Die Geisel - G.M. Ford - E-Book
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Die Geisel E-Book

G. M. Ford

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Beschreibung

Selbst hinter Gittern hört das Morden nicht auf … In den düsteren Zellen von Meza Azul, Arizonas Hochsicherheitsgefängnis, schmieden die grausamsten Mörder der Nation ihre Rachepläne. Doch ausgerechnet dort kommt es zu einem Häftlingsaufstand, bei dem es dem verurteilten Mörder Timothy Driver gelingt, über hundert Geiseln in seine Gewalt zu bringen. Er droht damit, alle sechs Stunden einen der Gefangenen zu töten, bis er bekommt, was er will: Frank Corso, den Journalisten, der damals einen Bestseller über sein Verbrechen schrieb… Corso willigt ein, mit Driver zu verhandeln, um zu verhindern, dass Unschuldige sterben müssen. Doch er ahnt nicht, wie hoch der Preis ist, den er für sein Überleben zahlen muss …  »Dieser G.M. Ford Thriller wird ihr Herz von der ersten bis zur letzten Seite schneller rasen lassen.« Lee Child Als Marionette in den Händen eines skrupellosen Mörders ... Der fünfte Band der Thriller-Reihe um den abgebrühten Journalisten für Fans von Michael Connelly und Jeffery Deaver. Alle Bände der Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über dieses Buch:

In den düsteren Zellen von Meza Azul, Arizonas Hochsicherheitsgefängnis, schmieden die grausamsten Mörder der Nation ihre Rachepläne. Doch ausgerechnet dort kommt es zu einem Häftlingsaufstand, bei dem es dem verurteilten Mörder Timothy Driver gelingt, über hundert Geiseln in seine Gewalt zu bringen. Er droht damit, alle sechs Stunden einen der Gefangenen zu töten, bis er bekommt, was er will: Frank Corso, den Journalisten, der damals einen Bestseller über sein Verbrechen schrieb… Corso willigt ein, mit Driver zu verhandeln, um zu verhindern, dass Unschuldige sterben müssen. Doch er ahnt nicht, wie hoch der Preis ist, den er für sein Überleben zahlen muss …

Über den Autor:

G.M. Ford (1945 – 2021) war ein preisgekrönter amerikanischer Schriftsteller, der mit seinen beiden Krimireihen um den Journalisten Frank Corso und Privatdetektiv Leo Waterman internationale Bekanntheit erreichte. Er wurde u.a. für den Shamus, Anthony und Lefty Award nominiert und lebte an der Westküste, zuletzt in Oregon, wo er an der Universität auch als Dozent für Kreatives Schreiben tätig war.

Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Frank Corso Reihe, bestehend aus »Dunkle Strafe«, »Killer-Trieb«, »Spur des Bösen«, »Die Geisel« und »Spur des Blutes«.

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eBook-Neuausgabe November 2024

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2005 unter dem Originaltitel »No Man's Land« bei William Morrow, an Imprint of HarperCollins, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2007 im Wilhelm Goldmann Verlag, München

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2005 by G.M. Ford

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2007 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von AdobeStock/Arisectur

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (fe)

ISBN 978-3-98952-288-6

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].

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G.M. Ford

Die Geisel

Thriller. Frank Corso ermittelt 5

Aus dem Amerikanischen von Sigrun Zühlke

dotbooks.

Lieber in grundlosen Tiefen versinken,

als dumpf mit dem Strom schwimmen.

Herman Melville,

Mardi und eine Reise dorthin

Kapitel 1

»Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben wir hundertdreiundsechzig Geiseln in unserer Gewalt. Ab heute Abend, Punkt achtzehn Uhr, werde ich alle sechs Stunden eine davon erschießen, so lange, bis mir Frank Corso ausgeliefert wird.« Die Handkamera wackelte, doch die Stimme verlor nicht einen Augenblick ihren Befehlston, und die Augen, die durch den Schlitz der Skimütze zu sehen waren, blinzelten nicht ein einziges Mal.

Das Bild rollte einmal, dann war der Bildschirm leer. Gouverneur James Blaine schaute über die Schulter hinweg Gefängnisdirektor Elias Romero an. Die ungestellte Frage hing wie Artillerierauch in der Luft.

»Er heißt Timothy Driver«, sagte Elias Romero. »Er ist uns aus Washington überstellt worden. Lebenslänglich ohne Bewährung ... Doppelmord mit besonderer Schwere der Schuld.«

Begreifen flackerte über das pausbäckige Gesicht des Gouverneurs. »Dieser Navy-Typ? Der Captain?«

»Ja, Sir«, bestätigte Romero. »Driver war Captain bei der Navy« Romero räusperte sich. »Kam ein bisschen zu früh von einer Fahrt zurück. Hat seine Frau mit einem Mann aus dem Ort im Bett erwischt. Ist durchgedreht. Hat sich eine Waffe besorgt und die beiden auf der Stelle abgeknallt, in seinem eigenen Bett. In seiner ersten Woche im Staatsgefängnis in Washington hat er einen Mithäftling geblendet und einen Wachmann niedergestochen. Der Häftling war ein ganz Großer in der Arier-Bruderschaft. Der Wachmann war ein erfahrener Mann, beliebt bei seinen Kollegen. Washington hielt es für zu gefährlich, Driver noch länger zu behalten ... Also haben sie ihn zu uns geschickt.«

Der Gouverneur vergrub die Hände in den Taschen seines Anzugs. »Wie zum Teufel konnte so etwas passieren?«, wollte er wissen. »Meza Azul sollte doch eigentlich ...« Er hielt inne. »Wenn ich mich recht erinnere, sollte die Anlage doch gerade verhindern, dass so etwas jemals passiert.«

»Ja, Sir, das stimmt.« Romero zeigte auf die Phalanx der Überwachungsmonitore, die beinahe die gesamte Südseite des Wachbüros einnahm. Die Monitore waren leer und schwarz. Romero räusperte sich. »Wir haben noch die letzten Augenblicke auf Band, bevor Driver die Sicherheitssysteme ausgeschaltet hat. Eine Minute fünfundvierzig. Es ist ziemlich ...«

»Lassen Sie mich das mal sehen«, unterbrach ihn der Gouverneur.

Romero ging auf die andere Seite des Raums, drückte ein paar Knöpfe und machte dann Platz, damit der Gouverneur dicht vor den Monitor treten konnte. Weißes Rauschen füllte den zentralen Bildschirm.

»Es ist ziemlich heftig«, warnte Romero.

»Ich bin alt genug«, versicherte ihm der Gouverneur.

Das Bild erschien. Eine Aufnahme von oben. Jemand in der Uniform eines Wachmanns steckte eine elektronische Schlüsselkarte in eine Art Aufzugtür, musterte alle vier Wände, zog etwas aus der Innentasche und kehrte dann volle dreißig Sekunden lang der Kamera den Rücken zu. »Das ist Driver«, erklärte Romero. Auf dem Bildschirm konnte man sehen, wie Driver sich aufrichtete und mit dem Zeigefinger auf der Tastatur an der Wand etwas eintippte. Romero kommentierte: »Er hat gerade den Sicherheitsschlüssel für den Aufzug zum Kontrollzentrum benutzt, dann ...« Er hob verzweifelt die Arme. »Und dann hat er irgendwie die biometrische Fingerabdruck-Erkennung umgangen.«

»Sagen Sie das noch mal.«

Romero griff um den Gouverneur herum und hielt das Band an.

»Jeden Tag haben nur fünf Personen Zugang zum zentralen Aufzug. Der Mitarbeiter des Kontrollzentrums, den Sie gleich noch sehen werden, und die vier ranghöchsten Officers des Wachpersonals.« Er ließ kraftlos die Arme fallen. »Er hat eine Möglichkeit gefunden, das zu umgehen.« Mit einer schnellen Bewegung bediente er die Tastatur. Die Figur setzte sich wieder in Bewegung. »Sehen Sie. Er gibt den Sicherheitscode ein.«

Auf dem Bildschirm glitt eine Tür auf. Driver trat hindurch und verschwand für einen Augenblick.

Blaines Gesicht war jetzt rot angelaufen. »Wie um Himmels willen konnte ein Gefangener auch nur an einen einzigen dieser Gegenstände kommen?«, sprudelte er hervor. »Eine Uniform ...«, er wedelte mit einer großen, leberfleckigen Hand, »... den Sicherheitscode. Wie konnte ...?«

Romero schüttelte kaum merklich den Kopf, weigerte sich zu spekulieren. Er hielt sich an die Fakten.

Auf dem Monitor war jetzt das Innere des Aufzugs zu sehen. Der Mann in der blauen Uniform stand mit gefalteten Händen und gelangweiltem Gesichtsausdruck ruhig in der Mitte der Kabine.

»Driver hatte einen Termin für eine medizinische Untersuchung. Wir vermuten, dass er das Team, das ihn abholen sollte, irgendwie überwältigt hat.« Romero zuckte die Achseln und schluckte schwer. »Irgendwie muss er ...«, er suchte nach dem passenden Wort, »muss er den Wachtrupp dazu gebracht haben, ihm den Sicherheitscode zu verraten.«

»Und die biometrische Erkennung?«

»Keine Ahnung.«

Die beiden Männer wechselten nervöse Blicke. Das Bild auf dem Monitor zeigte jetzt das Innere des Kontrollzentrums. Ein Afroamerikaner in einem gestärkten weißen Hemd schwang auf seinem Drehstuhl zu den Aufzugtüren herum, als der Mann in Blau heraustrat und auf die Überwachungsmonitore zeigte: »Überprüfen Sie Nummer dreiundsechzig«, sagte er befehlend.

Wortlos drehte sich der Mann in Weiß um und ließ die Finger über die Tastatur huschen. Was auf Monitor 63 hätte erscheinen sollen, würde für immer ein Geheimnis bleiben, denn Driver schlang einen dünnen Draht um den Hals des anderen, drehte ihn blitzschnell im Nacken zu und begann dann mit solcher Kraft zu ziehen, dass er den Mann in Weiß von seinem Stuhl hob. Seine Finger klammerten sich um seine Kehle, und seine Augen traten aus ihren Höhlen, während sich kleine Blutrinnsale über das weiße Hemd und die Brusttasche mit dem Logo der Randall Corporation ergossen. Er begann zu krampfen, seine Beine schlugen auf den harten Steinfußboden, sein offener Mund spuckte ...

James Blaine wandte das Gesicht ab. Während der Gouverneur damit beschäftigt war, sein Mittagessen bei sich zu behalten, griff Romero wieder um ihn herum und drückte die Stopptaste. Schweigen füllte den Raum wie schmutziges Wasser.

»Das hätte nicht möglich sein sollen«, würgte James Blaine hervor.

Elias Romeros Miene blieb versteinert. »Ja, Sir« war alles, was er zu sagen wagte.

Der Gouverneur hatte recht. Vom ersten Tag an war Meza Azul im Bundesstaat Arizona dafür geplant worden, die schlimmsten Verbrecher der Vereinigten Staaten aufzunehmen. Schlimmer noch, das Gefängnis war das Herzstück einer ganzen Stadt, deren Existenz sich auf zwei Annahmen gründete: dass Meza Azul hundertprozentig ausbruchssicher war und dass die Einkerkerung von Gefangenen ein hochprofitables Geschäft sein konnte.

Im Unterschied zu vielen ihrer Vorgänger war MA, wie seine Einwohner es gern nannten, nicht aus einem jener kleinen Minenstädtchen entstanden, die sich an die zerklüfteten Sandstein- und Granithänge der nahe gelegenen San Cristobal Mountains klammerten. Und auch nicht aus einer jener staubbedeckten Posthaltereien, die sich am Boden des Tals als Geisterstädte ausgaben.

Nein, die Privatisierung des Strafvollzugs in Arizona hatte dazu geführt, dass die Ansiedelung und die personelle Ausstattung von Gefängnissen vollkommen neu überdacht wurden. Während der Staat es vorgezogen hatte, eine jener längst ausgestorbenen Geisterstädte wiederzubeleben, hatte die Privatwirtschaft rasch erkannt, wie unsinnig dieser Ansatz war.

Eine bereits existierende Stadt zu übernehmen bedeutete zuerst einmal, auch ihre Einwohner zu übernehmen, von denen, so traurig das war, nicht viele den Anforderungen für eine Anstellung in einem modernen Hochsicherheitsgefängnis genügten. Wenngleich der erste Bericht an den Generalstaatsanwalt noch Begriffe wie »Bildbarkeit« und »technologische Rückständigkeit« enthalten hatte, um das Problem mit der lokalen Bevölkerung zu umschreiben, so war doch allgemein klar, dass dies bedeutete, dass es sich hierbei um Menschen handelte, die vor dem Fortschritt zurückschreckten; jene Ikonoklasten, die Zurückbleiben, während die Karawane weiterzieht, waren entweder zu schlau, zu dumm oder zu faul, um für ein junges, dynamisches Unternehmen, wie es die Randall Corporation im Sinn hatte, von Nutzen zu sein.

Natürlich konnten sie so etwas nicht direkt offen aussprechen, also hatten sie ihre Empfehlungen in wesentlich nettere Formulierungen wie »familienfreundlich« und »in sich geschlossen« verpackt. Und so wurde Meza Azul, Arizona, geschaffen.

Lkw-Fahrer auf der Interstate 506 schworen, der Gebäude - komplex sei über Nacht aus dem Boden gestampft, sei quasi direkt vom Reißbrett ausgeschnitten und in einem Stück in den Wüstensand gesetzt worden: Gefängnis, Häuser, Schule, Postamt, Golfplatz, Kino, Schwimmbad, Palmen und so weiter. Voilà. Heute fort. Morgen hier. Willkommen im 21. Jahrhundert.

In den letzten siebeneinhalb Jahren hatte Meza Azul für den Staat Arizona den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust bedeutet, zwischen Überschuss und Defizit, und war mit schöner Regelmäßigkeit vom Gouverneur als Paradebeispiel einer fantasievollen Steuerpolitik angeführt worden, die den Staat vor dem drohenden finanziellen Ruin gerettet hatte.

James Blaine hatte keinerlei Zweifel. Zum Teufel mit den Beratern. Es gab für ihn keine Möglichkeit, sich von Meza Azul zu distanzieren. Das hier war sein Baby, und je länger die Krise dauerte, desto schlechter würde es um seine Wiederwahl bestellt sein.

»Was jetzt?«, fragte der Gouverneur.

»Es sind Verhandlungsführer vom FBI auf dem Weg.« Romero sah auf die Uhr. »Sie müssten heute Abend um sechs Uhr hier sein.« Mit großen braunen Augen betrachtete er den Gouverneur. Wartete. Er wollte nicht derjenige sein, der die entscheidende Frage aussprach. Zehn Sekunden verstrichen, bevor sie sich selbst stellte.

»Glauben Sie, wir können das hier allein regeln?«, fragte Blaine.

Romero zuckte die Achseln. »Wahrscheinlich nicht.«

»Wir haben über achtzig Officers der State Patrol vor Ort.«

»Driver hat zweihundert vier zig Zellen geöffnet. Vor allem in Block D. Die Biker. Vielleicht auch ein paar von der mexikanischen Mafia. Wir mussten einiges von dem hispanischen Überschuss zu den Bikern stecken.«

Den Bikern gehörte die südliche Hälfte des Blocks D. Der afroamerikanische Kongress hatte die Nordhälfte. Die mexikanische Mafia und die Skinhead-Nazis teilten sich Block B. Die Biker hätten lieber bei den Mexikanern gewohnt, doch man hätte auf keinen Fall die Nazis mit den Afrikanern zusammenstecken können. Die Mexikaner hassten die Nazis, sie hielten sie für die beschissensten Würmer auf dem ganzen Planeten. Lieber wären sie mit den Afrikanern oder den Bikern zusammen gewesen, aber man hätte auf keinen Fall die Nazis mit den Bikern zusammenstecken können. Abgesehen davon, dass sie die Nazis für Mutanten und eine Schande für die weiße Rasse hielten, hassten die Biker sie außerdem dafür, dass sie sich sowohl außerhalb wie innerhalb der Mauern ins Methamphetamin-Geschäft gedrängt hatten. Vor allem jedoch hassten sie die Skinheads dafür, dass sie ihre heißgeliebten Nazi-Insignien besudelt hatten.

Der Gouverneur zuckte zusammen und wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Bevor er etwas sagen konnte, fuhr Romero fort: »Sie haben Zugang zum Waffenlager«, sagte er.

»Was bedeutet das?«

Romero musste sich zwingen weiterzusprechen. »Das bedeutet, dass sie Zugang zu jeder Art von automatischen Waffen haben, die es auf diesem Planeten gibt.« Er zögerte. Holte tief Luft. »Und zu ungefähr drei Millionen Schuss Munition.«

James Blaine fuhr sich durchs Haar und wandte sich ab. Er konnte fühlen, wie schütter sein Haar in den letzten Jahren geworden war. Früher hatte er »Präsidentenhaar« gehabt. So nannten sie das wirklich, »Präsidentenhaar«.

Es klopfte an der Tür. Keiner sagte etwas. Die Tür öffnete sich einen Spalt weit.

Romeros Assistentin Iris Cruz schaute zwischen dem Direktor und dem Gouverneur hin und her. Sie war dreißig, zwölf Jahre jünger als ihr Boss. Ihre einstige Sanduhrfigur hatte sich in etwas verwandelt, das eher einer Bahnhofsuhr glich. Seit neunzehn Monaten schliefen sie miteinander. Seit Iris’ Ehemann Estoban sein Leben in Amerika leid geworden und nach Mexiko zurückgekehrt war. Estoban war noch nicht ganz zur Tür hinaus gewesen, als Romero sich ihr bereits erklärt hatte.

Er hatte es schon lange gewollt, bis dahin aber der Versuchung widerstanden. Iris hatte es von Anfang an gewusst. Frauen wussten so etwas einfach. Genauso, wie sie wussten, dass ein Mann niemals seine dürre Frau verlassen würde, wie er all die Monate immer wieder behauptete. Manchmal konnten Frauen es für eine gewisse Zeit ausblenden, aber sie wussten es. Sie wussten es immer.

»Ich habe das Buch besorgt, das Sie haben wollten«, sagte sie, ohne ihm in die Augen zu sehen.

Romero durchquerte mit vier raschen Schritten den Raum, riss Cruz das Buch aus den manikürten Fingern und machte die Tür wieder zu. Einen Moment lang blieb er stehen und betrachtete den Umschlag des Buches, bevor er die Seiten mit dem Daumen durchblätterte, dann das Bild auf der Rückseite studierte, die hintere Umschlagseite aufschlug und den Klappentext las.

»Was ist das?«, wollte der Gouverneur wissen.

»Ein Buch von Frank Corso.« Er hielt das Cover hoch, so dass Blaine es sehen konnte. Red as a Rose: Ein Roman über die Leidenschaft, von Frank Corso. »Das ist das Buch, das er über Driver geschrieben hat.« Der Gouverneur stand auf. »Hier steht, Corso haust auf einem Boot irgendwo in der Gegend von Seattle«, erklärte Romero.

»Rufen Sie Seattle an«, sagte Blaine. »Schaffen Sie diesen Corso her.« Er stieß geräuschvoll die Luft aus. »Ich mobilisiere die Nationalgarde.«

Kapitel 2

Mit einer Leichtigkeit, die ihr oft als Arroganz ausgelegt wurde, folgten Melanie Harris’ Augen dem Fokuslicht oben an der Kameraschiene, bis ihr Blick auf Nummer vier ruhen blieb, unmittelbar bevor das Licht auf Grün umsprang und die Kamera aufzunehmen begann. »Hier ist Melanie Harris für American Manhunt. Schalten Sie nächste Woche wieder ein, wenn American Manhunt erneut gegen die kriminelle Plage antritt, die unser Land heimsucht.« Sie nahm ein gefaltetes Blatt Papier vom Tisch. Obwohl es viel effizienter gewesen wäre, diesen Text ebenfalls vom Teleprompter abzulesen, benutzte Melanie ihre Schlussbemerkung gern als Requisite. Ihrer Meinung nach verlieh dies diesem Teil der Sendung, der, wenn man nicht sorgsam darauf achtete, leicht zu einer Parodie seiner selbst werden konnte, einen Hauch von Spontanität. Sie berührte das Blatt nur mit den Fingerspitzen, als sei es noch warm vom Faxgerät. Dann hielt sie es schräg, als wolle sie es den Zuschauern zu Hause zeigen. »Bis heute haben American Manhunt und unsere Millionen von Zuschauern zur erfolgreichen Fahndung und der Verhaftung von insgesamt neunhundertneunundsiebzig gefährlichen Kriminellen beigetragen.« Sie lächelte schief. »Neunhundertneunundsiebzig Schwerverbrecher ... Mörder, Vergewaltiger, Carjacker und Diebe, die nicht mehr auf der Straße herumlaufen und unschuldige Bürger bedrohen – dank der Bemühungen von Leuten wie Ihnen.« Sie zeigte in die Kamera und legte Pathos in ihre Stimme: »Bis nächste Woche.«

Das Licht an der Kamera ging aus. Sie stand auf. Ein Technikertrio schoss mit der Präzision und Geschwindigkeit eines Formel-Eins-Teams vor, legte Schalter um, schob Regler auf und ab, drehte Knöpfe und stöpselte Melanie von der Elektroniksammlung los, die sie während der Aufzeichnung am Leib trug.

»Alles klar«, sagte jemand.

Sie warf einen raschen Blick zur Kontrollkabine hinüber, in der Tommy Allenby, ihr langjähriger Regisseur, mit einem falschen Grinsen auf dem Gesicht stand und die Finger zum Victory-Zeichen hochhielt. Sie erwiderte sein Lächeln und trat vom Tisch weg. Tommys Bestätigung war kaum mehr als reine Gewohnheit. In den sieben Jahren, die die Sendung jetzt im landesweiten Fernsehen lief, hatte Melanie nach und nach alle Aufgaben übernommen, die normalerweise in den Entscheidungsbereich des Regisseurs fielen, und Tommys Rolle auf wenig mehr als die eines Cheerleaders beschränkte. Eines sehr gut bezahlten Cheerleaders, woran sie ihn Anfang des Jahres hatte erinnern müssen, als er mit Kündigung gedroht hatte. Seitdem war ihre Beziehung kühl und strikt professionell geworden. Ihr war zu Ohren gekommen, dass er seine Dienste bei anderen Sendungen angeboten hatte. Nachdem sie anfangs überlegt hatte, ihn mit diesen Gerüchten zu konfrontieren, hatte sie letztlich beschlossen, ihn seine Fühler ausstrecken zu lassen. Vielleicht war es besser so. Besser für sie beide.

Als sie über das Set ging, plapperte ihr ihre Assistentin ins Ohr: »Wir haben noch eine Aufzeichnung, morgen um Viertel nach neun.«

»Worum geht’s da?«

Leslie ratterte die Liste der Beiträge herunter, die für die Sendung der nächsten Woche auf dem Programm standen. Ein Bankräuber-Pärchen im Mittelwesten, das nach neun Banküberfällen immer noch auf freiem Fuß war. Ein vermisster vierfacher Vater, dessen Familie niedergemetzelt im Keller ihres Hauses gefunden worden war, und ein Rückblick auf das Bisherige. Jede der halbstündigen Folgen von American Manhunt bestand aus drei Teilen. Dass ein Rückblick geplant war, bedeutete, dass ihnen das aktuelle Material ausging und sie die Zusammenstellung als Füllmaterial brauchten.

»Das ist ja nicht wirklich üppig«, bemerkte Melanie bissig. »Wir haben doch gerade erst einen Rückblick gebracht. Sagen Sie Martin, wir brauchen bessere Inhalte.« Das wussten sie alle. Nach sieben erfolgreichen Jahren ging der Sendung allmählich die Luft aus. Der Pöbel war launisch. Der Ansturm des Reality-TV nagte an ihren Quoten. Melanie zeigte mit einem langen, gepflegten Finger zu Boden: »Produzenten, die nicht liefern, suchen sich einen anderen Job.«

Leslie versicherte ihr, dass die Botschaft bei Martin Wells ankommen würde, dem Executive Producer der Sendung. Sie wollte gerade sagen, dass Martin doch bestimmt sein Bestes tat, als Melanie ihr mit einer Handbewegung, die nur Leslie als verärgert interpretieren konnte, das Wort abschnitt und weiterging. »Tommy möchte ein Generalmeeting am ...«, setzte Leslie an.

»Wir brauchen kein Generalmeeting«, wehrte Melanie schnell ab und ließ ihre Absätze lauter auf den Boden klacken. »Alles, worüber wir reden müssen, können wir am Freitag durchgehen.«

Leslie machte sich Notizen auf ihrem Block. »Die Leute von Berens würden gern mit Ihnen über ... «

Noch eine Handbewegung. Abweisend diesmal. »Die sollen mit Trudy reden.«

Inzwischen hatten sie das Set verlassen und gingen durch den Flur zu Melanies Garderobe. Dritte Tür links. »Heute Nachmittag ...«, fing Leslie an.

»Heute Nachmittag gehe ich mit Brian an den Strand. Punkt. Keine Diskussion.« Noch eine Geste. Schneidend. »Ich habe ihn letzte Woche schon zweimal versetzt, und das wird nicht wieder passieren.«

Melanie zog die Tür zur Garderobe auf, trat in die kühle Stille und schloss die Tür hinter sich. Sie ging zu dem beleuchteten Schminktisch und begann, die dicke Make-up-Schicht abzutragen, die ihr die Maskenbildner vor jeder Aufzeichnung ins Gesicht kleisterten.

Außer Kosmetikutensilien befand sich nur noch ein einziger Gegenstand auf dem Tisch, ein gerahmtes Foto von Melanies und Brians erstem und einzigem Kind, ihrer Tochter Samantha: eine Vierjährige, deren unschuldiges Grinsen das kälteste Herz erwärmen konnte. Samanthas Torso war hinter einer Chevron-Tankstelle in Grand Rapids in Michigan aufgefunden worden, ohne Kopf und Arme. Nächsten Monat jährte es sich zum zehnten Mal. Direkt unter den Augen ihres neunzehnjährigen Babysitters entführt, auf dessen verzweifelte Schreie niemand reagiert hatte, war Samantha vier Tage verschwunden geblieben, ehe ihr geschundener Leichnam wieder aufgetaucht war. Weder die fehlenden Körperteile noch ihr Mörder waren je gefunden worden.

Nachdem die Beerdigung vorüber war, der erste Schmerz und der Schock abgeklungen waren und der endlose Strom von Anrufen zu versiegen begann, hatte der Verlust ihres einzigen Kindes Brian und Melanie auf vollkommen unterschiedliche Weise verändert. Brian zog sich in eine Hülle aus Selbsthass zurück, machte sich Vor würfe, nicht da gewesen zu sein, als seine Tochter ihn am meisten brauchte. Er vernachlässigte seine erfolgreiche Anwaltskanzlei und entfremdete sich seinen langjährigen Freunden und seiner Familie, um stattdessen in einem dreijährigen Saufgelage zu versinken, aus dem er beinahe nicht mehr herausgefunden hätte. Erst seit ungefähr einem Jahr nahmen seine Beziehungen zu anderen Menschen allmählich wieder jene natürliche Wärme an, die sein früheres Leben geprägt hatte. Er schien die Angelegenheit in jeder Hinsicht hinter sich gelassen zu haben. Man durfte ihm nur nicht zu tief in die Augen sehen. Da das außer Melanie niemand tat, war es kein Problem.

Melanie hingegen hatte richtig aufgedreht. Sie war in eine Art kontrollierte Raserei verfallen. Fest entschlossen, dass kein Kind mehr leiden sollte, wie ihres gelitten hatte, begann die Hausfrau aus Michigan einen Feldzug zum Schutz von Kindern. Sie verlangte von den Polizeibehörden, Präventionsprogramme an den Schulen einzuführen, und von den staatlichen Gesetzgebungsorganen Gesetze, die Kinder davor schützten, dass eine Behörde auf die nächste verwies und es so dazu hatte kommen können, dass ihre Tochter am helllichten Tag in einem öffentlichen Park entführt worden war. Dass irgendein abartiger Dreckskerl ihre Tochter vier Tage lang festhalten und dann ihren verstümmelten Leichnam wie Müll hinter einer Tankstelle abwerfen konnte – eine Tragödie, die in gewissem Maße erst dadurch möglich geworden war, dass die verschiedenen Strafverfolgungsbehörden es nicht gewöhnt waren zusammenzuarbeiten.

Fast drei Jahre später, als ihre Raserei abzuflauen begann, hatte Melanie mehrmals vor dem Kongress gesprochen, war in jeder Talkshow von Larry King bis Jay Leno aufgetreten, war teilweise oder ganz für diverse Gesetzesinitiativen zum Schutz von Kindern verantwortlich, einschließlich des Amber Alarm System, und bekam aufgrund ihrer ständigen Präsenz in den Medien eine eigene Reality-TV-Sendung angeboten: American Manhunt. Eine Sendung, die sie in den letzten sieben Jahren als ihr persönliches Medium benutzt hatte, um ihre Schuldgefühle und ihre Wut auszutreiben.

Nach sieben erfolgreichen Jahren, immer in den Top 25, fielen die Quoten in letzter Zeit. Das war nicht überraschend. Wie eine erkleckliche Anzahl scharfsinniger Kommentare aufzeigte, hatte American Manhunt die neue Modewelle des Reality-Fernsehens ausgelöst, die sämtliche Kanäle überschwemmte. Alles, von FBI Files bis zu Survivor, verdankte seine Existenz der Pionierarbeit, die American Manhunt geleistet hatte. Die Sendung hatte nicht nur ihre eigene Konkurrenz wie Pilze aus dem Boden schießen lassen, sondern sie bestätigte auch die These, dass noch nie jemand pleitegegangen war, indem er die Aufmerksamkeitsspanne des amerikanischen Publikums unterschätzt hatte. Bis jetzt war es Melanie gelungen, das Ganze nüchtern zu beurteilen. Nicht nur waren sieben Jahre verdammt gut, gegenwärtig verhandelte sie sogar mit einer großen Produktionsgesellschaft über eine eigene Talkshow.

»Oprah mit Biss«, hieß es.

Nachdem sie den letzten Rest TV-Make-up entfernt hatte, trug Melanie Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 45 auf, danach eine dezente Schicht transparenten Puder. Sie spannte die Lippen, um ein wenig Beach-Coral-Lipgloss aufzutragen, und war fertig. Jetzt brauchte sie nur noch in Strandsachen und Sandalen zu schlüpfen.

Melanie stand auf. Sie war schon auf halbem Weg zum Ausgang, als die Tür zu ihrer Garderobe aufflog. Patricia Goodman, die Produktionsassistentin, walzte herein. Patricia war fett und fünfzig; außerdem war sie Marty Wells’ Nichte oder Cousine oder irgend so was, was für Melanie erklärte, wie jemand mit einer dermaßen nebulösen Arbeitsplatzbeschreibung noch am Set sein konnte.

Patricia schloss die Tür hinter sich und sah Melanie an. »Die Mädchen sind so weit, wann immer Sie wollen«, teilte sie gelangweilt mit.

Melanie blieb wie angewurzelt stehen, während sich eine vage Erinnerung in ihr Bewusstsein schlich. »Was für Mädchen?«

»Die fünfundzwanzig Girlsday-Mädchen.« Als Melanie weiterhin nur die Stirn runzelte, fuhr Patricia fort: »Die Mädchen von der Highschool. Sie verbringen den Nachmittag mit ihnen und zeigen ihnen die Studios. Lassen sie hinter die Kulissen schauen. Sie sind eine Heldin für die, schon vergessen?«

Da fiel es ihr wieder ein. Es hatte einen Wettbewerb gegeben. An allen Highschools der Umgebung. Zeitschriftenabonnements verkaufen oder so etwas. Die Gewinner durften herkommen und Melanie einen Nachmittag lang begleiten.

Mit raschen Schritten ging Melanie zu dem Mahagoni-Klapptisch, den sie als Schreibtisch benutzte. Sie schob die Papierstapel beiseite, bis sie auf den überfüllten Kalender darunter sehen konnte. Da war es. Von eins bis fünf, danach ein Essen in der Cafeteria. Da stand es schwarz auf weiß. Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »So ein Mist!«

Patricia wich einen Schritt zurück, so dass sie mit dem Rücken an der Tür stand.

»Gibt’s ein Problem?«

»Natürlich gibt’s ein Problem. Ich wollte ...« Sie riss sich zusammen. Sie wollte Patricia keinen Einblick in ihr Privatleben geben. Wollte die wachsende Entfremdung zwischen ihr und Brian nicht erwähnen. Die gegenseitigen Vorwürfe oder, noch schlimmer, das wachsende Schweigen. Sie winkte ab. »Ich bin in fünf Minuten da«, versicherte sie stattdessen.

Sie wartete, bis Patricia zur Tür hinaus war, dann drückte sie energisch einen der Knöpfe an ihrem Telefon. Leslie nahm ab. »Rufen Sie Brian für mich an. Sagen Sie ihm, es ist etwas dazwischengekommen. Sagen Sie ihm ...« Wieder riss sie sich zusammen. »Sagen Sie ihm, es tue mir leid, aber es sei etwas dazwischengekommen. «

Sie legte den Hörer auf die Gabel, holte tief Luft und ging zur Tür.

Kapitel 3

Cutter Kehoe war eine genetische Rarität. Als Biker der dritten Generation stammte er direkt von jenem fehlgeleiteten Zweig der Menschheit ab, für den der treffende Begriff »White Trash« geprägt worden war. Sie waren die recycelten Überreste einer älteren Zivilisation, die Außenseiter, Taugenichtse und Jammerlappen, die zu den niedergeschlagenen Mitläufern der tapferen Pioniere der neueren Nationen geworden waren. Immer einen Tag zu spät, immer einen Dollar zu wenig in der Tasche, trafen sie stets ein, nachdem die Sahnestückchen vergeben waren. So zogen sie, ohne Wurzeln zu schlagen, weiter nach Westen, dorthin, wo das Land noch nicht verteilt war, bis das Herumziehen von einer Gewohnheit zum Lebensstil und anständige Arbeit von einer Selbstverständlichkeit zum allerletzten Ausweg wurde.

Manche blieben auf dem langen Weg irgendwo hängen, entschieden sich für ein Leben als Kentucky-Hinterwäldler oder schlugen sich als Bergleute in West Virginia oder als Kleinbauern in Texas oder Oklahoma durch. Ihre inzestuösen Nachkommen leben immer noch dort, lümmeln immer noch auf Veranden herum, fristen auf magerem Land ihr Dasein am Rande der Gesellschaft, immer noch fremdenfeindlich und zu unvorhersehbaren Gewaltausbrüchen neigend.

Kehoes Großvater Jimmy hatte sich bis ins sonnige Kalifornien durchgeschlagen, bevor das Blut die Oberhand gewann und ihn auf eine selbstmörderische Fahrt auf der neuen Indian Superchief trieb, die er sich von seiner Scheidungsabfindung gekauft hatte. Bewaffnet und betrunken, schaute er sich noch immer unter dem Arm hindurch nach dem Wagen der Highway Patrol um, als das Motorrad mit über hundertfünfzig Sachen in die Leitplanke raste. Seine schwangere Lebensgefährtin identifizierte ihn anhand der Initialen auf der Innenseite seiner Stiefel.

Kehoe war der Einzige, der außerhalb des Hochsicherheitsflügels allein eine Zweimannzelle bewohnte. Man hatte ihm nicht nachweisen können, dass er den Skinhead getötet hatte, und deshalb auch sein Urteil nicht offiziell revidieren und ihn in den verschärften Strafvollzug stecken können. Als die Bullen die Menge mit Gewalt auseinandergetrieben hatten, waren die violetten Eingeweide des kleinen Typen mit den eintätowierten roten SS-Zeichen auf beiden Handrücken bereits auf dem Boden verteilt; auf seinem verkniffenen Gesicht lag ein verblüffter Ausdruck, als hätte es ihn beeindruckt, wie sein Gedärm ihm durch die Finger geglitten war und sich wie glänzende, zuckende Meerestiere auf den rauen Steinboden ergossen hatte.

Die Aufzeichnungen der Überwachungskameras ergaben keine schlüssigen Beweise, also bekam Kehoe neunzig Tage in seiner eigenen kleinen Zelle in Trakt A, so weit wie möglich von seinen Bikerkumpeln entfernt. In Trakt A waren die Kranken und Kaputten untergebracht, die gewohnheitsmäßigen Kinder-Schänder und diejenigen, die so durchgeknallt waren, dass man sie nicht einmal in einem Hochsicherheitsgefängnis frei herumlaufen lassen konnte. Man hatte gehofft, ein paar Monate bei den Verlierern und Verlorenen würden Kehoe ein wenig Bescheidenheit lehren. Nach einer Woche blieben sogar die größten Schwachköpfe auf der anderen Seite des Hofes. Nach zwei Wochen hatte Kehoe den Hof für sich allein.

Kehoe war der Erste, den Driver befreit hatte. Er stolzierte aus seiner Zelle, als ginge er zu einer Samstagabend-Schlägerei: schweigend, auf den Ballen wippend drehte er den Kopf hin und her und überprüfte den leeren Laufgang zu beiden Seiten.

»Kehoe«, klang eine Stimme aus den Lautsprechern. Seine Augen fanden die Geräuschquelle und die kleine schwarze Kamera. »Yeah ... Wer quasselt ‘n da?«

»Driver.«

Kehoe starrte finster vor sich hin und dachte nach: »Bist du’s wirklich, Captainman?«

»So sicher, wie Kurtz sich im Inneren seines Schädels Cartoons anguckt.«

Kehoe grinste. »Das wird denen aber bestimmt nicht gefallen, dass du die Sprechanlage gekapert hast. Die stecken dich dafür bestimmt in den Hochsicherheitsflügel.«

»So bald nicht«, kam die Antwort.

»Wo steckst du, Captainman?«

»Im Kontrollzentrum.«

Kehoe blieb stehen, sah abermals zu der Kamera hoch. »Du verarschst mich.«

»Warum kommst du nicht rüber und leistest mir Gesellschaft?«, fragte Driver.

Bevor Kehoe antworten konnte, glitt das Sicherheitstor am anderen Ende des Laufgangs langsam zur Seite. Kehoe wich einen Schritt zurück. Wieder ertönte die Stimme:

»In Arizona gibt’s keine Todesstrafe, Cutter. Was sollen die machen? Dir noch mal lebenslänglich aufbrummen?«

Kehoe grinste wieder und zeigte auf die Kamera. Seine Bewegungen waren von einer Geschmeidigkeit, die seine langen, drahtigen Arme und seine riesigen Hände nicht vermuten ließen. »Da is’ was dran, Doc. Außer neunzig Tage hintereinander in Isolation ... Viel mehr haben die Blauen für Lebenslängliche ohne Bewährung wie uns nich’ auf Lager, was?«

»Genau.«

»Was hast’n du vor, Captainman?«

»Ich hab vor, ordentlich einzuheizen, Cutter. Die Hölle auf Rädern.«

Die Auskunft schien Kehoe zufriedenzustellen. Er hakte die Daumen in die Hosentaschen und machte sich auf den Weg zu den Aufzügen und klopfte dabei an alle Zellenfenster, an denen er vorüberschlenderte.

Driver legte ein halbes Dutzend Schalter um und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Kehoe so gehen zu sehen rief ihm wieder alles in Erinnerung. Die erste Woche in Walla Walla. Als ihm klar geworden war, dass da noch jemand außer ihm im Block war. Wie die Pfleger mit ihm plauderten, wenn sie das Essen brachten, aber kaum ein Wort mit demjenigen sprachen, der dort unten am Ende des Ganges untergebracht war. Kratzten einfach die Kurve und eilten sofort zurück, um Driver sein Essen zu bringen, sahen erleichtert aus, überhaupt zurückgekehrt zu sein.

Fünf Nächte war er dort. Nach der ärztlichen Untersuchung und der ersten Einweisung. Nach den Psychiatern und den Sozialarbeitern. Gerade als sie ihn in eine normale Zelle verlegen wollten. Es war spät, das Licht war schon aus, als die Stimme die ständige Dämmerung des Blocks durchbrach. »Hey«, rief jemand näselnd, als hätte er Polypen. »Bist du noch da?«

Driver glitt von der Pritsche und tappte zur Zellentür.

»Was denn?«

»Die Mexikaner haben deinen Arsch an die Nazi-Skinheads verkauft«, flüsterte die Stimme und wartete dann in der Dunkelheit ab, bis die Worte die gewünschte Wirkung erzielt hatten.

»Was?«

»Die Mexikaner stehen nicht auf Arschficken«, wisperte es. »Ist gegen ihre Macho-Ehre. Also verkaufen sie jedes Mal den Fisch für Zigaretten, wenn sie dran sind. Normalerweise an die Nigger, für zwei oder drei Stangen. So in dem Dreh.« Ein dreckiges Lachen rollte über den Fußboden wie eine Welle aus Stahl. »Ich hab gehört, für dich haben sie dreißig Stangen gekriegt. Bist du so viel wert?«

»Nein«, hatte Driver geantwortet.

Ein Glucksen. »Kann man wohl sagen.«

Das Glucksen wurde zu einem lauten, blökenden Lachen. »Scheiiiße! Kann ja sein, dass du auf’nem U-Boot ‘n hohes Tier bist, aber hier bist du nichts als Futter, Baby. Verstanden ... nichts als Futter. Dieser Kurtz wiegt fast zweihundert Kilo. Er is’ ‘n fettes Schwein, aber ... Ich sag’s dir, Junge, ich hab dich reinkommen seh’n. Du steckst bis zum Hals in der Scheiße.«

Driver sagte wieder: »Nein.« Dieses Mal laut.

Das Geräusch von Flüssigkeit, die durch die Rohre strömte, erfüllte plötzlich die Luft. Irgendwo in der Ferne waren Schritte zu hören. Und dann ein Schrei.

»Ich schick dir gleich morgen früh was«, sagte die Stimme.

Und dann war das Gespräch zu Ende. Später, irgendwann in der Nacht, machte Driver die Augen zu und schlief.

Wie versprochen traf vor dem Frühstück eine Überraschung ein. Der Mann, der den Flur wischte, reichte es Driver durch die Gitterstäbe, in ein Papiertaschentuch eingewickelt. Es war eine alte Zahnbürste. Durch das stumpfe Ende des angespitzten Plastikstiels war ein Loch gebohrt worden, in dem ein Dübel aus Holz steckte, so dass er einen T-förmigen Griff bildete. Driver zog den Dübel heraus und legte ihn vorsichtig neben die Zahnbürste in seine Handfläche.

Die Stimme flüsterte: »Tu das in deinen Schuh, Mr. Captainman, mit der Spitze nach vorne. Mit dem Scheißding im Schuh kannst du den ganzen Tag durch die Metalldetektoren latschen, ohne dass einer was merkt. Wenn du’s braucht, pass auf, dass es fest zusammengesteckt ist.«

Driver hatte versucht, ein paar Dankesworte zu stammeln, doch seine Kehle war zu trocken gewesen.

»Denk dran, die Mexikaner werden ihm nich’ helfen. Die hassen diese Nazis beinah genauso wie ich. Die sind nur da, um sicherzugeh’n, dass Kurtz kriegt, wofür er bezahlt hat. Wenn du ihn fertigmachst, sind die in null Komma nix weg.«

Die Flurbeleuchtung schaltete sich summend ein. Kehoe sprach schneller. »Stich am besten ins Gesicht«, riet er. »Was anderes hält den Scheißkerl nicht auf.« Die Worte bohrten sich wie ein dicker Finger schmerzhaft in Drivers Brust.

Und dann glitten die Türen zurück und Cutter Kehoe kam mit demselben lockeren Gang vorbei, den Driver jetzt beobachtete.

Er war an der Tür zu Drivers Zelle stehen geblieben. »Kommst du mit?«

Driver schüttelte den Kopf. Kehoe verzog die Lippen. »Du kommst nich’ drum rum, Captainman. Kannst genauso gut auch frühstücken. Die Kacke ist eh schon am Dampfen. Nix essen ändert nix.« Er lächelte und ging dann den Gang hinunter.

Driver stand in seiner Zelle und sah zu, wie Kehoe durch die Sicherheitsschleuse ging und sich zu den anderen Gefangenen gesellte. Er sah zu, wie sich der Strom der Häftlinge unverzüglich teilte, weil jeder der Männer versuchte, so viel Abstand wie möglich zwischen sich und Kehoe zu bringen.

Kapitel 4

Das Haus lag in Schatten gehüllt, als sie die Tür aufschloss und in den Flur trat. Melanie Harris hörte den laufenden Fernseher aus dem Wohnzimmer. Der lange, geflieste Flur wurde nur durch die Wellen bläulichen Lichts erleuchtet, das von den Wänden und der Decke reflektiert wurde. Sie zog die Schuhe aus und ging in den hinteren Teil des Hauses. Die kalten Fliesen massierten ihre Füße.

Brian hatte es sich auf dem übergroßen Morris-Sessel mit einer Schale Popcorn aus der Mikrowelle im Schoß gemütlich gemacht. Sie stand einen Moment neben dem Sessel, hoffte, er würde ihre Anwesenheit zur Kenntnis nehmen oder, noch besser, ein bisschen rutschen, damit sie sich nebeneinander in den Sessel quetschen konnten, Hüfte an Hüfte, wie früher. Stattdessen starrte er auf den Fernseher.

»Hallo«, sagte sie.

»Hallo«, antwortete er, ohne seine Augen vom Bildschirm abzuwenden.

»Tut mir leid wegen heute Nachmittag.«

»Ja« war alles, was er erwiderte.

Sie wartete noch einen Augenblick, dann ging sie vor ihm durchs Zimmer und setzte sich auf die Couch auf der anderen Seite. »Wie war dein Tag?«, erkundigte sie sich.

»Derselbe Scheiß wie immer.«

Die Spannung in der Luft war spürbar wie ein Windhauch. Sie zögerte, etwas zu sagen, weil sie die Diskussion nicht anfangen wollte, die sie beide in den letzten paar Monaten so sorgsam vermieden hatten.

»Vielleicht schaffen wir es ja nächste Woche an den Strand.«

»Der Strand ist mir egal. Ich kann jederzeit zum Strand gehen.«

»Ich habe doch gesagt, dass es mir leidtut. Was willst du noch?«

Jäh brach er in freudloses Lachen aus. »Seit wann kommt’s hier denn darauf an, was ich will?«

»Es ist etwas dazwischengekommen. Ich hatte zu tun. Was soll ich sagen?«

»Keine Sorge. Du brauchst nichts zu sagen.«

Sie seufzte. »Nicht heute Abend, ja? Ich hatte einen langen Tag«

»Du hattest immer einen langen Tag.«

Ihre Stimme wurde lauter: »Was soll das heißen?«

»Nur das, was ich gesagt habe.« Er richtete sich auf. Warf die Schüssel mit dem Popcorn schwungvoll auf den Couchtisch, wo sie einmal aufhüpfte, bevor sie zur Ruhe kam. Er streckte die Arme steif über die Seiten des Sessels hinaus wie ein Schiedsrichter beim Baseball. »Das war’s«, verkündete er. »Mir reicht’s.«

»Was reicht dir?«

»Alles. L. A., Cocktailpartys für Sponsoren, Partys im Sender. Einfach alles. Mir steht das alles bis hier.«

Ihr blieb die Stimme im Hals stecken. »Ich auch?«

»Das habe ich nicht gesagt. Leg mir nichts in den Mund.«

Sie war jetzt aufgestanden. »Eine Menge Leute wäre froh, da zu sein, wo wir jetzt sind.« Sie presste die Lippen zusammen, bevor sie etwas heraussprudeln konnte von wegen Dankbarkeit für das Zwei-Millionen-Dollar-Haus in den Hollywood Hills, die BMWs, die Hausmädchen, den Gärtner.

»Ja ... Na ja, ich gehöre wohl nicht zu denen«, meinte er.

Melanie holte mehrmals tief Luft, um sich zu beruhigen, und setzte sich wieder.

»Ich glaube, ich habe ein bisschen Gutes getan. Du weißt schon, damit vielleicht das, was Samantha passiert ist ...« Der Klang des Namens hielt sie einen Augenblick auf. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie ihn zum letzten Mal laut ausgesprochen hatte.

Brian winkte ab, als wüsste er, was jetzt käme, und könnte es nicht mehr hören. »Ist es das, was du dir einredest? Dass es um Samantha geht? Das ist doch ein Witz!«

»Ach ja?«

»Ja. Wem wollen wir hier was vormachen? Es geht doch längst nicht mehr um Samantha. Es geht um dich.«

»Wie kannst du nur so was sagen?«

»Weil es stimmt. Was du für Kinder tun konntest, hast du getan. Aber heutzutage geht’s um die Quoten. Es geht darum, wer diese Woche das Rennen macht. Es geht um den richtigen Wochentag und den Sendeplatz.« Er unterstrich seine Worte mit einer abfälligen Handbewegung. »Es geht um alles Mögliche, nur nicht um das, weswegen wir hergekommen sind.«

Für Melanie war ihr Leben in Michigan kaum mehr als eine verschwommene Erinnerung. Es war, als hätte ihr Leben erst in jenem schrecklichen Moment wirklich begonnen, als das Telefon geklingelt und die kalte, deutliche Stimme ihr mitgeteilt hatte, dass der Leichnam ihrer Tochter gefunden worden sei. In diesem Augenblick waren die siebenundzwanzig Jahre ihres bisherigen Lebens verschwunden und hatten sie nur mit dem Hier und Jetzt zurückgelassen.

Für Brian war das Leben in Hollywood wie ein schlechter Film. Niedrige Produktionskosten und schlechte Dialoge. Ein Ort, wo alles groß, aber nichts echt war. Er hatte sich wieder eine Anwaltskanzlei aufgebaut und war auch recht erfolgreich, doch er war nie mit Los Angeles warm geworden. Vom ersten Tag an nicht, als sie in das gemietete Haus in West-Hollywood gezogen waren. Und auch nicht in den letzten sieben Jahren, in denen Melanies Sendung immer populärer und sie selbst für viele zu einer festen Größe geworden war. Nichts davon war ihm wichtig. Das alles führte nur dazu, dass er sich leer und unzufrieden fühlte.

Und dann die Sache mit den Kindern. Brian wollte welche. Melanie war noch nicht so weit. Würde nie mehr so weit sein. Sie wussten es beide, doch keiner von ihnen hatte es je laut ausgesprochen, wie so vieles andere, das in den letzten Jahren ungesagt geblieben war.

Und dann ... wie eine Straßenkatze, die sich aus einem Müllsack hervorkämpft, brach der große, unausgesprochene Satz hervor.

»Ich hab genug von L. A. Ich will nach Hause«, verkündete Brian.

»Nach Hause?«

»Nach Michigan.«

»Das meinst du doch nicht ernst. Das hier ist unser Zuhause.«

Er stand auf. »Ich habe heute Abend mit meinem Vater gesprochen. Er setzt sich endlich zur Ruhe. Ich kann seine Kanzlei übernehmen. Wir werden gut dastehen. Besser als gut. Wir können ... «

»Ich kann hier nicht weg. In Michigan gibt es nichts für mich.«

Er sah ihr jetzt fest in die Augen. »Dann haben wir ein Problem.«

»Ich stehe mitten in Verhandlungen über eine neue Sendung. Ich ...« Sie brach ab und massierte sich die Schläfen. »Nicht ausgerechnet jetzt, Brian ... Bitte, nicht jetzt ...«

»Es wird nie einen besseren Augenblick geben«, erwiderte er.

Melanie setzte zu einem zornig gestammelten Widerspruch an, riss sich aber zusammen.

»Ich kann einfach nicht glauben, was ich hier höre«, sagte sie schließlich. »Ich kann auf gar keinen Fall ...«

Das Telefon klingelte. Es war, als hätte ein Fremder den Raum betreten. Es klingelte wieder und dann ein drittes Mal, bevor Melanie den Arm ausstreckte und abnahm. »Ja.«

»Du wolltest doch frische Inhalte ... Ich hab da was für dich, Baby«, trompetete ihr Produzent Martin Wells in den Hörer.

»Es ist spät, Martin«, seufzte sie. »Und das ist wirklich kein besonders guter Moment.«

Er ignorierte sie. »Das erste Team ist schon unterwegs nach Arizona. Bis morgen früh haben die alles aufgebaut und können loslegen.«

»Was ist denn in Arizona?«

»Bloß die größte Häftlingsrevolte in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Gefangene haben ein ausbruchssicheres Gefängnis übernommen. Sie haben automatische Waffen. Der Gouverneur hat die Nationalgarde gerufen. Da braut sich was ganz Großes zusammen.«

»Meinst du diesen Laden, wo die schlimmsten der Schlimmen hingeschickt werden? Meza Irgendwas?«

»Meza Azul. Ja, genau den.«

»Haben sie Geiseln genommen?«

»Ungefähr hundertfünfzig.«

Sie wollte etwas sagen, doch Martin Wells schnitt ihr das Wort ab. »Und hier kommt der Knaller. Weißt du, wer den Aufstand anführt? Wer dafür verantwortlich ist?« Er ließ ihr keine Zeit zu antworten. »Ein Kerl namens Timothy Driver. Sagt dir der Name was?«

»Der Navy-Captain. Der Typ, der seine Frau und ihren Liebhaber erschossen hat.«

»Weißt du, was er will? Warum er alle sechs Stunden eine Geisel erschießen will, bis er kriegt, was er verlangt?«

»Was denn?«

»Er will, dass ihm Frank Corso ins Gefängnis geliefert wird.«

»Der Schriftsteller?«

»Genau der.«

»Wie lange noch bis zur ersten Deadline?«

»Knapp zwei Stunden.«

Kapitel 5

»Können Sie näher ranzoomen? Dass man die Nummer auf seiner Marke sehen kann?« Elias Romero ermahnte sich, sich zu entspannen und nicht laut ins Mikrofon zu atmen.

»Er ist zu tief im Schatten«, schrie der CNN-Kameramann über die Schulter zurück. »Von hier aus kriege ich nichts.«

»Ich glaub’s einfach nicht«, flüsterte jemand aus dem hinteren Teil des Wagens. »Glauben Sie, der macht das wirklich?«

»Wir können nur beten, dass er’s nicht tut«, sagte der Captain der State Police.

»Da kommt er«, rief der Kameramann.

Alle Augen richteten sich auf den Bildschirm, auf dem ein blonder Mann in Wächter uniform durch den mittleren Torbogen des Verwaltungsgebäudes gestoßen wurde, aus den Schatten ins grelle Licht der Scheinwerfer. Sein Gang war ein steifbeiniges Taumeln, sein Gesicht weiß vor Angst. Seine Hände waren an einen breiten weißen Ledergurt gekettet, der um seine Taille geschlungen war. Die Kamera fing auf, wie er die Finger spreizte und wieder zur Faust ballte, während er in das gleißende Kunstlicht hinaustrat, zoomte dann näher und näher heran, bis nur noch der Ausschnitt seines blauen Hemdes, an dem seine Marke befestigt war, als körniges Bild auf dem Monitor im Übertragungswagen zu sehen war. Der Vergrößerungsgrad, zusammen mit dem leichten Zittern der Kamera, ließ die Zahlen vor ihren angestrengten Augen tanzen.

»Eins, sieben, drei, vier, fünf«, las schließlich jemand laut vor.

Elias Romero wiederholte die Nummer in sein Handy und wartete, bis Iris Cruz, die in der Einsatzzentrale zurückgeblieben war, die Nummer nachgeschaut hatte.

Sie parkten auf dem Grasstreifen direkt an der linken Seite des Haupteingangs, genau wie Driver es befohlen hatte. Ein Übertragungswagen, der das Filmmaterial für die Menge der Medienvertreter lieferte, die jetzt eine Viertelmeile weiter östlich die Boundary Road, die Zufahrtsstraße zum Gefängnis, säumten. Nur der Kameramann war draußen und filmte den Mann, der in etwa siebzig Meter Entfernung auf dem Vorhof des Gefängnisses stand. Er hielt die Kamera fest gegen den Maschendrahtzaun gepresst. Über seinem Kopf war der Zaun von dicken Stacheldrahtrollen gekrönt, so weit das Auge reichte. Die Luft roch nach Staub und Stahl.

Der gefesselte Wachmann stand regungslos da. In den tiefen Schatten des Bogens über dem Eingang konnte man Bewegungen ausmachen. Er schien den Kopf zu drehen, um zu lauschen. Schien zustimmend zu nicken, bevor er auf die Knie fiel. Sein Gesicht wusste Bescheid.

»Cartwright, Wally A.« Iris Cruz’ Stimme riss Elias’ Aufmerksamkeit von dem schwankenden Bild des knienden Wachmanns los. »Männlich, ledig, weiß. Erst seit anderthalb Monaten im Dienst. Noch in der Probezeit.«

Sein eigentlicher Name lautete Waldo Arens Cartwright. Er war nach seinem einzigen achtbaren Onkel benannt worden, einem stahläugigen Rübenfarmer mit einem Unterkiefer wie ein Barsch, der, nachdem ihm das große Missgeschick widerfahren war, an seinem zweiten Tag in Vietnam auf eine Landmine zu treten, einen Ehrenplatz an der spärlich besetzten Ruhmesmauer der Familie Cartwright hatte, wo er jetzt bis in alle Ewigkeit an der Nordwand von Tante Bettys Esszimmer ruhte.

Da der Name Waldo Spott anzuziehen pflegte wie eine Frühlingsblume die Bienen, hatte der Namensvetter des Helden schon von klein auf dafür gesorgt, dass man ihn stets als Wally kannte. Wallys Meinung nach war das Leben schon hart genug, ohne dass man noch extra Ärger suchen musste, und deshalb hatte er auch in seinen Bewerbungsbogen »Wally« eingetragen.

Vor zehn Minuten hatte Wally auf der Bank vor seinem Spind gesessen und die letzten Reste der Hühnerbrühe mit einem Stück Brot aufgestippt. Einige der anderen hatten überhaupt nichts gegessen. Die Nerven, schätzte Wally. Als Geisel genommen zu werden hatte auf manche Männer diese Wirkung. So wie Wally das sah, war eine Mahlzeit eine Mahlzeit.

Der Umkleideraum war überfüllt gewesen. Die Revolte war beim Schichtwechsel ausgebrochen, als gerade mal zwei Dutzend Officers in den Zellenblöcken patrouillierten. Alle anderen kamen oder gingen gerade. Die Jungs im Dienst waren zusammengetrieben und mit den beiden Schichten gemeinsam im Umkleideraum eingesperrt worden. Der diensthabende Sergeant war die Namensliste für beide Schichten durchgegangen und, siehe da, niemand fehlte. Diese Feststellung sandte eine Welle der Hoffnung durch die Reihen der Beamten. Vielleicht würden sie diese Geschichte alle heil überstehen. Vielleicht würden die Insassen eine Reihe von Forderungen aufstellen, und dann würde es vorbei sein, und sie könnten in ihre Leben zurückkehren. Vielleicht.

Als die Tür aufflog und ein halbes Dutzend Häftlinge, schwer bewaffnet mit allem Möglichen von Macheten bis Maschinengewehren, hereinkam, legte sich Schweigen wie ein Mantel über den Raum. Löffel verharrten mitten in der Luft und Münder standen offen, als zwei Biker Wally an den Ellbogen packten und ihn von der Bank hoben. Hätte Wally auch nur die geringste Ahnung gehabt, dass er sich demnächst zu seinem Namensvetter an Tante Bettys Wand gesellen würde, wäre er sicher nicht so ruhig mitgegangen.

»Danke, Iris«, sagte Romero. Er klappte das Handy zu. Mit einem Auge auf dem Bildschirm hatte er gerade angefangen, die Informationen für die anderen, die sich im Inneren des CNN-Übertragungswagens zusammendrängten, zu wiederholen, als das Knattern einer automatischen Waffe plötzlich die Luft erfüllte. Entsetzt sah er, wie eine vernichtende Salve die kniende Gestalt mit dem Gesicht nach vorn zu Boden schleuderte. Sah zu, wie der Mann unter dem andauernden Beschuss noch ein paar Sekunden lang zuckte, und sah immer noch hin, als das Feuer aufhörte und der Körper reglos liegen blieb.

»Scheißkerl«, sagte jemand.

Schweigen erfüllte die Luft um sie herum wie geschmolzenes Metall. Anscheinend gab es weiter nichts zu sagen. Gleich darauf kamen zwei Gefangene aus den Schatten gerannt, packten den getöteten Wachmann an den Knöcheln und zogen ihn zurück nach drinnen. Noch lange nachdem sie aus dem Blickfeld verschwunden waren, fing das starke Mikrofon das Klickklick-klick ein, mit dem die Zähne des Opfers auf den Asphalt schlugen. Immer noch sagte niemand im Übertragungswagen ein Wort.

Am hinteren Ende des Torbogens blickte Driver auf den Leichnam des Gefängniswächters hinunter. Lind auf Kehoe, der das Gewehr wie ein Baby in den Armen hielt. »Bring ihn zu den anderen«, sagte Driver.

Bis jetzt hatten sie neunzehn Tote. Ein paar Typen, die endlich die Gelegenheit gehabt hatten, alte Rechnungen zu begleichen. Typen wie Harry Ferris, der die letzten elf Jahre als Frau eines Häftlings verbracht hatte, der nur »der Metzger« genannt wurde. Ferris hatte dem Metzger seine sexuellen Gefälligkeiten heimgezahlt, indem er ein ganzes Magazin in ihn hineingepumpt und dabei noch zwei andere Männer verletzt hatte. Solche Sachen geschahen überall im Gefängnis.

Driver konnte das verstehen. Er erinnerte sich an seine sechs Tage in Walla Walla. Vor fast sieben Jahren. Erinnerte sich an Kehoes Warnung und daran, wie er an jenem Tag auf seiner Pritsche liegen geblieben war. Wie er sich im wahrsten Sinne des Wortes unter der Decke versteckt hatte wie ein Weib, bis die Stimme ertönt war.

»Gehen wir.«

Zwei Wachmänner standen auf dem Gang. Sie fassten ihn bei den Ellbogen und führten ihn die Treppen hinunter, zwei Stockwerke tiefer, durch zwei Kontrollposten und zwei Metalldetektoren, bevor sie ihn in den Umkleideraum des Wachpersonals bugsierten.

Driver hatte eine Frage hervorstottern wollen. »Was ... Ich sollte doch ... «