Rotkäppchen und der Hipster-Wolf - Nina MacKay - E-Book

Rotkäppchen und der Hipster-Wolf E-Book

Nina MacKay

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Beschreibung

Im Märchenwald ist die Hölle los. Alle Happy Ends wurden gestohlen! Cinderella, Schneewittchen und Co. beschließen, ihre verschwundenen Prinzen zu retten, wozu sogleich eine "Verhöre-und-Töte"-Liste der Verdächtigen erstellt wird: 1.Wölfe töten 2.Hexen töten 3.böse Stiefmütter töten (wobei das oft mit Punkt 2 einhergeht) 4.böse Feen töten Nur Red findet die Idee äußerst schwachsinnig. Doch dann taucht ein gutaussehender Hipster auf, der mehr über die verschwundenen Prinzen zu wissen scheint. Schnell stellt sich heraus, dass Everton eigentlich ein Werwolf ist und auf der Liste der durch die Prinzessinnen bedrohten Arten steht. Red bleiben plötzlich nur sieben Tage, um die Prinzen zu finden, bevor sie Ever ausliefern muss. Doch warum will gerade er eigentlich die Happy Ends zurückbringen? Benutzt er Red nur für seine eigenen Zwecke? Sicher ist jedoch: In Reds Leben nimmt ab sofort die Zahl der Hipsterwitze wahnwitzige Ausmaße an, sehr zum Leidwesen von Ever...

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Beliebtheit




Rotkäppchen und der Hipster-Wolf

Nina MacKay

Inhalt

Impressum

Widmung

Vorwort/Warnung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Danksagung

Über die Autorin

Bücher von Nina MacKay

Copyright © 2016 by

Drachenmond Verlag

Astrid Behrendt

Rheinstraße 60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

 

Lektorat : Isabell Schmitt-Egner

Korrektorat: Lillith Korn

Layout: Michelle N. Weber

Illustrationen: Andrea Grautstück & Mirjam H. Hüberli

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991- 991-3

Alle Rechte vorbehalten

Für Mom,

die mir immer Märchen zum Einschlafen vorlas

und dabei stets die Erste von uns beiden war, die einschlief.

Aber so hatte ich die Gelegenheit, mir selbst auszudenken,

wie so ein Märchen über ein Mädchen im roten Cape,

mutterseelenallein im Wald, weitergehen könnte …

Vorwort/Warnung

Auf vielfachen Wunsch meiner Leser auf Instagram und Wattpad soll ich hier eine kurze Warnung an alle abgeben,

die im Begriff sind, dieses Buch zu lesen:

Sagt später nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

Falls ihr dieses Buch in der Öffentlichkeit lest,

kann es zu pikierten Blicken von Passanten/Busfahrern/Mitreisenden kommen, wenn ihr aus scheinbar heiterem Himmel

bei bestimmten Textstellen laut loslacht.

Betrachtet meine Warnpflicht zum Thema

»mögliche peinliche Situationen beim Lesen dieses Buches«

bitte hiermit als erledigt!

Kapitel 1

Ach, findest du das lustig, ja?«, fragt der Typ, der über mir an einem Ast baumelt. 

Ich lache schon seit zwei Minuten und kann einfach nicht aufhören. 

Statt einem Wolf oder Hirsch ist mir ein Hipster in die Falle gegangen! Strampelt gerade empört in meinem Netz drei Meter über dem Boden herum. 

Wieder erfasst mich ein Lachkrampf, schüttelt mich, bis ich Tränen in den Augen habe. Ich muss mich gegen den Baumstamm lehnen und nach Luft schnappen. Dabei fällt mein Blick wieder auf den Hipster im Holzfällerhemd, der durch seine Nerdbrille böse auf mich herabschaut.

»Diese allgemeine Heiterkeit empfinde ich als äußerst unpassend«, merkt er jetzt an. »Und dem Anlass überhaupt nicht angemessen.«

Eine neue Lachkrampfwelle durchzuckt mich, als ich wie ein Pferd loswiehere. Der Hipster ist einfach zu gut. Er sollte seine eigene Comedyshow bekommen! Ich nehme mir sofort vor, ein Video von ihm auf meinen Youtube-Kanal zu stellen.

»Wirklich schön, dass ich dich so erheitern konnte. Würdest du jetzt die Freundlichkeit besitzen, mich loszubinden?« 

Ich kreische los und möchte mich am liebsten auf den Boden werfen: »Wieso? Hält das Netz nicht mehr? Ich dachte Hipster wiegen nur ein Instagram!« Dann ist es endgültig um meine Selbstbeherrschung geschehen und ich gebe dem Baum neben mir kurz hintereinander mehrere High Fives. 

»Schöne Zurschaustellung deiner Reife. Rotkäppchen, nehme ich an?« Er mustert mein rotes Cape, das ich über meiner Bluse und Jeans trage. »Wie alt bist du?«

»Achtzehn«, japse ich. »Und mein Name ist Red! Oder ist dir das zu Mainstream?« Wieder gackere ich über meinen eigenen Hipster-Witz los, inzwischen sehr zum Leidwesen meines Zwerchfells. 

Gerade als ich mein Smartphone aus der Tasche ziehen und ihm anbieten will, ein lustiges Foto für seinen Blog zu machen, schließlich hängt man ja nicht jeden Tag in einer Tierfalle fest, wird es dem Hipster zu bunt. Er flucht, bleckt die Zähne. Und dann passiert etwas Merkwürdiges. Von jetzt auf gleich verwandeln sich seine Hände in Tierpranken mit scharfen Nägeln. Wie ein wildgewordener Luchs faucht er und schlägt dabei um sich, zerreißt das Netz, das sich um seinen Körper spannt.

Als er auf dem Boden aufschlägt, entfährt dem Hipster ein Röcheln. Laub bedeckt seine dunklen Haare, und er versinkt bis über seinen Dreitagebart im Dreck. Aber immerhin höre ich keine Knochen knacken. 

Seltsamerweise lugt allerdings plötzlich hinten aus einem Riss an seiner Jeans ein Schwanz hervor. Ein bauschiger Hundeschwanz! Mir schwant Böses. »Du … bist ein Hipster-Wolf?«

»Werwolf«, japst der Hipster. »Und mein Name ist Everton.«

Drei Tage zuvor

Snow, besser bekannt als Schneewittchen, rammt ihr Kuchenmesser in den Tisch. Den Oberkörper über die Tischplatte gebeugt, fixiert sie die anderen Prinzessinnen mit scharfem Blick. »Wie könnt ihr einfach so herumsitzen und Buttercremetörtchen essen, wenn all unsere Happy Ends gestohlen worden sind?«

»Ähm, also Snow, das ist jetzt nicht ganz fair«, schmatzt Rapunzel zwischen zwei Bissen. »Schließlich hast du eben auch noch Törtchen gegessen.« Sie deutet auf das mit Buttercreme verschmierte Messer, das jetzt mit der Spitze im Tisch steckt. 

Ich seufze, lehne mich dann in meinem Stuhl zurück und kratze mich am Rücken. Warum müssen eigentlich alle Möbelstücke in Snows Schloss aus Ebenholz sein? Unbequem ist gar kein Ausdruck mehr für diese Sitzgelegenheit. Umständlich und mit steifen Bewegungen massiere ich mir das Schulterblatt. Autsch. Unter halb geschlossenen Lidern schiele ich dabei auf die anderen Teilnehmerinnen unserer wöchentlichen Teeparty, die jeden Samstagnachmittag in Schneewittchens Schloss stattfindet. Die berühmtesten Prinzessinnen des Märchenwalds versammelt. Und ich, Rotkäppchen. Vollkommen kronen- und prinzlos sitze ich wie immer unter ihnen. Nur dass das an diesem Tag gar keinen Unterschied macht, denn gewissermaßen sind wir heute alle ziemlich prinzlos. Ich betrachte meine beste Freundin Rose, die auf dem Ebenholzfolterstuhl neben mir sitzt. Ihr hundertjähriger Dornröschenschlaf endete mit Kuss und Prinz. Aber genau wie alle Prinzen, ist auch ihr Ehemann vor zwei Tagen spurlos verschwunden. Sie bläst sich eine dunkelblonde Haarsträhne aus der Stirn und starrt auf das Kuchenmesser im Ebenholztisch. Dabei macht sie wie immer einen recht müden Eindruck.

Neben ihr spielt Aschenputtel, die wir alle nur Cinder nennen, an ihrem Haarreif herum. Ihre blonde Hochsteckfrisur sitzt wie immer tadellos und steht den Brautfrisuren in allen gängigen Hochglanzmagazinen in nichts nach. Wahrscheinlich wird sie gleich den Mund aufmachen und ungefragt irgendwelche Beautyratschläge in die Runde werfen.

»Der Punkt ist ein anderer«, tut Snow Rapunzels Einwand mit einer Handbewegung ab. »Unsere Ehemänner sind verschwunden und nach zwei Tagen glaube ich nicht mehr, dass sie von allein wieder auftauchen. Ich werde das nicht länger hinnehmen. Niemand nimmt mir mein hart verdientes Happy End weg!«

Ja, arme Snow. Noch nicht mal ihr neunmalkluger Spiegel konnte die Prinzen bisher aufspüren. Und das will was heißen, denn Spieglein findet sonst immer alles und jeden über dessen GPS und soziale Medien. Ganz davon abgesehen, dass er in alle Spiegel des Landes schlüpfen und so jede Maus ausspionieren kann. Ich neige den Kopf zur Seite und betrachte unsere selbsternannte Anführerin eingehend. Snows Gesicht ist zwergenzipfelmützenrot angelaufen. Ihre kunstvoll aufgetürmte Nestfrisur löst sich bereits an einigen Stellen, sodass das Ebenholzhaar strähnchenweise hervorquillt. Sie sieht aus, als hätte sie seit zwei Tagen kein Auge zugemacht. 

»Ohne meinen Mann kann ich nicht schlafen!«, beschwert sie sich jetzt bei uns, so als seien wir schuld an ihrem Unglück.

»Wir sind doch zu fünft und darüber hinaus clever«, wirft Cinder jetzt ein. »Warum machen wir uns nicht auf die Suche nach unseren Prinzen?«

Snow stockt. Offensichtlich hat sie mit dieser Frage nicht gerechnet. Vielleicht hat sie auch gehofft, keinen Finger krummmachen zu müssen. Dass ihr Happy End ohne große Anstrengung zu ihr zurückkehrt. Einfach so. Aber nach achtundvierzig durchwachten Stunden und einem erfolglosen Spieglein dämmert wohl auch meiner leicht cholerischen Freundin, dass langsam Handlungsbedarf besteht.

Ich verdrehe die Augen. Dabei hat bisher keine meiner Freundinnen auch nur einen Finger gerührt, und sie haben in schönster Prinzessinnenmanier abgewartet, dass jemand anderes das Problem angehen möge. Oder vielleicht war Cinders Nagellack einfach noch nicht trocken.

»Was ist denn, wenn eure Prinzen sich einfach nur eine Auszeit von euch nehmen? Einen Männertrip machen, sozusagen?«

Für diesen Einwand ernte ich nur verständnislose Blicke.

»Wie kannst du so etwas sagen?«, ereifert sich Snow. »Nie, nie, nie würden die Vier einfach so abhauen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen! Unsere Ehemänner kennen uns gut genug. Nein, unter keinen Umständen würden sie unser Happy End gefährden. Davon hast du natürlich keine Ahnung, Red.« Sie zieht eine Augenbraue hoch, was ihr einen abfälligen Gesichtsausdruck verleiht.

Genervt versuche ich, in eine bequemere Sitzposition zu gleiten, was mir nicht so recht gelingen will. Diese vier Freundinnen sind zeitweise nur schwer zu ertragen. Aber was wäre meine Alternative? Noch ein Jahr mit Rehen und Bären über mein Wolf-Trauma diskutieren? Nein, danke, dann würde ich vollkommen durchdrehen. Bei den ganzen Allüren und Traumata der Helden bei uns im Märchenwald würde ein Psychiater sicher gut verdienen. Leider haben wir aber nur Möchtegern-Psychiater zu bieten, die noch gestörter sind als ihre Patienten.

»Schon gut«, wiegele ich also ab. »Was glaubt ihr denn, was passiert sein könnte?«

Cinder, die während meiner Auseinandersetzung mit Snow eine Nagelfeile aus ihrer Tasche gezogen hat, und jetzt so heftig an ihren Nägeln feilt, als ginge es um ihr Leben, betrachtet uns gespannt.

Der Stuhl unter mir knackt in der Stille.

»Ja, alfo …«, beginnt Rapunzel, den Mund noch voll mit Buttercremetörtchen. »Wie wa nohma die Frache?«

»Rapunzel, ab hundert Gramm wird es undeutlich«, teilt ihr Cinder hilfreich mit.

Rapunzels Augen verengen sich und sie würgt den Bissen hinunter. Sie wirft sich ihren meterlangen blonden Zopf über die Schulter. »Na, vielen Dank, Cinder. Wenn ich dich nicht hätte. Wer sollte mir dann all die klugen Tipps geben? Tagein, tagaus?«

»Die Frage war«, beginne ich erneut, bevor sich Cinder ein Buttercremetörtchen von Rapunzel einfangen kann, »was glaubt ihr, was hinter dem Verschwinden eurer Prinzen steckt?«

»Ja, was steckt denn dahinter?« Rose’ Kopf ruckt nach oben. Wahrscheinlich ist sie irgendwann in den letzten Minuten eingenickt.

»Das fragt sie doch uns, Mann!« Snow, der anscheinend auch langsam der Geduldsfaden reißt, zieht ihr Messer wieder aus der Tischplatte, betrachtet es dann sorgfältig. »Wenn einer von euch meinen Ehemann verschleppt hat, rückt er jetzt besser sofort mit der Sprache heraus!« Den Droh-Effekt in ihrer Stimme unterstreicht sie damit, dass sie mit dem Buttercrememesser nacheinander auf jede von uns deutet. Quasi ein russisches Roulette. Mit Buttercreme.

Stille. Nur Rapunzel verspeist mit offenem Mund ein weiteres Törtchen. Die Geräusche, die sie dabei erzeugt, kann ich nur als unmenschlich grauenhaft beschreiben.

»Was hat Snow gesagt?«, flüstert mir Rose zu. Ihre Augenlider rutschen ständig nach unten.

»Ich hätte eigentlich lieber noch ein Buttercremetörtchen als deinen Mr-Perfect-Prinzen«, sagt Rapunzel jetzt altklug.

Wieder landet das Messer mit Karacho im Ebenholztisch, sodass Rose und Cinder zusammenzucken.

»Das nimmst du zurück«, sagt Snow gefährlich ruhig, wobei sie sich so weit, wie es nur geht, über den Tisch in Richtung Rapunzel beugt.

»Reg dich ab, das war ein Scherz. Wie war jetzt noch mal die Frage?«

Ich ertrage diese Unterhaltung keine Sekunde länger. Das hier ist ein Irrenhaus. Rapunzel war ja noch nie die Hellste. Ich meine, wer sitzt schon sechzehn Jahre freiwillig in einem Turm, ohne das Ganze zu hinterfragen? Und lässt dann auch noch »ihre Mutter« an ihrem Zopf den Turm emporklettern? Nun ja, ich sollte lieber ganz still sein. Schließlich bin ich auf einen Wolf hereingefallen, der sich als meine Großmutter verkleidet hat. Und Rose hat eine Spindel berührt, obwohl sie wusste, dass ein Spinnrad ihr Tod sein würde … Wir sind wohl alle nicht die hellsten Sterne am Firmament. 

»Mädels, ich sage, wir erheben uns und wagen mal was!« Cinder reckt ihre Nagelfeile wie ein Schwert in die Luft. »Wir gehen da jetzt raus und suchen unsere Happy Ends!«

»Ach ja?«, frage ich mäßig überzeugt. »Du suchst doch nur nach einer Gelegenheit, ein paar hübsche Outdoor-Fotos für deinen Blog zu schießen.«

Cinder wirkt ertappt.

Ich hüstele, doch bevor ich hinzufügen kann, dass ich ja gar keinen Prinzen habe und daher eigentlich wunsch- und prinzlos glücklich bin, hebt Snow beide Hände. Das Messer lässt sie dabei auf ihren Teller fallen, wo es klirrend landet. »Noch mal einen Schritt zurück! Was könnte geschehen sein? Eigentlich kann doch nur einer unserer Feinde die Prinzen entführt haben. Wie damals, bevor wir unsere Happy Ends fanden. Jemand will sich an uns rächen!« Sie schaut in die Runde. Wir nicken. An Rapunzels Kinn klebt Buttercreme.

Rose legt den Kopf auf den Tisch. Irgendwie möchte ich ihr das gerne nachmachen, nur eben mit der Stirn voran, und dann mit meinem Schädel mehrmals auf das Ebenholz hämmern. »Was, wenn es eine böse Fee war?«, seufzt sie undeutlich.

»Oder eine Hexe!«, krächzt Rapunzel.

»Oder eine böse Stiefmutter!« Cinders Augen weiten sich.

Rose schlägt sich vor Schreck eine Hand vor den Mund. Vielleicht versucht sie aber auch nur, ein Gähnen zu verstecken. Ich bin mir nicht sicher.

Ich beiße mir auf die Unterlippe. Meine Finger verkrampfen sich, als sie sich fest um meinen Kuchenteller schließen. »Vielleicht ein böser Wolf.« Ach ja, mein Wolf-Trauma. Immer noch nicht überwunden. Aber daran arbeite ich bereits …

Snow nickt, offenbar sehr zufrieden mit uns. »Ganz genau davon rede ich doch die ganze Zeit!«

»So, tust du das?« Ich kneife die Augen zusammen.

Zuerst versucht sie, den Anschein zu erwecken, als hätte sie mich nicht gehört, dann, als niemand anderes mehr etwas sagt, gibt sie zu: »Jedenfalls wollte ich gerade vorschlagen, dass wir eine Liste mit Verdächtigen aufstellen.«

Während ich mir noch im Geiste eine Notiz mache, nächsten Samstag eine ansteckende Krankheit vorzutäuschen, kramt Cinder ein Blatt Papier aus ihrer Handtasche.

»Super!«, freut sich Snow. Sie freut sich sogar so sehr, dass sie das Blatt mit dem Buttercrememesser auf dem Tisch festpinnt. »Das wird unsere geheime Operation!«

»Ach ja? Codename: Happy End, oder wie?«, murmle ich, was allerdings niemand mitzubekommen scheint.

Hektisch schaut sich Rapunzel um. Man könnte meinen, sie suchte das Esszimmer nach bösen Hexen ab. »Hat jemand einen Stift? Womit sollen wir schreiben?«

»Wir schreiben die Namen mit unserem Blut!«, fordert Snow mit gereckter Faust.

Nach dieser Ansage schauen wir alle ziemlich blöd drein.

»Kleiner Scherz«, winkt sie ab. Kurz danach, wir anderen starren sie in der Zeit immer noch verwirrt an, zieht Snow einen Kugelschreiber aus der Tasche ihres Kleids. »So, mal sehen … wer kommt auf die Liste?«

»Welche Liste?« Neben mir rutscht Rose im Halbschlaf beinahe vom Stuhl. Im letzten Moment kann ich sie am Arm packen. Ihre Schlaferitis-Krankheit ist heute mal wieder besonders anstrengend. Eine Nachwirkung von ihrem hundertjährigen Schlaf.

»Wie nennen wir unsere tolle Liste denn?« Cinder beäugt das Blatt interessiert, wobei sie ihr Handy zückt.

»Hör auf darüber zu bloggen«, weise ich sie sofort zurecht. »Das ist keine Geheimoperation mehr, wenn sie auf deinem Blog zu finden ist!«

»Musst du gerade sagen, Miss-meine-tägliche-Zopffrisur-geht-noch-vor-dem-Frühstück-online«, schießt sie zurück.

Ich betaste den kunstvollen, umgekehrten französischen Zopf, der mir über die Schläfe bis zum Schulterblatt reicht, wo er mir zusammen mit meinem übrigen blonden Haar in sanften Wellen über die Schulter fällt. »Na und? Das ist wenigstens nicht geheim!« Außerdem ist mir mein Instagram-Blog heilig.

»Die Verhöre-und-Töte-Liste«, spricht Snow derweil laut mit, während sie den Namen ganz oben auf das Blatt setzt. Damit wäre das auch geklärt.

»Oh, oh!« Rapunzel hüpft aufgeregt auf ihrem Stuhl herum, wobei sie eine Hand hebt, als wollte sie unbedingt als Nächste drangenommen werden.

»Wir sind hier nicht in der Schule, Rapunzel«, sagt Snow, ohne den Blick zu heben. Gerade ist sie viel zu sehr damit beschäftigt, auf ihrem Stift herumzukauen und die Liste zu betrachten. »Vielleicht sollten wir zuerst alle umbringen und erst danach Fragen stellen.«

Na, wenn das so ist, dann weiß ich, wen ich tot sehen möchte.

»Punkt Eins«, sage ich. »Wölfe töten!«

»Zweitens: Hexen töten!«, plappert Rapunzel gleich hinterher. »Und Punkt drei: böse Stiefmütter töten!«

Cinder neigt den Kopf. »Wird es da nicht zu Überschneidungen kommen? Ich meine, wie viele böse Stiefmütter kennt ihr, die nicht gleichzeitig auch Hexen sind?«

Wir überlegen alle ein bisschen.

»Guter Punkt«, meint Snow irgendwann, deutet mit ihrem Stift auf Cinder, die sich stolz aufrichtet und dann heimlich ein Selfie von sich in Siegerpose schießt. Zwei Sekunden später teilt mir mein Handy mit, dass Cinder ein neues Bild auf Instagram hinzugefügt hat.

Derweil fügt Snow eine Randnotiz unter Punkt Drei hinzu. »Wen haben wir jetzt vergessen?«

»Na ganz klar, es fehlt noch Viertens: böse Feen töten«, gähnt Rose. Ich bin ein wenig überrascht, dass sie wach ist und es auch noch geschafft hat, der Diskussion bis hierhin zu folgen.

»Okaaaaay.« Snow zieht das Wort in die Länge, als wollte sie wie Rose im Halbschlaf eine Rechenaufgabe erklären. »Dann wären das also unsere To-Dos.« Mit der Spitze des Kugelschreibers tippt sie auf das Blatt. Ich ziehe ein bisschen daran, um es besser lesen zu können, wodurch eine Ecke einreißt. Denn das Kuchenmesser steckt ja noch darin.

»Die Verhöre-und-Töte-Liste«, lese ich vor, räuspere mich und beginne die vier Punkte herunterzurasseln. Cinder hört mir als Einzige aufmerksam zu.

Danach lasse ich meinen Blick noch einmal etwas langsamer über die schwachsinnigste Liste gleiten, die mir je untergekommen ist:

Die Verhöre-und-Töte-Liste:

1.) Wölfe töten2.) Hexen töten3.) böse Stiefmütter töten (wobei das oft mit Punkt 2 einhergeht)4.) böse Feen töten

Wieso sollten wir sie erst töten und danach Fragen stellen? Das ergibt keinen Sinn. Außer vielleicht bei den Wölfen, denn ich vertrete nach meiner eigenen traumatischen Erfahrung ja den Grundsatz: Nur ein toter Wolf ist ein guter Wolf. Andererseits finden wir auf Snows Art eher wenig zum Verschwinden der Ehemänner meiner vier Freundinnen heraus. Manchmal macht mir Snows Blutrünstigkeit durchaus Angst. Wann ist sie eigentlich so gemein geworden? Damals, durch die Langeweile nach ihrer Hochzeit mit Prinz Philip, oder erst, seit sie bei dieser Castingshow »Märchenwald singt für dich« abgelehnt wurde?

Wie auch immer. Gerade möchte ich absolut keine Fragen mehr stellen. Mein Gehirn dröhnt bereits unter der Last der ermüdenden Gespräche an diesem Tag.

»Wann legen wir los?«, will Cinder wissen. »Ich muss Prinz Charming so schnell wie möglich zurückbekommen. Ohne ihn ist das Schloss einfach zu leer.«

Ihre Probleme möchte ich ja nun wirklich nicht haben …

Snow reckt das Kinn. »Wir fangen sofort an!«

»Moment mal«, werfe ich ein. »Ihr könnt nicht einfach so losziehen und Leute töten. Warum bitten wir nicht erst mal die Jäger um Hilfe?«

Snow wirft mir einen bösen Blick zu. »Nur weil du von einem Jäger gerettet wurdest, heißt das noch lange nicht, dass sie auf unserer Seite stehen.«

»Ach ja? Dich hat der Jäger deiner Stiefmutter doch auch verschont! Ich finde, wir sollten die Jäger bitten, nach Spuren zu suchen. Vielleicht finden sie Hinweise auf das Verschwinden eurer Prinzen.«

»Mein Ehemann kämpft vielleicht gerade irgendwo verzweifelt gegen eine Hexe. Ich werde keine Zeit mit den Jägern vertrödeln, die – seien wir doch mal ehrlich – uns noch nie ernst genommen haben.« Und damit steht Cinder so abrupt von ihrem Folterstuhl auf, dass er hintenüberkippt. Sie scheint ihre prinzlosen Tage keine Sekunde länger ertragen zu wollen.

Rapunzel erhebt sich ebenfalls und Snow steht ja sowieso schon die ganze Zeit. »Wenn du nicht mitkommst, okay. Du hast sowieso keinen Prinzen, den du vermisst.«

Autsch, das tat fast ein bisschen weh.

»Aber du, Rose, kommst mit, oder?«, fährt Cinder fort.

Ich werfe einen Blick auf meine beste Freundin, die mit dem Gesicht nach unten auf der Tischplatte liegt. »Eingeschlafen«, informiere ich die anderen.

Gegenwart

Oh, oh. Gerade habe ich mir noch einen Wolf gelacht, aber jetzt starre ich fassungslos auf den Hipster vor mir, der ganz offensichtlich ein Hipster-Wolf ist!

Sofort meldet sich meine alte Wolfphobie und ich trete einen Schritt zurück. »Das ist ein Scherz, oder?« Ich meine, das ist doch viel zu durchgedreht, um wahr zu sein, und ich habe ja wirklich schon viel verrücktes Zeugs erlebt!

Everton, der gerade seine Brille am Ärmel abwischt, hebt überrascht den Kopf. »Was jetzt genau?«

»Du … Du bist ein Werwolf?«

»Richtig.« Er setzt die Nerdbrille wieder auf und versucht sich an einem zaghaften Lächeln. »Halb Mensch, halb Wolf. Nachts bei Vollmond hauptsächlich Wolf.«

Irgendwie wird mir das gerade alles zu viel. Ein Wolf, nein, ein Halbwolf steht da vor mir und starrt mich an. Automatisch mache ich noch einen Schritt rückwärts. Meine Gedanken rasen. Eigentlich steht dieser Everton damit auf der Verhöre-und-Töte-Liste ganz oben. Genau betrachtet: auf Platz eins! Ich sollte ihn töten, hier und jetzt. Und erst danach Fragen stellen. Doch irgendetwas hält mich davon ab.

»Du siehst ein wenig irritiert aus«, bemerkt der Hipster-Wolf jetzt. »Aber immerhin hast du aufgehört mich auszulachen. Das erfreut mich ungemein.« Seine Mundwinkel heben sich.

»So? Kannst du ja so twittern, wenn du willst. Wäre das nicht auch eine schöne neue Facebook-Status-Meldung? Werde nicht mehr ausgelacht. Bin hocherfreut.« Was rede ich da eigentlich? Ich muss mich zusammenreißen. Mein Trauma darf mir nicht immer im Weg stehen! Es ist kein gemeiner, echter Wolf! Nur ein Hipster-Wolf. Wahrscheinlich vollkommen ungefährlich, so wie er aussieht. Trotzdem fühlt sich mein Gehirn wie in Watte gepackt an. Gerne möchte ich fragen, was er hier macht und ob er Menschenfleisch zum Dinner bevorzugt. Doch stattdessen höre ich mich fragen: »Everton? Wie nennen deine Freunde dich dann? Ever?«

Der Hipster-Wolf seufzt. »Ja, das ist quasi mein Spitzname.«

»And they lived happily Ever After …«, rezitiere ich den Schluss aller Märchen.

»Schon gut. Ja, du darfst mich auch Ever nennen, aber dann bitte Themenwechsel.«

Oh, habe ich da etwa einen wunden Punkt getroffen? Egal. Erneut rufe ich mich selbst zur Ordnung. Ich muss laut dem Plan meiner Freundinnen unbedingt ein paar Fragen stellen. Also lege ich los: »Was machst du eigentlich hier? Und hast du zufällig vier recht attraktive Prinzen gesehen?« Hm, subtil ist irgendwie anders. Was macht dieser Hipster-Wolf nur mit mir, dass ich mich hier um Kopf und Kragen rede? »Also wir vermissen vier Prinzen. Haben sie das letzte Mal so vor ungefähr fünf Tagen gesehen.«

»Vor fünf Tagen sagst du?« Er fährt sich über seinen Dreitagebart.

»Ja, was nun? Ich dachte, ihr Hipster seid dem gemeinen Volk immer einen Schritt voraus!« Unter einem herausfordernden Blick verschränke ich die Arme vor der Brust. Dabei fällt mein Handy blöderweise zu Boden, was den überlegenen Effekt ungefähr um die Hälfte reduziert.

»Vor fünf Tagen hat mich fast eine riesige Kutsche überfahren. Wäre möglich, dass darin mehr als zwei männliche Adelige mit Krone gesessen haben …«

Nun werde ich doch hellhörig. Kann ich wirklich so viel Glück haben und auf jemanden gestoßen sein, der Informationen über das Verschwinden der Prinzen hat?

»Aber warum fragst du mich das?«, will er jetzt wissen. »Wer sind diese Prinzen?«

»Tjaaa«, sage ich gedehnt. »Wenn ich dir das verraten würde …« Ich lasse den Satz bewusst unvollendet, sammle stattdessen mein Handy wieder vom Boden auf.

»… dann müsstest du mich töten«, ergänzt Ever den Satz. Dabei grinst er ein wenig blöd und kratzt sich im Nacken.

Ich sehe auf. Wie recht er da doch hat. »Was denkst du, wo sie hingefahren sein könnten? Wirkten sie irgendwie verschüchtert? Denkst du, sie könnten entführt worden sein?«

»Hm«, macht Ever und fragt dann zurück: »Was denkst du denn?«

»Ich denke, ich habe zuerst gefragt.« Gott, am Ende muss ich ihn wirklich umbringen, den nervigen Hipster. Immerhin scheint meine Wolfphobie durch diese Unterhaltung mit ihm so gut wie kuriert zu sein!

Plötzlich geht mir auf, dass das mit dem Umbringen eigentlich gar kein Scherz ist. Jedenfalls nicht sein muss. Schließlich sollte ich diesen Hipster-Wolf laut der Verhöre-und-Töte-Liste wirklich um die Ecke bringen. Also in echt. Ich stöhne leise auf. »Erinnerst du dich, wohin die Kutsche gefahren ist?«

»Hm, ich stand gerade auf der Lebkuchen Lane, ganz im Süden und ja … wie gesagt, ich stand da einfach so, hörte ein paar Demoversionen einer neuen Indie-Band … und dann: Wie aus dem Nichts rauschte diese Kutsche heran. Geschlossen, zwei Pferde. Mir war, als säßen mehrere adelige Männer darin. Alles voller Kronen.«

»Aha.« Mir fällt auf, dass irgendetwas nicht ganz stimmig an der Geschichte ist. »Was genau hast du auf dieser abgelegenen Straße gemacht?« Die Lebkuchen Lane liegt in etwa so abseits von allen Dörfern im Märchenwald wie der Mars.

Er reagiert nicht sofort, rückt sich erst seine Nerdbrille zurecht, von der ich vermute, dass er sie nur aus modischen Gründen trägt. Mein Fuß tappt rhythmisch auf den Boden.

Dann flackern seine dunkelbraunen Augen. »Sollte so eine Art spirituelle Pilgerreise werden. Ich bin Journalist und schreibe für ›Das tapfere Schreiberlein‹, vielleicht hast du schon mal von meiner Kolumne ›Schrot und Korn‹ gehört?«

Oh. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. »Das tapfere Schreiberlein« ist ungefähr der größte Mist unter der Sonne. Normalerweise prangen auf der Titelseite Themen wie: »Warum Frösche die besseren Prinzen sind«, »Die goldene Gans – nur ein Alien?« und »Fischzucht mit Chiasamen«.

»Interessant«, sage ich stattdessen.

»Das sagst du doch jetzt nur so.« Seine Stimme klingt eine Spur geschmeichelt.

»Du jagst also im Namen dieses Käse-, ähm … Chiasamenblatts den neusten Trends hinterher?«, will ich wissen. »Oder ist diese Hipster-Hirse schon wieder out? Was kommt als nächstes? Topfpflanzenwurzeln im Tee?«

Langsam geht ihm auf, dass ich mich über ihn lustig mache. »Du würdest dich wundern!«

Das bezweifle ich ja gar nicht. Dennoch keimt in mir das Gefühl wie ein Beutel Chiasamen auf, dass er etwas vor mir verbergen möchte. Ich seufze. »Also du hast auf der Lebkuchen Lane gestanden und dann kam diese Kutsche und fuhr in welche Richtung?«

»Süden.«

»Süden? Wirklich? Dann müssen sie vorhaben, den Märchenwald zu verlassen.« Bei allen sieben Geißlein! Wer von diesen hirnverbrannten Antihelden aus den Märchen über unser Leben kann hinter dieser Sache stecken? Und was haben sie mit den vier Prinzen vor?

Der Hipster-Wolf kratzt sich im Nacken. »Sieht so aus. Sie müssen inzwischen die Grenze in Richtung Wonderland oder Neverland überquert haben.«

Da hat der Hirsejournalist sicherlich recht. Im Süden grenzen an den Märchenwald genau zwei Länder. Während sich über die gesamte westliche Grenze unseres Waldes bis zum Süden Wonderland erstreckt, liegt im Südosten ein Meer, hinter dem sich Neverland befindet. Im Osten schmiegt sich das Morgenland an den Märchenwald und im Norden das Meer der fiesen Ungeheuer, von dem sich alle fernhalten. Das Meer fließt irgendwann mit dem südlichen Meer zusammen und umschließt uns alle. Die Prinzenentführer müssen nach Neverland oder Wonderland unterwegs gewesen sein. Schließlich kommt nach der Lebkuchen Lane nicht mehr viel. »Aber was wollen sie mit diesen vier Nichtsnutzen?«, murmle ich mehr zu mir selbst. Nicht, dass ich die Ehemänner meiner Freundinnen nicht mögen würde, aber nun ja: außer gut aussehen können sie praktisch alle absolut nichts. Genau genommen waren sie alle einmal Märchenhelden, aber dann, nach der Hochzeit mit ihren Prinzessinnen, wurden sie alle sehr … sagen wir mal gemütlich. Den ganzen Tag Videospiele, Bier und Chips, tragen wahrscheinlich auch nicht gerade zur Gehirnzellenentwicklung bei. Seit die Prinzessinnen allerdings jede einen oder mehrere Blogs führen, sind sie zu beschäftigt, um sich weiter über ihre Prinzen aufzuregen.

»Vier Prinzen sagst du?« Ever starrt auf einen Punkt am Horizont. »Das ist ungewöhnlich.«

»Warum?«

»Vier ist keine magische Zahl. Nur drei, sieben und dreizehn. Oder hast du schon mal von den vier Geißlein gehört?«

Gewissermaßen muss ich ihm da zustimmen. Und was will jemand mit vier Prinzen anfangen? Und dann noch mit Vieren, deren Fähigkeiten sich auf gelegentliches verwegenes Umherstarren und ein attraktives Lächeln für die Kameras beschränken? Zugegeben: Früher, bevor sie ihr Happy End fanden, war das noch anders. Rose’ Gatte hatte zumindest vor, sich durch die Dornenhecke zu kloppen. Rapunzels Mann hat es in einem Anfall von sportlicher Höchstleistung immerhin geschafft, an ihrem Zopf den Turm emporzuklettern. Snows Gemahl … nun ja. Er kam eben im richtigen Moment zufällig vorbei. Ist zwar irgendwie auch eine Leistung, aber darauf kann man sich nicht jahrelang ausruhen.

Also: Was will irgendjemand mit diesen vier Taugenichtsen? Ein paar wirre Ideen geistern mir durch den Kopf, aber ich schiebe sie alle auf den Horrorfilm-Marathon, den ich neulich mit Rose durchgestanden habe. Natürlich hat nur eine von uns beiden die Enden sämtlicher Filme mitbekommen, ohne dabei einzuschlafen. Unnötig zu erwähnen, wer das war und wer jetzt noch überaus verstört ist deswegen … Wie auf ein Stichwort vibriert mein Handy und legt dann einen nervigen Kitschsoundtrack einer Liebesschnulze nach. Auf dem Display erscheint ein Bild von Rose, auf das sie mit Photoshop eine Comic-Spindel gesetzt hat und darüber einen Comic-Kackhaufen. Ernsthaft? »Hast du meinen Klingelton verstellt?«, frage ich ohne ein einleitendes Hallo.

»Magst du ›Schlaflos in Seattle‹ etwa nicht?«, kommt es vom anderen Ende der Leitung.

»Nein.«

»Kannst ja wieder dein blödes ›Chasing Cars‹ einstellen, wenn es dir nicht passt.« Sie klingt etwas schläfrig. »Hör mal: Ein Hase und ein Igel haben mir gerade geflüstert, dass sie dich mit einem merkwürdigen Typen gesichtet haben. Einem mit Nerdbrille und buschigem Hundeschwanz?«

Diese Tratschtanten! Wenn ich die erwische, pfeife ich nie wieder als Schiedsrichter ihre Wettrennen! Obwohl mich die Tatsache, dass sie Ever einen Hundeschwanz angedichtet haben, überaus amüsiert. Ich mache ein paar Schritte nach links, damit besagter Hundeschwanzbesitzer nicht mithören kann.

»Was ist los bei dir? Und wo steckst du eigentlich? Um fünf wollten wir uns doch treffen, um der nächsten Hexe einen Besuch abzustatten …«

»Ähm, könntet ihr das vielleicht ohne mich erledigen? Ich bin gerade dabei, mit einem Jäger ein paar Spuren zu lesen. Zwar möchte ich noch nicht zu viel versprechen, aber vielleicht haben wir einen Hinweis gefunden. Wahrscheinlich haben Hase und Igel seine komisch gemusterte Hose fälschlicherweise als Hundeschwanz interpretiert. Du kennst die beiden doch. Haben nur Augen für die Ziellinie …« Ich warte auf eine Antwort, hoffe darauf, dass sie den Köder geschluckt hat und meine Ausrede glaubt. Doch vom anderen Ende der Leitung schlägt mir Stille entgegen. »Eingeschlafen«, murmle ich, starre ihr Bild auf dem Display an, und stecke es dann mit einem Druck auf den Auflegen-Button in meine Hosentasche zurück. Frustriert streiche ich mir einmal kurz über meinen Zopf. Im direkten Sonnenlicht schimmert er mehr rotgolden als blond.

»Steck deinen Schwanz in die Hose, Wolf. Wir sind hier nicht allein!«

Er schaut mich ein wenig überrumpelt an, tut dann aber, was ich von ihm verlange, beziehungsweise konzentriert er sich einmal kurz, schließt dabei die Augen und zwei Sekunden später sind sowohl seine Krallen als auch sein Wolfsschwanz verschwunden.

»Besser?« Er lächelt mich so offen und strahlend an, dass ich für einen Moment in seinen dunklen Augen gefangen bin wie in einer Schneekugel, von deren Anblick man sich einfach nicht abwenden kann.

Als mir das bewusst wird, versuche ich mich loszureißen, bekomme es aber nicht so ganz hin, bis es erneut in meiner Hosentasche vibriert und Jimmy Durante den Refrain von ›Time goes by‹ aus ›Schlaflos in Seattle‹ singt.

Genervt angle ich danach und nehme mir fest vor, Rose demnächst im Schlaf zu erwürgen. Genug Gelegenheiten wird es dafür schließlich geben!

»Ja?«

»Mir ist unwohl bei dem Gedanken, dass du mit einem fremden Jäger herumläufst«, fährt Rose fort, so als wären wir nie durch ihren Sekundenschlaf unterbrochen worden. »Hase und Igel sagen, sie hätten diesen Nerdbrillenträger noch nie zuvor gesehen, und das mit dem Hundeschwanz kommt mir immer noch komisch vor. Was, wenn das ein Wolf im Hipster-Pelz ist? Denk an deine Großmutter!«

»Ich denke pausenlos an meine Großmutter«, versichere ich ihr.

»Gut, ich meine, du weißt doch noch nicht mal, wo er herkommt, oder?«

Der Einwand ist nicht ganz unberechtigt. Aus dem Augenwinkel werfe ich Ever einen Blick zu.

Doch bevor ich etwas anmerken kann, fährt sie schon fort: »Ich muss jetzt los und rufe dich von Snow aus noch mal an. Mal sehen, was sie dazu sagt!«

Oh, bitte nicht! Doch da hat sie schon aufgelegt und ich kann nichts mehr tun, als mein Handy böse anzustarren. Zurückrufen will ich nicht. Würde ja doch nichts bringen. Rose ist sturer als ein Pitbull, der im Garten seinen Tennisball nicht herausrücken will. Wahrscheinlich wird sie sich gleich Snows Meinung anhören und sie danach zu ihrer eigenen machen. Ich kann nur hoffen, dass Snow dieses Thema nicht interessiert, ansonsten könnte es sein, dass die Prinzessinnen versuchen, Jagd auf Ever zu machen. Und es wird für sie keine Rolle spielen, ob er mir gerade wichtige Informationen zur Prinzenentführung weitergegeben hat. Sie werden es einfach als Irreführung ansehen. Doch ich glaube ihm. Ever hat diese ehrliche Art an sich, alle Fakten vor einem auszubreiten und dann nach der Meinung seines Gegenübers zu fragen.

»Wer war das?«, holt seine Stimme mich aus meinen Überlegungen zurück ins Hier und Jetzt. Ich wende mich ihm zu, um ihm zu sagen, dass das Rose, besser bekannt als ›Dornröschen‹ war, doch mir bleiben alle Worte im Hals stecken. Er ist so dicht an mich herangetreten, dass ich fast gegen seine Brust pralle. »Ähm …« Auf einmal habe ich alles vergessen, was sich in den letzten Minuten abgespielt hat. »Hase und Igel sind solche miesen …« Ich klappe den Mund wieder zu, als mir bewusst wird, was ich da für einen Unsinn erzähle. Ever mustert mich mit einer Miene, die gleichzeitig verwirrt und besorgt wirkt. Wahrscheinlich nimmt er an, ich hätte einen Sonnenstich … Eigentlich möchte ich etwas hinzufügen, das mich weniger wie eine entlaufene Irre wirken lässt, doch meine Zunge fühlt sich plötzlich wie Schmirgelpapier an. Lässt sich einfach nicht vom Gaumen lösen. Das muss aufhören! Wirklich! So bin ich zu nichts zu gebrauchen! Beinahe wie diese verdammten Prinzen! Wahrscheinlich sind das die Chiasamen-Ausdünstungen aus seinen Poren … Hastig mache ich einen Schritt rückwärts. »Ich muss jetzt los. Die Prinzen aufspüren, bevor ihre Ehefrauen noch den halben Märchenwald umlegen.« Außerdem kann ich mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, hier herumzustehen und nichts zu tun, während die Prinzen womöglich gerade irgendwo in den Ofen geschoben werden.

»Wenn das so ist: Was hältst du davon, wenn ich dich begleite? Das könnte die neue Top-Story für ›Das tapfere Schreiberlein‹ sein. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: ›Wie Rotkäppchen die vier Prinzen rettete‹ – klingt fast wie ein Märchen.«

Ich atme einmal zischend ein, bevor ich mich zu einer Antwort hinreißen lasse. »Ich kenne dich doch gar nicht. Warum sollte ich dich mitnehmen?«

»Weil ich dir helfen kann? Zum Beispiel mit meinem überragenden Geruchssinn.«

Mit gemischten Gefühlen lege ich den Kopf zur Seite. Irgendwie bringt mich der Gedanke, dass er mich auf meiner Prinzen-Rettungsmission begleiten möchte, ganz durcheinander. »Also … ich jage, also, ich meine, ich bin eigentlich lieber allein unterwegs«, versuche ich, ihn auf freundliche Art und Weise abzuwimmeln.

»Wie willst du die Prinzen denn ohne Spürhund aufstöbern?« Mit dem Daumen deutet er auf seine Brust. Der Stolz auf seinen nichtmenschlichen Geruchssinn strahlt ihm aus dem Gesicht.

Eine Weile starren wir uns einfach nur an. Liefern uns ein Blickduell – Rotkäppchen gegen Wolf. Wieder fällt mir auf, dass meine Wolfphobie überwunden zu sein scheint, weswegen mir ein erleichtertes »Yes!« entfährt.

»Super, dann ist es beschlossene Sache«, freut sich Ever.

»Äh«, mache ich. So hatte ich das ganz und gar nicht gemeint! Aber da hat er sich schon umgedreht und meine Ledertasche vom Boden aufgehoben, die ich an den Baumstamm gelehnt hatte. »Du hast nicht zufällig etwas von einem der Prinzen dabei, dessen Geruch ich aufnehmen könnte?«

Ich denke kurz nach, schiebe alle verwirrten Gedanken von mir. »Prinz Philip hat mir seinen iPod Shuffle zum Joggen geschenkt, weil er ihn nicht mehr braucht«, gebe ich dann widerstrebend zu.

»Oh, das ist gut.« Ever hebt einen Mundwinkel.

Ich suche kurz in meiner Tasche, bis ich den iPod herausgefischt habe.

»Sind das da auch seine Kopfhörer oder deine?«

»Die sind noch von Prinz Philip.«

»Ausgezeichnet!« Er schnuppert ein paar Sekunden daran, wobei ich geduldig danebenstehe. Vielleicht sollte ich das Ganze mal von der positiven Seite betrachten. Schließlich habe ich einen sprechenden Spürhund an meiner Seite.

»Ich denke, ich kann jetzt seinen Geruch von deinem isolieren und ihn mir merken«, informiert er mich irgendwann.

Mein Blick fällt auf die Kopfhörer. Eigentlich möchte ich mir gerade wirklich nicht vorstellen, wie er unseren Ohrenschmalz erschnüffelt und unterschieden hat, tue es aber trotzdem. Also verziehe ich nur das Gesicht und sage: »Die ersten guten Nachrichten an diesem Tag!« Dann werfe ich mir meine Tasche über die Schulter. »Komm, Struppi, lass uns ein paar Prinzen aus ihrem Elend befreien. Auf zu den Grenzen im Süden.«

»Nenn mich nicht so«, knurrt er, klopft sich dann aber die letzten Reste Schmutz von der Jeans und folgt mir wie ein braves Hündchen.

Im Gehen fällt der Riss an seiner Jeans kaum auf.

»Immer der Nase nach, würde ich sagen«, setze ich noch einen drauf und kann mir ein fieses Grinsen nicht verkneifen. »Wenn du die Spur aufnehmen kannst, bekommst du auch ein Leckerli von mir.«

Sein Blick verfinstert sich. Aber anscheinend bedeutet ihm die Topstory, die er über die Prinzenentführung für sein Käseblatt gedenkt zu schreiben, so unendlich viel, dass er gewillt ist, dafür meine Sticheleien zu ertragen. Fast bin ich beeindruckt. Diese Willensstärke!

Kapitel 2

Eine gefühlte Ewigkeit später haben wir die Lebkuchen Lane erreicht. So weit entfernt hatte ich sie gar nicht mehr in Erinnerung. Was für ein Gewaltmarsch! Leider ist es so, dass ich mir momentan kein Pferd leisten kann und schon gar nicht zwei für uns beide ausleihen könnte.

»Hier ungefähr war es.« Ever lässt uns anhalten. Wir schauen uns ein wenig um. Und mit umsehen meine ich: Der Hipster-Wolf schnüffelt ungefähr an jedem Stein am Wegesrand. Irgendwann kann ich mich nicht mehr beherrschen. »Weißt du, da hinten steht ein Baum, an dem du dein Bein heben kannst …«

Er wirft mir einen leicht genervten Blick zu, doch bevor er antworten kann, klingelt mein Handy. Verdammt, ich muss unbedingt diesen schnulzigen Klingelton austauschen.

»Ja?«, motze ich deshalb Rose an.

»Hi Red, wo bist du? Ist dieser Nerd noch bei dir?«

Um ihn zu ärgern sage ich: »Ja, der Nerd ist noch bei mir, sucht gerade nach einem Busch zum Pinkeln.«

»Ihhh«, macht Rose, während Ever schnaubt, die Hände in die Hosentaschen steckt und einen Stein über die Lebkuchen Lane kickt.

»Jetzt gib mir mal Red«, beschwert sich eine Stimme im Hintergrund. Es ist Snow. Nach einigem Gerangel scheint sie das Handy in der Hand zu halten. »Hey, sag mal, wie lange wolltest du das vor uns verheimlichen? Laut Hase und Igel hast du einen Hipster-Wolf gefangen?«

Mist, das war doch mein Spitzname für ihn! Und seit wann kann sie so gut kombinieren? Seit Snow diesen Verhöre-und-Töte-Club anführt, wird sie mir langsam suspekt. Und mit diesem Stricknadel-gegen-Messer-Tausch kann ich mich auch noch nicht so recht anfreunden bei ihr.

»Hast du ihn schon verhört?« Sie senkt die Stimme, sicher aus Angst vor seinem Wolfsgehör. Deshalb erwähnt sie auch nicht, dass Verhören bei uns in letzter Zeit in einem Atemzug mit einer anderen Tätigkeit genannt wird, wonach einer der Parteien im Anschluss üblicherweise ein Kopf fehlt.

»Nein«, antworte ich wahrheitsgemäß, entferne mich noch ein paar Schritte mehr von Ever. »Er hilft mir dabei, einer Spur nachzugehen. Außerdem ist er wirklich harmlos …«

»Mensch, Red, wach doch auf! Er ist zur Hälfte Wolf!«

Ist er das? Bisher habe ich ihn nicht darauf angesprochen, wie so was passieren kann. Es erscheint mir nicht richtig. Aber jetzt frage ich mich doch unwillkürlich, ob sein Vater vielleicht ein Wolf war und seine Mutter eine Leseratte oder so.

Schnell wische ich den Gedanken beiseite. Diese pikante Sachlage kann ich später immer noch mit ihm besprechen.

»Das gefällt mir absolut nicht!«, ertönt Snows Stimme vom anderen Ende der Leitung. »Besser, du bringst diesen Halbwolf zu uns zum Verhör. Oder gleich um die Ecke. Was dir lieber ist.«

Na, vor diese Wahl gestellt, fällt mir eine Entscheidung ja ganz leicht! »Wie du weißt, engagiere ich mich stark im Tierschutz …«, versuche ich aus der Nummer wieder herauszukommen, doch Snow unterbricht mich: »DU HAST EINE VERDAMMTE WOLFPHOBIE UND SELBST VORGESCHLAGEN, DASS WIR JEDEN EINZELNEN WOLF ABMURKSEN!«

Ihre Argumentation ist schlüssig, dennoch bemühe ich mich abzuwiegeln: »Ever ist nur ein Halbwolf. Sieht mir auch nicht besonders gefährlich aus.« Ich werfe einen Blick auf Ever, der ein paar Meter von mir entfernt seine Brille putzt und dabei vor sich hin summt. Glücklicherweise scheint er nichts mitbekommen zu haben. »Wirklich harmlos. Als wäre ich mit einem dressierten Frettchen unterwegs …« Ein weiteres Mal schneidet mir Snow, die langsam anfängt, sich in Rage zu schreien, das Wort ab. Wirklich, sie sollte mal wieder ihre Medikamente nehmen. »Und wenn er eins der sieben Geißlein wäre! Ich will ihn hierhaben. Irgendetwas hat er mit der Sache zu tun. Das sagt Spieglein auch!«

Ach Mist, sie hat ihren Spiegel befragt. Ich bin so was von geliefert.

»Ach komm, Spieglein hat doch einen Sprung in der Schüssel«, versuche ich, die Situation zu entschärfen. »Außerdem bin ich ja extra mit ihm unterwegs, um das Rätsel der verschwundenen Prinzen zu lösen.« Eigentlich will ich noch hinzufügen, dass das geradezu nach einem Märchen schreit, das über uns geschrieben werden sollte. ›Die tollkühne Red und das Rätsel um die verschwundenen Prinzen‹ oder so, und dass der Hipster-Wolf ebendies vorhat, doch mal wieder lässt sie mich nicht ausreden: »Bring ihn mir! Heute Abend!«

»Ach Mensch, Snow, was, wenn er helfen kann, deinen Ehemann zurückzubringen? Gib uns wenigstens etwas mehr Zeit. Danach kannst du ihn immer noch töten.«

»Ich gebe dir eine Woche! Sieben Tage, dann will ich ihn hierhaben! Lieber tot als lebendig.«

Oho, sie bemüht die magische Zahl! Wenn das Wort Drei oder Sieben in ihrem Sprachgebrauch fällt, ist es immer ernst. Mit der Dreizehn hat sie es dagegen nicht so. Wahrscheinlich Aberglaube, oder sie bevorzugt die Sieben wegen ihren kleinen Freunden, den Zwergen …

»Das ist mein Ernst, Red. Bring ihn mir oder wir kommen euch holen. Spieglein wird wissen, wo ihr steckt.«

Dieses schwachsinnige, selbstverliebte Stück verspiegeltes Silber!

Spieglein soll sich um seinen eigenen Scheiß kümmern, möchte ich sagen, aber aus irgendeinem Grund schweige ich. So oder so, sie wird ihn am Ende umbringen, wird mir klar.

Snow ist praktisch nicht mehr aufzuhalten. »Keine Ausreden. Das ist mein letztes Wort!« Danach wird mein Bildschirm schwarz, abgesehen von ein paar bunten Funktionsbuttons. Immer wieder eine Freude mit Snow zu telefonieren …

»War das wieder eine deiner Freundinnen?« Ever ist unbemerkt von hinten an mich herangetreten.

»Ja, das war Snow … Sie hat uns für nächste Woche zum Tee eingeladen«, bringe ich hervor.

Natürlich hat Ever keinen blassen Schimmer, wobei es bei dieser Einladung wirklich geht, also setze ich nur ein verbindliches Lächeln auf, während er sich freut. Tatsächlich fährt er sich durch die Haare und strahlt mich wie ein kleiner Junge an. »Das ist unheimlich nett von deinen Freunden.« Wie gut es das Wort ›unheimlich‹ trifft, ahnt er selbstverständlich nicht.

Ich kralle meine Fingernägel in die Handballen, um nicht laut aufzustöhnen.

Dann begibt er sich wieder zu seinen Steinen und dreht jeden von ihnen sorgfältig in der Hand hin und her, nachdem er an ihnen gerochen hat.

Ich gebe vor, nach Spuren von Kutschenrädern zu suchen, aber eigentlich starre ich die ganze Zeit über nur auf seinen Rücken.

Eine Woche! Mir bleibt nur noch eine Woche, bevor sie den Hipster-Wolf umlegen und befragen wollen. Und dabei haben sie sich sicher noch nicht auf eine genaue Reihenfolge festgelegt. Ich starre auf seine schmalen Schultern. Von hinten wirkt er wie ein niedlicher Student in seinem karierten Hemd. Absolut nicht gefährlich. Außerdem könnte er uns helfen!

»Ich glaube, ich habe eine Fährte gefunden«, verkündet er jetzt. Mit einem Stein in der Hand dreht er sich zu mir um.

Ich sehe nur einen Stein, warte aber gespannt. Besser, er beeilt sich. Schließlich habe ich nur noch eine Woche Zeit, bevor …

»Gut, dass es nicht geregnet hat. Hier an diesem Stein klebt der frische Geruch eines Kutschenrads, Holz und Metall. Mit etwas Glück ist das der ganz spezielle Geruch der Kutsche mit seinen Insassen.«

Das klingt mir alles etwas zu verrückt, um wahr zu sein. Trotzdem nicke ich.

»Jedenfalls … wenn ich es schaffe, mich auf diesen einzigartigen Geruch zu konzentrieren, kann ich erschnüffeln, wo sie langgefahren und abgebogen sind.«

»Okay, du Spürhund, dann mal los. Du gehst vor. Wir haben ein paar Prinzen zu retten!«

Das ist ihm natürlich klar. Nach meinem schlechten Scherz sieht man die Muskeln in seinem Gesicht zucken. Offenbar schwankt er zwischen »mir eine Erwiderung an den Kopf werfen« und »meinem Vorschlag folgen«. Am Ende entscheidet er sich dafür, einfach vorzugehen. Ganz der eingeschnappte Wolf auf zwei Beinen.

Doch wir kommen nicht weit. Schon bald sehe ich den Hipster-Wolf an der nächsten Kreuzung hin und her wanken. Er macht einen Schritt nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links und dann zwei Schritte zurück, bevor er sich im Kreis dreht.

Ich verschränke die Arme vor der Brust.

»Ähm«, machte er irgendwann, nachdem ihm mein Fußgetappe sichtlich auf die Nerven gegangen ist. »Leider doch nicht so einfach wie gedacht.« Seine Schultern heben sich, dann fährt er sich mit dem Handrücken über die Stirn.

Eine Weile sehe ich ihm dabei zu, wie er in jede Richtung schnüffelt. Aus Langeweile mache ich ein paar Fotos von mehreren bunten Laubfröschen und einem Zaunkönig mit seinen frisch geschlüpften Küken, die ich in einem Baum entdecke. Immer wieder werfe ich Ever Blicke zu, doch es scheint nicht so, als wüsste er, welchen Weg die Kutsche genommen hat. Theoretisch könnten es alle Richtungen sein, doch am Ende würden zwei von ihnen zumindest über Umwege nach Süden führen. Womit die Entführer mitsamt den Prinzen wohl in Richtung Wonderland unterwegs sein müssten. Oder Neverland. Aber falls sie den östlichen Weg eingeschlagen haben, sollten sie inzwischen im Morgenland angekommen sein.

Als ich meine Fotos auf Instagram hochlade, sehe ich in meiner Timeline ein Foto von Hase und Igel auf der Ziellinie, das Igel gepostet hat. Er liegt eine Nasenspitzenlänge vorn. Seit diesem Personaltraining und der neuen Protein-Diät ist er furchtbar flink geworden. Ich rümpfe die Nase und like das Bild bewusst nicht. Diese idiotischen Tratschtanten haben mir die Sache mit Snow erst eingebrockt! Ich scrolle weiter und sehe einen Beitrag von Spieglein, dann ein neues Backrezept von Gretel. Aus einer Laune heraus tippe ich »das tapfere Schreiberlein« ein und tatsächlich: das Chia-Samen-Blättchen hat eine Instagramseite! Nachdem ich mich vergewissert habe, dass Ever noch abgelenkt ist, scrolle ich über die Beiträge, die alle eine Art unfreiwillige Komik ausstrahlen. Überall ernste Hipster mit ihren »I don’t care«-Profilbildern und Beiträge über Kornsamen, Vintagefahrräder oder Strickmützen. Es ist zum Totlachen.

Doch dann wird mein Bildschirm schwarz und Snows Gesicht erscheint darauf. Ein Anruf.

Ich gehe ran. »Hi, was gibt’s?«

»Du bist ja ganz in unserer Nähe!« Snows Stimme klingt für meinen Geschmack eine Spur zu selbstzufrieden. »Steht so auf Instagram.«

Ach. Verdammter Mist. Hätte ich doch die Ortungsdienste bei meinem Handy ausgeschaltet! Natürlich hat dieses blöde Instagram beim Hochladen der Tierbilder sofort meinen Standort gepetzt.

»Wir sind auf dem Weg zur Hexe des Südens und könnten deine Hilfe gebrauchen. Hast du den Werwolf schon ausgeschaltet?«

»Nein … äh … der …« Ich senke die Stimme, damit Ever mich nicht hören kann. »Den habe ich verloren … gewissermaßen.« Während ich ein paar Schritte zur Seite gehe, reibe ich mir mit der Hand über den Nasenrücken. »Vielleicht besser so. Er … schien Flöhe zu haben.« Auf die Schnelle fällt mir einfach keine kreativere Ausrede ein. Ich kann nur hoffen, dass Snow mich damit durchkommen lässt.

»Uhhh«, kommt es von ihr am anderen Ende der Leitung. »Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Na ja, bis Ende der Woche schnappen wir ihn uns schon wieder, nicht wahr?«

»Mit etwas Glück und jeder Menge Anti-Flohspray«, versuche ich einen halbherzigen Scherz. Okay, ruhig bleiben. Strategie überlegen. Einen unschuldigen Eindruck erwecken. Nun, eventuell nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.

»Deine Einstellung gefällt mir. Hör mal, ich muss Rose einen Eimer Wasser über den Kopf kippen und brauche dabei beide Hände. Wenn sie dauernd einnickt, ist sie einfach nicht zu gebrauchen.« Sie stöhnt. »Triff uns in einer halben Stunde an der Ecke Lebkuchen Lane und Candy Street.« Dann ist sie plötzlich weg. Aufgelegt.

Ich drehe mich um und schaue direkt in Evers Augen. »Na?«, fragt er. »Du bist ja immer ziemlich beschäftigt mit deinem Handy.«

Mein Magen zieht sich unter seinem Blick zusammen.

»Na ja, ich habe einen Blog …«, beginne ich mich zu rechtfertigen, bis mir einfällt, dass ich eben telefoniert und nicht gebloggt habe. Warum verwirrt mich dieser Hipster eigentlich die ganze Zeit? »Das war meine Freundin Snow. Da kann ich wirklich nichts dafür, wenn sie mich die ganze Zeit nervt.«

»Aha. Richte ihr beim nächsten Mal einfach Grüße von mir aus. Ich freue mich schon auf die Teeparty bei ihr im Schloss.«

Hmpf. Ich presse die Lippen aufeinander. »Werde ich.«

Eine Weile sagt niemand von uns ein Wort. Ever sieht mich an, als warte er darauf, dass ich etwas hinzufüge, neigt sogar abwartend den Kopf. Fast bin ich versucht, ihn wie einen Hund am Kinn zu kraulen, so niedlich sieht er aus mit seinem Dreitagebart. Nein, niedlich ist nicht das richtige Wort. Anziehend trifft es besser. Allerdings muss ich mich wirklich zur Ordnung rufen. Das hier ist nicht der richtige Moment, auch wenn meine Wolfphobie abgeheilt zu sein scheint. Everton ist ein Wolf, steht zudem ganz oben auf der Verhöre-und-Töte-Liste, und ich soll ihn in einer Woche an Snow ausliefern. Ihr dämlicher Spiegel »Spieglein« wird uns so oder so finden, egal was ich tue. Evers Tage sind gezählt. Ich schlucke. Snow aufzuhalten wird schwierig bis unmöglich werden, das weiß ich aus früherer Erfahrung mit ihr. Vor circa einem halben Jahr wollte sie unbedingt eine Tanne in ihrem Garten fällen, ich aber nicht … Das Ende vom Lied war, dass sie mit einer Stange Dynamit den halben Schlossgarten in die Luft gesprengt hat. Glücklicherweise konnte ich mich noch schnell genug in Sicherheit bringen und hatte mich nicht allzu fest an den betreffenden Baum gekettet.

Schweren Herzens reiße ich mich von seinem Anblick los. »Was ist jetzt mit der Spur?«

»Verloren.«

Ich kann seinen Blick auf mir spüren, betrachte aber demonstrativ meine Schuhspitzen. »Aha.« Finde ich jetzt irgendwie nicht so gut. Wie sollen wir, so völlig ohne Spur, rechtzeitig die Prinzen retten und damit Snows Verhöre-und-Töte-Plan stoppen?

»Und jetzt?«, hake ich daher nach.

»Wir sollten den Weg nach Süden nehmen«, schlägt er vor. »Die Chancen stehen gut, dass sie in Richtung Süden gefahren sind. Vielleicht kann ich unterwegs eine Fährte aufnehmen.«

»Was, wenn wir falsch liegen?« Ich schiele in Richtung der Weggabelung, genau auf den Weg, der nach Osten zeigt.

»Irgendwo müssen wir mit der Recherche anfangen.« Der Chiasamen-Journalist rückt sich die Brille gerade.

Da gebe ich ihm in diesem Fall recht, andererseits muss ich jetzt zuerst Snow treffen. Also sage ich: »Gut, was hältst du davon: Du nimmst den Weg nach Süden. Ich muss noch etwas erledigen. Wir tauschen Nummern und du informierst mich, wenn du eine konkrete Spur gefunden hast. Wenn nicht, treffen wir uns heute am späten Abend wieder genau hier.«

Zuerst sieht er eine Spur enttäuscht aus. Doch dann hellen sich seine Gesichtszüge auf. »Bringst du ein Zelt mit? Dann können wir im Wald übernachten.«

Aha. Offensichtlich gefällt ihm die Idee. Wahrscheinlich möchte er auch noch Chiasamen am Lagerfeuer rösten. Kurz rümpfe ich die Nase. »Wenn du das für hilfreich hältst …«

Er nickt. »Halte ich.«

Ich strecke ihm mein Smartphone entgegen und er gibt seine Nummer ein.

Eigentlich fast überflüssig, denke ich. Spieglein wird mir sowieso sagen können, wo er sich herumtreibt. Da Ever aber keinen schnippischen Spiegel mit Hang zu melodramatischen Ausblicken in ferne Orte des Märchenwaldes besitzt oder Zugang dazu hat, gebe ich ihm ebenfalls meine Nummer. Außerdem hat Spieglein erst kürzlich beschlossen, mir das Leben schwer zu machen, nach einem gewissen Vorfall … Vermutlich würde mir der Scherzkeks sagen, Ever befände sich in der Wüste von Morgenland oder der verschneiten Spitze von Neverland.

Ich betrachte sein Handy. Natürlich hat Ever dieses neue Hope-Phone. Alternativ und reduziert. Alles andere wäre ihm sicher zu angesagt und sobald das Hope-Phone den Status »cool« erreicht, wird der Hipster in ihm es sicher wegwerfen.

»Kann man damit auch Schrot und Korn mahlen?«, frage ich daher spitz, als er es mir zur Nummerneingabe reicht.

»Nein. Nur telefonieren. Das reicht mir.«

War ja klar.

Eigentlich will ich mich nicht von ihm trennen. Seine Gesellschaft erheitert mich ja schon ungemein, wie ich zugeben muss. Aber Snow wartet nicht gern und ich habe Angst, dass sie wieder Dynamit dabeihat …

»Also …« Ich schaue nach unten auf meine Schuhe. »Viel Glück bei der Suche. Wir sehen uns ja dann.«

Er lächelt mich an, wobei er heftiger als nötig blinzelt. Dann kratzt er sich im Nacken. Kann es sein, dass der Hipster-Wolf gerade eine Spur verlegen einen Mundwinkel hebt? »Kein letzter Hipster-Witz mehr?«, will er wissen.

Ich seufze, setze dann aber an: »Also wenn du darauf bestehst, ich hätte da noch einen …«

»Nein, schon gut«, unterbricht er mich, schiebt seine Nerdbrille ein wenig nach oben und starrt auf mich herunter.

Will er mich zum Abschied etwa umarmen? Oder wartet er darauf, dass ich ihn umarme? Das ist mir jetzt irgendwie unangenehm. Also die Situation an sich. Ich meine, ich kenne ihn ja kaum. Irgendwie hätte ich nichts gegen eine Umarmung, aber am Ende sehen uns wieder Hase und Igel oder irgendwelche anderen Petzen … Bei meinem Glück scannt in diesem Moment sicher Google Earth mit einem Satelliten die Wegkreuzung, an der wir stehen …

»Also dann …« Ich halte ihm meine Hand hin. Genauso überrascht wie er schaue ich nach unten auf meinen Arm. Tue ich das gerade wirklich? Tatsächlich reiche ich Ever meine Hand zum Abschied! Jedenfalls kann ich jetzt nicht mehr zurückrudern.

Zögerlich ergreift er sie. »Dann bis später, Red.«

»Bis dann, Everton«, sage ich, wobei ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass mir jemand für diese dämliche Aktion mit meiner Tasche heftig eins überbrät.

Kapitel 3

Da bist du ja.« Snows Begrüßung fällt wie immer überaus herzlich aus. Meine Freundinnen sitzen an der Ecke zur Candy Street auf einer Bank, die so aussieht, als bestünde sie aus lauter rot-weiß gestreiften Zuckerstangen. Rose hat den Kopf zwischen die Knie gelegt, während Rapunzel ein Foto von Cinder mit deren Smartphone schießt. Auf ihrer Handyhülle prangt ein großer, durchsichtiger Schuh, durch den bunte Glitzerpartikel rieseln.

»Freut mich auch, euch zu sehen«, sage ich. Immerhin scheint niemand Dynamit dabeizuhaben. Alle stecken in bonbonfarbenen Kleidchen und haben sich zierliche Taschen über die Schulter geworfen.

Ein paar Meter entfernt steht Cinders hellblaue Kürbiskutsche mit den goldenen Verzierungen.

»Du solltest dir wirklich mal ein Pferd zulegen, Red. Dann hätten wir nicht so lange auf dich warten müssen.«

Wenn ich das Geld und einen Stall dafür hätte … Außerdem wohne ich alleine und wer soll sich um ein Tier kümmern, das auf einen Menschen angewiesen ist, wenn ich nicht da bin?

»Ihr hättet mich auch abholen können«, erwidere ich etwas eingeschnappt.

»Oh, hi Red.« Cinder schnappt sich ihr Smartphone und steckt es dann auf ihren Selfiestick. »Dann kann es ja losgehen.«

»Sag jetzt bitte nicht, dass du das Verhör von dieser Hexe mit deinem Handy aufzeichnen willst …« Ich stemme beide Beine fest in den Boden und warte ihre Antwort ab.

Snow steht auf und macht dabei eine abwinkende Handbewegung. »Lass sie nur. Sie zeichnet eine Art ›Blair Witch Projekt‹ mit ihrem Handy auf. Wird aber erst später veröffentlicht, wenn wir fertig sind.«

Rapunzel erhebt sich ebenfalls und klopft ihr lila Minikleid glatt, das ich in Anbetracht unseres Vorhabens für nicht sonderlich angemessen halte. »Der Selfiestick hat uns heute Vormittag schon gute Dienste erwiesen. Cinder hat ihn einer bösen Fee über den Schädel gezogen … Sie wusste übrigens nicht, wo sich die Prinzen aufhalten.«

Hat sicher auch keine Chance bekommen, irgendetwas dazu zu sagen, denke ich. Irgendwann wird sich diese »Erst töten dann Fragen stellen«-Methode noch rächen.

»Damit haben wir schon eine Fee und einen Wolf abgehakt«, nickt Rose. Ihre Augen strahlen mich an. Ach ja, der böse Wolf von gestern. Trotzdem sind wir noch keinen Schritt weitergekommen.

»Ihr vertrödelt unsere Zeit«, informiert uns Snow. »Gleich geht die Sonne unter und wir haben die Hexe des Südens immer noch nicht aufgespürt.«

»Gut, dann Zauberstäbe … äh, ich meine Selfiesticks raus!«, fordere ich meine Freundinnen auf. Zu meinem Missfallen entgeht allen mein gehässiger Unterton. Jedenfalls nimmt niemand weiter Notiz von mir.

Wir machen uns also auf, tief in den südlichen Teil des Märchenwalds, wozu wir die sicheren Wege verlassen. Die Hexe des Südens, über deren Schicksal ein Märchen namens ›die sechs Schwäne‹ geschrieben wurde, wohnt in einer Felsenhöhle an einem See. Im Gegensatz zu den Inhalten der Märchenbücher, die von den Gebrüdern Grimm gesammelt wurden, leben die meisten Antihelden aus den Märchen noch. Allerdings haben sie eine Strafe auferlegt bekommen, die fast immer dieselbe und äußerst lästig ist. Der Albtraum einer jeden Hexe sozusagen. Aus fast zuverlässiger Quelle (Hase und Igel) weiß ich, dass es der Hexe des Südens nicht anders ergangen ist - auch sie hat das typische Urteil für straffällige Hexen durch die Jäger ereilt. Elektronische Fußfesseln können sich für die Trägerin so viel grässlicher als glühende Kohlen und tanzende Schuhe zusammen anfühlen. Zumindest, wenn sie wie vorgeschrieben mit einem Blockierzauber versehen sind, was die Hexe zusätzlich einschränkt. Somit kann sie sich weder weiter als drei Meter von ihrem Haus entfernen, ohne per Elektroschock gegrillt zu werden, noch richtig zaubern. Nun ja, man sagt, ein paar Haushaltszauber haben sie dennoch drauf. Deshalb sollten wir sie nicht unterschätzen … Wer weiß, wie viel Zeit die Hexe des Südens hatte, sich Rachepläne für die übrigen Bewohner des Märchenwalds auszudenken.

Bösen Feen dagegen werden meistens die Flügel abgeschnitten und man verdonnert sie zum Müllsammeln am Straßenrand. Die böse Fee, die Rose’ hundertjährigen Schlaf verursacht hat, steht ganz oben auf der Verhöre-und-Töte Liste. Nur haben die Prinzessinnen beschlossen, zuerst einmal ein paar ihnen unbekannte Verdächtige zu verhören, um eine Art Routine zu entwickeln. Anscheinend haben alle Angst, im Angesicht ihrer persönlichen Antihelden in Ohnmacht zu fallen oder zumindest einfach nur wie gelähmt dazustehen. Rapunzel kann noch nicht mal den Namen der Hexe aussprechen, die sich sechzehn Jahre lang als ihre Mutter ausgegeben hat. Also üben sie bisher noch an zufällig ausgewählten Hexen, Feen, bösen Stiefmüttern und Wölfen. Random Kill sozusagen. Fast wie dieses neue Videospiel ihrer Ehemänner. Nur in echt.

Rapunzel wird langsam immer mutiger, bemerke ich. Mit gezückter Metall-Nagelfeile läuft sie gleichauf mit Snow vor uns anderen her. Unser Killerkommando bewegt sich also in geschlossener Formation in Richtung des Sees im Süden, der sich gar nicht so weit vom Meer entfernt erstreckt. Schweigend trippelt Cinder neben mir über den unbefestigten Waldweg, macht nur etwa alle hundert Meter ein Selfie mit dieser entsetzlichen Selfiestange, was für ihre Verhältnisse äußerst selten ist. Zumindest, seit sie dieses meiner Meinung nach total überflüssige Snapchat installiert hat. Dieses Snapchat-Storyposting nervt. Ich meine, wer will schon sehen, wie Cinder morgens ihre Socken anzieht, frühstückt, ein paar Hexen und Feen verhaut,

Abendessen isst und schließlich mit ihren Lockenwicklern im Haar einschläft? Genau, kein normal denkender Mensch, der den intellektuellen Erwartungshorizont unserer Gesellschaft einigermaßen erreicht.

»Hör auf, mir den Selfiestick dauernd ins Gesicht zu hauen«, beschwere ich mich. Immer, wenn Cinder ihren Arm nach rechts streckt, um ein Foto zu machen und danach den Selfiestick wieder zurückschwingt, rauscht er nur knapp an meinem Kopf vorbei. »Verdammtes Deppenzepter«, grummle ich, nachdem sie mich einfach ignoriert.

Sie schnaubt. Offensichtlich hat sie zumindest das mitbekommen.

Irgendwann, als ich schon kurz davor bin, Cinder wegen ihres Dauergeplappers über Maniküre zu erwürgen – noch mehr Ratschläge in Bezug auf meine Fingernägel kann ich an diesem Tag einfach nicht mehr ertragen –, kommt der verdammte See endlich in Sicht. Ihr Glück …

»Da!«, flüstert Snow, hält uns andere dann mit einer Handbewegung zurück. Natürlich haben wir alle die Hütte, die direkt in den Felsen gebaut ist, längst gesehen. Zwar steigt kein Rauch aus dem Schornstein auf, aber die Vorhänge und die gepflegten Gemüsebeete verraten, dass hier sehr wohl ein oder mehrere Personen wohnen.

Cinder schiebt sich ein paar Strähnen ihrer Hochsteckfrisur hinter die Ohren. Der Selfiestick in ihrer Hand zittert ein wenig.

»Erbsen«, sagt sie nur.

Oh. Cinder hat recht, überall wachsen Erbsen an Dutzenden von Sträuchern. Ungefähr zeitgleich mit meinem Wolf-Trauma trat bei Cinder ein ausgewachsenes Erbsen-Trauma auf. Wegen der Sache mit ›die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen‹.

Rapunzel klopft Cinder aufmunternd auf den Rücken. »Sind doch nur Erbsen.«

Rose nickt bestätigend, lehnt sich dann gegen einen Baumstamm. Sie sieht sehr erschöpft aus, dabei sind wir gar nicht mal besonders lange unterwegs.

»Nur Erbsen?« Auf einmal hört sich Cinders Stimme irgendwie heiser an. »Nur Erbsen? Das sind Erbsen! Überall Erbsen!«

Ach verdammt, auch das noch!

»Beruhige dich«, herrscht Snow sie an. Zwischen ihren Augen zeigt sich eine Falte, wahrscheinlich gerät sie genau wie ich zunehmend in Versuchung, Cinder mit ihrem Deppenzepter zu schlagen.

Sie zieht die sich sträubende Cinder einfach weiter. »Leise jetzt. Besser, wir überraschen die Hexe.«