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Jenseits des Gesetzes herrscht die Grausamkeit… Er hat 63 Menschen ermordet – viele davon waren erst Kinder ... Nun soll dem blutrünstigen Verbrecherboss Nicholas Balagula nach zwei Gefängnisausbrüchen endgültig der Prozess gemacht werden. Der hartgesottene Journalist Frank Corso wird beauftragt, das geschlossene Verfahren zu begleiten. Mit seiner Berichterstattung gelangt Corso jedoch mitten ins Kreuzfeuer des Geschehens: Seine ehemalige Geliebte, Fotojournalistin Meg Dougherty, wird von Balalugas Handlangern brutal überfallen. Doch anstatt sich dem gefährlichen Prozess endgültig zu entziehen, sinnt Corso auf Rache – und gerät in einen schwarzen Fluss aus Lügen, Korruption und Mord, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint … »G.M. Ford ist einer meiner Lieblingsautoren. Und mit diesem Roman hat er sich an die Spitze des Thriller-Genres geschrieben – besser geht es nicht.« Dennis Lehane Der atemlose Pageturner und zweite Band der Thriller-Reihe um den abgebrühten Journalisten Frank Corso – für Fans von Michael Connelly und Jeffery Deaver. Alle Bände der Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2024
Über dieses Buch:
Er hat 63 Menschen ermordet – viele davon waren erst Kinder ... Nun soll dem blutrünstigen Verbrecherboss Nicholas Balagula nach zwei Gefängnisausbrüchen endgültig der Prozess gemacht werden. Der hartgesottene Journalist Frank Corso wird beauftragt, das geschlossene Verfahren zu begleiten. Mit seiner Berichterstattung gelangt Corso jedoch mitten ins Kreuzfeuer des Geschehens: Seine ehemalige Geliebte, Fotojournalistin Meg Dougherty, wird von Balalugas Handlangern brutal überfallen. Doch anstatt sich dem gefährlichen Prozess endgültig zu entziehen, sinnt Corso auf Rache – und gerät in einen schwarzen Fluss aus Lügen, Korruption und Mord, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint …
Über den Autor:
G.M. Ford (1945 – 2021) war ein preisgekrönter amerikanischer Schriftsteller, der mit seinen beiden Krimireihen um den Journalisten Frank Corso und Privatdetektiv Leo Waterman internationale Bekanntheit erreichte. Er wurde u.a. für den Shamus, Anthony und Lefty Award nominiert und lebte an der Westküste, zuletzt in Oregon, wo er an der Universität auch als Dozent für Kreatives Schreiben tätig war.
Bei dotbooks veröffentlichte der Autor seine Frank-Corso-Reihe, bestehend aus »Dunkle Strafe«, »Killer-Trieb«, »Spur des Bösen«, »Die Geisel« und »Spur des Blutes«.
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eBook-Neuausgabe Oktober 2024
Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2002 unter dem Originaltitel »Black River« bei bei William Morrow, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Killerinstinkt« bei Goldmann
Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2002 by G. M. Ford
Copyright © der deutschen Erstausgabe 2006
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Copyright © der Neuausgabe 2024 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von AdobeStock/Krystian und shutterstock/Sergey Nivens
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (vh)
ISBN 978-3-98952-286-2
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Bei diesem Roman handelt es sich um ein rein fiktives Werk, das vor dem Hintergrund einer bestimmten Zeit spielt oder geschrieben wurde – und als solches Dokument seiner Zeit von uns ohne nachträgliche Eingriffe neu veröffentlicht wird. In diesem eBook begegnen Sie daher möglicherweise Begrifflichkeiten, Weltanschauungen und Verhaltensweisen, die wir heute als unzeitgemäß oder diskriminierend verstehen. Diese Fiktion spiegelt nicht automatisch die Überzeugungen des Verlags wider oder die heutige Überzeugung der Autorinnen und Autoren, da sich diese seit der Erstveröffentlichung verändert haben können. Es ist außerdem möglich, dass dieses eBook Themenschilderungen enthält, die als belastend oder triggernd empfunden werden können. Bei genaueren Fragen zum Inhalt wenden Sie sich bitte an [email protected].
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G.M. Ford
Killer-Trieb
Thriller. Frank Corso ermittelt 2
Aus dem Amerikanischen von Marie-Luise Bezzenberger
dotbooks.
Für Bill Farley –
den Herrn und Meister alles Mysteriösen
und unvergleichlichen Bücher Verkäufer
Im Land der Blinden
ist der Einäugige König
H.G. Wells
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 25
Wie nahezu jeder, der in den Wellblechhütten entlang des Rio Cauto das Licht der Welt erblickt hatte, war Gerardo Limon klein, dunkel und o-beinig. Ein cholo wie aus dem Lehrbuch, war Limon weniger als eine Generation vom Dschungel entfernt. Und so war es ihm sogar verwehrt, auch nur zu tun, als flössen messbare Anteile europäischen Blutes in seinen Adern, eine seelische Entbehrung, die sein ganzes Erwachsenenleben lang wie eine Kerze in seiner Brust gebrannt hatte. Dass sein Partner Ramon Javier hochgewachsen, elegant und offenkundig spanischer Abstammung war, fachte die Flamme nur noch mehr an.
Gerardo zwängte sich in den orangefarbenen Overall und schnallte den ledernen Werkzeuggurt um seine Taille. Ein verklemmtes Ventil im Motor des Trucks tickte in der fast vollständigen Dunkelheit. In 20 Metern Entfernung reihte Ramon gerade drei orangerote Pylonen quer über die Einfahrt auf, die zu den Briarwood Garden Apartments führte.
Die Stelle war perfekt geeignet. Die Auffahrt wies zwei kaum einsehbare Biegungen auf. Auf dieser Seite des Hauses gab es keine Fenster. Im Norden trennte ein knapper Kilometer Sumpf die Apartments von dem Speedy Auto Parts Outlet weiter oben an der Straße.
»Willst du werfen oder fangen?«, fragte Gerardo.
»Wer war letztes Mal dran?«, wollte Ramon wissen.
»Da waren’s zwei, weißt du noch?«
Beim letzten Mal waren sie auf einen unerwarteten Besucher gestoßen und hatten aus dem Stegreif ein Doppelpack hinlegen müssen. Ramons schmale Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als er an die letzte Gelegenheit dachte, bei der sie diese Uniformen getragen hatten. Während er den Werkzeuggurt auf seinen Hüften zurechtrückte, überlegte er, wie oft sie ihre »Stadtwerke-Reparaturdienst«-Nummer wohl schon abgezogen hatten. Bestimmt Dutzende von Malen. Er hatte schon vor Jahren aufgehört mitzuzählen.
Ramon Javier dachte sich gern, dass er vielleicht Arzt geworden wäre, oder Jazzmusiker oder vielleicht sogar Baseballspieler, wenn alles anders gelaufen wäre. Wenn es seine Familie schon beim ersten Mal bis nach Miami geschafft hätte. Wenn man sie nicht auf diese stinkende Insel zurückgeschleift und fünf Jahre lang wie Schweinekacke behandelt hätte.
Ramon stülpte sich den gelben Bauhelm auf den Kopf und vergewisserte sich, dass die 22er Automatik geladen war. Dann schraubte er vorsichtig den CAC22-Schalldämpfer auf den Lauf und schob die Waffe in die Schlinge an seinem Gurt, die normalerweise für den Hammer vorgesehen war.
Er schaute auf die Uhr. »Drei Minuten«, sagte er. »Wie willst du’s machen?«
»Wie du willst«, erwiderte Gerardo. »Ist mir egal.«
»Vergiss nicht, wir haben Befehl, den Truck verschwinden zu lassen.«
Gerardo zuckte die Achseln. »Du wirfst, ich fange.«
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 24
Der Küchenboden knarrte, als er zum Kühlschrank hinüberging. Er holte eine braune Papiertüte heraus, stellte sie auf den Tresen und warf einen Blick hinein. Zwei Sandwichs: Oliven-Hackbraten und Käse auf Weißbrot. Ein bisschen Salz, ein bisschen Pfeffer, und nur ein Klecks Mirakel Whip. Zufrieden holte er seine Wasserflasche aus dem Kühlschrank, steckte sie in die Jackentasche und ging zur Tür.
Über ihm war die Milchstraße nicht viel mehr als ein verschmierter Streifen am Himmel. Zu viele Lichter, zu viele Menschen, zu viel Smog für die Sterne. Er schloss die Tür des Trucks auf. Der 79erToyota Pick-up, einst leuchtend gelb, war zu einem Farbton oxidiert, der eher an ungeputzte Zähne erinnerte.
Der Wagen sprang bei der ersten Schlüsseldrehung an. Er lächelte, während er den Motor hochjagte und am Radio herumhantierte. Der EIN/AUS-Knopf gab allmählich den Geist auf. Man musste ihn genau richtig anfassen, und selbst dann ging das Radio von selbst aus, sobald man über die erste Bodenwelle fuhr, und man musste wieder von vorn anfangen.
Er erhaschte zwei Takte Musik. Chopin, dachte er, während das Licht in der Fahrerkabine flackerte. Als er sich aufrichtete, bemerkte er draußen eine Bewegung. Er schaute nach links, dachte, es sei dieser jämmerliche Penner, der im Keller hauste. Der Kerl schlief nie. Wusch sich auch nie.
Doch er war es nicht. Nein, es war der Typ mit der Armesündermiene höchstpersönlich. Stand da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und starrte ins Fenster des Trucks, als sei er der Vorbote des Jüngsten Gerichts oder so was.
Er kurbelte das Fenster herunter. »Ist was?«, fragte er.
»Wie leben Sie nur mit sich selbst?«, fragte der Kerl. »Haben Sie denn gar kein Schamgefühl?«
Er ließ den Motor dreimal aufheulen und antwortete dann. »Geben Sie denn nie auf, Mann? Was soll ich sagen? So ’n Scheiß passiert halt.«
Hätte man ihm eine zweite Chance gegeben, so hätte der Fahrer seine Worte wahrscheinlich bedachtsamer gewählt. Was letzte Worte angeht, ließ So ’n Scheiß passiert halt eine Menge zu wünschen übrig. Diese sechs Silben jedoch waren die letzten menschlichen Laute, die über seine Lippen kommen sollten, denn in diesem Augenblick zog Armesündermiene eine Pistole hinter dem Rücken hervor und schoss dem Fahrer viermal ins Gesicht.
Als er neben dem Truck stand und sich bemühte, die Bedeutung seiner Tat zu erfassen, begann das Autoradio plötzlich klassische Musik zu spielen und ließ seine Gedanken wie Blätter auseinanderstieben. Verständnislos schaute er auf die Waffe in seiner Hand, dann warf er sie durchs Fenster in den Schoß des Fahrers und ging langsam davon.
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 26
»Was war das?«, fragte Ramon.
»Psst.« Gerardo legte den Finger auf die Lippen.
Das pulsierende gelbe Funkellicht umkreiste sie in der Finsternis.
»Hat sich wie Schüsse angehört, finde ich«, flüsterte Ramon.
Gerardo zog die Pistole aus dem Werkzeuggurt und hielt sie dicht neben seinem rechten Bein, während er an dem Gebäude entlangschlich, bis ganz nach hinten, wo er auf den Parkplatz hinausblicken konnte. Er spähte um die Ecke und kam zurückgerannt.
»Sitzt da und lässt seinen Truck warmlaufen, genau wie immer. «
»Müssen Fehlzündungen gewesen sein«, meinte Ramon, ohne wirklich daran zu glauben.
Sie waren ihm eine Woche lang gefolgt. Hatten sich seinen Tagesablauf eingeprägt. Sich mit seinen Angewohnheiten vertraut gemacht. Gerardo schaute auf die Uhr. »Noch eine Minute«, flüsterte er.
Was immer er auch für Schwächen haben mochte, und die Art wie er lebte deutete darauf hin, dass es viele waren, ihr Opfer war stets pünktlich. Verließ seine versiffte Wohnung jeden Morgen um kurz vor halb sechs. Ließ seinen Truck drei Minuten lang warmlaufen und fuhr dann los zur Arbeit, wo er um fünf vor sechs eintraf. Nur Freitagabends wich er von diesem Ablauf ab, wenn er auf dem Nachhauseweg tankte und Lebensmittel einkaufte.
Gerardos dicke Lippen begannen zu beben, als er seine Uhr anstarrte und zählte. »Noch dreißig Sekunden«, flüsterte er. »Neunundzwanzig ...«
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 51
Er unterschrieb sein Geständnis, warf einen Blick auf die Uhr und wählte dann die Nummer des Notrufs. »Bei den Briarwood Garden Apartments ist jemand umgebracht worden. Marginal Way South, Nummer sechsundzwanzig-elf. Auf dem Parkplatz. Ich warte da auf die Polizei.«
»Geben Sie mir Ihre –«
Er legte auf. Dann strich er sein Geständnis auf dem Tresen glatt und las es noch einmal durch. Es begann folgendermaßen: Heute Morgen, am 26. Juli 2000, habe ich einen Mann getötet, der es verdient hatte zu sterben. Ich bin bereit, für diese Tat jegliche Konsequenzen zu tragen, die mir die Gesellschaft auferlegt. Es folgte seine Unterschrift. Er hatte erwogen, sein Verbrechen zu erklären, war sich jedoch sicher gewesen, dass man es nicht verstehen würde. Sie verstanden alle so wenig von Ehre.
Je länger er das Wort Konsequenzen betrachtete, desto mehr war er davon überzeugt, dass es falsch geschrieben war. Als Mörder zu gelten, war eine Sache, für unwissend gehalten zu werden, etwas ganz anderes.
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 54
»Er ist spät dran«, sagte Gerardo.
Diesmal war es Ramon, der zur Ecke des Hauses huschte und darum herumlugte. Im gespenstischen Licht von oben konnte er ihr Opfer hinter dem Steuer sitzen sehen; er hörte das Motorengeräusch und die Musik. Er fragte sich, ob der Fahrer vielleicht hinter dem Lenkrad eingeschlafen war. Irgendwas an der Situation kam ihm nicht richtig vor.
Als er sich umdrehte, hatte Gerardo das gelbe Funkellicht ausgeschaltet und schmiss soeben die Pylonen wieder in den Truck. Er eilte an dem Gebäude entlang.
»Er sitzt immer noch da«, flüsterte er Gerardo zu. »Vielleicht sollten wir noch ein paar Minuten warten.«
Gerardos Miene war grimmig. »Da stimmt irgendwas nicht«, sagte er. »Steig ein.«
Ramon sprang auf den Beifahrersitz, als der Motor zum Leben erwachte.
»Du spielst im Mittelfeld«, wies Gerardo ihn an. »Ich nehme die dritte Position.«
Sie hatten das schon so oft gemacht, dass nicht mehr gesagt werden musste. Gerardo ließ den Truck die schmale Auffahrt hinaufdonnern, bog nach links ab, um den Parkplatz herum, und kam schlitternd so zum Stehen, dass die Ladefläche ihres Trucks den Pick-up des Opfers blockierte. Beide Männer sprangen aus dem Wagen und rannten zu ihren jeweiligen Positionen; Ramon auf den Rasen vor dem Truck, wo er Gefechtsstellung einnahm, seine schallgedämpfte Automatik mit beiden Händen direkt auf die dunkle Windschutzscheibe gerichtet, Gerardo einen halben Schritt hinter dem Fenster auf der Fahrerseite, wo er den Schalldämpfer allein durch ein Strecken des Armes hinter dem Ohr des Fahrers aufsetzen konnte.
»Scheiße, was’n das?«, stieß Gerardo hervor.
Als sein Partner die Waffe wieder in seinen Gurt schob und sich vorbeugte, um ins Fenster zu schauen, eilte Ramon über den Rasen an seine Seite. Die Zielperson saß mit offenem Mund da. Vier einzelne Blutströme rannen dem Mann übers Gesicht und verschwanden in seinem Kragen. Er war zweimal oben in die Stirn getroffen worden, einmal ins rechte Auge, und dann noch einmal, gleich links neben der Nase.
»Jemand hat ihn erschossen«, verkündete Gerardo auf seine typische pedantische Art und Weise, die Ramon wahnsinnig machte.
»Was du nicht sagst«, erwiderte Ramon. Er zeigte nach unten, auf die 22 er Sportpistole im Schoß des Toten. »Der Typ hat seine Knarre fallen lassen.«
»Scheiße, was machen wir denn jetzt? Wir sollten den Kerl doch abknallen. Was für’n Arschloch macht denn so was?«, verlangte Gerardo zu wissen.
»Lass mich nachdenken, okay?«
Ramon sah sich auf dem Parkplatz um. Nichts. Anscheinend hatte niemand den Lärm gehört. »Wir müssen das hier zu Ende bringen«, sagte er nach einem Moment. »Genau wie geplant.«
»Aber wir haben ihn doch gar nicht kaltgemacht.«
»Egal«, antwortete Ramon rasch. »Wir müssen’s trotzdem erledigen.« Wieder sah er sich um. Immer noch nichts. »Wir bringen’s zu Ende ... so, als ob wir’s gewesen wären, die ihn abgeknallt haben.«
»Is’ nicht richtig«, maulte Gerardo. »Wir hätten’s doch tun sollen.«
Ramon kannte diesen störrischen Gesichtsausdruck. Er streckte die Waffe durch das Fenster und schoss dem leblosen Körper zweimal in die Seite. Der sitzende Leichnam kippte seitlich auf den Beifahrersitz.
»So ... wir haben ihn abgeknallt. Geht’s dir jetzt besser?« Gerardo antwortete nicht, starrte nur mürrisch ins Leere.
»Na los«, sagte Ramon. »Verpass ihm ’n paar.«
Gerardo schüttelte den Kopf. »Is’ nicht in Ordnung«, sagte er noch einmal.
»Mach schon«, drängte Ramon.
Gerardo zögerte einen Augenblick, zuckte dann leicht die Schultern, lehnte sich in die Fahrerkabine und schoss in rascher Folge dreimal auf die Leiche.
Ramon kam in Bewegung. »Ich fahre seinen Truck. Du fährst mir nach. Wir machen’s genauso, wie’s geplant war.«
»Und was ist, wenn –«
Ramon schnitt ihm das Wort ab. »Willst du zurückfahren und dem Boss erzählen, dass wir abgehauen sind?«, fragte er. »Willst du ihm sagen, wir haben da vorn auf unseren Händen gesessen, während irgendwer anders unsere Kohle für uns verdient hat?« Sie wussten beide, dass die Antwort nein lautete. In ihrer gegenwärtigen Lage war Versagen keine Option.
Ramon öffnete die Fahrertür und stieß den Leichnam mit dem Fuß auf den Boden vor dem Beifahrersitz. »Also los«, sagte er. »Ganz locker, so wie immer.«
Gerardo hastete zu ihrem Truck hinüber und setzte ihn ein Stück vor, so dass sein Partner rückwärts auf den Parkplatz hinausfahren konnte. Er begann zu schwitzen, als er den unsteten Rücklichtern die Auffahrt hinunter folgte, um die Ecke und hinaus auf die Straße, wo sie mit 65 Stundenkilometern nach Norden fuhren.
Anderthalb Kilometer von den Briarwood Garden Apartments entfernt tauchten in der Ferne blinkende Lichter auf, blau und weiß. Beide Männer spannten sich am Lenkrad, sahen, wie die Lichter näherkamen, bis zwei weiße Polizeiautos in die Gegenrichtung vorbeirasten. Die beiden Männer lächelten erleichtert und beobachteten im Rückspiegel, wie die Blinklichter in der Finsternis verschwanden.
Mittwoch, 26. Juli, 5 Uhr 41
Das wirbelnde Licht fing sich in der Iris eines einzelnen, orangeroten Auges. Dann, einen Augenblick später, schrammte das statische Knistern eines Funkgeräts durch die Luft, und der Reiher begann, durchs Wasser zu rennen, bog flugbereit den Hals und schlug mit empörten Schwingen auf die kalte Nachtluft ein. Er sah zu, wie der große Vogel sich in den dunklen Himmel emporhievte, dann zog er sein Geständnis aus der Jackentasche und las es noch einmal. Er hielt sich im Schatten, als er auf die wabernden blau-weißen Lichter vor ihm zuhielt. An der letzten Ecke blieb er stehen. Alles war so, wie er es sich vorgestellt hatte – zwei Streifenwagen standen in der Mitte des Parkplatzes, die Türen offen, alle Alarmleuchten an; vier Polizisten standen dicht beieinander vor den Wagen, das grelle Licht der Scheinwerfer verwandelte ihre Beine in Gold – alles, außer dem Truck und der Leiche.
Der gelbe Truck war verschwunden. Er lehnte sich mit dem Rücken ans Haus, um sich zu fangen. Dann schaute er abermals hin. Immer noch weg. Ungläubig blinzelte er und schaute dann auf die Uhr, weil er Angst hatte, er wäre vielleicht eingeschlafen. 5 Uhr 42. Elf Minuten, seit er die Notrufzentrale angerufen hatte. Es war unmöglich, dass der Perverse überlebt hatte und davongefahren war. Unmöglich, dass die Cops seinen Wagen so schnell hatten abschleppen lassen. Der Puls pochte ihm in den Schläfen, und seine Knie waren weich. Noch nie in seinem Leben war er so verwirrt gewesen. Ohne es zu wollen, geriet er in Bewegung. Wie in Trance steckte er sein Geständnis ein und eilte den Weg zurück, den er gekommen war.
Dienstag, 17. Oktober, 9 Uhr 45
Er konnte das Blut hören. Über das Dröhnen des Verkehrs und das Flüstern der Brise hinweg traf der Rhythmus von tausend Herzen auf seine Ohren, mit einem Geräusch, das Flügelrauschen nicht unähnlich war. Zwischen den hoch aufragenden Gebäuden hindurch konnte er schaumgekrönte Wellen sehen, die über die Elliott Bay jagten, und die dunkle Küste von Bainbridge Island, die in der Ferne schwebte, von der hemmenden Menschenmenge jedoch war nur das Geräusch zu vernehmen.
Erst als er die Ecke Madison und Seventh erreichte, kamen die versammelten Massen in Sicht. Der ganze Block war von orangeroten Polizei-Sperrgittern umgeben. Berittene Beamte galoppierten zwischen der Menge und dem Gerichtsgebäude hin und her. Die behelmte blaue Reihe stand Schulter an Schulter, die Schlagstöcke bereit. Ein Dutzend Satelliten-Sende wagen kauerten auf der Straße und richteten die großen weißen Augen gen Himmel.
Corso blieb einen Moment lang stehen und schaute zu den Wolken hinauf, dankbar, dass der unerbittliche Regen eine Pause eingelegt hatte. Über ihm verhießen wirbelnde Wolken noch mehr Niederschlag, und die Luft war wasserschwer. Der Herbst war als silberner Fluss gekommen, schräg vom Himmel herunter, Tag um Tag, wochenlang. Sogar eine kleine Unterbrechung der Sintflut milderte die Düsternis ein wenig.
Corso holte tief Atem und schauderte in seinem Mantel, ehe er die Seventh Avenue überquerte und sich anschickte, über die Autobahnbrücke zu gehen. Vor ihm wand sich die Menge wie eine Schlange. An der Ecke blieb er stehen. Gebrüllte Fragen zogen seinen Blick nach links, wo ein Meer aus Fotografen plötzlich ihre Kameras hoben und wie wild zu knipsen begannen. Auf den Satelliten-Trucks kamen Kameramänner hastig auf die Beine und spähten blinzelnd durch Sucher.
Zwei Männer und eine Frau schritten die Sixth Avenue hinauf: die Vertreter der Anklage. Corso begann, im Kopf die Seiten ihrer Dossiers durchzublättern, während er zusah, wie sie die Straße hinaufschlenderten. Der Typ im zerknitterten Trenchcoat war Raymond Butler. Er war der Hiwi, der Recherche-Fuzzi. Ein lebenslänglicher Insasse des Justizministeriums, war Butler schon bei Balagulas erstem Prozess in San Francisco dabei gewesen, bevor ihnen klar geworden war, mit was für einem Tier sie es hier zu tun hatten. Sie hatten es auf die harte Tour herausgefunden, als ihre Hauptbelastungszeugen, zwei Bauaufseher namens Joshua Harmon und Brian Swanson, aus einem Motel in Vallejo verschwanden und anschließend in der San Pablo Bay gefunden wurden, wo sie zusammen mit den beiden Deputys des Sheriffs von Alameda County, die sie hatten bewachen sollen, im Wasser trieben. Diese Wendung des Geschicks ließ dem Richter im ersten Verfahren keine andere Wahl, als den Prozess für ungültig zu erklären. Der öffentliche Schrei nach Gerechtigkeit hatte die Bundesbehörden veranlasst, einen neuen Gerichtsstand zu beantragen: im Norden, in Seattle, wo, wie sie hofften, ein zweiter Prozess außerhalb der Reichweite von Balagulas Tentakeln durchgeführt werden könnte.
Der Mann ohne Mantel war Warren Klein, gegenwärtig der Liebling des Justizministeriums. Eine echte Horatio-Alger- Story. Ein armer Junge, der das Studium in Yale als Viertbester seines Jahrgangs absolviert hatte. Da man ihn für zu ungehobelt für große Kanzleien hielt, verdingte er sich bei der Staatsanwaltschaft und kam groß raus, als eine Serie erfolgreich durchgeführter Verfahren gegen das organisierte Verbrechen unten in Miami ihn aus relativer Bedeutungslosigkeit in die Führungsposition dessen beförderte, was als der öffentlichste Gerichtsprozess seit O.J. Simpson galt. Unter der Hand fanden seine Kollegen ihn kalt und nachlässig, und hinter seinem Rücken flüsterte man, dass er mit seiner Bestallung als zuständiger Anwalt der Anklage mit Sicherheit überfordert war. Corsos Quellen dachten anders darüber. Auf der Straße wurde gemunkelt, Klein hätte irgendetwas im Ärmel. Es ging das Gerücht, er hätte einen Zeugen dazu überredet, die Seiten zu wechseln, jemanden, der Nicholas Balagula direkt mit dem Einsturz des Fair mont Hospitals in Verbindung bringen konnte. Wenn das stimmte, würde Warren Klein künftig das Leben der Reichen und Berühmten genießen, ungehobelt oder nicht.
Auf der Innenseite, der Buchsbaumhecke am nächsten, war Renee Rogers, die Chefanklägerin des letzten Prozesses. Einst die Beste der Besten, hatte ihr Stern erheblich an Leuchtkraft eingebüßt, als Balagulas zweiter Prozess letztes Jahr in Seattle damit endete, dass die Geschworenen sich nicht einig wurden. Dass das Verfahren unter den schärfsten Sicherheitsmaßnahmen in der Geschichte des Bundesstaates durchgeführt worden war und auch zu den teuersten gehört hatte, hatte das Feuer der öffentlichen Empörung noch heftiger angefacht als eine anonyme, streng von allem abgeschottete Jury, die sich nicht auf etwas einigen konnte, was jeder namhafte Rechtsgelehrte im Lande für eine klare Sache gehalten hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Jury beeinflusst worden war, und hartnäckiges Geraune über ein Alkoholproblem hatten Rogers jeglicher Chance beraubt, im Ministerium weiter aufzusteigen. Diesmal saß sie auf dem Beifahrersitz, und es hieß, sie schaue sich bei den privaten Kanzleien um.
Gedankenverloren sah Corso zu, wie die Paparazzi den Bürgersteig entlangglitten, so wie eine Portion Futter in einen Python hineinrutscht. Das plötzliche Klicken hoher Absätze rief seine Aufmerksamkeit zurück an seine Seite. Auf dem Namensschild stand Sunny Kerrigan. Das Logo auf der Kamera und dem Mikrofon, das sie in der Hand hielt, verkündete KING 5 News. Er hatte sie schon öfter gesehen. Sie war die Zweitbesetzung für die Wochenendnachrichten.
»Mr. Corso«, sagte sie, »dürften wir ein paar Minuten Ihrer Zeit in Anspruch nehmen?« Der Kameramann machte einen Schritt nach vorn. Kerrigan hielt Corso das Mikrofon vors Gesicht. Er trat um sie herum und schickte sich an, die Straße zu überqueren. Sie trottete wie ein Terrier hinter ihm her.
»Ist es wahr, Mr. Corso, dass Sie als Berater der Staatsanwaltschaft fungieren, und dass Sie deswegen als einziger Zuschauer Zutritt zum Gerichtssaal haben?«
Corso beschleunigte seine Schritte und schwenkte nach links ab. Er war schon halb über die Straße, als sie um ihn he- rumhastete und versuchte, ihm den Weg zu verstellen. »Können Sie uns sagen, Mr. Corso, ob –«
Wieder wich er ihr aus, schlug mit langem Arm die Kamera von seinem Gesicht weg und ging weiter. »Hey«, jaulte der Kameramann, während er sich abmühte, das Gerät auf seiner Schulter im Gleichgewicht zu halten. »Das muss ja wohl nicht sein.«
»Mr. Corso ...«, setzte sie an.
Was immer sie zu sagen hatte, ging in einem Aufbrüllen der Menschenmenge unter. Am südlichen Ende des Blocks teilten sich die Reihen der Polizisten und ließen eine schwarze Lincoln-Limousine durch, die an dem Gebäude entlangrollte. Plötzlich war die Luft vom Klicken der Auslöser und dem Surren der Kameras erfüllt. Die Menge wogte neben dem Auto her, schob sich Stück für Stück den Block hinunter, während der Lincoln langsam weiterfuhr. Kerrigan warf ihm einen angewiderten Blick zu, ehe sie und der Kameramann davoneilten und im Getümmel verschwanden. Corso stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.
Jetzt ging er schneller, strebte in die entgegengesetzte Richtung, auf den Bereich zu, den die Menge soeben geräumt hatte. Rasch schritt er an den Reihen behelmter Cops entlang, bis er einen Sergeant hinter einer Absperrung stehen sah. Er hielt den laminierten Ausweis in die Höhe. Der Sergeant trat hinzu, griff zwischen zwei Beamten hindurch und nahm Corso den Ausweis aus den Fingern. Er blickte von Corso auf die Karte und dann wieder zurück. »Okay«, sagte er nach einem Augenblick.
Das Absperrgitter wurde zur Seite gezogen, und Corso trat durch die Lücke.
»Ganz schöner Rummel«, bemerkte er.
»Totale Scheiße«, knurrte der Sergeant. »Kalifornien sollte seine Sauereien selber aufräumen, anstatt sie zu uns in den Norden zu schicken.«
Da war etwas dran. Das Ganze hatte vor drei Jahren angefangen, als nach einem geringgradigen seismischen Tremor die Westmauer des neu gebauten Fairmont Hospitals im kalifornischen Hayward zusammengebrochen war und 63 Menschen ums Leben gekommen waren, darunter 41 Kinder. Bei den anschließenden Ermittlungen hatte sich herausgestellt, dass das Gebäude inmitten eines Netzes aus Erpressungen, gefälschten Angeboten und diversen Betrügereien errichtet worden war, zu denen minderwertiger Beton, nichtexistente Schutzmaßnahmen gegen Erdbeben und getürkte Inspektionsberichte gehörten. Außerdem stellte man fest, dass alle Spuren, wie dürftig und gut getarnt sie auch sein mochten, zu einem gewissen Nicholas Balagula führten, einem ehemaligen russischen Gangster, der sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts direkt unter der Nase der kalifornischen Behörden ein beachtliches kriminelles Imperium aufgebaut hatte. Da das Krankenhaus zum größten Teil durch einen Bundeszuschuss finanziert worden war, war man der Ansicht, der Fall gehöre nicht in den Zuständigkeitsbereich des Staates Kalifornien und über trug ihn dem Justizministerium.
»Die sollten diesen Balagula einfach aus dem Knast holen und ihn abknallen«, brummte der Sergeant.
»Da bin ich ganz Ihrer Meinung.«
40 Meter weiter nördlich füllte die Menge die ganze rechte Fahrspur der Sixth Avenue. Die Rücklichter des Lincoln blinkten zweimal auf und erloschen dann, als der Wagen vor dem Hintereingang des Gerichtsgebäudes hielt. Beide hinteren Türen schwangen auf.
Als Erster stieg Bruce Elkins aus, Balagulas Anwalt. Er trug einen Aktenkoffer aus Aluminium in der einen und einen braunen Mantel in der anderen Hand. Elkins war ein gedrungener, fassbrüstiger Mann, der in letzter Zeit gern Armani-Anzüge und 100-Dollar-Maßhemden trug. Bei zwei verschiedenen Gelegenheiten hatte er versucht, den Fall abzugeben. Eingedenk des Rechts seines Mandanten auf einen Rechtsbeistand seiner Wahl hatten die Gerichte Elkins’ Ersuchen jedoch respektvoll abgelehnt.
Als Nächster kam Mikhail Ivanov zum Vorschein, Nicholas Balagulas langjährige rechte Hand. Er war ein schwer zu beschreibender Mann von 63 Jahren, mit vollem grauem Haar und einem unergründlichen Gesicht, so nichtssagend und ausdruckslos wie Weißkohl. In den vergangenen 50 Jahren hatte Ivanov Balagula geholfen, eine kriminelle Schneise sondergleichen über drei Kontinente zu schlagen, hatte Brosamen aufgelesen, während Balagula ein Vermögen zusammengerafft hatte, von dem es hieß, es umfasse Hunderte Millionen Dollar. Treu wie ein Hund, hatte er seinen Boss bei zwei Gelegenheiten, als das Gesetz ihm dicht auf den Fersen war, gerettet, indem er sich selbst zu den Verbrechen bekannt hatte. Beim ersten Mal hatte er sieben Jahre im Gefängnis gesessen, beim zweiten vier. Zurzeit bezeichnete er sich als Balagulas Finanzplaner. Gut unterrichteten Quellen zufolge hatte er in letzter Zeit Geld auf die Seite geschafft, bei ausländischen Banken. Sah aus, als wollte er sich vielleicht demnächst zur Ruhe setzen.
Ivanov drehte sich einmal vollständig im Kreis, um die Szene zu mustern, dann bückte er sich und sprach ins Auto.
Nicholas Balagula kam im Laufschritt aus dem Wagen. Sein rasierter Schädel spiegelte die Dutzende von Blitzlichtern, die auf der ganzen Straße aufflammten. Für den Gerichtssaal kleidete sich Balagula strikt von der Stange ein; er trug einen blauen Anzug von Sears, Roebuck und Co., der ihn Zentimeter für Zentimeter haargenau wie den leidgeprüften Baustoffhändler aussehen ließ, als den sein Anwalt ihn darstellte. Mit einem knappen Winken nahm er die grollende Menge zur Kenntnis. Sein gebrüllter Name und das Surren der Kameras erfüllte die Luft, als er über den Gehsteig hastete und durch die Türen verschwand, Mikhail Ivanov dicht hinter ihm.
Elkins hatte sich an die Barrikade gedrängt und bearbeitete die Medien. Die ganze letzte Woche, während der Auswahl der Geschworenen, war er Dauergast in den Abendnachrichten gewesen. Hatte behauptet, es sei ein eindeutiger Verstoß gegen das Recht seines Klienten, seinen Anklägern ins Gesicht sehen zu müssen, während die Jury hinter einer Einweg-Plexiglasscheibe säße, und dass es nicht viel mehr als rachsüchtige Vergeltung seitens einer geschlagenen, bloßgestellten Anklagevertretung sei, seinen Klienten ein drittes Mal vor Gericht zu bringen, einer Anklage Vertretung, die er, wie jedermann wusste, ein drittes und letztes Mal bezwingen würde.
»Frank!«, rief eine Frauenstimme.
Corso drehte sich um. Auch ohne die dicken Doc Martens gut eins zweiundachtzig, schritt Meg Dougherty die Front der Cops entlang. Eine Kamera baumelte von ihrem Hals, eine zweite hing ihr über der Schulter. Alles schwarz: Klamotten, Haare, Nägel, alles – eine Kreuzung zwischen Morticia Munster und Betty Paige in einem bodenlangen schwarzen Samtcape.
»Was für ein Zoo«, sagte sie und verzog das Gesicht. Einen Schritt vor der Polizistenreihe blieb sie stehen. »Meint ihr, ihr könnt mal einen Moment zur Seite gehen, Freunde, damit Junge und Mädchen sich umarmen können?«
Corso warf dem Sergeant einen Blick zu, der nachdenklich die Lippen spitzte.
»Sie bleibt vor der Absperrung«, verfügte er.
Dougherty nickte zustimmend. Der Sergeant musterte prüfend die Menge und sagte: »Macht mal ein bisschen Platz für die Lady.« Zwei Cops direkt vor ihr machten einen Schritt auf die Straße hinaus.
Corso und Dougherty traten in die Bresche und umarmten sich, umarmten sich lange genug und fest genug, dass es beiden peinlich wurde und sie voneinander wieder abprallten wie die gegensätzlichen Pole eines Magneten. Corso klopfte seinen Mantel ab, während sie ihre Ärmel wieder über die eintätowierten Worte, Ranken und Blätter hinunterzog, die sich um ihre Arme wanden.
»Da scheint irgendwas zwischen uns zu stehen«, witzelte er.
»Das war schon immer so, Frank.«
Wieder umarmten sie sich, und er erinnerte sich an ihren Duft, irgendetwas wie Vanille und Zimt. Einen Moment später traten sie zurück, standen schweigend da und betrachteten einander.
»Wie geht’s dir so?«, erkundigte er sich.
»Alles wie immer«, antwortete sie. »Und dir?«
»Viel zu tun.«
»Ich hab dich gestern Abend im Fernsehen gesehen.«
Er zuckte die Achseln. »Ich hab eine neue PR-Agentin, ’ne richtige Draufgängerin.«
Mit einer Geste deutete sie die Straße hinauf. »Viel zu viel Gedränge für mich«, meinte sie. »Ich hab Fotografie als Kontaktsport noch nie viel abgewinnen können.«
»Woran arbeitest du sonst noch?«, wollte Corso wissen.
»Wie üblich. Freiberuflich für jeden mit Kohle. Versuche, eine neue Ausstellung zusammenzukriegen.« Sie lächelte schwach. »Und hoffe immer, mit der einen Riesenstory rüberzukommen, die mich groß rausbringt und mich zum nächsten Frank Corso macht.«
Er öffnete den Mund, um zu protestieren, doch sie redete weiter.
»Hast du die Zeitung gelesen?«
Er schüttelte den Kopf. Sie schaute auf die Uhr.
»Dann hast du also nicht gehört, was sie im Brückenfundament gefunden haben?«
»Was denn?«
»Einen Truck.«
»Du hast mir gefehlt«, sagte er völlig unerwartet.
Sie verlagerte ihr Gewicht und blickte zu dem Stahlwolle – Himmel hinauf. Weiter oben an der Straße hatte Bruce Elkins der Menge den Rücken gekehrt und sich ins Gerichtsgebäude gelächelt.
»Du mir auch«, sagte Dougherty schließlich.
»Ich denke viel an dich. Vielleicht könnten wir –«
»Nicht«, wehrte sie ab. »Wir waren uns einig ... erinnerst du dich?«
»So wie ich es in Erinnerung habe, warst eher du dir einig.«
»Meinetwegen«, schnappte sie.
Corso kniff die Lippen zusammen. Er wandte sich ab.
Sie zuckte zusammen und legte ihm die Hand auf den Arm. »Ich hab’s nicht so gemeint ... so, wie’s sich angehört hat.« Als er nicht reagierte, trat sie näher heran und senkte die Stimme. »Es war mir zu viel, Corso. Es war, als würde ich mit dem Kopf gegen eine Mauer anrennen.«
Er sah sie über die Schulter hinweg an. »Zumindest war’s nicht langweilig.«
»Was es allerdings sehr wohl war, war anstrengend. Ich hatte immer das Gefühl, draußen zu stehen und reinzuschauen.« Sie fuhr mit der Hand durch die Luft. »Ich hab mich selbst mit dir geteilt, Frank.« Wieder hieb sie durch die Luft. »Aus freien Stücken ... mit Freuden ... und sieben Monate später wusste ich immer noch nicht mehr von dir als ganz zu Anfang.«
Sie trat vor ihn hin und nahm sein Gesicht zwischen die Hände. »Außerdem ...«
Der Polizist zu Corsos Rechter wandte den Kopf ab, als wäre es ihm peinlich, weiter zuzuhören.
Corso räusperte sich. »Vielleicht sollten wir uns zu einem netten platonischen Abendessen treffen oder so. Über die alten Zeiten plaudern und all so was.«
»Außerdem«, wiederholte sie, lauter diesmal, »habe ich einen Freund. Es ist über ein Jahr her, Frank.«
Corsos helle Augen flackerten.
»Menschen tun sich zusammen. So läuft das hier auf der Erde. Damit sorgen wir dafür, dass der Planet bevölkert bleibt.«
»Ich hab doch gar nichts gesagt«, begehrte Corso auf. »Hab ich etwa was gesagt?«
»Brauchst du auch gar nicht. Außerdem ... er würde ausrasten, wenn ich ohne ihn gehen würde. Ich hab ihm alles von dir erzählt.«
Corso machte ein unflätiges Geräusch mit den Lippen. »Ich kenn dich doch. Du hast ihm meinen Status als berühmter Autor unter die Nase gerieben, stimmt’s?«
Sie lachte. »Nur wenn er’s wirklich verdient. Er hat alle deine Bücher gelesen. Er meint, stilistisch bist du ganz passabel.«
Corsos Miene sortierte sich zu etwas, das zwischen einem höhnischen Grinsen und einem Lächeln lag.
»Er ist supereifersüchtig auf dich, aber gleichzeitig will ein anderer Teil von ihm unbedingt den berühmten Autor kennen lernen, mit dem ich mich mal rumgetrieben habe.« Sie knuffte Corso leicht gegen den Arm. »Du weißt ja, wie kindisch Männer sind.«
»Klar ... bring ihn mit. Wir werden alle dicke Freunde.«
»Du wirst ihn mögen.«
»Nein, werde ich nicht, aber bring ihn trotzdem mit«, erwiderte Corso.
Wieder lachte sie ihr tiefes Lachen und stach ihm einen langen schwarzen Fingernagel in die Brust. »Wird das hier so eine geheuchelte ›Meine Sekretärin ruft Ihre Sekretärin an‹-Nummer, oder wollen wir uns wirklich treffen?«
Um Corso die Entscheidung leichter zu machen, griff sie unter ihr Cape und förderte ein kleines Notizbuch aus schwarzem Leder zutage. Mit erhobenem Stift stand sie da, einen entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht.
Corso stieß einen Seufzer aus. »Wie wär’s mit Samstagabend im Coastal Kitchen?«, schlug er vor. »So gegen sieben.«
Sie notierte es schwungvoll und schaute auf. »Du wirst nett sein.«
»Keine Angst. Ich werde mich an deinen Freund ranschmeißen.«
»Du könntest doch auch jemanden mitbringen. Vielleicht würde das –«
Er schüttelte bereits den Kopf. Sie seufzte.
»Du bist wieder zum Einsiedler geworden, hab ich Recht?«
Corso zuckte die Schultern. »Du kennst mich doch. Ich bin ein hoffnungsloser Fall was Beziehungen angeht.«
»Es würde wirklich helfen, wenn du nicht alle Welt hassen würdest.«
»Tu ich doch gar –«, setzte er an.
»Oh, verdammt«, sagte Dougherty. »Ich glaube, deine Tarnung ist gerade aufgeflogen.«
Sunny Kerrigan und ihr Kameramann führten eine Horde Medienleute die Straße herunter auf sie zu. »Scheiße«, brummte Corso.
Dougherty trat von der Absperrung zurück. Die Cops schlossen die Reihen. Sie hob sich auf die Zehenspitzen und rief über ihre Köpfe hinweg: »Samstag! Sieben!« Corso nickte und wandte sich ab. Er konnte Kerrigan in ihr Mikrofon sprechen hören. »Sunny Kerrigan von KING 5 News berichtet live vom ersten Tag des Nicholas Balagula-Prozesses, wo der menschenscheue Autor Frank Corso ...«
Er klappte den Kragen bis zu den Ohren hoch und zog den Kopf ein, während er die Straße hinaufeilte. Heute Abend würden die Live-Aufnahmen der Fernsehnachrichten eine kopflose Erscheinung im schwarzen Mantel zeigen, die die Tür des Gerichtsgebäudes aufzog und darin verschwand.
Dienstag, 17. Oktober, 10 Uhr 05
Renee Rogers ließ den Blick gerade rechtzeitig zur Treppe hinüberhuschen, um zu sehen, wie Corso die letzten drei Stufen zum Zwischengeschoss hinaufstieg. Leibhaftig sah er sogar noch besser aus als im Fernsehen, fand sie: Eins achtundachtzig bis eins neunzig, irgendwo in der Nähe der 40; unter einem Kaschmirmantel, der gut 3000 Dollar gekostet haben musste, trug er ein schwarzes Seidenhemd und Jeans. Ein Mann der Extreme, dachte sie, als er über den Marmorboden auf sie zuschritt. Wahrscheinlich hat ihm das damals so viel Ärger eingebracht.
Auch wenn er nicht wirklich stolzierte, lag doch eine Menge Hochmut in seinem Gang. Irgendetwas an seinen Bewegungen deutete darauf hin, dass es ihn nicht besonders interessierte, was andere Leute dachten. Sie fragte sich, was er wohl mit diesem großspurigen Auftreten kaschierte.
Er blieb neben ihr stehen, streckte die Hand aus und sagte: »Frank Corso.«
Sie nahm seine Hand und war verblüfft, wie rau sie war, und wie klein ihre eigene im Vergleich wirkte. »Renee Rogers.«
Über seine Schulter hinweg sah sie Klein und Butler aus der Herrentoilette kommen. Kleins schmale Augen wurden einen Augenblick lang groß, als er Corso erblickte. Er zog seine Weste zurecht und kam eilig auf sie zu.
Renee Rogers konnte sich gut vorstellen, was gleich passieren würde. Als Klein das Memo erhalten hatte, dass für einen Autor namens Frank Corso eine Ausnahme von der »Keine Zuschauer«-Regel gemacht wurde, hatte er am Rad gedreht. Obgleich eine prompte Rüge von der Justizministerin persönlich ihn den Mund hatte halten lassen, hatte das seinem Zorn keinen Abbruch getan.
Neben Corsos rechtem Ellenbogen kam er zum Stehen. Wieder streckte Corso die Hand aus. Klein schaute sie nicht einmal an. Stattdessen trat er zwischen Corso und Rogers, derart Nase an Nase mit dem anderen, wie es einem 20 Zentimeter kleineren Mann nur möglich war.
»Ich weiß nicht, was für Trümpfe Ihr Verleger ausgespielt hat, um Sie hier reinzubringen, aber egal, was es war, bei mir zieht das nicht.«
»Er war mit der Justizministerin auf dem College«, erläuterte Corso.
»Und diese Elitestudenten halten zusammen, wie?«
»Das sollten Sie doch wissen«, gab Corso zurück.
Kleins Nacken begann rot anzulaufen. »Ich hatte ein Stipendium für Yale. Ich hatte keine reichen Eltern, die die Rechnung gezahlt hätten. Ich hab gekellnert und Böden geschrubbt.«
»Na, dann haben Sie ja was gelernt, worauf Sie zurückgreifen können, wenn Sie diesen Prozess verlieren, nicht wahr, Mr. Klein?«
Klein unterdrückte ein hämisches Feixen nur schlecht. »Keine Bange, Klugscheißer. Ich hab das Arschloch festgenagelt, und ich lasse mich weder von Ihnen noch von irgendjemandem sonst davon abhalten, Nicholas Balagula hinter Gitter zu bringen. Vielleicht hat er das Rechtssystem unterlaufen, als jemand anders am Ruder war, aber wenn ich das Sagen habe, wird er das nicht tun.«
Über Kleins Schulter hinweg sah Corso, wie Renee Rogers’ Gesicht bei Kleins Worten blass wurde. Raymond Butler blickte zu Boden und rückte seine Krawatte zurecht.
»Das Einzige, was mich mehr freuen würde, als Balagula im Knast zu sehen, wäre, ihn auf dem elektrischen Stuhl zu sehen, wo er meiner Ansicht nach hingehört«, sagte Corso.
Klein schenkte ihm ein Barrakuda-Lächeln. »Na, dann sitzen Sie bei dem Spiel in der ersten Reihe.« Er streckte die Hand aus und tippte Corso mit dem Zeigefinger gegen die Brust, dreimal. »Aber ein Platz in der ersten Reihe ist alles, was Sie kriegen.«
Corso ließ die Hände aus den Taschen gleiten.
»Das ist alles, was ich will«, antwortete er.
Renee Rogers spürte das Knistern in der Luft. Klein streckte abermals die Hand nach Corso aus.
»Lassen Sie das«, sagte Corso leise.
Kleins gestreckter Zeigefinger hielt mitten in der Luft an, ungefähr zwei Zentimeter von Corsos Brust entfernt. Die Augen des Juristen wurden schmal, als er hochblickte. »Drohen Sie mir etwa?«
»Gott bewahre«, beteuerte Corso. »Ich verleihe lediglich meinem tief empfundenen Bedürfnis Ausdruck, nicht nochmal berührt zu werden.« Jetzt lächelte er. »Ich meine – schließlich – wer weiß, wo dieser Finger überall gewesen ist?«
Raymond Butler verbarg den Mund mit der Hand und drehte sich weg. Renee Rogers amüsierte sich ganz offen. Warren Klein schaute von einem zum anderen, nickte, als habe dieser Moment etwas bestätigt, das er bereits wusste, und marschierte davon. Butler bedachte Rogers mit einem Grinsen und folgte in Kleins Kielwasser.
»Nehmen Sie’s Warren nicht übel«, sagte Renee Rogers. »Er ist ein bisschen überdreht. Sein ruhmreicher Augenblick ist endlich gekommen, und er weiß nicht genau, was er damit anfangen soll.«
»Ich hoffe, er hat Recht, was den Prozess angeht«, meinte Corso.
»Er hat Balagula für den Fairmont-Einsturz am Sack. Einer von seinen Ermittlern hat einen Zeugen dazu gebracht, auszusagen, einen Zeugen, der Mr. B. sowohl mit dem mangelhaften Beton als auch mit den gefälschten Bohrproben in Verbindung bringen kann.«
Corso stieß einen leisen Pfiff aus. »Schade, dass Sie den Kerl beim letzten Mal nicht gehabt haben.«
Sie verdrehte die Augen. »Der Typ war einer der Verdächtigen. Ray hat ein halbes Dutzend Mal mit ihm geredet. Er hat behauptet, Harmon und Swanson hätten gelogen, als sie gesagt haben, er gehöre zu der Verschwörung.« Zornig wedelte sie mit der Hand durch die Luft. »Und natürlich waren sie nicht mehr da, um das zu entkräften.«
»Und dann, ganz plötzlich ...«
»Und dann schickt Klein irgendjemand auf meinen Spuren los, und urplötzlich sagt derselbe Trottel, er könne bezeugen, dass Balagula im Raum war, als die Mauschelei mit den Bohrproben besprochen wurde.«
»Woher dieser Sinneswandel?«
»Er sagt, der Gedanke an all die toten Kinder macht ihn allmählich fertig. Dass er nie wieder zur Ruhe kommen würde, wenn er nicht die Wahrheit sagt.« Sie bemerkte die Bitterkeit, die in ihrer Stimme mitschwang und schloss nachdrücklich den Mund.
Corso sah, wie die Muskeln ihres Unterkiefers sich spannten und zuckten. »Vielleicht ist es wirklich besser, Glück zu haben, als gut zu sein«, meinte er.
Sie schnitt eine Grimasse. »Das hätte nichts geändert. Balagula hatte die Jury schon kompromittiert.« Mit hochgezogener Braue sah sie Corso an. »Wie Sie ja genau wissen.«
»Ich hatte Glück«, entgegnete Corso.
Sie hielt seinem Blick stand. »Was Sie haben, Mr. Corso, sind exzellente Informationsquellen. «
»Na, so was aber auch«, sagte Corso mit einem Lächeln.
»Das ist nicht komisch«, beharrte sie. »Es ist nicht in Ordnung, dass irgendein Kerl, der ›Wahre Verbrecher‹-Krimis schreibt, mit besseren und akkurateren Informationen aufwarten kann als das Justizministerium.«
»Narrative Sachbücher«, verbesserte er.
»Ich werde nie vergessen, wie meine Sekretärin mir den Artikel im TIME Magazine gegeben hat, den Sie geschrieben hatten. Wenn ich eine Knarre gehabt und gewusst hätte, wo Sie zu finden sind, säße ich jetzt im Bau.«
Erbost über die blockierte Jury, hatte Corso es sich zur Aufgabe gemacht herauszufinden, wie 14 namenlose, gesichtslose Bürger identifiziert und dann beeinflusst worden waren. 14 Seelen, ausgewählt aus einem Aufgebot von über 5000 Wahlberechtigten aus King County. Die Kandidaten hatten bei den Befragungen hinter Wandschirmen gesessen. Fragen, die Aufschluss über die Identität des Betreffenden geben könnten, waren nicht erlaubt gewesen. Am Ende hatten weder die Staatsanwaltschaft noch die Verteidiger die Namen derer gekannt, die ernannt worden waren. Zwölf Geschworene und zwei Ersatzleute waren ausgewählt und sofort für die Dauer des Verfahrens in einem Hotel in der Innenstadt isoliert worden, unter den schärfsten Sicherheitsvorkehrungen, die man sich nur vorstellen konnte. Und trotzdem war es Balagula gelungen, an jemanden heranzukommen. Die Frage war nur, wie.
Wochen später war Corso bei der Lektüre des Gerichtsprotokolls auf genau den Zeitpunkt gestoßen, an dem seiner Ansicht nach Balagulas Leute die Liste der potenziellen Geschworenen in die Finger bekommen hatten. Genau am Ende der ersten Woche hatte sich alles verändert. Über Nacht hatte Elkins seine Verteidigungsstrategie umgestellt, war von aggressiven Bemühungen, alles abzustreiten und zu diskreditieren, dazu übergegangen, Zeit zu schinden. Er hatte den Richter mit Anträgen eingedeckt. Hatte behauptet, er sei krank. Hatte behauptet, Balagula sei krank. Alles in allem hatte er es nach Corsos Einschätzung geschafft, etwa drei zusätzliche Prozesswochen herauszuschlagen, eine Verzögerung, die sich als mehr als hinlänglich erwies, damit die Verteidigung ihren Zauber wirken konnte.
Das Balagula-Lager hatte die Liste mit den über 5000 Namen zunächst zu Berkley Marketing gebracht, einer zwielichtigen Telemarketing-Firma, die in einem baufälligen Lagerhaus residierte. Bezahlte sie dafür, telefonisch mit jedem auf der Liste Kontakt aufzunehmen. In nur drei Tagen hatte Berkley die Liste auf 33 Personen reduziert, deren gegenwärtiger Aufenthaltsort nicht auf die eine oder andere Weise verifiziert werden konnte.
Die Namen der 33 schickten sie an Allied Investigations, eine riesige, landesweit operierende Sicherheitsagentur, die durch eine Woche Pflaster treten die Zahl der Vermissten auf 16 verringerte.
Als Nächste waren Henderson, Bates & May an der Reihe, eine Anwaltskanzlei, die sich auf »Jury-Profiling« spezialisiert hatte. Zusätzlich zu Konsultationen mit wohl bekannten Autoritäten auf dem Gebiet der Psychiatrie, die nach labilen Persönlichkeiten Ausschau hielten, durchforsteten sie auch den finanziellen Werdegang aller 16 durch eine Hypothekenbank namens Fresno Guarantee Trust, die ihnen gehörte, in der Hoffnung, ein schwaches Glied in der Kette zu finden, was ihnen ganz offensichtlich auch gelungen war.
Es war nicht schwer, der Spur zu folgen, da keine der beteiligen Parteien das Gesetz gebrochen hatte und alle sich, zumindest zu Beginn, kooperativ zeigten.
Als das FBI anfing, Druck zu machen, und es offenkundig wurde, dass sie hier in etwas Ungutes hineingeraten waren, bekannten Berkley Marketing und Allied Investigations, dass die Aufträge per Fax und das Geld per Post eingegangen seien, so dass nur noch Henderson, Bates & May als mögliche Informationsquelle übrigblieb. Unglücklicherweise wurden die Versuche des Justizministeriums, die »Geschworenenprofile«, die Henderson, Bates & May erstellt hatte, in die Hand zu bekommen, von HB&M unter Berufung auf die anwaltliche Schweigepflicht abgeschmettert, eine Geltendmachung, die von mehreren höheren Instanzen bestätigt wurde.
»Haben Sie jemals herausgefunden, wo er die Liste mit den Jurykandidaten herhatte?«, fragte Corso.
Sie verzog das Gesicht. »Ray ist sich ziemlich sicher, dass es eine Sekretärin von der County-Verwaltung war, aber wir können es nicht beweisen.«
»Was sollte sie daran hindern, das noch mal durchzuziehen?«
»Überhaupt nichts. Alles, was wir tun können, ist, den Jury-Pool so groß wie möglich zu gestalten, ihre Anonymität zu wahren und sie außerhalb seiner Reichweite zu isolieren. Gegen undichte Stellen auf Bundesstaats- und Bezirksebene können wir nichts machen.«
»Wäre gut, wenn das Ganze schnell über die Bühne ginge«, meinte Corso.
»Das hat Warren auch vor.« Sie machte eine abfällige Geste mit der Hand. »Darum kommt auch nur ein einziger Fall zur Verhandlung. Nur die Fair mont-Sache. Fahrlässige Tötung in 63 Fällen.«
»Riskant.«
»Und unpopulär. Die braven Bürger von Alameda wollen, dass jemand für ihre Deputys bezahlt.«
»Was ist, wenn er sich wieder herauswindet?«
»Dann wird er freigesprochen. Es gibt keine Möglichkeit, ihn wegen irgendetwas noch einmal vor Gericht zu stellen. Wenn wir ihn diesmal nicht drankriegen, kriegen wir ihn gar nicht.«
»Und wenn Sie ihn drankriegen?«
»Dann bekommt er lebenslänglich, und alle sind zufrieden.«
»Rogers«, rief Klein vom anderen Ende des Zwischengeschosses her. Er tippte mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr.
»Er tippt gern gegen alles Mögliche, nicht wahr?«, bemerkte Corso.
Sie lächelte. »Ich muss los. War nett, Sie kennen zu lernen, Mr. Corso.«
Corso versicherte ihr, dass das Vergnügen ganz auf seiner Seite sei. Sie konnte seinen Blick auf sich ruhen fühlen, als sie davonging, die Treppe hinunterstieg und verschwand.
Dienstag, 17. Oktober, 15 Uhr 41
»Euer Ehren, ich muss abermals protestieren.«
»Dafür werden Sie bezahlt, Mr. Elkins. Protestieren Sie nur.«
Bruce Elkins breitete die Arme aus und ließ sie dann fallen, wobei er die Hände in einer Geste angewiderter Resignation gegen seine Schenkel klatschen ließ. »Ich sehe nicht, wie wir dieses Verfahren fortsetzen können, wenn Mr. Balagula seine grundlegendsten ... seine fundamentalsten ... verfassungsmäßigen Rechte vorenthalten werden.«
»Welche Rechte sollen das sein?«
»Das Recht, seinen Anklägern gegenüberzutreten. Das Recht, Blickkontakt mit den Menschen aufzunehmen, die über sein Schicksal entscheiden werden.«
Richter Fulton Howell fuchtelte mit seinem Hammer in der Luft herum. »Wie Sie sehr wohl wissen, Mr. Elkins, war das Berufungsgericht kürzlich anderer Meinung. Es hat angeordnet, dass die Umstände, unter denen dieses Verfahren stattfindet, außerordentliche Maßnahmen rechtfertigen, um die Integrität des gerichtlichen Prozederes zu wahren. Diese Angelegenheit steht nicht zur Diskussion. Bitte widmen Sie sich wieder der Sache.«
»Bei allem gebührenden Respekt, Euer Ehren –«
Der Richter winkte ab. »Wie wir heute Morgen schon ausführlich besprochen haben, Mr. Elkins, wird sich das Gericht nicht an irgendwelchen unnötigen Verzögerungen beteiligen.
Entweder Sie setzen die Verhandlung fort, oder ich beauftrage einen anderen Anwalt damit, Ihren Klienten zu vertreten.«
Elkins war schon seit über drei Stunden zugange; er behauptete, dass alles, was die Staatsanwaltschaft vorlegte, auf die eine oder andere Weise die Rechte seines Klienten verletze und daher nicht als Beweis zugelassen werden solle. Er legte es auf eine anfechtbare Fehlentscheidung an, zwang den Richter, über so viele Einsprüche zu entscheiden, dass irgendeine höhere Instanz letzten Endes wenigstens eine der Entscheidungen ablehnen und damit die Grundlage für eine Revision schaffen würde.
Elkins war gut. Lebhaft und theatralisch, nahm er den steten Strom abgewiesener Anträge vom Richtertisch mit deutlich zur Schau gestellter tiefer Enttäuschung hin, wie ein Kind, das am Weihnachtsabend feststellt, dass unter dem Baum nichts liegt, worauf sein Name steht, und sich bemüht, tapfer zu sein. Was Elkins ganz genau wusste, war, dass die Geschworenen nach einer Weile anfangen würden, ihn zu bedauern, Plexiglasscheibe hin oder her.
Nicholas Balagula schaute dem Ganzen mit nachdenklich – gleichgültiger Miene zu. Ein Mann des Volkes in einem billigen Anzug mit einer Timex-Armbanduhr, so saß er da und nippte an einem Glas mit Eiswasser, das er von Zeit zu Zeit aus dem Behörden-Plastikkrug nachfüllte, der auf dem Tisch der Verteidigung stand.
»Machen Sie weiter, Mr. Elkins«, sagte der Richter wieder.
Elkins ging zurück zum Tisch, wo er ein Dokument aus einem der braunen Aktendeckel zog, die auf der Tischplatte verstreut lagen. Er hielt das Blatt auf Armeslänge von sich weg und fasste es lediglich an einer Ecke an, als sei es verseucht.
»Sicherlich werden Euer Ehren mir zustimmen, dass Neueinträge in die Zeugenliste in allerletzter Minute als nachteilig für die Verteidigung anzusehen sind.« Richter Howells Miene machte deutlich, dass er dergleichen ganz und gar nicht zustimmte. Unbeirrt fuchtelte Elkins mit dem Dokument herum und begann, eine Show für die Jury abzuziehen. »Nachdem es ihnen beiden nicht gelungen ist, meinem Klienten auch nur ein minderes Delikt nachzuweisen, nach fast drei Jahren Rechtsstreit und der Verschwendung unzähliger Millionen an öffentlichen Geldern« – er fuhr rasch herum und schwenkte das Blatt Papier in Richtung der Anklage –, »wollen diese Leute uns glauben machen, plötzlich mit einem Zeugen aufwarten zu können, dessen Aussage hinlänglich zwingend ist, um seine Aufnahme in die Zeugenliste in letzter Sekunde zu gestatten. Hinlänglich weltbewegend, um eine eklatante Missachtung der grundlegendsten Regeln der Beweisaufnahme zu rechtfertigen.«
Jetzt war Klein auf den Beinen. »Euer Ehren –«
Elkins hob die Stimme und sprach weiter. »Als wäre die böswillige, niederträchtige Strafverfolgung Mr. Balagulas nicht schon Travestie genug –«
»Das reicht, Mr. Elkins«, sagte der Richter.
»Als wäre der emotionale Schaden und der finanzielle Ruin, der über Mr. Balagula und seine Familie gebracht wurde, kein Schandfleck auf unserem Justizsystem –«
»Euer Ehren!« Wieder Klein.
Die Hängebacken des Richters bebten, als er seinen Hammer dreimal niedersausen ließ.
»Das reicht vollauf, Mr. Elkins«, mahnte er.
