Ich hoffe es«, erwiderte sie. »Ich muss mit einem Mr. Corso sprechen. Er schreibt ... Er ist Reporter hier.« Sie legte sich den tropfenden Regenmantel über den Arm und kam auf den Tisch zu.

»Ist Mr. Corso da?«

»Nicht dass ich ihn je zu Gesicht bekommen hätte«, meinte der Wachmann schmunzelnd. »Der Typ, der vor mir hier gearbeitet hat, der hat gesagt, er hätte ihn ab und zu mal gesehen, aber ich bin jetzt knapp zwei Jahre hier, und während ich Dienst hatte, ist er nie aufgetaucht. Die von der Nachtschicht sagen, er kommt manchmal, um sich mit Mrs. Van Der Hoven zu treffen, aber ich persönlich hab ihn noch nie gesehen.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

Als er den Kopf neigte und sie durch die oberen Hälften seiner Gleitsichtbrille betrachtete, begriff er sofort, dass er eigentlich wissen sollte, wer sie war. Er setzte sich auf. Schlug die Urlaubskataloge zu, in denen er gelesen hatte, und stopfte sie in die oberste Schublade. Versuchte, auf ihren Namen zu kommen, war jedoch nicht überrascht, dass er ihrem Gesicht keinen zuordnen konnte. In letzter Zeit gelang ihm das nur selten. Verdammt, wenn er seine Autoschlüssel nicht jeden Abend an denselben Haken in der Küche hängte, konnte er die verflixten Dinger am nächsten Morgen nicht finden.

»Vielleicht könnte jemand anderer Ihnen helfen, Miss ...?« Er ließ den Vorschlag als Frage stehen.

Sie sah aus, als würde sie gleich anfangen zu weinen. »Ich muss mit Mr. Corso sprechen.« Es hörte sich an wie in einer Nachmittagsfernsehserie. »Sagen Sie ihm, Leanne Samples ist unten und muss ihn sprechen; es geht um Leben und Tod.« Der Name schlug ein. Sie war es tatsächlich. Das Mädchen aus dem Fernsehen. Er hätte sich in den Hintern treten können, weil er sie nicht gleich erkannt hatte, und überlegte wieder, ob er nicht doch mal mit dem Arzt über sein nachlassendes Gedächtnis reden sollte. Dann griff er zum Telefon. Wen? Mr. Hawes? Der war der Oberguru. Chefredakteur und all so was. Ja. Letzter Knopf auf der rechten Seite.

Natalie Van Der Hoven lehnte den Kopf zurück und schaute ihren Chefredakteur Bennet Hawes von oben herab an. Sie war Mitte sechzig, mit einem Gesicht, wie man es auf einer alten Münze finden könnte. Scharf geschnitten und hochmütig wie ein Falke, mit einem dazu passenden »Zorn Gottes«-Blick. Eisengraues Haar und breitere Schultern als die meisten Männer. Machetenmörder sprangen hurtig auf und zogen die Mütze, wenn sie ins Zimmer kam. Sie hatte diese ganz gewisse Art von Stil.

»Das kann nicht Ihr Ernst sein«, sagte sie.

»Das ist alles, was sie zu sagen bereit ist. Sie hat bei der Gerichtsverhandlung gelogen. Das, und dass sie nicht mit uns kooperieren wird, es sei denn, Corso schreibt die Story.«

Wie immer untadelig gekleidet, in einem Dreiteiler von Nordstrom, maß Hawes seiner eigenen Behauptung nach eins siebenundsiebzig, war jedoch in Wirklichkeit nur eins dreiundsiebzig groß. Was von seinem mittelblonden Haar noch übrig war, kämmte er über seine Glatze und sprayte es fest. Ging fünfmal die Woche ins Fitnessstudio, das ein Stück weiter oben an der Straße lag. Was er tat, tat er rasch.

Sie zog eine Augenbraue hoch. »Man kann sie doch bestimmt überreden?«

Er kratzte sich im Nacken. »Ich glaube nicht.«

»Sie haben ihr erklärt, dass Mr. Corso nicht mehr fest bei unserer Zeitung angestellt ist?«

»Der Unterschied zwischen fest angestellten und freien Mitarbeitern scheint für Miss Samples nicht nachvollziehbar zu sein. Soweit es sie angeht, liest sie zweimal im Monat seine Kolumne in der Zeitung, also arbeitet er hier.«

»Haben Sie ihr Mr. Corsos Abneigung gegen öffentliche Aufmerksamkeit geschildert? Dass er nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde, seit er es auf die Bestsellerliste geschafft hat?«

Hawes nickte angewidert. »Das ist ihr egal. Entweder schaffen wir Corso heute noch herbei, oder sie geht mit ihrer Story woanders hin.« Er drehte die Handflächen zur Decke. »Warum sie unbedingt will, dass Corso das macht, ist mir schleierhaft.«

»Haben Sie sie gefragt?«

Hawes machte ein säuerliches Gesicht. »Sie hat gesagt, weil er« – er malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft – »damals nett zu ihr war.« Dann rammte er die Hände in die Hosentaschen und schritt im Zimmer auf und ab.

»Haben wir eine Telefonnummer, unter der wir Mr. Corso erreichen können?«

»Ich hatte gehofft, Sie hätten eine«, erwiderte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Wenn Mr. Corso plaudern will, ruft er mich an.«

»Was ist mit seinem Agenten?«

»Eine Frau namens Vance, in New York.«

»Die hat doch bestimmt seine Nummer.«

»Aber sie verrät sie uns nicht«, sagte Mrs. V. »Das habe ich schon einmal versucht.«

»Ich war unten in der Buchhaltung. Wir schicken seine Honorarschecks an ein Postfach.« Aus Hawes üblichem Hin- und Hertigern wurde plötzlich eine Art Stolzieren. Sie musterte ihn eingehend. »Sie glauben, Sie haben eine Idee, nicht wahr?«, fragte sie.

Seine Miene blieb so nichts sagend wie ein Kohlkopf. »Könnte sein.«

»Kommen Sie schon, Bennet«, drängte sie. »Raus damit.«

Ein Lächeln entrang sich seinen dünnen Lippen. »Während ich unten in der Buchhaltung war, habe ich mir seine Spesenabrechnungen angeschaut. Dabei ist mir was eingefallen, wie wir ihn vielleicht schnell finden können.«

»Ach?«, bemerkte sie. »Es gab Zeiten, da haben manche Leute es sich zur Lebensaufgabe gemacht, unseren Mr. Corso ausfindig zu machen. Wie kommen Sie darauf, dass ausgerechnet Sie ihn zu fassen kriegen könnten?«

»Die mussten auch nie seine Spesen zahlen.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel hat Mr. Corso ein paarmal einen Privatdetektiv aus Seattle engagiert. Das weiß ich, weil wir die Rechnung von dem Typen bezahlt haben. Ich denke, der weiß wahrscheinlich, wo Corso zu finden ist.«

»Und wer ist das?«

»Ein Mann namens Leo Waterman.«

»Der Sohn von Bill Waterman?«

»Ja.«

Sie brachte ein kleines Lächeln zustande. »Ich habe Leo nicht mehr gesehen, seit er noch kurze Hosen getragen hat«, meinte sie. »Wie Sie wissen, standen sein Vater und mein verstorbener Mann sich recht nahe. Wieso glauben Sie, er könnte Mr. Corso finden?«

»Ich habe die beiden einmal gesehen, wie sie zusammen ein Bier getrunken haben, beim Zigarettenholen. Drüben in Eastlake, in einer Kneipe namens The Zoo.«

»Das ist alles?«

»Sie wissen doch, wie Corso ist. Er hasst jeden. Mit jemandem ein Bierchen zu trinken, ist für den schon so etwas wie eine feste Beziehung.«

»So schlimm ist er nun auch wieder nicht, Bennet«, wehrte sie ab. »Das ist alles nur gespielt.«

Hawes machte ein Geräusch mit den Lippen. »Wenn die Arroganz von dem Kerl nur gespielt ist, dann sollte er einen Oscar kriegen.«

»Das ist nur seine Methode, sich zu schützen.«

Hawes schnaubte. »Wenn irgendjemand da draußen ihn immer noch tot sehen wollte, wäre er inzwischen tot.«

»Nicht physisch. Emotional.«

Hawes zog ein finsteres Gesicht. »Großer Gott, ich komme mir vor, als wäre ich bei Oprah.« Er ging quer durchs Zimmer. »Also, was wollen Sie tun?«

»Ich sehe nicht, was uns hier anderes übrig bleibt«, sagte sie nach einem Moment des Schweigens. »Bis zu Himes’ Hinrichtung sind es noch sechs Tage. Nicht nur, dass wir eine moralische Verpflichtung der Öffentlichkeit gegenüber haben; ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, was eine solche Story für die Zeitung bedeuten könnte.«

Nein ... das brauchte sie nicht zu tun. Eine Exklusivstory wie diese könnte eine Menge dazu beitragen, die Sun zu retten. Wenn schon nicht in finanzieller Hinsicht, so doch insofern, als sie ihr ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit zurück geben konnte.

»Das Problem ist nur, selbst wenn wir ihn finden, wird er es nicht tun«, gab Hawes zu bedenken. »Warum sollte er auch?« Er schritt weiter im Zimmer auf und ab und schüttelte langsam den Kopf. »Als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, stand sein Buch auf Platz sieben der NewYork Times-Bestsellerliste. Er gibt keinerlei Interviews. Er signiert keine Bücher. Und ganz bestimmt ist er nicht mehr auf das Geld angewiesen. Warum in Gottes Namen sollte er sich all dem Ärger aussetzen? Ganz ehrlich, ich bin erstaunt, dass er immer noch seine Kolumnen schickt.«

Mrs. V. lächelte. »Mr. Corso und ich haben eine Abmachung«, sagte sie. »Und Mr. Corso ist ein sehr ehrenhafter Mann.«

»’ne Menge Leute sind da anderer Ansicht.«

»Eine Menge Leute sehen gern Profi-Wrestling«, erwiderte sie.

Hawes schnaubte wieder und schüttelte erneut den Kopf. »Er müsste verrückt sein, sich auf so etwas einzulassen. Diese ganze Verleumdungsgeschichte mit der New York Times wird wieder auf den Titelseiten auftauchen. Das lässt er nie im Leben zu.«

»Ironisch, nicht wahr?«, meinte Mrs. V.

»Was?«

»Dass dieselbe mächtige Zeitung, die Mr. Corso unter so großer öffentlicher Aufmerksamkeit gefeuert hat, weil er angeblich eine Geschichte erfunden hat, ihm jetzt freie Publicity für seine auf fiktiv getrimmten Reportagen gewährt.«

Bennet Hawes war jenseits von wehmütiger Ironie. Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit tigerte er im Zimmer auf und ab. »Selbst wenn ich ihn finde, er wird mir bloß sagen, dass ich ihn kreuzweise kann«, stieß er hervor. »Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, aber Sie wissen ja, dass er und ich nicht gerade ... «

Bennet Hawes war seit 21 Jahren Chefredakteur gewesen, ehe Corso aufgetaucht war. Er hatte lange und hart dafür gekämpft, dass Corso nicht eingestellt wurde. Als sie sich das erste Mal begegnet waren, hatte er Corso nach einer Erklärung für die Sache in NewYork gefragt. Corso hatte gesagt, er hätte keine. »Dann werde ich nie sicher sein können, dass ich Ihnen trauen kann«, hatte Hawes verkündet. Corso hatte geantwortet, das könne er ihm nicht verdenken. Hatte gesagt, er würde sich selbst auch nicht einstellen. Glücklicher- oder unglücklicherweise, je nachdem, wie man es betrachtete, hatte Mrs. V. darauf bestanden.

»Ich weiß«, sagte Mrs. V.

Sie öffnete die oberste Schublade ihres Schreibtischs und holte einen Bogen blassblaues Briefpapier und einen passenden Umschlag heraus. Er konnte nicht sehen, was sie schrieb, doch was immer es war, es füllte nur eine einzige Zeile. Dann griff sie hinab in die unterste Schublade und tastete sich bis zu dem vor, was sie suchte. Fand es. Einen dreifach gefalteten weißen Zettel. Sie setzte ihren Namenszug unter die Zeile, faltete das Blatt einmal, schob den weißen Zettel hinein und klebte den Umschlag zu. »Wenn er ihn finden kann, dann soll Leo Mr. Corso das hier geben.«

Kapitel 2

Montag, 17. September 14.16 Uhr Tag 1 von 6

Gejagte entwickeln einen Blick fürs Detail. Eine innere Linse, mit der sie sich vertrautes Gelände einprägen oder die Art und Weise, wie die Schatten zu einer bestimmten Tageszeit fallen. Er bemerkte die Silhouette, sobald er um die Ecke bog. Ein Mann, der neben dem Damenduschraum wartete. Er hielt den Wagen an. Legte den Rückwärtsgang ein und setzte dann bis zum anderen Ende des Parkplatzes zurück.

Als er ausstieg und zum Heck des Autos ging, ließ er den Blick in Richtung des Mannes huschen. Ein Riesenkerl, wer auch immer er war. Er öffnete den Kofferraumdeckel und bückte sich, als wolle er etwas aus dem Kofferraum holen. Dann schob er sich im raschen Entengang zwischen den geparkten Wagen hindurch, bis er die andere Seite des Sanitärgebäudes erreicht hatte.

Er streifte seine Bootsschuhe ab und zog einen metallenen Kugelschreiber aus der Tasche seines Regenmantels. Die Schuhe in den Manteltaschen verstaut, spähte er um die kurze Seite des Gebäudes. Nichts. Er schlich hinüber und spähte erneut. Der Mann stand noch immer unter dem Dachüberhang und schaute durch den Perlenvorhang des direkt von dem traufenlosen Dach herabströmenden Regens zu dem Datsun hinüber. Er machte zwei lautlose Schritt vorwärts, packte die Haare am Hinterkopf des anderen und drückte ihm den Kugelschreiber in die Kuhle hinter seinem Ohr. Der Kerl machte einen verblüffend flinken Versuch, sich zu ducken und herumzufahren, doch Corso folgte seiner Bewegung und verstärkte den Druck auf den Kugelschreiber, bis er das Trommelfell des Fremden zu durchbohren drohte, hob ihn auf die Zehenspitzen, als klettere er eine Leiter hinauf.

»Ganz ruhig, ganz ruhig«, wiederholte der große Mann mit gepresster Tenorstimme.

Corso erkannte die Stimme. Nahm den Kugelschreiber weg und drehte den Mann herum. Dieser rieb die Stelle hinter seinem Ohr. Schaute ihn finster an. »Was soll diese verdammte Apachennummer, Frank? Mit solchem Scheiß könntest du manche Leute echt sauer machen.«

»Von wegen Apache. Ich sollte dich fragen, was das mit dem Auflauern soll.«

Der große Mann strich sich die Haare am Hinterkopf glatt. Sein Gesicht war rot angelaufen. »Ich bin Berufslauerer, Frank. Erinnerst du dich? Ich bin Detektiv. Lauermann & Co.«

Corso streifte sich seine Schuhe wieder über die Füße, drängte sich an dem anderen vorbei und ging zu seinem Auto zurück. Der Mann folgte ihm in den Regen hinaus.

»Viel Papierkram gibt’s über dich nicht, Frank«, richtete er das Wort an Corsos Rücken. »Allzu viel bleibt einem nicht übrig, wenn man dich finden will.«

»Der eine oder andere käme dabei vielleicht auf die Idee, dass ich nicht gefunden werden will«, entgegnete Corso. Er schob den Kopf in den Wagen.

»Hat mich zwei Stunden am Telefon gekostet«, beschwerte sich der andere, während er durch den Regen tappte.

»Komm her und mach dich nützlich«, knurrte Corso.

Der große Mann überquerte den Parkplatz und trat neben Corso. Beide Männer waren einsdreiundneunzig groß, doch damit endete die Ähnlichkeit auch schon. Corso hatte etwas Hageres, Schlaksiges an sich, während Leo Waterman in jeder Hinsicht groß war. Doppelt so große Finger wie Corso. Einer von jenen Kerlen, denen man eins mit einer Schaufel überziehen kann, und sie kommen wieder hoch und lächeln einen an, mit Blut auf den Zähnen. Das war Leos Vorteil, das, was ihn zu einem guten Privatdetektiv machte. Bis man merkte, dass er ungefähr dreimal so schlau war, wie man gedacht hatte, war es schon zu spät. Man war schon geliefert. Und was noch schlimmer war, wenn man damit ein Problem hatte, fungierte Leo als seine eigene Beschwerdestelle.

Corso richtete sich auf. Seufzte. Sah dem großen Mann in die Augen.

»Wie geht’s, Leo?«, fragte er.

»Geht so, Frank.«

Corso schlug ihm auf die Schulter. »Schön, dich wiederzusehen. Was macht Rebecca?«

»Ist mit einem Gynäkologen liiert.«

»Tut mir leid, das zu hören, Leo. Ihr zwei wart lange zusammen.«

Leo blickte in die Ferne. »Ja«, sagte er. »Fast zwanzig Jahre. Sie sagt, ich bin ›emotional nicht verfügbar‹.«

»Und was soll das heißen?«

»Ich hab keinen Schimmer«, antwortete Leo. »Die letzten Monate hab ich versucht, mir ein Bild davon zu machen, damit ich’s vortäuschen kann.«

»Tut mir leid, das zu hören«, sagte Corso wieder.

Leo zog eine Grimasse. »Nicht nur muss ich jetzt wieder den Fraß essen, den ich selbst koche, ich bin auch noch spitz wie Nachbars Lumpi.«

»Ein Gynäkologe, ja?«

»Er ist dreißig«, sagte Leo. »Heißt Brendan.«

»Ich weiß noch, wie sich dreißig so wahnsinnig alt angehört hat«, sinnierte Corso.

»Ja, ich auch«, sagte Leo trübsinnig.

Einen Moment lang standen sie da und teilten schweigenden Missmut mit dem Regen.

»Fass mal hier mit an«, sagte Corso.

Leo trat um den hinteren Kotflügel des Wagens herum. Eine Rolls-Schiffsbatterie. Ungefähr 90 Kilo Blei und Säure, mit einem Plastikgriff auf jeder Seite.

Gemeinsam trugen die beiden Männer die Batterie die Rampe zu den Stegen hinunter. Setzten sie ab, während Corso das Maschendrahttor zum Bootssteg C aufschloss, und schleppten sie dann bis zu dessen Ende. Als sie ihre Last schließlich abstellten, hing Corso so weit zur Seite über, dass seine Fingerknöchel über den Steg zu schrammen drohten, und seine Hand fühlte sich an, als würde sie in der Mitte durchgeschnitten. Leo schien weder Corsos Schwierigkeiten noch das Gewicht der Batterie zu bemerken. Wenn er Brendan der Gynäkologe wäre, dachte Corso bei sich, würde er peinlich genau darauf achten, große Distanz zu Leo zu halten.

Leo betrachtete das Boot. Pfiff durch die Zähne. »Deins, oder?«

Corso bestätigte, dass dem in der Tat so sei.

»Diese Wahre-Begebenheiten-Krimis scheinen sich echt zu lohnen«, bemerkte Leo. »Vielleicht sollte ich meine Memoiren schreiben.« Er ging den Trennsteg zwischen den Liegeplätzen entlang und musterte die Jacht. »Wie groß?«

»Fünfzehneinhalb Meter«, antwortete Corso. »Eine Monk Design.«

»’ne echte Schönheit.«

»Betrachte es als mein Haus, dann kommt es dir gleich nicht mehr so extravagant vor«, meinte Corso. »Ich wohne an Bord.« Er setzte den Fuß auf seine Hafenkiste, die gleichzeitig als Bootsleiter diente. »Komm schon«, sagte er, stieg über die Reling und betrat das Deck.

Leo griff nach unten, packte die beiden Griffe und hievte die Batterie auf die Reling, ohne auch nur ein Ächzen von sich zu geben. Corso war, als hätte er möglicherweise die Andeutung eines Lächelns auf Leos Lippen entdeckt. Er stellte sich breitbeinig hin, packte die Griffe und hob an. Nichts. Corso blickte auf Leo hinunter, der jetzt offen grinste.

»Blöder Winkel«, brummte Corso.

Leo lächelte einfach weiter. Nunmehr verärgert, riss Corso mit aller Kraft an der Batterie und bekam sie gerade weit genug von der Reling hoch, um sie zwischen seinen Füßen aufs Deck krachen zu lassen. Die große Jacht geriet durch den Aufprall ins Schaukeln, doch er war noch im Besitz seiner Zehen. Gott sei gedankt für fast vier Zentimeter dicke Teakdecks.

Corso schob die Tür auf und trat in die Kajüte. Leo kletterte an Bord. Lächelte noch immer. »Du hast dir doch nichts getan, Frank, oder?«

»Grins mich nicht so an, verdammt noch mal«, fuhr Corso ihn an.

Mit einer gewaltigen Hand wischte Leo das Lächeln von seinem Gesicht, dann deutete er mit einer Kopfbewegung auf die Batterie. »Wo soll das Baby denn hin?«

Corso zeigte auf den Boden zwischen seinen Füßen. »Nach unten, in den Maschinenraum.«

»Warum packen wir sie dann nicht dahin? Wir wollen doch nicht, dass du das verdammte Boot versenkst. Dafür ist es viel zu hübsch.«

Corso hatte genug Zeit mit Leo verbracht, um zu wissen, dass dies die einzige Chance war, die er bekommen würde. Im Umgang mit Leo war es keine gute Idee, sich in Augenblicken wie diesem zu zieren. Wenn man behauptete, man schaffe das schon allein, dann war Leo genau sie Sorte Mann, die einem daraufhin zuzwinkerte und meinte, das hätte er ja gewusst.

Corso packte einen in die Teakplanken eingelassenen D-Ring und hob eine Bodenluke von eineinviertel Quadratmetern hoch. Noch ehe er den Lukendeckel zur Seite stellen konnte, um mit anzufassen, schwang Leo die Batterie schon auf den Rand der Öffnung. Er ließ sich auf die Knie sinken, dann auf den Bauch, fasste die Griffe und schaffte es, die Batterie ganz sanft im Maschinenraum abzusetzen. Als er den Deckel wieder an seinem Platz einpasste, dachte Corso wieder, dass er einen großen Bogen um Leo machen würde, wenn er der Gynäkologe wäre.

»Also«, sagte Leo. »Willst du wissen, wer dich sucht?«

»Nein«, erwiderte Corso. »Könnte mir nicht gleichgültiger sein. Sobald ich die Batterie angeschlossen habe, schmeiß ich den Motor an und fahre für ein paar Wochen zu den Inseln raus, ’n bisschen rumgondeln, ’n bisschen fischen. Vielleicht ein bisschen schreiben.«

»Nicht mal neugierig?«

»Sag denen einfach, du hättest mir gesagt, was du mir sagen solltest.«

»Eigentlich sollte ich dir gar nichts sagen.«

Leo griff in die Tasche und zog einen blassblauen Briefumschlag hervor. »Ich wurde nur gebeten, dir das hier zu geben. Wenn du’s nicht lesen willst, lass es.«

Corso erkannte das Papier sofort. »Scheiße«, knurrte er und schnappte sich den Umschlag.

»Was dagegen, wenn ich mich ein bisschen umsehe?«, erkundigte sich Leo.

Zerstreut erwiderte Corso, er solle sich keinen Zwang antun. Er hielt den Umschlag in der Hand, öffnete ihn jedoch nicht.

Den ersten Brief, der damals mit der Post gekommen war, hatte er noch lebhaft in Erinnerung. Er hatte auf einer Kiste in der Wohnung im East Village gesessen und Cornflakes aus einem leeren Margarinetopf gegessen. Hatte darauf gewartet, dass der Mietvertrag nächsten Monat auslief und sich gefragt, was zum Teufel er mit dem Rest seines Lebens anfangen sollte. Die Schlagzeilen-Saga von seiner Schande und seiner Entlassung lag zwei Wochen zurück, und Cynthia hatte vor etwa zehn Tagen ihrer beider Leben zusammengepackt und war geflüchtet. Hatte nur die Kiste, einen Messingtisch und einen Haufen teilweise adressierter Hochzeitseinladungen zurückgelassen, die auf dem Kaminsims lagen.

In der Mitte geknickt und ganz oben in den Briefkasten gestopft. Ein einfacher brauner Umschlag mit einem babyblauen Brief darin, der folgendermaßen lautete:

Sehr geehrter Mr. Corso,

falls Sie an einem Gespräch über eine Anstellung bei der Seattle Sun interessiert sein sollten, machen Sie bitte Gebrauch von dem beiliegenden Flugticket, indem Sie am 9. Juli 1998 nach Seattle fIiegen. Im Sorrento Hotel wurde ein Zimmer für Sie reserviert, Reservierungsnr. 032011134. Ich freue mich darauf, Sie am 10. Juli um 9 Uhr im Seattle Sun Building, 2376 Western Avenue, Seattle, WA zu treffen.

Natalie Van Der Hoven

Herausgeberin – Geschäftsinhaberin

Seattle Sun

Ein bisschen merkwürdig, sicher, aber ... Ich meine, wieso nicht? Es war ja nicht so, dass er andere Angebote gehabt hätte. So wie Corso es sah, konnte er von Glück sagen, wenn er einen Job als Korrektor für Gewerkschaftsrundbriefe bekam. Also wirklich, wieso nicht?

Sie verlangte keinerlei Erklärung für das New Yorker Fiasko. Sagte nur, sie sei schon lange ein Fan von ihm. Außerdem hatte sie einen ziemlich verwegenen Plan. Die Sorte Schuss ins Blaue, die nur Verzweifelte versuchen. Sie war bereit, darauf zu setzen, dass Corsos Leser – auch die anderer Zeitungen – ihm folgen würden, egal, was in der Vergangenheit geschehen war. Sie bot ihm an, ihm wieder einen Presseausweis zu geben. Sagte, sie würde ihn zum rasenden Reporter der Seattle Sun machen. Er konnte sich die Themen selbst aussuchen. Tausend Dollar pro Kolumne. Spesen nach Absprache im Voraus. Keine Sozialleistungen.

Was sie als Gegenleistung wollte, waren seine sämtlichen Einnahmen aus Veröffentlichungen in anderen Zeitungen. Nach New York? Verdammt, da gab’s keine zwei Meinungen. Wie in diesem alten Billy-Preston-Song: »Nothin’ from nothin’ leaves nothin’.« Also hatte Corso zugestimmt. Der Deal hatte sich für beide ausgezahlt. Im Laufe der letzten drei Jahre hatte sie dafür gesorgt, dass Corso fast genauso häufig in diversen Zeitungen veröffentlicht wurde wie vor seiner Entlassung. Die zusätzlichen Einkünfte waren ein gewichtiger Faktor bei den Bemühungen, die Seattle Sun über Wasser zu halten. Was Corso betraf, so hatte er in gewissem Maße das Vertrauen in seine eigene geistige Unversehrtheit zurückgewonnen und endlich das Buch fertig geschrieben, das er vor zehn Jahren begonnen hatte. Als Die das Feuer vorziehen letztes Jahr an die Spitze der Bestsellerlisten gestürmt war, hatten sie neu verhandelt und sich auf zwei Kolumnen im Monat geeinigt, statt einer pro Woche. Zwei Riesen pro Stück.

Mit dem Daumen riss er die Klappe des Briefumschlages auf. In ihrer gestochen scharfen Lehrerinnenschrift stand da: Dieselbe Story. Diesmal bin ich am Zug. Gezeichnet Natalie Van Der Hoven. Ein Stück weißes Papier wirbelte zu Boden. Corso stieß einen tiefen Seufzer aus und ließ den Brief auf den Kartentisch fallen. Ließ das Stück Papier auf dem Boden liegen. Las den Brief noch einmal. Dieselbe Story? Walter Leroy Himes?

Leo stand draußen am Heck und betrachtete die Aussicht auf den Lake Union und den nebligen Queen Anne Hill dahinter. Ein Wasserflugzeug dröhnte nordwärts, hüpfte über das kabbelige grüne Wasser, bis es taumelnd in den Himmel emporstieg und über Gasworks Park verschwand.

»Hey«, brüllte Corso. Leo kam und steckte den Kopf in die Kajüte.

»Himes soll doch am Samstag hingerichtet werden, stimmt’s?«, wollte Corso wissen.

Leo tat so, als gäbe er sich selbst eine Spritze. »Stimmt«, sagte er. »Um Mitternacht. Walter Leroy gibt drüben in Walla-Walla den Löffel ab.«

Über elf Wochen lang hatte ein Serienmörder 1998 Seattle durchgeschüttelt wie eine kubanische Rassel. Acht Leichen in achtzig Tagen. Acht junge Frauen, erwürgt, vergewaltigt, und wie Abfall in Müllcontainer geschmissen. Von belebten Orten in der Stadt entführt, wo schon das Verkehrsaufkommen so etwas unmöglich machen sollte. Als die Wochen vergingen und immer häufiger Leichen gefunden wurden, nahm der Killer fast mystische Eigenschaften an. Die Medien begannen, ihn den Müllmann zu nennen. Zum Schluss lagen die Straßen nach Einbruch der Dunkelheit verlassen da, und der Druck, den Mörder zu fassen, der auf der Polizei von Seattle lastete, war gnadenlos.

Das Seattle Police Department hatte Bezirks- und Staatspolizei sowie das FBI hinzugezogen. Sie fahndeten und hielten Reden, erstellten Täterprofile und ließen sich dogmatisch über das Ganze aus, bis das sechste Opfer in einer Gasse unter dem Pike Street Market gefunden wurde, pünktlich wie die Uhr. Und dann tauchte die siebte Tote auf. Es herrschte blanke Hysterie. Ein Chor forderte, das Gehalt des Polizeichefs einzubehalten. Andere wollten, dass die Nationalgarde die Straßen sicherte. Und dann, gerade, als man fürchtete, demnächst wäre die nächste Leiche fällig, hatten sie endlich Glück.

Zwei Streifenpolizisten stießen mit ihrem Wagen auf eine Achtzehnjährige, Leanne Samples, die einen schneebedeckten Feldweg im Volunteer Park heruntergestolpert kam. Ihre Unterhose war verschollen, ihr Gesicht zerkratzt und blutig, ihre Bluse hing ihr in Fetzen an den Handgelenken. Als sie sich endlich hinlänglich beruhigt hatte, um sprechen zu können, erzählte sie den Beamten, sie sei in die Büsche gezerrt worden, und der Täter habe sich gerade darangemacht, sie zu vergewaltigen, als ihn das Geräusch des Streifenwagens die Flucht habe ergreifen lassen. Die Polizisten forderten einen Krankenwagen und alle Verstärkung der Welt an.

Zu dem Zeitpunkt, als Leanne Samples im Harborview-Krankenhaus eintraf, wimmelten fast hundert Cops und FBI- Agenten wie Wanderameisen durch den Park. Sie fanden ihr weißes Baumwollhöschen unter einer im Winterschlaf ruhenden Azalee, des Weiteren trafen sie den Besitzer einer nahe gelegenen Karosseriewerkstatt dabei an, wie er sich von einem fünfzehnjährigen Ausreißer aus Saginaw, Michigan, einen blasen ließ. Was jedoch das Wichtigste war, sie stießen auch auf einen Obdachlosen namens Walter Leroy Himes, der in der Herrentoilette hinter der Orchesterbühne an sich herumspielte.

Zu dem Zeitpunkt, als die Detectives im Harborview-Krankenhaus eintrafen, hatten Leannes Eltern, die einer christlichfundamentalistischen Gemeinde angehörten, jegliche weitere medizinische Behandlung ihrer Tochter unterbunden. Anscheinend hielten sie und ihre Glaubensbrüder nicht viel von solch wissenschaftlichem Hokuspokus. Keine Sekretproben, keine DNS-Tests. Teufelswerk und so, Sie wissen schon.

Konfrontiert mit dem Totalverlust sämtlichen forensischen Beweismaterials, zeigten die verzweifelten Detectives Leanne ein fünf Jahre altes Polizeifoto von Walter Leroy Himes. Nachdem sie ein wenig gedrängt worden war, sagte sie, ja, das sei der Mann, der versucht hatte, sie zu vergewaltigen. Zwei Tage später identifizierte sie Walter Leroy Himes in einer Reihe von sechs Männern. Der Rest war, wie es so schön heißt, kalter Kaffee. Verdammt, Himes machte es ihnen leicht.

Walter Leroy Himes war schließlich alles, was ein verkommener Mörder zu sein hatte. Zuerst einmal war er ebenso hässlich wie er groß war, mit dicken roten Lippen und wahrhaft beklagenswerten Vorstellungen von körperlicher Hygiene. Nicht nur war er ungebildet, er war auch noch blöd. Lehnte rechtlichen Beistand bis zum letzten Moment ab, als Richter Spearbeck ihm einen Anfänger von Pflichtverteidiger zuteilte, der keine Ahnung hatte, wie er mit einem Mandanten umgehen sollte, der vor Gericht den Mund nicht halten wollte. Der schließlich mit Klebeband an seinen Stuhl gefesselt dasaß, mit einem orangefarbenen Knebelball im Mund, den der Richter aus dem Sexshop hatte kommen lassen, der in derselben Straße ansässig war, in der sich auch das Gerichtsgebäude befand. Der krönende Abschluss war, dass Himes, wie sich herausstellte, ein langes Vorstrafenregister voller Sexualdelikte hatte. Dreimal vom Bezirksgericht in seinem Heimatstaat North Carolina wegen öffentlicher Entblößung verurteilt. Anscheinend wedelte er gern mit seinem Pimmel vor Schulkindern herum. Und was noch schlimmer war, er hatte erst kürzlich neunzehn Monate im Gefängnis von Twin Rivers abgesessen, weil er in einem Laden eine Elfjährige begrabscht hatte. Gerade mal drei Wochen, bevor die Mordserie begann, war er entlassen worden. Wenn es je einen Mann gegeben hatte, der dazu berufen war, die Schuld an den Verbrechen zugeschoben zu bekommen, so war es Walter Leroy Himes. Und zugeschoben bekam er sie. Und wie. Achtmal schuldig des vorsätzlichen Mordes. Achtmal die Todesstrafe.

Leo trat in die Kajüte und schob die Teaktür hinter sich zu. »Was meinst du?«, sagte er. »Jetzt, wo der Tag der Abrechnung vor der Tür steht, glaubst du, der alte Walter Leroy wünscht sich, er hätte den Gouverneur nicht als ›das Schlitzauge‹ bezeichnet?«

Corso dachte darüber nach. »Wenn Himes auf Reue geeicht wäre, säße er überhaupt nicht in der Todeszelle«, meinte er schließlich. Leo nickte in stummer Zustimmung.

Der Staat Washington war nie besonders scharf darauf gewesen, Todesurteile zu vollstrecken. Wäre Himes schlau genug gewesen, den Mund zu halten, hätten sie ihn eingesperrt und ihn Revision einlegen lassen, bis er schwarz wurde. Aber nicht Himes. Nein ... Himes versuchte sofort, auf sein Berufungsrecht zu verzichten, und verlangte, dass sein Todesurteil eiligst vollstreckt würde. Behauptete, sein Schöpfer wisse, dass er all diese Frauen nicht getötet habe. Meinte, das Erste, was er tun würde, wenn er dahin käme, wo immer er hinkäme, wäre, diese acht, die er als »eingebildete Zicken« bezeichnete, mal so richtig zu vergewaltigen. Ihnen ’ne Ewigkeit von dem zukommen zu lassen, was sie seiner Meinung nach verdient hatten. So wie Himes das Ganze sah, waren sie ihm das schuldig, wo er doch ein unschuldiger Mann war. Unnötig zu erwähnen, dass derartige Äußerungen nicht dazu beitrugen, Himes beliebter zu machen.

Derartige Quantenblödheit erregte natürlich die Aufmerksamkeit der Bürgerrechtler, die die letzten drei Jahre damit zugebracht hatten, sämtliche Rechtsmittel auszuschöpfen, in dem unseligen Bemühen, Himes sowohl vor dem Staat Washington als auch vor sich selbst zu schützen, und dafür fast vier Millionen Dollar ausgegeben hatten.

Leo kam durch die Kajüte zurückgeschlendert und trat an Corsos Seite. »Nur meinem Seelenfrieden zuliebe, Frank, wem gehört der Datsun?«

»Wieso?«

»Weil er nicht dir gehört. Du hast nicht einmal einen Washingtoner Führerschein. Wenn du ein Auto oder einen Führerschein hättest, wäre ich schon vor zwei Stunden hier aufgekreuzt.«

»Das ist ein Hafenauto. Mit der Zeit wurde es dermaßen schwer, hier einen Parkplatz zu kriegen, dass ein paar von uns zusammengelegt und das Ding gekauft haben. Man braucht sich nur einzutragen, wenn man es benutzen will. Wenn ich für was Größeres ein Auto brauche, miete ich mir eins.«

»Keine Telefonnummer, weder mit Telefonbucheintrag noch ohne. Keine Strom- oder Wasserrechnungen auf deinen Namen. Kein Bibliotheksausweis. Keine Strafzettel. Keine Steuerbescheide. Du hast keine Zeitung abonniert. Keine Zeitschriften. Kein Kabelfernsehen. Du bist kein Online-Kunde bei den Internetprovidern aus der Umgebung. Du bist ein richtiger Ted Kaczynski, weißt du das, Corso?«

Corso grinste. »Also – um meines Seelenfriedens willen, wie hast du mich dann gefunden?«

»Pizza«, antwortete Leo. »Pagliacci’s Pizzeria hat jeden in der ganzen Stadt, der jemals eine Pizza bei ihnen bestellt hat, in ihrer Datenbank gespeichert.« Er musterte Corso. »Sardellen ... Großer Gott, Mann.«

Corso wusch sich die Hände im Kombüsenspülbecken und trocknete sie mit einem Papierhandtuch ab.

»Nachdem du mir meinen Angelausflug und möglicherweise auch mein ganzes Leben versaut hast, wie wär’s, wenn du mich zur Sun runterfährst? Heute Nachmittag hat sich jemand anderer für das Auto eingetragen.« In seiner Stimme lag ein resignierter Tonfall, den Leo noch nie gehört hatte.

Leo hob beschwichtigend die Hand. »Ich weiß nicht, worum’s hier geht, Frank, und es ist mir auch scheißegal, aber wenn du’s nicht tun willst, dann lass es doch.«

»Leichter gesagt als getan.«

»Das mit der Schuld hab ich mir für die Fastenzeit aufgehoben«, bemerkte Leo. »Solltest du vielleicht auch tun.«

»Und was ist, wenn man schuldig ist?«

»Es gibt schließlich immer noch Verdrängung.«

»Fahren wir«, erwiderte Corso.

Sie hatten die Hälfte der Strecke zum Tor zurückgelegt, als Leo sagte: »Was meinst du, Frank? Glaubst du, Gynäkologen – du weißt schon – kennen sich mit Sachen aus, von denen wir anderen keine Ahnung haben?«

Corso zog das Tor auf. »Was denn für Sachen?«

Leo wedelte mit einer riesigen Hand. »Du weißt schon ..., so Techniken ... « Er warf Corso einen raschen Blick zu. »Na, du weißt doch ..., im Bett.«

»Was hast du noch mal gesagt, wie lange du gebraucht hast, um mich zu finden?«

»Ein paar Stunden. Warum?«

»Was glaubst du, wie lange Brendan der Gynäkologe gebraucht hätte?«

Leo stellte ein paar ernsthafte Überlegungen zu dieser Frage an.

»Tut mir leid, dass ich gefragt habe«, sagte der große Mann.

Kapitel 3

Montag, 17. September 14.58 Uhr Tag 1 von 6

Sah irgendwie aus wie eine ältere Version von diesem Karatefilmtypen. Steven Irgendwas. Dieser Kerl mit dem langen schwarzen Pferdeschwanz. Bill Post versuchte, sich an den Namen des Schauspielers zu erinnern. Ja ... Steven Sonstwie. Der Mann zog die Tür auf und kam in die Empfangshalle geschritten. Ohne ein Wort zu sagen, bog er scharf nach links ab und strebte auf den Fahrstuhl zu. Was zum Teufel ...?

Post kam eilig hinter seinem Tisch hervor. »Hey ..., hey ... Moment mal«, sagte er. »Das hier ist ein Sicherheitsbereich, Sie können hier nicht einfach ... « Bill Post streckte die Hand aus und packte den Kerl an der Schulter. Ehe er es sich versah, hatte Pferdeschwanz seine Hand ergriffen. Mit dem Daumen fand der Mann irgendeine Art Druckpunkt im weichen Fleisch zwischen Posts Daumen und Zeigefinger und sandte so etwas wie einen elektrischen Schlag bis zur Schulter des alten Mannes hinauf. Der Arm fiel nutzlos herab. »Verdammt!« Post flappte mit dem Flügel wie ein verletzter Vogel.

»Sie brauchen doch nicht gleich ... «, entrüstete sich der alte Wachmann und versuchte, etwas Gefühl in seinen gelähmten Arm zurückzuschütteln. »Ich kann auch die Cops hier runterrufen, wenn Sie wollen. Sie halten sich wohl für Mr ... «

Pferdeschwanz zog mit einer Hand etwas aus der Tasche seines schwarzen Mantels und drückte mit der anderen auf den Fahrstuhlknopf. Ein Presseausweis. Mit seinem noch funktionsfähigen Arm griff Post nach der laminierten Karte, doch der Kerl zog sie weg, außer Reichweite. Ein gedämpftes Ping verkündete die Ankunft des Fahrstuhls. Post legte den Kopf zurück und starrte blinzelnd den Ausweis an. The Seattle Sun. Frank Corso. Auf dem Foto hatte er kurze Haare, doch er war’s, kein Zweifel.

Post begann zu stammeln. »Oh ... also ... tja ... tut mir leid, Mr. Corso.«

Corso trat in den Fahrstuhl.

»Ich soll Sie in die Cafeteria im ersten Stock schicken«, sagte Post.

Die Tür glitt zu.

Post machte kehrt und ging zu seinem Tisch zurück. Die Fahrstuhlklingel ertönte abermals.

»Hey«, rief eine Stimme.

Post drehte sich um. Wieder Corso.

»Tut mir leid wegen der Hand«, sagte dieser. »Alles okay?«

Post versuchte, damit aufzuhören, seinen Arm zu schütteln, um wieder Gefühl hineinzubekommen.

»Nicht der Rede wert«, versicherte er. »Alles klar.«

»Ich bin manchmal ein bisschen schreckhaft«, erklärte Corso. »Bin vielleicht ein bisschen zu viel allein.«

Post meinte, das verstünde er. Sah zu, wie Corso wieder in den Fahrstuhl trat und sich die Stahltür erneut schloss. Während er einen Moment lang dastand und die Tür anstarrte, begann er unbewusst erneut seinen Arm zu massieren. »Seagal. Verdammt, das ist es. Der sieht aus wie Steven Seagal.«

Er lächelte, als er sich anschickte, zu seinem Tisch zurückzukehren. »Alles in Ordnung mit meinem Gedächtnis. Jawoll, Sir. Alles bestens.«

Sobald er die Tür aufzog, wusste Corso, was los war. Noch sechs Tage bis zu Walter Leroy Himes’ Hinrichtungstermin, und sie hatte es sich anders überlegt. Was ihm jedoch unbegreiflich blieb, war, was das mit ihm zu tun hatte. Sicher, er hatte für die Sun über den Prozess berichtet. Seine erste große Story in Seattle, und um Haaresbreite seine letzte. Er hatte ein paarmal mit Leanne gesprochen. Sie einmal interviewt. Na und?

Gerade erst dem Debakel an der Ostküste entkommen, hatte Corso festgestellt, dass er der Einzige war, der glaubte, dass Himes zu Unrecht verurteilt worden war, und hatte darauf bestanden, einen Artikel zu schreiben, der nicht mit der allgemeinen Ansicht übereinstimmte. Er begann mit dem Satz: »Hätte Walter Leroy Himes nicht existiert, so hätten die Gesetzeshüter dieser Stadt ihn mit Sicherheit erfunden.« Hawes dagegen hatte jede abweichende Meinungsäußerung völlig zu Recht als Public-Relations-Albtraum betrachtet und den Artikel abgelehnt. Corso war ganz nach oben gegangen. Hatte Mrs. V. an ihre Abmachung erinnert. Mrs. V. hatte gesagt: »Drucken Sie’s.« Und die unpopulärste journalistische Veröffentlichung in der Geschichte der Stadt war am nächsten Morgen auf der Titelseite erschienen.

Der öffentliche Aufschrei hatte eine Menge gekostet. Was Corso anging, so hatte der Artikel ein paar empörte Hinterwäldler aus Kent dazu motiviert, ihn mit Schraubenschlüsseln beinahe zu Tode zu prügeln. Was die Zeitung betraf, büßte die Seattle Sun 4000 Abonnenten und acht Prozent ihrer Werbeeinnahmen ein und wurde dadurch gezwungen, sich von dem Großformat zu verabschieden, in dem sie seit einem Jahrhundert erschienen war. Wäre es nach Hawes gegangen, so hätte das Ganze Corso seinen Job gekostet. Vielleicht auch das Leben. Corso war erstaunt, als Mrs.V. die Angelegenheit unter lehrreiche Erfahrungen abbuchte. Er war in ihr Büro gegangen und hatte ihr einen handschriftlichen Schuldschein überreicht. »Ich schulde Ihnen eine Story«, hatte er gesagt. Sie hatte ihm zugestimmt und den Zettel für schlechte Zeiten aufgehoben. Für einen Tag wie heute.

Hawes bemerkte den verblüfften Gesichtsausdruck des Mädchens. Schaute über die Schulter und erhob sich. Er sagte etwas zu Leanne. Sie nickte. Hawes kam durch die Cafeteria auf Corso zu. Er vollführte eine Geste mit dem Kopf und führte Corso dann in eine leere Ecke des Raumes.

»Sie sagt, sie hat bei Himes’ Prozess gelogen.«

»Na und?«

»Das ist alles, was sie sagen will. Sie besteht darauf, mit Ihnen zu reden.«

»Wieso mit mir?«

Hawes bedachte ihn mit einem hämischen Lächeln. »Komisch, aber genau dasselbe habe ich mich auch schon gefragt.«

»Solchen Scheiß hab ich nicht nötig«, sagte Corso.

Hawes presste die Kiefer so fest aufeinander, dass er aussah wie ein Schwarzbarsch.

Corso zog seinen Mantel aus und legte ihn sich über den linken Arm. »Sagen Sie Mrs. V., ich komme rauf, wenn ich mit Leanne zu Ende geplaudert habe.« Hawes nickte. Corso entschuldigte sich und ging auf Leanne zu. Sie drehte und wand sich auf ihrem Platz. Aus zwei Meter Entfernung konnte Corso sehen, dass der Rand ihres Pepsi-Pappbechers völlig zerpflückt war. Zwei weitere, ähnlich malträtierte Becher lehnten an der Wand. Kleine Wachspapierfetzen bedeckten den Tisch.

Anstatt auf Hawes’ Stuhl Leanne gegenüber Platz zu nehmen, schob sich Corso neben sie auf die Bank. Mit weit aufgerissenen Augen rutschte sie weg, zur Wand. »Lange nicht gesehen, Miss Samples«, sagte er. »Miss Samples stimmt doch noch, oder?«

Leanne brachte ein unsicheres Lächeln zustande und sagte, ja, sicher, natürlich stimme Miss noch.

»Ich dachte, irgendein junger Mann hätte Sie vielleicht inzwischen entführt«, meinte er. »Nach San Diego, ins Casbah oder so.«

Die junge Frau errötete und verbarg das Gesicht in den Händen.

»Hören Sie auf«, kicherte sie.

Sie hatte sich nicht sonderlich verändert. Immer noch dasselbe völlig offene Gesicht und die tief liegenden Augen. Ihr braunes Haar war, wenn überhaupt, noch dichter geworden, und möglicherweise hatte sie ein wenig abgenommen. Wie alt war sie jetzt? 21 oder so. Damals war sie ungefähr 18 gewesen. Wahrscheinlich war es mittlerweile nicht mehr politisch korrekt, aber Corso hatte damals beschlossen, dass »schwerfällig« die richtige Bezeichnung für Leanne Samples war. Mit der Zeit fiel Leanne die richtige Antwort ein. Sie brauchte dafür nur ein wenig länger als die meisten anderen.

»Leanne«, setzte Corso an, »ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn wir gleich zur Sache kommen.« Sie nickte. »Haben Sie Mr. Hawes erzählt, dass Mr. Himes nicht versucht hat, Sie zu vergewaltigen? Haben Sie ihm das erzählt?« Ehe sie antworten konnte, hob Corso den Finger vor ihrem Gesicht. »Denn wenn Sie das nämlich getan haben ... Ich meine, Mädchen, ich muss Ihnen gleich von vornherein sagen, in was für eine ernste Sache Sie sich hier reinreiten.«

Sie nagte an ihrem Daumen. Nickte.

»Das hab ich ihm erzählt«, sagte sie leise.

Die Bank quietschte, als Corso sich an die Wand lehnte. Seine Kopfhaut kribbelte.

»Also, wie kommt ein nettes Mädchen wie Sie dazu, so etwas zu tun, Leanne? Wie kommen Sie dazu, in einer so wichtigen Angelegenheit zu lügen?«

Sie dachte nach. »Ich hatte Angst«, erwiderte sie schließlich.

»Wovor?«

»Vor meinen Eltern.«

»Wieso hatten Sie Angst vor Ihren Eltern?«

»Ich hab gedacht, ich wäre schwanger.«

»Von wem?«

Sie zuckte die Achseln. »Von einem Jungen aus meiner Schule.« Sie nahm die Hand vom Mund und wedelte damit herum, als verscheuche sie Fliegen. »Sie erinnern sich doch an meine Eltern ... « Flehend sah sie Corso an. »Die würden durchdrehen«, stieß sie hervor. »Die würden ... «

»Also haben Sie ... «

»Also bin ich in den Park gegangen. Ich hab meine Sachen zerrissen ... mich zerkratzt ... « Ohne sich dessen bewusst zu sein, hob sie die Fingerspitzen an die Wange. »Sie wissen schon, damit’s so aussieht, als hätte mich jemand angegriffen. Damit ich ... Wissen Sie ... Falls ich wirklich schwanger gewesen wäre ... Damit ich hätte sagen können, ich wäre ... «

»Was haben Sie denn geglaubt, was die Polizei tun würde?«, bohrte er weiter.

»Es hätte doch gar keine Polizei da sein sollen«, platzte sie heraus.

Um sie herum breitete sich Schweigen in der Cafeteria aus. Sie schaute sich um, begann, den Daumen zum Mund zu heben, merkte es und riss die Hand wieder in ihren Schoß.

»Ich wollte einfach nach Hause gehen und es meinen Eltern erzählen. Das war alles«, flüsterte sie. »Sie hätten die Schande geheim gehalten, in der Familie. So sind die.« Wieder wedelte sie mit der Hand. »Die Polizisten sind einfach aufgetaucht. Ich wollte ... «

»Sie haben Mr. Himes auf einem Foto identifiziert.«

»Sie haben immer wieder gesagt, ich soll noch mal genau hinschauen, und noch mal, und noch mal. Ich hab nicht gewusst, was ich sonst tun sollte«, jammerte sie.

»Sie haben ihn bei einer Gegenüberstellung mit fünf anderen identifiziert.«

»Er war der Mann von dem Foto«, sagte sie. »Ich dachte ... «

»Sie haben vor Gericht ausgesagt«, fiel Corso ihr ins Wort.

Sie fing an zu weinen. »Sie werden ihn umbringen. Ich hätte nie gedacht ... Ich dachte ... Ich hab gedacht ... «

»Was haben Sie gedacht?«, hakte Corso nach.

Ihre Schultern bebten, als sie zu schluchzen begann. »Ich hab gedacht, er wäre ein böser Mensch, und dass sie ihn einsperren würden, so dass er sich bessern könnte und niemandem mehr etwas tun würde.«

Über ihren Kopf hinweg sah er, dass alle im Raum erneut innegehalten hatten, als den Leuten klar wurde, wer er und Leanne waren. Die Luft war still und elektrisch aufgeladen wie in den Sekunden vor einem Wolkenbruch.

»Waren Sie schon bei der Polizei?«

Wieder füllten sich ihre Augen mit Tränen. Als sie nickte, rollten die Tropfen ihre Wangen hinunter. »Die haben mir nicht geglaubt. Sie haben gesagt, ich würde im Gefängnis landen.«

Das überraschte Corso nicht. Eine Aussage zurückzuziehen war fast unmöglich. Karrieren standen auf dem Spiel, sogar bei Fällen, die nicht so viel Aufmerksamkeit erregten. Bei einem emotional derart aufgeladenem Fall wie dem von Walter Leroy Himes konnte nur Gott allein wissen, wie weit sie gehen würden, um ihre gesammelten Ärsche zu retten.

»Mit wem haben Sie geredet?«, wollte er wissen.

Sie hob ihre Handtasche vom Boden auf. Ihre Hand kam mit einer Visitenkarte wieder zum Vorschein. Das Siegel des Bezirks. Stellvertretender Bezirksstaatsanwalt Timothy Beal.

»Und dann haben sie noch ein paar andere Männer geholt. Die haben gesagt, ich wäre eine Lügnerin.«

Jetzt begann sie ernstlich zu weinen. Corso wartete, während sie in ihrer Manteltasche ein verdrehtes Papiertaschentuch fand und damit ihre laufende Nase bearbeitete. Mit der anderen Hand fuhrwerkte sie in ihrer Tasche herum und zog einen vergilbten, abgegriffenen Zeitungsausschnitt heraus. »Ich hab denen Ihren Artikel gezeigt, wo drinsteht, Mr. Himes wäre unschuldig. Und wissen Sie was?« Sie wartete die Antwort nicht ab. »Die haben gesagt, Sie wären auch ein Lügner. Dass Sie gefeuert worden wären, weil Sie Lügen veröffentlicht hätten. Und dass Sie deshalb hier arbeiten würden, statt da, wo Sie sonst gearbeitet haben.«

Corso sagte nichts.

»Stimmt das?«, fragte sie beharrlich.

»Was? Dass ich gefeuert worden bin, weil ich angeblich eine Story erfunden habe? Ja, das stimmt.«

»Nicht das«, greinte sie. »Haben Sie gelogen?«

»Nicht mit Absicht.«

»Sie haben sich geirrt?«

Widerstrebend nickte er. »In mancher Hinsicht verstehe ich es immer noch nicht. Ich muss nachlässig geworden sein. Vielleicht zu selbstsicher ... Irgendwas in der Art.«