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Rotwein oder Weißwein ist eine Sammlung kunterbunter Geschichten über Menschen, den Irrwitz im Leben und das große Theater im Alltag.
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2021
N.S.H. Spieker
Rotwein oder Weißwein
Kurzgeschichten
© 2021 N.S.H. Spieker
Verlag und Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-39696-8
Hardcover:
978-3-347-39697-5
e-Book:
978-3-347-39698-2
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N. S. H. Spieker
Rotwein oder Weißwein
Kurzgeschichten
Die folgenden Kurzgeschichten, kurzen Geschichten und Erzählungen sind rein fiktiv. Alle aufgeführten Personen sind künstliche Figuren und allein der Fantasie der Autorin entsprungen. Jede Ähnlichkeit oder Übereinstimmung mit lebenden Personen ist rein zufälliger Natur und wurde von der Autorin nicht beabsichtigt.
N. S. H. Spieker
Duschen
Mein Vater ist schon sehr betagt und kann nicht mehr alleine duschen. Und weil er in seinem Haus alleine lebt, braucht er nun Hilfe. Nach langem Zögern und Gesprächen mit Mitarbeitern eines mobilen Pflegedienstes hat er sich dann schließlich für eins ihrer Angebote entschieden. Einmal in der Woche wird jemand kommen, um ihm in Zukunft beim Duschen zu helfen. Am letzten Montag war es zum ersten Mal soweit. Es klingelte zur verabredeten Zeit an seiner Haustür und er ging, ein klein bisschen nervös, hin und öffnete. Zu seiner großen Überraschung stand aber nicht wie erwartet eine Pflegefachkraft vor der Tür, sondern es standen gleich zwei davor. Zwei noch recht junge Damen, die gerade über etwas schrecklich kichern mussten. Es musste etwas sehr Lustiges gewesen sein, denn sie konnten gar nicht mehr damit aufhören, zu kichern. Mein Vater stand also diesen jungen, kichernden Frauen an seiner Haustür gegenüber und schaute beide einige Minuten schweigend aus seinen dunkelgrauen Augen an. Dann schloss er ohne ein Wort zu sagen seine Haustür wieder und ging langsam zurück in sein Wohnzimmer. Er setzte sich auf das Sofa und überhörte in stoischer Gelassenheit das erneute Klingeln an seiner Haustür. Auch das Klingeln seines Telefons überhörte er. Als am Nachmittag seine nette Nachbarin bei ihm vorbeischaute, fragte diese ihn, wie denn sein erster Duschtermin verlaufen sei. Da er sie gern mochte, lächelte er sie freundlich an und antwortete: „Er ist sehr gut verlaufen, meine Liebe. Die Damen vom Pflegedienst hatten sehr viel Spaß und mussten praktisch gar nichts tun.“
Im Zug
Ich sitze auf einem Platz im ICE. Er sitzt in der Reihe vor mir und er schmatzt. Er lutscht ein Bonbon. Genüsslich schmatzt er laut darauf herum. Er schmatzt und lutscht und saugt an diesem Bonbon und genießt wohl den süßen Geschmack des Konfekts. Endlich, nach endlos langen Minuten schluckt er deutlich hörbar den Rest des Bonbons herunter und leckt sich anschließend schmatzend die Finger sauber. Dabei kann er ein wohliges Grunzen nicht unterdrücken. Dann fasst er in seinen Rucksack. Ich kann es deutlich durch die Lücke der beiden Sitze vor mir sehen, es knistert und raschelt und dann zieht er ein weiters Schokoladenbonbon aus der mitgebrachten Verpackung. Er schiebt es in seinen Mund und fängt wieder an, an dem Bonbon zu saugen und zu lutschen. Ich frage mich, unter meiner Corona-Schutzmaske schwitzend, wie lange ich diese laut vernehmbaren Schmatz-, Lutsch- und Sauggeräusche noch werde ertragen können. Ich schaue aus dem Zugfenster und versuche mich abzulenken, versuche, mich an der wunderschönen Rheinstrecke zu erfreuen. Doch die Schiffe, die Burgen, der Rhein und die Reben vermögen nicht mich abzulenken. Ich höre sein Schmatzen und sein wohliges Grunzen. Nun fängt er auch noch an zu stöhnen vor Genuss. Was mag nur in diesem Schokoladenkonfekt drin sein, grüble ich vor mich hin. Ich versuche mich auf meinen Roman zu konzentrieren. Es ist nichts zu machen, ich höre ihn. Als er ein weiteres Mal in seinen Rucksack greift, stehe ich entschlossen auf und wechsle den Sitzplatz. Nun liegen etliche Sitzreihen zwischen uns, aber ich kann ihn noch sehen. Ich kann sehen, wie er schon wieder in seinen Rucksack greift und obwohl es fast nicht möglich ist, meine ich auch das Schmatzen und Saugen und Grunzen in meinen Ohren zu hören.
Das Kaffeemenü
Win und ich saßen in unserem Ferienappartement in Westungarn und ich hatte ihm eine Frage gestellt. Da er mich nicht zu hören schien, denn er antwortete mir nicht, stellte ich die Frage noch einmal. Diesmal lauter. Unwillig antwortete Win: „Die Kaffeemaschine schreit mich an, ich kann dich nicht verstehen.“ Erstaunt schaute ich in die Ecke der kleinen Einbauküche hinüber und hörte die Kaffeemaschine beim Durchlaufen des Wassers leise und friedlich vor sich hin brummen. Dann fiel mein Blick auf den vor ihm liegenden Kassenbon und schlagartig wurde mir klar, warum Win schon früh am Morgen, denn es war noch sehr früh am Tag, schon so unwillig war, denn mir fiel unser gestriger Besuch in einem kleinen ungarischen Café ein. Wir spazierten also nachmittags in dem kleinen Badeort in der Fußgängerzone umher und hielten Ausschau nach einem kleinen Café mit Außenterrasse, als Win erfreut das mit weißer Kreide auf eine Reklametafel geschriebene, sehr preisgünstige Angebot eines Kaffeemenüs am Eingang eines Straßencafés entdeckte. Und da Win nicht auf süße Kuchen und Cremetorten verzichten kann und will, gingen wir also in das Straßencafé, setzten uns in den Außenbereich und er bestellte das angepriesene Kaffeemenü. Während ich mich nur für eine Tasse Kaffee entschied, konnte ich von seinem Gesicht ablesen, wie sehr er sich schon auf einen dieser furchtbar süßen, und mit grellbunter Lebensmittelfarbe verzierten, kleinen Kuchen freute. Zuerst brachte die freundliche Bedienung nur die beiden Kaffeespezialitäten und stellte sie vor uns auf den kleinen Caféhaustisch. Dann verschwand sie wieder im Inneren des Gebäudes und kam kurz darauf mit einem kleinen Kuchenteller in der Hand zurück und stellte diesen dann vor Win hin. Sie wünschte ihm Guten Appetit und verschwand dann ein weiteres Mal. Da Win sehr gut erzogen ist, ließ er sich keine Reaktion anmerken. Er musterte schweigend den kleinen Kuchenteller und trank dann mit stoischer Ruhe seinen Kaffee. Hin und wieder wanderte sein Blick zu den Menschen in der Fußgängerzone, um dann anschließend wieder zu seinem Kuchenteller zurückzukehren und mit Gleichmut und Gelassenheit das zu betrachten, was da auf dem Kuchenteller lag. Dann schaute er mich an. Ich deutete auf den Teller und sagte: „Nun erklärt sich natürlich auch der sehr günstige Preis.“ Und vielleicht hätte ich den Faktor Geld lieber nicht erwähnen sollen, denn plötzlich veränderte sich Wins Gesichtsausdruck. Angeekelt sah er nun auf den kleinen Kuchenteller und betrachtete die drei kleinen Kekse, die dort aneinandergeschmiegt lagen und darauf warteten, von ihm verspeist zu werden. Selbstredend aß er keinen einzigen dieser Kekse und ließ sie unangerührt auf dem kleinen Kuchenteller liegen. Auf dem Rückweg in unser Ferienappartement deutete ich auf ein anderes Café, das eine große Kuchentheke mit vielen unterschiedlichen Törtchen und Kuchen in wilden Farbvariationen vor dem Eingang stehen hatte und diese zum Kauf anbot, doch Win winkte ab. Er deutete auf den Bon in seiner Brusttasche und sagte: „Habe gerade erst Geld für ein Kaffeemenü bezahlt.“ Und obwohl Win nun wirklich kein Mensch ist, der sich durch eruptiv aus ihm herausbrechende Emotionen auszeichnet, regte ihn dann eben doch das friedliche Brummen der Kaffeemaschine in unserem Appartement an diesem Morgen so auf, dass es ihm wie ein Anschreien seiner Person vorkam.
Die weißen Hemden
Sie tragen alle weiße Hemden. Ausnahmslos. Dazu dunkelgraue Hosen und ein passendes Jackett. Brav lauschen sie beim Stehempfang den Worten ihres Vorgesetzten. Brav sitzen sie später im Restaurant alle um einen großen Tisch herum. Das Essen zieht sich. Gang für Gang wird es aufgetragen und wieder abgeräumt. Es ist heiß in dem kleinen Raum. Stickige Luft wabert durch das Restaurant. Sie fangen an zu schwitzen. Die Männer in ihren weißen Hemden und tadellos gebügelten Anzügen. Vorsichtig schielt einer von ihnen zum Vorgesetzten hinüber. Doch dieser scheint sich pudelwohl zu fühlen. Macht keine Anstalten, das elegante Jackett auszuziehen. Er hält Vorträge. Lange Vorträge über Wachstumsprognosen und Umsatzsteigerungen. Brav lauschen sie den Ausführungen. Die Hemden, Hosen und Jacketts kleben mittlerweile an ihren heißen Körpern. Einige haben schon rote Gesichter und Schweißperlen auf der Stirn. Doch undenkbar das Jackett auszuziehen, wenn der Vorgesetzte es nicht als erster tut. Also schwitzen sie weiter. Dann wird das Dessert aufgetragen. Der Schlussakkord wird eingeläutet. Das Ende naht. Und da rutscht plötzlich ein Hemdträger von seinem Stuhl und bleibt regungslos auf dem Restaurantboden liegen. Der Vorgesetzte hält etwas pikiert in seiner Rede inne, schaut auf den leer gewordenen Stuhl am runden Tisch, dann schaut er schweigend in die Runde. Er trinkt einen Schluck Wasser, steht auf und verlässt den Raum. Als er fünf Minuten später wieder hereinkommt, sitzt der junge Mitarbeiter wieder am Tisch. Er schaut kurz zu ihm hin, dann nimmt auch er auf seinem Stuhl Platz und fährt in seiner Rede fort.
Marktplatz
Ich sitze gerade auf dem Marktplatz beim Bäcker in der Sonne und trinke eine Tasse Kaffee. Dabei beobachte ich die Menschen um mich herum, die auf den Wochenmarkt eilen, um an den vielen bunten Ständen ihre Einkäufe zu tätigen. Ich sehe einen dicken Obstverkäufer, der gerade mit einer Kundin scherzt und eine Mutter, die an einem Käsewagen steht und mit ihrem Kind um die Wette lacht. Hinter dem Gebäude, in dem sich die Stadtbücherei befindet, bleibt mein Blick am Waldrand hängen. Es ist für einen Stadtmenschen wie mich ein wenig befremdlich, dass dieser dichte, dunkle Tannenwald so nah am Rand des Marktplatzes beginnt. Und obwohl ich nun schon viele Jahre in dieser kleinen Stadt lebe, und diesen dunklen Wald tagtäglich vor Augen habe, wundert es mich immer wieder von Neuem, dass vor über vierhundert Jahren ein Herzog auf die Idee kommen konnte, mitten im Schwarzwald eine Stadt zu bauen. Er muss bei einem Spaziergang durch den Wald plötzlich eine Eingebung gehabt haben, denn wie ist es denn wohl sonst zu erklären, dass jemand über Wurzelwerk klettert und beim Anblick vieler hochgewachsener Tannenbäume plötzlich den Wunsch verspürt, inmitten des wild um ihn herum wuchernden Farnkrauts einen riesigen Marktplatz mit Kirche, Stadtschloss und Giebelhäusern errichten zu wollen. Und das Ganze dann auch noch im Mühlebrettmuster. Nun gibt es natürlich viele historische Quellen zu diesem Thema. Darüber, warum es nie zum Bau des Stadtschlosses kam, über die ehrgeizigen Pläne dieses Herzogs, seinen begnadeten Stadtbaumeister und die einzigartige Winkelhakenkirche in der Stadt. Und vor einer Tasse Kaffee sitzend, bei einem Bäcker auf dem Marktplatz, tut er mir nun fast ein wenig Leid, dieser Herzog, der gestorben ist, bevor er seinen ehrgeizigen Plan zu Ende bringen konnte.
Der Rasenmäher
Wir haben einen Rasenmäher. Er ist nicht fabrikneu, aber auch noch nicht uralt. Und er funktioniert. Letzten Samstag wollte Frieder den Rasen mähen. Er ging also in die Garage, holte den Mäher und fing an. Die erste Viertelstunde lang schnurrte der Rasenmäher wie eine Eins. Und während Frieder in unserem Garten hinter dem Mäher her schritt, hatte er auch wieder sein Haus- und Gartenbesitzergesicht aufgelegt. Ich finde das ja albern. Also, wenn er sein normales Gesicht gegen dieses austauscht. Ich habe auch schon versucht, mit ihm darüber zu reden, und obwohl er sonst ein verständiger Mann ist, konnte ich diesen Punkt betreffend leider bei ihm bisher nichts ausrichten. Wenn Frieder unseren Rasen mäht, dann will er eben auch dieses alberne Gesicht dabei machen. Weil er Anerkennung bekommen will. Von den Nachbarn, von vorbeifahrenden Autofahrern und von Menschen, die zufällig auf dem Bürgersteig an unserem Haus vorbeilaufen. Nun, Frieder mähte also den Rasen und plötzlich fing der Mäher an zu schwächeln. Mit leicht gerunzelter Stirn schaltete er den Mäher aus und fing an, nach der Ursache für das Problem zu suchen. Nach einiger Zeit ging er in die Garage und kam mit einem kleinen Ölbehälter in der Hand wieder zurück in den Garten. Er kippte das Öl in die vorgeschriebene Öffnung am Rasenmäher und startete anschließend den Mäher. Der Mäher schwächelte immer noch. Also stoppte Frieder wieder, diesmal schon deutlich missmutiger als beim ersten Mal, denn er wollte schließlich unseren Rasen mähen und nicht die ganze Zeit den Mäher warten, und kippte noch mehr Öl in den Mäher. Danach hörte sich das Gerät beim erneuten Starten schon fast wieder normal an. Der Mäher qualmte nun ein kleines bisschen, weil beim Einfüllen des Öls wohl etwas davon versehentlich neben die Öffnung geschwappt war und sich irgendwo im Mäher verteilt hatte, aber Frieder konnte nun also weiter unseren Rasen mähen und das Qualmen schien ihn auch gar nicht sonderlich zu stören. Auch als es stärker anfing zu qualmen, drehte Frieder stoisch seine Runden durch den Garten. Es war schließlich Samstagnachmittag und die Nachbarn waren alle schon fertig mit ihren Rasenflächen. Erste Fußgänger blieben vor unserem Haus auf dem Bürgersteig stehen und schauten interessiert in unseren Garten. Ich sah einige Autofahrer, die sehr langsam an unserem Grundstück vorbeifuhren. Eingehüllt in dicke, weißblaue Rauchschwaden, die aus dem Rasenmäher quollen und in die Luft emporstiegen, war Frieder kaum noch zu sehen. Vom Garten und von unserem Haus war durch diesen weißblauen Nebel kurz darauf auch nichts mehr zu sehen. Doch Frieder mähte weiter den Rasen. Und dann, weil er plötzlich beim Atmen Probleme bekommen hatte, machte er den Mäher aus. Ich ging vom Wohnzimmerfenster weg zu ihm hinaus in den Garten. Frieder rang nach Luft und machte zwischen den bedrohlich klingenden Atemgeräuschen ein mürrisches Gesicht, weil er einen kurzen Moment lang wohl durch den Nebel gesehen haben musste, wieviel ungemähte Rasenfläche er da noch vor sich hatte. Dann hörten wir die Sirene eines näherkommenden Feuerwehrautos. Wir schauten uns einen Moment lang an. Dann hörten wir eine zweite Sirene, die sich ebenfalls auf unser Haus zuzubewegen schien. Kurz darauf stürmten einige Männer in Uniform in unseren Garten. Sie hielten lange Schläuche in ihren Händen, die sie auf unser Haus richteten und fingen an, Wasser darauf zu spritzen. Frieder schaute sich einige Augenblicke stumm das geschäftige Treiben der Männer an, dann löste er sich aus seiner Erstarrung und ging mit gemessenen Schritten auf den anwesenden Feuerwehrkommandanten zu. Kurz darauf war alles vorbei. Die Männer und ihr Feuerwehrkommandant nahmen die Schläuche und zogen wieder ab. Frieder brachte unseren Mäher zurück in die Garage und ich konnte ganz genau sehen, dass er dabei kein bisschen dieses Gesicht machte.
Die Fabrikarbeiter
Sie kommen aus einem anderen Land. Aus einem armen Land in Süd-Ost-Europa. Nun sollen sie für das neue Werk der großen Firma in der Produktion arbeiten. Das ist eine Chance für sie. Und sie haben bisher noch nicht viele Chancen im Leben gehabt. Zur Einarbeitung müssen sie nach Deutschland kommen. Ins Mutterhaus. Einquartiert im betriebseigenen Hotel kommen sie am ersten Tag nach ihrer Anreise zum Frühstück in das Restaurant. Bescheiden und einfach gekleidet setzten sie sich an die eingedeckten Tische. Ungläubig lassen sie ihre Augen durch das elegante Restaurant schweifen. Über das überquellende Buffet, die schweren Sitzmöbel und die teuren Gemälde an den Wänden. Eine ganze Zeit bleiben sie stumm auf ihren Plätzen sitzen. Dann, zaghaft, stehen die ersten auf und bedienen sich an den ofenwarmen Brötchen und Croissants, dem Obst und dem Quark. Mit dem Genuss der Speisen wächst der Mut und sie fangen an, sich zu unterhalten und miteinander zu lachen. Sie genießen das herrliche Frühstück und bedienen sich wieder und wieder an der Kaffeemaschine, die scheinbar wie von Zauberhand wunderbare Kaffeespezialitäten zubereitet. Und man kann ihnen ansehen, wie sehr sie sich über all dies freuen.
Rotwein oder Weißwein
Ganz selbstverständlich macht sie Urlaub in Hotels der Luxusklasse. Häufig unternimmt sie Fernreisen. Die Frage, ob sie roten oder weißen Wein zum Essen trinken soll, beschäftigt sie. Manchmal stundenlang. Genuss ist für sie von großer Bedeutung. In jeder nur möglichen Form. Sie kann es sich leisten. Sie glaubt, ein Privileg auf Wohlstand und Glück zu besitzen. Ihre Familie hat sie verlassen. Die Kinder sind bei ihrem Mann geblieben. Weil sie frei sein wollte. Frei für ein Leben mit einem neuen Mann. Frei für ein neues Glück. Ein größeres Glück in einem größeren Leben. Umgeben von Luxus und Hausangestellten verschwendet sie keine Zeit mit Gedanken an frühere Zeiten. An diesem Tag hetzt sie von der Massage zur Kosmetikerin und anschließend zur Yogastunde. Danach verschlingt sie vor einer kleinen Bäckerei in der Fußgängerzone schnell noch ein trockenes Körnerbrötchen bevor sie weitereilen muss. Sie kaut auf den Kürbisschnitzen herum und denkt an ihren Friseurtermin. Da sieht sie plötzlich in einiger Entfernung einen Mann mit zwei kleinen Jungen im Kindergartenalter auf sich zukommen. Sie alle essen ein Eis in einer Waffel und lachen gerade herzlich über etwas. Sie geht rückwärts zurück in die Bäckerei, um nicht von ihnen gesehen zu werden. Die drei passieren den Bäckerladen und lachen immer noch fröhlich miteinander. Die Frau, die sich in der Bäckerei versteckt, bemerken sie nicht. Sie wartet noch einen Moment, dann verlässt sie den Laden und geht schnell in die andere Richtung davon. Und während sie so den Weg zu ihrem Friseur einschlägt, kaut sie weiter auf den Kürbisschnitzen herum. Und auf einmal muss sie an den Resten des Brötchens in ihrem Mund herumwürgen, bekommt kaum noch Luft. Ihre Atemwege scheinen blockiert zu sein, wenigstens kommt es ihr so vor. Sie hustet und hustet, glaubt ersticken zu müssen. Dann endlich, nach einer ganzen Weile, kann sie wieder atmen und betritt das Friseurgeschäft. Und auf einmal muss sie an ihre beiden kleinen Kinder denken. Sie hört das fröhliche Kinderlachen in ihrem Ohr, sie hört es so deutlich, dass sie meint, die Kinder stünden ganz in ihrer Nähe. Ganz plötzlich verspürt sie den starken Wunsch, zu ihren Kindern zu gehen und diese in die Arme zu schließen. Es dauert nur einen Moment lang. Dann schaut sie sich selber in dem großen Wandspiegel an und gibt der Friseurin Anweisungen, wie sie ihr die Haare schneiden soll.
Der Nachbar
Er ist mein Nachbar. Nun ist es so, dass ich mich nicht jeden Tag darüber freue, ihn zum Nachbarn zu haben, aber da ich es nicht ändern kann, habe ich mich eben damit abgefunden. Ich könnte natürlich aus dem Mehrfamilienhaus ausziehen, in dem wir beide zusammenwohnen, aber bis jetzt habe ich mich noch nicht dazu entschließen können. Denn das große alte Haus, meine Wohnung und der riesige alte Villengarten sind wunderschön und bis zum Einzug meines Nachbarn habe ich mich eigentlich auch jeden Tag darüber gefreut, dort wohnen zu dürfen. Und am vergangenen Sonntag saß ich also nichts Böses ahnend auf unserer weiß gestrichenen Gartenbank und trank in der Sonne meinen Morgenkaffee. Da stand er plötzlich vor mir. Wie aus dem Nichts aufgetaucht, baute er sich vor mir in seiner ganzen Mannesgröße auf. Und nahm mir dadurch die warme Morgensonne aus dem Gesicht. Rücksichtslos. Aber so ist er eben. Beschwerte sich bei mir. Über unsere Putzfrau, die Stadtwerke, den Zeitungsboten und den Hausmeister. Höflich lauschte ich seinen endlosen Tiraden und überlegte dabei, warum er wohl morgens in aller Frühe schon so unentspannt war. So viele hässliche Wörter gebrauchte. Plötzlich verebbte sein Redefluss und er schaute mich aus hasserfüllten Augen an. Und ich schaute ihn an, schweigend. Dann drehte er sich um und verschwand ohne noch ein weiteres Wort zu sagen. Und ich, ich schaute ihm nach und blinzelte in die Morgensonne.
Das DHL-Paket
Heute früh bat mich mein Mann etwas für ihn zu erledigen, weil er selber keine Zeit hatte. Da er seit Jahren tagein, tagaus ehrenamtlich aktiv ist und nun auch noch einen Lost Place in unserer Nachbarschaft betreut, aus diesem Grund hat er immer sehr viele Termine. Und heute früh also, sollte ich für ihn zu diesem Lost-Place fahren, um eine große Mülltonne, die nach der Leerung durch die städtische Abfuhr noch an der Straße stand, wieder zurück in den Keller dieses Gebäudes zu stellen. Und weil ich heute nicht zur Arbeit musste, hatte ich mich freundlicherweise dazu bereit erklärt. Ich fuhr also hin, holte die Mülltonne von der Straße und schloss sie wieder in den Keller ein. Sorgfältig prüfte ich, ob ich die Tür auch wieder richtig abgeschlossen hatte und wollte gerade in mein Auto steigen, als ein großer DHL-Sprinter vor dem Gebäude hielt. Der Fahrer des Transporters machte mir ein Zeichen und höflich wartete ich also ab, was er mich vielleicht fragen wollte. Er stieg aus seinem Wagen aus, holte ein riesiges Paket aus dem Transporter und kam zu mir herüber. Wegen seiner Corona-Schutzmaske, aber auch wegen seiner fast vollständig fehlenden Deutsch- und Englischkenntnisse wurde es eine sehr anstrengende Unterhaltung. Für uns beide. Aber nach endlosem Hin- und Her hatte ich dann doch verstanden, dass er ein DHL-Paket für mich dalassen wollte. Da ich von meinem Mann wusste, dass hin und wieder Pakete an diese Lost - Place - Adresse kamen und ich den schon verzweifelt wirkenden Mann auch nicht seinem Schicksal überlassen wollte, warf ich noch einmal einen Blick auf den Namen, der auf dem Etikett der Warensendung stand, und da es tatsächlich einen Mann mit dem Vornamen René in diesem Denkmalverein gab, ließ ich mich breitschlagen, das Paket anzunehmen. Die Nachnamen der Vereinsmitglieder kannte ich nicht so gut, aber mein Mann würde schon wissen, für wen es bestimmt sei und dann würde der Empfänger es schon erhalten. Mit dem Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben, versuchte ich, das riesige Paket in meinen Kleinwagen zu packen. Aus den Augenwinkeln nahm ich dabei wahr, dass der DHL - Fahrer schon dabei war, das Gelände zu verlassen. Nun, er hatte ja seinen Auftrag auch erfüllt, warum sollte er also noch dableiben. Nach einer halben Stunde hatte ich es tatsächlich geschafft, das Paket für diesen René war verstaut und ich fuhr nach Hause. Dort angekommen ließ ich die Warensendung erst einmal im Auto und rief meinen Mann an. Der machte sofort seinem Ärger darüber Luft, dass seine Vereinsmitglieder einfach immer wieder Pakete an die Adresse dieses Lost-Place schicken ließen und nicht einfach zu sich nach Hause. Da es mir persönlich egal war, wohin sich die Leute nun ihre Pakete schicken ließen, und ich hatte bis zu diesem Tag auch noch nie etwas für jemanden dort an dieser Adresse angenommen, kürzte ich das Ganze ab und fragte, ob er denn wüsste, wo dieser René wohne, denn dann könnte ich ihm ja gleich das Paket vorbeibringen. Er überlegte kurz und meinte dann, dieser René Essigboom würde in der Nordstadt wohnen und nannte mir die Adresse. Ich schrieb sie auf und legte auf. Da ich ohnehin noch einkaufen fahren wollte, verließ ich unsere Wohnung und stieg wieder in mein kleines Auto. Ich fuhr in die Nordstadt zu der angegebenen Adresse. Ich parkte und als ich gerade anfangen wollte, dieses Monster von einem Paket aus meinem Auto zu zerren, fiel mein Blick auf die Lieferadresse. Aber da stand gar nicht der Name René Essigboom, sondern René Eserhaus. Schlagartig wurde mir klar, dass ich jetzt ein handfestes Problem hatte. Und alles nur, weil ich behilflich sein wollte, dem Fahrer behilflich sein wollte. Und jetzt wurde mir auch klar, warum der so schnell diesen Lost Place wieder verlassen hatte. Nach einigem Überlegen beschloss ich zur Post ins Stadtzentrum zu fahren. Da arbeiteten Fachleute, die würden wissen, was nun zu tun war. Gesagt, getan. Nachdem ich fast eine halbe Stunde im Wartebereich der Post in der Schlange gestanden und schrecklich geschwitzt hatte, war ich endlich an der Reihe. Frohen Mutes und mit der großen Hoffnung im Herzen, dass Paket für diesen René nun wieder loszuwerden, trug ich mein Anliegen vor. Der Beamte hörte mir höflich zu und meinte dann, dass er nichts für mich machen könnte, weil es ja ein DHL - Paket sei und er ein Angestellter der Post. Ich starrte den Mann am Schalter ungläubig an und überlegte, ob er vielleicht witzig sein wollte. Aber auf meine Nachfrage hin wurde klar, dass er überhaupt keinen Spaß verstand und auch keine Witze machte. Sekundenlang schauten wir uns beide daraufhin am Schalter in die Augen, keiner sagte ein Wort. Dann forderte er mich auf, gefälligst für den nächsten Kunden Platz zu machen und mein Paket wieder mitzunehmen. Fassungslos über so ein rüdes Benehmen schleppte ich mein Paket und mich aus der Post hinaus. An meinem Wagen angekommen, stellte ich das Paket ab und fragte mich, warum um alles in der Welt mir der Fahrer des Transporters überhaupt Leid getan hatte. Denn der konnte jetzt gut lachen über mich und so viel Blödheit. Hatte mir einfach ein Paket in die Hand gedrückt, welches gar nicht für diese Lost Place-Adresse bestimmt gewesen war. Verärgert über mich und meine eigene Gutgläubigkeit durchbohrte ich das Paket mit den Augen. Plötzlich blieb ich an einer Nummer auf dem Adress-Etikett hängen. Da stand eine Telefonnummer. Die Nummer des Empfängers. Ich holte mein Handy aus der Jackentasche und tippte die Nummer ein. Kurz darauf meldete sich eine männliche Stimme. Als ich dem Mann erklärte, dass ich im Besitz seines Paketes sei und wie es dazu überhaupt gekommen war, da konnte der sich gar nicht mehr halten vor Begeisterung und brüllte ins Telefon: „Bleiben Sie bitte, wo Sie sind. Ich komme sofort und hole es ab.“ Nun, da ich weder Lust noch die Kraft hatte, das Monsterpaket schon wieder in mein Auto zu packen, löste ich einen neuen Parkschein und wartete, wartete auf den Mann mit dem Vornamen René. Nach einer weiteren halben Stunde des Wartens war ich drauf und dran, das Paket einfach dort auf dem Parkplatz vor der Post stehen zu lassen. Von dem Adressaten war weit und breit keine Spur zu sehen, und wenn sich schon die Postbeamten für nichts mehr verantwortlich fühlten, dann konnte ich doch ebenso gewissenlos handeln. Ich schaute nach rechts und links, ob mich vielleicht gerade zufällig jemand beobachtete, dann, blitzschnell, legte ich das riesige Paket parallel zu meinem Wagen auf den Parkplatz und setzte mich hinter mein Steuer. Als ich gerade die Fahrertür schließen wollte, wurde sie von außen wieder aufgerissen und jemand hielt mir einen riesigen Blumenstrauß unter die Nase. Dann sagte eine keuchende Stimme: „Danke und bitte entschuldigen Sie, dass Sie so lange auf mich warten mussten, aber im Blumengeschäft waren so viele Leute vor mir dran.“ Ich schaute auf den Blumenstrauß und lächelte den Mann an. Sekunden später war dieser René dann mit seinem Paket im Menschengewühl verschwunden und der Blumenstrauß lag neben mir im Wagen auf dem Beifahrersitz. Und nun war ich aber wirklich froh, dass ich noch nicht losgefahren war.
Der Hund
Sie haben einen Hund. Es ist ein trauriger Hund. Ich denke, er ist so traurig, weil er immer eingesperrt ist. Eingesperrt in einen goldenen Käfig. Er lebt in einer Familie mit Kindern. Die Eltern sind reich und wohnen mit den Kindern und dem Hund in einer riesigen, eleganten Altbauwohnung. Der Mann hatte den Hund schon bevor er seine Frau getroffen hat. Der Hund hat ein eigenes Zimmer mit stuckverzierter Decke, Jugendstilfenstern und einem wunderschönen Parkettboden. Aber seine offenstehende Zimmertür ist mit einem Holzgitter versperrt. Der Zutritt zum riesigen Wohnzimmer der Familie bleibt ihm dadurch verwehrt. So kann und darf er nur mit seinen traurigen Hundeaugen durch das Holzgitter auf das lustige Treiben der Kinder schauen. Er sieht sein Herrchen, die Mutter und die Kinder, aber er darf nicht zu ihnen. Sie will es nicht. Will den Hund nicht im Raum neben sich haben. Sie sagt, er stinke, er rieche nicht gut. Weil sein Fell nicht gut rieche, das könne sie nicht ertragen, erklärt sie ihrem Mann und den Kindern. Sie könne ihn nicht riechen. Das sagt sie, aber sie meint nicht, was sie sagt. Sie will den Hund nicht, weil sie sein Herrchen nicht mehr will. Ihn kann und will sie nicht mehr riechen. Ihn möchte sie wegsperren, aussperren aus ihrem Leben. Aber weil sie sich das nicht traut, lässt sie ihre Wut und ihren Hass auf ihren Mann an dem Tier aus. An dem Hund, der nichts für die Verletzungen kann, die der Mann seiner Frau zugefügt hat und weiter zufügen wird.
Die Bücher im Kofferraum
Kürzlich habe ich einen Artikel über eine Dame gelesen, die einen Roman geschrieben und diesen dann auf dem Parkplatz eines Netto - Discounters zum Kauf angeboten hat. Das hat mich beim Lesen beeindruckt. Denn ich habe beim Einkaufen noch nie eine Schriftstellerin getroffen, die zuhause ihre eigenen Bücher in den Kofferraum ihres Autos gepackt hat, zu einem Supermarkt gefahren ist und dann mit weit geöffneter Kofferraumklappe auf einem Parkplatz vor dem Supermarkt neben ihrem Auto stehend ihre Bücher feilbot. Auf dem Foto zum Zeitungsartikel steht die Dame mitten vor dem Eingang des Netto - Marktes in ihrer Stadt, und während um sie herum Menschen mit Einkaufswagen wuseln und in den Supermarkt ein- und wieder austreten, hält sie mit stoischer Ruhe und viel Würde ausstrahlend ein Exemplar ihres Romans in die Höhe. Sie möchte Aufmerksamkeit bekommen und diesem Antrieb, den die Schriftstellerin da auf dem Parkplatz des Einkaufsmarktes entfaltet, dem muss man doch wirklich Anerkennung zollen. Denn es geht in diesem Roman um eine Großmutter, also um die Großmutter der Dame und um die eigene Familiengeschichte. Eine recht traurige Geschichte über Armut und Leid und eine unglückliche Ehe in der Nachkriegszeit. Also nicht gerade das, was beim Lesen unbedingt zur Erheiterung des Gemüts beiträgt, doch das Einkaufen in Discountern macht ja auch nicht immer nur Spaß. Und vielleicht hat die Schriftstellerin auch aus diesem Grund einen Parkplatz vor einem Supermarkt ausgewählt. Nun, diese Enkeltochter hat ihrer eigenen Großmutter ein literarisches Denkmal gesetzt. Ob dieser der Rummel um ihre Person recht gewesen wäre und sie den Markt - Parkplatz nun angemessenen für die Vermarktung ihrer Lebensgeschichte gefunden hätte, bleibt offen. Auf jeden Fall hat die Schriftstellerin erreicht, dass ich gleich morgen in meine Lieblingsbuchhandlung gehen und den Roman bestellen werde. Denn der Antrieb dieser Schriftstellerin, sich stundenlang vor einen Netto - Markt zu stellen und um Aufmerksamkeit und Achtung für die eigene Großmutter zu werben, das hat doch etwas Anrührendes.
Die Kunstsammlerin
Sie sammelt neuerdings Kunstgegenstände. Skulpturen, Bilder, Vasen. Die zufällige Bekanntschaft mit einem Galeristen-Ehepaar musste wohl den Anstoß zu dieser Sammelleidenschaft gegeben haben. Sie geht nun in jeder freien Minute in Ausstellungen und besucht Galerien. Sie informiert sich, unterhält sich mit anderen Kunstinteressierten und atmet dabei diesen ganz speziellen Duft ein, der sie dort in dieser Welt umgibt. Ihrer neuen Welt. Sie blüht auf, fühlt sich anerkannt von den Menschen, die sie dort trifft, schwimmt auf einer Welle mit ihnen. Das verleiht ihr ein bis dahin nie gekanntes Selbstbewusstsein. Und sie kauft ein. Das spricht sich in den Kreisen dieser Leute schnell herum. Die Galeriebesitzer schauen aufmerksam auf sie, wenn sie erscheint. Sie ersteht teure Dinge, sehr teure Kunstgegenstände. Hier eine Skulptur, dort eine Plastik und dann ein Gemälde eines noch unbekannten, jungen Künstlers. Eine hohe Summe bezahlt sie
